Hubert von Goisern
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AFRIKA & TIBET

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"Der Hubert wird derselbe sein"

16. Juni 1998 | Text: Bernhard Lichtenberger | Foto: Neumayer

INTERVIEW: Hubert von Goisern über Weltmusik, den Dalai-Lama und sein Bühnencomeback

Hubert von Goisern - HallmaniaHubert von Goisern meldet sich mit Weltmusik auf zwei Alben zurück. Auf Gombe hat der Mitvater der neuen Volksmusik afrikanische Klänge verarbeitet, die er beim Besuch der seelenverwandten Schimpansenforscherin Jane Goodall aufgenommen hat; Inexil ist die hörbare Zusammenarbeit mit tibetischen Musikern. Die OÖN sprachen mit ihm.

Die erste Nummer von Gombe ist quasi die Musik der Natur. Ist das eine Stimme, auf die immer seltener gehört wird?

Ich war ja selber gespalten, weil ich mir denke, wenn die Leute die Stimme der Natur hören wollen, sollen sie hinausgehen. Wenn ich sie auf eine CD gebe, muß ich mich fragen, ob ich nicht dazu beitrage, daß die Leute immer mehr im Wohnzimmer konsumieren. Eigentlich wär' mir ja lieber, die Leute hören die Stimme der Natur im Original. Ich geh auch lieber an die Originalschauplätze, um mir Grillen, Zikaden, Schreie des Waldes und der Natur zu geben. Aber ich wünsch' mir, daß man durch die Aufnahme Lust auf das Original kriegt.

Du hast in Afrika gejodelt. Hat Jane Goodall das gefallen?

Die Jane hat mich durch meine Musik kennengelernt. Auf meinem Live-Album ist eine Nummer, die heißt Da Juchitzer, und die ist ihr total eingefahren. Dieser Urschrei ist bei ihr am meisten hängengeblieben, weil sie das im Dschungel auch erlebt hat. Das war für mich auch die reizvollste Aufgabe, bei der Nummer Delta auf der CD, nur mit Schimpansenschreien, Stimmen aus dem Urwald, mit diesen Ur-Sounds zu arbeiten, und dann auch meinerseits mit einer Stimme dazu zu arbeiten, die auch von ganz archaischen Wurzeln unserer Artikulation kommt. Und das hab' ich dann für die Nummer Gombe mit einem Kammerorchester, mit Streichern verfeinert - das ist die zivilisierte Variante davon.

Gombe klingt traurig, dramatisch.

Es hat eine gewisse Traurigkeit drinnen, und die ist auch gerechtfertigt, weil diese Flecken auf unserer Welt am Sterben sind. Auch die Schimpansen von Gombe wird es nicht mehr lange geben.

Man weiß, daß das, was man tut, praktisch umsonst ist. Ist das nicht bedrückend?

Jeder soll seinen Beitrag leisten für das, was im Moment getan werden kann. Man darf solche düsteren Prognosen nicht als Ausrede hernehmen, daß man nichts mehr tut.

Was hat dich an der afrikanischen Musik, der Lebensweise fasziniert?

Es ist so wie in vielen anderen Teilen der Erde, die ich bereist habe: Gerade in Gegenden, wo der Lebensstandard ein sehr niederer ist, strahlen die Menschen eine Lebenskraft und -freude aus, die für mich beispielhaft ist. Und wenn ich mir dann daheim ausschaue, was die Leute jammern über einen minimalen Verlust an Sicherheiten. Die Leute dort haben überhaupt keine Sicherheiten.

Kann man die beiden Alben vergleichen?

Es hat sich durch einen Zufall ergeben, daß diese beiden Projekte innerhalb der letzten zwei Jahre einander immer wieder abgelöst haben. Im Grunde genommen sind sie nicht vergleichbar, aber es gibt doch gemeinsame Wurzeln: die Auseinandersetzung mit einer Kultur, die ganz anders ist, andere Traditionen der Kommunikation, andere Gebräuche hat. Für mich war das irrsinnig spannend, eine Brücke zu schlagen, einen Weg zu finden, und der ist über die Musik gegangen.

Der Dalai Lama war vergangene Woche in Österreich und hat sich sehr zuversichtlich über das weitere Schicksal Tibets geäußert. Ist das ein Optimismus, den du teilen kannst, oder war da Diplomatie im Spiel?

