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Quelle unbekannt 1995 Interview mit dem Rock-Musiker nach seinem Rückzug Hubert von Goisern & die Alpinkatzen hören auf, Hubert Achleitner geht zum Film. Die Nachricht versetzte Mitte 1994 viele Fans in Trauer. Inzwischen ist die Live-CD Wie die Zeit vergeht... erschienen. Und Hubert plant seinen eigenen Film. Wir trafen ihn in München. Hubert, die meisten Leute interessiert, wann sie wieder von Dir und den Alpinkatzen hören werden? 1997. Es kann sein, daß ich 1996 in irgendeiner Form etwas auf der Bühne mache. Aber konzentrieren möchte ich mich auf ein Filmprojekt, bei dem ich als Drehbuchautor und Schauspieler etwas mir besonders wichtiges umsetzen möchte, das ich aber noch nicht sagen will . Ich denke, daß mich dieses Projekt das ganze nächste Jahr gefangen nehmen wird. Ich weiß nicht, wieviel Kapazitäten ich dazwischen noch frei haben kann. Sein könnte, daß aus dieser Filmmusik dann etwas entstehen wird, mit dem man auf die Bühne gehen könnte, aber das muß sich erst entwickeln. Bis Herbst 95 möchte ich das Drehbuch fertig schreiben, möglichst auch die Filmmusik vorproduzieren. Vom kommenden Winter bis zum Frühsommer soll dann gedreht, im Sommer geschnitten und im Herbst der Film veröffentlicht werden. So etwa stelle ich mir das ganz naiv vor, weil ich so etwas noch nie gemacht habe. Im Herbst 1996 werde ich dann wohl damit beginnen können, die Bühnenshow für 1997 zusammenzustellen, mit der ich dann als Musiker wieder live unterwegs sein will. Im Moment allerdings möchte ich meine Ruhe haben. Ich muß wieder auf Input schalten. Ich war jetzt jahrelang nur draußen, auf Output gepolt und fühle mich deshalb ziemlich leer und erschöpft. Zwar angenehm erschöpft und angenehm leer, aber ich muß jetzt wieder Bücher lesen, muß wieder mit Menschen sprechen, muß wieder ins Kino gehen und mit meinen Kindern spielen.
Deine aktuelle Live-CD trägt den Titel Wia die Zeit vergeht. Ist der Titel auch ein Resultat der Rückschau: vom armen Musiker zum Star, vom Familienvater zum Entertainer, ständig auf Achse? Ist Dir die Zeit zu schnell verronnen? Nein, es ist nichts verflossen und auch nichts an mir vorbeigegangen. Der CD-Titel ist einfach nur ein Hinweis darauf, wie sich manche Dinge verändert haben. Ich will damit diesen "Fluß" wahrnehmen, daß weder ich noch meine Kinder dort sind, wo wir vor vier Jahren gestanden haben. Mein Sohn ist jetzt 7, meine Tochter eineinhalb Jahre alt. Für die "Vielen" dazusein, schloß in dieser Zeit aus, für meine "Wenigen" daheim dazusein. Das hat in mir etwas unbefriedigt gelassen. Trotz aller großen Erfolge und zahlloser Fans bin ich auch einsamer geworden. Ich glaube, das mußte so sein. Aber jetzt muß ich diese Einsamkeit auch mal in aller Konsequenz spüren. Kam die Chance, zum Film zu wechseln, gerade zum rechten Moment? Dreharbeiten sind nicht so ruhe- und rastlos wie Konzerttourneen, Du kannst Deine Familie um Dich herum haben. Mein Entschluß, einen Schlußstrich unter die Konzertreisen zu setzen, ist vor ziemlich genau zwei Jahren gefallen. Ich selbst wußte bereits zum damaligen Zeitpunkt, daß ich mich dem Genre Film widmen möchte - das war lange, bevor irgendjemand auf mich zugekommen ist. Daß der Regisseur Jo Baier mir die Rolle des Bauern Matthias in der Hölleisengretl angeboten hat, daß Josef Vilsmeier mir dem Auftrag der Filmmusik zu Schlafes Bruder gab, das kam mir alles eigentlich ein bißchen zu früh. Aber das waren zu tolle Angebote und zu interessante Menschen, als daß ich hätte sagen können, ich mache das jetzt noch nicht. Dadurch bin, ich für die Umsetzung meines eigenen Filmes, insbesondere durch die Erfahrungen