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Fränkischer Anzeiger 6. September 2004 Rothenburg- Hubert von Goisern hat den Schrannenplatz mit dem leicht ansteigenden Gelände als reizvolle Freilicht-Arena eingeweiht. Stadtmauer, Fachwerkhäuser, das impossante Schrannenscheunendach und Sternenhimmel bildeten die Kulisse. Die wenigsten wissen, dass der österreichische Künstler schon 1987 "Unter den Linden" als Alpinkatzen-Duo spielte und musikalisch noch experimentierte. Gastwirt Helmut Dürr erinnert sich, dass er damals dreihundert statt ursprünglich sechshundert Mark für das Konzert bezahlte, weil sich Hubert von Goisern mit der Hälfte der Gage begnügte. Das Publikum war seinerzeit über den verspäteten Beginn verärgert. Inzwischen ist der vielseitige Musiker und Sänger berühmt und nur noch für ein Vielfaches des Preises zu haben. Anders als beim letzten Mal ("ich bin ausgiebig in der Stadt herumgestreift"), nutzte Hubert von Goisern am Sonntag die knappe Freizeit zum Rückzug. Band und Mannschaft waren erst in der Früh um 5 Uhr im Quartier "Schranne" eingetroffen und hatten sich müde vom Konzert in Hohenschwangau und der Anreise erst einmal aufs Ohr gelegt. Ihr Frühstück nahmen sie ein, als andere Gäste schon beim Mittagessen saßen. Hubert von Goisern blieb die meiste Zeit im Hotel, "um sich die Energie für den Auftritt aufzusparen". Nach dem Rothenburg-Konzert ging es noch in der Nacht nach Kiel weiter. Er sei "ein bisschen dünnhäutig" geworden auf der langen Konzert-Tour, räumt er ein und habe deshalb "keine Lust auf Smalltalk-Gespräche auf der Straße." Vom Schrannenplatz-Ambiente zeigte er sich ganz angetan: "Es ist sehr schön hier und wir haben auch eine ansprechende Akkustik." Außerdem freute er sich über das Wetter-Glück: "Schön, dass der Sommer so ausklingt, denn wir haben heuer auch schon auf vielen verregneten Openairs gespielt." Über achtzig Konzerte hat er in diesem Jahr bereits absolviert. In dieser Woche folgen Auftritte in Oldenburg, Lüneburg, Hameln und Soest. Dann ist erst einmal Pause bis Ende November. Wie der charismatische Künstler erzählt, ist er momentan "ganz auf Bühne programmiert". Familie und Freunde, Begegnungen und neue Ideen müssen zurückstehen. In den nächsten zwei Jahren will er sich dem Schreiben und Komponieren widmen: "Dafür brauche ich Ruhe". Außerdem möchte er nach Kairo, befreundete tibetanische Musiker "kontaktieren", zählt er auf, und sich immer wieder zurückziehen, um auf seine innere Stimme zu hören.
Nach Schulbesuch und Trompetenspiel in Bad Goisern, Jazz-Studium in Graz und Lehre als Chemielaborant, hatte Hubert Achleitner, so sein Geburtsname, die Welt bereist und sich sogar ganz fürs Auswandern entschieden. Er kehrte zurück, gründete das Duo Alpinkatzen und schließlich die Band Original Alpinkatzen, die mit Hiatamadl und Heast as nit den Durchbruch schaffte. Die Gruppe löste sich auf. Hubert von Goisern machte weiter Musik, schauspielerte, schrieb die Filmmusik zu Schlafes Bruder von Josef Vilsmaier und brachte neue CDs heraus. Monika Drasch und Hubert von Goisern kennen sich schon mehr als zehn Jahre. Aber erst mit der neuen Scheibe Trad II ist die Musikerin und Sängerin aus der Nähe von Deggendorf in die Band eingestiegen. Vorher war sie über zehn Jahre lang ein Drittel des Bairisch-Diatonischen Jodelwahnsinns. Die Umstellung, sich unterzuordnen, ist ihr nicht leicht gefallen, räumt sie ein. Aber sie hat jetzt auf der Bühne weniger Stress und Verantwortung, weil Hubert von Goisern die Last des Frontmanns trägt. Viel hat sie von Rothenburg diesmal nicht gesehen. "In der Kürze der Zeit habe ich in der Jakobs-Kirche einen Blick auf den Riemenschneider-Altar geworfen und dann bin ich halb um die Stadt gelaufen - weg von den Leuten." Von den