Hubert von Goisern
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ALPINKATZEN >> Die Alpinkatzen-Jahre: 1 2 3 4

Hubert von Goisern und die Original Alpinkatzen

BMG Ariola 1992
Alpinkatzen

Pop und Gstanzl, Blues und Landler, Rock und Zwiefacher - das gibt's nicht? Von wegen! Bereits seit 1984 brechen Hubert von Goisern und die Original Alpinkatzen so ziemlich jedes musikalische Tabu. Es fällt nicht eben leicht, einen Schwerpunkt innerhalb ihres Schaffens auszumachen. Wenn überhaupt, ist es der Bereich volkstümliche Musik, der sich als roter Faden durch die Geschichte der Alpinkatzen zieht. Und gerade den Volksmusikpuristen dürfte dieses ein Dorn im Auge sein. Denn die österreichische Formation mischt zusammen, was es nur zu mischen gibt. Vor einem Hardrockjodler schreckt der Ösi-Trupp ebenso wenig zurück, wie etwa vor einem Dancefloorlandler.

Es gibt schlichtweg keinen Musikzweig, der von der mittlerweile vierköpfigen Band nicht berücksichtigt würde. So entstehen durchaus erstaunliche Symbiosen, etwa nach der Art eines Alpenreggae oder einen steirisch angehauchten House-Rock'n Rolls oder, oder ... Zu dieser wirklich einmaligen Mixtur konnte es nur kommen, weil sich mit dem Zusammenschluß der Interpreten einfach unterschiedliche musikalische Vergangenheiten kreuzten. Gründer und Kopf der alpinen Kater ist Hubert von Goisern.

Der musizierte dereinst in einer Blaskapelle seiner Heimat. Danach befaßte er sie mit der klanglichen Kultur exotischer Länder und widmete sich verschiedener Avantgarde-Projekte. Sein Lieblingsinstrument ist die "Steirische", ein Akkordeon der besonderen Art. Außerdem bedient er die Seitlpfeiff'n und das Beef-Horn. Perfekt ist Hubert aber auch an der Gitarre und als Sänger. Hochmusikalisch präsentieren sich ebenso Reinhard Stranzinger (Gitarre), Stefan Engel (Keyboards) und Drummer Wolfgang Maier. Und singen können sie auch.

Dabei kommt es bei den Alpinkatzen gar nicht mal so sehr auf perfektionistische Stimmbandvergewaltigung an. Viel wichtiger sind die Texte ihrer Lieder: Da ist man nun eh schon kräftig verwirrt ob der kompositorischen Melange, die einem die rockige Kapelle anbietet, und dann setzen die wirklich bissigen, ironischen und eigen Vokabeln noch einen drauf.

Wenn die Alpenkater auf der Bühne stehen, dann weiß das Publikum nicht, ob es jetzt beispielsweise zu einem Almen-Rap-Metal-Jodler die Rufe schwingen soll, oder lieber ruhig sitzen bleiben, um die Texte auf der Ohrmuschel zergehen zu lassen, oder beides, oder wie? Na ja, das ist wirklich alles ziemlich strange, was die Band um Frontmann Hubert von Goisern liefert.

Die Devise lautet: "Schräge Volksmusik unter das Volk streuen". Das war so bei den vergangenen Vinylpressungen, das ist so bei der neuesten LP, die da heißt Aufgeigen statt niederschiassen. Selten hörte man die Vereinigung von volksmusikalischen Roots und Rhythm 'n' Blues Elementen in einer solchen Authenzität. Da überzeugt darüber hinaus die technische Qualität des Produktes.

Für jeden ist etwas dabei. Für alle, die ihre anglo-amerikanischen Hörgewohnheiten nicht ablegen können, für alle, die der Volksmusik nicht abschwören können und für alle, die ihre hohen Qualitätsansprüche nicht runterschrauben können. Nur soviel sei garantiert: Alpinkatzen stehen für unverschämte Volksmusik, frei nach dem Motto "Ziehharmonika goes Rock 'n' Roll!"

