Hubert von Goisern
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"Haider ist mir eine Aussage wert aber kein Lied!"

BiSZ (Teil 1) 29. Juli 1993 | Text: Hannes Heide

Hubert von Goisern im BISZ Interview über seine soeben abgelaufene Tournee, die Kritik aus dem Lager der Haider - Sympathisanten und jene aus dem Kreis der Volksmusikanten.

Vor kurzem ist die große Frühjahrstournee von Hubert von Goisern und seinen Alpinkatzen zu Ende gegangen. 20.000 begeisterte Besucher beim Festival im Schweizer St. Gallen, 60.000 bei den Konzerten in Deutschland, etwa genauso viele in Österreich. Das ist die eine Seite. Seine ganz persönliche Bilanz zieht der Mann der Volksmusik aus dem Salzkammergut in die Hitparaden gebracht hat, in diesem Interview, das er der BISZ kurz vor seiner Abreise zu den Plattenaufnahmen nach Köln gegeben hat.

HvG: Ich habe auf der Tournee erstmals massiv mit einer Industrie zu tun gehabt. Nicht mit der Plattenindustrie, sondern der Veranstaltungsindustrie. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß vieles auf diesem Niveau ineffizient abläuft daß mit Energien sorglos umgegangen wird - mit Menschenkraft und mit Geld. Der persönliche Streß, dem alle Beteiligten ausgesetzt sind, der ist im Vergleich zu dem, was umgesetzt wird, schlecht bezahlt. Und wenn mans vom Geld her betrachtet, es war effizienter, vor 1000 Leuten in Graz zu spielen, als vor 5000 in Goisern, abgesehen vom Erfahrungswert, vor so vielen Leuten zu spielen.

Ihr habt schon im vorigen Jahr in vollen Hallen gespielt. Was war jetzt auf dieser Tournee anders als im Vorjahr?

Der Streß ist mehr geworden. Zum Schluß ist die Routine eing'fahren. Ich glaube aber trotzdem es ist uns trotz Streß etwas besonderes gelungen. Bestimmte Sachen möchte ich allerdings nicht mehr wiederholen. Ich werd' zum Beispiel nicht mehr in irgendwelchen Bezirkssporthallen oder Tennishallen spielen. Mit gewissen Veranstaltern möchte ich auch nichts mehr zu tun haben.

Wie unterschiedlich waren die Erfahrungen in Österreich und in Deutschland?

Deutschland ist noch nicht so Hiatamadl geschädigt. Die Leute, die gekommen sind, waren gegenüber dem, was geboten wird, viel offener als in Österreich. wo einige Leute - ich schätze so rund 20 Prozent - gekommen sind, die sich etwas ganz anderes vorgestellt haben, etwas musikantenstadelmäßiges, etwas bierzeltähnliches. Eine Hälfte haben wir überzeugt, denen hat es gefallen. Der anderen Hälfte von den 20 Prozent halt nicht. Die werden das nächste Mal nicht mehr kommen. Dafür kommen andere, die diesmal daheimgeblieben sind, weil sie eben Bierzeltmusik erwartet haben. Aber im großen und ganzen darf man sich über eine ausverkaufte Tournee nicht beklagen.

Was waren die Highlights dieser Tournee?

In Österreich sicher Kufstein und Wien. Kufstein weil es ein wunderbares Ereignis war. Gut gespielt, die Zuhörer sensibel. Es hat den ganzen Tag geregnet, die Hohtraxlecker spielten den Regen weg. Heast as net geht in ein Feuerwerk über, das für 800 Jahre Kufstein abgeschossen wird. Jeder ist mit strahlenden Augen heimgegangen. Ich hab mich schon sehr geehrt gefühlt, daß sie ausgerechnet uns zu diesem Jubiläum eingeladen haben.

Die Wiener Stadthalle war auch etwas besonderes, weil die Leute so mitgegangen sind. Es war befriedigend, daß es ihnen gefallen hat, obwohl es nichts mit ihnen zu tun hat. Es ist eine Genugtuung, wenn du woanders akzeptiert wirst. Das ist auch eine Komponente, die bei Kufstein mitgespielt hat. Das ist einfach ein anderer Kulturraum!

Genauso in St. Gallen in der Schweiz vor 20.000 Leuten. Es erfüllt mit großem Stolz, wenn du vom Veranstalter und von den Medien als bester Act eines Festivals unter Namen wie Jethro Tull oder Lucio Dalla gewertet wirst, Du hast auch an der Reaktion der Leute gespürt, was sich abspielt. Ausgerechnet bei dir kommt die Sonne heraus, nachdem´s s den ganzen Tag geregnet hat, und 20.000 Hände strecken sich dir entgegen...

