Hubert von Goisern
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INTERVIEW

Vermischtes: 1997

"Ich suche nach den weißen Flecken der Seelenlandschaft"

Land der Berge April 1997 | Text & Fotos: Klaus Haselböck

Hubert von GoisernHubert, Du bist mit den Alpinkatzen aufgetreten, kommst aus dem Salzkammergut, einer gebirgigen Gegend und trägst Lederhosen. Ein starker Berg-Bezug ist da wohl kaum zu vermeiden...

Zuerst einmal: Seit meinem vierzehnten Lebensjahr trage ich keine Lederhosen mehr. Denn damals bin ich aus denen herausgewachsen, die mir mein Großvater einmal gekauft hat. Aber Du bist nicht der einzige, der glaubt, ich trage dauernd Lederhosen. Irrsinnig viele glauben das. Wenn mich die Leute so sehen, wie ich immer angezogen bin, also ohne kürze Lederhosen, denken sie, daß ich nur zufällig gerade keine anhabe. Aber genau das Umgekehrte ist der Fall.

Denn ich finde Lederhosen einfach nicht bequem. Sie sind zu heiß und hemmen mich in meiner Bewegungsfreiheit. Ich habe auch noch keinen Kletterer gesehen, der Lederhosen trägt.

Nun gut. Ich hoffe, daß auch ohne Lederhose, bei Dir ein Alpinbezug vorhanden ist.

Schon. Ich bin in den Bergen aufgewachsen, und aus diesem Grund sind sie mir sehr nahe. Und je älter ich werde, desto bewußter wird mir, mir abgeht, wenn keine Berge rings um mich sind. Früher habe ich überhaupt nicht gewußt, was es ist, das mir da fehlt. Heute merke ich deutlich, wenn ich in die Berge zurückkomme, daß dort der Platz ist, wo ich mich entspan-nen kann.

Ich bin in dieser Hinsicht sicher geprägt. Denn wenn Berge da sind, dann weiß ich, daß ich da hinaufgehen kann, um mir von oben eine neue Perspektive vom Leben zu holen. Wenn man nur in der Ebene ist, kann man so weit gehen wie man will, und es ändert sich trotzdem nichts an der Perspektive.

Hast Du auch einen sportlichen Bezug zu den Bergen, der über das Wandern hinausgeht?

Nein, eigentlich nicht. Ich bin zwar eine Zeitlang geklettert und es reizt mich nach wie vor. Aber ich be-treibe das viel zu wenig. Die Freunde, mit denen ich früher geklettert bin, ha-ben entweder aufgehört oder wohnen heute ganz woanders. Allein wandere ich lieber oder mache vielleicht noch ei-ne Kletterei im zweiten Grad. Aber ein Dreier allein taugt mir heute nicht mehr so. Ich mag zwar die Überwindung, aber nur wenn ich auch an einem Seil hänge. Auch früher habe ich nie et was Schwierigeres gemacht als V+. Denn mir war immer das alpine Klettern lieber, als im Klettergarten feine technische Details durchzugehen.

Bekannt bist Du über die Musik geworden als "Hubert von Goisern". Wie kam es überhaupt zu diesem Namen?

Ich bin geboren als Hubert Achleitner und habe durch eine Ehe mit einer kanadischen Frau den Namen "Sullivan" angenommen. Ich habe auch noch so geheißen, als wir getrennt waren. Damals begann ich mich mit Volksmusik zu beschäftigen und diese zeitgenössisch umzusetzen. Und da hätte es nicht gepaßt, wenn ich das unter "Hubert Sullivan" gemacht hätte. Ich habe deshalb meinen Nachnamen nie gesagt, sondern, wenn ich uns vorgestellt habe, nur gesagt: Das ist der Wolfgang aus Wien und ich bin der Hubert von Goisern. Ohne daran zu denken, daß das anders aufgefaßt werden könnte. Bis irgendwann einmal ein Journalist, ein Freund von mir, gesagt hat: Das ist eigentlich ein guter Künstlername, dieses "Hubert von Goisern". Da hat es bei mir auch "klick" gemacht, und ich habe erkannt, daß man es nicht nur als Herkunftsbezeichnung, sondern auch als Name auffassen kann. Inzwischen führe ich zwar wieder meinen ursprünglichen Namen, aber als "Hubert von Goisern" kennen mich die Leute immer noch.

Hubert von Goisern Der Begriff der "Volksmusik", die Du vorhin erwähnt hast, schwankt in Österreich zwischen "Hackbrettspielen" und "Musikantenstadl". Wo siehst Du in diesem Spektrum Deinen Platz?

