Hubert von Goisern
DE
EN
 

INTERVIEW

Vermischtes: 2006

"Heimat ist Erinnerung"

Kleine Zeitung 10. September 2006 | Text: Bernd Melichar, Frido Hütter | Foto: Franz Neumayr

Als er am erfolgreichsten war, verweigerte er sich dem Kommerz.
Hubert Goisern über Heimat, Parteien und eine Welt ohne Grenzen.

Hubert von GoisernHerr Goisern, wohin die Donau fließt, wissen Sie vermutlich, aber wo entspringt sie denn?

Die Donau entspringt im Schwarzwald. Wo genau, weiß ich nicht.

Der Hintergrund der Frage: Im Februar 2000, bei einer Demonstration gegen die schwarz-blaue Regierung, haben Sie gemeint: "Wenn 40 Prozent der Österreicher nicht wissen, wohin die Donau fließt, wie sollen sie dann wissen, wohin eine Regierung mit Haider fließt?"

Also, wenn jemand nicht einmal die geographischen Grundbegriffe weiß, dann weiß er auch nicht viel darüber, was sich auf der Welt abspielt – und ist somit leicht manipulierbar. Es geht mir um dieses Desinteresse, das im Grund genommen auch die Demokratie untergräbt. Wenn man nicht interessiert daran ist, wer in der Regierung was macht, wenn man sich denkt, die machen ja sowieso was sie wollen.

Das Desinteresse am eigenen Land hängt für Sie mit dem Desinteresse an Politik zusammen?

Ja, und dieses Desinteresse geht oft Hand in Hand damit, dass sich immer weniger Menschen engagieren. Man bestellt lieber seinen Acker oder drückt die Stechuhr, geht am Abend nach Hause, kümmert sich um nichts und übernimmt keine Verantwortung dafür, was rundherum passiert.

Kann man dieses "rundherum" auch als "Heimat" definieren? Sie haben von Hiatamadln und Alpenglühen gesungen, gaben Konzerte in der afrikanischen Savanne und engagieren sich für Tibet. Wo liegt eigentliche Ihre Heimat?

Ich glaube schon, dass meine Heimat hier ist, in Salzburg. Hier sind meine Frau, meine Kinder. Goisern ist auch Heimat, wo ich gerne und immer wieder bin, weil ich dort meine Familie und Freunde hab'. Andererseits war ich im Juli schon zum vierten Mal in Lappland und das ist auch schon so etwas wie Zurückkommen, Heimkommen. Jedesmal, wenn ich dann wieder nach Süden heimfahre, kommt so eine Wehmut auf und ich denke mir, dass ich eigentlich gar nicht wegfahren möchte. Heimat hat für mich etwas mit Erinnerung zu tun, aber ebenso mit Geborgenheit. Durch das zigeunerhafte Leben, das ein Musiker führt und das ich gerne führe, fühle ich mich schnell zu Hause, auch wenn ich dort nur ein paar Stunden bin.

Könnte man Heimat auch als eine Art geographischen Soundtrack des Lebens bezeichnen?

Das ist vielleicht gar kein schlechter Ausdruck. Wenn ich anfange zu musizieren, dann bin ich in der Musik daheim, da sehe ich nichts mehr, dann habe ich zwar die Augen offen, aber die Wahrnehmung ist sekundär. Die Musik ist der Raum und die Töne werden zu Leuchttürmen, zwischen die ich durchnavigiere.

Bevor wir zu poetisch werden, begeben wir uns wieder in die Niederungen der Politik. Vor fünf Jahren haben Sie die politische Situation in Österreich zum Trenzn, also zum Weinen, gefunden, wie empfinden Sie sie heute?

Na ja, es hat sich so ein Gefühl eingeschlichen, dass eh alles in Ordnung ist in der politischen Landschaft. Der Schüssel hat ein gutes Gefühl dafür, dass er durch das Nichtreden über die Themen, die wirklich spannend sind, die Spannung herausnimmt.

Aufgrund Ihrer politischen Vita haben wir nicht angenommen, dass Sie ein großer Schüssel-Freund sind.

Ich glaube trotzdem, dass er der geschickteste Politiker ist, den wir zur Zeit haben. Aber dieses Geschick überwiegt leider seine visionäre Kraft. Denn sonst hätte ihm auffallen müssen, dass die Bildungspolitik seit seiner Kanzlerschaft ein Desaster ist, sein Finanzminister außer im Rechnen und Feschsein erhebliche Mängel aufweist und sein Vizekanzler eine Witzfigur ist.

Und Ihre Sympathien für die linke Reichshälfte?

Bedauerlicherweise halte ich den Gusenbauer nicht aus. Allein wie er spricht, das hat so etwas Selbstgefälliges. Ich leide wirklich darunter, weil ich mir denke, es wäre schon wichtig, dem Schüssel etwas entgegenzusetzen, nur der Gusi ist es nicht.

Sie haben viel von der Welt gesehen. Gibt es irgendwo gesellschaftliche Modelle, die Sie dem österreichischen vorziehen würden?

Nein. Ich finde, dass wir trotz aller Probleme noch immer so etwas wie eine Insel der Seligen sind. Nur die Projektion dieser Seligkeit funktioniert nicht mehr. Früher, in den 70er- und 80er-Jahren, hat man diese Seligkeit projizieren können und dadurch ist auch eine viel größere Gelassenheit in den Lebensumständen dagewesen.

Wir haben darüber gesprochen, was Ihnen nicht passt. Was wünschen Sie sich von diesem Land, von dieser Welt?

Ich wünsche mir ganz im Sinne von John Lennons Imagine eine Welt ohne Grenzen, ohne Nationen, ohne Religionen und damit auch ohne Parteien.

Hubert von Goisern ist ja ein Träumer?

Nein, weil ich weiß, dass es noch eine Zeit lang dauern wird, bis es soweit ist und bis dahin sind Parteien ein notwendiges Übel. Ein genauso notwendiges Übel wie Religionen. Der Mensch braucht irgendetwas, woran er sich festhalten kann. Das große Gemeinschaftsgefühl, dass wir alle auf einer Welt sind und voneinander abhängig, ist aber auch für mich schwer umsetzbar und erfahrbar. Das sind so Sternstunden, die jeder hat, wo er sich wirklich mit allen verbunden fühlt und nicht mehr sagen muss "Ich bin ein Christ", um die Gläubigkeit zu leben.

Das heißt, Sie brauchen keine Parteien, um als politisch denkender Mensch zu funktionieren?

Parteien haben immer diese Abgrenzungstendenzen. In dem Moment, wo man sagt: "Bei uns geht es von hier bis dort", ist alles außerhalb weg und gehört nicht mehr dazu. Und das finde ich schade. In dem Moment aber, in dem man sagt, wir sind eine Partei, die 360 Grad rundherum geht, hat das Ganze kein Profil mehr und funktioniert auch nicht. Denn eine Partei, das sagt ja schon der Name, kann immer nur ein Teil, ein Part sein, nie das Ganze. Es ist ein Dilemma. Wir leben in einer Zeit, wo alles aufbricht und die alten Strukturen nicht mehr passen. Neue Strukturen gibt es zwar teilweise, aber die sind noch unvertraut. Deshalb halten wir an den alten, vertrauten Strukturen fest. Auch wenn sie nicht mehr passen.