Hubert von Goisern
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Die Straßenkinder von Dogodo

BISZ 14. März 1996 (Teil 2) | Text: Hannes Heide

Ein Tiroler Pfadfinderhemd auf dem Markt von Kigoma und Verstärker aus Goisern in Dar es Salaam.
Hubert von Goisern in Afrika, zweiter Teil.

Wie würde er reagieren, wenn der Tiroler Pfadfinder wüsste, was er mit dem Hemd, das er bei der Alttextiliensammlung für arme Leute gespendet hat, in Afrika passiert ist? Besagtes Hemd machte eine Reise bis unter den Äquator und landete schließlich auf dem Markt in Kigoma am Tanganjikasee. Der Weg aller Alttextilien - wenn sie einmal in Tansania landen - ist vorgezeichnet. Da gibt es einen Geschäftsmann indischer Herkunft, der die Kleider, die in Europa für die Entwicklungshilfe gesammelt wurden, aufkauft und sie mit sattem Gewinn auf den Märkten des Landes weiterverkauft.

So kommt es, daß der Afrikareisende einen Landarbeiter trifft, der ein Pfadfinderhemd ausgerechnet mit einem Tiroler Wappen trägt und sich darüber freut, daß Sabine genau da herkommt, wo auch sein Pfadfinderhemd herkommt.

Wenn man dann hört, daß Tansania von Unicef kein Milchpulver mehr geliefert bekommt, weil es genauso an Geschäftsleute verkauft wurde, oder sieht, wie UNO-Limosinen durch heruntergekommende Städte kutschiert werden, kommen Zweifel über den Sinn von Entwicklungshilfe auf. Es gibt aber auch Erlebnisse anderer Art: "Roots and Shoots", jenes Projekt der Verhaltensforscherin Jane Goodall, das in der letzten Ausgabe der BISZ bereits vorgestellt wurde, sucht die Verbindung von Jugendlichen aus Afrika mit Schülern aus den USA, England, Japan und auch Österreich.

Junge Leute können ihren Altersgenossen nicht nur viel geben, sondern erhalten durch die Beschäftigung mit einer Kultur, die so gänzlich anders ist, auch viel zurück. So ist bei "Roots and Shoots" daran gedacht, Jugendliche aus Afrika nach Europa einzuladen, aber auch Jugendlichen aus dem Salzkammergut eine Reise nach Afrika zu ermöglichen.

"Bevor meine alten Verstärker bei mir zuhause herumstehen, schenke ich sie jungen Musikern in Dar es Salaam", ist sich Hubert von Goisern nach dem Besuch des Straßenkinderprojektes Dogodo jetzt sicher, daß Teile seiner Musikanlage dort sinnvoll verwendet werden. Musik als Beschäftigung für junge Burschen, die sonst auf der Straße landen würden: Dogodogo holt Jugendliche von der Straße und versucht sie vor dem Abgleiten in die Kriminalität zu bewahren.

Die Gründung einer Band, der Green Band hilft den Betreuern dabei. Auch wenn die technische Ausrüstung improvisiert ist und der Stromanschluß "irgendwie zusammengebastelt" ist. Ein Keyboard und ein einfacher Verstärker bedeuten einen riesigen Fortschritt in der Arbeit mit den jungen Musikern.

Alle diese Projekte gehen auf Dr. Jane Goodall zurück, die vor 30 Jahren am Gombe Strom - mittlerweile ein Nationalpark - mit der Beobachtung von Schimpansen begonnen hat. Im Zuge ihrer Arbeit bei der Erforschung der Affen ist ihr der Zusammenhang zwischen Natur- und Kulturlandschaft bewusst geworden. Um die Umwelt erhalten zu können, muß zwischen diesen beiden Faktoren Einklang hergestellt werden. Im konkreten Fall heißt das: Der Nationalpark ist nur dann zu erhalten, wenn die Menschen auch außerhalb genügend Brennholz finden können.

Der Raubbau an den Wäldern rund um den Tanganjikasee hat zu Erosion geführt, der Boden hat keinen Halt mehr und die Äcker rutschen von den Hängen ab. Überschwemmungen haben Verwüstungen der Dörfer zur Folge.