Reichsstadttagen bekam sie kaum etwas mit. Nur soviel: "Dort wird auch Volksmusik gespielt, anders als wir, aber auch schön." Vor mehr als zwanzig Jahren verbrachte sie eine Orchester-Freizeit in Rothenburg. "Ich glaube, wir haben damals in der Jugendherberge gewohnt". Sie ist die einzige Frau in der fünfköpfigen Band. "Das ist ein ganz netter höflicher Haufen", schildert sie ihre Kollegen. Es herrsche ein gutes Miteinander. "Das ist wichtig, wenn man auf Tournee viel Zeit gemeinsam verbringt." Beim Essen probierte die Künstlerin mit dem Rotschopf fränkischen Wein: "Den mog i scho". Später beim Sound-Check schwärmte sie vom "angenehmen Raumempfinden durch die schönen Häuser und das großen Scheunendach." Veranstalter Volker Hirsch kam mit knapp tausend Besuchern bei seinem ersten Altstadt-Openair finanziell nicht auf seine Kosten. "Wenn das Wetter nicht so mitgespielt hätte, wären wir kaum mit einem leichten blauen Auge davongekommen." Der Termin zu den Reichsstadttagen hatte ihm die Konzert-Agentur vorgegeben. "Es gab nur die Auswahl zwischen Freitag und Sonntag." sis
Salzburger Nachrichten 3. September 2004 Kein Wunder, dass Hubert von Goisern strahlt mit einer "Goldenen Schallplatte" in der Hand. Ausverkaufte Konzerthallen von Linz bis Kiel seit Beginn seiner Trad-Tour im Februar. Ein jubelndes Publikum auch bei den beiden Konzerten am Dienstag und Mittwoch im Wiener Museumsquartier. In Österreich war er auf dieser erfolgreichsten Tournee seiner Karriere an diesen beiden Tagen für längere Zeit zum letzten Mal live auf der Bühne zu sehen. Noch stehen bis Mitte September acht Konzerte in Deutschland aus. Ende November und Anfang Dezember gibt's nochmal acht "Nachzügler". Bei einem dieser Zusatzkonzerte in Mainz zeichnet 3sat ein "Goisern-Spezial" auf. Dann ist Pause. Zwei Jahre, heißt es. Der Grenzgänger sucht Ruhe und Abstand von der anstrengenden Routine des Musikgeschäfts: Album, Tour, Album, Tour ... Rund 100 Konzerte spielten Goisern und Band (Monika Drasch, Bernd Bechtloff, Max Lässer, Arnulf Lindner). Bisher sahen die Trad-Tour etwa 110.000 Besucher. "Das ist einerseits schön, weil man sieht wie viele Leute uns hören wollen und wie vielen Leuten das gefällt, was wir machen. Andererseits zehrt es an den Kräften. Es bleibt kaum für etwas anders Platz", sagt Bernd Bechtloff, bei Goisern zuständig für die Percussion. Neben Soundmeister Wolfgang Spanberger ist Bechtloff der Einzige, der seit Goiserns Rückkehr im November 2000 stets mit dabei ist. Damals war Hubert von Goisern sechs Jahre, nachdem er die Alpinkatzen aufgelöst und sich von der Bühne zurückgezogen hatte, mit dem Album Fön zurückgekehrt. Im September 2002 folgte das Album Iwasig (für das er am Dienstag nach dem ersten Wien-Konzert von Virgin Music eine Goldene Schallplatte für 15.000 verkaufte Exemplare bekommen hat) und die beiden Volksmusikalben Trad (März 2001) und Trad II (Oktober 2003). Die Volksliedinterpretationen dieser beiden Alben bilden das Programm der aktuellen Tournee. Goisern kam beim Wien-Konzert seinem Wunsch nahe, Altes und Neues, die enge Welt der Berge und die weite Welt anderswo miteinander zu verbinden. Diese verschiedenen Welten werden aber weniger verschmolzen, als sie eine Einheit bilden, die zusammenführt, was auf den ersten Blick nicht zusammengehört: Goisern und Afrika, Tibet und Dachstein. Hier fließt das manchmal ineinander wie ein breiter Strom oder stürzt gegeneinander wie ein Wildbach gegen einen Felsen. Bernhard Flieher | © SN
