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Hubert von Goisern und die Original Alpinkatzen

BMG Ariola 1992

Alpinkatzen

Pop und Gstanzl, Blues und Landler, Rock und Zwiefacher - das gibt's nicht? Von wegen! Bereits seit 1984 brechen Hubert von Goisern und die Original Alpinkatzen so ziemlich jedes musikalische Tabu. Es fällt nicht eben leicht, einen Schwerpunkt innerhalb ihres Schaffens auszumachen. Wenn überhaupt, ist es der Bereich volkstümliche Musik, der sich als roter Faden durch die Geschichte der Alpinkatzen zieht. Und gerade den Volksmusikpuristen dürfte dieses ein Dorn im Auge sein. Denn die österreichische Formation mischt zusammen, was es nur zu mischen gibt. Vor einem Hardrockjodler schreckt der Ösi-Trupp ebenso wenig zurück, wie etwa vor einem Dancefloorlandler.

Es gibt schlichtweg keinen Musikzweig, der von der mittlerweile vierköpfigen Band nicht berücksichtigt würde. So entstehen durchaus erstaunliche Symbiosen, etwa nach der Art eines Alpenreggae oder einen steirisch angehauchten House-Rock'n Rolls oder, oder ... Zu dieser wirklich einmaligen Mixtur konnte es nur kommen, weil sich mit dem Zusammenschluß der Interpreten einfach unterschiedliche musikalische Vergangenheiten kreuzten. Gründer und Kopf der alpinen Kater ist Hubert von Goisern.

Der musizierte dereinst in einer Blaskapelle seiner Heimat. Danach befaßte er sie mit der klanglichen Kultur exotischer Länder und widmete sich verschiedener Avantgarde-Projekte. Sein Lieblingsinstrument ist die "Steirische", ein Akkordeon der besonderen Art. Außerdem bedient er die Seitlpfeiff'n und das Beef-Horn. Perfekt ist Hubert aber auch an der Gitarre und als Sänger. Hochmusikalisch präsentieren sich ebenso Reinhard Stranzinger (Gitarre), Stefan Engel (Keyboards) und Drummer Wolfgang Maier. Und singen können sie auch.

Dabei kommt es bei den Alpinkatzen gar nicht mal so sehr auf perfektionistische Stimmbandvergewaltigung an. Viel wichtiger sind die Texte ihrer Lieder: Da ist man nun eh schon kräftig verwirrt ob der kompositorischen Melange, die einem die rockige Kapelle anbietet, und dann setzen die wirklich bissigen, ironischen und eigen Vokabeln noch einen drauf.

Wenn die Alpenkater auf der Bühne stehen, dann weiß das Publikum nicht, ob es jetzt beispielsweise zu einem Almen-Rap-Metal-Jodler die Rufe schwingen soll, oder lieber ruhig sitzen bleiben, um die Texte auf der Ohrmuschel zergehen zu lassen, oder beides, oder wie? Na ja, das ist wirklich alles ziemlich strange, was die Band um Frontmann Hubert von Goisern liefert.

Die Devise lautet: "Schräge Volksmusik unter das Volk streuen". Das war so bei den vergangenen Vinylpressungen, das ist so bei der neuesten LP, die da heißt Aufgeigen statt niederschiassen. Selten hörte man die Vereinigung von volksmusikalischen Roots und Rhythm 'n' Blues Elementen in einer solchen Authenzität. Da überzeugt darüber hinaus die technische Qualität des Produktes.

Für jeden ist etwas dabei. Für alle, die ihre anglo-amerikanischen Hörgewohnheiten nicht ablegen können, für alle, die der Volksmusik nicht abschwören können und für alle, die ihre hohen Qualitätsansprüche nicht runterschrauben können. Nur soviel sei garantiert: Alpinkatzen stehen für unverschämte Volksmusik, frei nach dem Motto "Ziehharmonika goes Rock 'n' Roll!"

Alpinkatzen

"Dem Haider sein Vater ist ein unverbesserlicher Nazi"

www.kaindlstorfer.at 20. Februar 1993

Hubert von Goisern über den Kuhmelcher-Jodler, sein Verhältnis zu den "Beatles" und seine Beziehung zu Jörg Haiders Familie in Bad Goisern

Herr von Goisern, ich entnehme der Zeitschrift "News", daß Sie soeben mit einem tragbaren Iglu die Alpen überquert hätten. War's anstrengend?

