Hubert von Goisern
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BRENNA TUAT'S SCHON LANG

Lakonisch bis komisch

Süddeutsche Zeitung 16. April 2015 | Text: Franz Kotteder

Bei der Premiere des Dokumentarfilms "Brenna tuat's schon lang" ist sogar
Hauptdarsteller Hubert von Goisern zufrieden

Brennende Neugierde war es vielleicht nicht direkt, aber gespannt war er schon, wie sein Leben auf der Kinoleinwand aussehen würde. Der österreichische Musiker Hubert von Goisern sieht den 90-minütigen Dokumentarfilm Brenna tuat's schon lang am Dienstagabend im City-Kino an der Sonnenstraße zum ersten Mal. Aus Rücksicht auf den Filmemacher, wie er sagt, "denn wie ich mich kenne, hätte ich mich sonst bloß eingemischt". Der Filmemacher ist Marcus H. Rosenmüller, der ein paar Tage vor der Filmpremiere als Opernregisseur debütiert hat, und er macht an diesem Abend nicht den Eindruck, als ob er in den nächsten Tagen gleich noch eine Theaterpremiere oder einen Drehbeginn nachschieben möchte: "Ich bin echt froh, dass jetzt erst einmal eine Ruhe ist." Goisern wird später sagen, dass er immer das Gefühl hatte, Rosenmüller jederzeit vertrauen zu können. Und so ist er dann auch recht zufrieden mit dem Ergebnis: "Auch wenn ein paar Sachen drin sind, von denen ich nicht unbedingt wollte, dass die Leute sie sehen."

Es handelt sich dabei um Ausschnitte aus einer Fernsehshow der späten Achtzigerjahre, in denen Hubert von Goisern ein wenig als skilehrerhafter Gaudi-Bursch rüberkommt. Im Kino sorgt das für große Heiterkeit, wie überhaupt einiges im Film recht unterhaltsam ist, weil Goisern hübsche Anekdoten mit einer derart trockenen Lakonie erzählen kann, dass sie gleich noch komischer wirken.

Gefeiert zu werden ist aber sichtlich seine Sache nicht, und sein Münchner Manager und Produzent Hage Hein kann davon, nun ja: ein Lied singen. "Vor drei Jahren habe ich mir gedacht, dass ich so einen Film über den Hubert haben will." Das Schwierigste sei es dann gewesen, Hubert davon zu überzeugen. Rosenmüller sei sofort dabei gewesen, und wie man einen Film produziert, habe er, Hein, dann auch noch gelernt. Nicht zuletzt auch dank seines österreichischen Koproduzenten Kurt Langbein. Rosenmüller erzählt dann noch, dass er vor langer Zeit beinahe an einem Filmprojekt seines Kollegen Joseph Vilsmaier über Goisern beteiligt gewesen wäre. "Ich war schon ganz aufgeregt, weil wir uns mit ihm treffen sollten", sagt Rosenmüller, "aber dann ist er nicht gekommen, weil er keine Lust gehabt hat."

Am Dienstag aber hatte er Lust, und er feiert dann tatsächlich auch noch mit, im Saal des Oberangertheaters. Dort haben Produktionsfirma und Verleih zu Getränken und Nüsschen geladen. Das gleicht dann eher einem Branchentreff. Die beiden Kabarettisten Hannes Ringlstetter und Stephan Zinner etwa tauschen sich darüber aus, wie man am besten einen Auftritt in der bayerischen Provinz vorbereitet, und haben viel Spaß dabei.

Ernst wird es dann aber in der nächsten Woche: Am 23. April kommt Brenna tuat's schon lang mit knapp hundert Kopien in die deutschen und österreichischen Kinos.

Hubert von Goisern – seine Karriere im Film

Szene München 16. April 2015

Er gilt als Revoluzzer der Volksmusik, aber was passierte eigentlich in Hubert von Goiserns Leben zwischen den Hits Koa Hiatamadl und Brenna tuats guat? In dem Dokumentarfilm über den Musiker von Marcus H. Rosenmüller, wird diese Frage u.a. beantwortet.

Der Rebell mit der Ziehharmonika

Main-Netz 15. April 2015 | Text: Elena Koene, dpa

Nüchtern betrachtet war ein jugendlicher Rausch schuld. Denn erst als Hubert von Goisern eine halbe Flasche Schnaps intus hat, rührt er ein bis dahin verachtetes Geschenk seines Großvaters an: eine Ziehharmonika. Und zwar ursprünglich, um sie zu zerstören. "Ich wollt' sie auseinanderreißen, hab' daran gezogen und auf den Tasten rumgehauen", erinnert sich Goisern in der Filmdokumentation Hubert von Goisern - Brenna tuat's schon lang.

Aus der Zerstörungswut wurde eine große Liebe. Denn während er das bis dahin unbenutzte Instrument malträtiert und ihm dabei Töne entlockt, merkt Goisern plötzlich überrascht: "Klingt des geil!". Goisern zieht mit der Ziehharmonika aus, um damit berühmt zu werden, um dem traditionellen Volksmusikinstrument virtuos und teils ekstatisch neue Töne und Melodien zu entlocken, um diese mit beißenden, romantischen und nachdenklichen Texten zu mischen. Er wird Österreichs bekanntester "Alpenrocker".

Es wäre freilich viel zu kurz erzählt, die Karriere von Goisern nur auf den Rauschmoment zu reduzieren. Musikalische Begabung, Kreativität, Unbeirrbarkeit, Mut und nicht zuletzt Durchhaltevermögen gehörten ebenso dazu wie treue Wegbegleiter, die das Potenzial des Musikers aus der oberösterreichischen Provinz erkannten und ihn über Jahre begleitet haben. All das zeigt der Film, der am 23. April in den deutschen Kinos anläuft, in Rückblicken und aktuellen Interviews.  

Dass der Film trotz der oft krachenden Musik Goiserns ein ruhiges und unaufgeregtes Portrait geworden ist, liegt auch an Regisseur Marcus H. Rosenmüller. Der gebürtige Tegernseer ist seit Jahren mit modernen bayerischen Heimatfilmen erfolgreich und versteht es, dem mittlerweile 62-jährigen Musiker nette Anekdoten zu entlocken und ihn als weltoffenen, stets neugierigen, aber auch nachdenklichen und höchst kreativen Menschen zu porträtieren. 

Rosenmüller setzt Goisern gleich in der ersten Einstellung in ein kleines Boot auf einem malerischen Alpensee, lässt ihn frei erzählen und kommt immer wieder in diese Szenerie zurück. Beim Angeln erinnert sich Goisern an seine Kindheit in dem 6000-Seelen-Dorf Bad Goisern. Einem Kurort, in dem die Kinder stets zum Leisesein ermahnt wurden, um die Gäste nicht beim Regenerieren zu stören.

Bis heute hadert der Musiker mit seinem konservativen Geburtsort, in dem es sieben Blaskapellen gab, wovon ihn eine hochkant rauswarf, als er auf lange Haare und weibliche Musiker bestand. Dass er seinen Nachnamen Achleitner in "von Goisern" änderte, sei ein "Racheakt" an den örtlichen Kritikern seiner neuen Art der Volksmusik gewesen.

Gespickt mit Konzertmitschnitten und aktuellen Zusammentreffen zwischen Goisern und früheren Mentoren und Wegbegleitern entfaltet der Film die Karriere und das Leben des Musikers. Zeigt ihn auf Konzertreisen in Ländern wie den USA, Ägypten und dem Senegal sowie auf einer Schiffstour durch Europa. Der Streifen thematisiert aber auch seine schwierigen Anfänge sowie Flops und beschreibt auch längere Karrierepausen: "Ich wollte wieder Zufällen mehr Raum geben".

Aktuell pausiert Goisern nicht, in wenigen Tagen kommt ein neues Album auf den Markt. Trotz Höhen und Tiefen wirkt der Österreicher tief zufrieden mit sich und seiner Karriere. Getreu seinem Motto: "Wer über den Istzustand hadert, der ist schlecht aufgestellt - weil es ist, wie es ist".

Film-Premiere für Goisern-Dokumentation in München

dpa 15. April 2015 | Foto: Hannes Magerstaedt/Getty Images Europe

Mit viel Applaus und gut gelaunten Gästen ist am Dienstagabend in München die Deutschlandpremiere eines Dokumentarfilms über Hubert von Goisern über die Bühne gegangen.