Ich glaube, daß der Dalai Lama kein diplomatischer Taktierer ist. Ich habe auch die Hoffnung, daß sich innerhalb von China von der Basis her etwas tut.

Konntest du mit dem Dalai Lama reden?

Ja, in Bad Ischl. Das ist einfach ein Hammer. Er hat so eine Aura, es ist einfach schön, in seiner Nähe zu sein. Ich bin immer wieder zutiefst beeindruckt von seiner Offenheit.

Hat er deine tibetische Musik gehört?

Ich hab ihn vor zwei Jahren besucht, hab' in Dharamsala eine Privataudienz gekriegt und da hatten wir eine Stunde lang Zeit, darüber zu reden. Ich hab' ihm vor einem halben Jahr die Rohabmischung geschickt, und es hat ihm total getaugt.

Was sagst du zum Weltmusik-Boom?

Ich finde das lässig, daß es Interesse gibt für andere Kulturen, für Andersartigkeit. Das trägt vielleicht auch dazu bei, daß die Leute teilungswilliger werden. Wir im Westen müssen nicht den Gürtel enger schnallen denn wir haben eh alle so eine Wamp'n. Ich finde es korrekt, wenn ethnische Musiken bei uns einen größeren Bedeutungsrahmen kriegen – und vielleicht die Allerwelts-Popmusik ein bißchen verdrängen.

Womit wirst du wieder auf der Bühne stehen?

Ein Teil dessen, was ich in den letzten beiden Jahren gemacht habe, wird sicher auch ins Live-Programm einfließen. Einen Großteil muß ich erst schreiben. Ein kleinerer Teil wird sicher auch noch aus dem alten Programm dabeisein. Ich kann mir nicht vorstellen, daß ich eine Nummer wie Wia die Zeit vergeht nicht mehr spiele.

Wird sich das Neue grundlegend vom Alten unterscheiden?

Ich hab' auch nicht das Gefühl, daß sich das, was ich jetzt gemacht habe, grundlegend von dem unterscheidet, was ich vorher gemacht habe. Ich beschäftige mich nach wie vor mit den Wurzeln einer Kultur, in dem Fall sind es halt nicht die meinigen. Ich habe mit der Musik der Tibeter das gemacht, was ich mit unserer gemacht habe. Die tibetische musikalische und textliche Tradition hat keinen Gegenwartsbezug gehabt. Das war die selbe Situation wie bei uns in der Völksmusik. Vor zehn Jahren war das eine rein museale Angelegenheit. Wenn die Traditionspflege das einzige ist, dann ist die Tradition schon tot.

Du wirst dich aber nun sicher wieder mit eigenen Wurzeln befassen.

Es wird schon neue Klänge geben, aber der Kern, der Hubert, wird derselbe sein.

Rückkehr eines Musikers

Musikmarkt 28/1998

Er zählte zu den interessantesten Repräsentanten der Austro-Szene, fand über die Landesgrenzen hinaus Anerkennung. Doch plötzlich verkündete er seine Abkehr vom Showgeschäft. Jetzt meldet Hubert von Goisern sich zurück - und das mit gleich zwei Alben.

Hubert von GoisernSein letztes Konzert fand am 1 . November 1994 statt, seither war von dem Musiker wenig zu lesen oder zu hören. Die Rückkehr in die Szene vollzieht er mit zwei Alben, die bei BMG Ariola erschienen sind: Tibet/Inexil (2157901 2) und Afrika/Gombe (21 57902 2). Im Herbst will Hubert von Goisern zusätzliches Material produzieren, Anfang 1999 dann sogar wieder auf Tournee gehen. Dem "Musikmarkt" stellte er sich zum Interview.

Lassen Sie uns noch einmal die Gründe Ihres damaligen Rückzugs offenlegen...

Ich war am Zenit angelangt, sah keine Gründe mehr, die damalige Linie bis in alle Ewigkeit fortzuführen. Auch blieb kein Platz mehr für neue Begegnungen. Hotel - Bühne, Hotel - Bühne, das lief automatisch. Ich war sozusagen "vertauschbar" geworden. Nun kenne ich Leute, die können dauernd reproduzieren und fühlen sich wohl dabei. Das Meine ist es nicht. Ich brauchte neue Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Und so zog ich die Konsequenzen.

