Hubert von Goisern
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SOZIALSTAAT

Vermischtes: 2005

Lückenlose Bildung statt Dauerfaulheit

Der Standard 20. Juli 2005 | Text: Kathi Fleissner | Foto: Wild & Team

Was Hubert von Goisern ohne sein "Hiatamadl" wäre und wie der Staat sozial agieren könnte, diskutierten bildungshungrige Schüler mit dem Musiker und Politikern in Salzburg

HvG

"Armut gibt es in Österreich nicht!" Mit dieser provokanten Aussage eröffnete Hubert von Goisern die heftige Diskussion zum Thema Sozialstaat im Salzburger Literaturhaus, anlässlich des STANDARD-Jugendprojekts "Österreich 2025". Auch ÖVP-Landtagsabgeordnete Ulrike Fiona Funtan, der Klubobmann der SPÖ-Salzburg, David Brenner, sowie Johannes Stumtner (19) und Tom Wieser (13) belebten die hitzige Debatte mit kontroversen Statements, die von STANDARD-Redakteurin Bettina Reicher moderiert wurde.

Brenner zeigte sich komplett anderer Meinung wie Goisern. Natürlich gebe es Armut auch hier zu Lande. Täglich würden allein beim Salzburger Katastrophenfonds ein bis zwei Anträge für Notstandshilfe einlangen. Funtan unterstrich Brenners Aussage, denn es könne zum Beispiel niemand behaupten, es gebe keine Obdachlosen. Für Johannes liegt das Grundproblem bei der niedrigen Mindestlohngrenze. "Man muss sie anheben, sonst ist keine Verbesserung möglich", war der 19-Jährige überzeugt.

"Arbeit und Mindestlohn sind zwei verschiedene Geschichten", erwiderte Goisern. "Mir macht die Arbeit Spaß, das hat nichts mit Geld zu tun." Natürlich sollte jeder zu essen und ein Dach über dem Kopf haben, meinte der Musiker. "Er soll aber selbst über sein Geld verfügen und entscheiden können, ob er arbeiten möchte oder nicht." Funtan holte zum Konter aus: "Man muss voraussetzen, dass jeder seinen Beitrag leistet", entgegnete sie bestimmt.

"Ich bin ein schwerer Verfechter Ihrer Position, dass jeder seine eigene Richtung finden muss", reagierte Brenner auf Goiserns Wortmeldung, der prompt eine noch provokantere folgte: "Armut gilt bei uns als Krankheit - das ist nicht in Ordnung. Jeder hat das Recht, ein Sandler zu sein", meinte der Erfinder des "Hiatamadls", der beständig auf "das Recht auf Faulheit" für jeden plädierte. "Warum müssen Schüler lernen, wenn es sie nicht freut? Damit machen sie sich nur kaputt", sagte der Sänger, der damit heftigen Widerspruch unter den Jugendlichen auslöste. Anna Janny (14) reagierte entsetzt: "Bildung ist ein enorm wichtiges Gut, davon will ich nicht weniger, sondern mehr", sagte die Schülerin, die in diesem Zusammenhang auch die Stundenkürzungen scharf kritisierte. "Außerdem: Wenn die Leute nicht arbeiten, funktioniert der Sozialstaat nicht und wir hätten noch mehr Arme", empörte sich die 14-Jährige.

Das Leben, eine Kunst

HvG"Auch ich war vor meinem Künstlerleben obdachlos, habe teilweise auf der Straße gelebt und bin mit 20.000 Schilling im Jahr ausgekommen", verteidigte sich Goisern. "Das kommt mir aber eher wie ein Rastafari-Kult vor, den Sie hier betrieben haben - als Faulheit. Immerhin haben Sie dem Staat damit nicht geschadet", funkte Tom dazwischen. "Wenn man die Leute in dem Denken unterstützt ,der Staat wird es schon richten', dann tritt Dauerfaulheit ein", war für Christoph Hawle (14) klar. Tom präsentierte daraufhin einen konkreten Lösungsvorschlag: "Man muss herausfinden, ob die Menschen nicht arbeiten können oder nicht wollen. Erkennt man, dass sie nicht wollen, schult man sie einfach in einen Beruf um, den sie lieber ausüben."