Hier setzt ein weiteres Projekt des Jane Goodall Institutes an, das von der Europäischen Gemeinschaft gefördert wird. Ein deutscher Entwicklungshelfer leitet eine Baumschule, wo in Tansania heimische Bäume gepflanzt werden. In den Dörfern der Region wird den Bewohnern anhand von Videoprojektionen aus anderen Gegenden gezeigt, welche Katastrophen die massive Abholzung des Waldes um die Dörfer zur Folge hat.

Um das Bewusstsein der Menschen zu bilden, setzt George bei seinen Präsentationen auch heimische Kultur ein. Ein eigener Chor aus ArbeiterInnen singt Lieder, die denen auf die Gefahren aufmerksam gemacht wird.

Gefahren drohen dem engagierten Team um George freilich auch von anderer Seite - vom anderen Ufer des Sees. Auf dem Tanganjikasee treiben Piraten ihr Unwesen, die es auf die technische Ausrüstung des Projekts abgesehen haben. Sie haben George und seine Leute kürzlich gefangen genommen, gefesselt und auf den See hinausgebracht. Dort haben die Piraten, weil sie französisch sprachen, dürften sie aus Zaire am anderen Ufer des Sees stammen - dann noch einigen Fischern ihre Boote und Außenbordmotoren abgenommen.

Schließlich ließen sie die Gefangenen wieder frei, die händisch ans Ufer paddeln mussten. Die teure Ausrüstung zur Projektion von Videos war freilich weg. Später sollte sie wieder auftauchen. Auf einem Markt in Zaire.

Den Zusammenhang zwischen Natur- und Kulturlandschaft bewusst zu machen - diese Leitlinie in der Arbeit von Jane Goodall betrifft nicht nur die Bevölkerung Schwarzafrikas. Auch in unserer Region sollten sich die Menschen dessen wieder mehr bewusst werden. In diesem Sinne könnte man von den Afrikanern vieles lernen.

Die Aktionen im Rahmen des JGI, dem Jane Goodall Institut, eröffnen Möglichkeiten, einfach aber effizient "etwas zu tun". Oder wie es Hubert von Goisern ausdrückt: "Ich bin nicht Mutter Theresa. Aber das was ich tun kann, das mache ich auch!"

Jane Goodall wird übrigens noch im heutigen Jahr das Salzkammergut besuchen, die Werbetrommel für ihr Projekt rühren und auch die Begegnungen mit jungen Menschen suchen.

Zwei Talente, die sich verweben

OÖN 12. März 1997 | Text: Bernhard Lichtenberger

Hubert von Goisern war bei Schimpansenforscherin Jane Goodall in Afrika

"In erster Linie fühle ich mich nach wie vor als Musiker", sagte Hubert von Goisern, soeben aus dem westafrikanischen Tanzania heimgekehrt, gestern in Salzburg. Vor nicht ganz zweieinhalb Jahren sagte der neue Volksmusikant seinen Alpinkatzen "Pfiat eng". Seither tanzte er auf vielen Hochzeiten. Er komponierte Filmmusik (Die Fernsehsaga, Schlafes Bruder), bereiste das von China besetzte Tibet und schilderte seine Eindrücke davon in einer Land der Berge-Sendung.

Hubert und JaneAuf seinem jüngsten Ausflug wurde der Goiserer, der ganz nach Salzburg übersiedeln wird ("Mit dem Um- und Ausbau bin ich noch nicht ganz fertig"), von einem "Land der Berge"-Team zu Jane Goodall begleitet. Die 62jährige Britin wurde durch ihre jahrzehntelange Verhaltensforschung von freilebenden Schimpansen im Nationalpark von Gombe weltberühmt.

Ehrfurcht vor Schöpfung

Der Alpinrocker im vorübergehenden Ruhestand und Goodall kennen einander seit zweieinhalb Jahren. "Eines Tages stand sie in Goisern vor meiner Tür, und dann haben wir Tee miteinander getrunken", faßt Hubert auf OÖN-Frage die erste Begegnung in wenige Worte. Und dann redet er auch von einer Seelenverwandtschaft von zwei Einzelgängern: "Uns verbindet die Ehrfurcht vor der Schöpfung, der Glaube an das Wunderbare im Leben und das Wissen, daß wir unerschöpfliche geistige und menschliche Ressourcen haben, die wir aber kreativ und behutsam einsetzen sollten."

