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Weltmusik auf der Donau

Deutsche Welle 13. August 2007

Hubert von Goisern
Foto: © Petra Hinterberger
Audio: "Deutsche Welle"-Bericht (MP3; Deutsch - 10 Min.)
Audio: "Deutsche Welle"-Bericht (MP3; Englisch - 30 Min.)

Ein Ufo ist gelandet

Focus Online 31. Juli 2007

22 Donau-Häfen, weitere an Rhein und Main, rund vierzig Konzerte und unzählige Begegnungen – der österreichische Weltmusiker Hubert von Goisern ist per Schiff auf "Linz Europa Tour". In einem einzigartigen, dreijährigen Projekt will er die vielen Stimmen Europas gemeinsam zum Klingen bringen.

Hubert von Goisern
Marlene Schuen und Maria Moling

Am Anfang steht eine Explosion. Mit 280 000 Watt wummern Akkordeon, Schlagzeug und E-Gitarre über die glatte Wasserfläche. Von der auf der Donau schwimmenden Konzertbühne schwappt eine optisch-akustische Flutwelle über die Köpfe der 2000 Menschen am Kai von Vylkove. "A Griasknedl und a Leberknedel ham si gor ned vertrong", singt Hubert von Goisern.

Wer ist dieser "Chubert"?

Ein Ufo ist gelandet. An Bord Musiker aus Österreich und der Ukraine, die mit E-Gitarre, Bass, Schlagzeug, Akkordeon, Keyboard, Geige, Hackbrett, Flöte, Percussion und Gesang zeigen, dass Europa zumindest musikalisch eine gemeinsame Sprache sprechen kann. "Wer ist dieser Chubert", fragt der 26-jährige Dmitrij und seine Augen blicken, als wollten sie sagen: "Wer macht so was Verrücktes?" Dmitrij hievt seit zehn Jahren mit einem Kran tonnenweise Krabben aus dem Schwarzen Meer. Er kann kein Deutsch und kaum Englisch, hört gerne Rammstein und hat noch nie erlebt, dass in seiner Heimatstadt ein Konzert stattfindet.

Der 8000-Einwohner-Ort Vylkove ist die östlichste ukrainische Siedlung im Donau-Delta, in dem 280 Vogel- und 100 Fischarten leben. Rundherum erstreckt sich außer Wasser bis zum Horizont nur Marschland, das sich nicht für Landwirtschaft eignet. Die klein gewachsenen Menschen leben von und mit dem Fluss. Mitten im Ort steht nach wie vor eine Lenin-Statue. Und nun dieser Sound. Wer ist dieser "Chubert"?

Alpine Weltmusik auf Europa-Tour

Der 54-jährige Hubert Achleitner, der Ende der Achtziger der Volksmusik die E-Gitarre umhängte und unter dem Label "alpine Weltmusik" Jodeln, Mundharmonika und Akkordeon mit Rock und Pop versöhnte, hat sich in den Kopf gesetzt, auf einer dreijährigen Konzerttournee Europas Osten und Westen einander näher zu bringen. Wo EU-Politik mehr Hürden schafft, als Animositäten aufzulösen, hat er sich für die Sprache der Musik entschieden: ohne Grenzen, Vorurteile, Hinhaltetaktik. Es passiert heute und hier.

Diesen Sommer geht die Schiffsreise von Linz aus nach Osten und zurück, nächstes Jahr über den Rhein-Main-Donaukanal gen Westen bis Rotterdam. Unterwegs treffen von Goisern und seine Band auf etwa 40 lokale Gruppen, mit denen sie Konzerte geben und an gemeinsamen Stücken arbeiten. Alle Veranstaltungen im Osten Europas sind gratis. Krönender Abschluss soll im Sommer 2009 ein mehrtägiges Festival in Linz sein, das mit dem litauischen Vilnius Europäische Kulturhauptstadt sein wird.

Hubert von Goisern
Maria Moling und Hubert von Goisern
Hubert von Goisern

Klotzen für den Titel der Kulturhauptstadt

Ihr Intendant Martin Heller unterstützt das Projekt ideell und finanziell. Er will "nicht nur ein Riesenfeuerwerk abschießen", sondern schon vorab "etwas machen, was diesen Gedanken – Linz liegt in Europa, wir sind mittendrin und haben eine Aufgabe – ausdrückt". Die oberösterreichische Landeshauptstadt ist somit Nabel der Tour und Heimathafen des 100 Meter langen und 16 Meter breiten Schiffsverbands. Linz bewirbt sich mit diesem Projekt für den Titel der Kulturhauptstadt 2009.