Diese Tour hat nie stattgefunden. Sie war in Planung, aber einige Tage, bevor wir losgehen wollten, hat's total zu regnen angefangen. Die von "News" haben einfach Blödsinn geschrieben; sie haben diesen Treck als Tatsache dargestellt, dabei mußten wir das Ganze auf März verschieben.

Werden Sie die Alpen der Länge oder der Breite nach überqueren?

Das ist auch wieder so ein Blödsinn. Von einer Alpenüberquerung war nie die Rede, wir möchten das Dachsteinmassiv packen und anschließend das Tote Gebirge überqueren, das ist alles.

Wer ist "wir"?

Der Lutz Högermoser und ich.

Wer ist Lutz Högermoser?

Ein irrsinnig guter Freund von mir. Der Lutz ist ein Extrembergsteiger, ein Goiserer, er hat schon den einen oder anderen Achttausender bestiegen.

Finden Sie noch Zeit für so etwas?

Eine Woche in den Bergen baut mich mehr auf als ein Monat in Griechenland. Für so etwas muß ich mir Zeit nehmen.

Sie sind in Bad Goisern aufgewachsen. Welche Welt war das, die Welt Ihrer Kindheit?

Eine unglaublich schöne Welt; ein bisserl eng zwar, aber mein Gott, ich habe schnell überrissen: Wenn du einen größeren Horizont gewinnen möchtest, dann mußt' halt irgendwo auffikraxeln. Das hab' ich schon als Bub am liebsten gemacht, das Auffikraxeln.

Und unten im Tal, bei Ihren Eltern, wie war das dort?

Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie. Mein Vater war Abteilungsleiter bei Hoffmann & Co, meine Mutter Hausfrau.

Hoffmann & Co?

Das war eine Fabrik für Kunstgraphit. Ich komme aus einer richtigen Häuslbauer-Familie.

Hat die Politik eine Rolle gespielt bei Ihnen zu Hause?

Meine Eltern sind sozialdemokratisch eingestellt. Das liegt bei uns in der Familie, väterlicherseits. Mein Onkel ist SPÖ-Gemeinderat und Sportfunktionär beim ASKÖ. Ich würde sagen, mein Vater ist noch der Unpolitischste von allen. Er ist natürlich Partei- und Gewerkschaftsmitlied, aber eine richtige, offizielle Funktion wollte er nie haben.

Und die Familie Ihrer Mutter?

Die kommen eher aus dem freiheitlichen Eck, vor allem mein Großvater. Dadurch, daß er Sudetendeutscher ist, tendiert er stark zur FPÖ. Mein Großvater ist ein überzeugter Freiheitlicher.

Der Jörg Haider kommt ja auch aus Goisern...

Ja leider!

... obwohl er sich später zum Kärntner umgevolk hat. Haben Sie ihn jemals kennengelernt?

Ich kenne den Jörg nur vom Sehen, eine richtige Bekanntschaft hat sich nie ergeben. Aber ich kenne dem Jörg seinen Vater recht gut, mein Großvater ist mit ihm befreundet, die beiden sind praktisch Nachbarn. Wenn mein Großvater Geburtstag gehabt hat oder so, ist der alte Haider immer herübergekommen und hat ein bisserl mitgefeiert.

Was für ein Mensch ist er denn, der alte Haider?

Ein unverbesserlicher Nazi, unglaublich, was für ein Nazi das ist. "Du wirst sehen", hat er vor zwei, drei Jahren einmal zu mir gesagt, "die Geschichte wird dem Nationalsozialismus schließlich recht geben." Und das sagt der nicht verhärmt oder bitter, sondern mit einem Lächeln der Überzeugung. Also, der ist noch immer vom Hitler überzeugt.

Und der Jörg?

Also, ich weiß genau, aus was für einer Ecke der Jörg kommt. Der Jörg hat mit der politischen Einstellung seines Vaters nie gebrochen.

Hubert, was für eine Art von Musik haben Sie als Bub gehört?

Blasmusik und Operetten. Bei uns zu Hause ist den ganzen Tag das Radio gelaufen, Ö-Regional. Und da hab' ich oft das Wunschkonzert und solche Sendungen gehört, das hat mich ziemlich geprägt. Lehar, Strauss, ein paar leichtere Opernsachen...

Interpretiert von Rudolf Schock!

Ja, genau. Fritz Wunderlich haben wir auch viel gehört zu Hause.