Der Film mit dem Arbeitstitel The African Queen (Regie: Hans-Peter Stauber; Kamera: Volkmar Voitl, Tone Mathis), eine Koproduktion von ORF und Bayerischem Rundfunk, wird voraussichtlich im Oktober gesendet. Vor dem Zusammenschnitt der in drei Wochen gedrehten 20 Stunden auf die 45 Minuten dauernde 102. Land der Berge-Dokumentation hat Hubert von Goisern "ein wenig Schiß". Seine Vision, die sich nicht erfüllen wird, war ein einstündiges "Musikvideo", das weitgehend ohne Kommentare auskommt. Aufnahmen der Musik dort lebender Menschen wird Hubert für die Komposition der Filmmusik verwenden.

Das Völker- und Kulturgemisch aus Einheimischen und Flüchtlingen aus Zaire und Burundi fand er hochinteressant. "Wenn man sich vorstellt, was sich dort seit Jahren abspielt, dann ist es ein unglaublich friedliches Land. Wenn wir im Salzkammergut, in Ischl, so viele Flüchtlinge hätten, dann wär' das längst explodiert und eskaliert."

Stellt sich bei diesem Projekt der Künstler in den Dienst der Forscherin, oder umgekehrt? Hubert: "Ich möchte das mit den Worten von Jane sagen: 'Laß uns unsere Talente miteinander verweben'. Ich bin ein totaler Opernfan, und dieses Zusammenwirken von Bild und Ton hat mich seit jeher fasziniert. So gesehen hab' ich sie benützt, um mir einen Traum zu erfüllen. Sie kann sich wiederum über das, was ich mache, artikulieren."

Beide seien sie der Meinung, daß man alle Probleme lösen kann, auch die selbst geschaffenenen "durch Überindustrialisierung und durch einen aufgeblasenen Materialismus."

Jane Goodall setzt mit ihrem "Roots & Shoots"-Projekt bei Kindern an: Die heranwachsende Generation soll lernen, mit Umwelt, Tieren und Menschen verantwortungsvoll und bewußt umzugehen. "Es gibt ja auch in der Stadt Salzburg Kinder, die noch nie in einem Stall gewesen sind, die nicht wissen, wo die Milch herkommt", sagt der Goiserer.

"Können Affen Trommelspielen?"

Salzburger Nachrichten 6. Dezember 1997

Jane Goodall und Hubert v. Goisern in der Montessori-Hauptschule Salzburg

SALZBURG-STADT (SN). Auf diese Weise hatte in der Montessori-Hauptschule Salzburg am Hinterholzerkai noch niemand "Guten Morgen" gesagt: Jane Goodall, weltbekannte Primaten-Forscherin, erstaunte die Kinder in freundlichen Schimpansisch "U-üü"; ihr Begleiter Hubert von Goisern übersetzte jodelnd: "Jeehuio!"

Goodall und Goisern wollten den Kindern die Umweltkampagne "roots and shoots" ("Wurzeln und Sprößlinge") nahebringen. Ziel dieser in 20 Ländern laufenden Initiative ist es, den arg geschrumpften Lebensraum der Menschenaffen zu erhalten. Die vor einigen Jahren knapp zwei Millionen Exemplare zählende Schimpansen-Population sei auf etwa 250.000 gesunken, berichtete Jane Goodall.

Die Montessori-Schüler hatten dafür Erklärungen: Die Urwälder würden abgeholzt, die Tiere aus verschiedenen Gründen gejagt - um verspeist zu werden (!) oder um sie in Zoos und Zirkussen zur Schau zu stellen. Dort würde man ihnen unter Druck diverse Kunststücke beibringen. "Können die auch Trommel spielen?", wollte ein Schüler wissen. "Wenn man es ihnen beibringt, sicher", meinte Goodall. Die Jugendlichen waren sich aber einig darüber, daß die Schimpansen dort am besten aufgehoben seien, wo sie herkämen: In den Regenwäldern Afrikas, die es zu erhalten gelte.