In Deutschland waren die großen Festivals ein Erlebnis: Regensburg, "Tollwood" in München war mit 4000 Besuchern ausverkauft. Reichenhall oder Hamburg: was das für ein Streß war, dort zu spielen. Trotzdem war's klass. lan Anderson hat zu mir gesagt: "For them you must be like somebody from Mars!" Wenn dir so jemand das sagt, sich mit dir und deiner Musik auseinandersetzt, dann gibt dir das schon sehr viel...

Und Goisern?

Goisern war etwas besonderes, aber nicht das schönste Erlebnis!

Bei den Konzerten scheinen deine Aussagen zu Jörg Haider gut anzukommen. Außerhalb davon scheint die Zahl derer, die dich dafür kritisieren, großer zu werden. Wie ist dein persönlicher Eindruck?

Ich stelle fest, daß es während der Konzerte nur positive Reaktionen gibt. Daß sich einige damit nicht identifizieren, ist mir klar. Es ist verständlich. daß sie sich nicht rühren, wenn sie sich in der eklatanten Minderheit wissen.

Du bist ein Unterhaltungskünstler und als solcher hast Du Dich in Deinen Konzerten nicht mit Politik zu befassen - eine Meinung, die auch zu hören war!

Ich weiß nicht, ob meine Hauptaufgabe die Unterhaltung der Leute ist. Menschen, die nur unterhalten werden wollen, bleiben vorm Fernseher sitzen und schauen sich den Musikantenstadel an. Ich glaube, daß die Medien und auch viele Künstler die Intelligenz des Publikums unterschätzen. Die Politiker fordern, die Schule darf fordern, die Freizeit muß fordern. Was ist mit der Kunst? Ich sehe nicht ein, daß sich der Jörg zu Thomas Bernhard äußern darf und sagt: "Fort mit dem Schuft aus Wien". Etwas, das ich nie über den Jörg sagen würde. Im übrigen ist das ein Zitat von Karl Kraus. Oder der Haider meint: "Rothäute und Schwarze gehören in Reservate!"; sich zum Vranitzky und Busek äußert: "Verpacken und in den Müll werfen"; über politische Gegner sagt: "Blutegel, Chaoten, Klugscheißer!" Einer, für den alle Demonstranten "Pöbel" sind und Wissenschaftler "akademisches Ungeziefer", der darf sich nicht wundern, wenn er auch kritisiert wird.

Wenn nur mehr Politiker über Politiker urteilen dürfen, wo kommen wir da hin. "Goschen halten" ist Aufforderung zur Zensur. Und Zensur geht immer einher mit Diktatur.

Kultur ohne Politik ist wie Politik ohne Kultur. Auch anderer Musiker lassen sich zu eindeutigenpolitischen Aussagen und zu Kritik an Politikern hinreißen. Warum, glaubst Du, nimmt man gerade Dir das Politisieren besonders übel?

Schicksal? Je populärer du bist, desto mehr Leute setzen sich mit dir auseinander, desto mehr wirst du zum Reibebaum. Das stört mich nicht. Es ist eine Befriedigung, wenn ich Reaktionen mitkrieg. Wenn die Leute im Wirtshaus darüber diskutieren, zeigt das, daß sie sich damit auseinandersetzen, beginnen nachzudenken. Die Kritik an meinem Haider-Spruch gibt es nur "zu Hause" in Goisern. Man darf nicht vergessen, der Jörg hat hier große Sympathien. Die meisten Goiserer sind sicher keine Haiderfans. Viele sind aber trotzdem stolz, weil er einer ist, der aus ihrer Mitte hervorgegangen ist. Ich bin nicht stolz darauf..

Glaubst Du nicht, daß die Leute einfach wenig Erfahrung mit dem Kulturbetrieb haben und deshalb solche Aussagen, die zur Kultur dazugehören, bei einem Konzert gang und gäbe sind, die Leute hier befremden.?

Die Leute sind über die Medien sehr wohl über den Kulturbetrieb informiert, wissen genau, was passiert. Nur ist das alles, was dort angesprochen wird, weit weg. Jetzt kommt einer daher, der von da ist und etwas kritisiert, was da ist. Und für manche ist es unangenehm, darüber nachzudenken. Vielen stößt die Meldung auf, weil für die ist der Jörg "a unsriger, ah wenn wir ihn net wählen."

Aber Du bist auch "a unsriger"!