Hubert von Goisern - Brenna tuat's schon lang heißt der Film, in dem Regisseur Marcus H. Rosenmüller den österreichischen "Alpenrocker", der eigentlich Hubert Achleitner heißt, überwiegend selbst zu Wort kommen lässt. So sinniert Goisern etwa in einem kleinen Boot auf einem malerischen Alpensee oder im Zug über das Leben und über seine eigene Karriere. Er erinnert sich an Tadel aus der heimatlichen Provinz, als er auszog aus dem kleinen Bad Goisern, um neuartige Volksmusik zu machen. Unbeeindruckt von seinen Kritikern legte Goisern mit seinem unverwechselbaren Sound eine große Karriere hin - selbst in Ägypten und im Senegal wippte das Publikum bei seinen Liveauftritten mit. In dem unaufgeregten Film, der neben vielen Konzertmitschnitten auch Flops aus Goiserns Karriere aufgreift, kommen mehrere seiner Weggefährten zu Wort. Er startet am 23. April in den deutschen Kinos.

Hubert von Goisern und Marcus H. Rosenmüller

Mehr Fotos unter www.zimbio.com

Doku über einen Lebensverschwender

Kleine Zeitung 14. April | Text: Winfried Radl

In "Brenna tuat's schon lang" zeichnet der bayrische Regisseur Marcus H. Rosenmüller
ein umfassendes, atmosphärisches Porträt von Hubert von Goisern.

Hubert von Goisern zählt zu den leuchtendsten Fixsternen am heimischen Pophimmel. Einer Würdigung seines reichhaltigen, weit verästelten Künstlerlebens in Form einer Dokumentation hat sich der bayerische Regisseur Marcus H. Rosenmüller angenommen. Entstanden ist Brenna tuat’s schon lang, ein umfassendes, atmosphärisches Porträt eines Einzelkämpfers, das am 24. April in den Kinos gezündet wird.

Im Morgengrauen unter schwer bedecktem Himmel öffnet sich das Tor eines Bootshauses am Hallstätter See, und hinaus tuckert Hubert von Goisern auf einer Plätte, um mitten am See stehen zu bleiben, die Angel auszuwerfen und übers Leben zu sinnieren. Kitschfreies, ländliches Idyll und der Zustand vollkommener Entschleunigung - bester Ausgangspunkt für eine vielschichtige, ereignisreiche Filmbiografie.

Aufgewachsen im Kurort Bad Goisern mit der ewig gültigen, an die Kinder adressierten Auflage, stets still zu sein, damit sich die Gäste regenerieren können, bekommt er als Zwölfjähriger einen Musiklehrer zugeteilt, dessen Musikalität, die er in "menschen- und lebensfreundlicher Art verströmte", den Grundstein für Von Goiserns Künstlerwerdung legte. "Nie hat er mir faulen Hund Stress gemacht. Er hat mir vermittelt, dass Musik etwas Lässiges ist." Dennoch war der Verbleib des damals langhaarigen Querulanten in einer von damals sieben ortsansässigen Musikkapellen nur von kurzer Dauer, "weil mir was Modernes abging und auch die Frauen". Es folgte der unvermeidliche Rauswurf und das vergebliche Warten auf eine Entschuldigung des Kapellmeisters, der seinerseits mit einem Klein-Beigeben seines Schützlings rechnete.

Qualitätsheimatfilme

Rosenmüller, Garant für Qualitätsheimatfilme aus Bayern (Wer früher stirbt, ist länger tot, Sommer der Gaukler), hat ausgiebig in den Archiven gewühlt: Nie gesehene Fotografien vom ganz jungen Hubert Achleitner, wie er bürgerlich heißt, ein Auftritt im deutschen TV-Show-Flop Nase vorn mit einer wahrlich schauerlichen Darbietung, Live-Aufnahmen aus dem Roten Engel im Wiener Bermudadreieck lange vor der späteren Begleitband Alpinkatzen und eine aus Scham erstmals erst jetzt erzählte Anekdote über einen gebuchten, aber nie stattgefundenen Gig im legendären Wiener Konzertlokal Tunnel. Die brisante Diskussion des bereits erfolgreichen Sohnes des Ortes mit einem Altvorderen über den Begriff Volksmusik macht begreiflich: "Der Künstlername Hubert von Goisern ist praktisch ein Racheakt von mir gewesen."

Rosenmüller bleibt mit der Kamera, während Von Goisern Stationen seiner Vergangenheit aufsucht, auf Distanz, wortwörtlich vor der Tür, schaut beim Fenster rein, beobachtet. Und rückt Von Goiserns Geburtshelfer und Denkmalpfleger in den Fokus: Hage Hein, Manager seit Anbeginn, erzählt vom ersten Aufeinandertreffen, von Startschwierigkeiten, vom Weißglühen der Telefonleitungen beim Bayerischen Rundfunk nach einem Auftritt im Münchner Nachtwerk, von der "Unvorstellbarkeit", die Alpinkatzen aufzulösen. Andreas Weineck, ehemaliger Plattenmanager, reflektiert seine wegweisende Entscheidung, das Hiatamadl als Single zu veröffentlichen.

Steil aufwärts verlaufende Karriere

Hubert von Goisern spielte zu Beginn seiner steil aufwärts verlaufenden Karriere auch in den USA, begeisterte dort Labelverantwortliche, die seine Musik als "Alpine Grunge" beschrieben, traf auf Jane Goodall und tibetische Musiker, gab Konzerte in Ägypten und im Senegal, widmete sich den Ursubstanzen echter Volkslieder (Trad) und holte sich davon "einen Grausen", durchpflügte als Menschenfischer per Schiff die Donau flussab- und aufwärts ("mein künstlerischer Achttausender"), versuchte sich als Schauspieler (Hölleisengretl), bespielte Wirtshäuser und schaffte es erst 2011 mit Brenna tuat's guat auf Platz eins der Singlecharts. Die Rückschau reicht mit Ausschnitten von der Premiere der aktuellen Tour bis in die Gegenwart.

Mit dem Zitat "Ich will eine Brücke schlagen, nicht so sehr zwischen den Kulturen, aber zwischen den Menschen" drängt er sich - getreu dem Motto "Building Bridges" - quasi als Song Contest-Botschafter auf. Als "Lebensverschwender" sieht er sich. "Wenn ich mir was vornehme, dann ist es verschwenderisch zu sein mit dem, was ich habe." Auch wenn sich die sehenswerte Doku, die auch im Rahmen des Filmfestivals Crossing Europe (23.-28. April) zu sehen ist, später mal gut im TV machen wird - die DVD erscheint im Oktober -, ist ein Kinobesuch keine Zeitverschwendung. Zum Schluss, wieder zurück, mitten am See, scheint ein Fisch angebissen zu haben.

Willkommen Österreich mit Hubert von Goisern

ORF 15. April 2015 | Foto: © ORF/Hans Leitner

Es gibt langweilige Musikinstrumente wie die Nasenflöte und es gibt langweilige Sportarten wie das Angeln. Aber es gibt kaum Lustigeres als Hubert von Goisern, Stermann und Grissemann beim Gespräch darüber zuzuhören. Der Kinofilm Brenna tuat's schon lang zeigt das musikalische Schaffen von Hubert von Goisern von seinen Durchbruch mit Koa Hiatamadl 1992 bis zu seinem aktuellen Album Federn, das im Mai erscheint. In Willkommen Österreich spricht er über die "peinlichsten" Stationen seiner Karriere, die der Film nicht zeigt.

Am Ende der Sendung beweist der Nasenflöte spielende Angler Hubert von Goisern, dass er ordentlich Feuer hat, sobald die Band Russkaja den treibenden Polka-Beat anstimmt. Mit seinem Song Poika katapultiert er das Publikum hinaus in die Nacht.

Aufgeigen statt Niederschiassen

Süddeutsche Zeitung 14. April 2015

Filmtipp des Tages: Marcus H. Rosenmüller hat einen Musikfilm über den
österreichischen Alpin-Weltmusiker Hubert von Goisern gedreht

Viele große Regisseure haben sich das Geschenk gemacht, einen Film über ihre Lieblingsband zu drehen. Der berühmteste ist wohl The Band von Martin Scorsese. Im Vorspann heißt es: "This movie must be played very loud." Nun hat auch Marcus H. Rosenmüller einen Musikfilm gedreht, über den österreichischen Alpin-Weltmusiker Hubert von Goisern. Sollte irgendwer auf die Idee kommen, im Vorspann auch eine Lautstärkemaßgabe einzuflechten, müsste sie heißen: "This movie must be played very low." Denn hier hat ein feinsinniger Regisseur einen leisen, über sich nachdenkenden Protagonisten gefunden, der von einer aberwitzigen Karriere erzählt, als müsste er immer noch darüber staunen, wie es doch noch geklappt hat im Musikgeschäft. Hubert von Goisern macht natürlich hier auch viel Musik, man kann die Stationen seiner Findung nachvollziehen. Aber am schönsten ist es, wenn er erzählt.