Wie kam es nun zu diesem Wechsel in die Gefilde von ethnisch ausgerichteter Musik?

Am 22. Dezember 1994 - ich war gerade beim Abmischen von Wie die Zeit vergeht und arbeitete an der Musik zu dem Film Schlafes Bruder - brachte mir mein Freund Michael Neugebauer, ein Verleger, überraschend Jane Goodall ins Haus. Sie hatte meine Musik gehört und zeigte sich sehr interessiert, lud mich nach Afrika ein. Der Einladung folgte ich erst Anfang 1996. Die Reise wurde ein beeindruckendes Erlebnis. Jane schlug vor, für die Schimpansen, die ja intelligente Wesen sind, eine Musikanlage zu installieren. Mit zwei Knöpfen: einen für Klassik, einen für Pop. Ich schlug einen dritten Knopf vor, mit dessen Hilfe sie ihre eigenen Laute hören konnten. Jane hielt das nicht für ungefährlich, befürchtete unerwartete Reaktionen. Ich schlug vor, man könne ja auch das Ganze mit Musik verbrämen.

Wie ist diese Musik entstanden?

Ich machte mich in Gombe mit einem Tonband auf den Weg, fing Geräusche ein, den Geruch der Erde, die ganze Wildheit dieses Paradieses, und ließ mich inspirieren.

Das "Tibet/Inexil"-Projekt muß fast parallel entstanden sein.

So war es auch, und nach anfänglicher Unsicherheit fand ich dies gut. Die Arbeit an der einen Sache verschaffte mir jeweils den nötigen Abstand zur anderen. Ursprünglich flog ich nach Tibet, um einen Beitrag für die TV Sendung Land der Berge zu drehen - eine infolge der Begleitumstände nicht unbedingt gelungene Reise. Doch die Berührung mit der dortigen Kultur faszinierte mich, sie schien so unzugänglich. Ich war insgesamt dreimal dort, einmal in Tibet, zweimal in Nordindien, wo die vertriebenen und geflüchteten Tibeter im Exil leben.

Mit meinem technischen Begleiter Wolfgang Spannberger und unserem mobilen Tonstudio verbrachte ich viele Wochen dort. Danach lud ich ein Team von Sängerinnen und Sängern in mein Studio nach Salzburg ein, wo in Zusammenarbeit mit europäischen und südamerikanischen Instrumentalisten meine Vision Gestalt annahm.

Welche Reaktionen gab es, als Sie die fertigen Produkte erstmals Freunden und Bekannten vorlegten?

Meistens hörte ich, die "Afrika-Geschichte" lasse sich gut anhören, die "Tibet-Geschichte" sei aber sehr schwierig. Ich ersuchte sie, dennoch öfter reinzuhören, man müsse sich daran erst gewöhnen. Tatsächlich meldeten sie sich nach einiger Zeit wieder und erklärten: "Jetzt hören wir uns nur noch die Tibet-CD an."

War die gleichzeitige Veröffentlichung kein Risiko?

Das Afrika-Album war Anfang März fertig, das Tibet-Album knapp sechs Wochen später. Natürlich diskutierten wir, kamen dabei zu dem Schluß, daß ein Erscheinen in kurzem Abstand schlecht wäre. Zweimal könne man in einem solchen Zeitraum nicht die Aufmerksamkeit der Medien erringen. Damit fiel die Entscheidung, beides auf einmal herauszubringen.

Wie sieht Ihr neues Tourneeprogramm aus?

Es wird aus einem kleinen Teil des alten Repertoires bestehen, dazu kommt je ein Teil Afrika und ein Teil Tibet. 50 Prozent muß ich noch schreiben.

Könnte es dabei auch wieder Anklänge an Hits wie das Hiatamadl geben?

Ich habe überhaupt nichts gegen Erfolge, gegen Hits, habe nur nie nachgedacht, ob auf das oder jenes die Massen anspringen. Gleichzeitig wünsche ich mir nicht, daß meine Musik nur von einer Handvoll Freunden verstanden wird. Also hoffe ich, daß mich die Muse so küßt, daß etwas dabei herauskommt, wovon sich das Publikum angesprochen fühlt. Darf ich in diesem Zusammenhang noch eine nicht unoriginelle Geschichte erzählen?

Gerne...