Für die Haider-Treuen bin ich ein Nestbeschmutzer. Nur stellt sich nur die Frage, wer das Nest mehr zuascheißt, der Haider oder ich. Es ist ja auch witzig, daß sich die Haidersympathisanten an etwas stoßen, was sie bei ihm als Tugend sehen: "Der sagt, was er sich denkt!" Es ist interessant, wenn ausgerechnet Haiderfans jene Klarheit vom Künstler fordern von der Haider weit entfernt ist. Seine Fans fordern eine Sprache, zu der ihr Idol nicht fähig ist.

Wie soll sich der Jörg verhalten?

Der Haider spielt eine nicht unwichtige Rolle im österreichischen politischen Leben, er polarisiert. Deswegen würde ich nie sagen "weg mit Haider", sondern, er soll sorgsamer umgehen mit seiner Macht. Er soll nicht mit dem Feuer spielen. Das ist eine brandgefährliche Angelegenheit, wenn man nach Deutschland schaut. Mir fällt dazu ein Zitat vom Historiker Ernst Hanisch ein: "Wer die Sprache radikalisiert muß wissen, daß er dadurch auch das Denken und Handeln radikalisiert!" Darum würd' ich von ihm verlangen : "Haider wia gscheida!"

Kennst Du Jörg Haider persönlich? Würdest Du ihm bei einem Zusammentreffen die Hand geben? Kannst und willst Du auf die Haideranhänger als Konzertbesucher oder Plattenkäufer verzichten?

Ich habe noch nicht persönlich mit ihm zu tun gehabt, ich würde ihm die Hand geben. Auf Haiderfans will ich nicht verzichten, ich will mich aber auch nicht anbiedern!

Warum mußt Du Dich von Jörg Haider distanzieren? Genügen Deine Musik und Texte alleine nicht dazu?

Es kommt schon heraus, wer das Programm aufmerksam verfolgt! Warum soll ich mich darauf beschränken, immer alles in Liedern zu sagen. Haider ist mir eine Aussage wert, aber kein Lied!

Waldheim war aber schon ein Lied wert!

Ja, das war damals eine total interessante Geschichte. Die Haider-Aussage aber mache ich. weil ich mich wirklich schäme. Wo du bist, wirst du erinnert, daß der Haider ja auch aus Goisern ist. Ich treffe Leute, die fragen, ob es wirklich lauter Nazis gibt im Salzkammergut, ob Goisern ein braunes Nest ist. Mich stört das, weil ich weiß, daß es nicht so ist. Das Bild will ich korrigieren.

"Würde sich die Volksmusik nicht wandeln wär's tote Musik!"

BISZ (Teil 2) 5. August 1993 | Text: Hannes Heide

Hannes Heide sprach mit Hubert von Goisern. Im zweiten (und letzten) Teil des BISZ-Interviews geht es um sein Verständnis von Volksmusik und sein Verhältnis zu jenen Volksmusikanten, aus deren Reihen zuletzt Kritik an seiner Musik zu hören gewesen war.

Dieser Tage weilt er noch in einem Studio in Köln, um dort die Aufnahmen für seine neue Platte abzuschließen. Vor seiner Abreise stellte er sich den Fragen der BISZ.: Im zweiten Teil des Interviews antwortet Hubert von Goisern auf' Kritik aus dem Kreis der Volksmusikanten und legt sein Verständnis von Volksmusik dar. Und auch die hohe Selbstmordrate in seiner Heimatgemeinde kommt zur Sprache: Er sollte es doch unterlassen, bei seinen Konzerten darauf hinzuweisen, meinen manche.

Wieweit ärgert Dich Kritik?

Das hängt von der Tagesverfassung ab, wenn du die Kritik liest. Kritik tut dann weh, wenn dich jemand falsch oder nicht versteht, So kryptisch sind meine Aussagen auch wieder nicht, als daß nicht nachvollziehbar wäre. welche Stellung ich einnehme sowohl was meine musikalische Seite als auch mein gesellschaftliches Engagement betrifft. Wenn wer überhaupt nicht kapiert, worum es geht, dann schließe ich in erster Linie auf Ignoranz.

Was bedeutet die Kritik bezüglich Deiner Meinung über Haider?

Kritische Aussagen zum Haider-Statement machen mir be-wußt, wie es ankommt. Wichtig ist, daß es genau dort ankommt - bei den Haider-Wählern. Ich möchte eine Sprache finden. um zu kritisieren ohne vor den Kopf zu stoßen. Kritik ist sehr wichtig.