Alpinrock auf der Donau

Auf einer zum Konzertschiff ausgebauten Barge, die einst Sand und Schotter transportierte, ruht die 119 Quadratmeter große Festivalbühne mit Ziehharmonika-Prinzip: Das Dach steht auf hydraulischen Beinen. Während der Reise eingefahren, erreicht sie ausgefahren eine lichte Höhe von sechs Metern. An und unter Deck lebt eine 25-köpfige Crew – darunter die acht Bandmitglieder – in einer Art Großraum-WG zusammen, die wächst, wenn lokale Gruppen an Bord kommen.

Underdogs unter sich

"Subjektivität, nicht Objektivität", sucht Gallionsfigur Hubert von Goisern, der Länder besucht, in denen vor Kurzem noch Krieg herrschte, und Staaten, an deren Flanke plötzlich eine EU-Außengrenze andockt, die sie ausschließt. Er will zeigen, dass das alles trotzdem zusammenhängt und ein Kulturraum ist; dass sein Jodler sich beispielsweise wunderbar mit dem energiegeladenen Ethno-Rock-Punk der moldawischen Gruppe Zdob si Zdub oder dem Karpaten-Ska von Haydamaky aus Kiew vereinen lässt (s. Interview). Auf dem lokalen Markt sind sie Konkurrenten, nach dem Konzert jammen sie gemeinsam auf dem Schiff. Haydamaky-Sänger Oleksandr Yarmola vergleicht die EU-Regeln mit Steinen. Seine Band wurde 2001 von EMI entdeckt, bringt im Herbst ihre neue CD beim Berliner Label Eastblock heraus, hat aber nach wie vor Probleme, EU-Visa zu bekommen. "Wir, das Projekt, sind Wassertropfen, die weitere Tropfen anziehen und den Stein eines Tages ausgehöhlt haben werden." Mit ihrer Mischung aus ukrainischer Volksmusik, Ska, Punk und Reggae passen Haydamaki genauso wenig in Genre-Schubladen und kommerziellen Rundfunk wie die alpine Weltmusik des Hubert von Goisern. Umso besser passen sie zusammen.

Klang-Botschafter aus dem Salzkammergut

Es ist die Vision eines Weitgereisten, der dem Fremden mit offenem Herzen begegnet. Wenn er einmal von einer Sache überzeugt ist, startet er voll durch. Hindernisse sind dann dazu da, genommen werden. Ein Zurück duldet der starke Charakter nicht. Als Goisern vor Jahren nach einer Tibet-Reise die musikalischen Eindrücke auf seine Weise interpretieren und einspielen wollte, sagte man ihm, die Genehmigung dazu müsse das religiöse und politische Oberhaupt erteilen. Also organisierte er sich eine Audienz beim Dalai Lama. Der weise, alte Mann war von der ehrlichen Absicht, dem klaren Willen des Klang-Botschafters aus dem Salzkammergut überzeugt und stimmte zu.

Das Mammut-Projekt Linz Europa Tour bereitete der Wahl-Salzburger zwei Jahre lang vor, holte Genehmigungen ein, suchte und fand Spielorte und Bands, mit denen er seine Vision umsetzen will. Die Idee eines völkerverbindenden schwimmenden Festivals hatte er vor zehn Jahren am Tanganika-See in Zaire, wo er ein Porträt über die Primaten-Forscherin Jane Goodall drehte. Er organisierte ein Unplugged-Konzert mit Musikern der ethnischen Gruppen, die sich bekriegten. Vor zwei Jahren stand der Hobbyfischer dann auf einem Schiff des Reeders Franz Brandner auf der Donau: "Wir haben den ganzen Tag nichts gefangen. Wenn’s so fad ist, hast du Zeit zum Nachdenken."

Die Vision wird wahr

Gar nicht lange überlegen musste der Erfinder eines enorm erfolgreichen österreichischen Energy-Drinks, als er von dem Projekt hörte. Er steuert zwei von vier Millionen bei, eine weitere lässt "Linz 09"-Intendant Heller springen. Da haben sich welche gefunden, denen – wie von Goiserns langjähriger Manager Hage Hein glücklich erzählt – "die einmalige Idee wichtiger ist als Vertragsklauseln". Die Vision wird wahr.