Ich mag mich da nicht einordnen. Ich drücke mich durch Musik aus, schreibe auch Texte - es gibt also auch die Ebene der Poesie als künstlerische Ausdrucksform. Aber es widerstrebt mir, ein Label für das zu kreieren, was ich mache. Dafür besteht einfach keine Notwendigkeit.

Wenn ich jetzt Filmmusik schreibe, wie für Schlafes Bruder, bin ich Filmmusikproduzent oder -komponist. Wenn ich so etwas mache wie mit den Alpinkatzen, dann beschäftige ich mich mit unserer alpinen, oder besser gesagt: inneralpinen Volksmusik. Das heißt aber noch lange nicht, daß ich deshalb Volksmusiker bin.

Ich habe vor ein paar Jahren das Glück gehabt, mit einigen meiner Nummern eine ganz breite Akzeptanz zu finden. In diesem Abschnitt war ich wohl ein "Volksmusiker". Denn die Leute haben die Texte gesungen und so meine Lieder zu den ihren gemacht.

Jetzt kann man nat¸rlich sagen, "Volksmusik" muß nicht heißen, daß die Lieder jeder kennt. Carl Orff sagt zum Beispiel: "Volksmusik ist die Musik einer Landschaft, und nicht eines Volkes." Da kann man auch darüber streiten. Denn wenn die Türken zu uns kommen, dann machen sie auch ihre Volksmusik.

Aber wenn Leute lange genug an einem Platz leben, dann glaube ich, dringen die Elemente, die dort an Tradition vorhanden sind, in ihre Gedanken ein. Genauso wie auch die Landschaft, in der die Menschen leben, dann in ihre Lieder einfließen und sie prägen wird.

Gibt es für Dich heute eine glaubwürdige "alpine Volksmusik"?

Die gibt es auf jeden Fall. Mir steht natürlich die Volksmusik aus dem Salzkammergut am nächsten, weil ich dort aufgewachsen bin. Diese hat wiederum eine gemeinsame Basis in der Harmonik und Melodik mit der Volksmusik im Pinzgau und Pongau, aber auch hinaus bis in die Schweiz und nach Frankreich. Deshalb ist sie aber sicher nicht ident: Denn schon in Goisern reden die Leute anders als in Gosau, und die Ischler spielen wieder einen anderen "Steirer". Wenn man aus Wien kommt, wird man das vielleicht nicht merken. Wenn man in Goisern aufgewachsen ist, hört man das aber sehr wohl. Es zeigt sich also, wie stark sich die Menschen - trotz oder gerade wegen der Kleinräumigkeit der Region - mit ihren Landschaften identifizieren.

Welche Rolle kommt dabei den Bergen zu?

Die Berge bewirken, daß man in die einzelnen Gebiete nicht so leicht hineinkommt wie in der Ebene. Die Unterschiede können sich deshalb nicht so leicht verwischen und bleiben markanter erhalten. Man könnte sagen: Die Berge strukturieren die Musik.

Ich glaube aber auch, daß die Berge in der Musik spürbar sind. Man merkt dieser Musik an, wo sie praktiziert wird, und dort erlebt man sie auch am unmittelbarsten. Das ist wie mit einem Wein: Trinkt man einen Wein aus der Wachau oder aus Südfrankreich, dann hat er auch das Flair von dort, und das funktioniert am besten dort, wo man ihn trinkt. Trinkt man aber einen Retsina bei uns, dann wird er zwar auch noch gut schmecken, aber nicht in all den Gerüchen so wunderbar aufgehen.

Hubert von GoisernIst diese Musik, die Du machst, dann überhaupt transportabel?

Sie ist transportabel, dazu muß sie aber von guter Qualität und kompakt gemacht sein. Es gibt einen Wein, der rasch getrunken werden muß, und es gibt auch einen Wein, den man zehn, zwanzig oder hundert Jahre lagern kam, weil er einfach aufwendiger gemacht wurde und dadurch transportabel geworden ist.

Bei der Musik, die ich gemacht habe, habe ich das zwar nicht gleich gewußt, aber doch gespürt und gehofft. Und der Erfolg hat uns recht gegeben: Wir sind im gesamten deutschsprachigen Raum herumgefahren. Wir haben in Dänemark genauso gespielt wie in Paris und in Amerika, und es hat überall funktioniert.

Wie erklärst Du Dir diesen Erfolg?

Mir ist es mit meiner Musik gelungen, daß sich die Leute "hineinkippen lassen". Unabhängig von Land oder Sprache ist das möglich, sofern es beim Zuhörer ein Interesse und eine Offenheit für das andere gibt. Wenn ein Afrikaner Musik für uns macht, verstehen wir auch seine Sprache und damit seine Texte nicht. Sehr wohl springt aber sein Lebensgefühl auf uns über. Nicht anders war's mit meiner Musik.

