Hubert von Goisern
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INTERVIEW

Vermischtes: 2003

Weltreisender in Sachen Musik

Schwäbische Zeitung 1. März 2003 | Foto: dpa

Als einer der Erst hat er mit seinem "Hiatamadl" die Grenze von der alpenländischen Volksmusik zum Rock durchbrochen. Doch dann zog sich Hubert von Goisern von der Bühne zurück und reiste in die weite Welt um die musikalischen Traditionen der Völer unserer Erde zu erfahren.

Hubert von GoisernDer brechend volle Saal tobt, wenn Hubert von Goisern auf der Bühne erscheint und einen fetzigen Landler auf seiner steirischen Harmonika spielt. Soweit würden auch Volksmusik-Fans bereitwillig applaudieren. Gesellt sich dann die Band hinzu, wird's rockiger und vor allem internationaler: Reggae und Afro-Rhythmen, wilde Geigen-Soli, verzerrte E-Gitarren, Drums und Bass. Der österreichische Musiker schöpft aus den musikalischen Traditionen verschiedener Kulturen, in denen er seine Erfahrungen gesammelt hat. In diesem Jahr geht's nach Burkina Faso und Mauritius, zu den Samen im hohen Norden Europas und auf die Kapverden. Unser Mitarbeiter Wili Dommer sprach mit dem 50-Jährigen über Seelenverwandtschaft, die Kraft eines Jodlers und ein beschissenes Instrument.

Tibet, Tansania, Salzkammergut, Ägypten - betrachten Sie sich als Weltmusiker?

Ich gebe mir selber kein Etikett, sondern sehe mich einfach als Musiker. Ich schöpfe aus den musikalischen Traditionen meiner engeren Heimat, aber nicht nur. Weil ich viel Jahre auf anderen Kontinenten gewesen bin, habe ich mir auch diese Traditionen teilweise zu eigen gemacht. Ich find's am spannendsten, dort zu spielen, wo ich noch nie war und wo meine Musik für die Leute genauso neu ist für mich die Landschaft, die Sprache oder das Essen.

Und die Erfahrungen aus anderen Kulturen fließen in die Musik ein.

Niemand geht durch sein Leben, ohne dass Erlebnisse hängenbleiben. Jeder, der kreative ist, verarbeitet Dinge, die er erlebt hat.

Sie begannen mit alpenländischen Volksmusik mit Rock-Elementen. Was hat Die bewogen, sich aus ein anderes Terrain zu begeben?

Na ja, es war irgendwie ausgereizt. Ich hab das ein paar Jahre gemacht - mit großer Liebe und Lust. Aber es ist irgendwann einmal dieses "glatt Verkehrte" geworden. Da gab's immer mehr Epigonen, die das oft auf eine Art und Weise gemacht haben, die mir eher peinlich war. Aber es war auch dieses Gefühl: Ich möchte weitergerhen. Und das ging für mich Richtung Reggae, Soul, Funk...

Was verbindet Sie mit den Kulturen dieser Erde?

Ich glaube, was uns mit allen Geschöpfen verbindet. Das ist, dass wir ein Leben leben wollen, in dem es uns an nichts mangelt - nicht an Essen, an Geborgenheit, auch nicht an Abenteurn; und das wollen wir irgendwie alle auf die Reihe kriegen - egal in welcher Kultur wir aufwachsen. Es haben sich verschiedene Sprachen entwickelt, verschiedene Schriften. Wenn ich einem Tibeter zuhöre, der mir etwas auf Tibetisch erzählt, versteh ich nichts. Und so haben sich auch verschiedene Musiken entwickelt. Aber wenn man hinhört, kann man eine musikalische Sprache, die man noch nie gehört hat, trotzdem verstehen. Mit Musik kann man nicht lügen. Mit Worten schon.

Wie tief dringen Sie in die Spiritualität dieser Kulturen ein?

Das hängt davon ab, wie stark die Spiritualität dort ist. Ich war ein halbes Jahr auf den Philippinen und habe dort unter sehr archaischen Umständen gelebt. In Dörfern, die völlig abgeschnitten von der Welt waren. Die hatten einen Ahnenkult, der hat mich total ergriffen. Da hab ich gespürt, welche Ängste die haben, wie sie umgehen mit dem Tod und mit der Vergänglichkeit. Bei den Tibetern ist das auch sehr stark. Doch wenn ich zum Beispiel in Dakar bin, dann ist da von afrikanischer Spiritualität nicht viel zu spüren.

Sind Sie ein spiritueller Mensch?