Zum Horror meiner Freunde hatte ich seinerzeit, 1989 oder 1990, beschlossen, mich für den Eurovision Song Contest zu bewerben - und zwar mit meinem später sehr erfolgreichen Lied Heast es net. Mein damaliger Firmenchef Heinz Canibol saß in der Jury, aber nicht einmal ihm fiel die Melodie auf. Sie landete in der Vorausscheidung nicht unter den ersten 100.

Hubert von Goisern und seine neuen CDs

Salzkammergutzeitung 25. Juni 1998 | Text: Hannes Heide

Hubert von Goisern präsentiert im Parlament seine neuen CDs, die die Kultur Tibets und Afrikas zum Inhalt haben.

Hubert von GoisernBad Goisern, Wien. Das österreichische Parlament, ein ungewöhnlicher Ort für eine CD-Präsentation: Hubert von Goisern wählte des Hohe Haus, um seine beiden neuen Alben vorzustellen: "Ich war schon immer anders als alle anderen. Und das ist ein Grund, hier zu sein!"

Der Wahl des Ortes liegt freilich auch ein viel tiefer gehender Gedanke zugrunde: "Die neuen Platten sind nicht nur musikalisch – politisch mag ich nicht sagen – aber zumindest gesellschaftlich oder gesellschaftspolitisch relevant."

Die eine CD hat die Situation Tibets zum Inhalt. In Exil heißts sie und ist das Ergebnis der mehr als zwei Jahre dauernden Beschäftigung mit einer Kultur, die in ihrem ursprünglichen Herkunftsland verfolgt war und die nur im indischen Exil überleben konnte. Vor zwei Jahren bat die Exiltibeterin Tseten Zöchbauer Hubert, ihr bei der Organisation einer Tournee mit tibetischen Künstlerin behilflich zu sein. Eine erfolgreiche Österreich-Tournee mit den Künstlern des Tibetan Institute of Performing Arts (TIPA), die auch in Bad Ischl die Menschen begeisterte, kam zustande.

In der Folge reisten Tseten und Hubert nach Tibet – um zu sehen, "daß alles gar nicht so arg sein kann!" "Tatsächlich war alles noch viel schlimmer!“ bilanzierte ein bewegter Hubert nach der Rückkehr und stürzte sich in ein Projekt mit den Künstlern von TIPA.

Der Dalai Lama ("Mit seiner Haltung, wie er mit unangenehmen Dingen wie Hut-Aufsetzen und dem generellen Gedränge um ihn umgeht, beschämt er mich!") gab die Genehmigung, das Liedgut des alten Tibet zeitgemäß zu bearbeiten und "unsere Musik für die Jugend zu öffnen", wie es Sonam Phuntsok, einer der mitwirkenden tibetischen Künstler, ausdrückt.

Erste Versuche, die Arbeit in Indien durchzuführen, zermürbten Hubert: Tagelange Verzögerungen in Delhi, regelmäßige Stromausfälle und tanzende Rhesusaffen auf den Dächern der TIPA-Gebäuden machten ein konzentriertes Arbeiten unmöglich.

Im Spätsommer des Vorjahres kamen schließlich die Musiker Sonam und Jamjang und die Sängerinnen Shareb und Passang ins Studio nach Salzburg.

Und auch wenn es sich hier eine Zeitlang spießte, entstanden ist ein reizvolles Album: Wunderschöne, von innigen Gefühlen getragene Balladen, traditionsreiche, tibetische Melodien mit modernen Rhythmen bis hin zu Technobeats. Die Konfrontation mit der asiatischen Musik ließ ein außergewöhnliches Album entstehen, das einen Hubert zeigt, der sich auf andere Kulturen einläßt und der Notwendigkeit globalen Denkens Ausdruck verleiht.

"Wir leben nicht auf einer Insel und können nicht ignorieren, was anderswo passiert", drückt sich auch im zweiten Album aus. Gombe heißt es und ist das Ergebnis seiner Freundschaft mit der Verhaltensforscherin Jane Goodall. Das Leben um den Tanganjikasee weckte in Hubert im Goisern den Wunsch einen Film zu drehen. Aus dieser Idee sind schließlich zwei unterschiedliche Filme entstanden: Im Bayrischen Rundfunk lief ein sensibles Portärt von Jane Goodall und ihrer Arbeit, eine lebendige Beschreibung der Natur- und Kulturlandschaft Tanganjikasee. Im ORF wurde das Material in die Land der Berge-Schiene gepreßt und geradezu verstümmelt.

