Hubert von Goisern
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INTERVIEW

Vermischtes: 2006

Für mich sind ja auch Künstler Schamanen oder Priester

Denken & Glauben No. 143 Herbst 2006 | Text: Annelies Pichler | Fotos: © Sommer

Der Musiker Hubert von Goisern verweilt nie an der Oberfläche. Er ging der Volksmusik auf den Grund, um ihren Kern zu finden und sie aus ihm heraus neu zu entwickeln. In Europa, Asien, Afrika vertiefte er sein Verständnis dafür im Zusammenspiel mit Musikern aus anderen Kulturen. Heute steht er ebenso für Bodenständigkeit wie für Weltoffenheit.

Annelies Pichler sprach mit Hubert von Goisern

Hubert von GoisernNicht nur in der Musik bringen Sie Dinge auf den Punkt. Leben und Kunst scheinen in Ihrer Person einen gemeinsamen Nenner gefunden zu haben, wie bei nur sehr wenigen drängt sich bei Ihnen das Thema Lebenskunst auf.

Ich sehe das Leben als das größte Kunststück überhaupt, das man zuwege bringen kann. Das Leben ist grundsätzlich eine Kunst, so natürlich es auch ist. Doch zumindest ab einem gewissen Alter entdeckt man seine Gestaltungskräfte. Sicher, wenn du Palästinenser bist und im Gazastreifen lebst, gilt das nur mit sehr großen Einschränkungen. Trotzdem ist es immer möglich, dass du etwas oder irgendetwas anderes aus deinem Leben machst. Du kannst dich natürlich auch treiben lassen, aber selbst das lässt sich zu einer Kunstform erheben. Mir ist klar, dass das möglicherweise die privilegierte Sicht eines Menschen ist, der von seiner Musik lebt und der mit dem Älterwerden langsam Verständnis für Künstler bekommen hat, beziehungsweise das Selbstverständnis eines Künstlers entwickelt hat.

Wie schaut dieses Selbstverständnis aus?

Dass man sich dieser Gestaltungskraft, also des Gestaltungswillens bewusst wird und das Leben nicht nur als banalen Ablauf von Essen, Trinken, Ausscheiden, Geburt, Partnersuche und Tod begreift. Sondern, dass es gerade unsere Gestaltungsmöglichkeiten sind, die uns vom Tierreich unterscheiden. Für mich ist jeder ein Künstler, der den Mut zu einer eigenständigen Interpretation der Schöpfung hat und diese in Taten entlädt.

Trotzdem ist das Wort Künstler gemeinhin doch eine Berufsbezeichnung oder vielmehr noch die Bezeichnung für eine Berufung.

Ich habe mir lange sehr schwer getan, mich als Künstler im engeren Sinn zu verstehen. Schön langsam merke ich, es ist halt einfach so. Ich gehör' da auch dazu. Für mich hatte das Wort Künstler immer ein bisschen etwas von einem Schimpfwort. Vielleicht habe ich, weil ich in meiner Familie der einzige Künstler bin, einen zu engen Begriff davon bekommen. Andererseits hatte ich immer große Ehrfurcht davor, und empfand es als Anmaßung mich selbst als solchen zu bezeichnen. Von einem Künstler erwarte ich, dass er diese Welt mitgestaltet.

Wie würden Sie sich als Künstler beschreiben?

Ich bin halt Musiker. Das ist die Brille, oder eher die Membran, durch die ich die Welt wahrnehme. Wenn ich ein Maler wäre, dann wäre das Ganze bildhafter. Aber es sind die Töne, die mir den Zugang Nummer Eins verschaffen. Immer wieder denke ich darüber nach, wie sinnvoll das, was ich mache, überhaupt ist. Wenn ich sehe, dass jemand die Fertigkeit hat, ein Haus zu bauen oder Schuhe zu machen oder Kleider, das sind für mich sehr nützliche Dinge. Ein Pädagoge, der Kindern Wissen weitergibt, ist sehr nützlich, aber Musik ist im Grunde – wie auch die Malerei oder die Poesie – ein Schwindel, das braucht keiner zum Überleben. Es gibt jetzt Leut', die da sofort widersprechen, die sagen, das ist Nahrung für die Seele und ganz, ganz wichtig, das Leben braucht etwas Visionäres und Träumerisches. In erster Linie aber gilt: Es ist nicht überlebenswichtig. Und darum sehe ich vieles aus dieser Position des Musikers oder Künstlers heraus anders als jemand, der Lehrer ist oder Schuster oder Maurer. Oder Schifahrer. Fällt mir jetzt grad ein, weil bei Maurer, da fällt mir der Hermann Mayer ein.

Aber das Schifahren ist so gesehen sicher auch nicht überlebenswichtiger als die Kunst, oder?

