Hubert von Goisern
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INTERVIEW

Vermischtes: 1995

Hubert von Goisern: 1997 komme ich wieder!

Quelle unbekannt 1995 | Text: Bernd Schweinar

Interview mit dem Rock-Musiker nach seinem Rückzug

Hubert von Goisern & die Alpinkatzen hören auf, Hubert Achleitner geht zum Film. Die Nachricht versetzte Mitte 1994 viele Fans in Trauer. Inzwischen ist die Live-CD Wie die Zeit vergeht... erschienen. Und Hubert plant seinen eigenen Film. Wir trafen ihn in München.

Hubert, die meisten Leute interessiert, wann sie wieder von Dir und den Alpinkatzen hören werden?

1997. Es kann sein, daß ich 1996 in irgendeiner Form etwas auf der Bühne mache. Aber konzentrieren möchte ich mich auf ein Filmprojekt, bei dem ich als Drehbuchautor und Schauspieler etwas mir besonders wichtiges umsetzen möchte, das ich aber noch nicht sagen will . Ich denke, daß mich dieses Projekt das ganze nächste Jahr gefangen nehmen wird. Ich weiß nicht, wieviel Kapazitäten ich dazwischen noch frei haben kann. Sein könnte, daß aus dieser Filmmusik dann etwas entstehen wird, mit dem man auf die Bühne gehen könnte, aber das muß sich erst entwickeln.

Bis Herbst 95 möchte ich das Drehbuch fertig schreiben, möglichst auch die Filmmusik vorproduzieren. Vom kommenden Winter bis zum Frühsommer soll dann gedreht, im Sommer geschnitten und im Herbst der Film veröffentlicht werden. So etwa stelle ich mir das ganz naiv vor, weil ich so etwas noch nie gemacht habe. Im Herbst 1996 werde ich dann wohl damit beginnen können, die Bühnenshow für 1997 zusammenzustellen, mit der ich dann als Musiker wieder live unterwegs sein will. Im Moment allerdings möchte ich meine Ruhe haben. Ich muß wieder auf Input schalten. Ich war jetzt jahrelang nur draußen, auf Output gepolt und fühle mich deshalb ziemlich leer und erschöpft. Zwar angenehm erschöpft und angenehm leer, aber ich muß jetzt wieder Bücher lesen, muß wieder mit Menschen sprechen, muß wieder ins Kino gehen und mit meinen Kindern spielen.

Sabine Kapfinger und Hubert von GoisernDeine aktuelle Live-CD trägt den Titel Wia die Zeit vergeht. Ist der Titel auch ein Resultat der Rückschau: vom armen Musiker zum Star, vom Familienvater zum Entertainer, ständig auf Achse? Ist Dir die Zeit zu schnell verronnen?

Nein, es ist nichts verflossen und auch nichts an mir vorbeigegangen. Der CD-Titel ist einfach nur ein Hinweis darauf, wie sich manche Dinge verändert haben. Ich will damit diesen "Fluß" wahrnehmen, daß weder ich noch meine Kinder dort sind, wo wir vor vier Jahren gestanden haben. Mein Sohn ist jetzt 7, meine Tochter eineinhalb Jahre alt. Für die "Vielen" dazusein, schloß in dieser Zeit aus, für meine "Wenigen" daheim dazusein. Das hat in mir etwas unbefriedigt gelassen. Trotz aller großen Erfolge und zahlloser Fans bin ich auch einsamer geworden. Ich glaube, das mußte so sein. Aber jetzt muß ich diese Einsamkeit auch mal in aller Konsequenz spüren.

Kam die Chance, zum Film zu wechseln, gerade zum rechten Moment? Dreharbeiten sind nicht so ruhe- und rastlos wie Konzerttourneen, Du kannst Deine Familie um Dich herum haben.