Nordwest Zeitung 3. September 2004 Hubert von Goisern feiert fröhliche Musikfeste mit seinen Fans Der 52-jährige Österreicher reist als Rock- und Volksmusiker durch die ganze Welt. Am 8. September singt er in Oldenburg. Herr von Goisern, Sie sind doch viel herumgekommen in der Welt - wo gibt's denn die beste Musik? Das mag ich gar nicht an einzelnen Orten festmachen, ich hab' fast überall gute Musik gehört ... ... auch hier bei uns im Norden Deutschlands? Ich war zwar schon viel im Norden unterwegs, aber meistens in eigener Sache. Da konnte ich nur selten andere Konzerte besuchen. Aber wenn ich als Österreicher den Begriff "Norden" etwas weiter fasse, dann finde ich, dass zum Beispiel Udo Lindenberg, Nina Hagen oder Helge Schneider gute norddeutsche Musik machen. Was macht denn gute Musik für Sie aus? Gute Musik hängt von der Stimmung ab, davon, ob man sich berühren lässt. Sie muss nicht in erster Linie wohltuend sein - es gibt ja auch Berührungen, die unangenehm sind, einen aber befreien können. Ihre aktuelle CD heißt Trad II, wobei "Trad" für "Traditional" steht. Haben Sie ein Problem mit dem Begriff Volksmusik? Nein, habe ich nicht. Als ich die Urheberrechtsbezeichnung machte für diese CD, musste ich da die internationale Bezeichnung "Traditional" für "Volksweise" hinschreiben - und weil das gut klingt, wurde daraus der Albumtitel. Darf man Sie trotzdem einen Volksmusiker nennen? Ich würde mich selbst nicht so bezeichnen, aber wenn ein anderer das tut, dann freut mich das. Besser finde ich aber das Wort "Musikant". Was unterscheidet den Volksmusiker Hubert von Goisern von einem, der bei Karl Moik im Musikantenstadl auftritt? Anders als in Deutschland wird bei uns in Österreich ja zwischen Volksmusik und volkstümlicher Musik unterschieden. Was bei Moik läuft, ist für mich volkstümlicher deutscher Schlager. Volksmusik ist für mich dagegen das Alte, das Unverfälschte, das Tradierte - "Trad" eben. Sind Sie ein politischer Mensch? Ja, das bin ich - aber ich kann mir nicht vorstellen, Politiker zu sein. Ich mag keine Entscheidungen für andere Menschen treffen. Versuchen Sie deshalb, mit Jodeln die Welt zu verbessern? Ich weiß nicht, ob man die Welt überhaupt verbessern kann. Jeder gestaltet aber diese Welt mit, allein durch sein Dasein. Ich habe festgestellt, dass die Grundbedürfnisse der Menschen überall ziemlich ähnlich sind, egal auf welchem Erdteil sie leben oder welchem politischen Lager sie angehören: Sie wünschen sich Sicherheit, Freude, Glück, genug zu essen, ein Dach über dem Kopf und wollen hin und wieder ein schönes Fest feiern ... ... und bei Letzterem hilft Hubert von Goisern mit fröhlichen Konzerten ... ... ja, das sind schon ganz besondere Momente, wenn sich 2000 Leute auf ein und denselben Ton einklinken. Das ist ein Gefühl von Gemeinsamkeit und Geborgenheit. Wo auf der Welt versteht man Sie am besten? Bei mir zu Hause in Österreich ist unsere Musik für die Leute schon sehr nahe, viele Lieder kennen sie aus anderen Interpretationen. In Ägypten, Tibet oder Oldenburg nehmen sich die Leute dann eben etwas anderes mit aus dem Konzert ... ... zum Beispiel das muntere Jodeln. Können wir Nordlichter das auch lernen? Ich glaube, das kann jeder lernen. Ich selber habe es auch erst mit 37 Jahren gelernt - ich habe auf einer Autobahnbrücke geübt, damit mich keiner hört. Karsten Krogmann
Landshuter Zeitung 9. August 2004 Hubert von Goisern will sich eine Auszeit gönnen "Ich mag einfach nicht immer dasselbe tun." Damit begründete Hubert von Goisern bei seinem Konzert am Samstag sein Vorhaben, nach dem Ende der aktuellen Tour zwei Jahre zu pausieren. Er sei seit vier Jahren nonstop mit Konzerten und der Produktion neuer Alben beschäftigt und brauche eine Auszeit. Eigentlich suche er jedes Jahr eine neue Herausforderung, sagt der Musiker. Aber sein Leben sei im Moment sehr reglementiert, und er hätte lieber mehr Zeit, "um Sachen passieren zu lassen". Wann immer es gehe, versuche er allein zu sein, weil das Unterwegssein mit dem Tross aus 16 Musikern und Technikern sehr anstrengend sei. Seine Erholung bestehe derzeit hauptsächlich darin, dass er "wahnsinnig viel schlafe". 