Hubert von Goisern
DE
EN
 

FEDERN

FEDERN >> Presse 1 2 3

"Es ist noch viel, viel schlimmer"

Badische Zeitung 9. Mai 2015 | Text: Peter Disch | Foto: Wolfgang Grabherr
Hubert von Goisern

BZ-INTERVIEW: Hubert von Goisern spricht über seine Reise in den US-Süden,
das daraus entstandene Album "Federn" und sein Amerika-Bild.

Hubert von Goiserns alpenländische Rockmusik lebt vom Austausch mit anderen Kulturen. 2013 ist der 62-jährige Österreicher nach Nashville und New Orleans gereist, um mit US-Musikern zu spielen. Das Ergebnis ist sein neues, stark von Blues und Country geprägtes Album Federn. Seine Hoffnung, dass ihm die USA nach seiner Reise weniger fremd sind als bisher, hat sich jedoch zerschlagen. Warum, das hat er im Gespräch mit Peter Disch erzählt.

Snowdown, der erste Song des Albums, ist eine Hommage an Chelsea Manning und Edward Snowden, die Informationen über das US-Militär und Spionagepraktiken des Landes öffentlich gemacht haben. Was sagt das über Ihr Verhältnis zu den Vereinigten Staaten aus?

Ich hab ja viele Enttäuschungen erlebt auf meiner Recherchereise für dieses Projekt. Aber es gibt natürlich auch ganz tolle Momente und wunderbare Menschen, die in den Vereinigten Staaten groß geworden sind und nicht diese befremdliche Politik mittragen, die die ganze Welt ins Chaos hineinführt und verbrannte Erde hinterlässt. Drum habe ich ihnen diesen Song gewidmet.

Der Songtext kritisiert Europa dafür, Snowden kein Asyl gewährt zu haben. Er dreht sich aber auch um die Feigheit eines jeden Einzelnen.

Ich sage nicht gerne "Die da", ich sage so etwas lieber in der ersten Person, weil ich mich da eingeschlossen fühle. In so ein paar lichten Momenten, und dazu gehören die, in denen ich Lieder schreibe, spüre ich dann meine eigenen Unzulänglichkeiten.

Wie kam es zu der USA-Reise?

Ich hatte plötzlich das Gefühl, diese allgemeine Ablehnung der Vereinigten Staaten hat auch auf mich übergegriffen. Ich dachte, ich kann gegensteuern, nicht nur für mich persönlich, auch darüber hinaus, Verständnis füreinander entwickeln, indem man etwas miteinander macht. Dafür bin ich da hingefahren, wo es am meisten weh tut: in den Bibelgürtel, in die Südstaaten.

Ich bilde mir nicht ein, dass ich Amerika jetzt begriffen habe. Aber ich weiß jetzt Einiges mehr, was da drüben abläuft. Was meine Gefühle zu diesem Land anbelangt, die ich ausräumen wollte – das ist vollständig nach hinten losgegangen. Es ist noch viel, viel schlimmer. Am meisten hat mich erschüttert, dass das Gefühl herrscht, dass es außerhalb der Vereinigten Staaten nichts gibt, das es wert ist, dass man sich dafür interessiert. Für die Leute ist Europa so etwas wie ein historisches Disneyland. Dieses Unverständnis für die Politik gibt es auch reziprok. Die Amerikaner verstehen überhaupt nicht, was wir da für einen Film laufen haben.

Gibt es auch Positives?

Ich hoffe, dass ich erst in der Mitte der Aufgabe bin, die ich mir gestellt habe. Ich habe dort auch Freunde gefunden wie den Pedal-Steel-Gitarristen Steve Fishell, einen Musiker mit einer klar amerikanischen Identität, der den Mut gefasst hat, vergangenes Jahr rüberzukommen, um mit mir aufzutreten.

Das USA-Projekt soll weitergehen?

Diese Hoffnung habe ich. Aber es ist kein Plan. Jetzt gehen wir erst einmal mit den Songs auf Tour. Es kommt noch ein amerikanischer Musiker dazu, Bob Bernstein. Diese Leute kehren mit einer Geschichte nach Amerika zurück. Steve Fishell hat nach den Konzerten im Herbst gesagt, er hat noch nie so eine geile Tour gespielt. Es war alles ganz anders, als er es sich vorgestellt hat. Das ist doch ein Anfang. Wenn er nur ein paar der Geschichten weitererzählt, die er hier erlebt hat, dann sind wir schon ein Stück weiter.

Sie haben für Federn vielfach gecoverte Traditionals wie Amazing Grace oder Hank Williams' Country-Klassiker Jambalaya on the Bayou interpretiert. Was hat Sie daran gereizt?

Williams ist eine wirkliche Ikone. Jambalaya war seine erste Nummer eins im September 1952, meinem Geburtsjahr, ich kam zwei Monate später zur Welt, am 31. Jänner 1953 ist Williams gestorben. Ich wollte einfach eine Hommage an diesen Typen machen. Natürlich ist es eine große Aufgabe, seinen größten Hit zu spielen. Aber warum seinen zehntbesten Song nehmen (lacht)?

Da Sie neue Texte zu den Songs schreiben, können Sie ja immer auch eine eigene Note hineinbringen.

Als ich mit dem Texten angefangen habe, hatte ich den Anspruch, die Titel so zu spielen, dass man das Gefühl haben könnte, es handelt sich um alpine Volkslieder, nur halt mit einer Steel-Gitarre dabei. Das ist mir, glaube ich, auch in den meisten Fällen gelungen.

Wie schwierig ist es, alpenländische und Südstaaten-Musik zu verbinden?

Das geht von selber. Das flutscht. Die haben ja dieselben Wurzeln. Die Menschen, die vor 200 Jahren ausgewandert sind, habe diese Lieder, diese Art zu singen, mitgenommen. Und daraus ist drüben die Countrymusik geworden. In Texas finden sie wahrscheinlich mehr Leute, die jodeln als in Tirol.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Beim Traditional Corrina, Corrina dachte ich: Ich kenn das Lied. Was ist das? Bis ich drauf gekommen bin: Das ist eigentlich das Volkslied Steirer Bua. Wenn zwei, drei Noten anders sind, dann ist es viel. Und einmal ist ein Akkordwechsel um eine Viertelnote früher. Aber es ist deckungsgleich.

Könnten Sie sich eigentlich vorstellen, in den USA zu leben?