Was war mit den Stones, den Beatles?

Die kamen erst später. Die Beatles waren ein ganz einschneidendes Erlebnis. Ich kann mich an eine kleine Szene bei uns zu Hause erinnern: Im Radio läuft "Rock'n Roll Music" und mein Vater sagt: "Des horcht si jo an, ois wann die Platten hängablieben waaa." Ich war damals schon voll drauf. Ich hab' gesagt: "Wahnsinn, a total neia Sound!"

Die Menschen in Goisern waren auf die Beatles nicht so gut zu sprechen?

Nein, überhaupt nicht. Und das hat meine Faszination noch verstärkt. Ich hab' mir gedacht: Das muß ja ganz was Schräges sein, wenn alle so schimpfen.

Was kam nach den Beatles?

The Who, John Mayall, Pink Floyd.

Wann haben Sie selber zu Musizieren begonnen?

Mit zwölf hab' ich bei der Blasmusik angefangen. Trompete.

Ihre Blasmusik-Karriere ist dann recht abrupt zu Ende gegangen, habe ich gelesen...

Ja, das stimmt, ich hatte schwere Differenzen mit dem Kapellmeister, ich war zu widerspenstig. Bei der Blasmusik mußt du erst einmal zehn Jahre dienen, bevor du den Mund aufmachen darfst. Und die Trinkkultur hat mir auch nicht behagt.

Das Saufen nach der Probe.

Gesoffen hat man überall, nach der Probe, während der Probe, vor der Probe – und bei den Konzerten sowieso.

Wie beurteilen Sie das Goiserer Blasmusikwesen im Rückblick?

Ich hab' dort unheimlich viel gelernt. Es gibt in Goisern sieben, inzwischen, glaub' ich, nur mehr sechs Kapellen, und nachdem ich rausgeschmissen wurde, bin ich zu einer anderen Kapelle hin, und da gab es einen wahnsinnig netten Kapellmeister, der hat zu mir gesagt: "I hab' g'hört, du bist aussig'flog'n, also, wenn du willst, kannst ein Instrument von uns hab'n." Der hat mich richtiggehend protegiert.

Sie haben dann bei der anderen Kapelle mitgespielt?

Nein, überhaupt nicht. Die haben mir einfach nur das Instrument zur Verfügung gestellt. Das Ganze war insofern verschärft, als dieser Kapellmeister schwul war. Das hat jeder in Goisern gewußt, aber wehe, wenn du das ausgesprochen hättest, dann wäre der Bär los gewesen! Auf jeden Fall haben alle in Goisern geglaubt, daß ich auch schwul wäre.

Sind Sie's?

Nein. Ich hab' das damals halt einfach nicht abgeschnallt.

Sie haben dann acht Jahre im Ausland verlebt, in Afrika, Asien, Kanada. Wie muß man sich den Hubert von damals vorstellen. Als Tramper mit Rucksack und Gitarre?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe meine sieben Zwetschken zusammengepackt, einen Koffer, eine Reisetasche, einen Kelomat, alles halt, wovon ich geglaubt habe, daß ich's irgendwann brauchen kann, und ich hab' gewußt, ich fahre jetzt nach Johannesburg und checke mir dort eine Arbeit. Ich wollte nicht als Tourist fahren, sondern ganz normal arbeiten und mit den Leuten leben.

Die Apartheid in Südafrika hat Sie nicht gestört?

Nein, ich war ein naives Bürscherl damals. Ich hab' gar nicht gewußt, daß es sowas wie Apartheid gibt. Später war ich in Rhodesien, Mozambique, Swaziland, Botswana, Kanada, Nepal und auf den Philippinen.

Welche Jobs haben Sie dort gemacht?

Ich war Chemielaborant und Handelsreisender, in Toronto habe ich dann eine Zeitlang Ski verkauft, in einem Sportgeschäft.

Es heißt, Sie hätten ein gewisses Faible für esoterische Themen. Stimmt das?

Esoterisch – das ist so ein Modewort, das hat so einen Beigeschmack von oberflächlich, und das will ich nicht sein. Ich glaube an Gott, aber ich bin kein religiöser Mensch, weil ich mit Religion nichts am Hut habe. Ich bin ein spiritueller Mensch.

Versteh ich nicht. Sie sind nicht religiös, aber Sie glauben an Gott. Was soll das heißen?