Alpinkatzen

Von Wadlrock und Alpenblues

FF Südtiroler Illustrierte 11. November 1993 | Text: Beatrix Unterhofe

Interview mit dem österreichischen Alpenrocker Hubert von Goisern

Hubert von Goisern, Jahrgang 1952, ist zur Zeit der erfolgreichste österreichische Rockmusiker. Mit seiner CD Aufgeigen statt niederschiassen und dem Ohrwurm vom Hiatamadl hat er es auf über 100.000 verkaufte Exemplare gebracht. Volksmusik im Leinenkolorit: eine erstaunliche Mischung aus Alpenreggae, Blues, Gstanzln und RapMetalJodler. Letzte Woche trat der Alpenrocker in Meran auf.

Hubert von Goisern in Meran mitten in den Alpen, sind Sie ein Freund von Alpenglühen, oder ist das bloßer Kitsch?

Nein, ich steh total auf die Alpen, und ich finde, Kitsch kann nur etwas von Menschenhand sein.

Haben Sie bei Ihrer Musik zwischen Blues und Rock, Landler und Gstanzln nie das Gefühl, daß Sie die Tradition vergewaltigen?

Vergewaltigung werfen mir diese Leute vor, die nie und nimmer auf ihr Auto und ihren Kühlschrank verzichten würden und eine Veränderung in der Volksmusik, und sei es nur mit einem neuen Instrument, verurteilen.

Wie entsteht Ihre Musik, woraus schöpfen Sie?

Ich bin aufgewachsen mit der Volksmusik, bin dann zum Blues und Jazz und dem Funk und zur Avantgarde gekommen. Außerdem bin ich sehr viel herumgereist und hab' dabei einfach die Augen aufgemacht. All das fällt mir ein, wenn ich meine Texte und Melodien schreibe.

Man sagt, Sie seien auf und davon und haben längere Zeit auf den Philippinen gelebt. Sind Sie dadurch zu den eigenen Wurzeln und zur Volksmusik zurückgekommen?

Das stimmt, weil ich dort erlebt habe, was Volksmusik bedeutet. Dort hat es weder ein Radio noch einen Fernseher gegeben. Wenn ein Fest stattgefunden hat, haben einfach alle mitgesungen und keiner hat gefunden, oje, schon wieder die alten Nummern, da war das einfach nur Musik, egal ob die Lieder hundert Jahre alt waren. Mich hat das sehr beeindruckt, wie Leben, Texte und Melodien miteinander verbunden waren, und ich habe mir gedacht, Reste davon müßten doch auch bei uns aufzuspüren sein. Wie ich dann zurückgekommen bin, habe ich begonnen, mich auf die Volksmusik einzulassen, mit der ich eigentlich gebrochen hatte.

Gibt es Vorbilder, an denen Sie sich orientieren?

Es gibt viele Leute, die ich sehr schätze. Das geht von Mozart, Verdi, Puccini und Wagner bis zu Miles Davis, Fellini und André Heller.

Es gibt Stimmen, daß es schon bald eine Alpinoper von Ihnen geben wird?

Es gibt im Moment den konkreten Plan, einen Film zu machen, und wir werden sehen, ob dieselbe Story in eine Oper umgesetzt werden kann.

Marika Rökk hat gerade Geburtstag. Mögen Sie die Musik der 30er Jahre?

Es hat jede Zeit ihre guten, kreativen Menschen und ihre kulturellen Zwerge, die es trotzdem geschafft haben, ins Rampenlicht zu kommen. Ich mag Musical und Oper generell nicht besonders, aber ich weiß, daß meine Großmutter sehr auf die Rökk gestanden ist, und nachdem ich Oma sehr gemocht habe, hat sie dann auch mir gefallen.

Vom Großvater haben Sie die erste steirische Ziehharmonika. Waren die Großeltern von der Stunde Null an die allerersten Fans?

Ja, und wie, lange Zeit die einzigen. Der Großvater ist heute über neunzig Jahre alt, er hat mir seine Steirische geschenkt, weil er gesagt hat, ich bin zu alt, kann die Tasten nicht mehr drücken. Für mich war dieses Instrument immer in Verbindung mit irgendwelchen verstaubten Melodien, und ich habe sie fünf Jahre nicht angerührt.

