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Bei den Mönchen am Kailash

Der Standard 31. Oktober 1996

Im Mai dieses Jahres unternahm Hubert von Goisern zusammen mit der Exiltibeterin Tseten eine Reise nach Tibet. Für beide wurde es eine Expedition bis an die physischen und psychischen Grenzen. In seinem (bisher unveröffentlichten) Tagebuch wird das politische Engagement des Musikers für das tibetische Volk deutlich.

Lhasa, 7. Mai 1996. Tseten und ich sind seit etwa zwei Stunden hier am Flughafen zusammen mit etwa 50 Touristen, die aus Europa und Amerika mit dem Flugzeug angereist sind. Die Paß- und Visakontrolle geht nur schleppend voran. Zwei uniformierte Chinesen arbeiten, weitere sechs stehen herum und observieren. Eine junge Frau, ebenso Soldatin, ist besonders eifrig und richtet alle fünf Minuten mit Akribie die Reihe der Wartenden aus. Auch die Gepäckstücke müssen in einer geraden Linie stehen. Die Höhe von 3800 Metern macht den meisten zu schaffen. Einige lehnen sich erschöpft an die Wand an. Eine ältere Frau, eine Kanadierin, fächelt sich mit dem Paß Luft zu. Die Chinesin wird handgreiflich und zerrt sie zurück in die Reihe. Eine Gruppe Tibeter, ebenfalls mit demselbem Flug angereist, wird in einem eigenen Zimmer kontrolliert - unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Ohne Bestechung ginge da gar nichts, teilten sie mir vorher schon mit. Man überläßt halt irgendetwas vom Mitgebrachten.

Hubert von Goisern  mit Tseten Zöchbauer

Paßkontrolle. Ich habe keine Probleme. Tseten wird eingehender geprüft. Sie hat einen europäischen Paß. Ihr Aussehen aber ist tibetisch, ebenso ihr Name. Aber im Computer steht nichts Auffälliges über sie. Und bald stehen wir draußen und sind in Tibet. Für mich ist es ein Traum, der wahr geworden ist. Und auch für Tseten. Sie war drei Jahre alt, als sie mit ihren Eltern und ihrer gesamten Familie ins Exil flüchtete. Seither, das war 1961, hat sie davon geträumt, irgendwann einmal zurückzukommen, aber die Reise immer wieder aufgeschoben, weil sie Angst hatte. Die Angst ist berechtigt. Ihre Mutter ging 1987 auf einen Besuch zurück nach Tibet und wurde prompt festgenommen. Sie saß sechs Jahre im Gefängnis.

Ich habe Tseten durch Zufall vor einem halben Jahr kennengelernt und als sie mir die Geschichte ihres Lebens und die Leidensgeschichte ihres Volkes schilderte, habe ich sie dazu überredet, diese Reise mit mir zu machen. Mit dem Argument "Komm mit und schauen wir es uns selber an. So schlimm wie du das schilderst, kann es doch nicht sein". Ich kannte die Situation aus ihren Schilderungen, aus Büchern und wußte, daß Tibet seit fast 50 Jahren ein von China besetztes Land war, in dem sich Menschenrechtsverletzungen eigentlich am laufenden Band abgespielt haben, seit die Chinesen dort sind. Aber all diese Geschichten von Folterungen und Greueltaten und Bespitzelungen schienen mir übertrieben. Ich sollte eines besseren belehrt werden.

Ein Bus bringt uns vom Flughafen ins Zentrum der Stadt. Wir beziehen Unterkunft in einem Hotel in der Nähe des Parkhor, jenes Viertels, in dem die Tibeter leben, in dem sie noch leben dürfen, wie sie gern leben wollen. Das tibetische Ghetto macht etwa fünf Prozent der Fläche Lhasas aus. Die restlichen 95 Prozent der tibetischen Gebäude wurden von den Chinesen niedergewalzt und an ihrer statt kommunistische Zweckbauten errichtet - mit der Ästhetik von Schuhschachteln.

