Hubert von Goisern
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INTERVIEW

Vermischtes: 2002

Die "Neue Volksmusik" ist tot, es lebe die ... Alpine Weltmusik

Folker! Nr. 2 2002 März/April | Fotos: Ingo

Gespräch mit Hage Hein, dem ökonomischen Strategen der Alpen-Szene

Hage Hein

Hage Hein

Kaum ist Hubert von Goisern wieder aus der Versenkung aufgetaucht, wird auch Musik mit alpenländischen Wurzeln wieder relevant. Hage Hein hat die Szene als Chef der Münchener Plattenfirma Lawine (Goisern, BavaRio, Hundsbuam u.a.) von Beginn an interpretiert und vermarktet.

Christian Rath unterhielt sich mit ihm über Musik, Marketing und Politik.

Etwa alle zehn Jahre erfindest du einen neuen Begriff für ungewöhnliche Musik aus Bayern und Österreich. Was du Anfang der 90er-Jahre als "neue Volksmusik" bezeichnet hast, soll nun "alpine Weltmusik" heißen. Warum braucht man einen neuen Terminus?

So ein Begriff soll den Medien zeigen, hier entsteht etwas Neues und es handelt sich nicht nur um ein, zwei Künstler, die schon im Rampenlicht stehen, sondern um eine relativ breite Szene.

Und was konkret soll der Begriff "alpine Weltmusik" signalisieren?

Er soll dem deutschen Publikum deutlich machen, dass Weltmusik eben nicht nur von fremden Kontinenten kommt, sondern auch aus dem eigenen Kulturraum. Es wundert mich einfach, dass jemand wie Hubert von Goisern immer noch eher als Gaudi-Musiker angesehen wird und weniger als eigenständiger Beitrag zur globalen Popkultur. Und für das internationale Publikum ist ein Begriff wie "alpine Weltmusik" verständlicher, weil sich "neue Volksmusik" zu stark an der deutschsprachigen Debatte um den volkstümlichen Schlager orientierte.

Die KünstlerInnen selbst sind ja meist nicht begeistert, wenn du für sie solche Schubladen erfindest ...

Künstler wollen eben lieber ihre eigene schöpferische Leistung betonen ...

Auch gegenüber anderen KünstlerInnen?

Natürlich. Gerade in der "neuen Volksmusik"-Szene war die Stimmung anfangs ziemlich schlecht, weil viele glaubten, sie hätten etwas Neues erfunden und die anderen würden sie nur kopieren. Ich habe dieses Misstrauen 1993 hinter den Kulissen des ersten Schräg-Dahoam-Festivals in München selbst gespürt. Dabei haben ein paar Kreative zur gleichen Zeit ähnliche Ideen gehabt, was dazu führte, dass mancher bekannte Ländler eben von verschiedenen Künstlern bearbeitet wurde.

Die - inzwischen drei - Schräg-Dahoam-Festivals hast ja auch du organisiert. Was bedeutet denn der Titel "schräg dahoam"?

Das ist eigentlich nur so ein Wortspiel ohne ganz konkrete Aussage. Es hat etwas mit Heimat zu tun und damit, dass man sich nicht so reibungslos in die Tradition einordnen lassen will. Die meisten Leute verstehen eigentlich intuitiv, was ich damit sagen will.

1993 dachte man noch, "neue Volksmusik" könnte das ganz große Ding werden. Beschreib bitte mal die Atmosphäre auf dem ersten Schräg-Dahoam-Festival.

So schlecht die Stimmung bei den Musikern war, so euphorisch war sie bei den übrigen Beteiligten. Viele dachten damals drei Tage lang, hier passiert etwas ganz wichtiges für die europäische Musiklandschaft. Es waren jedenfalls drei Dutzend Journalisten und sechs bis sieben Fernsehteams angereist. Beim zweiten Festival, eineinhalb Jahre später, kamen dann keine Trendscouts mehr, da war die Euphorie schon wieder verflogen.

Warum hat es denn nicht geklappt mit dem ganz großen Durchbruch? Warum wurde der deutschsprachige HipHop so wichtig und nicht deutschsprachiger Jodel-Rock und Alpen-Jazz?

Wir waren ja schon damals nicht Teil einer Jugendbewegung, sondern Teil der Erwachsenenkultur. Deshalb fehlte uns eine spezifisch subkulturelle Szene, in der das Ganze hätte an Breite gewinnen können. Und für ein eher Mainstream-orientiertes Massenpublikum muss man natürlich mehr sein als ein virtuoser und kreativer Künstler. Hier kommt es auch auf die Attraktivität der Person und der Bühnenpräsenz an. Ernst Huber von Broadlahn zum Beispiel ist einfach nicht sexy - so sehr ich ihn als Musiker schätze. Da war Hubert eben doch eine Ausnahmeerscheinung. Und als er dann 1994 die Alpinkatzen auflöste, war die Szene gleich mausetot.

Goiserns vorläufiger Abgang war also das Ende der "neuen Volksmusik"?