mit dem Josef Vilsmeier, um einiges schlauer geworden. Wenn man so einen Einschnitt in seine Karriere beschließt, noch dazu auf dem Gipfel, wie Du das gemacht hast, denkt man da auch noch sehnsüchtig an jene Zeit zurück, als man kein Geld hatte, sozusagen "Musiker mit Taxischein" war? Oder ist man vor allem froh, aus diesem Stadium herausgekommen zu sein? Ich denke darüber schon nach , habe allerdings gemerkt, daß sich die Dinge nicht wesentlich geändert haben. In der Zeit, als ich kaum Engagements hatte, war ich auch sehr glücklich. Hatte damals' mehr Zeit, mich meinen Freunden zu widmen, habe jede Woche zwei Bücher gelesen und sehr viel meditiert, mich mit Spiritualität und Glauben beschäftigt, war sehr viel in den Bergen. In den ersten beiden Jahren in Wien, 1983 und 84 hatte ich ein Jahreseinkommen von (!) 2000 Mark. Und davon habe ich gelebt. Das ging! Ich bin des-wegen nicht unglücklich gewesen und habe auch nicht mehr an meiner Musik gezweifelt, als ich jetzt manchmal an ihr zweifle. Ringsgwandl hat unlängst ein Musical geschrieben und beim Ingeborg Bachmann-Preis gelesen, Jürgen Buchner schreibt seit ewigen Zeiten Filmmusiken, und Hubert von Goisern eröffnet sich auch neue Horizonte, denkt über den Rand des musikalischen Erfolges hinaus. Es sind nur wenige, die sich nicht als Marionette der Branche definieren und mehr wollen. Was willst Du? Seit ich mich erinnern kann, geht es mir immer auch darum, aus mir und meiner Rolle herauszugehen. Früher habe ich das geographisch gemacht, indem ich sieben Jahre um die Welt gereist bin, um ein Gefühl für meine Heimat und meine Kultur zu bekommen. Mein Weg ist der, daß ich mich verliere, wenn ich zu lange an einem Punkt bin. In den letzten Jahren war meine innere Stimme für mich nur sehr schwer wahrnehmbar, weil ich immer nur die der anderen gehört habe. Jeder hat nur gesagt: das muß, und das muß, und das... Aber jetzt muß ich zur Ruhe kommen, muß alle Leute wegschieben, muß still werden und die Melodien und Klänge wieder wahrnehmen, die in mir sind. Ich will wieder in mich hineinhören können. Du zählst zu denjenigen, die für die Neudefinition des Begriffs Heimat stehen. Diese bedingt aber auch, daß man mehr miteinander redet, seine Umwelt intensiver wahrnimmt, vor allem deren Schäden. Ist es eine Chance für die Begrifflichkeit von Heimat, daß sie von der intellektuellen, ökologischen Ecke "entdeckt" worden ist? Ich glaube schon. Es geht abgesehen von der Toleranz - darum, daß man sich die Sachen ansieht, die um uns passieren. Man muß sich bewußt werden, was im Zeitraum der letzten 30 bis 50 Jahre mit unserer Landschaft passiert ist. Deswegen möchte ich bei uns in Goisern, wo die Struktur noch sehr bäuerlich ist, nächstes Jahr eine Ausstellung zum Wald machen. Ist Wald nur das Holz, das da steht, oder hat Wald eine übergeordnete Bedeutung? Dafür habe ich jetzt viele, in Goisern verwurzelte Leute um alte Bilder gebeten. Ich will sehen wie das Tal Goisern früher ausgesehen hat. Für mich war der Wald immer wie ein Pelz. Und jetzt sehen unsere Berge aus wie eine räudige Gams. Solange ich in Goisern nur gesagt habe, ich möchte alte Bilder von unserer Landschaft haben, waren alle begeistert und offen. Im Gespräch hat sich dann aber herausgestellt, daß ich die Bilder haben will, um aufzuzeigen, was verloren gegangen ist. Und plötzlich eisiges Schweigen! Die Bilder wurden wieder eingepackt. Ich will mit meiner Ausstellung niemanden beschuldigen, will nur zeigen, wie es war und wie es heute aussieht. Aber plötzlich haben sich Leute schuldig gefühlt, die überhaupt nicht schuldig sind. Ich werde diese Fotoausstellung trotzdem machen. Gehört das auch zum geplanten