Obwohl wir müde sind und mit Atemnot kämpfen, hält uns nichts im Hotel. Wir machen uns zu Fuß auf den Weg, die Stadt zu erkunden und tauchen ein in das bunte Gewühl des Marktes. Bald nimmt uns der Strom der Pilger auf, der sich im Uhrzeigersinn durch die Gassen rund um den Jokhang-Tempel bewegt. Immer wieder werden wir beziehungsweise Tseten von Tibetern angesprochen, die sie als eine der ihren, die aber doch aus dem Westen kommt, erkennen. Wir werden in dunkle Winkel gezogen und darauf aufmerksam gemacht, daß man hier nicht auf der Straße frei miteinander reden könne.

Dann sehe ich auch die Überwachungskameras. Wenn jemand so unvorsichtig ist, daß er auf offener Straße oder Gasse längere Zeit ein Gespräch führt, so dauert es nicht lange und es steht wie zufällig ein Polizist daneben und hört mit. Wer glaubt, daß die Tibeter, die das Gespräch immer wieder gesucht haben, sich über ihre Situation beklagen, über ihr Schicksal jammern, der liegt falsch. Sie sind neugierig. Sie wollen wissen, ob wir etwas vom Dalai Lama gehört hätten und ob er bald zurückkäme. Wir treffen auf einen Vater mit seinem Sohn. Der etwa sechs Jahre alte Bub hat eine schwere Augenentzündung. Als Tseten den Alten fragt, warum er nicht mit seinem Kind zum Arzt ginge oder ins Spital, meinte er nur, das könne er sich nicht leisten. Ob es denn nicht irgendeine soziale Einrichtung gäbe, die sich um Kranke kümmert? Doch, es gäbe einen Arzt, der würde das machen. Der sei so überlaufen von Leuten, die wirklich krank sind. Ein Jugendlicher, der gebrochenes Englisch spricht, bietet mir seinen Dienst als Führer an. Ich lehne ab, aber wir kommen ins Gespräch und ich frage ihn, ob er in der Schule Englisch gelernt hätte. Er lacht und meint, in Tibet könne er nie zur Schule gehen. Er hätte dieses Englisch in einer tibetischen Schule in Dharamsala gelernt, der nordindischen Stadt, in der die tibetische Exilregierung ihren Sitz hat. Die meisten seiner Freunde seien nicht in die Schule gegangen. Als sich ein Polizist nähert, holt er auffällig einen Türkis aus seiner Hosentasche und bietet ihn mir lachend zum Kauf an. Noch bevor ich irgendeine Antwort geben kann, entfernt er sich. Der Polizist schlendert vorbei und wieder zurück auf seinen Beobachtungsposten.

Nein, ich bin kein Buddhist, aber ich mag diese Menschen hier am Dach der Welt. Ich mag die Art der Tibeter. Ich mag es wie sie lachen - trotz allem. Und da liegt auch einer der Unterschiede zu den Chinesen. Die lachen nicht. Sie lächeln nur. Höchstens. Ich habe auf dieser vier Wochen dauernden Reise durch Tibet hunderte, ja tausende lachende Tibeter gesehen und insgesamt drei lachende Chinesen. Zwei davon waren stockbesoffen.

