Hubert von Goisern
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WEIT, WEIT WEG - DIE WELT DES HUBERT VON GOISERN

Vermischtes: 2009

Weit, weit weg: Die Welt des Hubert von Goisern

7. März 2009

Ein persönliches Porträt auf den Spuren eines musikalischen Entdeckers, dahoam wie in der Fremde:
Hubert von Goisern

Hubert von GoisernMit dem Lied Koa Hiatamadl wurde Hubert von Goisern 1992 über alle Grenzen hinaus berühmt. Er galt als erfolgreichster Vertreter der "Neuen Volksmusik" und war zum Erfinder des so genannten Alpenrock geworden. Doch kaum hatte man den Standort auf seiner musikalischen Grenzwanderung zwischen den Stilen bestimmt, war er schon wieder woanders - abgefahren und angekommen, um den Klang der Welt zu erkunden. Und so hat er sich seither immer wieder selbst neu erfunden.

Die Suche führte Hubert von Goisern "weit, weit weg", von Hallstatt nach New York, von Bad Ischl nach Timbuktu, von Salzburg nach Dakar. Und sie führte ihn auch tief in das Kernland jener heimischen Tradition zurück, die er neu belebt hat und immer wieder von neuem belebt - mit dem, was er unterwegs, "auf Tour", erlebt: nicht rastlos, sondern neugierig und offen. Und so ist er sich bis heute treu geblieben, musikalisch, aber auch in seinem sozialen und politischen Engagement.

Bernhard Flieher ist diesen Reisen über viele Stationen gefolgt, der biografischen wie der musikalischen Entwicklung, von den Anfängen bis heute. Und mit seinem Weg beschreibt er den, der ihn gegangen ist: gerade voran.

Weit, weit weg: Die Welt des Hubert von Goisern von Bernhard Flieher
Erscheint am 7. März 2009
ISBN 9783701731350 | Buch bestellen: Amazon.de | Residenz Verlag

Hubert von Goisern und Bernhard Flieher im Gespräch

22. März 2009 | Fotos: © Sarah Marchant

Der weite Weg des Goiserers

Salzburger Nachrichten 21. März 2009 | Text: Peter Gnaiger

Suchende. Wer sich Hubert von Goisern an die Fersen heftet, kann allerhand erleben. SN-Redakteur Bernhard Flieher hat ein Buch darüber geschrieben.

Weit, weit weg. Dieses von SN-Redakteur Bernhard Flieher verfasste Buch passt in keine Schublade. Genauso wenig wie Hubert von Goisern, der Musiker, der auf dem Cover zu sehen ist.

Hubert von Goisern und Bernhard FlieherBei der Präsentation am Donnerstagabend im Jazzit galt es zwei Fragen zu klären. Erstens: Was bewegt einen Musiker dazu, an den entlegensten Orten der Welt Musik zu machen? Zweitens: Was ist das für ein Journalist, der sich auf die Spuren dieses Musikers heftet? Der kleinste gemeinsame Nenner der Antworten: Es ist die Neugier. Die liege nämlich in der Natur des Menschen. Der suche eben immerzu. Und im Verhältnis zur Schwierigkeit der Suche erweitere sich auch der Horizont des Einzelnen.

Was die Musik des Goiserers mit Fliehers Text noch gemeinsam hat, ist die Erkenntnis, dass die gesamte Menschheit über ein gemeinsames Erbe verfügt. Das ist nicht neu. Aber die beiden liefern neue, oft sehr unterhaltsame Anekdoten als Beweise. Etwa Hubert von Goisern, wenn er von seinem Besuch bei den norwegischen Samen erzählt. "Die haben selten mit mir gesprochen. Und wenn sie es taten, dann haben sie selten die Wahrheit gesagt." Nachsatz: "Aber das war kein Problem - ich bin in so einem Umfeld aufgewachsen."

Die Gästeschar war bunt zusammengewürfelt: Promis aus der Kulturszene waren ebenso da wie etwa der Vater des Goiserers. Der kam, sah und stellte nicht ganz ohne Stolz fest: "Jetzt ham's sogar a Buch über mein Buam gschriebn."

