Hubert von Goisern
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Einer, der stets das Unbekannte sucht

Mittelbayerische Zeitung 30. August 2011 | Text: Mario Kunzendorf

Hubert von Goisern pflegt auf seinem exzellenten neuen Album "EntwederUndOder"
die kleine Besetzung und den Bluesrock.

Hubert von GoisernMÜNCHEN. "Ich habe es noch nie geschafft, eine Geburtstagsparty zu schmeißen", sagt Hubert von Goisern im MZ-Gespräch in München. Woraus er folgert, dass es auch im November 2012 vermutlich nichts wird. Woraus folgt, dass er persönlich keine Angst vor dem großen runden 60. haben muss, der da dräut. Ob hinter solchen verschmitzten Ableitungen eine endemische Salzkammergut-Logik steckt, bleibe offen. Klar ist, dass Hubert Achleitner aus Bad Goisern zeit Lebens Haken schlug, die überraschten. Ihn selbst übrigens auch.

Seine aktuellste Wendung ist sein hervorragendes neues Album EntwederUndOder, das Anfang September erscheint. Nach der extrovertierten Schiffskonzertreise, nach nächtelangen kollektiven Schaffensprozessen mit einer Vielzahl Musikern (die im krachenden Album S'Nix mündeten), reduziert sich Hubert von Goisern darauf auf sich selbst, und wie andere in seinem Alter pflegt er den Blues wieder. "Der Blues war schon immer das richtige Musikgefühl. Als ich ihn mit 16 entdeckte, da haben sich Himmel und Erde aufgetan."

Natürlich bleibt es nicht dabei. Die diesmal in Liedermacher-Art allein entwickelten Stücke ("erschreckend, wie nackt die anfangs dastehen") hat der Sänger und Multiinstrumentalist aus Goisern zwar reduziert gewandet gelassen, Keyboards und andere Klangwolken-Werkzeuge fehlen; jedoch reicherte er sie stilistisch an mit Rock, Ska oder Volksmusik, mit Instrumenten wie Maultrommel, Ziehharmonika oder Klarinette. Basis des Ganzen bleibt ein harter Kern bestehend aus Alex Pohn (Schlagzeug), Helmut Schartlmüller (Bass) und Severin Trogbacher (Gitarre), und die Besetzung deutet an, was zuvorderst vermittelt wird: Es rockt. Oder wie Hubert von Goisern sagt: "Wir sind jetzt eine musikalische Guerilla-Einheit."

Pendler zwischen vielen Welten

Aber die Musik und wie sie jetzt klingt, das ist für ihn kein Analysethema. "Eigentlich habe ich keine Lust, darüber zu reden", sagt er lächelnd. Denn eigentlich ist das neue Projekt nur Antwort auf das Vorherige, Folge einer lebenslangen Schaukelbewegung. "Als Kind habe ich beim Bergwandern Flugzeugen nachgesehen", erzählt der 58-Jährige, "und gedacht, es wäre doch schön, da drin zu sitzen. Als ich das erste Mal im Flieger nach Afrika saß, sah ich das Salzkammergut von oben und dachte: Wäre das schön, jetzt unten auf dem Berg zu sitzen."

So hat Hubert von Goisern denn sein Leben verbracht: als Pendler. Er fuhr in die Welt, er kehrte nach Österreich zurück, er verdiente sich Wohlstand, verzog sich in Auszeiten, er genoss kommerziellen Erfolg mit Alpenrock, er schmiss ihn hin ohne Reue. Irgendwie glich sich stets alles aus. Sogar eine Sache: Hubert beschloss in jungen Jahren, dass es sowieso keine Pensionskasse mehr gäbe, bis er Pensionär würde. Was ihm aus seiner Sicht erlaubte, nicht nach mühseliger Arbeit zu suchen, sondern das Weite. Was seine Familie nicht abhielt, bei jeder Rückkehr in die Heimat alle Verwandtschaft einzuholen, um den Rosenkranz vom "redlichen Beruf" vorzubeten.

Das erfolgreiche "Hirtamadl" befreite ihn schließlich.

Hubert von Goisern blieb beim damaligen "Spießrutenlauf" stur wie später wechselmutig. "Es gibt keinen roten Faden", sagt er und beschreibt damit einen bestimmenden Teil seines Lebens. Es gebe stets nur die zwei Seiten einer Medaille, die sich bedingen, die gleich gewichtet, gesehen, gebraucht werden wollen – "es geht gar nicht anders." Gerade das will der Albumtitel EntwederUndOder veranschaulichen, der so betrachtet fast wie ein musikalisches Vermächtnis wirkt. "Ich denke bei jeder Produktion: Das ist die letzte", sagt er selbst. Fest vorgenommen hat er sich zudem, sich im kommenden Jahr bei rund 100 Konzerten "leer zu spielen", um 2013 und 2014 eine weitere Auszeit zu nehmen.

"Künstler müssen durchlüften"

Was danach kommt? Arbeit? "Ich mag keinen Sport, ich mag nicht üben", sagt der 58-Jährige. In Konzerte gehe er trotzdem ungebremst wie früher. "Das ist wie beim Schifahren. Nur die Regenerationsphasen werden immer länger." Vermutlich überrascht Hubert von Goisern irgendwann also doch wieder mit einem Projekt, denn vieles verharrt noch unentdeckt, unprobiert. "Ich habe immer das Unbekannte gesucht", sagt er rückblickend. Jahrzehntelang hat ihn diese Suche auf Weltreisen geschickt, um Abstand von sich selbst zu finden, dafür Landschaften, Menschen und Kulturen kennen zu lernen. Seine Musik erzählt die Geschichten dazu. "In dem Moment, wo ich etwas gemacht habe, dachte ich immer: Das ist jetzt ein Fehler. Im Nachhinein hadere ich mit nichts."

Bedauern tut er durchaus, dass die wirtschaftliche Globalisierung korreliert mit kultureller Einigelung. "Mein Gegenentwurf ist der Albumtitel EntwederUndOder. Wir brauchen beide Seiten, wir brauchen Solidarität. Und eine starke Tradition erlaubt natürlich eine Öffnung (für neue Einflüsse), nur eine schwache nicht", sagt Hubert von Goisern, der sich verpflichtet sieht. "Als Künstler hat man auch die Aufgabe, Fenster und Türen aufzureißen, um mal kulturell durchzulüften." Mit österreichischer Gelassenheit weiß er damit umzugehen, sollte sein "großes Grundvertrauen in die Welt" indes enttäuscht werden: "Wenn's blöd hergeht, geht's blöd her." Wer wollte ihr widersprechen, der Logik aus dem Salzkammergut.

Bei BAP erst nichts verstanden

Kölner Stadt Anzeiger 30. August 2011| Text: Annika Leister

Hubert von Goisern schafft mit seiner Musik einen unüblichen Genre-Mix aus Volksmusik, Rock, Funk und Klängen aus anderen Kulturen. Auf der Promotion-Tour für sein Album "Entweder und oder", das am 2. September erscheint, besuchte der Österreicher auch Köln.

Ihre Texte sind im österreichischen Dialekt verfasst, häufig begleiten Sie sie mit dem Akkordeon oder jodeln. Woher kommt die Liebe zur Volksmusik?

Ich bin damit aufgewachsen. Mein Erweckungserlebnis hatte ich mit 16 in einer Band, die hauptsächlich Blues gespielt hat. Eine Zeit lang empfand ich eine ausgeprägte Hass-Liebe zur Volksmusik. Irgendwann hat der Hass nachgelassen, die Liebe blieb.