Projekt Künstlerplattform wo Musiker, Schauspieler u.a. das Zeitgeschehen kommentieren wollen, so wie dies andere verantwortungsbewußte Persönlichkeiten und Institutionen begonnen haben? Zum Beispiel! Das spielt da auch mit hinein. Von wem ging die Idee zu einer solchen Künstlerinitiative aus? Neben mir waren das auch der Hage Hein, mein Manager, und der Salzburger Kinderbuchverlag Neugebauer. Aber ich möchte das alles unpolitisch halten. Nichts liegt mir ferner, als zu sagen, wir wären jetzt noch eine grüne Bewegung. So würden wir wieder viele Leute nicht erreichen. Es geht mir vor allem um Informationen. Nur die Information ist unsere Chance. Wir haben so wahnsinnig viele Medien, und die Leute werden ständig von allen zugepflastert - ob das Werbung ist oder die Nachrichten. Andererseits hat die Kirche überhaupt nichts mehr zu sagen. Kein Mensch hört mehr auf die Kirche - zu recht auch, weil die nur mehr fossiles Gedankengut verbreitet und überhaupt nicht mehr auf die Situation eingeht. Ich glaube allerdings nicht, daß die Künstler die neuen Priester unserer Zeit sind, aber sie sind auf jeden Fall um keinen Deut weniger Priester als es ein Politiker ist. Wie stehst Du zur Kirche? Ich bin aus der katholischen Kirche ausgetreten, weil ich das nicht mehr ausgehalten habe. Aber ich zähle noch immer sehr viele Priester zu meinen Freunden und schätze auch deren Arbeit. Ich bin nicht der Meinung, daß jeder austreten soll, aber ich konnte das mit mir selbst nicht mehr in Einklang bringen. Drückt sich das auch in Deiner Arbeit aus? Ich hoffe daß ich alt genug werde, um das mal zu machen. Jetzt fühle ich, daß ich das anders ausdrücken muß. Aber ich habe begonnen, eine Messe zu schreiben. Diese Messe ist zu einem Drittel fertig, aber ich kann mir vorstellen, daß ich die vollende. Momentan jedoch ist das nicht mein Leben, dazu müßte ich mich noch mehr zurückziehen, noch vergeistigter werden. Momentan stellt es mich schon zufrieden, wenn ich mich hinsetzen und still werden kann. Musiker und Stille, das läuft den Gesetzmäßigkeiten doch entgegen. Ein Musiker artikuliert sich, ein Filmemacher artikuliert sich, und selbst wenn du Filmmusiken schreibst, hast du ein Gefühl, daß du mit Klängen einer Szene unterlegst und damit etwas ausdrückst. Ist die Stille, Dein momentaner Wunsch danach, nicht auch etwas, was Du brauchst, um neue Kraft zu schöpfen? Jeder Ton kommt aus der Stille. Der Ton ist im Lärm nicht wahrzunehmen. Nur wenn es vollkommen still ist, kann man selbst mit subtilen Klängen arbeiten. Für jeden Musiker ist die Stille als Urgrund sehr, sehr wichtig. Bernd Schweinar
Bild am Sonntag 23. April 1995
Er ist der Erfinder des Alpen-Rock, rappt zu Akkordeon und Kuhglocke, tanzt Pogo unterm Matterhorn: Pop-Jodler Hubert von Goisern (41) und seine Alpinkatzen. BamS-Interview mit dem eigenwilligen "Volksmusiker" Wenn Hubert von Goisern auf der Bühne loslegt, zittern die Berge. Er schrieb gerade eine Filmmusik für "Herbstmilch-Regisseur" Vilsmeier. Ihr habt gerade euer Abschiedskonzert gegeben und noch die Live-CD Wia die Zeit vergeht rausgebracht. Ist das das Ende der Alpinkatzen? Nein. Nur eine längere Pause. Ich möchte einfach mal ein halbes Jahr ohne Termine leben. Vier Jahre Tour - das schafft. Wie sah der Tagesablauf aus? Hotelzimmer, ab in den Bus, zur nächsten Tour-Station. Soundcheck, drei Stunden Auftritt, danach Interviews und ins Bett. Und am nächsten Tag ging's wieder von vorn los. Ich hab' eine 18 Monate alte Tochter, die mich Gott sei Dank erkennt und auch mag. Oft war ich ja nicht zu Hause. Wann haben Sie zuletzt Urlaub gemacht? Vor einem Jahr, sechs Tage Griechenland. Oder war's vor zwei Jahren?