"Den Tibetern werden alle Rechte verweigert"

Kurier 4. Juli 1996

Hubert von Goisern plant "Band Aid" für Tibet

Eigentlich war es ein Kindheitstraum gewesen, doch entwickelte sich die Tibetreise des österreichischen Künstlers Hubert von Goisern zum Alptraum: "Die Menschen müssen unter Bedingungen leben, wie wir sie aus der Nazizeit kennen. Ihre Sprache, ihr Glaube und ihre Kultur werden unterdrückt." Daher will er nun auf österreichischer Ebene ein "Band Aid"-Konzert nach dem Vorbild von Bob Geldof organisieren. Wie zur Bestätigung seiner Aussagen veröffentlichten die chinesischen Behörden, die das Land schon 46 Jahre lang knechten, am Mittwoch eine Statistik, wonach in Tibet seit dem Beginn der Aktion "Harter Schlag" im Mai tausend Personen hingerichtet wurden. Niemand ist sicher. "Überall in der Hauptstadt Lhasa sind Überwachungskameras. Spricht man mit der Bevölkerung, ist sofort ein Polizist zur Stelle. Mönche werden verhaftet. Frauen zwangssterilisiert. Kinder eingesperrt", sagte Hubert von Goisern, nachdem er die Region mit der Exil-Tibeterin Tseten Zöchbauer bereist hatte. "Noch nie war die Widerstandsbereitschaft so groß wie derzeit", schildert Zöchbauer die Folgen der brutalen Herrschaft durch Peking. Wie Österreichs Regierung - nur um Wirtschaftsaufträge zu ergattern - mit dem Problem umgehe, sei ungeheuerlich, klagte das Duo. Erst kürzlich wurde ein Entschließungsantrag des Liberalen Forums, der von China die Achtung der Grundrechte in Tibet verlangt, von der Tagesordnung genommen. Hubert von Goisern: "Ich schäme mich für mein Land."

Walter Friedl

"Hirtermadel" in Tibet

Die Presse 4. Juli 1996

Hubert von Goisern reiste im Mai dieses Jahres durch Tibet und zeigt sich erschüttert.

WIEN (u. l.). Bekannt ist Hubert von Goisern als Alpenfreund und humoriger Populärmusiker ("A Hirtermadel mog i net") aus Österreich. Nach einer 40-Tage-Reise durch Tibet war ihm aber nicht mehr nach Scherzen zumute. Die Schilderung seiner Erfahrungen mit der tibetanischen Bevölkerung und deren Lebensumständen mußte er am Mittwoch in Wien unter Tränen unterbrechen. Derzeit leben in der Hauptstadt Lhasa zweimal so viele Chinesen wie Tibeter. Die Ausübung ihrer Religion gleich ihrer Kultur wird den Tibetern untersagt. Ausbildungsmöglichkeiten stehen quasi nicht zur Verfügung, Kinder, die eine Schule in Indien besuchen, werden in ihrem Heimatland dafür bestraft, berichtete der Reisende. In ihrem eigenen Land benötigen Tibeter Passierscheine, um einen Ortswechsel vorzunehmen. Angesichts der Tatsache, daß China 1950 in den damals weitgehend autonomen Staat seine Truppen entsandt und Herrschaftsansprüche geltend gemacht hatte, die heute mit einer starken Besatzungsmacht unterstrichen werden, wurden in vielen Ländern Hilfsorganisationen für Tibet gegründet. "Save Tibet" ist eine dieser Organisationen, für die Hubert von Goisern mit Tsetsen Zöchbauer - Präsidentin von "Save Tibet" - in dem Gebirgsland unterwegs war. Auffallend dort: das Vertrauen, das die tibetische Bevölkerung in den Westen und in Exiltibeter lege, und die Hoffnung auf Hilfe.

"Schäme mich für unsere Politiker"

OÖN 28. Juni 1996

Heute in "Land der Berge" - Hubert von Goisern im Interview nach seiner Tibet-Reise

Weit, weit weg war er, der Hubert von Goisern. Er ist selbst in den Bergen aufgewachsen, hat Heinrich Harrers Sieben Jahre in Tibet verschlungen. Mit Tseten Zöchbauer, Obfrau von Save Tibet, reiste der Alpinrocker im vorübergehenden Ruhestand sechs Wochen durch das von China besetzte Land. Im Exklusiv-Interview mit dem Team von Land der Berge (heute um 21.15 Uhr in ORF 2) beurteilte der Goiserer die Lage mit Tränen in den Augen: "Fürchterlich, fürchterlich."