Auf Ihrem neuen Album mischen Sie heimatmusikalische Elemente mit Rock, Funk und Reggae. Es macht ein wenig den Eindruck, als könnten Sie sich nur schwer auf ein Genre festlegen.

Warum sollte ich mich für ein Genre entscheiden? Jeder Künstler schöpft aus mehreren Traditionen. Ich finde die Möglichkeit faszinierend, diese Traditionen zu erneuern und damit zu polarisieren.

Sie haben 2005 ein Duett mit Wolfgang Niedecken aufgenommen. Was verbindet Sie mit dem Kölsch-Rocker?

Als ich mit meiner Musik zum ersten Mal nach Deutschland kam, wurde ich oft mit BAP verglichen. Natürlich bin ich neugierig geworden, habe BAP gehört und nix verstanden. Da wusste ich auf einmal, wie es meinen Hörern geht, die nicht aus Österreich stammen. Sicher verbindet uns die Sturheit, zu singen wie uns der Schnabel gewachsen ist. BAP gehen musikalisch aber einen anderen, internationaleren Weg. Mein Sound ist stärker traditionsbehaftet.

Im März 2012 kommen Sie zum Konzert ins E-Werk wieder nach Köln. Was halten Sie von der Stadt?

Köln ist für mich eine besondere Stadt. Ich glaube, das liegt an der Lage am Rhein. Menschen, die am Fluss leben, strahlen immer eine große Gelassenheit aus – vielleicht hat das was mit den Überschwemmungen zu tun, die sie immer wieder erleben. Diese Laissez-faire-Einstellung sagt man uns Österreichern ja auch nach. Ein spezieller und sehr sympathischer Lokalkolorit.

Was unterscheidet Entweder und oder von ihren vorherigen Alben?

In den letzten vier Jahren bin ich auf einem Schiff durch ganz Europa getourt. An vielen Stationen haben wir mit Künstlern aus den jeweiligen Regionen zusammengearbeitet. Das war ein bombastisches Projekt, mein Mount Everest. Das neue Album besitzt einen reduzierten und transparenteren Sound, ist viel persönlicher. Außerdem habe ich mich bei Entweder und oder mit einer Rockband zusammengetan. Spielt man mit neuen Leuten, entsteht immer auch ein ganz neuer Sound.

"Wunschlosigkeit ist lebensfeindlich"

Münchner Merkur 27. August 2011 | Text: Michael Schleicher | Foto: © Markus Schlaf

München - Hubert von Goisern über seine neue Platte "EntwederUndOder",
Wirtshaus-Säle und den Traum, eine Oper zu schreiben.

Hubert von GoisernDrei Jahre nach S'Nix legt Hubert von Goisern jetzt mit EntwederUndOder ein neues Studioalbum vor. Wir trafen das 58-jährige musikalische Multitalent zum Gespräch und stellten passend zum Titel der neuen Platte zuerst nur Entweder-oder-Fragen:

Als Kind beim Spielen – waren Sie eher Cowboy oder Indianer?

Eindeutig mehr Indianer. Das waren die Schleicher. Das waren die, die wenig gesagt, aber bedeutungsvolle Blicke über die Landschaft geworfen haben. Cowboys sind eher laut, grob.

Optimist oder Pessimist?

(Denkt nach.) Beides. Das hat mit der Lebenssituation zu tun. Entweder bin ich total überzeugt, dass alles richtig ist, wie es ist, dann kann ich einen unerschütterlichen Optimismus ausleben. Aber ich habe auch schon oft die Erfahrung gemacht, dass Murphy's Law "Whatever can go wrong, will go wrong" ("Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen", Anm. d. Red.) jederzeit zuschlagen kann.

Klarinette oder Trompete?

Beides. Aber wenn ich einem Instrument den Vorzug geben müsste, dann der Trompete – eigentlich dem Flügelhorn, weil es einen weicheren Klang hat. Ich habe das als Jugendlicher nicht gemocht, wollte etwas Scharfes, Schrilles haben. Aber jetzt bevorzuge ich den lyrischen Ton des Flügelhorns. Die Klarinette? Ja, so langsam finde ich sie gar nicht mehr so übel... (Lacht.)

E-Gitarre oder Akkordeon?

Das ist wirklich ein entweder-UND-oder. Es kommt darauf an: Wenn's einen Strom gibt, dann E-Gitarre.

Wo treten Sie lieber auf: auf Flüssen wie bei Ihrer Linz Europa Tour oder auf dem Land?

Der Fluss war eine Ausnahme. Ich könnte mir aber vorstellen, das bis zum Abwinken zu machen, weil es einfach so toll ist: nie Ein- und Auspacken müssen, sondern nur das Schiff anhalten, die Bühne ausfahren und spielen. Das hatte etwas ganz Wunderbares. Aber du bist beschränkt auf die Uferlandschaft.

Sind Sie privat lieber auf dem Dorf oder in der Stadt?

Ich brauche das urbane Umfeld, um Ideen zu bekommen, um zu komponieren, um etwas hinzuzufügen zum Mensch-Gemachten. Wenn ich in der Natur bin, merke ich, dass ich da nichts hinzufügen kann. Die Natur ist in sich perfekt, die kann ich nur verschlimmbessern.

Blues oder Jazz?

Eher Blues. Beim Jazz halte ich es mit Frank Zappa: "It's not dead, but it smells funny." ("Es ist nicht tot, aber es riecht seltsam", Anm. d. Red.) Die wirklichen Jazz-Heroen haben in den Fünfzigern, Sechzigern und Siebzigern der Musik ihren Stempel aufgedrückt: Charles Mingus, Miles Davis, Duke Ellington. Das war eine Zeit, in der es toll war. Seither geht's bergab.

Letzte Entweder-oder-Frage: Hiatamadl oder Alpinkatze?

Das eine bedingt die andere.

Was bedeutet Ihnen Volksmusik?

(Denkt lange nach.) Heute mache ich mir eigentlich keine Gedanken mehr über Begrifflichkeiten. Als ich mich noch damit auseinandergesetzt habe, war für mich schon klar, dass wenn in Österreich mehr Leute Beatles-Songs kennen als ein paar Volkslieder, dann kann man nicht sagen, dass die Beatles keine Volksmusik seien. Volksmusik ist das, was die Leute zu dem ihren machen. Aber wie gesagt: Heute denke ich über Begriffe – etwa auch "Heimat" – gar nicht mehr nach, weil sie einengen. Traditionen sind dagegen etwas, mit dem ich mich schon sehr gerne und oft auseinandersetze, weil sie alltäglich sind. Volksmusik oder Volkskultur ist etwas, das sich im Dorf abspielt. Traditionen spielen sich immer und überall ab. Wir sprachen über die Tradition des Jazz, es gibt Traditionen in der Malerei, bei der Kleidung. So definiert man Zugehörigkeiten. Das zu brechen oder zu bedienen ist ein alltäglicher Vorgang. Das Positive an Traditionen ist, dass sie ein Erfahrungsschatz sind, der über die Generationen erworben wurde und immer wieder überprüft werden muss, ob er im Hier und Jetzt noch seine Gültigkeit hat. Denn wenn du zu viele Traditionen mit dir herumschleppst, kommst du nicht weit, bleibst im Dorf. Wenn du aus dem Dorf rauswillst, musst du deinen Rucksack schon mal entleeren und auf ein handhabbareres Reisegepäck reduzieren. Und wenn du ganz mutig bist, dann lässt du alles zurück.

