Hubert von Goisern
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INTERVIEW

Vermischtes: 1995

"Das Klima hat sich verschärft..."

Profil Nr. 11 13th März 1995 | Text: Christian Seiler

Hubert von Goisern über seinen Landsmann Jörg Haider, politische Verantwortung,
seine neue CD und den Rücktritt von der aktiven Karriere.

Hubert von Goisern, 43, feierte mit einer Synthese von Rock und Volksmusik (Hiatamadl) stürmische Erfolge in Österreich und Deutschland. Nach ausführlichen Konzerttourneen erklärte er im Herbst '94 seinen Rücktritt von der aktiven Popmusik und koppelte diesen mit dem Erscheinen einer neuen LiveDoppelCD, die am kommenden Montag ausgeliefert wird (Wia die Zeit vergeht, BMG Ariola). Goisern lancierte eine rustikalelegante Modelinie und arbeitet zur Zeit an der Filmmusik zur Josef Vilsmaier Verfilmung von Robert Schneiders Roman Schlafes Bruder. Goisern äußerte sich vergangene Woche via APA zu den Ausführungen Jörg Haiders, der eine Benefizveranstaltung Österreichs bekanntester Rockmusiker für die Opfer von Oberwart hämisch kommentiert hatte. Haider über die "Staatskünstler": "Hohle Demokratiebekenntnisse." Goisern über Haider: "Geschmacklos."

Müssen sich Österreichs Künstler politisch engagieren?

Ein Künstler ist wie je der Mensch für alles verantwortlich. Auch für die Rechte seiner Mitmenschen. Das Klima hat sich in ganz Europa nicht nur in Österreich drastisch verschärft, dazu habe ich bereits in meinen Konzerten Stellung genommen.

Sie haben mit steigender Popularität darauf achtgegeben, Ihr politisches Profil kritisch gegen Waldheim und Haider zu schärfen. Warum?

Ich muß mich als Volksmusikant mit dem ungesunden Regionalismus auseinandersetzen. Damit habe ich sehr viele Leute vor den Kopf gestoßen. Bei der ersten ausverkauften Tournee habe ich, sagen wir, 20 Prozent der Zuschauer beleidigt. Die wollten meine Musik hören, nicht aber meine Meinung zur Gesellschaftspolitik. Ich habe mir den Mund aber nie verbieten lassen, und die Hälfte der 20 Prozent hat bestimmt zum Nachdenken angefangen. Die andere Hälfte ist in der Pause gegangen.

Sie haben auf dem ersten Album Aufgeigen statt niederschiaßen einen Song gegen den damaligen Bundespräsidenten Kurt Waldheim aufgenommen. Wie ist das angekommen?

In meiner engeren Heimat bin ich oft angeredet worden, in den Lokalzeitungen erschienen kritische Leserbriefe und zynische Artikel.

Auch mit Ihrem Goiserer Landsmann Jörg Haider haben Sie sich angelegt.

Da hieß es von ein paar Leuten daheim, ich soll den Mund halten und Musik machen. Der Jörg ist schließlich ein Sohn Goiserns und wird dort bewundert, weil er's zu was gebracht hat.

Titanenkampf der großen Goiserer?

Ein bißchen schon.

Sie sind fast gleich alt wie Jörg Haider. Kennen Sie ihn aus Ihrer Kindheit?

Nein, ich kenne nur seinen Vater, der mit meinem Großvater oft beinander war. Der ist noch immer felsenfest davon überzeugt, daß im Dritten Reich alles richtig war.

Auf dem Land war die Volksmusik imner mit konservativer Heimatideologie synchronisiert. Konnten Sie als Bub Volksmusik wertfrei hören?

Ja. Ich wuchs musikalisch in der Blasmusik auf, die war für mich ganz unpolitisch. Ich spielte als Arbeiterkind bei der Bürgermusik, das gab nie Probleme, solang's um die Musik ging. Erst als ich die Haare plötzlich schulterlang trug, begann ich anzuecken.

Heile Welt in Bad Goisern?

Total. Eine gewaltschwangere Situation, wie wir sie jetzt in Österreich haben, war in unserem verlassenen Dorf undenkbar. Da gab's keine Verbrechen, wir sperrten weder Häuser noch Autos zu. Alles Böse kam nur über den Fernseher herein.

Wieso beschlossen Sie, selbst Volksmusik zu machen?

Ich verließ Bad Goisern, ging vier Jahre nach Afrika, zweieinhalb Jahre nach Kanada, studierte in Toronto Musik, ging noch ein halbes Jahr auf die Philippinen. Dort kam ich auf den Trip der Volksmusik.

Mußten Sie zuerst Weltmusik hören, bevor Sie die eigene Volksmusik schätzen konnten?

Ja. Ich lebte auf den Philippinen vier Monate mit Eingeborenen in einer Pfahlbausiedlung, wo's weder Strom noch Radio gab. Dort hatte die Volksmusik eine Lebendigkeit, wie ich sie noch nie vorher erlebt hatte. Da kam mir der Gedanke: So müsste die Musik auch bei uns irgendwann einmal gewesen sein.

Bad Goisern ist ein Zentrum dieser Volksmusik.

Ja, aber die wahren Volksmusiker agieren eher im Untergrund. Sie vermitteln nach außen das Gefühl der totalen Intoleranz. Musik gehört so gespielt, wie sie immer gespielt wurde. Das war die Aura.