Hubert von Goisern - Brenna tuat's schon lang: Deutschlandpremiere, 20 Uhr, City, Sonnenstraße 12, in Anwesenheit von Hubert von Goisern und Marcus H. Rosenmüller

Goisern-Film feiert Premiere in München

dpa 14. April 2015

Hubert von Goisern steht seit mehr als 25 Jahren auf der Bühne, nun kommt ein erster Film über den österreichischen "Alpenrocker" in die Kinos: Hubert von Goisern - Brenna tuat's schon lang heißt die Dokumentation, die heute in München Deutschlandpremiere feiert. Der Film zeigt Goiserns persönliche und künstlerische Entwicklung seit seinem ersten großen Hit Koa Hiatamadl aus dem Jahre 1992. Neben dem Musiker selbst kommen auch zahlreiche Wegbegleiter zu Wort. Regie führte Marcus H. Rosenmüller, der mit dem Film Wer früher stirbt ist länger tot bekanntwurde. Der Goisern-Streifen startet am 23. April in den deutschen Kinos.

"Kino Kino" mit Hubert von Goisern und Marcus H. Rosenmüller

BR 9. April 2015

Wie verbildlicht man am besten die Kraft von Hubert von Goisern? Marcus H. Rosenmüller fand für seinen Film Hubert von Goisern - Brenna tuat's schon lang einen unerwarteten roten Faden: das Angeln. Ganz im Sinne von Hubert von Goisern.

Zwischen Volksmusik und Rock

airberlin magazin 4/2015 | Text: Simon Biallowons

Hubert von Goisern ist bekannt als Vertreter des Alpenrocks und kritischer Kopf. Er hat Erfolg und sich zugleich nie von ihm abhängig gemacht. Stattdessen ging er seinen eigenen Weg, der ihn rund um die Welt führte und der nun als Film in die Kinos kommt.

Zwei Dinge fallen einem besonders auf, wenn man Hubert von Goisern gegen­ übersitzt. Nicht die Klamotten, die wir­ken, als würde er jeden Moment aufstehen und auf eine Trekkingtour gehen wollen. Nein, zum einen die langen, schlanken Hände, die ständig in Bewegung sind, selbst wenn er die Arme vor der Brust verschränkt. Und ein Lächeln, das völlig unvermittelt über das ganze Gesicht hereinbricht wie ein Sonnenstrahl zwischen wolkenverhangenen Gipfeln in seiner österreichischen Heimat, der ganz plötzlich eine Alm oder ein Tal in Licht hüllt. An diesem Nachmittag im kleinen Café Kosmos im Münchner Zentrum bricht die Goisern­ Sonne oft durch, als er über sich, sein Leben, den neuen Dokumentarfilm Brenna tuat’s schon lang (ab 23. April in den deutschen Kinos), seine neue CD Federn (ab 8. Mai im Handel) und die ab 12. Mai an­ stehende Tour spricht.

Es gibt da diese Anekdote, die viel über Hubert von Goisern aussagt: Als er eines Tages an einer Maut­ stelle in Österreich ankommt, schaut ihn der Beamte an, stutzt, fragt: "Sie sind doch der von Goisern?" "Ja." "Mei, schad, dass Sie aufghört ham." 2011 war das, und kurz zuvor hatte von Goisern mit Brenna tuat’s guat seinen ersten Nummer­-eins-­Hit in Österreich und auch in Deutschland einen Riesenerfolg gelandet. Trotzdem: Schad, dass Sie aufghört ham.

Ein Beispiel dafür, wie schwer der Künstler Hubert von Goisern zu greifen ist und dass er nicht nach den normalen Maßstäben der Branche funktioniert, über die er selbst sagt: "Es gibt so viel, was funktioniert und trotz­ dem Scheiße ist. Aber ich mag nicht nur funktionieren." In der Tat, ums Funktionieren ging es für Hubert Achleit­ner nie, das zeigt schon sein Künstlername. Der geht auf seinen oberösterreichischen Heimatort Goisern zurück und ist, wie er im Film sagt, ein Racheakt dafür, dass er sich nie akzeptiert gefühlt habe. Statt also ein echter Goi­serer zu sein, ist er als Sohn Zugereister immer nur ein "Achtler" und bald dieses Lebens so überdrüssig, dass er erst mit der Volksmusik (er spielte Trompete) bricht und dann mit seiner Heimat und von 1972 bis 1983 mit Unterbrechungen in Südafrika, Kanada und auf den Philippinen lebt. Danach kehrt er zurück nach Österreich und zur Musik, interpretiert sie als "Alpenrock" neu und vor allem ganz eigen, feiert 1992 mit den Alpinkatzen und dem Lied Koa Hiatamadl und dem Album Aufgeigen stått niederschiassen seinen Durchbruch, nur um sich fünf Jahre später erneut aufzumachen, diesmal nach Afrika und vor allem Tibet: "Ich war so ergriffen einer­ seits und so ohnmächtig und wütend andererseits. Über die politische Lage und dass man dort sein Maul besser nicht so weit aufreißt. Ich war auf so verschiedene Art und Weise emotional berührt, so dass ich quasi die ganze Zeit über den Tränen nah war." Sagt’s, macht eine Pause und meint: "Außerdem, ich liebe die Berge. Und denen kommt man dort ja kaum aus." Wieder so ein Goisern­-Sonnenstrahl-Moment.

Hubert von Goisern"Für mich ist die Schöpfung ein Wunder", sagt von Goi­sern im Film und auch in unserem Interview, dort fügt der 62­Jährige noch hinzu: "Ich glaube nicht an einen personalen Gott, weil ich mir schwer damit tue, dass er als Vatergestalt projiziert wird. Was ich aber glaube, ist, dass wir nicht das Ende der Fahnenstange sind. Da gibt’s schon noch etwas über uns, des is gwiss." Die Natur als Schöpfung, die Stille und die Sprache der Natur, solche Gedanken prägen die Musik und das Leben von Goiserns. Wir sprechen an diesem Nachmittag darüber und über unzählige Facetten davon, zu viele für dieses Porträt. Zwei Motive stechen jedoch heraus: "Egal, ob als ruhiger Bergsee oder als Meer oder als Stromschnelle, die uns wie unser Leben mitreißt und sich plötzlich beruhigt: Wasser spielt eine große Rolle für mich. Wie das Hera­ klit sagt, so glaube ich, dass man nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen kann. Will ich auch gar nicht. Ich will lieber zu unseren Quellen. Ich will Klarheit und Ein­fachheit in meinem Leben und in meiner Musik und an der Quelle, da ist das Wasser klar und rein. Natürlich ist das immer nur ein Annähern, aber wenn man so will, so ist mein ganzes Musizieren ein Suchen nach so etwas wie einer Urmelodie. Und zugleich, wie bei meiner Schiffs­ tour (Linz Europa Tour von 2007 bis 2009, bei der er zwei Jahre lang auf der Donau durch Europa fährt und mit Musikern der entsprechenden Länder spielt, Anm. d. Red.), will ich auch ins Flussdelta. Ich will sehen, was aus der Quelle wird und wie sich das Wasser ausbreitet." Oder, um es mit einem anderen Schlüsselbegriff von Goi­serns zu sagen: wie sich die Quelle verschwendet.

"Leben ist Verschwendung." Was meinen Sie mit Verschwendung? Das ist doch negativ? "Überhaupt nicht. Wenn man Sachen anderer verschwendet, dann ja. Wenn man die Ressourcen der Natur verschwendet, dann ja. Aber wenn man das, was man bekommen hat, verschwen­det, dann ist das urpositiv. Dann teilt man sich dem anderen mit und hilft ihm, die Perspektive zu wechseln und so neue Eindrücke zu bekommen. Auch meine Musik ist in diesem Sinne Verschwendung. Wenn ich nach einem Kon­zert noch eben locker 10.000 Meter laufen könnte, dann war das nichts Gescheites. Dann habe ich nicht alle meine Energie reingesteckt, dann war ich nicht im positiven Sinne verschwenderisch. Das ist das, was ich in meinem Leben wirklich versuche: verschwenderisch zu sein."