Ebenfalls Tradition hat das Wirtshaus als sozialer Ort. Sie haben gerade in einigen Wirtshäusern gespielt. Muss man so weit gereist sein wie Sie, um den Wirtshaus-Saal als Auftrittsort wieder schätzen zu lernen?

Für mich war es wichtig, dass ich viele meiner Träume befriedigt habe. Gerade nach einer Reise wie der Linz Europa Tour, die eine epische Reise durch epische Landschaften war, bei der wir notgedrungen eine große Distanz zum Publikum hatten, empfand ich es als Notwendigkeit, das Pendel wieder in die andere Richtung schwingen zu lassen, intimer zu werden. Das ist in der neuen Musik gelungen. Bereits beim Komponieren kam bei mir der Wunsch, das in Wirtshäusern zu spielen. Mein Umfeld hat zunächst den Kopf geschüttelt und gemeint, das sei Blödsinn. In Wirtshaus-Sälen zu spielen war eine Therapie – gedacht für meine Mitmusiker. Doch dann hat es sich herausgestellt, dass es für mich die viel heftigere Therapie gewesen ist. (Lacht.)

Inwiefern?

Ich habe über die Jahre eine sehr große Scheu zum Publikum aufgebaut. Als es in die Tausende ging, waren es zu viele, um noch persönlichen Kontakt haben zu können. In den Anfangsphasen des großen Erfolgs habe ich das noch nicht realisiert und habe den Leuten erlaubt, mir sehr nahe zu kommen. Bis ich gemerkt habe, dass die, die mir sehr nahe kommen, die Distanzlosen sind. Die große Mehrheit hat ein Gefühl für Nähe und Distanz. Aber dann gibt es auch die Patienten... Man nimmt sich vor, distanzlose Situationen zu vermeiden und so entsteht über die Jahre Scheu vor dem Publikum, bis hin zu ein bisschen Angst, dass einer dabei sein könnte, der (Pause.) ein therapeutisches Gespräch braucht. In den Wirtshäusern konnte ich diese Scheu abbauen. Hier funktioniert das Regulativ der Gruppe noch. Diese Normalität war eine wunderbare Erfahrung.

Keine Ihrer Platten wurzelt so tief in Blues und Country wie EntwederUndOder...

Diese Platte speist sich aus der Energie, die aus Country und Blues kommt. Mit Blues bin ich aufgewachsen. Country ist mir so nah und gleichzeitig so suspekt wie die Volksmusik. Da gibt es viel Licht und Schatten. Wenn du dir die Country-Szene anschaust, da steht manches dem Musikantenstadl in nichts nach. Aber natürlich gibt es auch sehr viele tolle Leute, die versuchen, da etwas aufzubrechen. Ich wollte eine Musik machen – so reduziert wie es Johnny Cash auf American Recordings gelungen ist.

Zum Abschluss: Sie träumen davon, einmal eine Oper zu komponieren oder einen Roman zu schreiben. Wie ist der Stand der Dinge?

Keine Ahnung (Lacht.). Als ich 1994 die Alpinkatzen aufgelöst und mir eine zweijährige Auszeit verordnet habe, aus der dann sieben Jahre wurden, habe ich versucht, ein wunschloses Glück zu leben. Denn ich hatte viel mehr erreicht, als ich je erträumt hatte. Es hat drei, vier Jahre gedauert, bis ich gemerkt hab', dass es mir mit dieser Situation gar nicht gutgeht. Es muss Träume und Wünsche geben. Wunschlos zu sein geht für den Augenblick. Es ist wunderbar, dass es diese Momente gibt, in denen wir wunschlos sind. Aber auf Dauer ist Wunschlosigkeit lebensfeindlich. Darum bin ich froh, dass es diese großen Wünsche und Träume bei mir noch gibt.

"Ich höre immer Musik in mir"

Tips 26. August 2011 | Text: Valerie Himmelbauer | Foto: Jürgen Skarwan

LINZ. Hubert von Goisern hat seiner Musik das Fell abgezogen. Im neuen Album ENTWEDERundODER erzählt der Sänger von den grundlegenden Zusammenhängen und Aspekten des Lebens. Er kehrt introvertiert wie extrovertiert zurück zum Ausgangspunkt seiner Musik.

Hubert von GoisernSie sind nach eineinhalb Jahren zurück mit einem neuen Album. Wie ist es entstanden?

Ich habe meine Ideen reifen lassen, bis der Druck von mir an mich selbst so groß war, dass ich wusste, ich möchte musikalisch wieder etwas Neues formulieren. Es ist gar kein bewusster Schritt, sondern es sind Momente in denen ich mich plötzlich mit der Ziehharmonika in der Hand in meinem Studio wiederfinde.

Wie hoch sind die Erwartungshaltungen an einen selbst, wenn man schon so lange Musik macht?

Die sind heute nicht höher als vor 30 Jahren. Ich scheiß mich immer noch an vor meinen Auftritten. Vor jeder Produktion und vor dem Publikum. Und auch davor, ob mir überhaupt noch einmal etwas Gescheites einfällt. Irgendwas fällt mir zwar immer ein, aber die geilen Nummern sind ein Geschenk. Ich will die Welt nicht zumüllen mit noch mehr Lärm. Die Stille ist ein kostbares Gut. Wenn ich musiziere, dann möchte ich, dass die Musik so stark ist und so eine Qualität hat, dass es sich auszahlt, die Stille zu brechen.

Warum wurde Ihre Band bei diesem Album auf Schlagzeug, Bass und Gitarre reduziert?

Ich habe die Band halbiert, weil diese große orchestrale Instrumentierung wie wir sie auf der Linz-Europa-Tour und auf dem Album S'NIX gehabt haben, für die neuen Lieder nicht gepasst hätte. Damit hätte ich die Musik überladen, das wollte ich nicht.

Welcher Künstler hat das neue CD-Cover entworfen? 

Robert Rottensteiner, ich kenne ihn schon seit sechs Jahren. Er ist ein großartiger Illustrator und Künstler. Es ist mein erstes Cover, dass von einem Künstler gezeichnet wurde. Die Idee ist gekommen, als wir bei ihm in Kärnten zusammengesessen sind, und ich ihm ein paar Lieder vom neuen Album vorgespielt habe.

Im Frühjahr gab es eine Tour, bei der Sie in kleinen Wirtshäusern in Österreich die neuen Songs gespielt haben. Wie entstand dieses Konzept?

Ich wollte, dass wir runterkommen, von dem Riesenfilm, den wir auf der Linz-Europa-Tour hatten. Da habe ich mir gedacht, die Nummern sind jetzt schlank und transparent, vielleicht manchmal auch karg geworden, aber trotzdem hat man nicht das Gefühl, dass etwas fehlt. Bevor ich diese neuen Lieder zum ersten Mal vor einem großen Publikum spiele, wollte ich auch den passenden Rahmen und die Intimität dazu haben.

Wie hat die Wirtshaustour auf Sie und die Band gewirkt?

Ich glaube, es war für uns sehr wichtig und etwas Therapeutisches. Ich habe gemerkt, dass tut uns allen gut wieder auf Augenhöhe und in Kontakt mit dem Publikum zu sein. Man trinkt nachher sein Bier an der Bar und die Menschen wollen mit dir reden und schauen ob du wirklich aus Fleisch und Blut bist.

Es gibt auch eine TV-Dokumentation zur Wirtshaustour auf ServusTV...

