Hubert von Goisern
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INTERVIEW

Vermischtes: 2002

"Nur in Freiheit kann es Leidenschaft geben"

Brigitte 2/2002 | Text: Anja Jardine | Fotos: Holger Hill

Langst bevor Hubert von Goisern berühmt wurde, forderte seine Frau von ihm, sich von seiner andere Liebe zu trennen - der Musik. Genauso gut hätte sie sagen könnten: Hör auf zu atmen.

Hubert von GoisernVielleicht hat sie geahnt, welche Geister er mal mit seiner Musik zu rufen vermag. Fest steht:

Als sie ihn zum ersten Mal geküsst hat, an diesem Sommertag im Freibad, da hat sie die Gitarre noch nicht gestört. Ingrid war ihr Name, und weil sie die Erste war, die ihn hat küssen wollen, sagt Hubert von Goisern, habe er sie geheiratet. Es dauerte nicht lange, und Ingrid fühlte sich um jede Stunde beraubt, die er mit irgendwelchen Typen musizierend in Kellerlokalen verbrachte. Wozu brauchte er das, wenn er doch sie hatte? Vor diese Wahl gestellt, sagt von Goisern, habe er es sein lassen, das Musizieren. Und nicht einmal er selbst habe damals gewusst, dass diese Frau genauso gut hätte sagen können: Hör auf zu atmen.

Immer - schon als Kind - sei da diese Kraft gewesen. Doch sie taugte zu nichts, was Geltung hatte. Sie stand im Weg, lag quer, musste im Zaume gehalten werden, wollte von Goisern nicht auffallen. Wem sollte er sagen, dass er es liebte, in der Dunkelheit nach Hause zu gehen, weil dann die Straßenlaternen, die Sterne, die Lichter in den Fenstern zu Tönen wurden, zu Melodien? Wem begreiflich machen, dass sich zu einer bestimmten Stunde das kleine Dorf tief im Salzkammergut mit orchestralen Klängen erfüllte? Was war das für ein Junge, der zu heulen anfing, wenn er Musik hörte, und der in der Schule nicht im Stande war, sich zu konzentrieren, wenn draußen die Bäume ihre Farbe wechselten oder die Wolken ihre Form? Wozu war sie nutze, diese überbordende Energie, wenn man sie nicht ummünzen konnte in Leistungen, gute Noten, angemessenes Benehmen, sinnvolle Berufswünsche? Alles an Hubert war unmäßig. Hatte der Vater Recht mit seinem Zorn? Hubert von Goisern spürte sein Ungenügen.

Ingrid also war ein Glück, und das galt es nicht zu vertun. Denn sonst stimmte nichts in von Goiserns Leben. Auf Wunsch der Eltern, die ihn gern als Arzt gesehen hätten oder Lehrer, wurde er wenigstens Chemielaborant. Nach dreieinhalb Jahren Lehre, in denen das Labor zweimal brannte und einmal geflutet war, was von Goisern aufrichtig Leid tat, waren alle Beteiligten verzweifelt. Von Goisern wusste sich nicht anders zu helfen als zu verschwinden. Mit einem Koffer, einer Reisetasche und Ingrid wanderte er aus nach Afrika.

Hubert von Goisern - ZiehharmonikaVier Jahre lang sind sie dort herumgereist und haben gejobbt. Vier Jahre, in denen Hubert von Goisern kein Musikinstrument angesehen hat. Und dann, noch in Afrika, sprach ihn ein Freund an, er habe doch mal in einer Band gespielt, sie bräuchten da jemand für zwei, drei Auftritte, ob er nicht Lust hätte. Hatte er. Und so fand er sich zur Jahreswende 1978/79 auf einer Bühne in Südafrika vor dunkelhäutigen Arbeitern eines Steinbruchs, die sich kollektiv um den Verstand soffen und tanzten.

Zunächst spielten sie Burenvolksmusik und dann alles, was ihnen noch so in den Sinn kam - bis hin zu Carlos Santana und Creedence Clearwater Revival.
Mitten in diesen absurden Szenario, sagt Hubert von Goisern, sei ihm klar geworden, was er mit seinem Leben anzufangen hatte. Das war das Ende der Ehe mit Ingrid. Ihr Gebot, seine einzige Leidenschaft zu sein, war keine gute Idee gewesen.

Sie gingen zurück nach Österreich, wo Ingrid noch die Familie mobilisierte, um ihren Mann zur Räson zu bringen. Alle haben die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen - Musiker werden!! -, nur der Bruder hat gesagt: "Solche muss es auch geben." Doch auch ohne dessen Zuspruch war von Goisern zum Bruch mit allem bereit, den Eltern, dem Dorf, mit seinem Blasorchester, mit der Frau, mit der ganzen kleinen Welt, in die zu passen er vergeblich versucht hatte. Loslassen bedeutet, sich der Witterung auszusetzen, sagt von Goisern. Der Gegenpol von Freiheit. Aber nur in Freiheit könne es Leidenschaft geben.

Von Goisern wollte auf nach Wien. Doch noch in Bad Ischl, keine zehn Kilometer von seinem Dorf entfernt, stellte ihm das Leben Kate in den Weg, eine Touristin aus Kanada. Kate war Künstlerin, sich dessen sicherer als Hubert, und wusste grundsätzlich, was sie wollte. Sie wollte Hubert.

Billy Joel sang damals: "Vienna waits for you", und von Goisern dachte: "Recht hat er", und ging mit Kate nach Kanada. Kate lehrte ihn Bücher lesen, schamlos sein, bügeln und diskutieren über Sachen wie Wahrhaftigkeit. Vor allem aber habe sie seine Notwendigkeit verstanden zu musizieren, eben weil es für sie notwendig war zu malen. Nur leider seien bei beiden die eigenen Notwendigkeiten so raumnehmend geworden, dass sie irgendwann anfingen, um Raum zu streiten. Und sie stritten so, wie sie sich liebten - bis aufs Messer. Sie waren zwei, die kollidierten.