Hubert von Goisern: "Brenna tuat's schon lang"

Kronen Zeitung 4. April 2015 | Text: Christina Krisch

Hubert von Goisern ist ein Musiker, dessen Botschaften lodern, in uns weiterglimmen. Der Film "Brenna tuat's schon lang"  (ab 24. April im Kino) kommt dem Menschen und Weltenbummler ungewöhnlich nah.

Er liebt die Stille, die in aller Herrgottsfrüh über dem Hallstätter See liegt, wenn er seine Köder auswirft. Weil, so Hubert von Goisern, "Angeln so ein gesunder Dialog mit der Natur ist". Er mag das Reisen und ist doch heimatverbunden, verwurzelt. Mit seinem Geburtsort, dessen Namen er wie ein Adelsprädikat trägt. Von Goisern. Soll heißen: Da bin i her! Er hat den Alpen-Blues in der Kehle, spielt auf der Quetschn, bis die Fingerkuppen bluten, er nimmt der Tradition das Nationale und peppt sie rockig auf. Lässt freche Mundartreime mit Gesellschaftskritik kollidieren. Und ist ein Menschenfischer - was frenetisch gefeierte Konzerte im deutschsprachigen Raum belegen.

Die Doku Brenna tuat’s schon lang, Regie: Marcus H. Rosenmüller, folgt den Spuren des Musikers, Wortschmieds und Philosophen von Goisern, der sich, wenn ihn Lob überfällt, schnell in seine Bescheidenheit zurückzieht wie auf einen Einödhof, um das Leben mit gebührendem Abstand zu betrachten - und dann wieder in Töne und Texte zu packen. Eine Annäherung an einen, der für das, was er tut, brennt.

Der Filmtitel Brenna tuat’s schon lang klingt leidenschaftlich. Im ähnlich lautenden Song Brenna tuat's guat lodert Gesellschaftskritik nicht zu knapp.

Ja, es geht um das Verheizen von Lebensmitteln zur Treibstoffgewinnung. Wenn zeitgleich dann Menschen an Hunger sterben, ist etwas aus dem Lot geraten. Auch ein leerer Magen brennt.

Ein echtes Wutlied also?

Wut verstellt die Sicht auf die Dinge, lässt Unschärfen zu.

Wie entstehen solche Lieder, aus welcher Stimmung heraus nehmen sie Form an?

Aus der Situation, oder aus dem Nachdenken, dem Nachspüren heraus. Sinnieren ist so ein schönes Wort, das diesen Schaffensprozess umreißt. Irgendwann steigen dann konkrete Gedanken auf, ziehen Kreise, wie Kiesel, die man ins Wasser wirft.

Kennt der Liedermacher so etwas wie eine "Textblockade"?

So ein Ringen um Worte? Eigentlich nicht. Wenn's fließt, dann fließt's. Ein Tischler kann sich ja auch keine Hobelblockade leisten.

Wie bekömmlich sind für Hubert von Goisern die Musik-Begriffe "Alpen-Rock" oder "Weltmusik"?

Mit dem Gebirgler-Rock kann ich mich identifizieren. Weltmusik hatte einmal etwas Exotisches, das nach musikalischem Neuland klang. Dann verkam der Begriff zu Allerweltsmusik. Ich mag Traditionen, Althergebrachtes. Und ursprüngliche ethnische Sounds. Archaische Klangbilder, die aus dem Volk, gleich wo, kommen.

Sie beherrschen gleich mehrere Instrumente virtuos. Ziehharmonika, Trompete, Gitarre, Mundharmonika, Klavier...

Passt schon. Beherrschen wäre zu viel gesagt. Ich spiele sie. Besser gesagt, ich malträtiere sie. Aber sie verzeihen mir immer wieder.

Ein Lied lautet da Halt nit an. Ist das Unterwegssein Teil der Lebensphilosophie eines Musikers?

Na ja, wer immer hinterm Ofen sitzt, der hat nit viel zum Erzählen. Ich hab da so meine Phasen. Die des Rastens, Ausharrens. Und die des Aufbrechens. Die meisten Reisen passieren mir einfach. Aus Neugier.

Was sucht ein Kreativer wie Sie auf Reisen?

Ich suche nicht. Der Zufall ist der beste Reisebegleiter. Er sorgt für unerwartete Begegnungen. Oder für einen Sonnenaufgang, den man nie vergisst. Landschaften, die mir viel Raum geben - zum Atmen, zum Nachdenken (von Goisern bereiste u. a. Afrika, Tibet, Kanada, Grönland, Anm. d. Red.) -, sind mir generell lieber als urbanes Menschengewirr.

Heast as nit ist ein Hit mit großer Verweildauer. Nehmen Sie die Bewegungen im Stundenglas akustisch wahr?

Manchmal ja, dann wieder nicht. Die Zeit ist halt neidig. Wer sich ganz an den Augenblick verliert, hat mehr davon. Klingt nach chinesischem Glückskeks, ist aber so.

Der Weltmusiker auf der Leinwand

Mittelbayerische Zeitung 3. April 2015 | Text: Mario Kunzendorf

Ein Film dokumentiert die Karriere von Hubert von Goisern.
Der Liedermacher musste sich mit dem Rohfilm erst anfreunden.

MÜNCHEN.Morgengrauen am Hallstätter See, ein Angler sitzt auf seiner Zille, alles ruht in sich und der Natur. "Es ist, wie es ist", sagt der Angler in die Kamera. Und bis der erste Fisch anbeißt, ist der halbe Film schon rum. Den Angler kennt man sonst von der Bühne. Denn Regisseur Marcus H. Rosenmüller widmet sich in einem Dokumentarfilm ausschließlich einem Musiker: Hubert von Goisern. Ausgangspunkt für die Idee zum Film mit dem Titel Brenna tuat’s schon lang war der Erfolg des Lieds Brenna tuats guat, das seit 2011 die Stimmung auf Volksfesten oder beim Après-Ski befeuert, natürlich auch unter jenen "Falotten", die der Liedtext eigentlich verflucht. Einen wie Hubert von Goisern wird das nicht wundern. "Viele haben auch nicht wahrgenommen, dass Brenna tuats guat und Koa Hiatamadl vom selben Musiker stammen", sagt der 62-Jährige beim MZ-Gespräch in München.

Im Zug und auf der Zille

Also ein Film. Ein Film, der diese guten 20 Jahre zwischen den beiden Alpinrock-Hits bebildert, vertont, erklärt. Und weil Hubert von Goisern, zurückhaltend formuliert, als Mensch nicht gerade die Öffentlichkeit sucht, fährt Rosenmüller mit seinem Kameramann Johannes Kaltenhauser Umwege, um seinem Protagonisten nachzuspüren, beispielsweise im Zug, beispielsweise auf der Zille. Hubert von Goisern ist Frühaufsteher und Angler. Das nutzt Rosenmüller für die naheliegende Metapher, einen Mann zu zeigen, der sich bereitwillig in die Gefahr des Untergangs begibt, der geduldig immer wieder Köder auswirft, seine Strategie überdenkt. Oder schlicht Spaß am Angeln hat.

Das See-Interview bildet die alles umspannende Klammer im Film, der die Frühphase bis zum Durchbruch mit den Alpinkatzen, die Zeit der Reisen nach Afrika und Asien, der Schiffskonzerttour durch Europa ("die 8000er-Besteigung meiner Karriere") sowie die Neuzeit mit umfangreichem Archivmaterial und Gesprächen mit Weggefährten ausleuchtet, Anekdoten inklusive.

Die private Seite bleibt im Dunkeln

Der Privatmensch bleibt hingegen unbekannt. Weshalb er vor seinem ersten Auftritt als Bluesmusiker in Wien davon lief, wird etwa erzählt, aber nicht, weshalb er zu diesem Zeitpunkt Hubert Sullivan hieß (geschuldet seiner damaligen Frau, deren Namen er annahm). Aus "Rache" an seinem Heimatort Bad Goisern wechselte der gebürtige Hubert Achleitner erst später auf den Namen Hubert von Goisern.

Mutmaßlich hatte Rosenmüller es nicht immer leicht mit seinem eigenbrötlerischen Hauptdarsteller, der vom Rohschnitt des Films vor einem Jahr noch "vollkommen entsetzt" war. Das vielleicht auch nur, weil Rosenmüllers Arbeit nicht seiner Selbstwahrnehmung entsprach. Ohne diesen Eigensinn aber wären viele mutige musikalische Projekte des Volksmusik-Guerilleros aus Goisern nie entstanden. Wie aktuell seine balladeske Dialektversion des Kirchenlieds Amazing Grace.