Ein Alpenjodler in Afrika

RZ Online 16. Juli 1998 | Text: Norbert Aschenbrenner

Volks-Rocker Hubert von Goisern auf musikalischer Reise

"Da bin ich stur", antwortet Hubert von Goisern darauf, warum er sich auf ein musikalisches Abenteuer einließ, das bei allen Freunden mindestens Kopfschütteln ausgelöst hatte: Tibet und Tansania. Jetzt liegen zwei Alben des österreichischen Volksmusik-Rockers vor, in denen er seine Reisen verarbeitet hat - Inexil und Gombe.

Ungewöhnlich klingt die Musik Goiserns nun, verglichen mit fetzigen Alpenjodlern wie dem Hiatamadl, aber sie ist packend wie eh und je. Und sie ist vor allem aufrichtig und ungekünstelt.

Volksmusik vom moik'schen Musikantenstadl-Image befreit

Die Skepsis ist angebracht. Wie viele vor ihm sind schon in ferne Länder gefahren und haben eine eigene Ethno-Platte mitgebracht. Goisern aber meistert die Gratwanderung. Er hat mit seinen neuen Projekten das geschafft, was er mit der Volksmusik seiner Bergheimat Bad Goisern zwischen Salzkammergut und Dachsteingebirge vorgemacht hatte. Für die bayerischen und österreichischen Jugendlichen befreite er die Volksmusik vom moik'schen Musikantenstadl-Image. Kren und Speck oder Wildschütz-Rap hießen die Titel, die Ziehharmonika und Jodeln mit Schlagzeug und Gitarrensoli verbanden.

Als Goisern mit seinen Alpinkatzen Ende 1994 den letzten Juchitzer tat - sprich: sich von der Bühne verabschiedete, blieb bei den Fans Traurigkeit und Rätselraten zurück, was der Hubert wohl als nächstes anpacken werde. 1996 war er in Tibet und besuchte ein unterdrücktes Land, ein Jahr später fuhr er nach Tansania und besuchte die legendäre Schimpansenforscherin Jane Goodall. Beide Reisen mündeten in außergewöhnliche Alben. Es braucht ein wenig Geduld, aber dann erschließt sich eine wunderbare Musik.

Traditionelle Folklore in den Alltag geholt

Wie seine ergreifenden Lieder aus den Bergen bauen die Töne Bilder auf. Die leisen Stücke der Alpinkatzen, die von der Stimme der "alpinen" Sabine Kapfinger geprägt waren, die Jodler, das Juchzen und die traurigschönen Vokale holten den Hörer bei geschlossenen Augen in die Gegenden, wo saftige Weiden oberhalb grüner Wälder hängen und darüber schneebedeckter Fels.

Genauso ist es etwa mit Afrika Ouvertüre und den anderen elf Stücken auf Gombe; aus einer Art Jodler entsteht vor dem geistigen Auge ein grünes Dickicht, feuchte Hitze, träges Wasser - der Nationalpark Gombe, wo Jane Goodall seit über 30 Jahren forscht. "Gombe" ist das musikalische Pendant zu einem Dokumentarfilm, den Goisern für das Fernsehen gedreht hat. Es war für ihn eine Herausforderung, nachdem er Goodall kennengelernt hatte. Die CD sieht er als Reise, ein 40minütiges Eintauchen in eine andere Welt. Trotzdem ist die Musik noch an Goiserns Wurzeln dran, ihnen nicht so fremd. Inexil dagegen, das Werk aus Tibet, ist weit von dem entfernt, was man mit Hubert von Goisern verbindet, und das hat seinen besonderen Reiz.

Junge Tibeter fahren auf angerockte Oper ab

Der Volksmusiker engagiert sich für das tibetische Volk, weil er selbst erlebt hat, wie die Kultur unter der chinesischen Besatzung systematisch zerstört wird. Die Erlaubnis für die Musikaufnahmen bekam er vom Dalai Lama persönlich. Mit zwei tibetischen Sängerinnen und zwei Sängern sowie mehreren Musikern nahmen Goisern und sein langjähriger Mitstreiter Wolfgang Spannberger zwölf Lieder auf, die für europäische Ohren Ecken und Kanten haben, wie Goisern selbst sagt.

