Hubert von Goisern
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WISSENSSTERBEN

Vermischtes: 2013

Wissenssterben: Der Verlust von lokalem Wissen

18. November 2013

Der Verlust von lokalem Wissen ist Thema beim Diskussionsabend "Wissenssterben" am 20. November 2013, 19.00 Uhr, in St. Virgil. Der Musiker Hubert von Goisern, Franz Karl Prüller von der Erste Stiftung und die Regionalentwicklerin Anita Moser diskutieren mit dem Sozialphilosophen Clemens Sedmak.

Wissen ist Macht, und Macht definiert Wissen. Diese Macht findet sich in urbanen Zentren mit seinen Eliten, Konzernen, Universitäten. Neue Technologien überschwemmen die Dörfer und entwerten handwerkliches Wissen, Gesundheitswissen, Traditionswissen. Das mag manchmal gut und wichtig sein, wirft aber viele Fragen auf. Das lokale Wissen in den Dörfern wird durch elitäres städtisches Wissen ersetzt. Dabei stirbt lokales Wissen, ähnlich wie Sprachen aussterben oder bestimmte Pflanzenarten. Das Wissen etwa um Handwerk, Anbau, Kochen und Heilen geht verloren oder gilt als überholt. Was geschieht, wenn dieses Wissen untergeht? Wissen wir eigentlich, was wir an lokalem Wissen haben? Dieser Frage nach Wert und Grenzen des lokalen Wissens geht dieser Abend nach.

Es diskutieren:

Hubert von Goisern, Musiker, Salzburg
Anita Moser, Mediatorin für Dorf-und Regionalentwicklung, Salzburger Bildungswerk
Franz Karl Prüller, Erste Stiftung, Wien

Moderation: Clemens Sedmak, Internationales Forschungszentrum für soziale und ethische Fragen, Salzburg

"Mit dem Rücken zur Wand"

Die Furche 30. Dezember 2013 | Text: Martin Tauss

Ist altes, lokal verankertes Wissen vom Aussterben bedroht? Musiker Hubert von Goisern über die fruchtbare Spannung von regionaler Bindung und Weltoffenheit sowie die politische Dimension von Tradition.

Die Auseinandersetzung mit regionaler Identität und lokalen Musiktraditionen spielt im Werk von Hubert von Goisern eine herausragende Rolle. Ende November beteiligte sich der Musiker in St. Virgil Salzburg an einer Diskussion zum Thema "Wissenssterben". Infolgedessen traf ihn die FURCHE zum Gespräch.

Welchen Wert hat altes lokales Wissen in unserer technologischen Welt?

Wenn man lokales Wissen verliert, wird man im schlimmsten Fall völlig abhängig von der Außenwelt. Und regionale Einflüsse durch Klima, Landschaft oder natürliche Ressourcen kann man nicht einfach wegwischen durch Technologie. Ich halte die Tradition aber nicht unbedingt hoch. Der Begriff des alten tradierten Wissens wird immer so hochstilisiert. Etwas ist nicht gut, weil es alt ist, sondern es ist alt, weil es gut ist.

Gute alte Traditionen – welche Beispiele fallen Ihnen hierzu ein?

Das Mähen mit der Sense etwa wird dort fortgeführt, wo es praktisch ist. Ich habe eine kleine Wiese, die ich so mähe. Mir erscheint es unsinnig, einen Rasenmäher zu kaufen, der Sprit verbraucht, stinkt und lärmt. Du bist unabhängig vom Erdölpreis, und es gibt nichts zu entsorgen. Diese Unabhängigkeit von der Versorgungslage ist mir die Anstrengung wert. In der Musik sind es die akustischen Instrumente, wo du keinerlei Steckdosen brauchst oder die Gesangstechnik des Jodelns ...

Warum sind die volksmusikalischen Elemente so wichtig für Ihre Arbeit?