Hast Du Dich in dieser Hinsicht als ein "Botschafter der Berge" gesehen?

Schon. Aber nicht, weil es mir ein Bedürfnis gewesen ist, gerade diese Inhalte hinauszutransportieren, sondern weil ich einfach so bin. Ich bin in dieser Gegend aufgewachsen, und sie hat mich geprägt. Positiv wohlgemerkt, da ich in Goisern eine sehr glückliche Kindheit hatte. Danach bin ich sieben Jahre durchs Ausland gezogen und Erfahrungen gemacht, die mich nachhaltig verändert haben.

Nicht ohne Grund lebe ich deshalb heute in der Stadt Salzburg. Denn so sehr ich die Dorfidylle liebe, so ist sie mir doch zu wenig und zu eng.

Das widerspricht ja trotzdem nicht unbedingt Deiner "Botschafter-Funktion".

Sicher nicht. Hingegen macht mir das Wort "Botschafter" Probleme. Das klingt mir zu sehr nach Missionar und das will ich sicher nicht sein. Ich bin der, der ich bin. Und ich habe das Talent, daß ich vor das Publikum treten kann und mich mit Musik und Poesie, Sprache und dem Erzählen von Geschichten ausdrücken kann, und ich habe das Glück, daß die Leute das interessant finden.

Ich denke mir aber keine Geschichten aus, nach dem Motto: "Das möchten die Leute hören", und schon gar nicht will ich meinem Publikum partout erklären, "wie es bei uns daheim zugeht". Viele Themen meiner Lieder haben zudem mit Goisern überhaupt nichts zu tun, außer vielleicht, daß ich als Goiserer diese Sachen erlebt habe.

Hubert von GoisernMit welchem Ziel gehst Du auf die Bühne: Möchtest Du die Leute unterhalten, zum Lachen bringen oder inspirieren?

Das Inspirieren ist mir sicher am nächsten. Als Künstler sieht man sich immer wieder der Frage ausgesetzt, ob das, was man tut, überhaupt irgendeinen Sinn ergibt.

Als Schuster macht man für die Menschen Schuhe, mit denen sie dann von A nach B kommen können, ohne daß ihnen die Füße weh tun oder daß sie sich diese abfrieren. Als Lehrer unterrichtest Du Deine Schüler, damit sie sich später einmal gut in der Welt zurechtfinden.

Als Künstler mußt Du Dir immer wieder eingestehen: "Keine Ahnung, ob den Menschen die Musik etwas bringt." Denn ohne Musik geht das Leben genauso weiter. Sicher geht das Leben auch ohne Schuhe und ohne Schule weiter. Letzten Endes ist die Kunst aber eigentlich etwas sehr überflüssiges. Du kannst es nur an der Reaktion des Publikums abmessen, ob es ihnen aus irgendeinem Grund taugt und damit letztlich Sinn macht. Ich glaube, das ist ein ganz subtiles Thema, bei dem man sich deshalb auch so schwer tut, darüber zu reden.

Vor einigen Jahren hast Du - gerade im künstlerischen Steigflug - Deine Musikerkarriere beendet. Warum?

Meiner Band und meinem Umfeld habe ich das eineinhalb Jahre vorher schon gesagt. Ich habe damals gewußt, daß ich einfach eine Pause brauche und mit etwas Neuem beginnen möchte. Die Überlegung ist also nicht spontan oder aus einem Zorn heraus gekommen, sondem mir war klar, daß ich mit diesem Ensemble den Plafond, was mit dieser Musik möglich ist, erreicht habe. Wir haben hunderte Konzerte gespielt und natürlich hätten wir noch weiterhin mit großem Erfolg auftreten können - nicht zuletzt deshalb, weil sich das ganze Projekt damals endlich auch gut gerechnet hat.

Ein Ende auch am Höhepunkt des finanziellen Erfolges?

Ja. Aber ich habe nie Sachen gemacht, nur weil ich damit viel Geld verdienen kann. Sondern ich habe ein bestimmtes Ziel gesehen und wollte genau das ausprobieren. Wenn es dann funktioniert hat, war ich zufrieden, habe aber gleich ans nächste Experiment gedacht. Ich bin einer, der immer auf der Suche nach neuen Aufgaben und neuen Grenzen ist.

Das ist wie beim Bergsteigen: Man kann sich einen Berg aussuchen und den dann ständig besteigen und in allen Wetterlagen kennenlernen. Man kann aber auch sagen: Ich bin da jetzt zehnmal hinauf, und der Berg ist mir sehr vertraut. Ich mag ihn auch noch immer, möchte aber dennoch einmal etwas anderes versuchen.