Wenn es sein muss, kann ich jedem Ort etwas abgewinnen. Aber so frei zu leben wie in Mitteleuropa, das ist in Amerika nicht möglich.

Hubert von Goisern hat genug von der "Lederhosenmusi" in New Orleans

OÖN 8. Mai 2015 | Text: Lukas Luger

Warum wir unter einer Angst-Glocke leben, ihn seine USA-Reise enttäuscht hat und worauf er sich beim Konzert auf Burg Clam freut, verrät Hubert von Goisern im Gespräch mit den OÖNachrichten.

Ihr neues Album trägt den Titel Federn. Eine Anspielung auf "mit fremden Federn schmücken" oder doch auf "Federn haben", also Angst verspüren?

Wir leben unter einer Angst-Glocke. Man hat Angst vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch, der Arbeitslosigkeit, den Russen, dem Islam, vor dem Genmais. Diese Ängste bestimmen unser Leben. Noch mehr Angst als wir haben die Amerikaner, ich war ja vor kurzem drüben bei denen. Die scheißen sich wirklich vor allem an. Weil sie nichts wissen über den Rest der Welt.

Wovor haben Sie "Federn"?

Vor Missverständnissen. Nicht verstanden zu werden, stört mich nicht. Falsch verstanden zu werden, kann Stress auslösen. Plötzlich bist du Feindbild für jemanden – und weißt nicht einmal warum.

Sie schreiben im Begleitheft zum Album, Ihre Inspirations-Reise in die US-Südstaaten habe Sie ernüchtert zurückgelassen. War die Erwartungshaltung zu groß?

Ich habe mir schon im Vorfeld gedacht, es wäre zielführender, nach Austin zu fahren, wo die Außenseiter der Countrymusik zu Hause sind. Aber ich wollte eben unbedingt nach Nashville mit seiner Geschichte und den unzähligen Tonstudios. Es gibt in Nashville eine sehr gute Ausbildung für Sänger und Instrumentalisten, die regelrecht für die Front geschult werden. Dort kommt nie Kreativität, sondern im besten Fall Virtuosität heraus. Jeder versucht nur die Erfolgsformel zu erfüllen. Dieser Dienstleistungsgedanke unter den Musikern hat mich fertiggemacht.

War New Orleans ähnlich?

Es gibt in New Orleans wirklich lässige Musik zu hören. Nur ist alles Tourismus pur. Das fühlt sich an wie in St. Wolfgang: die Souvenirstandln, die Lederhosenmusi aus den Kassettenrekordern. Man hat einfach gemerkt, die machen das ausschließlich für die Leute, die dort extra hinkommen.

Existiert eine Seelenverwandtschaft zwischen Country, Blues und alpenländischer Volksmusik? Ist Ihre Coverversion von Hank Williams' Jambalaya (On The Bayou) ein Ausdruck davon?

Absolut. Countrymusik ist nichts anderes als Volksmusik, die vor 200 Jahren in die USA gebracht und dort amerikanisiert wurde. Wir arbeiten mit denselben Harmonien, erste und fünfte Stufe. Die klassische abendländische Kadenz ist die Grundlage des Blues und jedes Country-Songs. Was mich bei meiner Reise so enttäuscht hat, ist, dass diese Erkenntnis in den USA quasi nicht existiert. Was dort unter Country rennt, ist volkstümlicher Schlager. Das hat mit "Volksmusik" nichts zu tun.

Sie sind Monate bevor das Album erschien, auf Tournee gegangen. Hat das Live-Spielen Ihr Verhältnis zu den Federn-Songs verändert?

Das Album war bereits vor einem Jahr fertig produziert. Dann hab' ich die Krise bekommen und gedacht: "Des is ois a Schaas!" Ich wollte nicht, dass das Album veröffentlicht wird. Der Band gegenüber habe ich mich aber verpflichtet gefühlt, die Tournee zu spielen. Über den Sommer hab' ich mein Hirn durchgelüftet, und als wir im September dann geprobt haben, hat's "Wooop!" gemacht und alles hat gepasst. Wir haben noch zwei Recording-Tage eingelegt, ich habe alle Lieder neu eingesungen. Denn nach 20 Konzerten weiß man, wie die Stücke phrasiert gehören.

Live wird's Federn am 24. Juli auf Burg Clam zu hören geben.

Wir freuen uns irrsinnig auf Clam. Ich hoff', es wird schön warm, die Leute können gmiatlich in der Wiese sitzen und das Konzert genießen. Das wäre mein Traum!

Hubert von Goisern: "Musik machen ist für mich zaubern"

NEWS 9. Mai 2015

Hubert von Goisern lässt sein Leben in der Dokumentation Brenna tuat's schon lang Revue passieren und in seinem neuen Album Federn Songs im Südstaaten-Stil erklingen. Das musikalische Multitalent im Interview.

Zwischen Freiheitsdrang und Ängsten

Aachener Zeitung 8. Mai 2015 | Text: Michael Loesl | Foto: stock/Eibner

Hubert von Goisern hat sein neues Album "Federn" genannt.
Alpine Musik und amerikanische Einflüsse treffen zusammen.

Hubert von GoisernMan muss Österreicher sein oder zumindest lange in Österreich gelebt haben, um Federn, den Titel des neuen Hubert-von-Goisern-Albums, richtig deuten zu können. Selbstverständlich illustriert die Feder als Symbol des Fliegens und der Freiheit das Dasein des musikalischen Vagabunden aus dem Salzkammergut ganz vortrefflich. Aber Federn ist viel mehr eine Aussage zum große Ganzen als zum Istzustand seines Verfassers. Wenn Österreicher mitteilen, Federn zu haben, meinen sie, dass sie "Schiss haben"...

"Unsere Zeit ist geprägt von Ängsten, die uns beschäftigen, oder solchen, die uns beschäftigen sollen", kommentiert von Goisern. "Wir müssen scheinbar wieder vor den Russen Angst haben, wir sollen uns vor der Weltwirtschaftskrise fürchten, vor Terroristen und am Ende sogar vor uns selbst. Ängste lähmen das freie Denken und Handeln, und die Doppeldeutigkeit der Feder im Österreichischen ist ein passender Spiegel dieser Ambivalenz, des instinktiven Freiheitsdrangs der Menschheit einerseits und geschürten Ängsten andererseits, wie ich finde."