Es war schon verrückt: Zuerst wurde er von vielen Seiten kritisiert, weil er mit seiner Art das Interesse der Medien auf sich konzentrieren würde. Als Hubert dann aber weg war, blühten die anderen nicht etwa auf, vielmehr wurde es ziemlich ruhig, weil sich die Medien gar nicht mehr dafür interessierten. Ich hab dann ja auch jahrelang kein neues Schräg-Dahoam-Festival gemacht.

Das dritte Festival gab es erst jetzt bei der Rückkehr von Hubert von Goisern mit seinen zwei neuen CDs...

Ja, und wenn ich ehrlich bin, dann ist unser Konzept als Festival-Konzept nicht einmal aufgegangen. Zuerst bewarben wir in München nämlich vor allem das Festival selbst und dabei war Hubert - neben Broadlahn, BavaRio und der Hohtraxlecker Sprungschanznmusi - nur einer von vier Acts. Doch der Verkauf lief so schleppend, dass wir in den letzten zwei Wochen vor dem Konzert nur noch Hubert von Goisern "und Freunde" plakatiert haben. So bekamen wir doch noch 1800 Besucher in den Circus Krone. Zum Vergleich: Broadlahn und BavaRio ziehen allein vielleicht jeweils 150 Zuschauer an. Und zum zweiten Tag des Schräg-Dahoam-Festivals, der in Landshut stattfand, kamen auch nur rund 200 Leute, obwohl hier mit Zabine, den Hundsbuam und Edelschwarz mehrere Hoffnungsträger am Start waren.

Das ist ja nett von Hubert von Goisern , dass er sich so als Zugpferd einspannen lässt. Aber warum macht er das?

Natürlich gilt auch Hubert mehr, wenn er als wichtigster Vertreter einer breiten Bewegung gesehen wird. Aber eine ganze Tour würde er so wohl nicht bestreiten wollen, dieses Schräg-Dahoam-Festival hat er vor allem mitgemacht, weil er weiß, wie wichtig mir das Projekt gewesen ist.

... und weil du ihm als Label-Chef auch mal einen Gefallen tun kannst, zum Beispiel indem du eine recht traditionelle CD mit der Hohtraxlecker Sprungschanznmusi, die Hubert von Goiserns Freunde sind.

Hubert hat die CD sogar selbst produziert und ein Vorwort fürs Booklet geschrieben.

Warum sind eigentlich die Biermösl Blosn oder Attwenger noch nie bei deinen Festivals aufgetreten?

Ich kann dir versichern, dass ich beide schon mehrmals und inständig eingeladen habe. Aus irgendwelchen Gründen klappt es aber nie. Ich glaube, da gibt es Berührungsängste.

Weshalb?

Bei Attwenger vermute ich, dass sie Angst um ihren Underground-Nimbus haben, wenn sie in einem relativ kommerziellen Rahmen wie bei einem Schräg-Dahoam-Festival auftreten.

Ärgert dich das?

Ja, es ärgert mich, wenn Musiker ihr Talent so verschwenden. Was die beiden Anfang der 90er-Jahre mit Schlagzeug, Akkordeon und Gesang gemacht haben, war absolut sensationell. Das war nicht nur Alpenpunk, sondern zugleich auch deutschsprachiger HipHop - lange bevor so etwas trendy wurde. Die hätten europäische Superstars werden können, aber sie wollten ja lieber unberührbar bleiben.

Ein europäischer Superstar ist auch Hubert von Goisern nicht geworden?

Noch nicht. Aber immerhin hat er zwei Millionen CDs verkauft und Attwenger nur 150 000.

Und Goiserns Publikum könnte man auch beim Musikantenstadl finden ...

Na und? Ich kann diese Arroganz überhaupt nicht verstehen. Auch wenn ein Publikum etwas älter und gesetzter ist, sind die Leute doch nicht doof. Die haben im Cirkus Krone zu den jazzigen Sachen von Broadlahn und BavaRio genauso geklatscht wie später bei Hubert. Die Leute hören vielleicht auch mal was Volkstümliches, sind aber am Ende viel offener als die Intellektuellen und Musikkritiker.

Hubert von GoisernWarum tritt dann Hubert von Goisern nicht im Musikantenstadl auf?

Am Fernsehen liegt es nicht, alle diese volkstümlichen Sendungen sind hinter ihm her und würden ihn sofort buchen. Die Redakteure dort wären ja auch froh, mal was Interessantes zu haben. Aber Hubert fürchtet, dass er dort vereinnahmt wird.

Und was meinst du?

Über diese Frage streiten wir uns schon seit Jahren. Ich sage ihm: Wenn du wirklich so unverwechelsbar bist, wie du glaubst, dann kann dir doch nichts passieren. Ich bin da schon etwas risikobereiter als er, allerdings muss ich mich auch nicht selber vorne hinstellen. Und, zugegeben, es ist nicht einfach, sich in drei Minuten mit etwas absolut Eigenständigem zu profilieren.

Hat es bei seinem Auftritt in der Show von Marianne und Michael nicht ganz gut geklappt?