Schubschiff
Wohnschiff
Bühne
Wohnschiff

Solo für Mond

Gerade ist Goisern am östlichsten Punkt der Reise, im ukrainischen Donaudelta angekommen. Der Strom, der Länder trennt und verbindet, passiert zehn Staaten und wird, bevor er sich nach fast 3000 Kilometern dem Delta nähert, immer breiter, seichter und ruhiger. Im Gespräch strahlt Goisern eine Gelassenheit aus, die der des Stromes ähnelt.

"Ich blase ihnen die Hütte weg"

In den osteuropäischen Ländern galt es, im Vorfeld die Bürgermeister zu überzeugen. "Begeistert waren sie alle", erinnert sich der Pionier. Sie drückten ihm die Hand, klopften auf seine Schulter, wünschten viel Glück. "Aber dass einer wirklich mal was getan hätte, diese Leute kann ein Tischler an einer Hand abzählen." Der Groll schwingt noch in seiner Stimme mit. Waren die Stadtchefs überzeugt, stellten sich Polizei oder Lokal-Oligarchen quer – und tun es noch heute. Der Kampf geht fast täglich weiter, aber gezwungenermaßen nehmen damit die Siege zu. "Ich find das super", sagt Goisern triumphierend, "jetzt stehe ich da und blase ihnen die Hütte weg."

Im wahrsten Sinne des Wortes, optisch und akustisch. Wolfgang Spannberger entwickelte eigens für das Projekt eine Tonanlage, Konzertmitschnitte von zwei Live-Kameras werden auf zwei 5,8 mal 2,9 Meter große LED-Leinwände neben der Bühne projiziert und mit Visuals zu einem optischen Gesamtkunstwerk komponiert.

Jodel-Punk im Polka-Takt

Vom Vylkover Nachthimmel über dem Schiffsverband scheint ein schüchterner Mond herunter, der mit seiner Spiegelung im ruhigen Donauwasser gewohnt ist, der alleinige Star des Abends zu sein. Das mehrstimmige Jodeln auf der Bühne stiehlt ihm jetzt die Show. Die Einwohner haben sich für das einzigartige Ereignis fein gemacht. Alte Männer tragen das steif gebügelte Hemd in der Hose, ihre Frauen bunte, mit großen Blumen bedruckte Kostüme, Teenager und junge Frauen führen stolz seidig schimmernde Kleider oder figurbetonende kurze Röcke und Tops aus. Ein kleines Mädchen schlägt vergnügt mit einer leeren Wasserflasche den Polka-Takt mit, beim Jodel-Punk kann selbst so manche Großmutter nicht stillhalten.

Weil der Fluss so seicht ist, liegt die schwimmende Bühne trotz ihrer geringen Schubtiefe von 1,40 Metern etwa 20 Meter vor dem Kai vor Anker. Das ist schade, löst sich doch der Eindruck des Ufos so nicht auf. Die Interpreten sind weit weg vom Publikum, Kommunikation findet kaum statt.

Ein Vylkover hält es nicht mehr aus. Er hatte die erste Hälfte des Konzerts begeistert tanzend und springend in seinem am Kai vertäuten Kahn verbracht, der abenteuerlich schaukelte. Jetzt springt er mit einem Satz ins Wasser, läuft und schwimmt direkt vor die Bühne, wo ihm das Wasser bis zur Brust reicht. Dort reißt er die Arme in die Höhe und schreit. Er hat sich selbst zum Botschafter seiner Stadt ernannt. Mit seiner Begeisterung zeigt er Haydamaki und der Hubert-von-Goisern-Band, dass sich die Strapazen lohnen. So etwas gab es noch nie in Vylkove.

Solo für Mond

Nach dem letzten Ton ziehen fast alle Gäste glücklich nach Hause. Nur eine Gruppe Frauen Ende 50, die während des Konzerts ausgelassen tanzte, hat noch nicht genug. "Hu-bert, Hu-bert", skandieren sie hüpfend. Dann setzen sie sich, wie junge Mädchen lachend, auf die Kaimauer. Was bleibt, ist der Mond, der jetzt zur After-Show-Party doch noch seinen Auftritt hat.

Sandra Zistl

"Zwischen Panik und explodieren"

FOCUS Online 31. Juli 2007

Hubert von Goisern im Interview

Hubert von Goisern

Seit gut einem Monat ist Hubert Achleitner, besser bekannt als Hubert von Goisern, mit Band und Crew als europäischer Klang-Botschafter auf der Donau Richtung Osten unterwegs. FOCUS Online traf ihn im ukrainischen Flussdelta, kurz bevor sich der europäische Strom ins Schwarze Meer ergießt.