Professionell und ein bisschen verrückt

Federn heißt das neue Album. Zweimal war Hubert von Goisern auf Recherchereise im US-Südstaat Louisiana, um seinem Mix aus Volksmusik, Blues, Rock und Pop diesmal Country und Cajun einzufügen, wie gewohnt professionell, abwechslungsreich und ein bisschen verrückt. Wer nur einen Nachfolger für Brenna tuats guat sucht, wird mit Alle 100 Jahr bedient, wer sich mehr Zeit nimmt, entdeckt eine Reihe schöner Bluesballaden bis hin zur Neufassung von Ganz alloa aus der Alpinkatzen-Vergangenheit. Was Amazing Grace (So a Segen) dort mittendrin verloren hat? Die amerikanische Gegenwart.

Amazing Grace hat historisch Bezüge zur Überwindung der Sklaverei in den USA. Doch manches Erbteil aus der Zeit der Sklaverei ist geblieben. "Der Rassismus ist in den Südstaaten nach wie vor fürchterlich", sagt Hubert von Goisern, "es gibt tonnenweise Cajun-Clubs, aber da kommt kein Schwarzer rein." Er selbst wiederum tat sich selten so schwer, gemeinsam mit Ansässigen zu musizieren. "Die spielen dort nur gegen Geld", so der 62-Jährige, "und ich konnte bei so viel Widerspruch zwischen ihrer Eigenpräsentation und der Wirklichkeit nicht über meinen Schatten springen." Immerhin: Ein Pedal-Steel-Gitarrist (Steve Fishell) hat sich für das Album denn doch gefunden.

In Überlegung: eine USA-Tour

Am Projekt USA will Hubert von Goisern weiter arbeiten, vielleicht gar im Rahmen einer kleinen Tour. Selbst wenn ihm die Mentalität dort teils Unbehagen bereitet. "Musik kann eine Gemeinschaft entstehen lassen, unabhängig vom kulturellen Hintergrund", sagt er, jedoch bei manchen US-Amerikanern laufe ebenso wie bei manchen in der islamischen Welt "ein fanatischer Film ab". Es sei falsch, Büchern wie Bibel oder Koran eine alles andere ausschließende "Heiligkeit" zu geben und auf dem Wissenstand zum Zeitpunkt der Niederschrift zu verharren. "Wir haben in den letzten 2000 Jahren doch einiges dazu gelernt."

Es ist, wie es ist. Sagt der Angler Hubert von Goisern, meint es aber eben nicht deterministisch. "Man muss hin und wieder schon etwas tun." Vielleicht ködert er dabei irgendwann auch die Amerikaner.

Hubert von Goisern: Brenna tuat’s schon lang

Wasserburger Stimme 2. April | Text: Renate Drax

Ein warmherziger Film über Heimat, Musik und Fremde, der unter die Haut geht

Hubert von Goisern – Brenna tuat’s schon lang. So lautet der Titel eines Porträts, das Kultregisseur Marcus H. Rosenmüller über den Alpinrocker Hubert von Goisern gedreht hat und das im April im Wasserburger Kino zu sehen ist. Mit seiner systemkritischen Protesthymne Brenna tuat's guat traf von Goisern in Zeiten von Gier und Finanzkrise den Nerv und landete seinen Nummer-Eins-Hit. Jetzt setzt der Kultregisseur des modernen bayerischen Heimatfilms dem Globetrotter aus dem Salzkammergut und seinem Alpenrock zwischen Poesie und Provokation ein filmisches Denkmal …

Nicht umsonst trägt seine mitreißende Hommage den Titel Brenna tuat’s schon lang. Denn schließlich beweist Hubert von Goisern nicht erst seit gestern, dass der wahre Sound des Alpenraums fernab von Musikantenstadl und Volkstümelei liegt.

In persönlichen Gesprächen mit dem Musiker, aber auch mit Wegbegleitern, vermittelt der Rosenmüller-Film eine authentische Vorstellung von der Person Hubert von Goisern. Dabei werden mit teilweise erstmals veröffentlichtem Archivmaterial die wichtigsten Stationen seiner musikalischen Karriere nachgezeichnet und Höhepunkte sowie auch Brüche aufgespürt.

Ein warmherziger Film über Heimat und Fremde, vor allem aber über Musik, der unter die Haut geht.

Hubert von Goisern: Ich suche das Abenteuer

schau 2/2015 | Text: Julia Pühringer

Es passiert selten, dass der Protagonist einer Dokumentation schon im Vorfeld freimütig bekennt, sich damit nicht rasend wohl zu fühlen. Aber Hubert von Goisern passt eben auch sonst in keine Schublade, ganz egal, wie oft man ihm das Schild "Alpenrock" umhängen will. Nur eins war ihm als Teenager klar: "Ich wollte immer so sein wie der George Harrison."

Wie fühlt sich für einen so weit Gereisten eine solche Zeitreise in die Vergangenheit an?

Die Interpretation meines eigenen Lebens durch jemand anderen ist mir nicht ganz geheuer. Es gibt eben Sachen, auf die man stolz ist, und Sachen, auf die man überhaupt nicht stolz ist. Und natürlich kann man keinen Film machen, der nur eine Huldigung ist - es ist richtig, dass diese Brüche und nicht gelungenen Episoden auch vorkommen. Immerhin: Ein paar konnte ich verstecken, da hat keiner Material gehabt außer mir (lacht). Wenn man raus geht unter die Leut’, dann zeigt man sich ja auch von seiner besten Seite. Du kampelst dir die Haare so, dass das Gesicht am vorteilhaftesten ausschaut und nicht umgekehrt. Ich hätte den Film nicht machen können, der wär urfad geworden (lacht).

Kann man über die Heimat erst dann schreiben oder singen, wenn man herumgekommen ist?

Ja. Das heißt aber nicht, dass man weit weg muss. Aber man muss sich quer durch die Gesellschaft bewegen, muss Leute, die ganz anders leben, und andere Situationen kennenlernen, um nicht Gefahr zu laufen, eine einfache Formel fürs Leben gefunden zu haben. Das Leben ist total komplex, es gibt so viele Wahrheiten. Wenn’s eine große Unwahrheit gibt, dann die, dass es gescheiter wär’, wenn alle alles gleich machen würden.

Sie haben vier Jahre versucht, ohne Musik zu leben - was ist Ihnen davon geblieben?

Ich bin in der Zeit viel herumgereist, hab’ viel gesehen, hab’ das Gefühl gehabt, dass ich überhaupt nicht weiß, worum’s geht im Leben. Ich hab’ keine Ziele gehabt, ich wollte nur schauen. Ich wollt’ unauffällig sein. Ich hab’s darunter gelitten, groß zu sein, ich wär’ gern um 10cm kleiner gewesen. Ich wollte, dass mich alle in Ruhe lassen und ich wie Hans Guckindieluft weiter durch die Welt gehe und meine Ruhe hab’.

Wissen Sie jetzt, worum’s im Leben?

Für mich schon. Dass ich dieses Talent habe, musikalisch zu sein und über Musik ein Fenster aufstoßen kann, das über das Banale, das Materielle hinausgeht. Das ist ein Zauber, der zuerst auf mich wirkt, wenn ich selber spiele, sich von dort aber offensichtlich auf mein Umfeld ausweitet, das mir zuhört. Dann fühle ich mich mit allem und jedem verbunden und bin in Harmonie. Wenn ich gut drauf bin, dann gibt’s keinen falschen Ton. Dann kann alles passieren, es kann eine kleine Sekund egal an welcher Stelle auftauchen und das reibt sich nicht, sondern da blitzt was auf. Wenn ich schlecht drauf bin, ist es kaum möglich, mein Instrument zu stimmen, weil alles verstimmt klingt.

Sie haben zu Beginn Ihrer Karriere einige Jahre in Wien gelebt, viel im Roten Engel gespielt - wie haben Sie die Stadt damals erlebt?