Die ist echt lässig geworden und ich bin froh darüber, dass es sie gibt. Normalerweise bin ich nicht zufrieden mit Filmen über mich, in diesem Fall ist es anders.

Sie sind also selbstkritisch?

Ja, ich zuck immer zusammen, wenn ich mich selber sehe. Ich höre mir meine Lieder auch nicht an. Nur dann, wenn mich jemand zwangsbeglückt und glaubt er macht mir eine Freude, wenn er eine CD von mir auflegt.

Wie ist das generell privat mit Musik?

Ich mag auch sonst keine Hintergrundmusik. Das ist mir zu anstrengend, weil ich dauernd hinhören muss. Ich selbst höre - wenn es still ist - immer Musik in mir.

Ganz ohne Kontext, ich habe beim Durchhören der CD zwei Textzeilen bemerkt: "I kann net sagen, dass ma was abgeht" und "zu meinem Glück fehlt nimma viel"...

Diese Zeilen beschreiben einen sorgenvollen Zustand. Dieses Bewusstwerden, dass auch wenn es nicht so ist, wie man es gerne hätte, nicht viel dazu fehlt. Es ist wie ein Schlaflied und soll die Sorgen wegnehmen. Es handelt von einer Situation die daran erinnert, dass nicht nur das Glück sondern Gott-sei-Dank auch das Unglück vergänglich ist.

Die Tragik des Privaten

Kulturnews 25. August 2011 | Text: Ron Haller

Seine Flussreisen und das große S'Nix-Projekt haben den 58-jährigen Weltmusiker Hubert von Goisern jede Menge Kraft gekostet. Mit eher kleinem Besteck schiebt er jetzt Entwederundoder nach – und muss sich die Maßstäbe von seiner Tochter zurechtrücken lassen.

Hubert, Entwederundoder ist ein ganz unprätenziöses Album geworden und doch ebenso typisch für dich wie alles andere. Hören wir hier den kleinsten gemeinsamen Goisern-Nenner?

Die letzten Dinge wie das Schiffsprojekt und das Album S'Nix waren ja megaopulent, für große Bühnen gedacht, die Kompositionen fast suitenhaft. In all der Zeit habe ich mich persönlich sehr zurückgenommen und eher projektdienlich gearbeitet. Logisch, dass ich danach ein Gegengewicht brauchte. Also sind die neuen Stücke viel intimer und nicht so komplex, dass sie vom Kern ablenken.

Vieles klingt von den Strukturen her vertraut. Ist das trotzdem neues Material?

Ja, ich habe im September 2010 angefangen zu komponieren. Seitdem gab es immer wieder mal Phasen, in denen ich dachte: Nein, das kannst du nicht bringen. Aber dann habe ich gedacht: Du bist alt genug, um dich für nichts mehr schämen zu müssen, was du da machst.

Ein paar Worte zur neuen Band ...

... die mit Severin Trogbacher, Helmut Schartlmüller und Alex Pohn die alte ist - bis auf die Mädels von Ganes und den Keyboarder David Lackner, der im Moment erst mal nicht mehr auf Tour gehen wollte, weil er beim ORF zu viel zu tun hat. Ich suche mir die Musiker, die die Tendenz mitbringen, so zu spielen, wie ich es mir vorstelle. Aber sie laufen an der ganz langen Leine. Bei S'Nix hat die Band ja mitkomponiert, jetzt war sie in die Arrangements stark eingebunden. Vieles ist dadurch ganz anders geworden, als ich es mir in der Einsamkeit beim Komponieren vorgestellt hatte.

Es gibt eine Instrumentalnummer namens ÜUOÖ, die vielleicht erklärungsbedürftig ist.

Ja, und die ist auch in der Tat nicht so ganz neu. Es ist so eine Komposition, in der ich mich mit der Ziehharmonika immer wieder wegmeditiere, das mag ich sehr.

Du wirst immer wieder nach neuen Gipfelerstürmungen und Grenzerfahrungen gefragt. Werden deine Ziele mit dem Alter kleiner?

Meine Ziele sind immer von der jeweiligen Schaffensphase abhängig. Wenn ich wie jetzt auf Tour bin, kann ich nicht kreativ sein und gleichzeitig komponieren. Männer sind ja bekannlich nicht multitaskingfähig, und so ist das eben auch bei mir. Aber klar, ich habe Pläne und Träume, dränge aber nicht mehr so darauf, dass immer etwas passieren muss.

Sprichst du lieber über dich oder über den Rest der Welt?

Ich finde die Politik spannender als meine Musik, die sich von selbst erklären sollte und keiner Worte bedarf.

Okay: Amy Winehouse, Eurokrise, Oslo-Terror, Hungerkatastrophen - sind wir noch zu retten?

Na ja, untergehen wird die Welt wohl nicht. Der Tod von Amy Winehouse hat mich wie ein Stich ins Herz getroffen - warum hatte sie kein schützendes Umfeld? Meine 18-jährige Tochter meinte: Klar ist das tragisch, aber das wirkliche Problem ist Norwegen. Mein Sohn entgegnete: Somalia ist schlimmer. Ich bleibe dabei: Die wahre Tragik liegt im Privaten, da ist Handlungsbedarf.

Sorry, Hubert, ich muss hier mal unterbrechen. Meine Frau ruft gerade auf der anderen Leitung an - Autopanne!

Ich sag's doch: Die wahre Tragik liegt im Privaten. Jetzt fahrst da hin und hilfst ihr ... Wir sind hier doch fertig, oder?

Hubert von Goisern - "Ich bin ein Langsamer"

Teleschau - der mediendienst 25. August 2011 | Text: Kati Hofacker

Hubert von Goisern veröffentlicht "Entwederundoder"

Hubert von Goisern hat sich für die Interviews zu seinem neuen Album Entwederundoder (VÖ: 02.09.) in München eine kreative Kulisse ausgesucht: eine Reihe zum Abriss freigegebene pittoreske Kunstatelier-Häuser. Vor großflächigen, abstrakten Bildern lädt der 58-jährige Volksmusik-Rebell zum Gespräch. Wie immer blendend aussehend, optisch gut zehn Jahre jünger, dreht er Zigaretten, gibt wohl überlegte Antworten, wägt ab und denkt nach. Um dann über pubertierende Kinder, Schnupfen bei Nasenflötenspielern, Schokolade zum Wiener Schnitzel und über seine Unfähigkeit zum buddhistischen Leben zu sinnieren.

In den Texten Ihres neuen Albums geht es viel um Vergänglichkeit: Lebwohl, Es is wias is, Nit lang her. Sie werden nächstes Jahr 60, macht sich das in den Texten bemerkbar?

Nicht unbedingt. Ich war schon immer mit dem Tod beschäftigt, mit Sterben und Werden, war schon als Junge auf Friedhöfen. Diese Orte faszinierten mich, und ich habe schon oft Songs über Vergänglichkeit und Ende geschrieben. Aber vielleicht kann man für das Thema, weil es relevanter wird, jetzt leichter die Worte finden. Als Jugendlicher hat man ja noch so viele andere Dinge um sich herum. Ich bin schon mein Leben lang gut damit gefahren, mir die Vergänglichkeit des Augenblicks gewahr zu machen.

Weil man ihn dann mehr genießt? Aber Buddhisten sagen ja, man soll nicht an die Zukunft denken, und daran, dass der Augenblick dann wieder vorbei ist. Man soll nur im Augenblick sein.