30 Konzerte habe er mit der Trad II -Tour geben wollen, inzwischen seien es 100 geworden. Gestern spielte Hubert von Goisern in Schwandorf, und das wird wohl für längere Zeit sein letzter Live-Auftritt gewesen sein. Auf dem Zenit seiner Erfolge mit den Alpinkatzen hatte sich Goisern schon einmal für zwei Jahre verabschiedet, um mit Musikern aus Tibet und Ghana neue Projekte zu verwirklichen. Jetzt sagt er, er trage ein paar Sachen mit sich herum, zu denen er einfach nicht komme. Was er diesmal während seiner Konzertpause aushecken will, mag er nicht verraten. Irgendwann wolle er auch mal ein Buch schreiben, sagt er, keine Memoiren, keinen Krimi, sondern eher einen Roman. Aber das ist nur eines von Hubert von Goiserns künftigen Projekten, über die er eigentlich noch gar nicht reden will. Zunächst wird er sich wieder seiner Familie zuwenden. Seiner Frau, mit der er seit mehr als 20 Jahren zusammen ist, und seinen beiden Kindern. Der Spagat zwischen Künstlerleben und häuslichem Eingebundensein fällt dem Künstler nicht leicht. Sein 16-jähriger Sohn habe in einem Streit der Eltern einmal vermittelt: "Weißt, Mama, auf Tournee ist der Papa unumschränkter Alleinherrscher, und wenn er daheim ist, ist er halt nur unbezahlte Hilfskraft", erzählt Goisern. Seine Familie ist das, was ihn erdet: "Allein geht's schon auch, aber da wird man ein wenig schrullig." rn
Steirer MONAT 07/2004
Im Zug mit Hubert von Goisern. Der Weltmusiker über Jörg Haider, das Glück des Hiatamadls und warum wir Schimpansen sind. Ein Querdenker. Aus seiner kleinen Welt ist Hubert von Goisern ausgebrochen und kehrt doch immer wieder zurück nach Goisern. Die Familie hatte er gegen sich. "Musik, Blödsinn." Von Goisern war das schwarze Schaf, "ein tönendes Schaf". Auf den Job als Chemielaborant hat er gepfiffen und als 37-Jähriger lieber auf einer Autobahnbrücke das Jodeln einstudiert. Eine Kassettenaufnahme war das Vorbild, aber traditionell wie die anderen hat er natürlich nicht gesungen, lieber auf seine Art. Die Szene hat er ordentlich aufgemischt mit seinen musikalischen Alleingängen. Jetzt wird er vom Fernsehen doch wieder ein bisschen geliebt. Zum Interviewtermin nach Wien bei Barbara Stöckl fährt er mit dem Zug. In einem Abteil von Salzburg nach Wien mit Hubert von Goisern. Ein Zufall, dass er überhaupt am Bahnhof gelandet ist. Die Geldtasche hat er zu Hause vergessen, "der Taxifahrer hat mich zum Glück erkannt. Das Geld holt er sich jetzt halt daheim bei meiner Frau." Mit dem Handy, das er sich vom MONAT ausborgt, informiert er die Frau "Finanzminister". Das Handy hat er kurzfristig lahm gelegt. Goisern ist ein bewusster Handyverweigerer. Aber er hat es durch viele Versuche auf der Tastatur wieder zum Laufen gebracht. Totgesagt wurde von Goisern, als er 1994 die Konzerthallen füllte und auf einmal 'Habt's mich gern!' sagte. Die Nase hatte er voll. "Die Begehrlichkeiten von allen waren mir zu groß. Die Musiker, die Fans, die Plattenfirma, alle wollten etwas." Weg von der Bühne, stattdessen sieben Jahre Tibet und andere Abenteuer. Mit dem ORF legte er sich an und machte sich mit seiner Kritik an den Allmächtigen denkbar unbeliebt. Seine Rede beim Amadeus-Award wurde nicht vollständig gesendet. Und er singt noch immer. Sehr erfolgreich, seine aktuelle Tour in Deutschland, Österreich und der Schweiz wird von den Fans gestürmt. Am 12. September greift er zum letzten Mal in die Tasten seiner Ziehharmonika, dann ist Schluss. Egal, ob er mit seinem Trad II-Programm noch zehn Jahre ausverkauft wäre. Dann ist wieder alles 360 Grad offen, warten, was kommt. So wie immer. "Der Zufall ist etwas derartig Geiles, das will ich mir nicht versagen."