Gilt das auch für die Kritiker aus den Reihen der Volksmusikanten, die Du im Gegenzug als Fundamentalisten bezeichnest - ist das ein angemessener Vergleich?

Schlechte Kritik ist besser als gar keine. Es ärgert mich nicht. wenn einer sagt. das, was ich mache ist keine Volksmusik. Das ist eine Auffassung von Volksmusik. die sich nicht mit meiner deckt. Das ist ein Begriff, den jeder anders auslegt. Für mich ist Volksmusik nicht alt und ehrwürdig, sondern das, was die Leute zu ihrer Musik machen. Nehmen wir Heast as net: Das ist zur Zeit viel mehr Volksmusik als Von der hohen Alm auf die nieder Alm. Mich stört die Einstellung "So, wia i sog, so is richtig!" Das ist Fundamentalismus, der jegliche Erneuerung jeden Wandel ausschließt. Wenn das Leben nicht so wandlungsfähig wäre nie es ist - dann wäre die Erde ein toter Planet. Und würde sich die Volksmusik nicht wandeln, dann wär's tote Musik!

Was können Volksmusikanten von Dir lernen, was kannst Du von ihnen lernen?

Ich weiß nicht. was sie von mir lernen können. Ich kann von den anderen lernen. Ich lerne von den Volksmusikanten ein Liedmaterial, das sonst verschollen, ungreifbar wäre. Ich habe nie gesagt. "tat's so wia i, dann is alles besser". Von mir kann man vielleicht allgemeine Geschichten lernen. Wenn du etwas machen möchtest, eine Vision hast, darin kannst du sie auch verwirklichen Wie ich mit dein Projekt angefangen habe, haben viele gesagt. "es is eh alles zu spät mit der Volksmusik". Von Besserwissern soll man sich nicht vom Weg abbringen lassen.

Du hast zweimal für Fernsehaufnahmen einmal für den ORF einmal für den Bayrischen Rundfunk mit Musikern aus Goisern musiziert. Es steht der Vorwurf, Du hättest Dich nur deshalb mit Volksmusikanten umgeben, um Deine Musik als Volksmusik zu legitimieren.

Ich habe damals gewußt, wie kontroversiell die Geschichte ausgeht. Es war aber ein ausdrücklicher Wunsch vom ORF-Landes-studio. Die Sache mit dein Bayrischen Rundfunk: Es war mir wichtig zu dokumentieren, wo ich meine Inspiration her hab. Man darf nicht vergessen, daß es sich um einen einzigen Mann handelt, der Probleme mit dem hat, was ich mache. Da ist eine große Portion Neid dabei. Manche tun sich total hart, zu akzeptieren, daß ich einer Generation Zugang zur Volksmusik geschaffen habe, einen Zugang auch zur Musik vom Goiserer Viergesang. Manchen tut das so weh, daß sie gleich in Angriff über- gehen. Trotz Kritik vom Neuper-Lois, trotzdem, daß er mit meiner Musik nichts anfangen kann, steh ich nach wie wie vor auf die Musik vom Goiserer Viergesang, steh ich nach wie vor auf sein Singen, auf sein Baß- und sein Gitarrespiel!

Es heißt, ein Volksmusikant habe gesagt, solltest Du den Kuahmelcher singen, werde er Dich erschießen. Jetzt ist der Kuahmelcher im Programm.

Wenn der Toifl-Fritz das sagt, der ein ganz großes Vorbild ist, der aber auch einen Schmäh hat, dann nehme ich es ernst, wenn ich den Kuahmelcher mach'. Dementsprechend geh' ich an den Kuahmelcher heran. Wenn mir der Neuper erklärt: "Den Kuahmelcher singen ma nie gleich, der ist immer anders", dann kann man sich vorstellen, wie anders der ist, wenn ihn andere Gruppen singen. Von diesen vielen Möglichkeiten möchte ich eine wahrnehmen. Und ich sage nicht, meine ist die amtliche, die einzig wahre.

Ich verspreche dem Toifl, daß im Kuahmelcher, so wie wir ihn live singen und so, wie er auf der neuen Platte kommen wird, all meine Musikalität, mein Herz und mein Verständnis steckt Die Leute sollen dann beurteilen, wie es ihnen gefällt. Wenn ich die Meldung vom "Daschiaß'n" ernstnehme, dann begebe ich mich auf dasselbe Niveau, wie die Leserbriefschreiberin, die sich damit auseinandersetzt, ob in der zweiten Klasse Volksschule wirklich gelehrt wird, wie man einen Knoten zum Selbstmord bindet.