Tiefbraun gebrannt sitzt er mit einer dunklen Sonnenbrille an Deck der "MSS Josef Wallner". Die Nacht war kurz, am Anfang spricht Achleitner sehr leise. Im Lauf des Gesprächs kommt jedoch zunehmend Leben in ihn. Es sind die ausladenden Gesten eines Menschen, der viel auf der Bühne steht. Schon ist sie zu spüren, die Energie, die den Musiker aus dem österreichischen Salzkammergut in den vergangenen Jahren um die halbe Welt trieb.

Sie sind in den vergangenen Jahren sehr viel und weit gereist, nach Asien und Afrika. Erst jetzt entdecken Sie eine Region, die geografisch näher liegt. Muss man erst weggehen, um zurückkommen zu können?

Als junger Mann hab ich mir gedacht: Alles, was in der Nähe ist, kannst du später machen. Ich ging so weit weg wie möglich. Das Leben ist eine Spirale: Man kommt dem, was man sucht, immer näher.

Was suchen Sie auf dieser Reise, mit der Sie Bewusstsein schaffen wollen für Einheit und Vielfalt der europäischen Kultur?

Ich suche das Abenteuer. Nicht als Voyeur, sondern bei mir selbst. Ansonsten finde ich lieber. Ich mag nicht gern auf Wegen gehen, schon gar nicht immer auf denselben. Und ich mag Situationen, wo ich gezwungen bin, all meine Sinne ganz wach zu halten. Bei so vielen neuen Eindrücken ist das der Fall.

Dennoch sehen Sie sich das Neue immer mit der Volksmusik des Alpenraums im Gepäck an. Was bedeutet Tradition für Sie?

Sie ist wie ein Rucksack, den wir durchs Leben tragen. Bei manchen ist er sehr schwer, und sie kommen deshalb nicht vorwärts. Ich hab als Jugendlicher auch gemerkt, dass ich da ganz schön was umgehängt bekommen hab und begann irgendwann auszupacken und zu entrümpeln. Wenn der Rucksack ganz voll ist, passt nichts mehr rein.

Wie gehen die Musiker, die Sie bei der "Linz Europa Tour" treffen, mit Tradition um?

Ich habe Brüder und Schwestern im Geiste gefunden – eine wunderbare Bestätigung. Man bildet sich oft ein, ganz allein den Stein des Weisen entdeckt zu haben und die anderen nicht. Dann stellt man verblüfft fest: Die anderen haben auch Steine. Das gefällt mir.

Sie musizieren in diesen drei Monaten mit mehr als 100 Kollegen, haben wenig Zeit zum Proben. Mit welchem Gefühl stehen Sie auf der Bühne?

Es ist alles zwischen Panik und explodieren. Manchmal hab ich das Gefühl, mich in meine Atome aufzulösen. Ich versuche, alles mitzubekommen und gleichzeitig loszulassen. Man muss das passieren lassen, was passiert.

Hätten Sie gedacht, dass Ihr Jodeln und der Karpaten-Ska ukrainischer Bands sich so gut ergänzen?

Ja, zumindest bei allen Polka-Sachen. Aber es gibt natürlich keine Gewissheit, dass es immer so gut passt.

Bei den Konzerten gewinnt man den Eindruck, dass der Balkan besonders energiegeladen ist. Nur ein Klischee?

Nein, das hat Tradition hier. Dieses Cha-Cha-Cha-Cha (er ballt die Faust, unterstreicht den Rhythmus mit dem Unterarm), ich mag es, wenn das voll auf den Off-Beat drauf geht: Mta-mta-mta! Bei uns ist alles direkt auf dem Beat drauf, Bum-bum-bum, damit die Leute mitklatschen können und sich auskennen: Dei-didi-dadam … (er singt, klatscht, lacht, wiegt den Oberkörper dazu)

Hubert von Goisern

Was ist passiert in diesem Monat, den Musiker und Crew jetzt schon an Bord verbringen?

Wir haben Selbstsicherheit und Vertrauen gewonnen, dass das, was passiert, schon seine Gültigkeit und Richtigkeit hat. Die Erfahrung, die Donau hinabzugleiten, ist unglaublich. Der Fluss übt einen sanften Zwang aus, dem man sich nicht entziehen kann. Dieses Projekt ist natürlich anstrengend in vielerlei Hinsicht. Aber wir werden immer stärker, und durch die Stärke entsteht Gelassenheit.

Sind Sie zufrieden mit der Resonanz?