Natürlich fühlt sich einer wie er, dessen Leben und Werk seit jeher vom Erkunden der Welt, vom Reisen und vom grenzenlosen Miteinander geprägt ist, angesichts des geschilderten Zustands der Spezies Mensch zur Wahl eines anderen Weges geradezu angespornt. Zum Finden neuer Mitstreiter, die, wie er, das Verbindende in der Musik suchen, ging er in den Süden der USA. So wie damals, 1972, als er 20 Jahre alt war, mit Sack und Pack nach Südafrika umsiedelte, um dem als kulturell und gesellschaftlich zu eng empfundenen Österreich entfliehen zu können.

Damals arbeitete er noch als Chemielaborant, bevor ihn die Leidenschaft zur Musik zum Gitarrenstudium in die kanadische Stadt Toronto führte. Anschließend zog es ihn auf die Philippinen, wo es erstmals zum Austausch mit dortigen Volksmusikern kam, denen er sein volksmusikalisches Verständnis erklärte.

Hubert von Goisern, der fälschlicherweise als Alpenrocker bezeichnet wird, legt großen Wert auf die Unterscheidung zwischen Volksmusik und volkstümlicher Musik. Um Letztere macht er beherzt einen weiten Bogen. Sein Selbstverständnis als Volksmusiker greift weit aus, der Kern seiner Musik ist eine erdige Mixtur aus traditionell alpinem Volksgut, Pop und Punk. Vor 25 Jahren wurde er damit zum wichtigsten Vertreter der "Neuen Volxmusik", und die Platten seiner Alpinkatzen-Band verkauften sich auch in Deutschland 100 000-fach.

Aber das energiegeladene Aufeinandertreffen von Akkordeon und Stromgitarren wurde von Goisern auf dem Zenit seiner Popularität zu vorhersehbar. Der Besessene reiste mehrfach mit seinen Instrumenten in entlegene Winkel Afrikas, um seine Neugier nach musikalischen Verbindungen zu stillen. Er fand im Ägypter Mohamed Mounir einen Bruder im Geiste und lud osteuropäische Folk-Punks auf sein zur Konzertbühne umfunktionierten Schiff ein, mit dem er die großen Wasserstraßen Europas bereiste.

Es steht außer Frage, dass von Goisern ein Besessener ist, dessen Passionen sich spielend auf sein Publikum übertragen. Wenn er in unserer Region auftritt, dann auf der Burg Wilhelmstein in Würselen, die er prompt zwei Mal hintereinander ausverkaufen konnte. Schweiß, Herzblut und unbedingter Verbindungswunsch zahlen sich irgendwann eben doch aus.

Nur nicht in Amerika, wie von Goisern während seiner Reise nach Nashville lernen musste. "Ich habe versucht, alle Amerika-Klischees und Vorbehalte abzustreifen. Man könnte sagen, dass es mir nicht gelungen ist, weil ich mich sehr schwer damit getan habe, dort einen Fuß in die Türe zu bekommen. Man kann dort mit jedem musizieren, wenn man Asche auf den Tisch legt. Amerikanische Musiker sind so konditioniert, dass sie ihr Musikerdasein als Dienstleistung verstehen. Das hat mich befremdet. Ich suchte solche Musiker, deren Augen leuchten und deren Herzen schwingen. Ich wollte mir Freundschaft, Neugier und Herzen nicht kaufen, aber wenn man das nicht will, wird die Luft da drüben sehr dünn."

Fündig wurde Hubert von Goisern dann trotzdem. In Nashville traf er auf den Pedal-Steel und Dobro-Spieler Steve Fishell. Der erdet mit seiner Lapsteel den schweren Blues des Federn-Eröffnungsstücks Snowdown, einer Huldigung unter anderem an Edward Snowden. In New Orleans war von Goisern von der Cajun-Ziehharmonika beeindruckt, die dem alpinen, diatonischen Akkordeon nicht unähnlich ist.

Eindrücke, Ernüchterungen

Mit reichlich Eindrücken und manchen Ernüchterungen kehrte von Goisern nach Österreich zurück und nahm im Zuge der Verarbeitungen seiner Reise Federn auf. Entstanden ist dabei eine Art SoulPolka in 15 Song-Etappen, in denen das Alpine und die Cajun-Musik zusammenpassen wie die Hand in den Handschuh. Seinen Blick auf die eigenen Musiktraditionen konnte von Goisern letztlich durch die Augen der wenigen, aber enthusiastischen amerikanischen Musiker doch noch schärfen, auf die er traf. Und eine Parallele zwischen den Südstaaten und dem Salzburger Land fand er auch, wie er zum Schluss lachend anmerkt: "Auch bei uns bildet man sich ein, im Land Gottes zu leben, und wehrt gerne alles Fremde rigoros ab. Das ist mir alles bis zum Erbrechen verdächtig vertraut."

★★★★☆

"Wie eine Liebesbeziehung"

Plattenladentipps Mai 2015 | Text: Patrick Niemeier

"Im letzten Jahr hatte ich das Projekt schon abgebrochen", erinnert sich Hubert von Goisern, "es funktionierte nicht." Doch seine Musiker fragten nach der geplanten Tour. "Und so sind wir mit den Songs erst mal losgefahren. Ein Glücksfall, denn seit der ersten Probe passte es plötzlich."

Alpen-Country. Die Besonderheit seines neuen Albums – und das, was erst mal funktionieren musste – ist die starke Beeinflussung durch amerikanische Country-Musik. Von Goisern reiste zwei Mal in die USA, um sich inspirieren zu lassen, nachdem er im Tourbus ein nie für möglich gehaltenes Interesse für Country entdeckt hatte. "Country war für mich davor lange Musikantenstadl mit Cowboyhut", gibt er zu. Nun bringt er auf Federn tatsächlich Steel-Guitar-Klänge mit dem für ihn typischen Sound des "Alpenrocks" zusammen. "Das ist ein wenig wie eine Liebesbeziehung – beide Seiten müssen sich einbringen: Ö̈sterreich und die USA", erklärt er. Seine Reisen in das "Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten" – die leider auch viele Vorurteile bestätigt haben – werden in den 15 Songs aufgearbeitet. Dabei bleibt auch Raum für Reggae-Ausflüge (Alle 100 Jahre) oder Bluesrock (Snowdown). "Ich möchte die Menschen ganz allgemein mit meiner Musik sensibilisieren – nicht für mich oder meine Lieder, sondern für ihre eigene Sensibilität."