Ist Jodeln angeboren? Die repetitiven schnellen Jodler, diese Koloraturjodler, damit habe ich schon als Kind nichts anfangen können. Ein richtiger Jodler muss grooven. Irgendwann habe ich auf einer Kassette eine Aufnahme von einem 12-jährigen Dirndl gehört. Da habe ich mir gedacht: Wow, ist das schön und das hat einen Swing. Aber ich hätte nie gedacht, dass ich es mit meinem Jodler so weit bringe. Aber wenn man etwas lange genug macht, lernt es jeder. Sie haben auf einer Autobahnbrücke trainiert, damit Sie niemand hört. In Regensburg war das. Ich war auf Tour und habe Zeit gehabt zum Probieren. Da habe ich gemerkt, du musst laut singen. Optimal ist es, wenn man sich gar nicht hört, wie auf der Autobahnbrücke. Du spürst die Stimme mehr. Und ich habe herausgefunden, dass die Tibeter das auch machen. Sie gehen zu einem lauten Wasserfall, um zu singen.
Wie haben Sie überprüft, ob das überhaupt stimmt, was Sie trainiert haben? Also, wenn es mir gefällt, dann reicht das schon (lacht). Es nützt mir nichts, wenn ich es so mache, dass es anderen Leuten gefällt und ich damit nichts anfangen kann. Mein erster Jodler war in Heast as nit, da habe ich den Anspruch gehabt, dass ich einen Jodler schreibe, der ganz anders ist. Und nicht wie alle anderen, die sich gleichen wie ein Ohr dem anderen, eines ist ein bisschen größer, runder, aber das ist es dann auch schon gewesen. Der Jodler als Völkerverbindung? Dadurch, dass er keine verbale Message hat, kann man sich mehr auf die Seele der Melodie konzentrieren. Wenn einer eine Sprache singt, die man nicht versteht, kann man sich einfach hineinkippen lassen in diese Lautmalerei, auch eine Art von Jodeln. Jodeln ist sehr kraftvoll, da kann man sich nicht verstecken. Du kannst das ausreizen, indem du drübergehst über die ideale Lage und ganz hoch jodelst und schon fast schreist, oder du gehst ganz tief runter, so, dass es etwas Kehliges kriegt. Das ist wie laufen. Man reißt die Luft rein und die Lungen fangen zum Brennen an, aber es ist lässig. Ein Drahtseilakt. Auch wenn ich mit der Gitarre spiele, mag ich, wenn die Gitarre richtig schreit - genauso wie die feinen leisen Töne auf einer Gitarre.