In den siebziger Jahren war ich ein-, zweimal in Wien und hab’ mir gedacht, na, so eine schiache Stadt. Da war schon der Osten früher, da unten … (lacht). Ich bin Anfang, Mitte der achtziger Jahre nach Wien gekommen, das fand ich superspannend. Ich hab’ mich in die Stadt sofort verliebt, ich hab’ mich innerhalb von einem halben Jahr als Wiener gefühlt. Ich hab’ irrsinnig leiwande, sehr freundliche und hilfsbereite Wiener getroffen - wenn das nicht der Fall gewesen wäre, hätte ich dort nicht sieben Jahre leben können. Ich habe von der Hand in den Mund gelebt und das war nur möglich, weil mich Leute aufgefangen und unterstützt haben. Ich hab’ mich dort sehr, sehr wohlgefühlt. Ich bin ungern weg.

Ist es gesunder, wenn man wie Sie erst später berühmt wird?

Es macht sicher ein paar Sachen einfacher. Mit 40 kann dir niemand mehr so leicht ein X für ein U verkaufen. Aber es ist wahrscheinlich eine Sache der Mentalität, der Erziehung, auch des Umfeldes. Erfolg macht süchtig, das ist überhaupt keine Frage, und wenn man ihr erlebt hat, will man ihn immer wieder erleben und dann kann’s sein, dass du bereit bist, Kompromisse einzugehen oder Ideale über Bord zu werfen. Aber das sind alles Spekulationen, bei mir war’s eben so, wie’s war.

Die Gefahr, dass Sie in eine Tretmühle geraten, haben Sie großräumig umschifft … oder war das Zufall?

Immer wann ich gemerkt hab’, dass die Leute wissen, wie ich ticke, ist mich das so angegangen, dass ich das hab’ brechen müssen. Ich will diese Unberechenbarkeit beibehalten - es gibt nix Schlimmeres, als dass einem wer gegenübertritt und bevor du den Mund aufmachst, schon weiß, was du sagen willst. Diese Neugier, die sollte man sich wirklich bis zum letzten Atemzug bewahren.

Sich alle Jahre zu ändern bedarf eines gewissen Mutes. Ist etwas Eingespieltes nicht viel bequemer?

Das ist kein Mut. Es wäre mutiger gewesen, die Alpinkatzen nicht aufzulösen und zu schauen, was man noch draus machen kann. Aber stattdessen hab’ ich mir gedacht, na, das geb’ ich nur jetzt wirklich nicht. Es ist eigentlich die Angst, fremdbestimmt zu sein. Wenn es nur diese Schiene gibt, auf der ich fahren kann, und links und rechts gibt’s nichts, dann steig’ ich lieber aus dem Zug und geh’ zu Fuß. Vielleicht, weil ich ein Mensch bin, der das Abenteuer sucht.

Brauchen Sie eher Lärm oder Ruhe?

Ich finde die Ruhe viel spannender, Lärm mach’ ich eh selbst.

Und wo finden Sie diese Ruhe?

In der Natur. Die Natur ist die große Inspiration. In der Natur hör ich die Vögel, den Wind, das Wasser rauschen, das ist geil, das ist Musik. Da hab’ ich nie das Gefühl, dass ich jetzt noch selber rausschreien möchte. Wo mir ein Schrei auskommt ist, wenn ich selber in Aktion bin - zum Beispiel beim Schifahren kann das echt passieren, wenn du einen geilen Hang runterfahrst und du fliegst durch den Schnee … Aber fürs Musik Machen und selber laut Sein brauch’ ich ein urbanes Umfeld. Aber die Ruhe ist das, was ich eigentlich suche.

Sie waren unglaublich viel unterwegs. Wie sucht man sich Reisegefährten aus?

Die finden sich von selbst (lacht), so wie der Partner fürs Leben oder zum Kinderkriegen. In dem Moment, wo man unterwegs ist, trifft man Leute. Und da gibt’s dann welche, die ein Stück des Weges an deiner Seite sind. Und wenn sich das bewährt hat, machst du’s wieder.

Die Doku "Hubert von Goisern - Brenna tuat’s schon lang" läuft ab 24. April im Kino. Regie führte Marcus H. Rosenmüller (Wer früher stirbt, ist länger tot").

Hubert von Goisern – Brenna tuat’s schon lang

Curt 29. März 2015 | Text: Petra Kirzenberger

Der neue Film von Marcus H. Rosenmüller - ab 23. April im Kino!

Es ist schon eine Menge Wasser die Traun hinuntergelaufen seit seinem ersten Konzert in einem Wiener Chinarestaurant oder jenen Tagen, als er in Deutschland eine Punkversion der Kaiserhymne zum Besten gab. Inzwischen ist der Oberösterreicher Hubert von Goisern eine Legende, prägte mit dem Begriff "Alpenrock" ein neues Musik-Genre und bricht auf unvergleichliche Art mit Traditionen und angestaubten Dogmen der österreichischen Volksmusik. Hits wie Hiatamadl, Heast as net oder Brenna tuat’s guat werden seit Jahren auf Radiostationen landauf, landab gespielt und haben längst Kultstatus – ebenso wie sein eigenwilliges Ziehharmonikaspiel.

Der bayerische Filmemacher Marcus H. Rosenmüller erzählt in Brenna tuat's schon lang die innere und äußere Reise von Hubert von Goisern und zeichnet das intensive Porträt eines großherzigen Rebellen, der sich, wie er selbst erzählt, "von Anfang an erfolgreich zwischen alle Stühle" gesetzt hat. Man kommt Hubert von Goisern nah in dem Film, dem wilden Freigeist, besonnen und stur, dem Vollblutmusiker, der laut im Leisen und leise im Lauten ist. Mit seinem Charisma, seinen klugen, oft kritischen Texten erfreut er bereits seit über einem Viertel Jahrhundert alte und neue Fans in Europa und selbst in good old USA fand sein "Alpine Grunge" Mitte der Neunziger großen Anklang. Ein kleines Augenzwinkern lässt kaum eines seiner Lieder vermissen – und doch haben Songs wie Weit, weit weg das Zeug zum Herzschmerz-Evergreen.

Regiewunder Rosenmüller verwebt in seinem Filmporträt gekonnt Interviewsequenzen mit Archivmaterial diverser Reisen und Tourneen, Gespräche mit Wegbegleitern und Erzählungen des Protagonisten selbst geben Einblick in das spannende Leben eines neugierigen und mutigen Musikers. Beim Angeln auf dem Hallstätter See erzählt Hubert von Goisern von ersten musikalischen Schritten im idyllischen, aber engstirnigen Salzkammergut, wo er sich nie ganz zugehörig und oft missverstanden fühlte. Er entlockte der vom Opa geschenkten und vorerst lang verschmähten Ziehharmonika bis dato ungeahnte Töne – die man im dortigen Trachtenverein allerdings nicht besonders gerne hörte.
Im Film antwortet der noch junge Hubert auf die zum Ausdruck gebrachte Kritik eines gestrengen Trachtenkapellenmitglieds, der sich darüber echauffiert, "dass du a so hupfn musst bei deara schenan Musik, is mir unerklärlich" ganz schlicht: "I hupf hoit gern!"

Mit Kritik und Widerständen der unterschiedlichsten Art hat er gelernt umzugehen. Weitergemacht hat er all dem zum Trotz. Und zwar genau nach seiner Fasson: wild und frei und ohne Grenzen.

Als markantestes Projekt in Sachen Grenzen überbrücken gilt wohl die Linz Europa Tour – eine Schiffstour, die Hubert von Goisern zwischen 2007 und 2009 von Linz aus die Donau entlang bis ans Schwarze Meer und nach Rotterdam führte. Unterwegs holte er sich Musiker aus den befahrenen Ländern an Bord. Und so wurde diese Reise zu einer Art Kulturkonvoi, an dem u.a. Musiker wie Konstantin Wecker, Claudia Koreck, BAP, Xavier Naidoo, bulgarische Gypsibands und noch andere namhafte und auch unbekannte Künstler teilnahmen. Ein ebenso außergewöhnliches Projekt wie sein Initiator, der somit über alle Grenzen hinweg Begegnungen und Austausch ermöglichte und viele verschiedene Einflüsse zu einer neuen Art von Musik verband.

Fazit: Am 23. April startet der Film in den deutschen Kinos und die curt-Redaktion spricht eine ganz klare Empfehlung aus. Wer sich für Kultur, Musik und Freigeister interessiert, ist mit diesem Streifen gut beraten. Intensiv, inspirierend und voller unterhaltsamer Anekdoten bietet sich eine kurzweilige Reise durch das Leben eines Vollblut-Menschen und -Musikers, in dem die Leidenschaft hoffentlich noch lange brennt.