Auch Jörg Haider kommt aus Bad Goisern. Was halten Sie von dem, und wo würden Sie sich politisch einordnen?

Für den Haider schäme ich mich, und ich kann nur hoffen, daß Gottes Wege seltsam sind und verschlungen und daß auch er eine Funktion in dieser Gesellschaft hat.

Verstehen Sie die Volksmusik als Rebellion gegen Macht und Herrschaft?

Muß es sein. Volksmusik kann einfach keine Beschönigung der Fakten sein, sie muß das ausdrücken, was das Volk empfindet.
Den absoluten Durchbruch haben Sie mit dem Hiatamadl geschafft. Haben Sie einen Wadlkomplex, mögen Sie Mädchen mit dicken Wadeln besonders gern?

Diesen Refraintext hab nicht ich gemacht, das ist ein altes Volkslied aus einer Zeit, wo die Landbevölkerung immer ein bißchen in Richtung Stadt geschielt und sich vorgestellt hat, daß das Leben dort bequemer ist. Und weil das Gras auf der anderen Seite immer schöner scheint, hat man sich auch die Mädchen besser, draller und schöner vorgestellt.

Worin, glauben Sie, liegt der Grund für Ihren Erfolg?

Ich glaube, es ist das Wechselbad der Lieder. Daß die Leute nach Nummern wie Sepp bleib do oder dem Wildschützrap so erschöpft sind, daß sie richtig offen sind für etwas, wo normalerweise eigentlich die Ohren zugeklappt werden.

Welches Verhältnis haben Sie persönlich zur Musik, zum Jodeln?

Sicher ein erotisches, und grad das Jodeln ist eine Gesangsform, wo man nichts zurückhalten kann. Man kann nicht mit halber Kraft jodeln, das geht nur, wenn du aufmachst zack und gib ihm, das ist wie Atmen.

Wann und wo haben Sie jodeln gelernt?

Das war so vor fünf Jahren, da hab ich mir eine Kassette besorgt, weil mich diese Gesangstechnik fasziniert hat und alle, behauptet haben, jodeln kann man nicht lernen, dazu wird man geboren. Dann habe ich mir einen Jodler von den Noten und der Phonetik der Silben her abgeschrieben, meine Stimmlage herausgefunden, in der ich jodeln kann und drauflos geübt.

Sind Sie ein religiöser Mensch, glauben Sie an Gott?

Gott ist für mich nicht ein Mann mit Bart und Penis, Gott ist für mich eine Idee. Ich bin aus der Kirche ausgetreten, weil ich dieses maskuline Image von Gott nicht ausgehalten habe.

Hubert von Goisern, ein Luis Trenker der 90er Jahre?

Der Vergleich schmeichelt mir sehr. Die LuisTrenkerFilme haben mir immer gut gefallen, obwohl er mir schon sehr suspekt war, er hat nicht nur auf Bergmensch gemacht, sondern er war auch einer. Da bin ich ganz überzeugt.

Was halten Sie vom Trachtenlook?

Ich mag gern Kleidung, an der man eine regionale Identität sehr wohl erkennt, am liebsten trag' ich Leinengewand, aber seit dieser Trachtenboom ausgebrochen ist, habe ich meine Lederne an den Nagel gehängt.

Gehen Sie in Diskotheken, und wie halten Sie computergesteuerte Rhythmen aus?

Es hat eine Zeit gegeben, da bin ich sehr viel in die Disco gegangen und hab' mich da zu den allgemeinen Bedröhnungen weggetanzt. Ich tanze noch immer gern, aber es muß einfach Musik, wenn möglich von Menschenhand gemacht, sein.

Ihr ganz persönlicher Wunsch für die Zukunft?

Daß ich nie eine Kopie oder Karikatur von mir selber werde und daß ich menschlich bleibe und nicht abgehoben von Bühne zu Bühne, von Hotelzimmer zu Hotelzimmer sause.