Hubert im Himalaya

Musikexpress 1998 | Text: fra

Hubert von Goisern etabliert sich mit Expeditionen nach Afrika und Indien jetzt endgültig als Botschafter ambitionierter Volksmusik

Hubert von Goisern

"Fotografiert mich bloß nicht auf einer Wiese zwischen Gänseblümchen. Somit denken die Leute, ich wäre auf dem Ethnotrip!" Hubert Achleitner alias Hubert von Goisern

So recht glauben mochte man es ihm ja nicht, als er im November 1994 sein letztes Konzert mit den Alpinkatzen gab. Schließlich hatte sich Hubert von Goisern eine Reputation als gutes Gewissen traditioneller Volksmusik erspielt, indem er sie erneuerte. "Ich weiß nicht", erklärte er damals seinen überraschenden Rücktritt, "ich brauche vor allem Ruhe, um über die Dinge nachzudenken, die mir persönlich wichtig sind. Es verschieben sich einfach die Wertigkeiten."

Verdammt weit haben sie sich verschoben, über den Äquator und über den Hindukusch. Denn neben seinen Arbeiten für Film und Fernsehen - er komponierte u.a. die Filmmusik zu Vilsmaiers Schlafes Bruder und war als Schauspieler in Hölleisengretl zu besichtigen - zog es den Mann aus dem Salzkammergut zunächst nach Uganda, um dort eine Dokumentation über die Verhaltensforscherin Jane Goodall zu drehen. "Die Idee zur Filmmusik kam von Jane", erinnert sich von Goisern: "Einige ihrer Schimpansen leben heute in einem Zoo in den USA. Und sie bat mich, aus den Tonaufnahmen eine Klangcollage zu basteln, die den Tieren wenigstens akustisch ein gewohntes Umfeld suggerieren sollte. Ich ging aber noch einen Schritt weiter." So hat von Goisern für Gombe nicht nur afrikanische Musik, sondern auch Wind, Regen, Wellen, Vogelstimmen, Insektensummen und - natürlich - die "Gespräche" der Affen selbst zu einem fließenden, ambienten Album verdichtet. "Der Versuch war's wert", erklärt der Weltenbummler mit einem leichten Schulterzucken. Dabei fischt er sich eine weitere Biddie aus der Packung - diese indischen Zigaretten, die aus einem gerollten Tabakblatt bestehen. "Die habe ich mir aus Dharamsala mitgebracht, der Exilresidenz des Dalai Lama. Schmecken prima, kriegt man hier nur leider nicht!"

Einer wie von Goisern macht natürlich keinen Urlaub im nordindischen Himalaya, er macht Musik. Zusammen mit dem 30köpfigen Ensemble des renommierten Tibetan Institute Of Performing Arts begann er im dortigen Ashram die Aufnahmen zu Inexil: "Die Erlaubnis dafür mußte ich mir vom Dalai Lama persönlich holen. Ich schilderte ihm, was ich bezweckte, und durfte die Musiker für den letzten Schliff schließlich zu mir nach Salzburg, einladen."

Dort galt es, die künstlerische und kulturelle Kluft zu überwinden: "tibetanische Musik ist älter als die Pyramiden und entbehrt in westlichen Ohren jeder Struktur," meint von Goisern "ich wollte versuchen, diese besondere Art der Volksmusik behutsam in die Moderne zu übersetzen - und auf die Unterdrükkung der Tibeter hinweisen. Ich denke, das ist uns auch ganz gut gelungen!" Ebenso wie sein ewiges Projekt, Volksmusik dem Tümelnden zu entreißen und einer Metaebene zuzuführen. Ganz ohne Ethnokitsch. Und ohne Alpinkatzen.

Urgebrüll und Höhenluft

Stern 29/98

Der Alpinrocker und schräge Volksmusiker Hubert von Goisern brachte erstaunliche Töne von seinen Reisen nach Tibet und Tansania mit

Seine Musik bringt ihre Katzen zum Kreischen - und macht ihre Augen naß: Die Münchner Schauspielerin Cleo Kretschmer befragte ihr Alpenrock-Idol Hubert von Goisern, 45, zu seinen Reisen nach Tansania und Tibet, seinen CDs Afrika Gombe und Tibet Inexil und seiner vierjähirigen Kreativpause.