Hubert von Goisern zu Gast bei Leute

SWR1 30. April 2014

Macht Hubert von Goisern Volksmusik oder Rockmusik oder Alpenrock? Ist Goisern in Österreich seine Heimat oder die ganze Welt? Er war in Südafrika und auf den Philippinen, in Afrika und in Tibet. Er engagierte sich gegen Apartheid und Jörg Haiders FPÖ. Er lernte Gitarre, Trompete und Klarinette, die Steirische Harmonika und Nasenflöte. Jetzt veröffentlicht er ein neues Album Federn, und der Filmemacher Marcus Rosenmüller bringt eine Dokumentation mit dem Titel Brenna tuat's schon lang über ihn ins Kino.

Alpenjodler, Volksmusikrebell, Weltmusiker!

SWR 23. April 2015

"Ich will kulturelle Brücken bauen"

Zett 26. April 2015 | Text: Johannes Vötter

Der Film über sein Leben lief bei den 29. Bozner Filmtagen im Wettbewerb, sein neues Album Federn erscheint am 8. Mai. Hubert von Goisern macht wieder von sich reden – und nahm sich bei seinem Südtirol-Besuch Zeit für ein Gespräch mit der Zett.

Brenna tuat's schon lang – Der Film läuft im Wettbewerb bei den Bozner Filmtagen. Wie wichtig ist es für Sie, neben Tobias Moretti und Eva Mattes sozusagen einer der Hauptacts bei diesem Festival zu sein?

Es ist eine ganz neue Erfahrung, wobei ich schon sagen muss: Es ist ja nicht mein Film, sondern ein Film von Marcus H. Rosenmüller über mich – bin also sozusagen der Hauptdarsteller.

Im Rahmen der Präsentation im Rahmen der Bozner Filmtage meinten Sie sogar, dieser Film habe Sie "genervt", als Sie ihn erstmals gesehen hatten. Was genau war nervig?

Ich beschäftige mich einfach nicht gerne mit meiner Vergangenheit, weil ich das Hier und Jetzt so viel spannender finde. Natürlich gibt es Kapitel in meinem Leben, die wir gerne als Erfolge oder Niederlagen bezeichnen können. Aber ich habe mich lang genug damit beschäftigt und alles abgehakt. Sich also nochmals damit auseinanderzusetzen und diese Fülle an Archiv-Material zu sichten, war mir unangenehm. Außerdem sollte daraus keine Selbstbeweihräucherung werden. Schlussendlich bin ich aber doch zufrieden damit. Selbst wenn der Film für meine aktuelle Arbeit eigentlich keine Bedeutung hat.

Wie sollen wir Brenna tuat's schon lang definieren, wenn wir das Endprodukt schubladisieren – Autobiografie, Porträt, Musik-Doku?

Es ist schon ein biografischer Film, doch er beschränkt sich nur auf mein künstlerisches Leben. Etwas anderes hätte ich gar nicht zugelassen. Wer sich also Details aus meinem Privatleben erwartet, ist an der falschen Adresse. Dennoch ist es ein sehr intimer Film, der mir selbst nach dreimaligem Anschauen in gewisser Weise unangenehm ist.

Warum?

Weil ich so viele intime Momente plötzlich mit all den Menschen im Kinosaal teile – und dabei mitten unter ihnen sitze.

Wobei die heutige Selfie-Gesellschaft gerade von diesem Teilen von Emotionen lebt. Wären Sie da gerne nochmal ein junger Hubert von Goisern?

Ich weiß es nicht. Diese mediale Flut gab es damals nicht, dafür aber Autogrammjäger. Mir ist es aber immer viel lieber, wenn sich die Menschen ein Bild von mir in ihrem Herzen machen.

Dazu gehören aber auch die Emotionen, die Ihre früheren Lieder in den Herzen der Fans wecken. Manchmal wird man den Eindruck nicht los, Koa Hiatamadl und Co. sind für Sie eine Belastung.

Nun, wenn die Lieder mal draußen sind, dann sind sie für mich wie Kinder, die erwachsen aus dem Haus gegangen sind. Dann interessiert mich bis zu einem gewissen Grad, was aus ihnen geworden ist. Aber freue mich über jeden, der sie gerne hört. Problematisch wird es nur, wenn etwa die FPÖ Heast as nit bei Wahlveranstaltungen spielt. Da habe ich entsprechend darauf hingewiesen, dass ich damit nicht einverstanden bin.

Überhaupt scheuen Sie es nicht, dort hinzugehen, wo es weh tut. Das zeigt das aktuelle Album Federn, das sich intensiv mit Country und Blues auseinandersetzt. Warum dieser Stilwechsel?

Weil ich die Entfremdung zwischen den USA und Europa nicht gut finde. Das belastet mich, denn ich habe so viel Inspiration von Musikern wie Miles Davis, Muddy Waters oder Neil Young erfahren, dass mich die moderne US-amerikanische Musik entsetzt. Bei allem Respekt für die Musiker, da kommt nur mehr Plastik-Sound über den Ozean. Es gibt also einen musikalischen Warenaustausch zwischen den Kontinenten, aber keinen Austausch an Ideen und Werten mehr. Insofern soll das Album Federn (Anm.: ab 8. Mai im Handel) auch dazu beitragen, dass das gegenseitige Verständnis wieder größer wird und eine kulturelle Brücke zwischen den USA und Europa entsteht. Amerikaner empfinden unseren Kontinent oft nur mehr als putziges, historisches Disneyland.

Siehe den Umgang mit der "Quetschn" (Anm: Harmonika/Akkordeon), die uns eigentlich verbinden müsste ...

Stimmt, gerade beim TexMex-Sound gibt es tolle Musiker wie "Flaco" Jiménez, der ganz tolle Diatoniken (Anm. Akkordfolgen) auf der Quetschn hinbekommt. Aber auch in Louisiana gibt es tolle Akkordeon-Musiker.

Wie schwierig war es , auf amerikanische Songstrukturen in deutscher Muttersprache zu texten?

Damit habe ich lange gehadert, wollte auch sehr leicht an die die Sache rangehen. Aber plötzlich waren die Texte, die ich geschrieben haben, so bleischwer, dass ich das Projekt fast eingestampft hätte. Dann lagen die Lieder ein paar Monate in der Schublade, bis ich einen Ansatz gefunden haben, wie ich die Verwandtschaft unserer Musikstile zeigen kann. Der typische Blues funktioniert schließlich mit der gleichen abendländischen Kadenz wie unsere Lieder. Wer sich etwa das Lied Stoansteirisch anhört, wird merken, dass das Lied Steirerbua fast wie eine Blaupause mit einem Cajun-Song (Anm.: der Musikstil der französischstämmigen Einwanderer am Mississippi) ist.