Tseten Zöchbauer, in Tibet geboren, im Westen aufgewachsen, hat ihre Heimat erstmals seit 35 Jahren betreten - obwohl sie auf der schwarzen Liste der chinesischen Besatzer steht. Gemeinsam mit Hubert von Goisern hatte sie im Frühjahr die Österreich-Tournee der exil-tibetanischen Tanz- und Musikgruppe T.I.P.A. moderiert.

In dem ORF-Gespräch, das den OÖN vorab zur Verfügung gestellt wurde, zeigte sich der Oberösterreicher nach seiner Rückkehr vor zwei Wochen fasziniert von der Landschaft und entsetzt über die politischen Zustände: "Es ist so ein schönes Land, die Leute sind so gut drauf. Die Freude, die Ekstase, die Tränen liegen so eng beieinander. Es ist unverständlich, wie die westliche Welt auf diese Zustände reagiert, daß sie total ignoriert, daß hier ein Volk seit 50 Jahren unterdrückt wird. Ich schäme mich für unsere Politiker, die mit einem Regime, das lügt, betrügt, mordet und foltert, Geschäfte machen." Hubert von Goisern spielt damit darauf an, daß Österreich zwar dem Besuch des Dalai-Lama Hindernisse in den Weg gelegt, aber eine chinesische Handelsdelegation in der Hoffnung auf Milliardenaufträge ungeachtet der Menschenrechtsverletzungen hofiert hatte.

Hat Tibet noch eine Chance, frei zu werden? "Ein Volk, das gewaltlos für seine Freiheit eintritt, muß einfach siegen", so Goisern, der auch eine Audienz beim Dalai-Lama in dessen indischem Exil hatte: "Er ist ein ganz großartiger Mann, der eine Ruhe und Zuversicht ausstrahlt."

Zum chinesischen Regime: "Man darf dem System nicht glauben. In meinem Herzen bin ich immer ein bißchen ein Kommunist, ein Marxist gewesen. Davon ist nichts mehr übriggeblieben. Der Kommunismus, das hab' ich dort gesehen, macht die Leute zu Marionetten. Sie hören auf zu denken und zu leben."

Über die Berge: "Die Stille dort läßt uns spüren, wie wunderbar die Welt ist und wie winzig und unbedeutend wir in dieser Welt sind."

beli

Hubert von Goisern und der TIPA, 1996

9. Oktober 2002

Hubert von Goisern und Tseten Zöchbauer HvG

Diese Fotos wurden 1996 aufgenommen, als Hubert von Goisern eine Reihe von Konzerten des Tibetan Institute of Performing Arts (TIPA) in Österreich mit Tseten Zöchbauer präsentierte.

 

Fotos © www.tibet-kultur-restaurant.at


Hubert von Goisern: Im Moment ist Tibet dran

Mandala Mai Nr. 4 1996

Hubert von Goisern ist Kennern der österreichischen Musikszene als Crossover Genie bekannt. Mit den CDs Aufgeigen statt niederschiassen und Omunduntn hat er auf sich aufmerksam gemacht - er kombiniert Volkstümliches mit Rockigem und hat damit einen neuen Musikstil "erfunden", der inzwischen gerne kopiert wird. Zuordnungen wie Volksmusik oder Popmusik läßt er nicht gelten, da es diese nach seinen persönlichen, menschlichen und musikalischen Erfahrungen in dieser Form auch gar nicht gibt. Aber nicht nur auf dem "konventionellen" Musikparkett konnte er bisher sein Können zeigen, seine letzte Arbeit machte auch auf sich aufmerksam: Er komponierte die Filmmusik zu Filzmeiers Kinoerfolg Schlafes Bruder, der Film wurde prompt für den Auslandsoskar nominiert. Eigentlich hat er sich aus dem Musikbusiness zurückgezogen, um wie er sagt "wieder einmal was Neues zu machen".