Gibt's neue Pläne? Nach dem Relaxen ein Kinofilm. Ich habe das Drehbuch und die Musik dazu geschrieben und stehe auch als Schauspieler vor der Kamera. Dann mache ich noch eine Modekollektion, die - genau wie meine Musik - Traditionelles mit Zeitgemäßem verbindet. Ihr Markenzeichen sind die Bergschuhe ohne Schnürsenkel. Was hats damit auf sich? Das sind die einzigen Schuhe, die ich habe. Ich kann mir kein neues Paar leisten. Diese echt Goiserer Bergschuhe kosten 1000 Mark das Paar. Die haben vier Jahre Tour überstanden und sollen noch mindestens ein Jahr halten. Sven Röbel
Frau Aktuell 30. August 1995
Eine gute Nachricht für alle, die immer noch über den Ausstieg von Hubert von Goisern (42) und seinen Alpinkatzen trauern: Die Höhepunkte der letzten vier Konzerte des eigenwilligen Volksmusik-Rockers sind nun im Kino zu sehen. Wia die Zeit vergeht heißt der Film, der vor zehn Monaten im Münchner Zirkus Krone gedreht wurde. Danach trennten sich die Wege der Musiker, die nach nur drei Jahren den Gipfel des Erfolgs erlangt hatten. Wenn es Hubert auch weh tut, die Konzert-Ausschnitte von damals anzuschauen, bereut er seine Entscheidung dennoch nicht: "Mit den Alpinkatzen ist es aus und vorbei. Ich hatte einfach das Gefühl, alles erreicht zu haben oder sogar viel mehr als das. Ich war wider Willen zum Idol geworden und fand das in erster Linie belastend. Wir hätten endlos so weitermachen können. Aber ich bin ja immer auf der Suche nach etwas, das sich noch nicht bewährt hat, an dem ich neue Erfahrungen sammeln kann." Dies gelingt dem Alpen Rapper jetzt unter anderem als Modemacher. Das Schildchen in seinem leinernen Trachtenanzug trägt seine Initialen HvG. In der Mode, die er zusammen mit einem New Yorker Designer entwickelt, verfolgt der Oberösterreicher ähnliche Ziele wie in der Musik. Er will Tradition mit Modernem verbinden und so etwas Neues schaffen. Zu Hause in Bad Goisern schreibt Hubert in seinem kleinen alten Haus Noten für Film und Fernsehen. Seiner Feder entstammt auch die Musik zu Joseph Vilsmeiers neuer Roman-Verfilmung Schlafes Bruder, die im Oktober in die Kinos kommt.
Als nächstes plant Hubert-Dampf-in-allen-Gassen einen eigenen Film, bei dem er Drehbuch, Hauptrolle, Musik und Regie in die eigene Hand nimmt. Fürs Kino hat er bereits seit seiner Kindheit viel übrig. "Ich mag es, wenn alles um mich herum dunkel wird und ich an nichts anderes mehr denk", erzählt er. Bei so viel Umtriebigkeit kommt die Familie leider etwas zu kurz. Huberts anderthalbjährige Tochter und sein siebenjähriger Bub wachsen bei der Mutter auf, von der er sich inzwischen getrennt hat. "Sie ist", so versichert er, "die beste Mutter, die ich mir für meine Kinder wünschen kann." Hubert-von-Goisern-Fans können sich, schon jetzt freuen. 1997 will der Musiker unbedingt auf die Bühne zurück. Vielleicht gar mit seiner ehemaligen Begleitband, den Alpinkatzen? Hubert: "Ich schließe nicht aus, daß wir irgendwann wieder in mehr oder weniger derselben Besetzung zusammenspielen. Aber ob, und mit welcher Art von Musik, das kann ich jetzt noch nicht sagen." Astrid Eichstedt
Profil Nr. 11 13. März 1995 Hubert von Goisern über seinen Landsmann Jörg Haider, politische Verantwortung, seine neue CD und den Rücktritt von der aktiven Karriere. Hubert von Goisern, 43, feierte mit einer Synthese von Rock und Volksmusik (Hiatamadl) stürmische Erfolge in Österreich und Deutschland. Nach ausführlichen Konzerttourneen erklärte er im Herbst '94 seinen Rücktritt von der aktiven Popmusik und koppelte diesen mit dem Erscheinen einer neuen LiveDoppelCD, die am kommenden Montag ausgeliefert wird (Wia die Zeit vergeht, BMG Ariola). Goisern lancierte eine rustikalelegante Modelinie und arbeitet zur Zeit an der Filmmusik zur Josef Vilsmaier Verfilmung von Robert Schneiders Roman Schlafes Bruder. Goisern äußerte sich vergangene Woche via APA zu den Ausführungen Jörg Haiders, der eine Benefizveranstaltung Österreichs bekanntester Rockmusiker für die Opfer von Oberwart hämisch kommentiert hatte. Haider über die "Staatskünstler": "Hohle