Also es gibt ein paar G'schichten, die sind einfach sinnlos. Einen Artisten, einen Tänzer, das braucht's irgendwie alles nicht, und dabei machen genau diese G'schichten dann doch den Unterschied aus. Nester bauen auch Schimpansen; Biber und Maulwürfe bauen sich ganz wunderbare Höhlen und Heimstätten. Das, was uns vom Animal Kingdom unterscheidet, ist die Kunst. Also auch die Kunst, sein Leben zu gestalten.

Glauben Sie, dass man seinen Kindern Techniken mitgeben kann, durch die sie das besser meistern können?

Über Techniken bin ich mir nicht so im Klaren, weil ich technisch nicht sehr versiert bin. Ich bin jetzt keiner, der auch auf nur irgendeinem Instrument technisch echt gut ist, nicht einmal auf der Ziehharmonika, wo ich zumindest immer am Ende meiner Tourneen so das G'fühl hab, jetzt kann ich sie halbwegs spielen. Aber die Musik an sich ist meine Sprache, über sie kann ich mich vermitteln, davon kann ich meinen Kindern etwas weitergeben, wenn sie etwa sagen: Zeig mir, wie geht das auf dem Klavier oder auf der Gitarre oder sonst wo, dann mach ich das gern. Aber zuerst müssen sie selber das Gefühl haben, dass sie das interessiert.

Kommen Ihre beiden Kinder mit solchen Problemen?

Bei meiner Tochter Laura, sie ist jetzt 13, denk ich mir schon, dass es sein kann, dass sie einmal auf der Bühne steht. Ihre Musikalität ließe es zu. Sie malt und zeichnet auch toll, sie hat ein gestalterisches Selbstverständnis, aber gerade das lässt sie selber nach Lösungen suchen. Bei meinem Sohn Niko (18) ist das anders, wenn ich den malen seh', er malt sehr wenig, aber wenn er malt, dann haut er Sachen raus, dass ich mir oft denk: Das ist der wahre Künstler von uns allen. Das ist so ungegenständlich, so jenseitig, so, ja transzendiert. Aber ich denke mir, der Künstlerberuf entspricht nicht seinem Selbstverständnis. Seines sind die Natur, die Pflanzen, die Bäume, die Tiere, die Erde, und alles, was er angreifen kann.

Hubert von Goisern

Kunstwerke entstehen auch dadurch, dass man Banales weglässt. Das verlangt Disziplin, die ja auch in der Erziehung von Kindern ein Thema ist.

Es geht sehr schnell, von den Kindern her, in der Schule, oder im Kindergarten, man ist als Elternteil ja Gott sei Dank nicht der Einzige, der das Kind vorbereiten kann und muss auf ein eigenständiges Leben. Kinder kommen schon nach Haus mit Problemen, die sie bewältigen müssen, und wo man ihnen helfen kann. Da gibt es schon Techniken. Ich bin aber zu sehr Individualist und hab nicht den Anspruch oder das Gefühl, dass ich meine Technik, die ich entwickelt habe, um aus meinem Leben etwas zu machen, weitergeben sollte. Ich tu's, wenn es jemanden interessiert, aber ich käme nie auf die Idee, jemandem zu sagen, mach doch dieses oder jenes. Es gibt so viele Möglichkeiten, glücklich zu werden, wie es Menschen gibt. Irgendjemand hat das einmal gesagt. Meine Techniken haben sich entwickelt, weil ich genau diese brauche. Weil ich ja Defizite habe und Talente - Aktiva und Passiva eben, und die bestimmen, was ich lernen muss. Es hat keinen Sinn zu schauen, aha, so macht's der, das lern' ich und dann mach ich es auch so. Dann kommt immer nur etwas Fades und Geschmackloses heraus. Eine Kopie von irgendjemandes Leben. Diese Ameisenhaftigkeit unserer Existenz. Von ein bissl weiter oben betrachtet, wuseln wir ja herum wie die Ameisen. Klar, inzwischen gibt es einen Trend zur individuellen Lebensgestaltung, was sich dann so ausdrückt, dass es immer mehr Alleinstehende und überhaupt allein Seiende gibt und immer weniger Solidarität und Gemeinschaftssinn. Aber das ändert nichts an der Ameisenhaftigkeit und Ferngesteuertheit unserer Gesellschaft.

Da stellt sich die Sinnfrage. Glauben Sie, dass Priester hier eine Aufgabe hätten?