An den christlichen Gott kann ich nicht glauben, weil der ist maskulin. Gott kann aber keinen Penis haben. Mein Gottesbegriff läßt sich nicht definieren. Ich meditiere viel, und da schwinge ich mich auf eine bestimmte Ebene ein, das läßt sich eigentlich nicht ausdrücken.

Mitte der achtziger Jahre sind nach Wien zurückgekehrt, Sie haben im "Roten Engel" gespielt. Wie war diese Zeit?

Das Publikum im "Roten Engel" ist wahnsinnig mühsam, es gibt kein mühsameres Publikum als das im "Roten Engel".

Warum denn?

Die meisten Leute dort sind Selbstdarsteller. Die interessieren sich gar nicht dafür, was oben auf der Bühne passiert, die wollen einfach nur quatschen und sich jemanden aufreißen. Also, daß man diese Leute zum Zuhören bringt, ist schon eine harte Schule.

Sie sind auch als Straßenmusikant aufgetreten.

Ich habe auf der Kärntner Straße gespielt, weil's mir Spaß gemacht hat. Ich hab' dort gespielt, was ich wollte, es gab keinen Chef, der mir dreingeredet hätte, der etwa gesagt hat, spiel mehr Blues oder sowas. Und das hat mir wahnsinnig viel gebracht. Ich hab' auf der Kärntner Straße auch meinen Plattenvertrag abgeschlossen: Eines Tages ist der Willi Schlager von CBS dahergekommen, hat mir seine Visitenkarte in die Hand gedrückt und gesagt: "Ruf mich an, mach' ma was!"

Welche Art von Musik haben Sie dargeboten?

Ich hab' Knopferlharmonika gespielt, traditionelles Liedgut, allerdings in der Manier eines Menschen, der Knopferlharmonika nie gelernt hat. Ich hab' mich geweigert, zu einem Ziehharmonika-Lehrer zu gehen.

Warum?

Weil ich nicht so spielen wollte wie alle.

Sie haben sich das Knopferlharmonika-Spielen autodidaktisch beigebracht?

Ich habe mir alles selber beigebracht. Ich hab' das Instrument auf eine Weise in die Hand genommen, wie's überhaupt noch nie jemand in die Hand genommen hat.

Die Volksmusik hat in unseren Breiten ein bißchen den Beigeschmack des Konservativen. In Ländern wie Griechenland oder Italien ist das anders, da steht die Volksmusik in einer rebellischeren Tradition.

Diese rebellische Tradition hat's auch bei uns gegeben. Erst in der Nazi-Zeit, als die Volksmusik total verhurt worden ist, hat sich das geändert. Seither ist das Jodeln und das Knopferlharmonika-Spielen bei den jungen Leuten unten durch. Auch die fünfziger Jahre haben das ihre dazugetan, die Volksmusik zu verschandeln: Damals kam der volkstümliche Schlager auf...

Mariandl, andl, andl.

Genau, durch solche Verkitschungen ist die Volksmusik völlig diskreditiert worden. Ich glaube nur, daß man heute keinen Bogen mehr um die Volksmusik zu machen braucht. Die Volksmusik an sich hat nichts Reaktionäres, sie hat etwas Traditionelles, das ist ein Unterschied. Ich selbst bin ein traditionsverbundener Mensch, mir gefällt diese Art von Musik. Ich bringe halt einen Schuß Anarchie hinein. Auf diese Art entsteht etwas Neues.

Sie haben einmal gesagt: "Man darf die Volksmusik nicht der Rechten überlassen."

Genau.

Was sagen die Leute vom Goiserer Viergesang zu Ihrer Musik?

Die sind begeistert.

Das verstehe ich nicht. Ich meine, Sie bringen doch den Rap ins Jodeln!

Na ja, ganz ihr Geschmack ist das natürlich nicht. Aber man muß sich auch einmal vorstellen: Ihr ganzes Leben lang sind die Leute vom Goiserer Viergesang vor älteren Leuten aufgetreten, da war kaum ein Junger im Publikum. Und heute müssen sie erleben, wie ihre Tradition dahinstirbt, buchstäblich ausstirbt, die Simon-Geigenmusi zum Beispiel, die gibt's gar nimmer. Die freuen sich natürlich, daß sich da jemand ihrer Tradition annimmt.

Sie kennen die Leute vom Goiserer Viergesang auch persönlich?

Ja freilich, einmal hab ich den Neuper vom Viergesang gefragt, ob er mir den Kuamöcha-Jodler beibringt...