Wird das Thema Selbstmord in der Form, wie Du es abhandelst, nicht doch stark vereinfacht?

Ich habe eine persönliche Kritik bekommen, ich solle doch unterlassen herumzuerzählen, daß sich in Goisern so viele Leute aufhängen. Das Thema Selbstmord mag tabu sein. Aber wenn es nicht angesprochen wird, dann ändert sich nichts. Ich war 14 Jahre alt, als sich vor unserem Haus einer auf einem Baum aufgehängt hat. Eine Freundin in Wien hat sich vom sechsten Stock gestürzt. Ein normaler Mensch denkt darüber nach, ich laut.

Wenn ich Selbstmord beim Konzert anspreche, so ist die Message ohnehin sehr klar. Ich glaube an gewisse Erdstrahlungen, die es in Goisern gibt, an ein Kraftfeld, das manchen Leuten sehr schräg einfährt. In der Volksmusik spürt man das auch. Das geht irrsinnig tief. Du hast ein wahnsinniges Glücksgefühl, auf der anderen Seite einen fürchterlichen Blues.

Ich selber war in Kanada mit Selbstmordgedanken konfrontiert. Ich bin schon oben auf einem Hochhaus gestanden und wollte mich hinunterstürzen. Da bist ganz allein und nix hat mehr einen Sinn. Wenn du versuchst darüber nachzudenken. merkst, das ist eine Sackgasse. Wenn nix mehr einen Sinn hat, kann nicht ausgerechnet Selbstmord das einzig sinnvolle sein!

In einem Leserbrief in der BISZ bist du als "Genosse" bezeichnet worden. Wo fühlst Du Dich politisch zugehörig?

Ich fühle mich politisch konfessionslos. Ich bekenne mich gern dazu, daß ich bei den letzten Wahlen grün gewählt habe. Ich scheue mich aber auch nicht zu sagen, daß ich fähige Leute in allen Parteien sehe: Lacina, Vranitzky, Mock, Schlüssel zähle ich dazu, aber auch Petrovic, Wabl und Pilz.

Da ist kein Freiheitlicher dabei!

Die Freiheitlichen sind eine Ansammlung von sehr eigenartigen Menschen, Stichwort Mölzer, Stichwort Rumpold, der einmal gesagt hat: "Ihr seid s Scheißhund, ihr Kinstla!" Als Partei in ihrer derzeitigen Form ist die FPÖ nicht die, der ich etwas Positives abgewinnen kann. Ich glaube es gibt auch in der FPÖ Leute, die fähig sind. Nur hört man von denen nichts.

In Deutschland spielst Du Konzerte für Renate Schmidt, der Spitzenkandidatin der SPD für die Landtagswahlen.

Die Renate Schmidt war mir von Haus aus sympathisch. Die SPD ist in Bayern krasser Außenseiter. Renate Schmidt ist eine, der ich vertrau Ich habe keine Berührungsängste mit der SPD. der CDU oder der FDP. Es geht mir nicht darum, irgendwelche Parteien zu pushen, sondern Persönlichkeiten, die ich integer halte. Sonst kommen nur mehr die Parteidiener, die Gschaftlhuber zum Zug. Die, die eine dicke Haut haben. Unsensible. die von den Riesenproblelmen unserer Zeit nicht berührt werden und damit auch unfähig sind, mit diesen Problemen der Zeit fertig zu werden...

Ziehharmonika goes Rock 'n' Roll

Music Mag September 1993 | Text: Philipp Roser

Hubert von Goisern & die Original AlpinkatzenWunder gibt es immer wieder. Auch im knallharten Musikbusiness. Da ist ein Album über ein Jahr auf dem Markt und springt dann erst plötzlich in die Charts. So geschehen mit Aufgeign statt niederschiassn. Monatelang haben Hubert von Goisern und seine Original Alpinkatzen aus Österreich die Nachbarrepublik live beackert - mit Erfolg, wie sich nun anhand von Plattenverkäufen zeigt.

Die Fusion traditioneller Volksmusik mit modernen (Rock'n'Roll) Rhythmen kommt an. Was nicht verwundert, denn Hubert von Goisern hat im Laufe der Jahre reichlich musikalische Erfahrungen gesammelt, die er nun mit seinen Alpinkatzen umsetzt: Als Kind spielte er in der Goiserer Blaskapelle, ehe er sieben Jahre lang durch die Welt trampte, überall hinschaute und hinhörte, wie andere Völker mit ihrer traditionellen Kultur umgehen. Seine daraus resultierende Erkenntnis: "Ich will schräge Volksmusik unter's Volk streuen, volksmusikalische Roots mit Rhythm & Blues-Elementen zu einer authentischen Mischung verschmelzen - regionale musikalische Identität mit internationalen modernen Musikformen unter einen Hut bringen."