Sind Sie auch schon gescheitert? Es gab Konzerte, wo ich Lieder am Ende fast nicht singen konnte. Da habe ich mir gesagt: Das ist das letzte Konzert, dann habe ich eine Woche Pause. Ich musste auch das eine oder andere Lied streichen. Hubert von Goisern ist diesmal nicht mit Goiserern in den Zug geklettert. Schwarze, leichte Schuhe, typische FlachlandindianerDinger. Er ist kein militanter Grüner oder Autoverweigerer, obwohl er sich gerne mit seinem Sohn in einen Fluss stellt und der Junior die Fische mit der Hand fängt. Hubert klinkt sich gekonnt in die Moderne ein. Hemd und Hose im Ethnostil entsprechen aber den Erwartungen, bunte, afrikanische Farben. Wenn er spricht, überlegt er sorgfältig und lässt die Erinnerungen vorbeifliegen wie die Bäume und Felder hinter dem Zugfenster. Salzburg-Attnang Pucheim-St. Pölten-Wien. Nicht die Welt, aber auch die Welt ist nicht immer genug. "Manchmal habe ich das Gefühl, ich bin überall daheim und nirgendwo, wie ein Zigeuner. Ich trage die Heimat in mir und wenn ich sie vergesse, singe ich. Und dann kann es sein, wenn ich in Tibet bin oder am Times Square, dass ich dann Sehnsucht kriege nach Goisern und den Bergen dort, dem Dachstein und dem Hallstätter See." Wenn er die Ruhe sucht, fährt er auf die steirische Seite zum Toplitzsee und besucht den Wirt dort. Manchmal wirft er sich in das schwarze Wasser. Unerkannt. Hubert kommt nur, wenn keine Leute da sind. Obwohl er sich früher mehr Rummel gewünscht hätte. "Wenn man in Deutschland mehr Zuschauer und Medieninteresse hat als zu Hause, ist das bitter", hat er vor ein paar Jahren noch gesagt, "ich will mich aber nicht zum Thomas Bernhard - den ich schätze - entwickeln und sagen: 'Alles Arsch'." Ist das "Hiatamadl" ein Reizwort? Lange Zeit ist es an Ihnen geklebt wie der Anton aus Tirol am DJ Ötzi. Ich spiel das Hiatamadl eh schon seit 30 Konzerten wieder. Aber es war lange Zeit ein Fluch. Es war wesentlich mehr Glück als Fluch, weil es einfach ein Lied ist, das mir Tür und Tor geöffnet hat. Ich habe es 500mal gespielt und gerne gespielt. Als wir 1994 die Alpinkatzen aufgelöst haben, war es aber genug. Mir war wichtig, dass ich mir beweise, dass es auch ohne dieses Lied geht. Heuer machen wir ausschließlich Volkslieder und da hat das Hiatamadl ganz natürlich dazugepasst. Seit zehn Jahren habe ich das Lied das erste Mal wieder gehört. Und ich war einfach weg, wie geil das war. Das war wirklich ein Wurf, da habe ich verstanden, warum es so ein Hit geworden ist. Es hat einen Punch gehabt. Es hat Konzerte gegeben, wo die Leute ständig "Hiatamadl, Hiatamadl" gegrölt haben. Ich habe sie hinausgeschickt. Es hat mich genervt, dass die Leute nach dem ersten Lied das Hiatamadl gefordert haben. Klar hätte ich es am Anfang spielen können, aber das war ein Highlight und das gehört zum Ende des Konzerts. Ich habe gesagt, wenn sie es nicht erwarten können, sollen sie sich ins Auto setzen und es dort anhören. Wie haben die Leute reagiert? Das war die Herbsttournee 1992 und da sind 20 Prozent der Leute in das falsche Konzert gegangen. Ich habe gesagt, Ihr könnt gerne hinausgehen und das Eintrittsgeld zurücknehmen, aber ich will mir jetzt nicht den Schas geben, dass ich mich mit euch auseinander setze. Von diesen 20 Prozent ist die Hälfte wirklich gegangen. Ich habe Konzerte unterbrochen, auch wegen anderer Sachen. Wenn die Leute unruhig waren oder Party gefeiert haben. Welches ist das beste Publikum? Eines, das sich einlässt auf ein gemeinsames Erleben. Schlimm ist es, wenn einige einen anderen Film drinnen haben oder sich ansaufen. Ist das ganze Publikum so, ist das auch okay. Wir haben auf den Kapverden vor 100.000 Leuten gespielt, das war eine Riesenparty. Die haben gekifft, getrunken und es war ganz normal.