Derzeit tritt er als Moderator für eine Reihe von Veranstaltungen im Rahmen des tibetischen Neujahrs auf. Veranstalter dieser Tournee, die in ganz Österreich über eine Woche lang in einigen Städten zu sehen war, ist der Verein Save Tibet. Den Ehrenschutz für diese Veranstaltung übernehmen unter anderem Francesca und Karl von Habsburg und Heinrich Harrer.

Sabine Januschke hat Hubert von Goisern anlässlich seiner Aktivitäten in Bezug auf Tibet am 29.02.96 einige Fragen gestellt:

Können wir unter Umständen damit rechnen, daß Österreich auch einen Richard Gere bekommen hat?

Es kommt immer auf das Medieninteresse an - ist es groß, kann man etwas bewirken, interessieren sich die Medien aber nicht, kann man auch nicht wie das Rumpelstilzchen herumhüpfen, da würden sie nicht auf dich aufmerksam werden und ernst nehmen würden sie dich auch nicht. Ich beginne gerade, mich zu interessieren.

Sonam, HvG und Jamjang

Sonam, HvG und Jamjang | Foto: AP

Wie sind sie gerade auf Tibet gekommen, wie gestaltet sich Ihre Beziehung zum Dharma?

Für mich war der Buddhismus immer schon interessant, die Geisteshaltung, die die Leute haben - ich meditiere schon seit einigen Jahren. Außerdem bin ich ein Bergler, das heißt, daß ich über die Berge zu Tibet gekommen bin. Die haben mich immer schon interessiert und eine gewisse Faszination auf mich ausgewirkt. Schon als Kind war ich sehr beeindruckt von den Erzählungen von Heinrich Harrer über das Land. Über Harrer bin ich weitergekommen zum Dalai Lama. Ich meine, ich bin ein Kind des Westens, ich will kein Tibeter werden. Aber was mich immer erstaunt hat und was irgendwie auch ausschlaggebend war, war dieser Ansatz der Fröhlichkeit. Die Leute sind immer so fröhlich. Du wirst nie jemanden finden, der sich über sein Schicksal beschwert, oder jammert, sowie das im Westen der Fall ist. Da haben die Leute alles und in der Früh haben sie keinen Grund, warum sie aufstehen sollen und jammern nur, wie schlecht es ihnen geht. Ich war in Dharamsala und habe Straßenkinder gesehen - die haben ja wirklich nichts, die leben vom Verkauf von Zigaretten, oder Ähnlichem, aber die sind immer gut drauf und immer fröhlich. Ich lache lieber gut, als daß ich bös drauf bin. Das habe ich mit den Tibetern gemeinsam. Jetzt habe ich mich informiert und einiges kennengelernt und gesehen und möchte jetzt natürlich wieder etwas zurückgeben.

Stichwort "zurückgeben" - Dieses Zurückgeben - wie schaut das aus, wie wird das ausschauen; haben Sie schon eine Vorstellung, wie Sie wem was zurückgeben wollen?

Konkret kann ich das noch nicht sagen - ich weiß noch nicht. Auf jeden Fall möchte ich die Leute aufmerksam machen auf die Dinge, die in Tibet passieren. Ich meine, Tibet ist ein Stück unserer Welt und man muß dafür etwas tun - wenn's das Land nicht mehr gäbe, dann wäre die Welt ein Stückchen ärmer. Ich bewundere die Tibeter, die sind immer so arbeitsam, wie die Ameisen. Die Chinesen aber auch. Ja die Chinesen. Eigentlich sind das ja auch arme Hunde, die werden von ein paar senilen Alten regiert, die den Kontakt zu den Leuten, den Jungen längst verloren haben. Ich meine ich habe großen Respekt vor den alten Leuten, aber wenn eine Regierung, ein Land nur von alten Leuten geführt wird, dann kann das nur schiefgehen, dann ist das eine verknöcherte Gesellschaft.