"Es kann sich ohnehin jeder richten, wie es ihm passt", blieb Goisern hartnäckig. "Also entschuldigen Sie, Herr Goisern", mischte sich Brenner ein. "Die Möglichkeit, sich so total frei zu entscheiden, was er machen möchte, hat nicht jeder. Wenn das Hiatamadl kein Hit geworden wäre, dann wäre Hubert von Goisern jetzt Gitarrenverkäufer", konterte der Klubobmann erregt. Goisern mahnte daraufhin die soziale Verantwortung des Staates Österreich ein. "Immerhin sind wir ein reiches Land und die Bürger zahlen Steuern", dafür sollten sie auch etwas bekommen. Österreich erkenne und übernehme diese Verantwortung - im Gegensatz zu anderen Ländern - sehr wohl, verteidigte Funtan die Demokratie. Er selbst sei ja ein Einzelkämpfer und zahle ohnehin gerne Steuern, sagte Goisern. Was damit gemacht werde, sei aber nicht in Ordnung, sagte der Künstler, der kurzfristig die Jugendlichen auf seiner Seite hatte: "Man muss wissen, wohin das Geld geht", forderte auch Anna und fügte hinzu, dass der "Regierungsapparat" ein Problem sei. "Die rechte Hand weiß nicht, was die Linke macht." Tom stimmte ihr zu und verlangte Autonomie für die Bundesländer und Gemeinden, die selbst entscheiden sollten, ob sie Finanzspritzen "für unnötige Projekte" überhaupt bräuchten.

Sozialstaat spart ein

Um das Budget zu sanieren, schlug Johannes vor, nach dem Beispiel von Schweden die Steuern zu erhöhen, "manche Personen zahlen dort 90 Prozent ihres Gehalts an den Staat". Ein Sozialstaat dürfe zum Beispiel nicht auf Kosten der Studierenden sparen und "sinnlose Studiengebühren einführen, die nichts zur Verbesserung der Situation beitragen" (Johannes). Auch Goisern sprach sich gegen die Studierendenbeiträge aus, wehrte sich aber gegen höhere Abgaben: "80 Prozent Steuern schrecken mich ab." Außerdem sei das System in Schweden anders strukturiert. "Eine Erhöhung der Höchststeuer würde bei uns zu Akzeptanzproblemen führen", schaltete sich Brenner ein, der aber einen Lösungsvorschlag parat hatte: einheitliche EU-Steuern. "Zumindest die Tabaksteuer sollte man anheben", blieb Johannes hartnäckig. Dass ein Sozialstaat auch für die Aufrechterhaltung der Demokratie in Form von Mitbestimmung sorgen müsse, brachte Julia Rohn (14) in die Diskussion ein. Sie plädierte überzeugend für die Herabsetzung des Wahlalters auf 16 Jahre. "Für uns Jugendliche wäre diese Reform sehr wichtig." Funtan zeigte sich dieser Forderung gegenüber aufgeschlossen. "Wichtig ist es aber, dass man begleitende Maßnahmen wie politische Bildung an den Schulen einführt, sonst hat die Herabsetzung keinen Sinn", relativierte die ÖVP-Abgeordnete ihre Pro-Position. Brenner befürwortete das Wählen ab 16 ohne Wenn und Aber, auch auf Bundesebene. Erfreut sei er, dass "ihr euch Gedanken über politische Prozesse macht - viele Erwachsenen tun das nicht". "Warum wollt ihr eigentlich wählen, wenn ihr eh alle so angepasst seid", provozierte Goisern, der bemerkte, dass sein Faulheitsappell keine Anhänger gefunden hatte. "Faulheit mag hin und wieder ganz nett sein. Mit Bildung einen Job zu finden, der einem gefällt - auch wenn das Maurer oder Tischler ist -, ist aber wichtiger", reagierte Tom prompt und entschlossen.

Christoph freute sich, dass "wir bei dieser Debatte endlich einmal Kritik anbringen können", und meinte, dass der Staat davon profitieren könne. "Er kriegt von uns Ideen zur Verbesserung der Lebensumstände." Von Julia etwa, die sich gleiches Gehalt für Männer und Frauen wünscht. "Die Situation der Frau im Vergleich zum Mann ist untragbar", stimmte ihr Funtan zu, die - ergänzend zu Toms Idee von "neuen, betreuten Wohnheimen für alte Leute" - ihre Vision vom Sozialstaat in 20 Jahren verriet: "Generationen müssen in Kontakt bleiben, das ist ein wichtiges Wohlfühlkriterium."

Brenner hoffte auf ein Umdenken bezüglich der Zuwanderung: "Wir werden die Einwanderer noch brauchen." Die Zukunft sei aber nicht als "gefährlich" zu betrachten, "denn es ist spannend, was auf uns zukommt". Auch Goisern nannte als Vision mehr Respekt gegenüber anderen:"Wir haben es drauf, alles zum Paradies zumachen."