Einige Liedtexte sind aber weiterhin sehr gesellschaftskritisch. Gerade heraus gefragt: Frustriert Sie unsere Zeit?

Ja, ich bin frustriert, dass man der Wahrheit in unserer Gesellschaft kein Asyl gewährt. Jeder ist entsetzt, wenn Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken – aber selber macht niemand die Tür auf, um zu helfen. Dieser Zynismus ärgert mich. Das war auch die große Herausforderung: subversive Texte mit Melodien aus Blues und Country zu verbinden, die sehr eingängig sind, und somit Gehör zu finden.

Ist das der Weg, den die Neue Volksmusik etwa auch in Südtirol gehen sollte, statt heimeligen Trachtenkitsch in Gabalier-Manier zu pflegen?

Hier gibt es wohl keine Formel, Musik muss man mit seiner eigenen Seele füllen. In Südtirol kenne mich ehrlich gesagt zu wenig in der Szene aus, aber einen Herbert Pixner finde ich herausragend. Er ist aus meiner Sicht einer besten diatonischen Harmonikaspieler der Gegenwart.

"Sie lächeln und sie lügen dabei"

Nürnberger Zeitung 21. April 2015 | Text: Christian Mückl

Diesen Donnerstag kommt der Film Brenna tuats scho lang in die Kinos, mit dem Regisseur Marcus H. Rosenmüller die unkonventionelle Lebensgeschichte des österreichischen Weltmusikers Hubert von Goisern sehenswert eingefangen hat. Parallel dazu erscheint Anfang Mai das neue Album Federn. Und am 25. Juni spielt Goisern ein Freiluftkonzert auf Burg Abenberg. Die NZ sprach mit dem Musiker.

Hubert von Goisern, im Film erzählen Sie, dass Sie früher als Bub in der Blaskapelle unbedingt die Uniform mit der schönsten Feder am Hut haben wollten. Ihr neues Album heißt Federn. Besteht ein Zusammenhang?

Nein, zumindest kein vorsätzlich intellektueller. Aber nachher fahr' ich mit dem Zug und da werde ich noch einmal darüber nachdenken.

Eine Feder kann eine Trophäe sein. Oder ein Talisman. Gibt es etwas, was Sie über die Jahre hinweg mit sich führen?

Ich sammle. Schöne Federn. Leere Schneckenhäuser, die ich im Wald finde. Ich sammle Muscheln oder Schwemmholzstöckchen, wenn sie eine Form haben, die mich inspiriert. Ich habe Sachen um mich herumstehen, die bei meinen Reisen oder Spaziergängen in meinen Taschen gelandet sind und die ich dann irgendwo hinlege, auf ein Brettchen draußen oder drinnen.

Sie sind ein Mann der tausend Instrumente. Gibt es noch Tage, an denen Sie nichts spielen?

Ja. Ich kann mich daran erinnern, wie ich 1994 mit meiner Band, den Alpinkatzen, aufgehört habe und dann sicher zwei Jahre kein Instrument angerührt habe.

Völlige Abstinenz?

Genau, ich hab in den Jahren davor so viel gespielt, war sechs, sieben Jahre jeden Tag stundenlang am Musizieren. Davon wollte ich Abstand bekommen. Um mich neu erfinden zu können, musste ich all meine Reflexe loswerden, die mit der Musik zu tun haben. Und das ging nur ohne die Instrumente.

Ohne Entzugserscheinungen?

Nein, denn es war auch die Zeit, in der ich begonnen habe, Klavier zu spielen. Das hatte ich nie gelernt. Da hatte ich keine Reflexe.

Dann ist im Film von der Ziehharmonika die Rede, die Ihnen Ihr Großvater hingestellt hat. Erst aus einer Schnapslaune heraus sind Sie mit dem Ding warm geworden. Sind Schnapslaunen wichtig für die Inspiration?

Launen machen sich ab und zu wichtig, ich steuere nicht bewusst drauf hin und denk mir: Jetzt ist es mal wieder Zeit, zur Flasche zur greifen, weil ich eine Laune suche. Die Dinge fallen mir aber Gott sei Dank immer wieder auch anders zu. Davon ist der Schnapsgenuss nicht ausgeschlossen, aber eigentlich graust es mir vor harten Getränken. Inzwischen bin ich 62 und habe all die Jahre vielleicht zwei-, dreimal zu tief in die Flasche geschaut – und einmal kam eben zufällig auch etwas Brauchbares dabei heraus.

Wieso sind Sie für die neuen Songs in die amerikanischen Südstaaten gereist?

Weil ich in den letzten Jahren eine zunehmende Befremdung zwischen Europa und den USA festgestellt habe. Auch an mir selber, wenn ich gedacht habe: Wieso sind die denn so dumm da drüben, so unehrlich und so bigott. Ich dachte mir, das kann doch nicht sein, die verstehen uns nicht, wir verstehen sie nicht: Ich fahr hin und schau mir das vor Ort mal an und versuche, einen persönlichen Beitrag zur Verständigung unserer Kulturen zu leisten.

Wieso ausgerechnet im Süden?

Den hab ich mir ausgesucht, weil dort die Countrymusik und die Cajun-Musik herkommt – das, was unserer Volksmusik sehr nahe kommt. Auf der Suche nach einem gemeinsamen Projekt bin ich aber mehr oder weniger gescheitert. Ich hab kaum Mitstreiter gefunden, nur einen für die Pedal-Steel.

Was war so schwierig?

Die Amerikaner sind wahnsinnig von sich selbst überzeugt. Sie glauben steif und fest, dass es nichts anderes gibt, außer ihre eigene Kultur. Was außerhalb von Amerika passiert, empfinden viele als extrem bedrohlich. So schlecht kann es einem Amerikaner gar nicht gehen, dass er von seiner Überzeugung abweicht.

Was fehlt den US-Amerikanern?

Die Neugierde. Freilich, es ist ein großes Land, wo es geht, dass man sich selbst genügt. Aber das schaffen auch viele Österreicher, obwohl es nur ein kleines Land ist.

Schon komisch, dass es in all den exotischen Ländern, in denen Sie so waren, unkomplizierter war, mit anderen zu musizieren, als in den USA.