Priester? Priester. Für mich sind ja auch Künstler Schamanen oder Priester. Also Priester, das klingt gleich so katholisch oder christlich und das engt sehr ein. Aber es ist ein Wort, das man ohne Weiteres verwenden kann, wenn man sich der Geschichte bewusst ist. Wenn man Schamane sagt, denkt man an irgendwelche mit Lendenschutz Bekleideten oder an in weiße, wallende Tücher Gewickelte. Ich glaube, dass der Künstler im Grunde genommen auch eine schamanistische Funktion ausübt. Weil er sich mit Themen beschäftigt, die undinghaft sind, ungreifbar und trotzdem spürbar. Jetzt kann man sagen, die Dinghaftigkeit kann man in der Musik aber doch nachweisen über die Schallwellen, trotzdem: Auch ein Bild, so sehr man dafür Farben braucht oder Stifte, es führt ins Unweltliche, in etwas, das über diese banale, animalische, materielle Welt hinausgeht. Da gehört der Priester sicher auch dazu. Ich glaube, dass das eng verbunden ist, das Priester- und Schamanenhafte mit dem Künstlertum. Ich hab eigentlich immer das Gefühl gehabt, dass ein gutes Konzert wie eine Messe ist. Da kommen die Leut' zusammen, konzentrieren sich auf etwas und feiern ein Miteinander. Ich habe so manches Popkonzert erlebt, das spiritueller und nachhaltiger war als viele Messen.

Das führt ja noch weiter zu Glaubensfragen ...

Das Wort Glaube stimmt in diesem Zusammenhang nur bis zu einem gewissen Grad. Ich bin schon ein gläubiger Mensch und ich versuche, meinen Kindern ein Stück von diesem Glauben mitzugeben, nur der Glaube ist etwas ganz Persönliches. Den Glauben auszudehnen auf etwas Organisiertes, wie es Religionen oder Kirchen machen, davon halte ich ehrlich gesagt nichts. Wissen kann man weitergeben, aber den Glauben? Mit einem ganz bestimmten Glauben zu missionieren, das halte ich für sehr anmaßend und gefährlich. Da halt ich's lieber mit Billy Wilder, er war es doch, der gesagt hat: Wenn jemand eine Botschaft hat, soll er ein Telegramm schreiben. Glauben kann ich nur an Gott. Ich kann schon auch an meine Kinder glauben, oder an Menschen, die mir nahe stehen, oder in einem Anfall von Emotion an die deutsche Fußballmannschaft. Aber das ist irgendwie absurd. Glaube oder Religion würde ich sagen, fällt irgendwie unter Technik, es ist eine Technik, mit dem Leben fertig zu werden. Nachdem ich aber selber kein großer Techniker bin, ist mir das etwas suspekt.

Sie haben sich als technisch nicht so versiert bezeichnet, auch nicht in den Techniken der Lebenskunst. Das ist nicht leicht zu nachzuvollziehen.

Ich war gerade auf einer Südosteuropareise und habe viele Musiker kennen gelernt und Musik gehört, die durchwegs sehr, sehr virtuos ist. Ob das jetzt die Bläser sind oder Ziehharmonikaspieler oder die Geiger. Wahnsinn! Also wo ich eine Beklemmung spüre und mir denke, na, ich sollte auch wieder einmal üben. Aber die Technik ist nicht wirklich meines. Technik geht meist einher mit Geschwindigkeit und Kompliziertheit, ich suche eher die Vereinfachung. Meins ist die innere Einstellung zum Leben. Die Technik kommt von selber.

Man hat auch den Eindruck, dass Sie gesellschaftlich etwas bewirken wollen. Stichworte: Tibet. Afrika. Ihre musikalischen Reisen.

Ich bin ein ganz großer Egoist. Mir geht es eigentlich nur darum, dass ich etwas erfahre. Wenn ich jetzt merke, ich möchte diese südosteuropäische Region verstehen und kennen lernen, so wie ich Afrika kennen und verstehen lernen wollte und noch immer will (weil es hört ja auch nie auf. Aber ein bissl a Gfühl hab ich schon dafür bekommen), oder Tibet ... Dann ist es nicht so, dass ich denk: Man müsst irgendetwas tun für Afrika, Aufmerksamkeit erregen für Tibet oder den Balkan etc... Nein, es ist ein ganz egoistischer Zugang. Ich denk mir: Okay, das interessiert mich jetzt brennend, und mein Schlüssel dazu ist die Musik. Inzwischen macht die Musik, wenn es hoch geht, nur noch zehn Prozent meiner Arbeit aus. Die anderen 90 organisiere ich, bereite vor und mache Sachen, bei der die Musik nur noch den Rahmen liefert. Und ich denk mir oft, dass ich mich zurückziehen sollte und wirklich nur Musik machen und alles andere meinem Management und Umfeld überlassen sollte. Aber ich will nicht nur Musik machen. Das Leben ist nicht nur Musik.