Als sein "Lieblingsinstrument" bezeichnet Hubert auch heute noch die "Steirische", ein spezielles Akkordeon, das den Sound seiner Combo maßgeblich prägt. "Ziehharmonika goes Rock'n'Roll" also, und dementsprechend sind "Almen-Rap-Metal-Jodler" angesagt, wenn die Alpenkater auf der Bühne stehen und sämtliche Konzertsäle zum Kochen bringen - zuletzt bei einer gemeinsamen Tour mit der bayerischen SPD-Vorsitzenden Renate Schmidt, als die mit österreichischer Hilfe versuchte, an potentielle Jungwähler heranzukommen. Wobei die Katzen die Politikerin eher blaß aussehen liessen. Nicht zuletzt auch wegen ihrer deftig-derben-ironisch-witzigen Texte, für die sich der Goisern Hubert die Kehle aus dem Hals singt.

Ein langer Atem zahlt sich aus, diese alte Branchen- und Binsenweisheit hat sich einmal mehr durch Herrn von Goisern bewahrheitet: Denn schon seit 1984 brechen die Original Alpinkatzen sämtliche musikalischen Tabus, und nach neun Jahren scheint ihnen der endgültige Durchbruch (auch nördlich des Mains) gelangen zu sein.

Anarchist auf dem Heuboden

Kleine Zeitung 27. Juni 1993 | Text: Carina Kerschbaumer | Fotos: Herzele

Hubert von GoisernEine ältere Frau im roten Dirndlkleid ist begeistert, die Kids sind begeistert, die Väter auch, auf deren Schultern die Drei- und Vierjährigen sitzen, und "Hubert, Hubert" brüllen. Hubert, Hubert stampft über die Bühne, zieht die Ziehharmonika zusammen. Jodler und Rock mit offenen Berg-schuhen und Hosenträgern. Vor einem Jahr war er noch ein Nobody heute zählt er zu den populärsten Rock-Volksmusikern Österreichs. Doppelplatin für Rockmusik mit Oberkrainer Groove, Lederhose und Rap. Heubodensongs aus Verstärkern mit Tausenden Watt, Nebelschwaden und Lichtorgel.

Hinter der Bühne wartet ein junger Bursche mit Handtüchern auf dem Arm auf Österreichs Alpenzappa, den Mann aus Bad Goisern, ein 40jähriger Einzelgänger Zehn Jahre hat er für den Durchbruch benötigt, zehn Jahre lang ist er herumgetingelt, unbekannt. "Nit amal ignoriert ham's mi!" sagt er.

Der ehemals Ignorierte ist nach dem Zwei-Stunden-Open-Air vor Tausenden Fans erschöpft und marschiert wortlos über einen abgesperrten Platz in ein Gasthaus. Da warten sie bereits auf ihn, den introvertierten Jodler-Rebellen. Ein fünfähriger Bub will ein Autogramm auf die Jeans, die Mutter, eine Frau Mitte Dreißig, wünscht sich auch ein Autogramm auf das Hosenbein. "A Nomen a?" fragt Hubert und zieht bedächtig den Stift über den Oberschenkel. Um Mitternacht sitzt er dann endlich mit Bergschuhen und indischer Hose, mit Jodlerin und Alpinkatzen im Extrazimmer eines Kärntner Gasthauses und sagt dem Wirt, der die Speisenkarte mit "Hubert von Goisern" zierte: "An guatn Wein hätt' i gern."

Sie haben kürzlich einmal gemeint, es wäre hart, mit dem Erfolg fertig zu werden. Wie werden Sie denn jetzt damit wirklich fertig?

Im Moment, denke ich, bin ich noch ziemlich auf dem Boden. Ich bin halt total stolz, daß ich das alles durchgehalten hab'. Ich habe erst mit 30 begonnen, professionell Musik zu machen, und da hat's dann viele Durststrecken und viel Leut' gegeben, die den Kopf darüber geschüttelt haben. Wir haben kürzlich vor 5000 Leuten gespielt und ich hab' versucht, mir vorzustellen, daß die Leute alle wegen mir gekommen sind. Das hab' ich nicht geschafft.

Vor einigen Jahren haben Sie noch auf der Kärntner Straße musiziert, heute werden Sie als Österreichs erfolgreichster. Rockmusiker gehandelt. Ein kometenhafter Aufstieg.