Bei den jungen Tibetern hat die Musik nach seinen Worten aber eingeschlagen. Alle, die die Stücke bisher hörten, hätten diesen zeitgenössischen Ansatz nicht für möglich gehalten. "Die Leut', die bisher einen tibetischen Operngesang nie ausg'halten haben, die mit traditioneller Musik überhaupt nichts am Hut hatten, die fahrn' plötzlich drauf ab und sagen: Genau des san mir, so is' unsere Musik", erzählt Goisern stolz. Und er freut sich, daß er wieder Dinge ins Rollen gebracht hat, wie schon vor zehn Jahren mit seinem Album Alpine Lawine.

Aber wo es jetzt hinrollt, das weiß er selbst noch nicht. Ab Herbst will er an einem neuen Programm arbeiten. Ideen hat er schon, aber kein Sterbenswort ist ihm zu entlocken, wie sich das anhören wird. Für Frühjahr 1999 ist dann eine Tournee geplant - auch hier ist offen, welche Lieder Goisern zum Besten geben wird. Sicher ist nur eins: Um die Zustimmung der Fans ist ihm nicht bang. Selbst wenn ihm einige angesichts der unerhörten Töne den Rücken kehren, "mei, dann kommen vielleicht andere dazu".

Jodeln ist die geilste Sprache der Musik

Zentralnerv 83 | Text: Bernd Schweinar

Hubert von Goisern kehrt nach vier Jahren klangmalerisch zurück

Nach vierjähriger Bühnenpause ist Hubert von Goisern ohne seine Ex-Alpinkatzen, mit denen er einst hunderttausende CDs verkaufte zurückgekehrt. Er war bei Jane Goodall und deren Schimpansen in Afrika und er war mit Exiltibetern illegal nach Tibet gereist. Beides hat er musikalisch in den CDs Gombe/Afrika und In Exil/Tibet (BMG-Ariola) aufgearbeitet. Im Winter will er ein eigenes Album aufnehmen und im kommenden Frühjahr mit neuen Musikern wieder auf Tournee gehen. Beim ZN-Interview auf Kloster Banz reflektierte er Rückblick und Aufbruch.

Als er sich 1994 von seinem Publikum verabschiedete, analysierte er bei einem Interview in München: "Jeder Ton kommt aus der Stille. Der Ton ist im Lärm nicht wahrzunehmen. Nur wenn es vollkommen still ist, kann man selbst mit subtilen Klängen arbeiten. Es ist ein Zeichen unserer Zeit, daß es auch bei Malern die weiße Leinwand bereits kaum mehr gibt, daß alles schon so vollgepinselt ist, daß man nur noch übermalen kann. Für jeden Musiker glaube ich, daß die Stille als Urgrund sehr sehr wichtig ist."

Vier Jahre später dokumentiert das Album Gombe, daß Hubert von Goisern seine Konsequenzen gezogen hat. "Wenn man in österreich auf einen Berg geht, hört man den Lärm der Straßen bis hinauf. Nur in ganz entlegenen Tälern kommt man in eine Situation, mal einen Tag nichts zu hören außer den Vögeln und das Rauschen des Windes - ich mag das total", so "HvG", wie er von allen genannt wird. Schwärmerisch fährt er fort: "Aber wenn man nach Afrika in den Dschungel kommt, hat man das plötzlich tage- und wochenlang! Dort fliegt nicht einmal mehr ein Flugzeug. Alles was man hört ist das, was die Natur hervorbringt. Dort wird man plötzlich wieder sehr sensibel."

Er wollte "möglichst nah an den Missing Link zwischen Schreien und Singen", hat es sich daher auch nicht nehmen lassen "mit den Schimpansen mitzuschreien". Das Lied Delta sei fast ausschließlich auf Naturklängen aufgebaut, auf den Schreien von Freud, dem Alpha-Schimpansen der Kommune von Jane Goodall. Dabei beginnt er das rhythmische Wummern zu imitieren - das sich bei Delta mittels Tontechnik ständig wiederholt - und steigert sich beim Interview in einen finalen Affenschrei. "Ich war nicht so sehr auf der Suche nach afrikanischen Trommeln und Chören", wie manch andere vor ihm, so Hubert von Goisern, der fortfährt: "vielmehr wollte ich mit den Stimmen der Natur Musik machen, wollte unbedingt zu diesem Urschrei gelangen, den ich gehört hatte, als ich oft stundenlang bei den Schimpansen lag." Die Ruhe und Gelassenheit der Natur zwischen der in seinem Kopf entstandenen Polarisation aus Intensität und Ambitionslosigkeit von Klängen war sein Ziel.