Der chinesischen Bevölkerung geht's ja auch nicht so sehr viel besser wie der tibetischen - abgesehen davon, daß sie z. B. nicht zur Atommüllhalde eines anderen Landes wurden. Die Chinesen sind religiös total entwurzelt, das macht, denke ich, die meisten Probleme.

Ja, die Chinesen - die sind allerdings entwurzelt. Die haben den Kommunismus zur Religion erhoben. Das mußt du dir einmal vorstellen: die haben den Mao zu ihrem Götzen gemacht und beten die Bilder von dem an wie einen Gott. Nicht einmal die Tibeter machen das mit dem Dalai Lama, was die Chinesen mit dem Mao aufführen.

Ich habe jetzt eine relativ intime Frage - wie schaut's aus mit Lehrern, haben sie vielleicht einen Lehrer? Ich stelle diese Frage, weil wir von einem Medium sind, das naturgemäß Interesse für derartige Angelegenheiten hegt.

Ich habe sieben Jahre in Wien gelebt und im Laufe dieser Zeit viele buddhistische Lehrer kennen und schätzen gelernt. Ich war auf der Suche nach einem Guru. Da ist für mich der Dalai Lama ausschlaggebend - der hat gesagt, er ist kein Guru, er hat nur eine Aufgabe, die er erfüllt, ein Karma, das er auf sich genommen hat. Hut ab vor seiner Art, damit umzugehen. Ich bin eine Person, die auch immer wieder in der Öffentlichkeit steht, und ich kann nur sagen, daß es echt schwierig ist, das zu mangagen. Toll, wie er das macht.

Ich selbst habe immer nur für kurze Zeit Lehrer gehabt - auch in der Musik- da habe ich mir geholt, soviel ich eben verarbeiten konnte, wenn's mir zuviel war, bin ich zum nächsten Lehrer marschiert. Ich wollte nie werden wie meine Lehrer, auch hinsichtlich der Spiritualität. Ich meine ich bin eine Person, die in der Öffentlichkeit steht, das heißt, manche Leute machen mich immer wieder zum Idol - ich kann mit dem Idol-Sein nicht umgehen und manchmal bin ich da auch ein bißchen schroff.

Wird man Sie in Zukunft eher wie gewohnt als Einzelkämpfer für Tibet und seine Menschen beobachten können, oder eher gemeinsam mit Organisationen, wie z. B. Save Tibet?

Ich bin in vielerlei Hinsicht engagiert - ich habe Projekte in Afrika, aber auch in Österreich laufen. Die Kinder sind für mich am wichtigsten. Ansonsten springe ich überhaupt ein, wenn ich sehe, daß Not am Mann ist. Im Moment ist halt Tibet am wichtigsten - ich will gegen die Ungerechtigkeit kämpfen. Ausbeuten bringt nichts! Weil Machtmißbrauch auch kein Glück bringt. Lieber arm und gut darauf, als reich und keine Perspektiven. Das ist die Erkenntnis.

Ihr weiteres Engagement ..?

... wird sicher nur im Rahmen der Kunst möglich sein. Ich habe zwar gesagt, ich kehre nicht mehr auf die Bühne zurück, aber wenn's wichtig ist, wie hier, dann tue ich es einfach. Ich stelle keine sturen Regeln auf. Ich bin z. B. Vegetarier, aber wenn ich wo hinkomme, wo ich eben nur Fleisch bekomme, wie zuhause, da gibts dann Schnitzeln, dann esse sich das einfach und lehne mich nicht entsetzt zurück und verkünde: Ich bin Vegetarier ich esse das nicht!

Letzte Frage: Werden Sie in Brüssel bei der europaweiten Demonstration anläßlich des 1. Aufstandes der Tibeter gegen die chinesische Besetzung mit von der Partie sein?