Demokratiebekenntnisse." Goisern über Haider: "Geschmacklos." Müssen sich Österreichs Künstler politisch engagieren? Ein Künstler ist wie je der Mensch für alles verantwortlich. Auch für die Rechte seiner Mitmenschen. Das Klima hat sich in ganz Europa nicht nur in Österreich drastisch verschärft, dazu habe ich bereits in meinen Konzerten Stellung genommen. Sie haben mit steigender Popularität darauf achtgegeben, Ihr politisches Profil kritisch gegen Waldheim und Haider zu schärfen. Warum? Ich muß mich als Volksmusikant mit dem ungesunden Regionalismus auseinandersetzen. Damit habe ich sehr viele Leute vor den Kopf gestoßen. Bei der ersten ausverkauften Tournee habe ich, sagen wir, 20 Prozent der Zuschauer beleidigt. Die wollten meine Musik hören, nicht aber meine Meinung zur Gesellschaftspolitik. Ich habe mir den Mund aber nie verbieten lassen, und die Hälfte der 20 Prozent hat bestimmt zum Nachdenken angefangen. Die andere Hälfte ist in der Pause gegangen. Sie haben auf dem ersten Album Aufgeigen statt niederschiaßen einen Song gegen den damaligen Bundespräsidenten Kurt Waldheim aufgenommen. Wie ist das angekommen? In meiner engeren Heimat bin ich oft angeredet worden, in den Lokalzeitungen erschienen kritische Leserbriefe und zynische Artikel. Auch mit Ihrem Goiserer Landsmann Jörg Haider haben Sie sich angelegt. Da hieß es von ein paar Leuten daheim, ich soll den Mund halten und Musik machen. Der Jörg ist schließlich ein Sohn Goiserns und wird dort bewundert, weil er's zu was gebracht hat. Titanenkampf der großen Goiserer? Ein bißchen schon. Sie sind fast gleich alt wie Jörg Haider. Kennen Sie ihn aus Ihrer Kindheit? Nein, ich kenne nur seinen Vater, der mit meinem Großvater oft beinander war. Der ist noch immer felsenfest davon überzeugt, daß im Dritten Reich alles richtig war. Auf dem Land war die Volksmusik imner mit konservativer Heimatideologie synchronisiert. Konnten Sie als Bub Volksmusik wertfrei hören? Ja. Ich wuchs musikalisch in der Blasmusik auf, die war für mich ganz unpolitisch. Ich spielte als Arbeiterkind bei der Bürgermusik, das gab nie Probleme, solang's um die Musik ging. Erst als ich die Haare plötzlich schulterlang trug, begann ich anzuecken. Heile Welt in Bad Goisern? Total. Eine gewaltschwangere Situation, wie wir sie jetzt in Österreich haben, war in unserem verlassenen Dorf undenkbar. Da gab's keine Verbrechen, wir sperrten weder Häuser noch Autos zu. Alles Böse kam nur über den Fernseher herein. Wieso beschlossen Sie, selbst Volksmusik zu machen? Ich verließ Bad Goisern, ging vier Jahre nach Afrika, zweieinhalb Jahre nach Kanada, studierte in Toronto Musik, ging noch ein halbes Jahr auf die Philippinen. Dort kam ich auf den Trip der Volksmusik. Mußten Sie zuerst Weltmusik hören, bevor Sie die eigene Volksmusik schätzen konnten? Ja. Ich lebte auf den Philippinen vier Monate mit Eingeborenen in einer Pfahlbausiedlung, wo's weder Strom noch Radio gab. Dort hatte die Volksmusik eine Lebendigkeit, wie ich sie noch nie vorher erlebt hatte. Da kam mir der Gedanke: So müsste die Musik auch bei uns irgendwann einmal gewesen sein. Bad Goisern ist ein Zentrum dieser Volksmusik. Ja, aber die wahren Volksmusiker agieren eher im Untergrund. Sie vermitteln nach außen das Gefühl der totalen Intoleranz. Musik gehört so gespielt, wie sie immer gespielt wurde. Das war die Aura. Welchen Anklang fand Ihre popmäßig aufbereitete Volksmusik bei den konventionellen Volksmusikanten Ihrer Region? Niemand fand's negativ. Die große Auseinandersetzung fand ja erst statt, als Goisern zum Phänomen wurde. Bemäkelt wurde dabei nie meine Musik, sondern meine Kritik an der Gesellschaft. Es gefiel den Leuten nicht, daß ich keine Probleme mit Schwulen hatte und über den Haider herzog, da fanden sie auch gleich meine Musik nicht mehr gut. Sie waren nicht der erste, der Volksmusik im weiteren Sinn machte, aber Sie drangen als erster Volksmusikant zu einem Massenpublikum vor. Haben Sie nie Angst vor der eigenen Wirkung gekriegt, wenn volle Bierzeltbelegschaften im Chor das Hiatamadl grölten? Ich