Mein Entschluß, einen Schlußstrich unter die Konzertreisen zu setzen, ist vor ziemlich genau zwei Jahren gefallen. Ich selbst wußte bereits zum damaligen Zeitpunkt, daß ich mich dem Genre Film widmen möchte - das war lange, bevor irgendjemand auf mich zugekommen ist. Daß der Regisseur Jo Baier mir die Rolle des Bauern Matthias in der Hölleisengretl angeboten hat, daß Josef Vilsmeier mir dem Auftrag der Filmmusik zu Schlafes Bruder gab, das kam mir alles eigentlich ein bißchen zu früh. Aber das waren zu tolle Angebote und zu interessante Menschen, als daß ich hätte sagen können, ich mache das jetzt noch nicht. Dadurch bin, ich für die Umsetzung meines eigenen Filmes, insbesondere durch die Erfahrungen mit dem Josef Vilsmeier, um einiges schlauer geworden.

Wenn man so einen Einschnitt in seine Karriere beschließt, noch dazu auf dem Gipfel, wie Du das gemacht hast, denkt man da auch noch sehnsüchtig an jene Zeit zurück, als man kein Geld hatte, sozusagen "Musiker mit Taxischein" war? Oder ist man vor allem froh, aus diesem Stadium herausgekommen zu sein?

Ich denke darüber schon nach , habe allerdings gemerkt, daß sich die Dinge nicht wesentlich geändert haben. In der Zeit, als ich kaum Engagements hatte, war ich auch sehr glücklich. Hatte damals' mehr Zeit, mich meinen Freunden zu widmen, habe jede Woche zwei Bücher gelesen und sehr viel meditiert, mich mit Spiritualität und Glauben beschäftigt, war sehr viel in den Bergen. In den ersten beiden Jahren in Wien, 1983 und 84 hatte ich ein Jahreseinkommen von (!) 2000 Mark.

Und davon habe ich gelebt. Das ging! Ich bin des-wegen nicht unglücklich gewesen und habe auch nicht mehr an meiner Musik gezweifelt, als ich jetzt manchmal an ihr zweifle.

Ringsgwandl hat unlängst ein Musical geschrieben und beim Ingeborg Bachmann-Preis gelesen, Jürgen Buchner schreibt seit ewigen Zeiten Filmmusiken, und Hubert von Goisern eröffnet sich auch neue Horizonte, denkt über den Rand des musikalischen Erfolges hinaus. Es sind nur wenige, die sich nicht als Marionette der Branche definieren und mehr wollen. Was willst Du?

Seit ich mich erinnern kann, geht es mir immer auch darum, aus mir und meiner Rolle herauszugehen. Früher habe ich das geographisch gemacht, indem ich sieben Jahre um die Welt gereist bin, um ein Gefühl für meine Heimat und meine Kultur zu bekommen. Mein Weg ist der, daß ich mich verliere, wenn ich zu lange an einem Punkt bin. In den letzten Jahren war meine innere Stimme für mich nur sehr schwer wahrnehmbar, weil ich immer nur die der anderen gehört habe. Jeder hat nur gesagt: das muß, und das muß, und das... Aber jetzt muß ich zur Ruhe kommen, muß alle Leute wegschieben, muß still werden und die Melodien und Klänge wieder wahrnehmen, die in mir sind. Ich will wieder in mich hineinhören können.

Du zählst zu denjenigen, die für die Neudefinition des Begriffs Heimat stehen. Diese bedingt aber auch, daß man mehr miteinander redet, seine Umwelt intensiver wahrnimmt, vor allem deren Schäden. Ist es eine Chance für die Begrifflichkeit von Heimat, daß sie von der intellektuellen, ökologischen Ecke "entdeckt" worden ist?