Es wird immer besser. Kroatien war unser erster Ost-Stopp. Ich war geschockt über das mangelnde Interesse, vor allem seitens jener, die die lokale Infra-Struktur stellen sollten. Ich interpretiere es mit dem Kriegstrauma. Man hat nicht den Mut, sich aufzurichten, weil vor Kurzem noch geschossen wurde. Es war eins der berührendsten Konzerte, das wir dort vor etwa 350 Leuten spielten, zwischen zerschossenen Ruinen und verkohlten Baumstümpfen.

Sie sagten einmal: "Das Hiatamadl spiel ich nicht mehr." Jetzt doch?

Ich sagte, ich wüsste nicht, wann ich es wieder spielen würde. Ich hab das und andere Lieder so oft gespielt und mag nicht, wenn es mechanisch wird. Um etwas Neues entstehen zu lassen, brauche ich Abstand. Der ist jetzt da.

Zum ersten Mal bieten Sie eine Art "Best of". Warum?

Die Leute hier kennen mich nicht, und ich möchte mich vorstellen. Wir haben ein dreistündiges Programm, spielen davon etwa eineinhalb Stunden. Ich kann also relativ spontan entscheiden, was gerade zum Ambiente passt. Gestern (Konzert mit Haydamaki und Zdob si Zdub) wären mehr Balladen fehl am Platz gewesen. Die Leute waren elektrisiert.

Sind Sie noch nervös, wenn Sie nach dem Act der Lokamatadore auf die Bühne treten?

Es ist jedes Mal ein Sprung vom 10-Meter-Brett in der Nacht ins Wasser, wenn du einen Jodler anfängst. Du weißt nicht, wie du aufkommst. Bisher hat es aber immer hingehauen.

Sandra Zistl

"Koa Hiatamadl" auf kalifornisch

Salzburger Nachrichten 31. Juli 2007

Im ärmlichen Hinterland des Donaudeltas angekommen sind Hubert von Goisern und Band:
Reportage vom fast letzten Winkel, den die "LinzEuropaTour" erreicht.

Hubert von Goisern und Zdob si Zdub
Foto: SN / Zeitenspiegel

In der Nacht, wenn musiziert wird, funkelt das Bühnenschiff und rundherum das Donauwasser. Licht und Leinwände, mit denen sich jedes Stadion beschallen ließe, strahlen über der Südukraine.

Technischer Aufwand und logistische Anstrengung treffen auf das Hinterland einer Nation, die 16 Jahre nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion unter Schmerzen versucht, sich zu finden. Nach Russland ist die Ukraine flächenmäßig größtes Land Europas. Dementsprechend schwierig verteilen sich wirtschaftliche Kräfte. In Kiew ereignen sich Revolutionen, qualmt der Wohlstand aus Schloten, führen internationale Bankkonzerne das Geschäft. Im südlichen Eck des Oblast (Verwaltungsbezirk) Odessa aber steht die Zeit still, auch wenn es nicht ruhig ist. Aufgemotzte Westautos röhren. Coca-Cola, Handy, billige Discomusik und Sat-TV haben schon gewonnen. Sonst aber trifft man kaum Sieger.

Das Venedig der Ukraine, ein Weltende-Dorf

"Die Krim, die Hauptstadt, darum kümmern sich unsere Politiker", sagt Iwanka, die im 8000-Seelen-Dorf Vilkovo, wegen seiner (Hoch-) Wasserkanäle "Venedig der Ukraine" genannt, einen Lebensmittelladen führt. Ihr Mann pendelt zur Arbeit gut 1000 Kilometer nach Donezk - ein Mal im Monat sieht sie ihn. In fünf Jahren wird die Ukraine mit Polen die Fußball-EM ausrichten. Donezk wird Spielort. Hier in Vilkovo wird man davon so viel mitbekommen wie in Bad Goisern: Man wird das TV-Gerät einschalten. Nur ist hier nicht immer sicher, ob es Strom gibt.

Der Mond ist da wie dort der gleiche. In diesen wolkenlosen Tagen begleitet er die Goisern-Tour als Beobachter. Mühelos und kitschig schön dient er als Symbol grenzenloser Verbindung, ja Zusammengehörigkeit. Auf dem Schiff muss diese Verbindung zwischen Musikstilen und Lebensarten härter erarbeitet werden.

Er suche Musiker, die das Gleiche suchten wie er, erläutert Hubert von Goisern auf einer Pressekonferenz in Ismajil das künstlerische und menschliche Anliegen der Tour. Es ist später Nachmittag. Am Abend werden rund 6000 der 79.000 Bewohner der Stadt am Hafen das Konzert anschauen.