Da haben Sie vollkommen recht. Zum Beispiel fand ich die Verständigung und das gegenseitige Interesse in Afrika wesentlich größer und leichter als da jetzt in Amerika – wo alle ständig lächeln und alles super finden, "amazing" und "wonderful", dabei lügen sie sich ständig gegenseitig damit an.

Und die Europäer?

Wir hauen nicht so auf den Tisch. Freilich passiert so etwas hier auch mal, gerade urbane Menschen sind vielleicht etwas angeberischer als die Leute auf dem Land. Aber selbst das größte Angebertum in München oder Wien ist nichts gegen das in Amerika, wo dir jeder Tankwart erzählt, was für tolle Geschichten er gerade am Kochen hat.

Der Wahnsinns-Erfolg Ihres Lieds Brenna tuats guat im Jahr 2011 hat die Messlatte an die neuen Songs sehr hoch gehängt. Macht der Erfolgsdruck Sie im Augenblick Bang?

Nein. Die neue Platte ist fertig und ich bin stolz darauf. Was damit passiert, kann man nie vorhersehen. Es wäre ein Wunder, wenn dieselbe Höhe jetzt noch einmal übersprungen werden könnte wie die vorherige. Ich bin immer glücklich, wenn ich umsetzen konnte, was ich mir vorgenommen habe und die Platte höre ich mir mit Genugtuung an. Alles andere steht außerhalb meines Einflusses. Ich komponiere ja nicht auf eine Zielgruppe hin oder irgend eine Wirkung: Ich komponiere, um das rauszuholen, was Druck in mir erzeugt.

"Ich habe ein sehr großes Ego"

Kurier 21. April 2015 | Text: Peter Temel | Fotos: KURIER/Gerhard Deutsch

Hubert von Goisern im Interview über seine Karriere, den Kinofilm "Brenna tuat's schon lang"
über sein Leben und seine neue CD "Federn".

Hubert von GoisernEr ist oft lange weg, und dann wieder da. Ausgezogen aus dem idyllischen Kurort Bad Goisern, um die Volksmusik zu erneuern. Dem kreativen Alpenrock-Revoluzzer Hubert von Goisern (62), der seinen Künstlernamen als "Racheakt" an seinem konservativen Heimatort betrachtete, ist nun eine Kinodoku gewidmet.

Darin wird unter anderem gezeigt, was von Goisern zwischen der überraschenden Auflösung seiner Kultband Alpinkatzen 1994 und dem fulminanten Comeback 2011 mit Brenna tuat's guat gemacht hat. Wie er zum feinsinnigen Weltmusiker wurde, der seine Fühler auch weit nach Tibet, Afrika und anderen Weltgegenden ausgestreckt hat.

Wie kam es zu diesem Filmprojekt, eine Doku über Ihr Leben zu machen?

Die Idee kam von meinem Manager Hage Hein. Es sollte ein Film zu meinem 60er werden (im Jahr 2012, Anm.). Ich selbst hab' gesagt: Ich brauch' das ned, ich kann auch nicht mithelfen, weil ich befangen bin. Das muss eine Außensicht sein. Selbst er kann das nicht machen, er ist zu nahe dran. Nach ersten Versuchen, Material zusammenzustellen, hat er dann auf diesen Rat gehört und Marcus H. Rosenmüller als Regisseur geholt.

In dem Film geben Sie auch viel Persönliches preis. Wie war das für Sie?

Ich reflektiere schon gern über meine Vergangenheit, aber eigentlich nur in einem intimen Rahmen. Im Grunde ist es ja, Peinlichkeiten hin oder her, eine Erfolgsgeschichte, und wenn man anfängt, sich über seinen eigenen Erfolg kritisch zu äußern, hat das immer etwas Kokettes. Wenn ich mich darüber freue – "Woah, da war ich echt gut!" – dann hat das auch was Blödes. Aber diese Stille am See, die der Rosi als Gegengewicht gewählt hat, zu den sehr dynamischen Live-Aufnahmen, das hat mir gefallen.

Man hat im Film das Gefühl, Sie genießen es richtig, das Gespräch beim Fischen am Hallstätter See zu führen.

Ich mag das Element Wasser einfach, es spielt eine große Rolle in meinem Leben. Diese Tiefgründigkeit, nicht zu wissen, was darunter ist, gerade in so einem tiefen See wie dem Hallstätter See, diese Reflexionen, die das Wasser hat, die Ruhe, die man hat, wenn man allein auf so einem Boot sitzt. Noch dazu war es ein Geschenk, dass Rosi über mich nicht wahnsinnig viel gewusst hat. Er hatte wirklich eine große, ehrliche Neugier, mich verstehen zu wollen, ohne bereits ein vorgefertigtes Bild zu haben. Und ich hatte wirklich das Bedürfnis, ihm zu erzählen, was ich erlebt habe und warum ich so bin wie ich bin.

In einer Archivaufnahme streiten Sie mit einem eingesessenen Goiserer über Volksmusik.

Das war mir etwas unangenehm.

Wie geht es Ihnen heute zu Hause?

Es hat sich schon beruhigt. Die heftigsten Kritiker sind gestorben. Das waren ja damals schon alte Leut. Auch der Lois, der mich da angegriffen hat, ist vor Kurzem gestorben. Viele meiner Freunde in Goisern haben mich dazu gedrängt, ich soll zu ihm hingehen und ihm die Hand reichen, weil eh schon so viel Wasser die Traun runtergeflossen ist. Lange wollte ich das nicht, aber zu seinem 90er hatte ich vor, ihm zu gratulieren. Zwischen der Idee und der Durchführung hab ich dann aber die Szene im Rohschnitt gesehen und dachte: Sicher ned! Mir ist sofort das G'impfte wieder aufgegangen. Ich hab mir gedacht: Der muss zu mir kommen, egal, ob er zwanzig  oder dreißig Jahre älter ist als ich, aber für das muss er sich entschuldigen. Und ein Monat später ist er gestorben. Es hat sich also erübrigt.

Wie groß war damals, Anfang der Neunziger, die Ablehnung?