Ich war auch glücklich, wie ich nur 15.000 Schilling im Jahr verdient habe.

Wie überlebt man mit 15.000 Schilling?

Es geht alles. Ich hab' oft monatelang nur Reis gegessen, oft auch gar nichts. Gewohnt hab' ich bei Freunden, sonst wäre ich nicht durchgekommen. Zum Aufstieg: Es gibt da den Spruch: Zur richtigen Zeit am richtigen Ort mit der richtigen Botschaft.

Welche Botschaft? Sieht man einmal davon ab, daß Sie die Wadeln des "Hiatamadl" mögen bzw. nicht mögen.

Ich drücke mich vor allem mit Musik aus, und Musik ist wortlos. Jahrelang wollte ich überhaupt kein Wort singen. Da kriegst eine vorgekaute Interpretation, während bei Musik pur kannst dich reinfallen lassen. Wenn schon Texte, dann bin ich eher für verschlüsselte Texte mit einem gewissen Surrealismus.

Der Surrealismus hält sich beim Hiatamadl in Grenzen.

Da ist aber ein großer Schuß Sarkasmus drinnen.

Den Erfolg dürften Sie weniger dem Sarkasmus verdanken als der Ziehharmonika und dem rockigen Tumtata.

Kann schon sein, daß die Leute den Sarkasmus nicht so sehen. Thomas Spitzer hat gesagt: Ein Hit ist immer ein Mißverständnis.

Ihre Kollegen vom Attwenger Duo haben einmal über das Lob der heimischen Kritiker eine recht eindeutige Diagnose gestellt. Bei uns in Österreich, ätzten sie, regiere doch eh nur der Schwachsinn.

Sie meinen, das Hiatamadl ist auch Schwachsinn?

Hubert von GoisernNein, der Befund stammt von Ihren Kollegen.

Dazu kann ich nichts sagen.. Ich glaube aber, daß die Dummheit eine weitverbreitete
Seuche auf der ganzen Welt ist.

Sie sind jahrelang durch die Welt gezogen, sind vom kleinen Bad Goisern ins Apartheidsystem Südafrikas gekommen. Fern von Volksmusik und Lederhose. Sind Sie Ihnen abgegangen?

Nein, und daß ein Schwarzer ein Mensch zweiter Klasse ist, hab' ich auch schon vom kleinen Bad Goisern gekannt. Wir hatten in Goisern einmal einen Neger, einen Missionar. Als der in die Kirche gegangen ist, waren die Leute überzeugt, daß die Kirche entweiht ist. Nach vier Jahren Südafrika bin ich auch von einem Tag auf den anderen abgehauen. Da hat es nämlich nur mehr zwei Möglichkeiten gegeben: Ich werd' so wie die Weißen oder ich werd' zum Anarchisten.

Sie sagen, Sie würden in Ihrer Musik Tradition und Anarchie verbinden.

Ja, ich schwimme nicht gegen den Strom, aber auch nicht mit dem Strom.

Sie versuchen einen Kompromiß.

Das ist kein Versuch. Das ist diese Verbindung zwischen Tradition und Anarchie. Ich spür' beides total in mir. Was mir nicht paßt, reiß ich nieder, anderes übernehme ich.

Was paßt Ihnen nicht?

Separatismus, Grenzen, die Vorstellung einer Nation.

Jörg Haider kommt auch aus Bad Goisern. Kennen Sie ihn?

Nein, nicht persönlich, nur seinen Vater. Ich hab' mit ihm gestritten, weil er einmal bei einem Geburtstagsfest von meinem Großvater gesagt hat, daß die Geschichte dem Nationalsozialismus recht geben wird. Meine Freundin hat mich dann aber die ganz Zeit ins Schienbein getreten, damit ich nicht das Geburtstagsfest vermassle. Den alten Haider ehrt mein Vater halt immer noch sehr und er ist vom Typ her ja ein total lieber Mensch. Nur beim Nationalsozialismus macht's Klick.

In der NS-Zeit, sagen Sie, wäre die Volksmusik "total verhurt worden". Als was sehen Sie sich denn: als Erneuerer der Volksmusik, als Antipode zum Jodler-Sepp, als Profiteur des derzeitigen Ethno-Booms im Popgeschäft?'

Von Seite der Volksmusik sehe ich mich als Anarchist und Erneuerer, für einige bin ich ein Ketzer.

Mögen Sie traditionelle Volksmusik?

Sehr. Sie berührt mich irrsinnig tief.