Die Leute am Abend kommen nicht nur wegen des Goiserers. Sie kommen wegen Zdob si Zdub und Haydamaky. Die beiden Bands haben mit ihrem Mix aus Ethno und Rock in der Region Heldentum erworben. Besonders gefeiert werden die Moldawier Zdob si Zdub, angeführt vom charismatischen Roman Iagupov, der in seinem Vermögen, das Publikum einzunehmen, einem Bruder von Bono von U2 oder von Anthony Kiedis von den Red Hot Chili Peppers gleicht. Mit dem Stil der kalifornischen Rockstars, deren dynamischen, einmal hämmernden, dann wieder balladesken Sounds, lässt sich auch die partytaugliche Musik der "Zdobsis" vergleichen. 2005 nahmen sie beim Songcontest teil. Heuer gab es Pläne, das wieder zu tun - und zwar mit Hubert von Goisern. Daraus wurde nichts. Was blieb, ist eine gemeinsame Version von Koa Hiatamadl, die intensiver rockt als je zuvor. Das liegt auch an der Freude, die die Musiker aneinander haben. Hier wird der Sinn der Unternehmung "LinzDonauTour" augenscheinlich: Musik als verbindendes Element, als Annäherung von Welten. Auch mit Haydamaky funktioniert diese Kontaktaufnahme ideal. Ins Schwärmen kommt Hubert von Goisern, wenn er von der Zeit mit der Roma-Blaskapelle Karandila erzählt, die wenige Tage zuvor an Bord war.

Und doch ist der Zugang zur Volksmusik hier ganz anders. Der Goiserer musste sie daheim aus den Händen der Bewahrer neu erkämpfen. In Moldawien oder der Ukraine schuf traditionelle Musik zu Sowjetzeiten regionale Identität jenseits des Einheitsstaates. "Folk war für unsere Väter ein Akt des Widerstandes", sagt Haydamaky-Sänger Sascha. Die Anreicherungen mit Pop-Elementen diene nun einerseits der Popularisierung der Tradition und gleichzeitig einer Gegenbewegung zur Vereinnahmung des Volksgutes durch wachsende nationalistische Tendenzen.

In Vilkovo spielt solch politischer Hintergrund kaum eine Rolle. Rund ein Viertel aller Bewohner ist auf den Beinen. Auf dem Markt habe es seit Tagen kein anderes Thema gegeben als die Ankunft des Schiffes, sagt Ivanka. Am Ende des Abends wird sie mit einem der vier zur Bewachung abgestellten Polizisten tanzen. Im Gegensatz zu Ismajil ist kaltes Bier vorbereitet. Es gibt auch keinen von der örtlichen Nomenklatura errichteten VIP-Bereich. Wenn hier schon einmal was passiert, müssen alle hin.

Tagsüber kehrt Ruhe ein auf dem Schiffsverband - und nach fast 40 Tagen an Bord auch Routine. Auf dem Weg von Ismajil nach Vilkovo wird sie unterbrochen. An Bord kommen 25 Journalisten, eingeflogen von Sponsor Red Bull. Diese Annäherung folgt den Gesetzen der Branche. Schnell hin. Aufnahmegeräte und Kamera zücken. Weg. Und dabei auch noch das Glück haben, ein Stück des Weges mitzubekommen, an dem sich die politische Idee der Tour ebenso erkennen lässt wie die musikalische. Hier im Hinterland wird die Botschaft des Flusses als einende Kraft, als "Symbol der Freiheit", wie "Zdobsi"-Sänger Iagupov erklärt, wohl verstanden. Und hier werden - wenn auch mehr zu den bekannten Sounds der lokalen Bands als zu den fremden, alpinen Klängen der Goiserer-Truppe - Partys gefeiert. Für stille Reflexion bleibt an beiden Tagen wenig Zeit.

Die Schönheit des nächsten Flusskilometers Das Schiff bietet wenig Rückzugsraum, der sich mit den emotionalen Ladungen von Eindrücken füllen ließe, die sich aufstauen bei einer langen Reise. Sammeln, das gehe, auch wenn er sich "bisweilen fühlt wie ein Fass ohne Boden", sagt Hubert von Goisern. Und bewerten? Ordnen? Ablegen? Jede Aussage könne nur eine Momentaufnahme aus frischen, unsortierten Gefühlen sein, sagt der Goiserer, ein Schnappschuss, der morgen durch die nächste Band, den nächsten Flusskilometer, die Schönheit oder die bürokratischen Hürden des nächsten Ortes abgelöst werde. 18 Kilometer noch bis zum Schwarzen Meer, wo der Donauarm aufhört, in dem die "Wallsee" vor Vilkovo ankert und der den nördlichen Rand des Deltas bildet - und so eine seit Rumäniens EU-Beitritt für Ukrainer (auf offiziellem Weg) kaum überwindbare Barriere.