Das ist die große Vorgabe, aber es funktioniert für uns doch eigentlich nicht. Außerdem hat es etwas Beruhigendes, nicht nur im Jetzt zu sein, sondern zurückzublicken. Auf das, was man alles geschafft hat.
Es ist gut, darüber nachzudenken, warum man überhaupt etwas gemacht hat, warum man einen Fuß vor den anderen setzt. Wenn man ganz im Hier und Jetzt ist, gibt es doch kein Ziel mehr. Ich hörte 1994 mit den Alpinkatzen auf, weil ich meiner Meinung nach alles erreicht hatte, was ich wollte und noch viel mehr darüber hinaus. Ich wollte zwei Jahre Pause machen, dann wurden es mehr als sechs. Ich war komplett wunschlos.

Und glücklich?

Nein, mir fiel auf, dass ich eigentlich ganz unglücklich bin. Weil ich keine Ziele mehr hatte, keine Wünsche, keine Träume. Ich war wunschlos im Hier und Jetzt. Aber leider eben nicht glücklich. So habe ich widerwillig angefangen, zu planen, zu träumen. Davon, wieder auf die Bühne zu gehen.

Sechs Jahre ohne Bühne: Brauchen Sie überhaupt das Publikumsfeedback für ihr Selbstbewusstsein?

Bestätigung ist etwas, ohne das ich mich sehr schwer tun würde. Ich bin schon auch ein Herdenwesen, ich bin gerne von Menschen umgeben und brauche deren Bestätigung, dass das, was ich mache und wie ich lebe, in Ordnung ist.

Bei Ihrer Wirtshaustour traten Sie an extrem abgelegenen Orten auf, wo sonst nie Konzerte stattfinden. Kannte man Sie da? Haben die Bauern über die Verschandelung ihres Volksguts gemosert?

Die meisten kennen mich, in Österreich kommt man an mir nicht mehr vorbei. Was mich aber faszinierte war, dass über die Hälfte der Leute noch in gar keinem Konzert in ihrem Leben waren. Konzerte, das gab es in deren Dasein nicht! Aber sie haben es alle positiv aufgenommen.

Wie ist es, wenn man dem Publikum so nah ist?

Wenn ich musiziere, hört mein Gesichtssinn auf zu existieren. Ich sehe das Publikum gar nicht. Das war auf der Wirtshaus-Tour nicht anders. Ich bekomme von außen nichts mit. Ich mag keine Leute anschauen, denn wenn ich jemand anschauen würde, zum Beispiel eine schöne Frau, dann könnte ich nur noch schauen und müsste aufhören zu spielen.

Sie sind eben ein Mann ...

Noch nicht mal das in dem Moment! Meine Musiker sagen mir oft: "Boah, hast du die tolle Frau, den Hasen g'sehn in der ersten Reihe, direkt vor dir, die hat so guat ausg'schaugt." Und ich muss dann immer feststellen, dass ich sie nicht registriert habe. Schade eigentlich! (lacht)

Sind Sie eigentlich ein Spätzünder? Mit 27 das Musikstudium, mit 30 Profimusiker, Ihr Erfolg kam in einem Alter, in dem andere schon wieder aufhören auf der Bühne zu stehen.

Ich bin ein Langsamer. (denkt lange nach). Jeder muss sein eigenes Tempo fahren. Damals hielten mich alle für verrückt, als ich mit 30 sagte: "So, jetzt bin ich Musiker!" Alle meinten, ich hätte es schon als Junger machen sollen, jetzt wäre es zu spät. Aber als ich jung war, hatte ich zu viel Angst. Erst mit 30 traute ich mich, mich an nichts anderem mehr zu orientieren, als an meinen eigenen Wünschen.

Womit haben Sie vorher Ihr Geld verdient?

Als Chemielaborant und als Skiverkäufer in Kanada, meine Exfrau war Kanadierin.

Sie haben bereits in jungen Jahren die Welt bereist und viele ungewöhnliche Instrumente erlernt. Gibt es die philippinische Nasenflöte eigentlich wirklich?

Ja, die Nasenflöte gibt es.

Was machen die Musiker, wenn sie Schnupfen haben?

Auf den Philippinen hat keiner Schnupfen. Es können nur noch ein paar ganz alte Leute dieses Instrument spielen. Und es stimmt: Ich bin viel gereist, aber das war das Gegenteil eines Jetset-Urlaubs. Nichts mit Pina Colada und weißen Stränden. Mich trieb die Neugier zu erfahren, was es sonst noch so gibt, welche Menschen, welche Ideen. Für mich ist Reisen eine so intensive Zeit, weil man irgendwo ist, wo einen keiner kennt. Man sieht sich völlig neu, mit anderen Augen. Es wird nichts in dich hineininterpretiert, du bist ein weißes Blatt. Ich bin nämlich so gestrickt, dass ich oft Dinge nicht tue, die ich tun wollte, nur weil andere sie von mir erwartet haben. Wenn niemand etwas von mir erwartet, dann fällt es mir leichter, Intentionen umzusetzen.

Aber dafür sind Sie mit den Vorurteilen konfrontiert. Für Asiaten müssen Sie doch als Weißer mit langer Nase wirken, der Sauerkraut isst und noch dazu den den ganzen Tag jodelt ...

Ja, aber das finde ich spannend. Denn es ist doch schön, wenn diese Projektionen auf dich geworfen werden. Dann fällt es mir leicht zu sagen: "Da machst du es dir aber schon einfach, oder?" Ich habe ja auch genug Afrikaner erlebt, die überhaupt kein Rhythmusgefühl haben. Auch ich musste mich von meinem Vorurteil verabschieden, dass alles groovt, was aus Afrika kommt.

Ihre Musik wurde durch diese Reisen aber nicht beeinflusst: Sie spielen Rock, Jazz, Blues, Volksmusik - und das war's.

Bewusst! Ich lehne das ab. Ich finde es schlimm, wenn jemand sagt, er macht Weltmusik, dann den Gesang einer Inuitfrau, eine afrikanische Trommel, eine indische Sitar nimmt und dann das Ganze zusammensampelt. Das ist keine Weltmusik, sondern Allerweltsmusik. Ich mag dieses Regionale. Ich sehe auch nicht ein, warum man eine perfekte Speise wie das Wiener Schnitzel mit Schokolade garnieren soll. Ich mag ja auch in Afrika keine österreichisch inspirierte Musik hören, sondern afrikanische. Meine musikalischen Zusammenkünfte haben immer eine Vorgeschichte einer persönlichen Zusammenkunft. Ich reise nur noch, um Begegnungen zu suchen.

Bei all den Reisen, wo und wie leben Sie jetzt?

In einem großen Haus mit drei Seiten, hufeisenförmig.

Ein alter Hof?

Nein, neu.

Eigentlich kann man sich Sie nur in einem alten Hof vorstellen ...

Da spielte meine Familie nicht mit. Denn alte Höfe findet man nur weit auf dem Land. Meine Familie wollte aber in der Nähe der Stadt bleiben. Sie sagten mir, dass ich ja immer unterwegs bin und immer große Städte um mich habe, sie aber das ganze Jahr dann im Nirgendwo wohnen müssen, nur damit ich mich in den Tourpausen auf dem Land ausruhen kann. Deshalb bauten wir bis 2004 ein neues Haus, in der Nähe von Salzburg.

Sie sind immer noch mit Ihrer dritten Frau verheiratet ...