Erfolg ist also nicht die Hauptmotivation für Dich?

Nein. Ich denke da immer an das Zitat von Popper: "Ein Experiment ist dazu da, daß man herausfindet, ob ein Gedankengang richtig oder falsch ist." Wenn Du durch das Experiment also herausfindest, daß der Gedankengang falsch ist, dann ist das Experiment gelungen. Es ist natürlich auch ok, wenn Du erkennst, daß die Idee richtig war. Die Hauptsache ist immer, daß man nachher klüger ist als vorher.

So eine "Falsifizierung" der Hypothesen habe ich auf den künstlerischen Bereich, in meinem Fall die Musik, angewendet. Mir war es immer wichtig "Neuland" zu erobern - insofern bin ich ein Abenteurer. Die Welt ist so erforscht und so durchwandert, daß es schwer geworden ist - auch für sich selber -, Neues zu entdecken. Rein geographisch gibt es die weißen Flecken auf der Landkarte - fast - nicht mehr. Als neugieriger Geist gehe ich aber nicht hinaus und suche diese allerletzten weißen Flecken am Globus, sondem ich suche nach diesen weißen Flecken in der inneren Landschaft, der Seelenlandschaft. Diese versuche ich zu ergründen, diese Tabus möchte ich aufbrechen und mit künstlerischem Vokabular umsetzen.

Und ich habe das auch mit einer Ausschließlichkeit betrieben, daß daneben nichts anderes mehr Platz gehabt hat. Und ich hätte damals mein Publikum vor den Kopf stoßen müssen, um bei meiner Musik eine wirkliche Änderung zu bringen. So war mir eine klare Zäsur lieber.

Hubert von GoisernWie hast Du die Zeit danach genutzt?

Ich habe hier in Salzburg ein Haus gekauft und dieses renoviert. Ich habe endlich wieder genug Muße gehabt, mich um meine Kinder zu kümmern. Beide sind leider in einer Zeit aufgewachsen, in der ich überhaupt nicht daheim gewesen bin. Ich habe gemerkt, daß mir einfach viel an Lebensqualität durch meine Karriere verlorengegangen ist.

Denn wenn ich etwas mache, konzentriere ich mich voll darauf, schaue nicht mehr links oder rechts und bin allen Leuten gegenüber, die etwas anderes von mir wollen, sehr abweisend.

Du hast Dich seit Deinem Ausstieg für Tibet engagiert und auch Afrika für ein Filmprojekt mit dem ORF bereist. Dennoch interessiert uns: Wird es irgendwann ein Wiedersehen mit der Bühne geben?

Wahrscheinlich im Herbst nächsten Jahres. Vor ein paar Monaten ist bei mir anläßlich eines Sting-Konzerts die Idee gekeimt, wie schön es wåare, wieder einmal auf der Bühne zu stehen. Es war faszinierend, zu sehen, wie der Funke von Lebensfreude zu dem Publikurn übergesprungen ist und wie gelöst alle nach Hause gegangen sind. Die Idee hat mittlerweile richtig Besitz von mir ergriffen, und ich weiß, daß es passieren muß.

Andererseits kann ich das jetzt nicht übers Knie brechen, da ich vorher noch andere Projekte - wie den Afrika Film - fertigstellen muß. Genauso benötige ich für die Konzerte natürlich erst ein Konzept und sinnvollerweise einen Tonträger. Das braucht einfach seine Zeit.

Und mit welcher Musik?

Das weiß ich noch nicht. Es werden mit sehr großer Wahrscheinlichkeit keine Alpinkatzen-Musiker dabeisein, sondern ich möchte mit einem neuen Ensemble starten. Durch meine lange Pause fange ich musikalisch auch wieder bei Null an.

Es ist bei mir immer so, daß ich mich hinsetze vor ein weißes Blatt Papier und es kommt etwas. Dann arbeite ich am formalen Gefüge und es entwickelt eine Eigendynamik und irgendwann paßt alles zusammen.

Werden die Berge etwas mit Deiner neuen Musik zu tun haben?

Ich habe mir lange Zeit nicht vorstellen können, daß ich jemals wieder etwas mit Volksmusik mache. In den letzten Wochen habe ich beim Singen erkannt, daß ich die Art des Singens, wie es das Jodeln ist, auf jeden Fall weiterführen möchte. Bei keiner anderen Art des Artikulierens kommt man so gut von den Wörtern weg. Keine Art des Singens ist so intensiv und mir letztlich so nahe.