Nur eine Frage blieb offen: Wie hat es Bernhard Flieher geschafft, sich vor seinen Reisen von seiner kleinen Tochter Lola zu verabschieden? Am Donnerstag ließ sie ihn nämlich nicht einmal allein auf die Bühne gehen.

Goisern weit, weit weg

Salzburger Nachrichten 7. März 2009 | Auszug "Weit, weit Weg: Die Welt des Hubert von Goisern"

Seit 1992 folgt Bernhard Flieher, SN-Kulturjournalist, den Spuren, die der rastlose Musiker Hubert von Goisern durch die Welt zieht. So schrieb er Reportagen vom Klang der Welt, die beim Residenz Verlag heute, Samstag, als Buch erscheinen: Weit, weit weg - Die Welt des Hubert von Goisern. Auf Tour zwischen Hallstatt, Ouagadougou und der Ukraine entstand das literarische Porträt eines Suchenden. Ein Auszug.

Vilkovo, Ukraine. Hafen.
27. Juli 2007 - Die Strass'n
Eine Hauptstraße durchzieht das Städtchen. Hauptattraktion an dieser Straße sind eine frisch gestrichene Lenin-Statue und ein Kino im Art-Deco-Stil. Nur auf dem Markt an der Straße herrscht Betriebsamkeit. Kugelschreiber und Plastikspielzeug "Made in China". Ausmalehefte für Kinder aus Moskau. Für seine Erdbeeren und ein aus Quitten erzeugtes weinartiges Getränk namens Molodok bekannt ist die Region - zumindest bei Stammgästen auf den Märkten in der mondänen Meer-Metropole Odessa ein paar Hundert Kilometer entfernt.

Ihren Mann sieht Frau Sovalev, die hier ein kleines Geschäft betreibt, einmal im Monat. Er pendelt zur Arbeit in eine Fabrik gut 1000 Kilometer nach Donezk. In fünf Jahren wird die Ukraine mit Polen die Fußball-EM ausrichten. Donezk wird dann Spielort sein. In Vilkovo wird man davon so viel mitbekommen wie in Bad Goisern: Man wird das TV-Gerät einschalten. Nur ist hier nicht immer sicher, ob es 90 Minuten lang Strom gibt.

Der Mond ist jedoch da wie dort der gleiche. In diesen wolkenlosen, hitzigen Tagen begleitet er die LinzEuropaTour von Hubert von Goisern als Beobachter. Mühelos und kitschig schön dient er als Symbol grenzenloser Verbindung, ja, Zusammengehörigkeit. Auf dem Schiff muss diese Verbindung zwischen Musikstilen und Lebensarten härter erarbeitet werden.

Wenn auf der Bühne über dem glitzerndem Wasser der Donau die Videoeinspielungen beim Song Die Strass'n über die schicken Leinwände tänzeln, wird die Szenerie im kleinen Städtchen bizarr. Bühnenschiff und Donauwasser funkeln wie Discokugeln. Licht und Leinwände, mit denen sich jedes Stadion beschallen ließe, strahlen über der Südukraine.

Man steht auf einem halbverfallenen, brüchig asphaltierten Anlegeplatz - Hafen sagen sie hier dazu, aber das ist übertrieben. Im südlichen Eck der Ukraine steht die Zeit still, was bedeutet: Die Verändungen sind unmerklich, und wo sie passieren, helfen sie wenig. Ruhig ist es in Vilkovo trotzdem nicht. Aufgemotzte Westautos röhren. Coca-Cola, Handy, billige Discomusik und Sat-TV haben schon gewonnen. Sonst aber trifft man in der romantischen Kleinhauswelt kaum Sieger. Nach Russland ist die Ukraine flächenmäßig das größte Land Europas. Dementsprechend schwierig verteilen sich die wirtschaftlichen Kräfte. In den Städten wächst der Wohlstand. In Kiew ereignen sich Revolutionen. Längst führen internationale Bankkonzerne das Geschäft. Vilkovo liegt in einem Schlaf, der immer da ist und immer bleiben wird.