Immer noch. Mein Bub ist jetzt 23, davor musste ich sie ja fünf Jahre lang davon überzeugen, dass ich der richtige Vater für ihre Kinder bin. Unsere Tochter ist 17.

Wie gehen Sie mit Ihrer pubertierenden Tochter um?

Darüber rede ich nicht. Nur so viel: Es ist heftig, aber auch eine gute Inspiration.

Gibt Ihnen Ihre Familie musikalische Tipps?

Das Studio daheim ist offen, sie können jederzeit rein. Aber sie tun es nicht. Sie hören es erst, wenn es fertig ist. Meiner Frau ist das alles zu nah, womit ich mich abquäle. Sie ist Pädagogin und arbeitet an der Uni in Salzburg in der Lehrerbildung. Sie hat einen spannenden Beruf und ist darin sehr, sehr gut.

Keine von den Frauen, die hinter ihrem Mann stehen, wenn er im Studio an den Knöpfen dreht?

Nein, sicher nicht!

Was wären Sie geworden, wenn es mit der Musik nicht geklappt hätte?

Irgendetwas in der Natur. Vielleicht Hüttenwirt! Da würde ich aber alle Schilder abmontieren, damit mich keiner findet (lacht).

Sie suchen die Einsamkeit der Natur, um neue Kraft zu tanken ...

Ja, immer. Wandern, in die Berge gehen, Fahrrad fahren. Ich hatte der Natur gegenüber ein schlechtes Gewissen, wegen meines Stromverbrauchs. Jetzt nutze ich Sonnenenergie fürs Studio. Mir könnten sie inzwischen Strom, Gas und Wasser abdrehen und es würde an meinem Leben nicht viel ändern.

Freigespielt

Süddeutsche Zeitung 25. August 2011 | Text: Karl Forster

Der rockjodelnde Multiinstrumentalist Hubert von Goisern über musikalische Früherziehung,
Selbstfindung und die Schwierigkeit des Einfachen

Nimmt man die DVDs und Live-Konzertmitschnitte dazu, ist EntwederUndOder exakt die 20. Veröffentlichung von Hubert von Goisern nach Aufgeigen statt Niederschiassn. Mit der hat der Aufstieg des Hubert Achleitner aus Goisern das Prädikat "unaufhaltsam" gewonnen. Und heute, im zarten Alter von 58 Jahren, die man ihm beileibe nicht ansieht, kann es sich der rockjodelnde Multiinstrumentalist mehr denn je leisten, sein Publikum zu fordern. Ein Gespräch über musikalische Früherziehung, Selbstfindung und die Schwierigkeit des Einfachen.

Ich war ein bisschen überrascht über das neue Album EntwederUndOder.

Das überrascht mich jetzt, dass Sie überrascht sind.

Dass Sie sich soweit zurückgenommen, Musik und Gesang so reduziert haben, das war nicht zu erwarten.

Ich teile ja schon die Meinung, dass das Album auch Überraschungen bietet. Obwohl Hage Hein (der Manager, Anm. d. Red.) meint, das sei die große Versöhnungsplatte. Andere wiederum behauptet, das sei die große Verstörungsplatte.

Wenn man schlecht drauf ist, dann könnte man durchaus verstört sein. Es besteht eigentlich nur aus zitierten Stilen. Und die stammen aus früheren Zeiten als das Album Aufgeigen statt Niederschiassn, mit der 1991 im Münchner Lustspielhaus Ihre Karriere startete.

Ich habe mich da selber eingebremst, um die Sache nicht zu komplex zu gestalten. Es ist ja viel schwerer, was Einfaches zu machen als was Komplexes.

Das Album ist eigentlich konservativ.

Es ist halt nichts Kaschiertes. Ich habe da nichts geschnörkelt. Das habe ich mir auferlegt.

Wie viele Musiker sind daran beteiligt?

Eigentlich nur vier. Live spiel ich das Klavier selber. Fürs Studio habe ich mir dann zwei mir bekannte Keyboarder geholt, da musste ich so viel koordinieren, das hätte keinen Sinn gehabt. Bei Lebwohl und Nit lang her.

Auch die Klarinette spielen Sie?

Ja, und die Maultrommel. Alles, was artfremd ist.

Die Texte erinnern – ich will Sie jetzt nicht beleidigen – an frühe Wecker-Texte mit ihrem Zwang zum Reim. Warm und arm etwa. Kein kompliziertes Wortspiel.

Dann ist es gut. Dann ist es gelungen. Es sind ja teilweise schräge Rhythmen drinnen, zum Beispiel beim Indianer, da ist es ein Fünfer, da kann man nichts Kompliziertes drauf singen.

Das ist doch eigentlich Musik aus Ihrer Jugendzeit.

Ich hab da jetzt Sachen zugelassen, wo ich früher gesagt hab: Nein, das ist zu klar, das hat es schon mal gegeben, wenn auch in anderen Formen. Jetzt aber kann man sagen: Das ist Tradition, da bin ich Teil einer Kontinuität im Songwriting.

Und die Kombination von Alpinem und Rockigem ist ja auch ein Rückblick auf Ihre eigene Geschichte.

Nun ja, aufgewachsen bin ich mit Blues, das war meine erste Erleuchtung. Als ich mit 16 zum ersten Mal Blues gespielt hab, hab ich gedacht: Das ist es. Und jetzt habe ich mich halt drübergetraut, dass ich das selber mache.

Ich habe Sie noch nie einen Blues spielen hören. Damals, vor zehn Jahren im Münchner Lustspielhaus, waren nur ein paar Sachen von den Stones dabei.

Meine erste Band war eine reine BluesPartie. Als ich dann selber zum Schreiben angefangen habe, wollte ich natürlich auch eine eigene Sprache entwickeln. Und jetzt, heute, habe ich endlich das Gefühl: Ich habe mich freigespielt und freikomponiert.

Und das ist nun das vollendete Werk?

Nein, fertig ist das eh noch nicht. Das ist ein fortlaufender Prozess.

War das so, dass Sie sich hingesetzt und gesagt haben: So, jetzt mache ich mal was ganz anderes? Oder war das eine längerfristige Entwicklung?

Es hat schon etwas gedauert. Es ist entsprungen aus der Erschöpfung an der Opulenz vor allem der Linz-EuropaTour, wo alles einfach riesig war. Wir hatten ja irrsinnig viele Gäste, da habe ich mich selbst sehr zurückgenommen, damit alle Platz haben, damit sich alle wohlfühlen. Ich wollte ja, dass niemand das Gefühl hat, er sei nur ein Aufputz für mich. Aber am Ende war ich wirklich ausgehungert und wollte ein Projekt, das persönlicher ist, intimer.

Haben Sie das, wie Trad II, auch auf dem Berg produziert?

Nein, in meinem Studio in Salzburg. Das Produzieren auf dem Berg war eh der Wahnsinn. Das war zwar volle Konzentration. Aber auf 2000 Meter Höhe, da kriegst du den Druck nicht zusammen. Da ist die Luft so dünn, dass da nichts rauskommt. Du schreist laut oder haust laut auf die Trommel, und es kommt nichts. Das hörst du aber erst beim Mischen. Du hast eben da oben weniger Masse zum Schwingen und weniger Druck auf den Membranen. Du hast zwar eine super Transparenz, aber für einen Punch geht sich das nicht aus.

Auch die Sounds auf dem neuen Album sind sehr karg. Der Anfang von Indianer zum Beispiel klingt wie die alten Shadows aus den sechziger Jahren.