Schwer fiel es Hubert von Goisern nicht, der von sich behauptet: "Bei mir wird alles sofort zu Musik! Ich höre das Brummen eines Motors und es ist für mich sehr schnell eine Frequenz die ich orte. Wenn ich die Feuerwehr höre, singe ich sofort die zweite Stimme dazu oder irgend eine Gegenmelodie". Analog sei in Afrika seine "sehr intensive musikalische Phantasie" zum Blühen gekommen.

"Nach langen Jahren überhaupt wieder hingereist" sei er, weil eines Abends ein Freund zusammen mit Jane Goodall überraschend bei ihm zu Besuch aufgetaucht waren und ihn eingeladen hatten. Er blieb einen Monat und war "tief beeindruckt von Janes Arbeit". Wieder zu Hause hatte er ein Dreivierteljahr später ein Exposâ für eine Fernsehdokumentation geschrieben, das dann mit viel Glück auch zur Realisation gelangte. "Mein Wunsch war es, einen Musikfilm zu machen, eine Dokumentation, die hauptsächlich über Bilder und Musik das ausdrücken sollte, was ich empfand". Daß das nur bedingt geklappt hat, führt er heute auf seine "mangelnde TV-Erfahrung" zurück und auf die "ständigen Diskussionen über den Format-Krampf". Frustriert mußte er einsehen, daß Dokumentation und Musik "zwei ganz eigene Projekte werden mußten". Die CD Gombe, die bereits in der ersten Woche nach Veröffentlichung in die Top-100 stürmte, untermauert nachträglich, daß er richtig lag.

Glaube an das Wunderbare

www.mhsg.ac.at 30. Oktober 1997 | Foto: Michael Neugebauer

Hubert von Goisern bereiste Tansania auf den Spuren seiner Freundin Jane Goodall. Ein ORF-Team begleitete ihn.

Jane GoodallEine auf den ersten Blick überraschende Freundschaft pflegen seit einigen Jahren die weltberühmte Verhaltensforscherin Jane Goodall und der hierzulande als "Alpenrocker" bekannte Hubert von Goisern.

"Uns verbindet die Ehrfurcht vor der Schöpfung, der Glaube an das Wunderbare im Leben und das Wissen, daß wir unerschöpfliche geistige und menschliche Ressourcen haben, die wir aber kreativ und behutsam einsetzen sollten. Fatalismus ist uns beiden fremd", beschreibt Hubert von Goisern die Gemeinsamkeiten.

Regisseur Hans Peter Stauber drehte eine Dokumentation über diese Freundschaft. 16 Tage filmten Hubert von Goisern und das Land der Berge-Team in den Bergen von Gombe in Tansania, wo vor mehr als 30 Jahren die Arbeit von Jane Goodall begonnen hatte. Die so entstandene Dokumentation erzählt in Tagebuchform von dieser Reise Hubert von Goiserns - er schrieb auch die Filmmusik - ins Land der Berge.

Einer der Gipfel im Nationalpark von Gombe ist zu Ehren Goodalls "Jane's Peak" benannt worden. Dort pflegte die Forscherin die engsten Kontakte mit ihren Schimpansen.

Die Sendung folgt aber auch historischen Spuren. So drehte das Team in Ujiji, wo 1871 der englische Missionar und Afrikaforscher David Livingstone den Journalisten Henry Morton Stanley getroffen hat. Ein weiterer Drehort war der Dampfer "Liemba", der vor dem Ersten Weltkrieg von den deutschen Ostafrikatruppen über den Landweg zum Tanganjikasee gebracht worden war. Dort tat er als "Graf von Götzen" bis zu seiner Versenkung durch belgische Truppen Dienst.