Warum haben Sie damals hingeschmissen? Ihre Kollegen pflegen Erfolg in die Länge zu ziehen wie Strudelteig.

Ich brauchte Zeit, ich war ja total entfremdet von meiner Freundin und den Kindern. Und wäre ich auf Tournee gewesen, hätte ich nie Jane Goodall kennengelernt.

Die Affenforscherin entführte Sie nach Afrika?

Nicht ganz so schnell. Ein Freund hat uns bekannt gemacht, ein Jahr später habe ich mal bei ihr vorbeigeschaut. Bald ließ mich die Idee nicht mehr los, diese wunderbare Frau zu porträtieren. Sie ist wirklich sehr charmant und anziehend. Ich habe sie leider nicht zu der Zeit erlebt, als sie noch nackt durch den Urwald pirschte, weil durch das nasse Elefantengras das ganze Gewand naß geworden wäre.

Auf einem Stück singen Sie so schnell Dialekt, es klingt wie afrikanisch.

Ich wollte mit den Bewohnern Afrikas auf ihre Weise musizieren. Ich habe auch viele Tierschreie verwendet. Das ist, finde ich, Ur-Musik.

Inwiefern hat Jane Goodall Sie inspiriert?

Sie erzählte mir, daß sie für Schimpansen eine Musikanlage bauen wollte mit drei Schaltern, so daß die Tiere wählen konnten zwischen Klassik, Michael Jackson und Reggae. Ich schlug ihr einen vierten Schalter vor für ihre eigenen Stimmen, ihre eigene Musik. Und weil Jane meinte, das ginge nicht, habe ich das Stück gemacht.

Das mit dem Schimpansengebrüll losgeht? Affengeil.

Wenn ich den Schrei nachmache, wirft sich mein Hund auf den Rücken, als wollte er sagen: Du bist der Chef.

Wie war die Zusammenarbeit mit den 30 Musikern aus Tibet?

Ich mußte erst mal zum Keim ihrer Musik vordringen. Das ist wie bei unserer Volksmusik - da wird über ein Leben auf der Alm gesungen, das es überhaupt nicht mehr gibt.

Mochten die Künstler Ihre Modernisierungsideen?

Ja, alle wollten mitmachen. Ich hatte mir auch die Unterstützung des Dalai Lama geholt. Er hat mir eine Audienz gegeben,da habe ich ihn das Rohmaterial vorgespielt.

Hat's ihm gefallen?

Ja. Bei einem Titel mußte er lachen, und zwar bei einem Text des sechsten Dalai Lama. Der Mann galt als Ausrutscher - er hat sich nachts im Rotlichtmilieu rumgetrieben und in den Beiseln gesungen. Am Morgen ist er dann wieder in den Potala und hat den Dalai Lama gemacht. Seine Zerrissenheit hat er in 60 irrsinnig schönen Versen aufgeschrieben, da habe ich ein Lied draus gemacht. Der jetzige 14. Dalai Lama fand das amüsant. Nach der Inkarnationslehre sind es ja seine eigenen Worte.

Es gibt Lieder auf der CD, die bringen mich zu Weinen.

Ja, da hört man viel Wehmut ... Das fünfte Lied zum Beispiel kommt aus der Hochebene Kham und wird von Nomaden gesungen. Sie haben schreckliches Heimweh.Und das sechste hat einer geschrieben, der immer nur im Exil gelebt hat. Der hat sich eines Tages mit dem Tonband nach Tibet aufgemacht. wo ihm die Chinesen wegen Spionage verhaftet und ihm 18 Jahre aufgebrummt haben. Tibet ist ein hartes Land. Es gibt nicht Schlimmeres für einen Chinesen, als dorthin geschickt zu werden. Und die Soldaten wissen, daß sie nicht erwünscht sind. Dementsprechend sind sie auch drauf.

Möchten Sie weiter mit den Tibetern arbeiten?

Schon, obwohl unsere Kulturen so weit auseinander liegen. Es war sehr schwer herauszufinden, wie weit ich gehen konnte, ohne ihre Musik etwas wegzunehmen. Aber es war wirklich aller Mühe wert. Respekt voreinander überbrückt die tiefste Kluft und auf das Ergebnis sind wir alle stolz.