Ich hab da einen Bekannten, der hat gesagt: Ich möchte dir einen Gitarrenverstärker bauen. Ich hab gesagt, ich habe alles, einen Marshall, einen Fender, einen Vox. Irgendwann hat er angerufen: Ich habe dir jetzt einen Verstärker gebaut, da ist alles drin. Und wirklich wahr: Der klingt vom Vintage bis zum bösesten modernen Sound super.

Alles klingt so direkt, gar nicht digital.

Wir haben manche Sachen mit nur einem Mikrofon aufgenommen. Also nicht auf Spuren und dann zusammengemischt. Nur die Gesänge und ein paar Soli sind später draufgemischt worden.

Und die Musikmotive? Manches klingt wie Little Feet, beim Indianer ist Ska dabei, Hält nit an hat die Harmonien von Hang On Sloopy, Es is wias is erinnert an Stings Moon Over Bourbon Street, mit anderem Rhythmus.

Früher hab ich immer versucht, aus der Gitarre und dem Akkordeon Musik rauszuholen, die nicht automatisch aus diesen Instrumenten kommt. Da hab ich mir jetzt nix g'schissen. Und mit der Stimmung, die die Gitarre hat, bieten sich manche Sachen eben an, weil sie geil klingen.

Und die extreme, fast quälende Langsamkeit des Landers Über-Unter-OberÖsterreich. Halten Sie das Tempo im Konzert auch so durch?

Ja. In den meisten Fällen ist das die Anfangsnummer. Und als Anfangsnummer ist das eine echte Prüfung.

Neulich fiel die Bemerkung, Sie seien eine Art Christian Stückl der Volksmusik. Ist das eine Beleidigung?

Ich wäre jetzt nicht auf den Gedanken gekommen, aber es ist nicht falsch. Der schöpft ja auch aus der Tradition und hat einen sehr erdigen Umgang mit seiner Materie.

Stichwort Tradition: Das Hiatamadl, war Ihr großer Hit. Ist das nicht Segen und Fluch gleichermaßen, wenn man sogar einen Wiesnhit landet?

Es ist einfach eine echt geile Nummer. Ich hab's gerne gespielt, dann eine Zeit lang nicht mehr. Wir haben es heuer wieder am Anfang ab und zu gespielt. Nach dreimal hab ich gesagt: Ich kann es nicht mehr spielen. Entweder wir finden einen neuen Zugang, oder wir lassen's. Und in einer Session haben wir es dann neu aufbereitet. Die ist für mich jetzt gleichwertig mit der alten Version.

Es hat, nach dem ersten großen Erfolgsstrang, schon mal eine Hubert-von-Goisern-Abschiedstour gegeben.

Nun, wir spielen im nächsten Jahr hundert Konzerte. Da ist das Jahr dann ganz schön voll. Und zum Thema Abschied: Da möchte ich drauf hinarbeiten. Dass ich am Ende des Jahres sag': Jetzt ist es aus, es ist kein Brennstoff mehr da. Es müsste schon was Außergewöhnliches passieren, dass ich 2013 noch auf der Bühne stehe.

TV-Tipp: Hubert von Goisern auf Wirtshaustour

Musikmarkt 24. August 2011 | Text: Andy Zahradnik

Hubert von GoisernHubert von Goisern hat vor 20 Jahren auf seine Art die Volksmusik in die Stadt gebracht. Jetzt kommt der Hubert mit seinen Buben über Afrika und Ost-Europa wieder zurück ins Land. Mit so wenig Harmonika wie lange nicht, dafür aber mehr harten Sachen im Gepäck.

"Die Donautour war für mich der Mount Everest, sodass hinterher eine Reduktion notwendig und logisch war," sagt der Salzburger. Und so stellt sich das neue Album – Entweder und Oder, VÖ 2. September – in einer Kompaktheit dar, wie man Hubert von Goisern schon lange nicht mehr gehört hat. Zurückreduziert aufs wesentliche. Bass, Schlagzeug, Gitarre und auch die Ziachan ist dabei, aber sie tritt, im Gegensatz zu früher, deutlich in den Hintergrund. Kein großes Kino sondern Wirtshaus. Und so stellte der Goiserer seine neuen Lieder auch dem Publikum vor. Im Rahmen einer Wirtshaustour bereiste er Österreich. Fünf Gigs, quer durchs Land. "Keine Extras, keine bunten Lampen, keine Show," sagt er und stand auf grob gezimmerten Bühnenböden. Da und dort gab es sogar einen Vorhang der zur Seite ging, als die Musik begann, aber das war eher die Ausnahme.

Zumeist hieß es von der kleinen Kammer, wo die Äpfel lagern, direkt hinaus in den Wirtshaussaal. Zurück zum Ursprung. So stand Hubert von Goisern früher schon alleine auf der Straße und trug seine Musik in die Stadt. Später sang er mit Alpinkater Wolfi Staribacher im Wiener "Roten Engel" – auch eine Kneipe – bis der große Durchbruch auch große Hallen, Tourneebusse und Hubschrauber brachte.

Die Wirthaustour war definitiv eine Reise ins Gestern genauso wie ins Heute. "Es war natürlich nicht immer romantisch – aber der enge Kontakt mit dem Publikum und die frische Landluft waren gut für die Bodenhaftung," stellte der Musiker fest. Vom Salzkammergut an die tschechische Grenze, quer durch die Republik. Harte Wirtshausbetten statt Hotelkomfort. Freundliche Menschen, von denen viele das erste Konzert ihres Lebens erlebten.

"Selber fahren heißt, den eigenen Weg suchen" sagt der Goiserer, sitzt hinter dem Steuer und das Navi bleibt aus. Die Tour wurde von einem Filmteam begleitet und es entstand eine Art Road-Movie. Wie die Musik ist der Film ungeschminkt und direkt. Die Kamera führt nicht, sie begleitet. Wirtshäuser, so wie sie seit Jahrzehnten ihren eigenen Charme versprühen. Stammtisch, Schank, der Saal, wo es sonst bei Hochzeiten rund geht, Schnitzel, Kartoffelsalat, Wein aus dem Doppler, Bier aus dem Zapfhahn, Erdnüsse vom Automaten und rosa leuchten die Manner-Schnitten. Zu sehen ist der Film von Chris Weisz am Donnerstag, 25. August, um 20:15 und am Dienstag, 30. August, um 21:05 Uhr bei Servus TV. Das ist ein dringender Fernsehtipp der deutlich vor Augen führt, wie Musikfernsehen auch sein kann: Authentisch und zum Niederknien gut.

Das Wirtshaus dient der Therapie

Der Standard 24. August 2011| Text: Anne Marie Darok
Hubert von Goisern

Hubert von Goisern suchte zur Erdung die Enge der Gasthaussäle - Servus TV filmte mit

Wien - Hubert von Goisern ist zufrieden. Der zweitberühmteste Goiserer hat einen heiklen Eingriff hinter sich: den Rücktransfer einer urbanen Volksmusik in die Provinz. Die abgelegensten und verschlafensten Nester öffneten ihr soziokulturelles Herz - sprich: ihre Gasthäuser.

Goisern kam mit seinen vier Bandmitgliedern, einem Tontechniker und einem Fernsehteam. So entstand die Dokumentation der Wirtshaustour, die am Donnerstag auf ServusTV läuft. Dessen Programm verfolgt bisher auch ein eher überschaubares Publikum.