Einige sehen in Ihnen und dem Attwenger Duo folkloristische Rebellen, ein Gegengewicht zu Karl Moik. Was halten Sie von ihm?

Nix.

Und außer nix? Er hat immerhin großen Erfolg.

Ja, aber er ist ein rückgratloser Entertainer.

H. C. Artmann sagt, Karl Moik wäre für die Volksmusik, was der saure Regen für den Wald wäre.

Guter Spruch.

Was sind denn Sie für die Volksmusik?

Ein Gewitter nach jahrelanger Trockenheit.

Audienz bei Hubert von G.

Oberbayerisches Volksblatt 15. Oktober 1993 | Text: Katrin Sachse

Mit dem Erfolg kam für den österreichischen Alpenrocker auch der Streß

Hubert von GoisernVor einem Jahr hat kaum ein Mensch Hubert von Goisern gekannt. Jetzt füllt der Österreicher große Konzertsäle, die dünnen Wadln seines Hiatamadls kennt jeder im Lande, der Radio hört, und Journalisten stehen Schlange für ein Interview. Auch Feldwies hat lange gewartet, bis der neue Star endlich kam, nachdem das Konzert verschoben worden war und der endgültige Termin lange nicht feststand. Und als er dann auf der Bühne stand, war der Saal der Philinia Music Hall im Feldwieser Gasthof brechend voll. Karten gab es schon lang keine mehr.

Rund 600 Zuschauer erlebten in qualvoller Enge und dicker Luft ein tolles Konzert. Hubert von Goisern, dessen Künstlername ein Hinweis auf seinen Heimatort Bad Goisern ist, agierte auf der Bühne, wie es die Zuschauer erwartet hatten und sehen wollten: frisch, witzig und energiegeladen. Nach zwei Songs als Zugaben zogen sich allerdings die Musiker in ihre Garderoben zurück und die Konzertbesucher versuchten auch nicht, sie noch mal auf die Bühne zu holen. Die Show war zu Ende.

Während der Saal sich leert, sitzt Hubert von Goisern in einem kleinen Zimmer neben der Bühne. Um ihn herum herrscht Chaos: Handtücher, Akten, Kleidungsstücke, Taschen. Die Techniker rollen die Kabel zusammen und verstauen Instrumente in große silberne Kisten. Ein paar Jugendliche haben sich vor der Tür des Künstlers postiert, um eventuell einen Blick auf ihn zu erhaschen. Die Chancen sind gering. Der kahlköpfige Aufpasser schüttelt immer wieder den Kopf.

Eine "Audienz" gibt es nur für Journalisten. "Nur fünf Minuten", mahnt der Manager und drückt die Tür auf. Hubert von Goisern sieht nicht aus wie ein Mann, der gerade ein Konzert erfolgreich über die Bühne gebracht hat. Seine Augen sind rot unterlaufen, er hat die Beine auf den Stuhl gezogen und verkriecht sich in seinem übergroßen Sweat-Shirt. Er scheint unendlich müde, ausgelaugt und restlos erledigt zu sein. Seit "ich weiß nicht mehr wie vielen Monaten" tourt Goisern durch Österreich und Deutschland, dazwischen Plattenaufnahmen und immer wieder Streß, Streß, Streß.

Vor dem Hit Hiatamadl habe er sich dieses Leben nicht vorstellen können, gesteht er, und es klingt fast ein wenig bedauernd, wenn er erzählt, daß sich sein Leben verändert habe. Er habe nur noch wenig Zeit für sich, für ein Privatleben, für Musestunden oder Reflektionen.

"Ich will ins Hotel." Hubert von Goisern sagt es und scheint noch weiter in sich zusammenzusinken. Der Angesprochene nickt, es muß noch abgebaut werden. Das Team um den Star funktioniert perfekt. Jeder weiß, was er zu tun hat. Es gibt keine Zufälligkeiten, keinen Leerlauf. Aus einer Musiktruppe wird ein Unternehmen, wenn der Erfolg kommt.

Mit seiner Musik hat Hubert von Goisern genau den Geschmack der Zeit getroffen, aber richtig einordnen lässt sie sich nicht. Als "Alpenrock" bezeichnen Kritiker die Mischung aus Rock- und Volksmusik Der Österreicher hat zu beiden ein "gespaltenes Verhältnis." - "Ich betrachte beide Phänomene kritisch und liebevoll, beides ist nicht das Gelbe vom Ei." Sagt er. Er möchte seine Musik nicht in irgendeinen Begriff eingeengt wissen. Jeder solle das darüber denken, was ihm gerade einfällt.