war im Bierzelt nie dabei (lacht). Sobald du ein Lied geschrieben hast, verlierst du den Einfluß drauf. Die Leute machen damit, was sie wollen, ob sie's als den großen Angriff auf die Intoleranz verstehen oder als pure Unterhaltung zum Biertrinken. Aber genau das wollten Sie den Leuten nicht selber überlassen, sonst hätten Sie in Konzerten und auf dem Plattencover nicht Interpretationsanleitungen gegeben. Stimmt. Du kannst dich natürlich grün und blau ärgern über das, was passiert, aber ändern kann sich nichts mehr daran. Haben Sie gespürt, was für ein heikles Potential Ihr größter Hit besitzt? Beim Aufnehmen des Titels war ich mir nicht sicher, ob er nicht ein Rohrkrepierer wird, der mordsmäßig tuscht, aber mich selbst auch in Fetzen dastehen läßt. Warum? Der Text ("Koa Hiatamadl mog i riet, mog kane dicken Wadeln net") ist mir ganz geschwind eingefallen, ein lustiges Liedl halt. Nur: Wenn man nichts anderes von mir hört was durch den ungeheuren Radioeinsatz vom Hiatamadl ja praktisch passiert ist kann man schon einen sehr schiefen Eindruck von dem gewinnen, was ich eigentlich mach'. Das Hiatamadl schlägt den Bogen von der Popmusik zum Musikantenstadl. Mein Manager wollte eh, daß ich im Musikantenstadl auftrete. Er dachte, das sei eine subversive Gschicht. Mußten Sie sich vor sich selbst für Ihren Erfolg rechtfertigen? Nein. Aber ich spürte, daß sehr viele Leute in meine Konzerte kamen und sich etwas völlig anderes von mir erwarteten, weil sie nur das Hiatamadl kannten. Zuerst verunsicherte mich das. Dann begann es mich zu freuen, weil ich die Chance erkannte, Leute zu erreichen, die ich sonst nie erreicht hätte. Bierzeltmusik, Musikantenstadl für junge etc. Wie sind Sie mit diesen Vorwürfen zurechtgekommen? Sie haben mich natürlich gewurmt. Da half auch das Argument des breiten Publikums nicht, dem ich gefalle. Ich wollte die erreichen, die zumachen, Zuhörer und Kritiker. Als mich die" Salzburger Nachrichten" einmal verrissen, platzte ich in die Ressortleiterkonferenz und spielte ihnen mit der Ziehharmonika eins auf. Den Franz Endler lud ich nach einem Verriß zu einer Fernsehdiskussion ein, Gott sei Dank war er eitel genug zu kommen. Ist die GoisernBotschaft für Toleranz und gegen Ewiggestrige inzwischen rübergekommen? Es ist was weitergegangen. Es bleiben Dinge zu sagen, die ich musikalisch erst formulieren muß. Dazu brauche ich die Denkpause, die ich angekündigt habe. Wie endgültig ist dieser Abschied? Ich mache noch Promotion für meine Live CD, ein paar Interviews, den einen oder anderen Fernsehauftritt. Für nachher hab' ich mir noch nichts vorgenommen. Wie lange wird die Pause also sein? Nicht länger als ein halbes Jahr. In erster Linie geht's mir um Bühnenabstinenz. Dann will ich warten, bis mich irgend etwas so juckt, daß ich kratzen muß. Nützen Sie Ihre Popularität, um politisch etwas weiterzubringen? Ich will kein Politiker werden. Mir geht's in erster Linie um Menschenrechte, dann um eine Ökologie der Vernunft. Ich glaub', daß wir zuviel arbeiten. Ich finde, es sollte keine Schande sein, wenig Geld zu haben. Leicht gesagt für Sie. Das hab' ich schon gesagt, als ich überhaupt kein Geld hatte. Was können Sie konkret für den Paradigmenwechsel tun? Besser informieren. Wir sind dabei, eine Künstlerplattforrn zu errichten, die das Zeitgeschehen kommentiert, wie es jetzt Werbung, Industrie oder Politik tun. Jahrelang haben Sie um Anerkennung gestrudelt: Wie fühlen Sie sich, wenn plötzlich Ihre Meinung zum Weltgeschehen von öffentlichem Interesse ist? Gut. Aber viel Verantwortung ist's auch. Wenn so was wie in Oberwart passiert, muß ich dazu Stellung nehmen, und ich muß es so tun, daß es die erreicht, die es erreichen soll. Daß es außerdem nach mir selber klingt, ist sauschwer. Mich über Musik und Poesie auszudrücken, fällt mir leichter. Christian Seiler
Neue Kronen Zeitung 31. Mai 1997 Zweieinhalb Jahre lang verordnete sich Jodelprinz Hubert von Goisern Abstinenz von der Bühne und tauchte ein in ein anderes Leben. Im "Krone"-Interview meldet sich der Grenzgänger zurück.