Ich sehe mich als gläubigen Menschen, der sich bemüht, seine Gottesvorstellung nicht zu besetzen. Das gelingt mir nicht immer. Weil ich im katholischen Glauben aufgewachsen bin, schleicht sich immer wieder diese Gott-Vater-Bild ein. Damit hab ich inzwischen meinen Frieden geschlossen. Es ist eine von vielen Traditionen. Man sollte Religionen wie Islam, Judentum, Christentum im historischen Kontext sehen. Die heiligen Schriften sind mehrere tausend Jahre alt und wurden von Menschen geschrieben. Und die haben sich so ausgedrückt, wie es zu ihrer Zeit üblich war.

Was drückt ein Jodler aus?

Es ist Kraft. Du kannst nicht jodeln ohne Kraft. Um zu jodeln, brauchst du Mut. Du darfst keine Angst haben vor deiner eigenen Kraft. Da du keine Worte brauchst, um zu singen, geht das, was du damit transportieren willst, viel tiefer.

Wie reagieren Menschen aus anderen Kulturen auf Jodler?

Es gibt ja verschiedene Jodler. Wenn ich einen rhythmischen Groove-Jodler mache, dann gehen sie mit. Ich mag am liebsten die getragenen Jodler. Damit haben wir in Afrika Probleme. Da wird schon mal gekichert. Aber ich finde, das ist das Schönste, was einem passieren kann: Wenn man musiziert, und die Leute lachen. Ich fühle mich nie ausgelacht.

Betrachten Sie sich als Wanderer zwischen den Welten?

Ja. Ich hab durch meine Reisen und meine Neugier Freundschaften in allen Teilen der Welt geschlossen. Ich hab nun mal das Privileg, in Europa aufgewachsen zu sein, wo mir viel mehr materielle Sachen zur Verfügung stehen. Auch viel mehr Medien. Ich habe mehr gehört und erlebt als die meisten Menschen aus anderen Ländern, mit denen ich zusammenarbeite. Das macht's mir leichter, auf das einzugehen, was die machen. Wenn jemand Zeit seines Lebens in Dakar musiziert hat, in Tansania oder in Ägypten, dann tut er sich schwer, wenn er zum ersten Mal was Fremdes hört.

Ist es ein Gefühl der Gemeinsamkeit, das Sie bewegt, Kontakt mit "fremden" Kulturen aufzunehmen?

Was das Musikalische, Künstlerische anbelangt, so ist es die Verschiedenartigkeit, die ich suche. Aber passieren tut's immer nur mit Leuten, von denen ich denke: Das könnte mein Bruder sein. Da spürst du: Der sieht das Leben so wie du. Auf einer seelischen Ebene muss ich den Gleichklang spüren. Dann kann ich mit jemand zusammenarbeiten, der was ganz anderes macht.

Was verbinden Sie mit dem Begriff "grenzenlos"?

Nach Afrika zu fahren oder in den arabischen Raum, da gehst du wirklich über alle Grenzen hinweg. Eigentlich hab ich schon das Gefühl, ich hab diese kulturellen Grenzen für mich gesprengt. Gerade dadurch hab ich die Grenzen aber auch so richtig zu spüren bekommen. Wenn du das zum Programm machst, dann merkst du: die Welt ist nich so, wie du sie haben möchtest. Aber das ist auch das Spannende. Eigentlich habe ich immer das Gefühl: Das was ich mache, was ich so zu meinem künstlerischen Leitfaden erkläre, manifestiert sich dann in meinem Leben. Ich schreib die Lieder, und dann werden sie wahr. Da muss ich wohl mal genauer aufpassen, was ich mache.

Was bedeutet für Sie Seelenverwandtschaft?

Es gibt Menschen, die du das erste Mal triffst, aber dabei das Gefühl hast, du musst nicht erst dein Leben erklären, damit der oder die dich versteht.

Kann gemeinsames Musizieren zum gegenseitigen Verständnis unterschiedlicher Kulturen beitragen?

Ja. Bei denen, die's machen und auch bei denen die's hören.

Was sind die nächsten Projekte?

Es gibt Einladungen zu zwei Festivals: auf den Kapverden und in Burkina Faso. Geplant ist auch ein Konzert in der Nähe von Mauritius. Es gibt die Idee mit samischen Musikern was zu machen.

Sie haben als Blasmusiker angefangen. Was hat Sie zur Steirischen gebracht?

Die Steirische hab ich erst mit 37 Jahren in die Hand genommen. Ich hab sie gehasst. Dieses Instrument war ein Synonym dafür, dass man nur diese eine Volksmusik machen kann. Ich hab zu spielen begonnen, weil ich den Leuten zeigen wollte, dass man auf diesem beschissenen Instrument auch ein Musik machen kann, die groovt.