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HUBERTS LOGBUCH

 20. juli 2007 - Silistra

am morgen akzeptiere ich zähneknirschend vor der dreistufigen terrasse des am ufer gelegen hotels zu spielen. ich verzichtete im interesse des friedens auf meine platzwahl (500m stromaufwärts) unter der voraussetzung die terrasse werde von tischen, stühlen und sonnenschirmen leergeräumt und dem allgemeinen publikum zugänglich gemacht. der besitzer des hotels ein gewisser Raichev, gleichzeitig inhaber der hiesigen wurst und fleischfabrik und laut botschafter ein "großer freund österreichs", hat in silistra die unumschränkte macht. da kann nicht einmal der bürgermeister oder die polizei was ausrichten. die diskutiererei macht mich wütend. das ganze stinkt zum himmel. aber der zorn hat mich energetisiert und aus dieser hitze-lähmung herausgerissen die mich seit einer woche umhüllt. mir ist als liefe ich mit gezogenen schwert in der hand durch den tag. wie soll ich in dem zustand singen und musizieren? auch meine roma freunde sind geschockt über meine wandlung von dr. jekyll zu mr. hyde. irgendwie erinnern sie mich an meine tibetischen freunde, sie sind so gentil und agressionfrei. am nachmittag setze ich eine probe an. wir machen ein neue form für den "benni", indem wir karandila teile einbauen. auch der "neue tag" wird geprobt. Anita Christie, die sängerin von karandila übernimmt einen vocal-part. es ist so heiss, dass man sich die lippen verbrennt wenn man das mikrofon berührt. auch die musikalische arbeit beruhigt mich nicht wirklich. ich bin wie ein tiger, den man gereizt hat, ich möchte blut sehen, töten – und bin gleichzeitig entsetzt über mich selbst. mein sechster sinn sagte mir, da kommt noch was auf mich zu heute.

am abend als wir das konzert spielen sollen, ist es soweit. die terrasse die man zu räumen versprochen hatte ist 3 std vor konzert-beginn unverändert und zudem von sicherheits personal so abgeschirmt, sodass nur leute zugelassen werden, die bereit sind an einem der tische platz zunehmen und zu konsumieren, der vorderste teil reserviert für die freunde des hauses, goldketten-bekränzte gesellen mit weiblichem aufputz.

ich hole mir eine dolmetscherin und mache allen klar, dass es so mit sicherheit kein konzert geben werde. um 8h, eine std vor dem konzert - unveränderte situation. inzwischen stehen draussen hinter den bäumen etwa 1000 menschen, die so gut wie nichts sehen. ich gehe auf die bühne und lasse allen wissen, dass ich nicht bereit bin für ein paar reiche zu spielen, sondern ein konzert für alle bürger und gäste silistras geben werde. aufbrausender applaus von hinten, und - gott sei dank auch von etwa der hälfte der gäste, die es auf die terrasse geschafft haben.

ich gehe zu den technikern und verordne bereitschaft an alles an bord zu bringen und abzulegen, laufe zum kapitän und frage ihn wie lange er für ein ablegemanöver braucht. von der situation in kenntnis gesetzt, bietet er an, trotz einbrechender dunkelheit und illegalität der aktion, das schiff in etwa 1 Stunde an meinen wunschplatz zu bringen und wirft sofort die maschinen an. "und wanns mi' an tag eindrahn und da jonas 100 oder 200 euro strafzahln muass. des gebn ma uns".

ein letztes mal gehe ich mit der dolmetscherin ans mikro, sie ist selber bulgarin und übersetzt nicht nur präzise, sondern mit spürbarer solidarität. ich nenne den namen des besitzers und seine unwilligkeit zu kooperieren, weise auf seinen wortbruch hin, sage das sei nicht meine vorstellung von europa, wo die mehrzahl der menschen degradiert werden zu zaungästen.

Wolfgang (ton) und Hans (licht) haben mit hilfe der musiker ihre mischpulte und kabelagen schon hereingebracht. ich rufe jonas meinen tourmanager, der noch immer zu verhandeln versucht, am handy an und sagte ihm sich in sicherheit zu bringen und unvermittelt an bord zu kommen.

Balou, der technische leiter schafft den komplexen akt des dach-einfahrens mit hilfe aller mitarbeitern in rekordzeit und ab gehts. die lautsprecheranlage donnerte roman gregoris lied: "mach de bereit, für dei' erste watschen heit" übers wasser und Sevi unser gitarrist lässt es sich nicht nehmen mit mächtigem sound noch eins drüber zu legen. ich stehe auf der brücke neben dem kapitän und beobachte wie uns die inzwischen über 2000 zuschauer unter jubelgeschrei, wie eine prozession am ufer entlang folgen und werfe meinen zorn in hohem bogen in die donau. nach erreichen "unseres" platz fahren wir dach und LED wände hoch und beginnen zusammen mit unseren gästen zu spielen. getragen von einer welle unendlicher solidarität und dankbarkeit für diesen akt des widerstands gegen willkür und ausgrenzung.

nachsatz: das konzert endete um 1h nachts! nachspiel gab es keines. oder vielleicht doch? Uli Eichelmann vom wwf hatte just an diesem tag medienvertreter aus deutschland mitgebracht: spiegel, focus, süddeutsche und deutschlandfunk. sie bekamen wirklich etwas geboten. und morgen wird das management von karandila in sofia eine pressekonferenz über die ereignisse geben.

Hubert von Goisern

 

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