Ich spiele immer wieder auf anderen Kontinenten vor einem Publikum, das kaum oder gar keine Ahnung von Österreich hat. Wenn ich in Afrika oder Nashville oder Louisiana mit der Ziehharmonika dastehe und einen Landler spiele, fühle ich mich nicht mehr allein und angreifbar. Dann stehen Generationen von Musikern hinter mir und halten mich.

Wie haben Sie die heimische Tradition des Jodelns für sich entdeckt?

Ich habe 1982 ein halbes Jahr auf den Philippinen gelebt und dort eine sehr archaische Art des Musizierens kennen gelernt. Da gab es keinen Radio, kein TV, keinen Plattenspieler – und die Leute waren ganz auf sich zurückgeworfen, wenn sie Musik machen wollten. Das hat mich sehr berührt, und ich habe mich erinnert, dass mir die musikalischen Traditionen in meiner Heimat nicht so nahe gegangen sind. Bei den Volksmusikanten habe ich immer so eine Strenge gespürt, die mir unangenehm war: Wenn der Goiserer Viergesang aufgetreten ist, hat auf der Bühne oder im Publikum nie jemand gelacht. Das wäre wie eine Störung der Messe gewesen. Ich bin mit den Beatles aufgewachsen, auch Jazzer wie Louis Armstrong und Miles Davis waren große Helden für mich. Die Traditionalisten zuhause aber haben über diese Musik geschimpft. Da dachte ich mir: Wenn ich mich mit denen einlasse, werde ich genauso engstirnig. Erst als ich nach sieben Jahren im Ausland nach Österreich zurückkam, habe ich begonnen, mich mit den eigenen Wurzeln zu beschäftigen, die ich als junger Mann abgelehnt habe, da mir die Szene zu ausschließlich war.

Ist das ausschließende Moment eine Vorbedingung, dass die Kultur in ihrer Reinheit und Ursprünglichkeit bewahrt bleibt oder muss das nicht zwingend so sein?

Nein. Denn ewige Ursprünglichkeit kann ja nicht das Ziel sein. Mein Ursprung ist ein anderer als der meines Vaters, obwohl wir im selben Tal aufgewachsen sind. Aber wenn es eine starke regionale Identität gibt, dann sind das Kulturen, die etwas Ausschließendes haben. Das finde ich gruselig. Andererseits bin ich davon angezogen und fasziniert, und setze mich immer wieder Situationen aus, in denen ich ausgeschlossen werde. Ich habe mich wochenlang unter den Samen, den senegalesischen Trommlern und den Tuareg bewegt, und bin immer von ihnen geschnitten worden. Ich habe mit keinem dieser Leute Freundschaft geschlossen, obwohl ich mich sehr darum bemüht habe.

Wie ist diese Ablehnung zu erklären?

All diese traditionellen Kulturen, einschließlich unserer Volksmusik, empfinden sich als die letzten Glutnester. Sie stehen mit dem Rücken zur Wand und haben Angst vor Veränderung. Aber jede Kultur, die sich rigoros abschottet, ist letztlich zum Untergang verurteilt. Das kulturelle Wissen weiterzugeben und gleichzeitig eine Befruchtung, also Wandlung zuzulassen, das ist der große Spannungsboden, der meine Arbeit seit fast drei Jahrzehnten prägt.

Traditionelle Kulturen sind zwar vom Aussterben bedroht, haben aber heute die Chance, im elektronischen Archiv des Internets irgendwie zu überleben ...

Es geht ja nicht darum, kulturelles Gut mit allen Mitteln zu erhalten, sondern um ständige Anpassung und Verbesserung unserer Kultur. Vertrautes gibt uns nicht nur Sicherheit. Traditionen sind Anbindung an die Vergangenheit – und da gibt es einiges, worauf ich gerne verzichte.

Führt die Globalisierung zur Verwässerung lokaler Musiktraditionen?

