Hubert von Goisern
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INTERVIEW

Vermischtes: 2008

"Small is beautiful"

Wirtschaft im Blick Oktober 2008

Weltenbummler Hubert von Goisern über Österreichs Regionen, die guten Seiten der Börsenkrise und
kreatives Schaffen, das für ihn nur in der Stadt möglich ist.

Hubert von Goisern

Herr von Goisern, Sie haben lange im Ausland gelebt - Südafrika, Kanada, Philippinen - wie verändert diese Außenperspektive den Blick auf Österreichs Regionen?

Je weiter man sich von Österreich entfernt, desto unbedeutender werden nationale Grenzen. Österreich löst sich im europäischen Kontext auf - und dieses Bild entspricht mir sehr, denn ich fühle mich als Europäer. Was das für Regionen bedeutet? Ich bin davon überzeugt, dass Regionen - regionale Zusammenarbeit, regionale Kultur und regionale Wirtschaft - in Zukunft wichtiger sein werden als zum Beispiel die Unterteilung in Bundesländer.

Bleiben wir kurz bei dieser Außenperspektive: Wie werden aus Ihrer Sicht Österreichs Regionen, Ihre Leitunternehmen und Positionierung, weltweit wahrgenommen?

Mein Eindruck ist, dass wir ein sehr positives Image haben - als Land, aber auch als Teil Europas. Die Leute verbinden uns mit einer "gesunden Größe": Nichts Künstliches oder Aufgeblasenes, von dem man nicht sicher sein kann, das es morgen auch noch da ist. Dominante Bilder in den Köpfen sind sicher frisches Wasser, eine gute Luft und die Schönheit der Natur. Und dieses Bild gilt es zu nutzen, darauf muss man aufbauen. Und es tut sich ja auch schon jetzt unglaublich viel: Österreich bringt Weltmarktführer in den Bereichen Erneuerbare Energien und Umweltschutz hervor - nur wissen das viel zu wenige Leute.

Was bedeutet für Sie persönlich "Wirtschaften in der Region"?

Als ehrlich gesagt fühle ich micht nicht wirklich für das Wirtschaft zuständig. Aber Regionalität - und dazu gehören für mich klarer Weise auch die Unternehmen in den vielen Regionen Österreichs - bedeutet für mich in erster Linie "small is beautiful". Und ich glaube, das schätzen die Leute in Österreich und auf der ganzen Welt so am Regionalen: Das Ursprüngliche, das Authentische.

Stichwort Tradition & Innovation - Zwei Begriffe, die Ihre Musik prägen. Wie steht es aus Ihrer Sicht um die Innovationskraft traditioneller Unternehmen?

Meine Musik ist sicher insofern regional und in gewisser Weise auch traditionell, weil sie sprachlich eindeutig gefärbt ist. Ich habe nie versucht, für den gesamten Weltmarkt zu produzieren - wie auch, auf Deutsch? Aber ich denke, gerade weil ich meine Regionalität beibehalten habe, bin ich erfolgreich. Und genau deshalb glaube ich auch, dass regional verankerte Unternehmen erfolgreich sind, in Österreich und am Weltmarkt: Sie haben eine gesunde Einstellung, wollen nicht gleich für alles und jeden produzieren, sondern besinnen sich auf das Wesentliche. Man muss eben zuerst das Plänzchen, den Baum, pflegen, bevor man an den ganzen Wald denkt. Viele wollen heute das Pferd von hinten aufzäumen, denken von Anfang an nur an den ganz großen Gewinn ...

Ein generelles Merkmal einer globalisierten Wirtschaft?

Ja, leider! Ich bin ja fast froh über den jetzigen Börsencrash - er zeigt uns, dass es nicht Sinn der Wirtschaft ist - und langfristig einfach nicht funktionieren kann - wenn man immer nur mehr und mehr reinbekommen will. Man kann eben kein Geld verdienen, ohne es jemand anders wegzunehmen. Und nur durch das Verschieben von Geld auf Aktienmärkten sollte man eben nicht reich werden können. Das hat nichts mehr mit Produzieren und Schaffen zu tun, sondern ist nur noch ein Spiel nach dem Motto: Gewinne oder verliere ich im Casino? Ich glaube, dass die jetzige Krise viele Leute zum Nachdenken bringen wird.

Stichwort Nachhaltiges Wirtschaften: Sehen Sie auch hier Aufholbedarf?

Selbstverständlich, und das wird auch immer wichtiger werden. Wobei es natürlich auch eine Frage des Leisten-Könnens ist: Für mich ist Umweltschutz ein Privileg der reichen Staaten, das haben mir meine Aufenthalte in Afrika gezeigt. Wenn die Menschen von der Hand in den Mund leben, dann ist ihnen Umweltschutz klarer Weise völlig wurscht - die haben für wahr andere Probleme. Nachhaltiges Wirtschaften muss man sich erst einmal leisten können.

Kommen wir zurück zu Österreichs Regionen: Welche spricht Sie persönlich denn am meisten an?

Das Salzkammergut ist für mich als Region unübertroffen. Ich mag die Kombination aus Wasser und Gebirge sehr, daher finde ich auch die Kärntner Seenregionen wunderschön. Und ich mag auch Wien, das Kulturelle und Pulsierende gibt mir Kraft.

Die Berge tun das nicht? Ich hätte darauf geschworen, dass sie die der Stadt vorziehen ...

Selbstverständlich auch, keine Frage. Aber wenn ich in der Natur bin, dann habe ich keine Einfälle - dann genieße ich und ich finde die Welt, wie sie ist, wunderbar und gelungen. Ich fühle mich als Gast, der nur aufnimmt, aber keinen produktiven Gedanken hat.

Und dieser Gedanke kommt dann in der Stadt?

Richtig. Hier habe ich keine Hemmungen, zu schaffen, zu verändern und zu hinterfragen - all das kann ich in der Natur nicht. In der Natur bin ich nur zufrieden und nehme auf.

Wie stark prägen Regionen die Menschen?

Ich glaube, dass es weniger die Landschaft ist, die den Menschen prägt, sondern die Gesellschaft. Das beginnt im kleinsten Kern, der Familie. Ich glaube, was der Mensch zum Wachsen braucht, ist eine Mischung aus Herausforderung und Bestätigung. Immer nur mit Verboten konfrontiert zu sein, das tut niemandem gut. Aber auch an Widerständen kann man Wachsen und sich weiterentwickeln, keine Frage.

Apropos weiterentwickeln: Sie haben sich immer wieder künstlerisch neu erfunden. Ihr Tipp für die Persönlichkeitsentwicklung?

Mit Tipps kann man da nur begrenzt arbeiten, denke ich. Das hängt mit der Persönlichkeitsstruktur zusammen - ich bin einfach ein sehr neugieriger Mensch, der gerne an seine Grenzen geht. Der Weg des geringsten Widerstands ist für mich ausgeschlossen. Ich liebe das Risiko, will immer neue Erfahrungen sammeln. Und das bedeutet oft, immer wieder von null anzufangen. Das ist zwar wirtschaftlich manchmal kontraproduktiv, aber ungemein spannend.

Wieso kontraproduktiv?

Der Konsument - und daher auch die Leute, die meine Musik hören - ist eigentlich sehr konservativ, fragt sich: Was bekomme ich für mein Geld? Man muss ihn immer wieder davon überzeugen, dass neu nicht gleich schlecht ist. Und das kostet viel Kraft, und manchmal eben auch Geld. Wobei, das ist mir eigentlich weniger wichtig, was zählt ist die Kunst, ihre Originalität und Identität. Gewinn allein macht nicht glücklich.

Danke Stefan