Euphorisch schaut Kapitän Peter Werner der Tour zu. "Wer uns entgegenkommt, funkt uns an", sagt er. Es gibt Glückwünsche für die Idee, diesen Irrsinn durchzuziehen. Und manche fragen nach, ob das stimme, was sie gehört hätten, dass da ein Schiffsverband unterwegs sei, um Konzerte zu spielen an Orten, die weder an der Touristenstrecke lägen noch Handelsstützpunkte seien.

Vilkovo symbolisiert dieses Betreten von Niemandsland. Wer mit dem Schiff so weit vordringt, steuert gleich Sulina an. Dort steht der Leuchtturm, an dem die Donau anfängt. Als einziger Fluss wird sie stromaufwärts in Kilometer geteilt. Dort spielt die Musik in zwei Tagen.

Bernhard Flieher

Konzertschiff
Foto: SN / Zeitenspiegel

"Zum Reden gehören immer zwei"

Der Standard 31. Juli 2007

Im Rahmen des Projekts "Linz Europa Tour" für Linz 2009 machte Hubert von Goisern während seiner musikalischen Donauraumerkundung in der Ukraine Station

Hubert von Goisern

Ukraine - Auf die Frage, ob sich nach über einem Monat auf dem Schiff Vision und Wirklichkeit noch immer halbwegs decken würden, antwortet Hubert von Goisern auf der Fahrt zwischen den ukrainischen Spielorten Ismajil und Vilkovo nahe dem Donaudelta pragmatisch: "Genau so, ganz anders. Innen schmeckt es, wie ich es mir erträumt habe, nur die Kruste ist beim Kochen nicht so wie geplant geraten."

Ende Juni ist Goisern mit einem knapp 80 Meter langen, 350 Tonnen schweren Schiffsverband im niederösterreichischen Wallsee gestartet. Als Hauptprojekt der Kulturhauptstadt Linz 2009 will er im Rahmen einer Linz Europa Tour jetzt im Sommer 2007 die Donau Richtung Osten bis ins Delta und in einer zweiten Tranche 2008 die Wasserwege im Westen bis nach Amsterdam musikalisch erkunden. Und er versucht dabei mit seiner Band auf der Bühne des Schiffs vor allem auch, an den jeweiligen Haltestellen seiner Reise mit lokalen Musikern in den Dialog zu treten.

Während das Schiff bei drückender Hitze an heruntergekommenen Braunkohlehäfen und wild wucherndem Augebiet vorbeigleitet, erzählt Goisern von den bisherigen Eindrücken seiner Reise. Die gut 40-köpfige Besatzung (Schiffsleute, Goiserns Band, ein Filmteam, die Musiker der frisch dazu gestoßenen ukrainischen Band Haydamaky ...) versucht zur selben Zeit, sich im Schatten möglichst verhaltensunauffällig zu geben.

Nicht immer, so Goisern, habe das Zusammenspiel mit den Bands entlang der Donau so gut geklappt wie gestern vor 5000 restlos begeisterten Zuschauern im charmant desolaten Industrieort Ismaijl. Von Goisern schwärmt einerseits vom mehrtägigen Austausch mit der wilden Gypsy-Brassband Karandila in Bulgarien. Zuvor aber habe sich die Kommunikation mit den in Kroatien eingeladenen Künstlern als Katastrophe erwiesen. Auch aus organisatorischer Sicht.

Hubert von Goisern: "Zum Reden gehören immer zwei. Und wenn von der anderen Seite zu wenig Selbstvertrauen und deshalb zu wenig Bereitschaft herrscht, in den Dialog zu treten, muss man es lassen. Wir hatten es dort nur mit Desinteresse und Lethargie zu tun - die Musiker suchten dann auch die wildesten Ausreden, um, abgesehen von Soundcheck und Konzert, bloß nicht das Schiff betreten zu müssen, verweigerten das gemeinsame Musizieren. Und der lokale Veranstalter hatte weder die zugeschickten Plakate aufgehängt noch die Presse informiert."