Es besteht die Gefahr, dass aus der "Weltmusik" eine Allerweltsmusik wird. Aber Kreativität findet ja nicht im geistigen Vakuum statt. Sie speist sich aus vielen Quellen, nie aus einer einzigen. Und gegenseitige Befruchtung gibt es von Anbeginn der Schöpfung.

Was bedeuten die unzähligen Archive im Internet für Sie?

Ich finde es großartig, aber es erschlägt mich auch. Allein der musikalische Fundus auf "youtube" ist ein Wahnsinn. Hier finde ich eigentlich alles, selbst die exotischsten Sachen. Zugleich be- und verhindert es die Phantasie, die früher mit der Suche verbunden war, weil man sofort eine scheinbar konkrete Information erhält.

Was sagen Sie eigentlich zur neuen Bundesregierung und der Auflösung eines eigenen Wissenschaftsministeriums?

Ich bin fassungslos, dass ein Karlheinz Töchterle, der seine Arbeit wirklich gut gemacht hat, keinen Platz in der neuen Regierung gefunden hat. Unabhängig davon ist die Abschaffung des Wissenschaftsministeriums eine kulturpolitische Niederlage. Und Sebastian Kurz zum Außenminister zu machen, ist eine Verhöhnung dieses Amtes. Bei allem Respekt für den neuen Minister, aber da fehlt ihm die Lebenserfahrung. Spannender hätte ich es gefunden, ihn zum Unterrichtsminister zu machen. Ich verstehe auch nicht, warum die SPÖ nun zum zweiten Mal dem Junior-Partner so wichtige Ressorts wie Innen-, Aussen-, Finanz- und Justizministerium überlassen hat. Eigentlich kann es ja gar nicht so schlimm werden, wie man sich das jetzt vorstellt. Aber die Hälfte ist auch schon genug.

Lokales Wissenssterben

St. Virgil Salzburg 21. November 2013 | Foto: IFZ

Über Inuits, Kajaks und den Goiserer Viergesang

Gestern Abend diskutierten Hubert von Goisern, Anita Moser und Franz Karl Prüller mit Clemens Sedmak zum Thema "Wissenssterben". Stirbt lokales Wissen, ähnlich wie Sprachen aussterben oder bestimmte Pflanzenarten? Was geschieht, wenn lokales Wissen untergeht? Was ist lokales Wissen wert? Sehnen wir uns nicht immer nach dem, was wir nicht mehr haben? Glorifizieren wir altes Wissen?

Wenn eine gute Idee in die Welt gesetzt wird – bleibt sie dann da? Hubert von Goisern berichtete von den Inuits auf Grönland, die den Kajakbau gleich zweimal erfunden haben. Franz Karl Prüller kam zu Schluss, dass Wissen heute nicht mehr sterben muss. Wir können alles aufzeichnen, die Frage ist, was wir damit machen? Anita Moser betonte mit vielen Beispielen aus der Praxis der Gemeindeentwicklungsarbeit, dass lokales Wissen, kommunikatives, lebendiges Wissen ist und ein großer Schatz für uns alle.

Was stirbt, wenn Wissen stirbt? Franz Karl Prüller erzählte von seinen Erfahrungen mit Geschichtenerzählern in Somalia. Gerade in Flüchtlingslagern sei es von immenser Bedeutung, wenn es jemanden gibt, der Geschichten aus der Heimat erzählt. Als Zeichen von Kraft, Stütze, Stück Heimat im Lager und zur Identitätsbildung. "Warum braucht es Wissen? Zum Überleben. Wenn sich beispielsweise Technologien ändern, wird altes Wissen ersetzt, es ist heute nicht mehr notwendig, Heuwagen selbst zu bauen.", so Prüller. Der Verlust von Wissen kann auch ein Gewinn sein.