Den WAS?

Den Kuh-mel-cher-Jodler. So wie sie ihn singen. Weil, der Viergesang singt ihn einfach traumhaft. Das ist pure alpine Mystik, wenn'st das hörst.

Können Sie den Kuamöcha-Jodler inzwischen schon?

Nein, der Neuper hat gesagt: "Das hat keinen Sinn, Hubert. Du mußt ihn singen, wie du ihn singst. Ich kann dir nichts lernen, beim Jodeln gibt's kein Falsch und Richtig." Also, die nehmen mich schon ernst. Letztlich hab' ich das Gefühl, daß mir der Goiserer Viergesang irrsinnig dankbar ist.

Günter Kaindlsdorfer

Von Wadlrock und Alpenblues

FF Südtiroler Illustrierte 11. November 1993

Interview mit dem österreichischen Alpenrocker Hubert von Goisern

Hubert von Goisern, Jahrgang 1952, ist zur Zeit der erfolgreichste österreichische Rockmusiker. Mit seiner CD Aufgeigen statt niederschiassen und dem Ohrwurm vom Hiatamadl hat er es auf über 100.000 verkaufte Exemplare gebracht. Volksmusik im Leinenkolorit: eine erstaunliche Mischung aus Alpenreggae, Blues, Gstanzln und RapMetalJodler. Letzte Woche trat der Alpenrocker in Meran auf.

Hubert von Goisern in Meran mitten in den Alpen, sind Sie ein Freund von Alpenglühen, oder ist das bloßer Kitsch?

Nein, ich steh total auf die Alpen, und ich finde, Kitsch kann nur etwas von Menschenhand sein.

Haben Sie bei Ihrer Musik zwischen Blues und Rock, Landler und Gstanzln nie das Gefühl, daß Sie die Tradition vergewaltigen?

Vergewaltigung werfen mir diese Leute vor, die nie und nimmer auf ihr Auto und ihren Kühlschrank verzichten würden und eine Veränderung in der Volksmusik, und sei es nur mit einem neuen Instrument, verurteilen.

Wie entsteht Ihre Musik, woraus schöpfen Sie?

Ich bin aufgewachsen mit der Volksmusik, bin dann zum Blues und Jazz und dem Funk und zur Avantgarde gekommen. Außerdem bin ich sehr viel herumgereist und hab' dabei einfach die Augen aufgemacht. All das fällt mir ein, wenn ich meine Texte und Melodien schreibe.

Man sagt, Sie seien auf und davon und haben längere Zeit auf den Philippinen gelebt. Sind Sie dadurch zu den eigenen Wurzeln und zur Volksmusik zurückgekommen?

Das stimmt, weil ich dort erlebt habe, was Volksmusik bedeutet. Dort hat es weder ein Radio noch einen Fernseher gegeben. Wenn ein Fest stattgefunden hat, haben einfach alle mitgesungen und keiner hat gefunden, oje, schon wieder die alten Nummern, da war das einfach nur Musik, egal ob die Lieder hundert Jahre alt waren. Mich hat das sehr beeindruckt, wie Leben, Texte und Melodien miteinander verbunden waren, und ich habe mir gedacht, Reste davon müßten doch auch bei uns aufzuspüren sein. Wie ich dann zurückgekommen bin, habe ich begonnen, mich auf die Volksmusik einzulassen, mit der ich eigentlich gebrochen hatte.

Gibt es Vorbilder, an denen Sie sich orientieren?

Es gibt viele Leute, die ich sehr schätze. Das geht von Mozart, Verdi, Puccini und Wagner bis zu Miles Davis, Fellini und André Heller.

Es gibt Stimmen, daß es schon bald eine Alpinoper von Ihnen geben wird?

Es gibt im Moment den konkreten Plan, einen Film zu machen, und wir werden sehen, ob dieselbe Story in eine Oper umgesetzt werden kann.

Marika Rökk hat gerade Geburtstag. Mögen Sie die Musik der 30er Jahre?

Es hat jede Zeit ihre guten, kreativen Menschen und ihre kulturellen Zwerge, die es trotzdem geschafft haben, ins Rampenlicht zu kommen. Ich mag Musical und Oper generell nicht besonders, aber ich weiß, daß meine Großmutter sehr auf die Rökk gestanden ist, und nachdem ich Oma sehr gemocht habe, hat sie dann auch mir gefallen.