Das Handy bimmelt. Sein Management hat eine Anfrage, gleich danach wickelt Hubert von Goisern noch mit dem "Leihhandy" ein Interview mit den Vorarlberger Nachrichten ab. Seinen Goiserer Dialekt legt er kurzzeitig für die Dame am anderen Ende ab. Aber jetzt einen Kaffee, gleich einen doppelten lässt er sich im Speisewagen brühen. Auf dem Weg zurück verschüttet er zwar einen Schwall Kaffee, aber man landet dann doch glücklich im Abteil. Jawohl, Hubert kann auch lachen. Sogar unheimlich zerkugeln kann er sich, wie ein kleiner Bub sitzt er einem gegenüber. Und glücklich schlürft er seinen Kaffee. Wie groß war das Hitkalkül beim Hiatamadl? Die Sachen fallen mir ein oder eben nicht. Ich habe auch schon Sachen ohne Instrument komponiert, wo ich im UBahn-Schacht gesessen bin. Dann habe ich mir einen Fetzen Papier organisiert und kurz skizziert, was ich im Kopf gehört habe. Manchmal singe auch etwas auf einen Walkman. Aber dann hast du eine Kassette mit 150 Ideen, bis du das dann gefunden hast - da ist der Zettel noch immer das Beste. November 1994 gab es die große Zäsur. Sieben Jahre Bühnenpause. Hat das Untertauchen nicht auch den Mythos des Andersartigen gefördert? Mir sind die Begehrlichkeiten zu groß geworden. Vom Publikum, meinen Mitmusikern, dem Management, der Plattenfirma. Egal, wo ich hingegangen bin, jeder hat auf mich eingeredet, dass ich ja so weitermachen soll, wie es jetzt rennt. Ich wollte mich zurückziehen und produzieren und nicht repräsentieren. Eine richtige Pause, wo Sie einfach nichts gemacht und in den See geschaut haben, hat es nicht gegeben? Ich bin gereist, nach Tansania und Tibet, woraus zufällig Projekte entstanden. Es war so weit, dass ich mich nicht mehr zu reisen getraut habe, weil jedes Mal daraus irrsinnig viel Arbeit entstanden ist. Meine Ziehharmonika und die anderen Instrumente habe ich sechs Jahre nicht angerührt. Da wieder hinein zu kommen, war hart. Ich habe das aber mit Absicht gemacht, weil die Finger von selbst marschiert sind und ich die Muskelerinnerung wegbringen wollte. Ich wollte wieder überlegen, wo ich hingreifen muss, damit ich neue Sachen entwickeln kann. Eine Methode, um Routine zu brechen? Ich muss mich immer wieder austricksen, um in die Situationen zu kommen, wo ich mich wirklich nicht mehr auskenne, wo ich dann gefordert bin. Sonst tendiere ich zur Faulheit.
Hubert vertritt sich kurz die Beine auf dem Gang. Für einen Bergfanatiker wie ihn müssen die ebenen Felder um St. Pölten trostlos sein. Nicht einmal einen Halt für einen schnellen doppelten Espresso wert. Obwohl, die Stille, die aus den Furchen der Äcker dampft, hält ihn gefangen. Einfach nur stehen und aus dem großen Fenster schauen und warten. Ihr Album Fön ist aus der Stille entstanden. Welche Bedeutung hat die Stille? Stille macht Musik hörbar. Hätten wir die Stille nicht, könnten wir Töne nicht wahrnehmen. So wie das Licht, das erst durch die Dunkelheit sichtbar wird. Hat die Melodie keine Pausen, atmet sie nicht. Warten ist für Sie wichtiges Element. Auch das Treffen mit der berühmten Schimpansenforscherin Jane Goodall ist eher passiert. Ein Freund von mir ist mit ihr bekannt. Die Jane ist jahrelang zu Weihnachten nach Goisern gekommen, um mit seiner Familie zu feiern. Und da wollte er uns einfach einmal zusammenbringen. Wie haben Sie Jane Goodall erlebt? Sie ist ein ganz wunderbarer Mensch. Eine Geschichtenerzählerin und auf solche Leute stehe ich einfach, weil sie etwas zu sagen haben. So einer Person zuzuhören, ist immer aufmunternd. Da hat sich jemand über so viele Hindernisse hinweggesetzt und ist seinen Weg gegangen. Und es ist gut gegangen. Die Jane hat eine Sanftheit, die erstaunlich ist für jemanden, der sich so durchsetzen kann. Ich habe noch nie gehört, dass sie laut wurde. Anders habe ich den Dalai Lama erlebt, der ein sehr positiver Mensch ist angesichts der politischen Situation in Tibet. Er kann sich über etwas aufregen, was ihm nicht taugt. Das ist eine lässige Energie, die er rauslässt. Ich bin froh, dass ich nicht der Einzige bin, der seine Durchhänger hat. Mit dem Leben fertig zu werden, wenn es einem gut geht, ist ja keine Kunst. Sind Sie ein Optimist? Zweckpessimist, aber von Natur aus Optimist.