"Altes Wissen ist nicht gleichbedeutend mit sehr wertvoll, weil es sehr alt ist. Für mich gilt es, das alte Wissen immer wieder zu überprüfen ... ob es eine Bedeutung hat, über das museale hinaus", so Hubert von Goisern. Es sei nicht notwendig, alles zu konservieren und archivieren. Die Balance zu finden - zwischen Alt und Neu - sei wichtig. Er selbst hat sich auf die Suche nach dem Ursprung der Musik, nach den ersten Melodien gemacht. Woher kommen die alten verschlungenen Jodler? Die Volksmusik als "in sich geschlossener Kosmos" war wenig hilfreich, die Tondokumente des Goiserer Viergesangs umso mehr und die Neugierde hat ihn in die Welt hinaus geführt.

Spannende und prominente Diskutanten, mit teilweise sehr persönlichen Zugängen zum Thema am Podium, ein gefüllter Saal in St. Virgil und viele Wortmeldungen aus einer sehr interessierten und aufmerksamen Zuhörerschaft: Kurzum ein gelungener Auftakt zur gerade stattfindenden wissenschaftlichen Konferenz "Local Knowledge".

Altes, regionales Wissen wieder gefragt

ORF 21. November 2013

Immer mehr junge Salzburger interessieren sich für altes Wissen aus der Region. Das beobachtet Anita Moser von der Dorf- und Regionalentwicklung. Lokales Wissen sei also nicht vom Aussterben bedroht.

Das war am Mittwochabend in St. Virgil Tenor einer Podiumsdiskussion zum Thema "Wissensterben". Kritisch äußerte sich dabei der Musiker Hubert von Goisern. Er habe die Erfahrung gemacht, dass die Alten bei der Weitergabe von lokalem Wissen oft sehr rigid seien.

Hubert von Goisern: "Machte bittere Erfahrungen"

Wer etwas von den Alten lernen will, müsse sich genau an ihre Spielregeln halten, sonst könne er gehen. Diese bittere Erfahrung habe er als Jugendlicher gemacht, sagte bei der Diskussion Hubert von Goisern. "Ich bin in Bad Goisern in einem sehr musikalischen Milieu aufgewachsen. Goisern hatte damals 6.500 Einwohner und sieben Blasmusikkapellen. Ich war neugierig auf alles, was sich musikalisch abspielt. Dabei habe ich aber rasch gemerkt, dass die Szene der Volksmusiker, wo ja meist das alte musikalische Wissen liegt, überhaupt nicht meins war."

"Man musste es genau so machen wie sie"

"Es hat mich zwar interessiert, aber ich bin da gleich einmal auf eine Wand gestoßen. Man musse es ganz genau so machen, wie die es gemacht haben. Hat man es anders gemacht, dann wurde man gleich böse angeschaut oder es wurde überhaupt gesagt: Da brauchst Du gar nicht mittun. Und da habe ich mir gedacht, da möchte ich lieber nicht dabei sein", berichtete Hubert von Goisern.

"Über den Krieg wollten sie nicht reden"

Er habe auch sich sehr dafür interessiert, was die alten Leute zu erzählen gehabt hätten, doch nur wenige hätten reden wollen, sagte Hubert von Goisern. "Über den Krieg, der mich wahnsinnig interessiert hätte, wollten sie nicht reden. Und die Jodler wollten sie mir auch nicht beibringen."

Projekte zur besseren Verständigung von jung und alt

Zur besseren Verständigung zwischen jung und alt tragen in Salzburg seit genau zehn Jahren Projekte zur sozialen Gemeindeentwicklung bei wie zum Beispiel ein Projekt aus Ramingstein, wo einheimische Senioren mit den Schülern in das alte Silberbergwerk gehen und ihnen von damals erzählen, sagt Anita Moser von der Dorf- und Regionalentwicklung. "Da interessieren sich beide Generationen füreinander - jung und alt. Und ich habe das Gefühl, dass das in den vergangenen Jahren gewachsen ist. Und wegen des großen Interesses an lokalem Wissen starten laufend neue Projekte."