Vom Großvater haben Sie die erste steirische Ziehharmonika. Waren die Großeltern von der Stunde Null an die allerersten Fans?

Ja, und wie, lange Zeit die einzigen. Der Großvater ist heute über neunzig Jahre alt, er hat mir seine Steirische geschenkt, weil er gesagt hat, ich bin zu alt, kann die Tasten nicht mehr drücken. Für mich war dieses Instrument immer in Verbindung mit irgendwelchen verstaubten Melodien, und ich habe sie fünf Jahre nicht angerührt.

Auch Jörg Haider kommt aus Bad Goisern. Was halten Sie von dem, und wo würden Sie sich politisch einordnen?

Für den Haider schäme ich mich, und ich kann nur hoffen, daß Gottes Wege seltsam sind und verschlungen und daß auch er eine Funktion in dieser Gesellschaft hat.

Verstehen Sie die Volksmusik als Rebellion gegen Macht und Herrschaft?

Muß es sein. Volksmusik kann einfach keine Beschönigung der Fakten sein, sie muß das ausdrücken, was das Volk empfindet.
Den absoluten Durchbruch haben Sie mit dem Hiatamadl geschafft. Haben Sie einen Wadlkomplex, mögen Sie Mädchen mit dicken Wadeln besonders gern?

Diesen Refraintext hab nicht ich gemacht, das ist ein altes Volkslied aus einer Zeit, wo die Landbevölkerung immer ein bißchen in Richtung Stadt geschielt und sich vorgestellt hat, daß das Leben dort bequemer ist. Und weil das Gras auf der anderen Seite immer schöner scheint, hat man sich auch die Mädchen besser, draller und schöner vorgestellt.

Worin, glauben Sie, liegt der Grund für Ihren Erfolg?

Ich glaube, es ist das Wechselbad der Lieder. Daß die Leute nach Nummern wie Sepp bleib do oder dem Wildschützrap so erschöpft sind, daß sie richtig offen sind für etwas, wo normalerweise eigentlich die Ohren zugeklappt werden.

Welches Verhältnis haben Sie persönlich zur Musik, zum Jodeln?

Sicher ein erotisches, und grad das Jodeln ist eine Gesangsform, wo man nichts zurückhalten kann. Man kann nicht mit halber Kraft jodeln, das geht nur, wenn du aufmachst zack und gib ihm, das ist wie Atmen.

Wann und wo haben Sie jodeln gelernt?

Das war so vor fünf Jahren, da hab ich mir eine Kassette besorgt, weil mich diese Gesangstechnik fasziniert hat und alle, behauptet haben, jodeln kann man nicht lernen, dazu wird man geboren. Dann habe ich mir einen Jodler von den Noten und der Phonetik der Silben her abgeschrieben, meine Stimmlage herausgefunden, in der ich jodeln kann und drauflos geübt.

Sind Sie ein religiöser Mensch, glauben Sie an Gott?

Gott ist für mich nicht ein Mann mit Bart und Penis, Gott ist für mich eine Idee. Ich bin aus der Kirche ausgetreten, weil ich dieses maskuline Image von Gott nicht ausgehalten habe.

Hubert von Goisern, ein Luis Trenker der 90er Jahre?

Der Vergleich schmeichelt mir sehr. Die LuisTrenkerFilme haben mir immer gut gefallen, obwohl er mir schon sehr suspekt war, er hat nicht nur auf Bergmensch gemacht, sondern er war auch einer. Da bin ich ganz überzeugt.

Was halten Sie vom Trachtenlook?

Ich mag gern Kleidung, an der man eine regionale Identität sehr wohl erkennt, am liebsten trag' ich Leinengewand, aber seit dieser Trachtenboom ausgebrochen ist, habe ich meine Lederne an den Nagel gehängt.

Gehen Sie in Diskotheken, und wie halten Sie computergesteuerte Rhythmen aus?

Es hat eine Zeit gegeben, da bin ich sehr viel in die Disco gegangen und hab' mich da zu den allgemeinen Bedröhnungen weggetanzt. Ich tanze noch immer gern, aber es muß einfach Musik, wenn möglich von Menschenhand gemacht, sein.

Ihr ganz persönlicher Wunsch für die Zukunft?

Daß ich nie eine Kopie oder Karikatur von mir selber werde und daß ich menschlich bleibe und nicht abgehoben von Bühne zu Bühne, von Hotelzimmer zu Hotelzimmer sause.

Beatrix Unterhofe

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