Hubert von Goisern
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KOMMENTAR

Vermischtes: 2006

Ein Gegenklang zum Alpenglühen

Salzburger Nachrichten 1. Januar 2006 | Text: Bernhard Flieher | Foto: © Lawine

Wie klingt Österreich? Nicht nur nach Neujahrskonzert, sondern auch nach Attwenger und Goisern

Hubert von GoisernSalzburg (SN). Wenn zu Neujahr im feinen Anzug zum Radetzkymarsch gepascht wird, klingt Österreich. Und wo zwei Spuren im Schnee aus steiler Höh' herabführen und unten der Karli Moik auf den Hansi Hinterseer wartet, klingt Österreich auch. Aber genügen diese Klänge um diesem Land auf die Spur zu kommen? Das wäre, als verzichtete eine literarische Landvermessung des heutigen Österreichs auf Thomas Bernhard, Ernst Jandl oder Elfriede Jelinek.

sound of europe

Der elektronische Sound of Vienna der 90er Jahre genügt aber auch nicht. Zu global, zu sehr für Tanzhütten internationalen Zuschnitts wurde da gearbeitet, als dass als Soundtrack dieses Landes gelten könnte. Und Danzer, Ambros, Fendrich reichen auch nur, um zu erfahren wie Österreich(er) ist (sind) und wie bitter so mancher Blick in seine Seele ist. Was allerdings unter dem Begriff Austro-Pop subsumiert wurde, entwickelte nie eine eigenständige Sprache. Austro-Pop reichte nur als geografische Einordnung. Und Falco? Der war ein Superstar mit Welt-Musik - er ist aber tot. DJ Ötzi verkaufte CDs wie deppert - und gilt deshalb nicht.

Den Bodensatz fruchtbar gemacht

Wer im Pop nach einem österreichischen Klang sucht, kommt an den tiefsten Musikwurzeln der Alpenregion nicht vorbei. Österreich lässt sich am besten hörbar nachvollziehen durch Attwenger und Hubert von Goisern. Sie werden - zu Recht und noch zu Lebzeiten - anerkannt. Denn Attwenger und Goiserer lassen Althergebrachtes, Umgangssprachliches und Erinnerungswürdiges ebenso in ihrer Kunst vorkommen wie die Moderne, das Zeitgemäße, das Hippe. Beide heben den Widerspruch auf, der zwischen erlerntem Wissen und erlebten (oder auch vererbten) Erfahrungen besteht. Vor allem aber gelingt es ihnen, dem kulturellen und politischen Bodensatz dieses Landes - dem guten und dem grauslichen - neue Fruchtbarkeit abzuringen.

In Haltung und Ästhetik prallen hier Gegensätze aufeinander. Der Goiserer ist der Musikant, mit unausreißbaren Wurzeln im Salzkammergut und einem Hang zur Harmonie. Attwenger legen es zwischen Ziehharmonika-Punk der Frühzeit und Dialekt-Soundschleifen vom Grund auf rebellisch an.

Im Hinblick auf "Sound of Austria" erfüllen beide alle Voraussetzungen. In der Aussagekraft von Attwenger ist die Gewissheit, dass, wer dem Land Gutes will, nicht langweiligen Ewigkeitstraditionen nachhängen darf, sondern mit dem Wissen um diese Traditionen in Bewegung sein muss. Das nehmen Attwenger und Goisern ja wörtlich und bereisen die Welt von Mexiko bis Mali, von Pakistan bis Uganda. Sie bringen ihre Musik dorthin und neue Musik von dort her.

Attwenger und Goiserer formulieren in ihrem Werk eine tiefe Zuneigung zu diesem Land. Diese mag weniger plakativ daherkommen als die von ORF-Sportreportern und kleinformatigen Rot-Weiß-Rot-Rettern. Kein peinlich kitschiges Heimatbild wird hier zementierte. Keine Verklärung, sondern Aufklärung haben sie im Sinn, ohne dabei penetrant zu sein.

Hier ist die Zuneigung keine billige Anmache. Sie klingt ehrlich. Sie ist erkämpft gegen den Stumpfsinn und die Leugnung der Vergangenheit, gegen die Bequemlichkeit und die Ignoranz. Und Attwenger formulieren auf ihrem aktuellen Album Dog ihre Hoffnung, dass nicht alles vergeblich ist, weil "die leid san leida ned gaunz dum". Hörhilfen: Attwenger: Most (1991) und Dog (2005). Hubert von Goisern: Aufgeigen statt niederschießen (1992) und Fön (2000).