Was hat Sie eigentlich vor zweieinhalb Jahren auf die verrückte Idee gebracht, Ihre Alpinkatzen in die Wüste zu schicken und selbst nach Tibet zu verschwinden? Ich wollte einfach einen Sprung über meine Grenzen wagen und hab' mir gesagt: So, jetzt trete ich ab, mach' eine lange Pause und schmeiß' alle Türen hinter mir zu. Was hat's gebracht? Wer sich den Rückweg abschneidet, der macht eine sehr intensive Erfahrung, eine Grenzerfahrung. Ich habe mich in dieser Zeit mit der Sache Tibets beschäftigt. Einfach so? Durch Zufall habe ich eine in Österreich lebende Tibeterin kennengelernt, die mich um Unterstützung bat. Ich sagte spontan zu. Obwohl Sie eine Lebensgefährtin und zwei Kinder haben... Ich habe zwei Zuhause. Das eine ist, wo ich allein lebe und arbeite, das andere ist meine Familie. In diesem Spannungsverhältnis spielt sich mein Leben ab. Nach Tibet sind Sie allein gereist? Ja, und dabei habe ich eine sehr große Achtung vor diesem Volk bekommen. Obwohl es seit 50 Jahren unterdrückt, ermordet und gefoltert wird, haben diese Menschen nich den Lebenmut verloren, sind nich aggressive geworden. Bei uns wird zurückgeschlagen, wenn einer hinhaut. Und auch in Tibet gibt's Stimmen, die den friedlichen Weg nicht mehr gutheißen. Schließlich hört die Weltöffentlichkeit nur hin, wenn's kracht. Dann erst würde CNN live senden.
Helfen diesem Volk Besuch wie der Ihre? Solidarität hilft immer. Und ich würde mir wünschen, daß auch die österreichische Regierung endlich zur Kenntnis nimmt, daß Tibet ein besetztes Land ist. Hat Hubert von Goisern auch den Dalai Lama getroffen? Ja. Seine Heiligkeit der Dalai Lama ist einer der wunderbarsten Menschen, denen ich je begegnet bin. Seine Ausstrahlung ist ansteckend. Soviel Lebensfreude, Freundlichkeit und Herzlichkeit habe ich noch bei keinem andern Mächtigen erlebt. Ein ganzes Volk blickt zu dem Mann auf. Sind Sie gleich zum Buddhismus übergetreten? Sicher bin ich in mancher Hinsicht Buddhist, würde mich aber ungern als solcher bezeichnen. Ich bin einfach ein spiritueller Mensch, der Respekt hat vor jedem Lebewesen. Sind Sie nach wie vor Katholisch? Aus der katholischen Kirche bin ich ausgetreten, weil für mich dort vieles nicht mehr stimmt. Allein die Tatsache, daß Geschiedene in der Kirche keinen Platz haben, zeigt ein Gottesbild, das mir nicht gefällt. Es ist auch völlig absurd, daß nur Männer Priester werden können. Sie waren nicht nur in Tibet, sondern auch in Afrika. Ich habe in Tanzania am Tanganjika-See und in der Berglandschaft des Nationalparkes von Gombe Jane Goodalls besucht, das ist jene Britin, die durch ihr Leben mit freilebenden Schimpansen weltberühmt wurde. Wie konnten Sie sich Ihre exklusiven, monatenlangen Touren leisten? Ich habe viele Jahre lang hart gearbeitet, erfolgreich Musik gemacht. Und ich habe gespart. Nie Schulden gemacht? Ich hatte nur einmal in meinem Leben Schulden: Als ich mir am Anfang meiner Laufbahn einen Verstärker kaufen wollte. Was bedeutet Ihnen Geld? Geld ist eine Form von Energie. Daß man es hat oder nicht hat, bedeutet noch lange nicht, daß man glücklich oder nicht glücklich ist. Wichtig ist, die Energie richtig einzusetzen. Wie werden sich die Jahre als Aussteiger in Ihrer Musik niederschlagen? Wie ist noch unklar. Aber da mich diese Zeit sehr geprägt hat, wird sie auch meine künftige Arbeit beeinflussen. Wie fühlt man sich zurück im Leben? In Tibet und Afrika war ich Zuschauer, Gast. Hier fühle mich eher als Gastwirt. Und hier muß ich auch nicht Angst haben, daß irgendein Blitzkopf daherkommt und mich ohne Grund ins Gefängnis steckt. In Tibet kommt so was vor, Tibet ist ein lebensfeindliches Land. Dagegen ist Afrika gemütlich. Können Sie auch ganz ohne Fernweh mit Ihren Kindern zuhause spielen? Ich bin sehr glücklich bei meinen Kindern. Mit Niko spiele ich gern Fußball und Tennis auf Video. Da er EU-Gegner und ich Befürworter bin, entwickeln sich auch immer heiße Diskussionen. Mag er Ihre Musik? Ja, aber momentan ist er auf dem Beethoven-Trip. Und Laura? Mit meiner Tochter baue ich Hütten im Wald. Wir erforschen gern die Natur. Ist Ihr Beruf beziehungsweise feindlich? Ich und Hildegard haben nicht zusamenngelebt, als wir unser erstes Kind bekamen. Dann lebten wir ein Jahr lang in der Zeit, in der ich auf Tournee war, ist eine Entfremdung passiert. Ja, mit einem Künstler zu leben ist nicht einfach. Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was wäre es? Daß mein nächstes Projekt wieder so eine schöne Sache wird wie das Alpinkatzen-Projekt. Sie träumen vom Erfolg? Nein. Sondern, um mit Sir Carl Popper zu sprechen, vom Wesen des Experiments. Egal, ob es funktioniert oder nicht, nachher sollte man jedenfalls schlauer sein. Conny Bischofberger
Die Ganze Woche 26. Juni 1996 "Nein", verkündet Hubert überraschend im WOCHE-Gespräch, "es drängt mich zurück auf die Bühne! Wann genau ich wieder auftrete, weiß ich aber noch nicht. Das entscheide ich in den nächsten Monaten." Und die Lieder, die Musik, gab es da eine neue Richtung? "Zur Zeit habe ich das Gefühl, daß es eine eher aggressive Musik sein wird." Wirkliche innere Ruhe hat er bei seinen Reisen anscheinend nicht gefunden. "Ich habe sehr viel gesehen, war in Irland, in Afrika, jetzt sehr lange in Tibet. Ich habe dort vieles erlebt, was mich verärgert hat. Wenn man in buddhistisches Denken hineinkommt, dann gibt es so etwas wie Zorn oder Ärger nicht. Aber ich spüre das schon: Ich bin noch zuwenig Buddhist oder vielleicht überhaupt keiner. Ich bin der letzte, der sagt, man soll mit Waffengewalt irgendetwas verändern. Aber da ist dieses Land seit 50 Jahren von den Chinesen beherrscht, und die Welt schert sich einen Dreck drum. Das nervt mich total, das ärgert mich unbändig!" Was zieht ihn dann überhaupt zum Buddhismus? "Weil sie nicht missionieren, so wie alle anderen Religionen. Weil sie gegenüber Andersgläubigen total tolerant sind. Das geht mir bei unseren Religionen ab." Und warum' scheitert bisher ein Beitritt, nur an seiner Aggressivität? "Ja, ich bin kein Buddhist, weil ich Gelsen hasse. Wenn mich eine Gelse in der Nacht sticht, dann drehe ich das Licht auf und bringe sie um, wenn ich sie erwische. So etwas dürfte ein Buddhist nicht machen." Freuen wirf uns also auf einen neuen, aggressiven, nachdenklichen Goisern. Hannes M. Pum
Brigitte 21/ 95 Längst haben wir den Tirolerhut eingemottet, der sich zu Hubert von Goiserns Alpin-Rock so famos schwenken ließ. Wissen wir doch: Der "Alpen-Zappa" ("Bunte"), die "Quadratur des Geißbocks" ("Frankfurter Rundschau") hat sich in seine ganz persönliche Kunstpause verabschiedet. Zwölf Monate lang will der Mann nur noch eines sein: Hubert Achleitner, als der er vor 43 Jahren im österreichischen Luftkurort Bad Goisern geboren wurde. Mit viel Zeit für Freundin, Sohn (7) und Tochter (knapp 2). Und für die Berge natürlich. "Die Jahreszeiten erleben" möchte er, "nach Stille suchen, um Melodien in mir entstehen zu lassen". Der Ruhm, bemerkte Hubert, hat ohnehin seine Schattenseiten. Ein Autogrammjäger verfolgte ihn sogar bis auf die Beerdigung seines Großvaters. Das war zuviel. Sei's drum, gönnen wir ihm den Trip in die Versenkung. Zumal Huberts Aus-Zeiten bislang überaus fruchtbar waren: Nehmen wir nur seine siebenjährige Travel-Tour in den 80ern. Enttäuscht von der Welt (aus der Goiserner, Blaskapelle war der langhaarige Rebell rausgeflogen, ein Gutteil Musik-Szene erschien ihm zu "zerkunstet"), landete er schließlich auf den Philippinen, wo er verzückt der traditionellen Nasenflöte lauschte - und sich vornahm, auch der heimatlichen Volksmusik auf die Sprünge zu helfen. Ergebnis: wunderbare Hits wie Hiatamadl oder Kuahmelcher. Vorbei, ach, vorbei. Doch gerade rechtzeitig, bevor wir uns vollends der Sentimentalität anheimgeben, erreicht uns Huberts vorerst letztes Vermächtnis: die Musik zum neuen Vilsmaier-Film Schlafes Bruder. Dramatische Klänge, urige Laute vor einer klaren alpinen Kulisse. Wir schweigen, genießen und hauchen beim Abspann leise "Servus". Vielleicht sollten wir mal wieder in die Berge fahren. Zum Kraxeln. Irgendwo muß der schöne Hubert doch sein ... |
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