Hubert von Goisern
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INTERVIEW

Vermischtes: 1997

Wie war's im anderen Leben?

Neue Kronen Zeitung 31. Mai 1997 | Text: Conny Bischofberger | Foto: Peter Tomschi

Zweieinhalb Jahre lang verordnete sich Jodelprinz Hubert von Goisern Abstinenz von der Bühne und tauchte ein in ein anderes Leben. Im "Krone"-Interview meldet sich der Grenzgänger zurück.

Hubert von GoisernWas hat Sie eigentlich vor zweieinhalb Jahren auf die verrückte Idee gebracht, Ihre Alpinkatzen in die Wüste zu schicken und selbst nach Tibet zu verschwinden?

Ich wollte einfach einen Sprung über meine Grenzen wagen und hab' mir gesagt: So, jetzt trete ich ab, mach' eine lange Pause und schmeiß' alle Türen hinter mir zu.

Was hat's gebracht?

Wer sich den Rückweg abschneidet, der macht eine sehr intensive Erfahrung, eine Grenzerfahrung. Ich habe mich in dieser Zeit mit der Sache Tibets beschäftigt.

Einfach so?

Durch Zufall habe ich eine in Österreich lebende Tibeterin kennengelernt, die mich um Unterstützung bat. Ich sagte spontan zu.

Obwohl Sie eine Lebensgefährtin und zwei Kinder haben...

Ich habe zwei Zuhause. Das eine ist, wo ich allein lebe und arbeite, das andere ist meine Familie. In diesem Spannungsverhältnis spielt sich mein Leben ab.

Nach Tibet sind Sie allein gereist?

Ja, und dabei habe ich eine sehr große Achtung vor diesem Volk bekommen. Obwohl es seit 50 Jahren unterdrückt, ermordet und gefoltert wird, haben diese Menschen nich den Lebenmut verloren, sind nich aggressive geworden. Bei uns wird zurückgeschlagen, wenn einer hinhaut. Und auch in Tibet gibt's Stimmen, die den friedlichen Weg nicht mehr gutheißen. Schließlich hört die Weltöffentlichkeit nur hin, wenn's kracht. Dann erst würde CNN live senden.

Geboren am: 17.11.1952
Sternzeichen: Skorpion, Aszendent Schütze
Kinder: Niko (9), Laura (3)
Musiker seit: 1982
Selbstbeschreibung: optimistisch, selbstbewusst bis egozentrisch
Auto: VW-Bus, grün
Traumurlaub: Gibt's ned ...
Lieblingsliteratur: Die philosophischen Bücher von Wolfgang Struve
Lieblingsschauspieler: Sean Connery
Lieblingssendung im TV: Kultur heute
Lieblingsfarbe: grün
Lieblingsbaum: elm
Lieblingsmärchen als Kind: Bremer Stadtmusikanten
Wie würden Sie einem Blinden Ihr Aüßeres beschreiben? Ich würde ihn bitten, daß er mich angreift...
Lebensmotto: Immer wieder an die Grenzen gehen

Helfen diesem Volk Besuch wie der Ihre?

Solidarität hilft immer. Und ich würde mir wünschen, daß auch die österreichische Regierung endlich zur Kenntnis nimmt, daß Tibet ein besetztes Land ist.

Hat Hubert von Goisern auch den Dalai Lama getroffen?

Ja. Seine Heiligkeit der Dalai Lama ist einer der wunderbarsten Menschen, denen ich je begegnet bin. Seine Ausstrahlung ist ansteckend. Soviel Lebensfreude, Freundlichkeit und Herzlichkeit habe ich noch bei keinem andern Mächtigen erlebt. Ein ganzes Volk blickt zu dem Mann auf.

Sind Sie gleich zum Buddhismus übergetreten?

Sicher bin ich in mancher Hinsicht Buddhist, würde mich aber ungern als solcher bezeichnen. Ich bin einfach ein spiritueller Mensch, der Respekt hat vor jedem Lebewesen.

Sind Sie nach wie vor Katholisch?

Aus der katholischen Kirche bin ich ausgetreten, weil für mich dort vieles nicht mehr stimmt. Allein die Tatsache, daß Geschiedene in der Kirche keinen Platz haben, zeigt ein Gottesbild, das mir nicht gefällt. Es ist auch völlig absurd, daß nur Männer Priester werden können.

Sie waren nicht nur in Tibet, sondern auch in Afrika.

Ich habe in Tanzania am Tanganjika-See und in der Berglandschaft des Nationalparkes von Gombe Jane Goodalls besucht, das ist jene Britin, die durch ihr Leben mit freilebenden Schimpansen weltberühmt wurde.

Wie konnten Sie sich Ihre exklusiven, monatenlangen Touren leisten?

Ich habe viele Jahre lang hart gearbeitet, erfolgreich Musik gemacht. Und ich habe gespart.

Nie Schulden gemacht?

Ich hatte nur einmal in meinem Leben Schulden: Als ich mir am Anfang meiner Laufbahn einen Verstärker kaufen wollte.

Was bedeutet Ihnen Geld?

Geld ist eine Form von Energie. Daß man es hat oder nicht hat, bedeutet noch lange nicht, daß man glücklich oder nicht glücklich ist. Wichtig ist, die Energie richtig einzusetzen.

Wie werden sich die Jahre als Aussteiger in Ihrer Musik niederschlagen?

Wie ist noch unklar. Aber da mich diese Zeit sehr geprägt hat, wird sie auch meine künftige Arbeit beeinflussen.

Wie fühlt man sich zurück im Leben?

In Tibet und Afrika war ich Zuschauer, Gast. Hier fühle mich eher als Gastwirt. Und hier muß ich auch nicht Angst haben, daß irgendein Blitzkopf daherkommt und mich ohne Grund ins Gefängnis steckt. In Tibet kommt so was vor, Tibet ist ein lebensfeindliches Land. Dagegen ist Afrika gemütlich.

Können Sie auch ganz ohne Fernweh mit Ihren Kindern zuhause spielen?

Ich bin sehr glücklich bei meinen Kindern. Mit Niko spiele ich gern Fußball und Tennis auf Video. Da er EU-Gegner und ich Befürworter bin, entwickeln sich auch immer heiße Diskussionen.

Mag er Ihre Musik?

Ja, aber momentan ist er auf dem Beethoven-Trip.

Und Laura?

Mit meiner Tochter baue ich Hütten im Wald. Wir erforschen gern die Natur.

Ist Ihr Beruf beziehungsweise feindlich?

Ich und Hildegard haben nicht zusamenngelebt, als wir unser erstes Kind bekamen. Dann lebten wir ein Jahr lang in der Zeit, in der ich auf Tournee war, ist eine Entfremdung passiert. Ja, mit einem Künstler zu leben ist nicht einfach.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was wäre es?

Daß mein nächstes Projekt wieder so eine schöne Sache wird wie das Alpinkatzen-Projekt.

Sie träumen vom Erfolg?

Nein. Sondern, um mit Sir Carl Popper zu sprechen, vom Wesen des Experiments. Egal, ob es funktioniert oder nicht, nachher sollte man jedenfalls schlauer sein.