Revoluzzer der Volksmusik

FilmFernsehFonds Bayern 26. März 2015 | Text: Julia Wuelker
Hubert von Goisern

Der österreichische Musiker Hubert von Goisern erfindet und definiert sich seit über 25 Jahren immer wieder neu. Er hat die Volksmusik revolutioniert, ist mit einem Schiff durch Europa getourt, um Brücken zwischen den Völkern zu schlagen. Der Film Brenna tuat's schon lang von Marcus H. Rosenmüller erzählt von den vielen verschiedenen Stationen des Künstlers. Ein Gespräch über die Entstehung des Films, die Synthese von Tradition und Moderne sowie die Bedeutung von Heimat.

Ein wiederkehrendes Motiv im Film ist das Angeln. Wann haben Sie damit begonnen?

Ich habe mit zehn Jahren mit dem Angeln begonnen. Es hat mich immer fasziniert, dass man von der Natur leben kann. Wenn man Pilze sammelt oder fischen und jagen geht, muss man mit der Natur eins werden und die Natur verstehen. Dieses Verschmelzen mit der Natur mag ich sehr gerne. Ein Teil eines großen Ganzen zu werden. Es beruhigt mich, dass man nicht unbedingt in einen Laden gehen und Geld haben muss, um etwas zu kaufen. Und diese Leidenschaft ist mir geblieben.

Eine romantische Vorstellung.

Ich glaube schon, dass ich ein sehr romantischer Mensch bin.

Wie entstand die Idee zum Film?

Die Idee hatte Hage Hein, mein Manager. Er hat meinen 60. Geburtstag zum Anlass genommen. Ich wollte bei diesem Projekt nicht mitarbeiten, da ich befangen bin, was die Sicht auf mich angeht und nicht gestaltend mitarbeiten kann. Ich wollte mir den Film auch nie im Entstehungsprozess anschauen. Als ich mich dann doch gezwungen habe, in das Archivmaterial zu schauen, war ich entsetzt.

Warum?

Das Archivmaterial reicht so weit in die Vergangenheit zurück. Damals war es vielleicht toll, aber jetzt würde ich das alles anders machen und finde die Ausschnitte teilweise hochpeinlich. Aber es war vielleicht doch nicht schlecht, dass ich es mir angeschaut habe. Ich habe zu Hage gesagt, dass ich mich sehr geehrt fühle, dass er so viel Energie, Zeit und Geld für einen Film über mich investiert. Aber er ist eben kein Filmemacher und wenn er will, dass es gelingt, muss er jemanden holen, der weiß, wie man einen Film macht. Damit er eine Sprache, einen Rhythmus, eine Linie bekommt. Ich habe ihn dazu gedrängt, dass er sich einen Regisseur sucht und mich riesig gefreut, als er den Rosi dafür gewinnen konnte.

Kannten Sie Rosi vorher?

Nein überhaupt nicht. Ich kannte einige seiner Filme und fand sie toll. Als wir uns dann kennenlernten, hat das die Erwartungen aber noch übertroffen, weil er einfach ein sehr wunderbarer Mensch ist.

Haben Sie dann zusammen an einem Konzept für den Film gearbeitet?

Das Konzept, wie diese verschiedenen Teile und Sprünge meines Lebens zusammengefügt werden können, hat sich der Rosi überlegt. Es geht ja nicht darum, dass man Sprünge glättet, sondern auch herausarbeitet. Und er hatte dann die Idee, das bindende Element des Wassers zu nehmen und mit mir auf den Hallstätter See hinaus zu fahren und dort die Reflexionen über meine Vergangenheit aufzunehmen.

Sie hatten ihren richtigen Durchbruch mit dem Song Koa Hiatamadl. Warum?

Die Zeit für so etwas war reif und ist gottseidank aufgebrochen. Es gab damals die Volksmusikszene, die Fundamentalisten, die überhaupt nicht zugelassen haben, dass sich etwas verändert und ihrerseits jede Moderne abgelehnt haben. Die nicht nur gesagt haben, dass ihre Musik so bleiben soll, sondern auch alles andere abgelehnt haben, was aus dem Radio kam. Ich bin aber mit Blues und Jazz aufgewachsen und wollte mit der Volksmusik-Szene nie etwas zu tun haben, weil das so ausgrenzend war. Auf der anderen Seite gab es das Phänomen des Musikantenstadl, das an Peinlichkeiten nicht zu überbieten ist. Das auch seine Berechtigung hat, aber für junge Menschen, die im Hier und Jetzt zu Hause sind, war das alles abstoßend. Natürlich gab es auch eine Sehnsucht nach Identität und den Wurzeln der Gesellschaft, in der man lebt. Da war das plötzlich die große Erleichterung, dass jemand wie ich gekommen ist, der mit den Wurzeln spielt, aber sie ins Hier und Jetzt transportiert. Als mir diese Synthese zwischen alt und neu gelungen ist, bin ich offene Türen eingerannt.

Hat Sie das auch ins Ausland geführt?

Ich wollte eigentlich immer raus und habe gesagt, dass es nicht sein kann, sich auf diesen kleinen alpinen Bereich zu beschränken. Auch dieses Gefühl, dass wir dauernd von Sachen und Dingen überschwemmt werden, die aus Amerika, England oder China kommen, hat mich beschäftigt. Das soll so sein, aber es kann nicht angehen, dass es diesen Transfer von hier nach draußen nicht gibt. Deshalb war ich immer sehr dahinter, dass wir uns öffnen und sagen, hey, hört mal zu, so sind wir.

Wie erklären Sie sich den internationalen Erfolg ihrer Musik, vor allem auch in den USA?

Die neue Musik, die ich jetzt herausbringe, hat sehr viel mit Amerika zu tun. Die Auswanderer haben unsere Musik in die USA gebracht, die dann zur Country Musik wurde und mit dem Blues der Schwarzen vermischt wurde. Der Blues ist nicht weit weg von unserer Volkmusik, und es besteht eine große, enge Verwandtschaft dazwischen. Deshalb bin ich offene Türen eingerannt, da ich das gespielt habe, was die Amerikaner kennen und was uns verbindet. Ich habe auch keinen Amerikaner kennengelernt, der nicht über seine Wurzeln gesprochen hat und keine Vorfahren aus Deutschland oder Österreich hatte. Die Amerikaner spüren immer noch diese alte Seele, die sie in sich tragen. Und dann kommt jemand wie ich, der das mit der Musik zum Schwingen bringt.

Wenn Sie jetzt in ihr Heimatdorf zurückkehren, wird dann ihre Art und Interpretation der Volksmusik von den Einheimischen akzeptiert?

Früher gab es die Fundamentalisten in der Musik und dann die politischen Fundamentalisten. Damals gab es Jörg Haider, der auch aus Goisern kam. An dem habe ich kein gutes Haar gelassen und das auch bei jedem Auftritt deutlich gemacht, dass ich mich schäme, mit so jemandem in Verbindung gebracht zu werden. Der hatte aber über 30% Wähler in Goisern. Die haben sich auch angegriffen gefühlt und haben lautstark geäußert, dass ich ein Nestbeschmutzer sei und eine Tradition verunreinige mit Klängen, die hier nichts zu suchen haben. Aber die meisten Leute sind inzwischen gestorben.

Eines Ihrer großen Projekte war die Linz Europa Tour, bei der Sie mit einem Schiff die Donau auf- und abwärts bis ins Schwarze Meer und nach Rotterdam gefahren sind. An Bord waren Musiker aus den befahrenen Ländern. Wo und wie haben Sie diese gefunden?

Ich bin die ganze Strecke mit dem Auto gefahren. Einmal im Frühjahr, einmal im Herbst und habe mit allen Leuten gesprochen und nach der Musik vorab gesucht. Ich habe mit sehr vielen Politikern, Hafenbehörden, Konzertagenturen und Musikern gesprochen. Ich habe mich eigentlich nur in zwei Sachen geirrt. In Ungarn und der Slowakei dachte ich, es wäre am einfachsten, Musiker zu finden, weil die Länder so nah sind. Da habe ich mich nicht so intensiv mit beschäftigt und bin dann zu spät drauf gekommen, dass ich mit den Musikern und der Organisation nicht ganz so zufrieden war. Das waren die einzigen Punkte, bei denen ich sagen musste, dass es besser hätte laufen können.

Was war das prägendste Erlebnis auf der Schiff-Tour?