Geruhsamkeit, aber keineswegs Desinteresse bestimmen den Ort am Abend des Konzerts von Hubert von Goisern. Vor der Hafen-G'stättn werden auf den Leinwänden zu Die Strass'n schnell bewegliche Bilder zugespielt, Symbole einer sich rasant urbanisierenden Welt. Auf einigen huschen eilige Menschen dahin. Autos im Zeitraffer wirken wie Spielzeug in den Häuserschluchten irgendeiner anonymen Metropole. Eine Kamera fliegt knapp über Eisenbahnschienen. Für Sekundenbruchteile geht beim Hinschauen die Orientierung verloren. Kein Ziel wird in diesen Bildern erkennbar. Die bloße Abbildung der Bewegung erzeugt aber unruhiges Staunen. Dieses Gefühl wird verstärkt, weil hinter dem zum Publikumsareal umfunktionierten Anlegeplatz in der Beschaulichkeit Vilkovos die Welt still steht. Vorn rennt die hektische Welt und hinten lockt die vermeintliche Idylle der Abgeschiedenheit.

Eben genau diese Ambivalenz aller Orte und Handlungen, das Ruhige und das Aufgeregte, die Oberfläche und die Tiefe, fängt Die Strass'n ein. Verweise auf heimatliche Ursprünge, auf eine regionale Tradition, gibt es in diesem Lied nur mehr, weil im Dialekt gesungen wird und auch ein Jodler auftaucht. Instrumentierung und Gestus des Vortrags aber entsprechen den Vorgaben der Popwelt.

Meistens als viertes oder fünftes Lied wird Die Strass'n auf der LinzEuropaTour gespielt. Vor diesem Lied vom Album Fön aus dem Jahr 2000 endet das Eroberungspaket aus kraftstrotzenden Songs. Mit vollem Schub soll das Publikum ab der ersten Konzertsekunde gewonnen werden. Mit Die Strass'n wird - zumindest zu Beginn des Songs - das Tempo gedrosselt.

Das Lied hat keinen unmittelbaren Adressaten. Es fordert vom Publikum, dass es sich das Lied selbst zu Eigen macht. Es gibt auch keine Erzählerstimme, die von irgendeinem Ereignis berichtet. Hubert von Goisern sammelt und verbreitet simple Weisheiten: "Wer si nu nia g'fürcht hat/wird si' niemals a was traun/und wer nu nia wen gern g'habt hat/der war no' nie alloan."

Zwei Strophen und ein ebenso oft wiederholter Refrain kreisen um eine ewiges Thema beim Reisen: Mit Ausnahme der Straßen, die einen heimführen oder fort, ist beim Unterwegssein nichts gewiss. Die erfrischende Aufbruchstimmung beim Jodeln, durch die das Lied jenseits vom klassischen Strophe-Refrain-Schema nochmals strukturiert wird, beschreibt allerdings deutlich die Lust auf eine ungeheure Freiheit. Hymnisch wird appelliert an die Macht der Selbstbestimmung. Welche der vielen Straßen man einschlägt, wird einerlei. Hauptsache: Mit hellem Kopf unterwegs sein.

Die Strass'n beschreibt die Quintessenz der Bewegung, wie Hubert von Goisern sie als Musikant vollzieht. Erst durch ein Zusammenspiel von Bewegung und Innehalten, von Rastlosigkeit und Stille entsteht ein halbwegs fertiges Bild.

Egal, wohin wir uns bewegen, eine Weltordnung in Schwarz und Weiß, mit ausschließlich gutmenschlichem Anspruch oder einer permanent misanthropischen Haltung bringt keine neuen Erfahrungen. Nur diese neuen Erfahrungen lassen uns beim nächsten Mal wieder freudig aufbrechen und hoffen.

Gegen Ende zu flimmert das Lied langsam aus. Als machte sich einer auf den Weg in eine Landschaft ohne Horizont, klingt das. Immer weniger Instrumente bleiben übrig. Der hymnische Poprock endet nicht mit einem Knalleffekt, sondern entlässt seine Hörer ganz behutsam. Beschrieben wird eine der wenigen Gewissheiten, die bei der zwischenmenschlichen Auseinandersetzung mit dem Fremden, mit dem Anderen, mit dem Unbekannten unabdingbar ist: Wir wissen, dass wir nichts wissen, solange wir's nicht ausprobiert haben. Und damit dieses Lied bloß nicht als immer wirksames Rezept für die Annäherung von Welten missbraucht werden kann, fügt Hubert von Goisern ein: "Es is nix wahr, was ned a g'logn ist."