Hubert von Goisern - AkipendaKräfte, die, wenn es gut lief, zu den unglaublichsten Resonanzen führen konnten, aber sobald sie sich gegenläufig überlagerten, einander eliminierten. Zurück in Wien, trennten sie sich beim Frühstück. Doch diese Liebe war eine, die sich ablagert im eigenen Gestein, die Teil wird von einem selbst. In Sachen Frauen mit dem Latein am Ende, beschloss von Goisern, sich von nun an endlich vorrangig der Musik zu widmen. Da war er 30 Jahre alt. Wien mit seiner Aura von Lebensfreude und Morbidität schien dafür der richtige Ort zu sein. Von Goisern gestattete sich zehn Jahre, um der zu werden, als der er sich sah. Zehn Jahre, in denen es nicht erlaubt war, das Handtuch zu werfen. Wenn er nach Ablauf dieser Frist noch immer nicht wissen würde, wovon die Miete bezahlen, dann würde er aufhören. Das war der Deal von Goiserns mit von Goisern.

Und der habe sich bewährt. Vom dritten Jahr an, sagt er, sei Land in Sicht gewesen. Er komponierte für Tanztheater, vertonte Industriefilme, studierte kurze Zeit experimentelle Musik und Elektroakustik, übte, komponierte, trat in Clubs auf. Im "Roten Engel" mit "einer Bühne wie einer Verkehrsinsel'' habe er gelernt, dass er im Stande ist, so zu spielen, dass der Kellner die CappuccinoMaschine ruhen lässt und das Publikum die Schnauze hält.

Mit Staunen hat er feststellen müssen, dass es umso besser funktionierte, je konsequenter er umsetzte, was an Ideen in ihm war. Je egozentrischer - nicht egoistischer! - sein Handeln, desto stimmiger die Welt. Er hat angefangen, der heimischen Volksmusik nachzuspüren und Musiker um sich zu scharen, mit denen er diese Kompositionen umsetzen konnte. Er habe aufgehört, auf die Flüsterer zu hören, sagt er, die immer wissen, wie es geht. Und plötzlich galt er als Geheimtipp, und noch viel plötzlicher war er mit seiner Band, den Alpinkatzen, ganz oben in den Charts.

In dieser Zeit, aber noch vor dem großen Erfolg, begegnete von Goisern dem Menschen, der heute seine Frau ist. Nicht von der Bühne aus hat er sie entdeckt, sondern sie trafen sich ebenerdig, in einem Seminarraum. Hildegard ist Lehrerin, und als er sah, wie sie ihre Arbeit macht, sagt er, habe er sich nicht nur in sie, sondern auch gleich in all die Kinder verliebt.

Hubert von Goisern - DjembeDrei Jahre später waren Hildegard und der kleine Sohn mit im Studio, als von Goisern die erste CD aufnahm. Ihre Anwesenheit, sagt er, bedeute nicht Ablenkung, sondern Kraft. Dennoch gebe es viele Wochen, manchmal Monate, in denen sie ohne einander auskommen müssen, weil seine Ideen ihn forttreiben, nach Tibet, Afrika oder auch nur in Gedanken fort. Sie aber sei eine, die nicht eingehe neben ihm, stark genug, um sich ihren Freiraum zu nehmen, stark genug, ihm den seinen zu lassen. Sie habe, sagt er, ein Eigenleben in Kopf und Seele, und nur so könnten zwei sich lieben. Anziehen, abstoßen, anziehen, verloren gehen in der Hoffnung, sich immer wieder zu finden. Wer sagt, das gehe ohne Schmerz, der lüge.

Als Erfolg, Prestige und Einkommen von Goiserns Andersartigkeit endlich legitimiert hatten, formulierten die Menschen augenblicklich ihre Erwartungen auf dieser Grundlage neu. Alpenrocker bist du also, der Hiatamadl singt und damit ganze Hallen füllen kann, dann tu es auch.

Zwangsläufig, sagt von Goisern, sei für ihn der Punkt gekommen, an dem er sagen musste: Nein. Der war ich gestern, heute bin ich ein anderer. Er sagte es auf dem Höhepunkt des Erfolges und setzte sich damit wieder einmal der Witterung aus. Nicht nur einem Regenschauer, sondern Minusgraden und Dunkelheit auf unbestimmte Zeit. Denn wo gestern noch die Infrastruktur eines Lebens war, war von einem Tag auf den anderen nichts. Vor allem aber war in ihm nichts. Oft saß er nur da und wartete, dass die Zeit verstrich. Das sind Zeiten, in denen fast alle abrücken.

Wer die Einzigartigkeit spüre, sagt von Goisern, wisse mit gleicher Wucht von der Unwiederholbarkeit. Beides müsse man aushalten können - auch als derjenige, der mit einem diese Momente teile. Bereicherung und Schmerz gegeneinander abzuwägen bliebe jedem selbst überlassen.

Im Grunde, sagt von Goisern, sei es seine Frau gewesen, die ihn nach Jahren wieder auf die Bühne geschubst habe. Die gewusst habe, was die Gründe waren für Migräne, Magenkrämpfe, eingebildete Herzfehler und Depression. Auch sei sie es, die das Glück der beiden Kinder im Auge behält, wenn er auf Tour ist und in fremden Städten fremde Menschen einen Abend lang glücklich macht. Doch zweifelsfrei gilt so manches Lied ausschließlich ihr.