Es gab einige ganz, ganz tolle überraschende Momente. In Serbien zum Beispiel, bin ich mit dem Auto 2006 in ein kleines Dorf gefahren und habe mir nicht vorgenommen, dass ich dort spielen will. Wir haben dann trotzdem spontan unangekündigt ein Konzert gespielt, zu dem 2000 Leute kamen. Das war ein riesengroßes Fest. Eigentlich hätte ich am liebsten die ganze Tour so gemacht. Stehen bleiben und an den Behörden vorbei spielen. Toll war es auch in der Ukraine, wo der Bürgermeister das Konzert absagen wollte, da er pro-russisch war und auf Ukrainisch gesungen werden sollte. Ich habe ihn dann aufgefordert, den Besuchern zu sagen, dass sie nach Hause gehen sollen. Dann ist er feige abgehauen.

Konnten Sie zwischen den Ländern Brücken schlagen?

Es müsste einfach viel mehr passieren. Das Schiff war ein Anfang. Es hätte jemanden gebraucht, der das Schiff für 1 Million kauft und als Kulturplattform weiter fahren lässt. Es wird so viel Geld für Scheiß ausgegeben, Milliarden, und diese 1 Million für das Schiff waren nicht zu finanzieren.

Sehen Sie sich als politischen Musiker?

Ich bin ein politisch denkender Mensch. Aber ich bin kein politisch agierender Mensch. Ich sehe mich als Künstler, und diese Aufgabe nehme ich schon ernst, weil man auf der Bühne steht und ein Ansehen und eine Vorbildwirkung hat. Künstler, die sich politisch engagiert haben, haben sich oft peinlich gemacht. Da habe ich immer gedacht, dass man aufpassen muss, was man sagt.

Movienet startet den Film am 23. April in den Deutschen Kinos

Hubert von Goisern - Brenna tuat's schon lang: Filmkritik

Programmkino 27. Februar 2015 | Text: Luitgard Koch

Mit seiner systemkritischen Protesthymne Brenna tuat's guat traf Alpinrocker Hubert von Goisern in Zeiten von Gier und Finanzkrise den Nerv und landete seinen Nummer-Eins-Hit. Jetzt setzt  der Kultregisseur des modernen bayerischen Heimatfilms Marcus H. Rosenmüller dem Globetrotter aus dem Salzkammergut und seinem Alpenrock zwischen Poesie und Provokation ein filmisches Denkmal. Nicht umsonst trägt seine mitreißende Hommage den Titel Brenna tuat's scho lang. Denn schließlich beweist Hubert von Goisern nicht erst seit gestern, dass der wahre Sound des Alpenraums fernab von Musikantenstadl und Volkstümelei liegt.

"Koa Hiatamadl mog i net", singt Hubert von Goisern mit seinen Alpinkatzen und zerreißt dabei fast seine Ziehharmonika. Schweiß tropft ihm von der Stirn. Seine Fans toben. Der umtriebige Musiker aus dem Salzkammergut hat seinen ersten Gipfel erreicht. Das Hiatamadl kennt bald jeder. Sein rockiger Aufguss des traditionellen Tanzlieds stürmt jodelnd die Hitparaden. Damit gelingt dem inzwischen 61jährigen Anfang der 1990ziger Jahre der Durchbruch. Doch als Einstieg und Leitmotiv zu seinem stimmigen Dokumentarfilm, der dem Menschen Hubert Achleitner ungewöhnlich nahe kommt, wählt der bayerische Kultregisseur Marcus H. Rosenmüller freilich ein ganz anderes Bild.

Langsam lenkt Hubert von Goisern seinen Kahn in der graublauen Morgendämmerung aus dem dunklen Bootshaus hinaus auf den spiegelglatten Hallstätter See. Der Künstler als Fischer, der mit Geduld und Ausdauer die Stromschnellen seiner Karriere umschifft, seine Angelschnur auswirft mit dem Gedanken und Vertrauen auf sein Glück. Assoziationen wie diese führen authentisch aus der provinziellen Enge. "Der Künstlername Hubert von Goisern is praktisch a Racheakt", verrät der weltoffene Gebirgsmensch mit Blick vom See in die Kamera, "weil i hab mi nie richtig akzeptiert gfühlt".

Dass die eingefleischten Traditionalisten sich in seinem oberösterreichischen Heimatort Goisern mit ihm nicht leicht getan haben, zeigt eindrücklich eine der ersten Rückblenden. Etwas unsicher betritt der junge Hubert einen vollbesetzten Wirtshaussaal. "I woß net, bist du wirklich selber der Meinung, dass das was du jetzt machst die zukünftige Volksmusik is", will einer der Trachtler kopfschüttelnd von ihm wissen, "und dass du hupfa musst bei deana schena Musik is mir a unerklärlich", setzt er nach. "I huapf hoid gern", antwortet der achselzuckend.

Zu dieser Zeit ist der Hubert, nicht zuletzt wegen seiner langen Haare, längst aus der örtlichen Blaskapelle geflogen und hatte in Wien sein Glück versucht. Als Hubert Sullivan bemüht er sich in verschiedenen Szenekneipen einen Gig zu bekommen. Die Anekdote, wie er seinen ersten Auftritt vermasselt, ist einfach wunderbar witzig und anrührend. Darum soll sie hier auch nicht verraten werden. Offenherzig erzählt der preisgekrönte Musiker am Tatort des Geschehens, den er danach nie wieder betreten hat, von seinem Missgeschick. 

Dass er heute herzlich darüber lachen kann, verdankt er eigentlich seinem Großvater. Denn der vererbte ihm eine Ziehharmonika. "Ich hab sie erst mal ins Eck geschmissen und jahrelang nicht angeschaut", sagt Hubert von Goisern in seinem Kahn auf dem See. Inzwischen steht die Sonne schon am Himmel und der passionierte Angler hat tatsächlich einen Fisch gefangen. Doch eines Abends hat es ihm die Steierische doch angetan. Wütend und betrunken will er sie eigentlich nur stur auseinanderreißen bis sie kaputt ist. Aber dann faszinieren ihn die wuchtigen Klänge. Und sie verpassen seiner Karriere den ersten Schub.

Natürlich hilft ihm dabei auch der Zeitgeist. Denn auf der anderen Seite der Alpen hinter der Grenze brodelt längst anarchisches aus Bayerns Ursuppe. Die ersten Bands brechen Schneisen ins tümelnde Volksmusikgeschehen. "Wir werden die Volksmusik nicht den seppelbehosten Gaudiburschen und Jodeldeppen überlassen, die sich allenthalben auf die verkäuflichen Reste einer vom Kommerz fast umgebrachten Volkskultur stürzen", verkündet Carl Ludwig Reichert von Sparifankal. Und so macht es Sinn, wenn Hubert von Goisern in München auf seinen langjährigen Manager, Freund und Wegbegleiter Hage Hein trifft. 

Der kämpft sich mit ihm durch alle Höhen und Tiefen, verkraftet den Schock als Hubert von Goisern tatsächlich das Ende seiner erfolgreichen Alpinkatzen verkündet, ist an seiner Seite als der musikalische Globetrotter drei Jahre lang als Botschafter für die Kulturhauptstadt Linz mit seinem Musikschiff Europas Flüsse durchfährt, um dem Zank der Mächtigen die Magie der Klänge und deren Vielfalt entgegenzusetzen. Sein bisher sicherlich spektakulärstes Projekt bringt Hubert von Goisern aber auch den Rand der Erschöpfung. Eine Lungenentzündung zwingt ihn einen seiner Auftritte abzusagen.

Eindrücklich zeigt das bayerische Kinowunder Marcus H. Rosenmüller (Wer früher stirbt ist länger tot) wie sein Protagonist in seiner 25jährigen Karriere immer wieder zu neuen Ufern aufbricht, mit seiner packenden Spielfreude Brücken schlägt, Mauern einreißt und trotz ständiger Bewegung geerdet bleibt. Dem 41jährigen Regisseur aus Oberbayern gelingt ein Musikfilm, der einer intensiven Zeitreise gleicht, die nicht nur für Goiserns Fangemeinde sehenswert ist. Dramaturgisch eingängig aufeinander aufgebaut, fasziniert die exzellente Montage des Archiv- und Tonmaterials. Genial verschränken Schnittfolgen die spannende Collage aus Konzertausschnitten und Momentaufnahmen mit Wegbegleitern wie Goiserns alten Musiklehrer. Einziger Wermutstropfen: Wegbegleiterinnen kommen nicht zu Wort. Und das, wo doch dem Hubert schon in der Blaskapelle die Frauen gefehlt haben.