Der Protagonist ist mit der Doku "sehr zufrieden": "Natürlich hätte ich ein paar Sachen nicht reingenommen, aber ich bin ja selber befangen und würde mich lieber von der Schokoladenseite zeigen. Deswegen bin ich froh, dass es Leute gibt, die das für mich machen."

Befangenheit merkt man dem Entertainer auf der Bühne nicht an - ob auf einer hydraulischen mit Stroboskop oder einer aus Holz mit Stehlichtern. Trotzdem schwingt Zurückhaltung mit, wenn er von seiner Beziehung zu dem Publikum spricht. "Über die Jahre habe ich eine große Scheu vor dem Publikum aufgebaut. Es sind viele darunter, die nach dem Konzert den Kontakt zu mir suchen und dabei kein Gefühl für Intimsphäre haben. Ich weiß, dass das eine Ausnahme ist, aber mit der Zeit projiziert man es auf den Rest des Publikums."

Mit der Enge der Wirtshäuser wollte er zuerst nur seine Band erden. Mit der Zeit machte sich auch bei ihm die therapeutische Wirkung bemerkbar. "Es gibt keinen Backstageraum, du kannst nicht flüchten. Es ist alles auf Augenhöhe." Das Gespräch mit seinen Fans hatte er zwar nicht gesucht, aber dem Charme einer schunkelnden und singenden Kleinmenge, wie sie eben in ein Wirtshaus passt, konnte er sich auch nicht entziehen. "Du willst nach dem Konzert nicht sofort aufs Zimmer gehen, sondern du bleibst in der Stube, und da ergeben sich Gespräche. Ich fand das sehr wohltuend."

"Archive quellen über"

Eine Dokumentation dieser persönlichen Österreich-Rundfahrt hat nicht Goisern ins Gespräch gebracht, erklärt er: "ServusTV hat sich mich ausgesucht." ServusTV gehört Red Bull, das Programm dort bestimmt maßgeblich der Konzernchef selbst, Dietrich Mateschitz, der Goisern schon seine Donauschifffahrt bis ans Schwarze Meer ermöglichte.

"Selber hätte ich das nicht forciert, denn ich bin der Meinung, dass zu viel dokumentiert wird auf der Welt", sagt Goisern: "Die Archive quellen über und lenken von dem Hier und Jetzt ab." Der Star präsentiert sich als Verfechter der Vergänglichkeit und Bewacher der Augenblicke, die wie Seifenblasen vor dem Platzen geschützt werden müssen.

Doch manches findet auch er dokumentierenswert. Die Reise der Band nach Timbuktu zum Festival au Désert lief schon oft im Fernsehen, nur ein Sender habe den Film verschmäht: der ORF. "Zwischen mir und dem ORF gibt es einige Ressentiments. Ich bin nicht glücklich darüber, wie der ORF mit österreichischen Künstlern umgeht. Der ORF ist nicht glücklich mit meinen Stellungnahmen zu seinem Programm. Es gibt nur wenige Leute, vor denen ich Respekt habe, und das spüren sie dort."

Es geht sich auch ohne ORF gut aus, und Red Bull hilft gern. Hubert von Goisern hat ein Händchen für seine eigene Vermarktung. Zurückhaltend, aber nicht langweilig, heimattreu, offen für andere Kulturen, so steckt der Sänger seine Grenzen ab, in denen er sich immer wieder neu versucht.

Die reduzierten Lieder seines Albums Entweder und Oder hat er schon am Wirtshauspublikum getestet. Es dankte ihm mit vollen Sälen. Und mit einem heimlichen Hiatamadl auf den Lippen.

Hubert von Goisern ruft Heilige an

Kurier 23. August 2011 | Text: Brigitte Schokarth
Hubert von Goisern

Nach der Donauschiff-Tour wurde Hubert von Goisern mit seinem neuen Album "Entwederundoder"
klein und persönlich - und ungewohnt humorvoll.

Die heilige Rita - die ist Hubert von Goisern am liebsten. Denn ihr Job ist es, das Unmögliche möglich zu machen. Deshalb ruft er sie in I versteh di nit, einem Song von Huberts neuem Album Entwederundoder, an.

Auch wenn der pumpende Blues-Song humorvoll gemeint ist und der Musiker längst aus der Kirche ausgetreten ist, fern sind ihm die Heiligen trotzdem nicht. "Ich bin christlich sozialisiert und da kriegst du diese Wertvorstellungen nicht mehr los", erklärt von Goisern im KURIER-Interview. "Ich rufe tatsächlich auch im Leben öfter Heilige an."

"Glaube hat viel mit Loslassen zu tun"

Mit unterschiedlichen Ergebnissen. Bei Rita "reicht es schon, wenn sie es manchmal schafft", das Unmögliche möglich zu machen. Wenn von Goisern den heiligen Antonius anruft, der verlegte Dinge auffindbar macht, gibt es aber eine hohe Trefferquote: "Da finde ich manchmal Sachen, wo ich mir denke, hat das da jetzt wer hergelegt?"

Viel Psychologie, meint er, stecke da dahinter: "Wenn du den Antonius anrufst, dann hast du davor eh schon lange gesucht. Und dann gibst du auf und rufst ihn an. Und ich glaube, dass es dieses Loslassen ist, das wirkt - wenn du vom Suchen ins Finden gehst. Überhaupt hat der Glaube viel mit Loslassen zu tun: Wenn man das Gefühl hat, dass man nicht alleine ist, nicht alles alleine steuern muss und kann, sondern sich dem Lebensfluss hingibt - mit dem Vertrauen, es wird mich schon dahin bringen, wo ich sein soll."

Satirische Gedankenschnipsel

So eine Momentaufnahme wie I versteh di nit sind alle Songs von Entwederundoder - satirische Gedankenschnipsel übers Geldverbrennen, Beziehungen, den Sinn des Lebens. Das, sagt von Goisern, sei eine direkte Reaktion auf die Donau- und Rheintour, für die der 58-Jährige ein Frachtschiff zur Bühne umbaute, damit von 2007 bis 2009 Europa bereiste und an Ufern Konzerte mit örtlichen Musiker spielte.

"Das hat mich vier intensive Jahre lang beschäftigt. Um all den anderen Musikern ein Forum zu geben, habe ich mich dabei sehr zurückgenommen. Auch die vorige CD S'Nix entstand deshalb in einem Kompositions-Kollektiv und war ausufernd arrangiert. Dadurch kam die Sehnsucht, die neuen Songs klein, intim und persönlich werden zu lassen."

Ebenfalls eine direkte Reaktion auf die Donau-Tour war die Idee, in Wirtshäusern zu spielen: "Ich wollte uns damit wieder erden. Management und Plattenfirma waren da wenig begeistert. Die sagten: "Warum sollen wir auf klein machen, wenn wir groß sind?" Aber dass dieses Gegenargument kam, war für mich ein Beweis, dass wir das nötig haben."

Zwischen Bierkrügen und Schweinshaxen

So spielte Hubert von Goisern 2011 in Gasthäusern in Dörfern, die Stunden von Städten entfernt sind, in denen er sonst auftritt. In Dorf-Lokalen, die 240 Leute fassen und keinen Backstage-Bereich haben, wo sich Hubert bei seinem Auftritt den Weg durch Schweinshaxen, Bierkrügel bahnen musste. "Das war schon ein schmerzhafter Prozess, denn ich gehe nicht gerne auf Tuchfühlung mit den Fans. Es sind zu viele geworden, und ich werde schon öfter blöd angeredet. Aber in einem intimen Rahmen war das überschaubar."