Diese Fundamentalistenszene, das war sicher nur eine Handvoll Leut. Vielleicht 100 oder 200. Aber ein Vielfaches davon, zehn Prozent der Bevölkerung, vielleicht mehr, hatte aus politischen Gründen ein Problem mit mir, weil ich damals bei jedem Konzert und bei jedem Interview auf den Haider losgegangen bin, weil ich mich dafür geschämt habe, dass so einer aus Goisern kommt. Die FPÖ hatte damals mehr als 20 Prozent Wählerstimmen, und die fühlten sich persönlich angegriffen. Die fanden nicht gut, dass ich den mit Dreck bewerfe. Ich habe immer gesagt: Ich bewerfe ihn nicht. Ich sage nur, wo er dreckig ist, den Dreck hat er sich schon selber aufgeschmiert. Aber das hat sich auch von selbst erledigt, er ist ja im wahrsten Sinn des Wortes gegen die Wand gefahren. Der Ball wird jetzt flacher gehalten, es gibt sicher noch ein paar wenige, die ein Problem mit mir haben, trauen es sich aber nicht laut zu sagen.

Haben Sie Haider selbst einmal angesprochen?

Ich habe ihn nie getroffen. Fast wäre es einmal dazu gekommen. News ist damals auf mich zugekommen, wollte ein Round Table mit mir und Jörg Haider machen. Ich dachte: Scheiße, das brauchst jetzt überhaupt nicht. Aber da kannst du halt nicht Nein sagen, es schaut dann aus, als ob du kneifst. Also hab ich gesagt: In Gott's Nam', ich mach's. Kurz darauf hat man mich angerufen: Es ist ins Wasser gefallen. Der Haider hat gesagt: Wenn der Hubert dabei ist, komm ich nicht. Ich dachte: Ja! Er scheißt sich an!

Ausgerechnet am Karrierehöhepunkt mit den Alpinkatzen haben Sie sich dann 1994 zurückgezogen. Wie hat Ihr Umfeld, Ihr Manager, darauf reagiert?

Hage hat nie versucht, mich zu überreden, dass ich weiter mache. Er hat es wie alle anderen, inklusive meiner Frau, nicht geglaubt. Ich hab das eineinhalb Jahre vorher gesagt: Platte – Tour – Liveplatte – und das war's. Erst im letzten Monat ist es allen gedämmert, dass es wirklich aus ist. Und dann war der Schock so groß, auch beim Hage Hein, dass er nicht mehr gewusst hat, was er sagen sollte. Andererseits hat er mich auch gekannt und gewusst, dass es keinen Sinn hat auf mich einzureden. Weil ich mir das lange überlegt habe und ich meine Gründe dafür hatte. Meine Frau hat es auch erst geglaubt, als sie es in den Nachrichten gehört hat, im Mittagsjournal.

Damals war die Öffentlichkeit ziemlich überrascht und konsterniert.

Und alle haben gedacht: haha, das ist jetzt ein PR-Gag! (lacht)

Sie waren bereits vierzig, als der Durchbruch mit Koa Hiatmadl gekommen ist. Mussten Sie davor erst die Welt sehen, um diese "Neue Volksmusik" zu kreieren?

Ich weiß nicht, ob diese Energie nicht anders auch dahergekommen wär, um sagen zu können: Jetzt geh ich einmal da rein und spring einmal so richtig in den Gatsch. Aber es hat für mich auf jeden Fall dazu beigetragen, dass ich indigene Völker kennen gelernt habe, die eine ursprüngliche musikalische Tradition gepflegt haben, die mich einfach elektrisiert hat. Ich dachte, das muss bei uns früher auch einmal so gewesen sein, dass das richtig gekommen ist und eine Tiefe gehabt hat – und nicht dieses Dauergegrinse, oder diese Fundamentalisten, die sagen: So gehört's und nicht anders. Ich dachte: Wenn ich zurück komme, dann grabe ich da einmal, und schaue, was da früher gewesen ist, und an diesen Quellen habe ich angedockt und versucht, die für mich freizulegen.

Mit der Steirischen haben Sie lange Zeit kämpfen müssen, bis Sie sie akzeptieren konnten (Im Film erzählt von Goisern, dass er die Ziehharmonika, die ihm sein Großvater geschenkt hatte, zerreißen wollte, Anm.). 

Ja genau, das war extrem. Die war für viele Leute, nicht nur für mich, der Inbegriff des Tümelnden und Ewiggestrigen.

Ist das heute eine ständige Liebesbeziehung oder denken Sie manchmal: Jetzt stell' ich sie lieber einmal ins Eck, auch längere Zeit?

Naa, ich spiele sehr gern auf der Steirischen, wie alle meine Instrumente, aber nur wenn ich Lust darauf habe. Und ich spiele, wenn ich nicht auf Tour bin und so Zwischenphasen hab, oft monatelang kein Instrument.

Hubert von GoisernDas Reisen spielt eine große Rolle in Ihrer Arbeit. War die Linz-Europa-Tour 2007-2009, die im Film viel Raum einnimmt, ein Projekt, das Ihrer Vorstellung vom Musik machen am nächsten gekommen ist?

Nein, das könnte ich nicht sagen. Weil das Musizieren auf der Bühne etwas ist, das ich schon sehr genau nehme. Ich möchte, dass jeder genau spielt und dass das perfekt ist, aber auf dem Schiff mit den vielen Gästen waren da schon viele Drahtseilakte, wo ich dachte: Uuuuh, hoffentlich geht sich das aus! Der Aspekt der Völkerverständigung ist zwar ganz wichtig für mein Lebensgefühl, aber es ist nicht so, dass es immer damit zu tun haben muss. Auf dieser Reise hatte ich auch das Gefühl, dass ich musikalisch sehr viel Abstriche machen musste und mich auch zurückziehen musste, um allen diesen großartigen Musikern den nötigen Raum zu geben. Ich habe mich auch irrsinnig gefreut, dass die Entwederundoder-Tour dann auf ein Quartett reduziert war, dass ich einmal für keinen Platz machen musste und mich einfach wieder selbst verwirklichen konnte. Ich habe, wie die meisten Künstler, ein sehr großes Ego. Ich kann das zwar zurücknehmen, aber das ist nicht der Idealzustand.

Mit der Single Brenna tuat's guat hatten Sie 2011 Ihre erste Nummer 1. Lag es am Thema Finanzkrise oder an der partytauglichen Musik?

Ich glaube, dass ich da sehr vielen Leuten aus der Seele gesprochen hab, sonst wäre das nicht so ein großer Erfolg geworden. Nur weil's ein guter Groove ist, das hätt's glaube ich nicht getan.

Warum haben Sie sich jetzt musikalisch mit Amerika beschäftigt?