Die wollten von ihm natürlich das Hiatamadl hören, aber er hat dann in der Sendung eine Nummer aus seinem Tibet-Programm gebracht. Da stand eine tibetische Sängerin im Vordergrund und Hubert mit seiner steirischen Harmonika in der zweiten Reihe. Außerdem haben sie noch ein Transparent gemalt "Freiheit für Tibet", das sie beim gemeinsamen Finale alle Mitwirkenden in die Kamera gehalten haben.

Und wie hat dabei das Fernsehen reagiert?

Die haben natürlich mitgekriegt, dass da etwas vorbereitet wird und wollten ihm das ausreden. Aber als er es dann trotzdem gemacht hat, waren irgendwie auch alle stolz, dass da einer so mutig ist. Und obwohl die Sendung aufgezeichnet worden war, fehlte das Transparent auch nicht in der endgültigen Ausstrahlung.

Als eigentlich ganz gute Erfahrungen mit dem Fernsehen?

Naja, anderes Beispiel: 1994 wurde er zur Sendung Oh, Du mein Österreich eingeladen, wieder um das Hiatamadl zu spielen. Er hat sich dann ausbedungen, zu Beginn der Sendung und live aufzutreten. Das hat er aber ausgenutzt, um zwanzig Minuten auf der Bühne zu bleiben und wilde Musik zu machen - ohne Hiatamadl. Dort ist er dann auch nie wieder eingeladen worden.

Ein Fernseh-Auftritt im feindlichen Umfeld muss also immer irgendwie subversiv sein?

Ja. Das Umfeld ist grausam und ein Künstler wie Hubert muss sich da positionieren. Das Publikum hätte sicher nichts dagegen, wenn die Sendungen besser wären.

Wenn man eine Musikrichtung voranbringen will, muss man eigentlich eher die Jugend gewinnen...

ist etwa der Buena Vista Social Club ein Jugendphänomen?

... und nicht so sehr das Musikantenstadl-Publikum ...

Auch in der alpinen Weltmusik-Szene gibt es natürlich Künstler, die jung sind und mit sehr modernen Musikstilen arbeiten. Nimm etwa das Projekt mit Zabine, der ehemaligen Alpinen Sabine aus der Alpinkatzen-Zeit. Dort ging es um eine Verbindung von deutschen Texten und Jodeln-Elementen mit House, TripHop und Funk.

Warum kam zu den Konzerten dann doch nur wieder das übliche Goisern-Publikum?

Weil die Jugend heute viel engstirniger ist als die Erwachsenen. Alles, was etwas neben ihren Präferenzen liegt, interessiert sie nicht. Weißt du, wir haben einen Track von Zabine plus Foto an 100 Jugendradio-Stationen geschickt und sie raten lassen, was das wohl ist. Das Interessed was groß, viele mutmaßten, dass es sich um eine isländische Künstlerin handeln könnte, bis sie erfahren haben, dass Zabine aus Tirol kommt, dann war alles schlagartig aus.

Du wirkst heute noch wütend.

Maßlos. Als ich 20 war, waren die Älteren vernagelt. Aber heute sind es die 20-Jährigen selbst. Wenn die Herkunft einer Musikerin ein Ausschlussgrund ist, dann macht mich das unglaublich wütend.

Denkst du jetzt über internationale Märkte nach, weil es in Deutschland nicht so gut läuft?

In Deutschland läuft es zwar nicht optimal, aber auch nicht chlecht. Und über den Vertrieb im Ausland denke ich nach, weil es bei qualitativ hochwertiger Musik doch möglich sein sollte, mit einer spezifischen Identität und originären Tönen auf ähnliches Interesse zu stoßen, wie das umgekehrt in Deutschland und Österreich ja auch der Fall ist.

Gibt es im Ausland nicht Probleme mit der deutschen Sprache?

Seit wann spielt das Sprachverständnis bei Weltmusik eine Rolle? Was die Texte bedeuten, kann man ja auch bei den Ansagen erklären. Hubert spricht ohnehin fließend englisch, weil er längere Zeit in Südafrika und Kanada gelebt hat.

Und wie offen ist die Weltmusikszene für den neuen alpinen Ableger?

Bisher ist die Akzeptanz noch etwas zögerlich. Gerade Hubert ist der Weltmusik-Szene vielleicht schon wieder zu populär und nicht insidermäßig genug.

Woran machst du das fest?

Zum Beispiel wollte er bei der Weltmusikmesse Womex in Rotterdam spielen, wurde aber nicht als Show-Case ausgewählt. Gern hätte er letztes Jahr auch in Rudolstadt gespielt, wo auch viele internationale Journalists sind, aber auch dort war man zuerst nicht interessiert. 2002 würde er dort spielen können, aber nur mit dem Band, mit der er im Herbst auf Tournee war. Komische Vorschriften.

Was hat alpine Musik denn der Weltmusik-Szene zu bieten?

Was soll die Frage? Es ist doch wichtig, dass es auch fortschriftliche Kräfte gibt, die sich der heimischen Kultur annehmen. So jemand wie Haider in Österreich konnte schließlich nur deshalb so groß werden, weil die Linke die einheimische Kultur verachtet.