Nein, da sind wir gerade in St. Pölten auf Tournee. Aber in Wien gibts ja auch eine Demo - Hauptsache man geht überhaupt hin und tut was und wer weiß, vielleicht bringe ich den Bürgermeister von Goisern dazu, die tibetische Flagge am 10. März aufzuhängen.

Das wäre ein guter Anfang; danke für das Gespräch!

Dalai Lama
Dalai Lama

Foto: Bettmann Archive

Jampel Ngawang Lobsang Yeshe Tenzin Gyatso wurde am 6. Juli 1935 in Taktser, Nordtibet, geboren. Im Alter von zwei Jahren wurde er als Reinkarnation des 13. Dalai Lama anerkannt. 1939 brachte man ihn nach Lhasa, der Hauptstadt von Tibet, wo er im folgenden Jahr zum spirituellen Oberhaupt gekrönt wurde. Am 17. November 1950 musste Seine Heiligkeit im Alter von 16 Jahren, bedingt durch die drohende Besetzung Tibets durch China, die volle politische Verantwortung der Funktion und Position des Dalai Lama übernehmen. Am 17. März 1959 floh S.H. der Dalai Lama nach Indien. Mehr als 100.000 tibetische Flüchtlinge folgten Seiner Heiligkeit ins Exil. Seither lebt er in der nordindischen Stadt Dharamsala, wo sich auch die tibetische Exilregierung befindet.

Seine Heiligkeit der Dalai Lama genießt weltweit höchstes Ansehen. Sein unermüdlicher Einsatz für die Freiheit Tibets und den Frieden in der Welt wird hoch geschätzt. 1989 wurde ihm der Friedensnobelpreis verliehen. Das Nobelpreiskomitee schrieb in seiner Begründung u.a.: "Der Dalai Lama hat seine Friedensphilosophie auf der Grundlage von großer Ehrfurcht vor allen Lebewesen und der Vorstellung einer universellen Verantwortung, die sowohl die gesamte Menschheit, als auch die Natur umfasst, entwickelt." (www.kalachakra-graz.at)

1987 schlug der Dalai Lama einen Fünf-Punkte-Friedensplan als ersten Schritt zur Klärung des zukünftigen Status von Tibet vor:

Der Fünf-Punkte-Friedensplan

1. Die Umwandlung von ganz Tibet, einschließlich der östlichen Provinzen Kham und Amdo, in eine Friedenszone (eine Zone der Ahimsa = Gewaltlosigkeit).
2. Die Aufgabe der massiven Umsiedlung von Chinesen nach Tibet.
3. Die Achtung der grundlegenden Menschenrechte und demokratischen Freiheiten des tibetischen Volkes.
4. Die Wiederherstellung und den Schutz der Umwelt Tibets.
5. Die Aufnahme ernsthafter Verhandlungen über den künftigen Status Tibets sowie von Beziehungen zwischen dem tibetischen und dem chinesischen Volk.

Pantschen Lama

Der Pantschen Lama ist die zweithöchste religiöse Autorität des buddhistischen Tibet und traditionell zuständig für die Anerkennung der Reinkarnation des Dalai Lama und seiner anschliessenden spirituellen Ausbildung. Der Pantschen Lama wird als die Reinkarnation von Panchen Lobsang Choegyen angesehen, einem Klostervorsteher des 15. Jahrhunderts.

Der aktuelle Inhaber des Titels ist der 15-jährige Gedhun Choekyi Nyima, Nachfolger von Choekyi Nyima. Anerkannt wurde er am 14. Mai 1995 durch den derzeitigen Dalai Lama und kurz danach von der chinesischen Regierung entführt. Ein paar Monate nach dem Verschwinden des Knaben ernannte die chinesische Regierung ihren eigenen Panchen Lama, einen Jungen namens Gyaltsen Norbu.

Free Panchen Lama

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