Die grüne Kugel

Einige hundert Kilometer stromabwärts in Ismajil dagegen funktioniert alles ganz prächtig. Dort wurde von Goisern am Nachmittag vom Bürgermeister die, nun ja, grüne Kugel der Stadt überreicht und mit einer blumigen wie länglichen Rede begrüßt. Während dieser erfuhr man über die Vorzüge der dortigen Zellstoffwerke und die universelle Kraft der Musik.

Die aus dem benachbarten Moldawien kommenden, dank ihrer Teilnahme beim Eurovisions-Songcontest 2005 mittlerweile auch in der Ukraine und in Russland als Superstars geltenden Zdob si Zdub sorgten schließlich am späten Abend mit einem mitreißenden Konzert auch dafür, dass im Anschluss Hubert von Goiserns alpiner Rocksound vom Publikum zwar speziell während der Jodelpassagen etwas befremdet bis belustigt, aber dennoch dankbar aufgenommen wurde.

Die von Zdob si Zdub praktizierte Technik, regionale Volksmusikinstrumente, -melodien und -tänze mit Rock 'n' Roll, HipHop und bretterharten Metalgitarren kommerziell gefällig zu kombinieren und zusätzlich mit "im Osten" als Polka gedeutetem, heißgeliebtem Reggae und Ska aufzufrisieren, ist schließlich dem Ansatz des Hubert von Goisern nicht unähnlich.

Wie zum Abschluss ein gemeinsam vorgetragenes Hiatamadl zeigte, handelt es sich beim einst aus Amerika eingeflogenen Rock 'n' Roll, neben den Errungenschaften des aktuell in Form von Die Hard 4.0 auch in der Ukraine heftig plakatierten Hollywood-Kinos, um den mit Sicherheit größten aller Mittler zwischen fremden Kulturen.

Hier heftiges Jodeln, da wildes Kasatschok-Gebrüll: Die unterschiedlichen populären Ansätze in den regionalen Kulturen zwischen Bad Goisern und Odessa bilden hier, abgesehen von der Sprache, nur noch die zunehmend kleiner werdende Zuckerhaube einer möglicherweise in 20 Jahren gar nicht mehr unterscheidbaren musikalischen Ausdrucksweise außerhalb das Alte bewahrender Brauchtumsgruppen.

Auch Hubert von Goisern mag das ahnen. Immerhin hat er jahrelang sehr intensiv und mit erheblichem Einsatz von Eigenkapital daran gearbeitet, dass er diese Reise unternehmen kann. Vier Millionen Euro kostet dieses "möglicherweise letzte Abenteuer, das man in Europa bestehen kann". Ein Drittel davon steuerte die Stadt Linz im Rahmen der Kulturhauptstadt 2009 bei, ein Drittel kommt vom Hauptsponsor Red Bull, ein Drittel hat Goisern selbst aufgebracht. Er hofft auf die gelungene Vermarktung eines während dieser Reise produzierten Films mit anschließender DVD-Verwertung.

Tags darauf wird das Schiff im dank seiner winzigen, jetzt im Sommer ausgetrockneten Kanäle vollmundig als "Venedig des Ostens" bezeichneten Vilkovo von einer aus Odessa inklusive der dortigen Kulturbeauftragten angereisten Jugendtanzgruppe begrüßt. Dieser überreicht Goisern im Rahmen eines schulischen Austauschprojekts einen aus Wien mitgebrachten Medienkoffer. Freundschaft der Völker, Musik ist die größte Kraft. Europa muss zusammenwachsen. Gute Sache. Und so weiter.

Am Ende der Leiter

Kurz zuvor gab Sascha, der auf der Bühne martialische und privat melancholische Sänger der in der Ukraine beliebten Rockband Haydamaky, zu Protokoll, dass sich die Ukraine gemeinsam mit Portugal am unteren Ende der europäischen Hühnerleiter befinde. Pech, wer hier leben muss. Auch hier muss noch viel Wasser die Donau hinunterfließen, damit zusammenwächst, was bis heute nicht zusammen kann.

Der ganze Ort ist dann beim gemeinsamen Konzert von Haydamaky und Hubert von Goisern draußen am Hafen bis tief in die Nacht auf den Beinen. Man lauscht den über das Wasser getragenen Jodlern als Nachrichten aus einer zukünftigen, hoffentlich besseren Welt. Hubert von Goisern jedenfalls hat an diesem Tag kein Heimweh nach dem Altbekannten: "Nein, die Berge daheim fehlen mir nicht. Die Berge sind da. Die hat es während der letzten Jahrtausende hier im Donaudelta ja eh alle angeschwemmt."

Christian Schachinger

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