Hubert von Goisern
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INTERVIEW

Vermischtes: 2008

Fragen an das Leben

Chrismon Juli 2008 | Text & Foto: Dirk von Nayhauß

Allein in den Bergen, das tut mal gut, findet er. Da lösen sich die Knoten, die sonst unentwirrbar erscheinen

Hubert von GoisernAn welchen Gott glauben Sie?

Ein Freund von mir ist Biologe, er beschäftigt sich mit Einzellern. Kürzlich haben wir über Glauben gesprochen, und er meinte zu mir: "Ich habe das nicht. Das ist wie Musikalität, die habe ich auch nicht. Ich beneide Menschen, die an Gott glauben." Ich selber kann an diesen Einen glauben, ich fühle mich in dieser großen Schöpfung geborgen. Das schenkt mir Gelassenheit, gerade bei den großen Desastern. Dieses Gefühl, dass mich die Welt trägt, dass sie mich ernährt, hatte ich schon sehr früh. Natürlich drückt sich das über Menschen aus, über meine Familie, meine Mutter und meinen Vater, die für mich gesorgt haben.

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Für mich bedeutet Lebendigkeit, zu merken, dass ich lebe, dass ich leide, dass ich lache. Man kann natürlich Situationen, die einen zu einer Wachheit zwingen, auch selber schaffen. Wie beim Motorradfahren. Oder wenn du eine Felswand hinaufkletterst, dann bist du ganz im Hier und Jetzt. Da überlegst du nicht, was gestern war oder was du morgen zu tun hast. Ich fühle mich sehr, sehr wohl in den Bergen. Dort lösen sich die Knoten, die sonst unentwirrbar erscheinen. Meistens und am liebsten gehe ich allein. Ich mag mein Tempo, und ich riskiere gern mal einen Pfad, ohne zu wissen, wie es weitergeht. Bist du mit anderen Leuten unterwegs, erwarten die, dass du weißt, was du tust. Ich mag aber nicht immer wissen, was ich tue. - Ich habe so ein positives Kontrollbedürfnis über meine Umwelt, was mich selber total belastet. Ich fühle mich sehr in die anderen hinein und versuche, es ihnen so schön und so spannend wie möglich zu machen. Da kann ich mich nur draus flüchten, indem ich allein bin. Wenn niemand um mich ist, habe ich nicht das Gefühl, dass ich irgendjemand helfen muss, ihn zwangsbeglücken muss, ihm was vorlesen oder vorsingen muss oder die Welt erklären.

Muss man den Tod fürchten?

Die meiste Zeit denke ich: Es ist, wie es ist. Ich bin 55 Jahre alt, und alles, was nach dem 50. Geburtstag kommt, ist geschenkt. Ich habe so intensiv gelebt, dass andere Leute zwei Leben dafür bräuchten. Mit dem Tod bin ich versöhnt: Ich versuche, mir den Tod so oft wie möglich zu vergegenwärtigen. Um nicht überrascht zu werden und nicht schlampig umzugehen mit den Momenten. Vor gut zehn Jahren hatte ich die Malaria tropica. Damals dachte ich: Das war's, das geht sich nicht mehr aus. Doch Angst hatte ich nicht, mich erschreckte es vielmehr, in kürzester Zeit unheimlich zu altern. Ich war 42 Jahre alt und habe mich gefühlt wie ein 90-Jähriger. Ich konnte oft nicht über die Straße laufen, weil ich auf der Mitte der Straße einen Schwächeanfall bekommen hätte. Bin ich längere Strecken mit dem Auto gefahren, musste ich alle 20 Minuten anhalten und ein Nickerchen machen, weil ich so erschöpft war. Heute bin ich längst vollständig geheilt, aber damals wusste ich nicht, ob das jemals wieder aufhört. Und doch dachte ich auch damals: Das ist jetzt halt so.

Welche Liebe macht Sie glücklich?

Es gibt ein paar Sachen, auf die bin ich stolz, und dazu gehört, dass wir eine intakte Familie sind und dass meine Frau und ich unseren beiden Kindern Kontinuität und Sicherheit bieten. Egal, welchen Scheiß sie gebaut haben, sie können jederzeit zu uns kommen. Eine Familie ist wohl das spannendste und größte Projekt, das man überhaupt haben kann. Man sieht ja, wie schwierig es ist, wenn man um sich blickt. Und welche Kraft braucht es, sich nicht wichtig zu machen in einer Familie, sondern zu sagen: Ich bin unbezahlter Hilfsarbeiter für euch. Diese Liebe in und zu meiner Familie macht mich glücklich. Verliebtheit ist wieder etwas ganz anderes, das ist ein unglaublich irrer Rausch - mit allem, was zu einem Rausch dazugehört. Auch der Kater danach. Aber was nimmt man nicht alles in Kauf? Und ich bin überhaupt nicht der Typ, der entsagt. Ich kenne mönchische Anwandlungen in mir, aber je älter ich werde, desto weniger nehme ich sie ernst.

Hat das Leben einen Sinn?

Das ist eine unmögliche Frage, auf die es keine Antwort geben kann. Ich kann nur von mir aus behaupten, dass das Leben schön ist. Ob Schönheit sinnvoll ist - keine Ahnung. Ich mag das Leben, und aus meiner ganz persönlichen Sicht ergibt das Sinn. Und mein Leben ist vor allem schön, weil mich viele Menschen mögen. Das ist das Wichtigste.