"Eine Minestrone, bitte." Kein Platz im Speisewaggon, also Suppe schlürfen im Businessabteil. "Keine Fotos, sagt er. Beim Essen ist er privat. Die Grenzen zu seiner Person zieht er sehr strikt. Interviews gibt er nur selten und Homestorys, die auch das Klo zeigen, lehnt er kategorisch ab. Hubert nimmt den weißen Plastiklöffel zwischen die Zähne und spielt damit wie mit einer Maultrommel. Pleng, pleng! Die Bedeutung der CD nimmt immer mehr ab, die Livemusik wird wichtiger. Ich finde die Entwicklung eigentlich sehr positiv. Livemusik ist die einzige Musik. Auf einer CD ist keine Musik oben, für mich sind Tonträger ein Abklatsch von dem, was Musik eigentlich ist. Das Wunderbare an der Musik ist, du spielst einen Ton und es kann der geilste Ton sein, der dir je ausgekommen ist, aber nachdem er gespielt ist, ist er weg. Und es kann der fürchterlichste Fehler passieren, aber er ist weg. Das gemeinsame Erleben, das ist wirklich Musik, wenn zwei-, zehn-, hunderttausend Leute in denselben Groove kommen. Jörg Haider kommt auch aus Ihrem Heimatort und er tritt sehr für die Erhaltung des Volksgutes ein. Ein verbindendes Element? Außer, dass wir beide aus Goisern sind, fällt mir keine Gemeinsamkeit ein. Was fällt Ihnen zu Jörg Haider ein? Es gibt diesen Spruch: Es muss auch solche geben. Aber schade ist, dass es solche auch geben muss. Weil ich denke mir schon, dass er das repräsentiert, was leider in vielen Köpfen herumgeistert. Man kann das nicht einfach ignorieren, dadurch geht es nicht weg. Aber ich finde es grundsätzlich gut, dass er mit seinem Wirken auf Kärnten reduziert ist. In der Bundespolitik ist er abmontiert und der unmittelbare Schrecken, den wir vor ein paar Jahren noch gehabt haben, ist gebannt. Darüber bin ich sehr froh. Ich war nie einer von denen, die dann gesagt haben, jetzt wird es zum Auswandern, weil dazu habe ich eine viel zu positive Meinung von Österreich und den Österreichern. Er hat seinen Zenit überschritten und das ist gut so. Wie kann man sich das politische Weltbild des Hubert von Goisern vorstellen? In meinem Weltbild gibt es keine Grenzen, keine Religionen, keinen Neid. Ich glaub aber trotzdem, dass Religionen wichtig sind und auch Parteien blöderweise, weil wir uns politisch nicht organisieren könnten. Sie haben in Südafrika Tischtennisturniere für Schwarze und Weiße organisiert? Ich habe sie veranstaltet, weil das überschaubar und organisierbar war und weil ich völkerverbindende Maßnahmen setzen wollte. Das anschließende Fest litt darunter, dass man nicht einmal zusammen ein Bier trinken durfte. Die Weißen haben schon gewusst, warum sie nicht erlauben, dass Weiße und Schwarze miteinander Alkohol trinken dürfen. Man sauft sich ja nicht auseinander, sondern zusammen.
Mit Jane Goodall hat von Goisern lange Zeit Schimpansen beobachtet. Seine Lehre: "Unsere Gesellschaft ist schimpansoid." Es gibt die Geschichte von zwei Affenvölkern, die so lange Krieg führten, bis sie sich systematisch ausgerottet haben. Bis zum letzten Affen. "Wir haben viel mehr von den Affen, als uns lieb ist." Besteht die Gefahr, dass Sie die Harmonika überhaupt an den Nagel hängen? Die Musik ist ein Geschenk, Musik ist für mich wie eine Droge. Vielleicht ist das der Grund, warum ich immer wieder eine Unterbrechung mache, um nicht zum totalen Junkie zu werden. Was erwarten Sie vom Leben? Ich glaube nicht, dass es gut ist, wenn ich alles aushirne. Für den Zufall braucht es Zeit. Du musst dann diese Muße haben, dass du ihm nachgehst. Wir lernen, dass Ablenkung etwas Schlechtes ist, dass da der Schlendrian, die Faulheit oder gar der Beelzebub lauern. Bisher ist Ihnen alles gelungen, auch wenn Sie Zufällen nachgegangen sind. Manches war zäh. Das Ergebnis hat es dann aber gerechtfertigt. Jeder soll seinen Vogel haben. Aber nicht, wenn es um Machtspiele und territoriale Grenzen geht. Wo sind wir denn? In der Steinzeit vielleicht? Hubert von Goisern gibt die Hand und verschwindet wieder im Nebel des Westbahnhofs, von Gombe oder Tibet. Werner Ringhofer | |||||||||||||||||||||||
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