Weil mir diese Entfremdung zwischen Europa und Amerika einfach zu schaffen macht. Ich finde es unglaublich bedauerlich, dass wir einander nicht verstehen. Ich weiß nicht warum sie so ticken wie sie ticken, warum sich die so aufführen. Da wollte ich einen persönlichen Beitrag leisten. Wir sind uns ja kulturell sehr nahe. Diese Musik, gerade im Süden, Country-Musik und Cajun, ist vor etwa zweihundert Jahren von Auswanderern aus Europa rüber gebracht worden, da ist Volksmusik zur Countrymusik geworden. Also, wir haben die gemeinsamen Stammväter, und das wollte ich offenlegen.

Bei Ihrer ersten USA-Reise waren Sie nicht unbedingt so überzeugt von Amerika. Sie haben eine gewisse Engstirnigkeit beklagt.

Die gibt es nach wie vor, davon bin ich überzeugt ... (lacht)

Wie gesellschaftskritisch ist die neue CD? Der Blues-Song Snowdown geht ja klar in diese Richtung.

Es geht um diese zynischen Umgang mit der Wahrheit, dass man das auf der einen Seite ungeheuerlich findet, dass alles so verlogen ist, aber dass keiner einen Beitrag dazu leisten will. Da geht man sofort in Deckung, wenn man eigentlich einen persönlichen Beitrag und Toleranz leisten sollte.

Meinen Sie damit den einzelnen Menschen?

Ja, aber auch die Politik bei uns, muss man sagen. Ich bin jetzt zum Beispiel kein Fan von Mikl-Leitner ...

Werden Sie sich weiterhin einmischen?

Ich weiß es nicht. Ich hab so das Gefühl, je älter ich werde, desto politischer denke ich, und desto mehr wird mir bewusst, dass jede Handlung eigentlich eine politische ist und jedes Lied die Chance hat, etwas zu transportieren. Aber ich bin ein Gegner von Politsongs. Ich finde diese politischen Liedermacher doof. Dazu bin ich zu sehr Musiker. Ich denk mir, Musik darf man nicht missbrauchen für politische Zwecke, auch nicht für religiöse Zwecke. Musik ist ein Zauber, der, wenn man ihn missbraucht, nicht mehr wirkt. Und er hat die Chance, ohne Worte Fenster aufzumachen, und Menschen sensibel zu machen für das, was außerhalb ihrer Nasenspitze liegt. Man macht sofort die Tür wieder zu, wenn man da eine klare Botschaft drin verpackt. Es muss offen bleiben.

Zu Federn drängen sich verschiedene Assoziationen auf. Was bedeutet der Titel für Sie?

Ja, da gibt's mehrere Metaphern. Zum Beispiel: Federn haben. Man spürt, das sich die Leut anscheißen. Die Russen vor uns, die Amerikaner vor der ganzen Welt. Jeder verbarrikadiert sich, bewaffnet sich, das ist ein Aspekt. Der andere ist: Sich mit fremden Federn schmücken. Was ich auch mache, weil ich mich mit diesen amerikanischen Songs und Traditionals beschäftige, ob das jetzt Amazing Grace ist oder irgendwelche Bluesgeschichten, die ich zu meinen mache.

Haben Sie noch vor irgendetwas Federn?

Immer wieder, vorm ganzen Leben natürlich (lacht). Ich habe auch Federn vor Auftritten. Vor jeder Show scheiß ich mir irgendwie ins Hemd und brauche zehn Minuten, bis ich mich beruhigt hab und sag': Passt eh! Wenn ich gut drauf bin, fühle ich mich unverwundbar. Aber ich bin halt nicht immer gut drauf.

Sie sprechen im Film gern symbolisch vom Brennen. Wie stark brennen Sie noch?

Ich hab in meinem Kopf musikalisch zwei, drei Projekte eigentlich vom Konzept her komplett fertig. Ich freu mich sehr auf die Tour und sehr auf den Herbst, weil ich dann ins Studio gehen möchte um zu schauen, wie sich das umsetzen lässt. Es ist nur im Kopf drin, aber ich weiß genau wie's werden soll. Und es gibt außerhalb des musikalischen Kosmos auch noch ein paar Geschichten, von denen ich träume.

Sie kümmern sich auch um ein Sozialprojekt in Grönland.

Ja, ich bin schon mehrmals oben gewesen. Es geht um ein Projekt mit Kindern, um ihnen über Kultur und ihre Wurzeln so etwas wie Identität und Basis zu verschaffen. Es gibt dort eine irrsinnig hohe Selbstmordrate unter den Jugendlichen, weil sie keine Perspektive haben. Sie lehnen ihre eigene Kultur ab, weil sie es peinlich finden, weil sie sogar ihre Sprache ablehnen. Ich bin kein Sozialarbeiter, aber ich mag Rootsmusic, und mein Archiv grönländischer Musik ist wahrscheinlich hundert Mal größer, als das, was sie selbst oben haben. Ich sag ihnen, was ich geil find und spiele das dann. Ich habe schon das Gefühl, dass es ein bisschen hilft, wenn sie merken, dass irgend jemand das geil findet, was sie eigentlich scheiße finden.

Die musikalische Reise ist also noch lange nicht zu Ende.

Na, sicher ned.

Der Kinofilm und die CD "Federn"

Kinofilm: In der Langdoku Brenna tuat's schon lang verbindet der bayerische Regisseur Marcus H. Rosenmüller (Wer früher stirbt, ist länger tot) selten gezeigte Aufnahmen aus verschiedenen Lebensstationen durch Gespräche mit Hubert von Goisern und dessen Weggefährten. Von den Anfängen in einem Ort im Salzkammergut mit sieben Blaskapellen, über den ersten Riesenerfolg Anfang der Neunziger, die anschließende Neufindung, bis zum erneuten Charts-Erfolg mit dem Album Entwederundoder 2011.

CD und Tour: Eine USA-Reise führte den Liedermacher und Weltmusiker nach Nashville und New Orleans. Mit Musikern wie dem Pedal-Steel-Gitarristen Steve Fishell nahm Hubert von Goisern sein zehntes Studioalbum Federn auf, mit Einflüssen aus Blues, Country und Cajun (ab 8. Mai im Handel). Den inoffiziellen Tour-Auftakt (ab 12. 5. Termine in der Schweiz, Deutschland und Österreich) spielte er Anfang April in Grönland.