Ich glaube schon. Es geht abgesehen von der Toleranz - darum, daß man sich die Sachen ansieht, die um uns passieren. Man muß sich bewußt werden, was im Zeitraum der letzten 30 bis 50 Jahre mit unserer Landschaft passiert ist. Deswegen möchte ich bei uns in Goisern, wo die Struktur noch sehr bäuerlich ist, nächstes Jahr eine Ausstellung zum Wald machen. Ist Wald nur das Holz, das da steht, oder hat Wald eine übergeordnete Bedeutung? Dafür habe ich jetzt viele, in Goisern verwurzelte Leute um alte Bilder gebeten. Ich will sehen wie das Tal Goisern früher ausgesehen hat. Für mich war der Wald immer wie ein Pelz. Und jetzt sehen unsere Berge aus wie eine räudige Gams. Solange ich in Goisern nur gesagt habe, ich möchte alte Bilder von unserer Landschaft haben, waren alle begeistert und offen. Im Gespräch hat sich dann aber herausgestellt, daß ich die Bilder haben will, um aufzuzeigen, was verloren gegangen ist. Und plötzlich eisiges Schweigen! Die Bilder wurden wieder eingepackt. Ich will mit meiner Ausstellung niemanden beschuldigen, will nur zeigen, wie es war und wie es heute aussieht. Aber plötzlich haben sich Leute schuldig gefühlt, die überhaupt nicht schuldig sind. Ich werde diese Fotoausstellung trotzdem machen.

Gehört das auch zum geplanten Projekt Künstlerplattform wo Musiker, Schauspieler u.a. das Zeitgeschehen kommentieren wollen, so wie dies andere verantwortungsbewußte Persönlichkeiten und Institutionen begonnen haben?

Zum Beispiel! Das spielt da auch mit hinein.

Von wem ging die Idee zu einer solchen Künstlerinitiative aus?

Neben mir waren das auch der Hage Hein, mein Manager, und der Salzburger Kinderbuchverlag Neugebauer. Aber ich möchte das alles unpolitisch halten. Nichts liegt mir ferner, als zu sagen, wir wären jetzt noch eine grüne Bewegung. So würden wir wieder viele Leute nicht erreichen. Es geht mir vor allem um Informationen. Nur die Information ist unsere Chance. Wir haben so wahnsinnig viele Medien, und die Leute werden ständig von allen zugepflastert - ob das Werbung ist oder die Nachrichten. Andererseits hat die Kirche überhaupt nichts mehr zu sagen. Kein Mensch hört mehr auf die Kirche - zu recht auch, weil die nur mehr fossiles Gedankengut verbreitet und überhaupt nicht mehr auf die Situation eingeht. Ich glaube allerdings nicht, daß die Künstler die neuen Priester unserer Zeit sind, aber sie sind auf jeden Fall um keinen Deut weniger Priester als es ein Politiker ist.

Wie stehst Du zur Kirche?

Ich bin aus der katholischen Kirche ausgetreten, weil ich das nicht mehr ausgehalten habe. Aber ich zähle noch immer sehr viele Priester zu meinen Freunden und schätze auch deren Arbeit. Ich bin nicht der Meinung, daß jeder austreten soll, aber ich konnte das mit mir selbst nicht mehr in Einklang bringen.

Drückt sich das auch in Deiner Arbeit aus?

Ich hoffe daß ich alt genug werde, um das mal zu machen. Jetzt fühle ich, daß ich das anders ausdrücken muß. Aber ich habe begonnen, eine Messe zu schreiben. Diese Messe ist zu einem Drittel fertig, aber ich kann mir vorstellen, daß ich die vollende. Momentan jedoch ist das nicht mein Leben, dazu müßte ich mich noch mehr zurückziehen, noch vergeistigter werden. Momentan stellt es mich schon zufrieden, wenn ich mich hinsetzen und still werden kann.

Musiker und Stille, das läuft den Gesetzmäßigkeiten doch entgegen. Ein Musiker artikuliert sich, ein Filmemacher artikuliert sich, und selbst wenn du Filmmusiken schreibst, hast du ein Gefühl, daß du mit Klängen einer Szene unterlegst und damit etwas ausdrückst. Ist die Stille, Dein momentaner Wunsch danach, nicht auch etwas, was Du brauchst, um neue Kraft zu schöpfen?

Jeder Ton kommt aus der Stille. Der Ton ist im Lärm nicht wahrzunehmen. Nur wenn es vollkommen still ist, kann man selbst mit subtilen Klängen arbeiten. Für jeden Musiker ist die Stille als Urgrund sehr, sehr wichtig.