Welchen Anklang fand Ihre popmäßig aufbereitete Volksmusik bei den konventionellen Volksmusikanten Ihrer Region?

Niemand fand's negativ. Die große Auseinandersetzung fand ja erst statt, als Goisern zum Phänomen wurde. Bemäkelt wurde dabei nie meine Musik, sondern meine Kritik an der Gesellschaft. Es gefiel den Leuten nicht, daß ich keine Probleme mit Schwulen hatte und über den Haider herzog, da fanden sie auch gleich meine Musik nicht mehr gut.

Sie waren nicht der erste, der Volksmusik im weiteren Sinn machte, aber Sie drangen als erster Volksmusikant zu einem Massenpublikum vor. Haben Sie nie Angst vor der eigenen Wirkung gekriegt, wenn volle Bierzeltbelegschaften im Chor das Hiatamadl grölten?

Ich war im Bierzelt nie dabei (lacht). Sobald du ein Lied geschrieben hast, verlierst du den Einfluß drauf. Die Leute machen damit, was sie wollen, ob sie's als den großen Angriff auf die Intoleranz verstehen oder als pure Unterhaltung zum Biertrinken.

Aber genau das wollten Sie den Leuten nicht selber überlassen, sonst hätten Sie in Konzerten und auf dem Plattencover nicht Interpretationsanleitungen gegeben.

Stimmt. Du kannst dich natürlich grün und blau ärgern über das, was passiert, aber ändern kann sich nichts mehr daran.

Haben Sie gespürt, was für ein heikles Potential Ihr größter Hit besitzt?

Beim Aufnehmen des Titels war ich mir nicht sicher, ob er nicht ein Rohrkrepierer wird, der mordsmäßig tuscht, aber mich selbst auch in Fetzen dastehen läßt.

Warum?

Der Text ("Koa Hiatamadl mog i riet, mog kane dicken Wadeln net") ist mir ganz geschwind eingefallen, ein lustiges Liedl halt. Nur: Wenn man nichts anderes von mir hört was durch den ungeheuren Radioeinsatz vom Hiatamadl ja praktisch passiert ist kann man schon einen sehr schiefen Eindruck von dem gewinnen, was ich eigentlich mach'.

Das Hiatamadl schlägt den Bogen von der Popmusik zum Musikantenstadl.

Mein Manager wollte eh, daß ich im Musikantenstadl auftrete. Er dachte, das sei eine subversive Gschicht.

Mußten Sie sich vor sich selbst für Ihren Erfolg rechtfertigen?

Nein. Aber ich spürte, daß sehr viele Leute in meine Konzerte kamen und sich etwas völlig anderes von mir erwarteten, weil sie nur das Hiatamadl kannten. Zuerst verunsicherte mich das. Dann begann es mich zu freuen, weil ich die Chance erkannte, Leute zu erreichen, die ich sonst nie erreicht hätte.

Bierzeltmusik, Musikantenstadl für junge etc. Wie sind Sie mit diesen Vorwürfen zurechtgekommen?

Sie haben mich natürlich gewurmt. Da half auch das Argument des breiten Publikums nicht, dem ich gefalle. Ich wollte die erreichen, die zumachen, Zuhörer und Kritiker. Als mich die" Salzburger Nachrichten" einmal verrissen, platzte ich in die Ressortleiterkonferenz und spielte ihnen mit der Ziehharmonika eins auf. Den Franz Endler lud ich nach einem Verriß zu einer Fernsehdiskussion ein, Gott sei Dank war er eitel genug zu kommen.

Ist die GoisernBotschaft für Toleranz und gegen Ewiggestrige inzwischen rübergekommen?

Es ist was weitergegangen. Es bleiben Dinge zu sagen, die ich musikalisch erst formulieren muß. Dazu brauche ich die Denkpause, die ich angekündigt habe.

Wie endgültig ist dieser Abschied?

Ich mache noch Promotion für meine Live CD, ein paar Interviews, den einen oder anderen Fernsehauftritt. Für nachher hab' ich mir noch nichts vorgenommen.

Wie lange wird die Pause also sein?

Nicht länger als ein halbes Jahr. In erster Linie geht's mir um Bühnenabstinenz. Dann will ich warten, bis mich irgend etwas so juckt, daß ich kratzen muß.

Nützen Sie Ihre Popularität, um politisch etwas weiterzubringen?

Ich will kein Politiker werden. Mir geht's in erster Linie um Menschenrechte, dann um eine Ökologie der Vernunft. Ich glaub', daß wir zuviel arbeiten. Ich finde, es sollte keine Schande sein, wenig Geld zu haben.

Leicht gesagt für Sie.

Das hab' ich schon gesagt, als ich überhaupt kein Geld hatte.

Was können Sie konkret für den Paradigmenwechsel tun?

Besser informieren. Wir sind dabei, eine Künstlerplattforrn zu errichten, die das Zeitgeschehen kommentiert, wie es jetzt Werbung, Industrie oder Politik tun.

Jahrelang haben Sie um Anerkennung gestrudelt: Wie fühlen Sie sich, wenn plötzlich Ihre Meinung zum Weltgeschehen von öffentlichem Interesse ist?

Gut. Aber viel Verantwortung ist's auch. Wenn so was wie in Oberwart passiert, muß ich dazu Stellung nehmen, und ich muß es so tun, daß es die erreicht, die es erreichen soll. Daß es außerdem nach mir selber klingt, ist sauschwer. Mich über Musik und Poesie auszudrücken, fällt mir leichter.