Hubert von Goisern
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Liebe und Berggipfel

Straubinger Tagblatt 25th October 2000 | Text: Rita Neumaier

Hubert von Goisern ist zurück - ohne Alpinkatzen, aber wieder bodenständig

Sechs Jahre ist es her, seit sich Hubert von Goisern auf dem Gipfel seines Erfolges mit den Alpinkatzen von seinem Publikum verabschiedete. Filmmusik wollte er machen, reisen und schauspielern. Als Musiker trat er mit zwei exotischen Alben in Erscheinung, die seine früheren Fans eher mit Befremdung aufnahmen. Nach den Experimenten mit tibetischen und afrikanischen Musikern wendet sich der Grenzgänger auf seinem neuen Album Fön (VÖ 6. November) einer eher bodenständigen Musiktradition zu. Mit krachledernen Alpinrocknummern a la Hiatamadl ist es dennoch vorbei: Jazz, Blues und Reggae bestimmen den neuen, melodischen Sound des eigensinnigen Austrianers.

Zur Präsentation Deines neuen Albums hast Du die Journalisten auf den Berg steigen lassen. Warum müssen die Leute mit Dir immer "auffi"?

Wir sind schon mit Aufgeigen statt niederschiaßn auf den Berg gegangen. Damals haben wir gelobt, dass wir wieder auf den Berg steigen, wenn wir mit dem Album Gold machen. Nach dem seinerzeitigen Erfolg folge ich diesem Eid immer noch.

Wirkt Deine Musik inmitten der Bergwelt anders?

Eher nicht. Mir kam es bei den ersten Klängen selbst ein wenig eigenartig vor: Da hast du auf einer Seite Gletscher und auf der anderen das weite Tal, und du hörst eine Musik, die im technischen Umfeld eines Studios entstanden ist. Aber alle haben eine Stunde lang nur der Musik zugehört, ohne zu reden.

Mit dem Titel Deines neuen Albums ist ja wohl jene Art von Fallwind gemeint, die aus den Bergen kommt. Die Schreibweise deutet allerdings auf einen Haarfön hin ...?

Mir gefällt es einfach, dass gerade so ein Chaos in der deutschen Rechschreibung herrscht. Da habe ich mir gedacht, jetzt kann ich endlich machen, was ich will. Mir gefiel das Worte ohne 'h' einfach viel besser, ich finde es ästhetischer. Ich bin im Moment sowieso dafür, jeden Schnörkel wegzulassen, und mag keine Verzierungen, die die Sicht aufs wesentliche verstellen. Die Aussage eines Wortes ist wesentlicher als sein Schreibweise.

Hat das auch etwas mit der Musik zu tun, die Du heute machst?

Mit der Musik ist es auch so: Das Wesentliche ist es, den wahren Kern der Dinge zu spüren. Wenn ich Musik mache, läuft viel über das Unterbewusstsein. Da muss ich ab und zu zurücktreten, mir zuschauen, wie es wirkt - wie ein Maler.

Was glaubst Du, wie Fön bei dem Publikum ankommt, das die Alpinkatzen mochte?

Ich weiß nicht, wie es den Leuten heute mit meiner Musik geht. Es sind ja doch sechs Jahre vergangen, und es ist einiges passiert - wie zum Beispiel die Tibet- und die Gombe-CD. Ich hoffe, es erwartet niemand von mir, dass ich wieder zurückgehe und dasselbe mache wie früher. Ich weiß nicht, wie es mir gehen wird, wenn mein Publikum im Konzert nach den alten Sachen ruft. Ich hab' aber auch früher schon manchmal mit Leuten im Publikum gestritten, die das Hiatamadl aus dem Radio kannten und glaubten, so würde das ganze Konzert laufen. Wem nicht gefällt, was ich heute mache, der soll halt nicht ins Konzert gehen. Wenn man sich nicht verändert, ist man eh schon gestorben.

Heißt das, dass Du in Deinen Konzerten nur noch Neues bringen willst?

Ich vertraue auf die neuen Lieder, auf die neue Band und meine eigene Lust zu musizieren und darauf, dass ich damit die Leute so packen kann, dass sie mich so nehmen, wie ich bin. Jemand, dem Inexil und Gombe weniger gefällt, der müsste eigentlich froh sein über die Musik, die ich auf Fön mache.

Wäre dieses Album mit Deiner früheren Band, den Alpinkatzen, nicht möglich gewesen?

Ich habe mir Leute gesucht, deren Art des Spielens mich faszinierte. Das war genau die Bereicherung, die ich haben wollte für die Musik, die ich jetzt machen möchte. Diese Musiker kommen nicht so sehr aus einer Rock-Tradition. Ich wäre wohl immer noch anfällig dafür, mit den Alpinkatzen in alte Gewohnheiten zurückzufallen. Da wären wir in null Komma nix wieder dort, wo mir aufgehört haben: bei einer rockigen Umsetzung.

Es geht viel um Beziehungen und Frauen in Deinen neuen Texten...

Wenn ich komponiere, habe ich nicht das Gefühl, dass ich irgendetwas dazu tue. Die Klänge kommen einfach, es entwickelt sich von selbst. Manchmal kommen auch ein Satz und die Melodie auf einmal daher, in einem Guss. Anderseits komme ich auch über einen Rhythmus oder eine Melodie in irgendeine Geschichte hinein. Und zwischenmenschliche Beziehungen sind halt das Intensivste, das es gibt. Das kann man mit keinem Berggipfel vergleichen, die ja auch sehr schön sind.

Hat Dich die Spiritualität der Tibeter beeinflusst? Man sagt Dir eine gewisse Neigung zur Esoterik nach ...

Mir ist das Wort "esoterisch" schon immer ein bissl komisch eingefahren. Wenn, dann bin ich es eher weniger als früher. Wenn man zweieinhalb Jahre lang mit Tibetern zusammenarbeitet und in einem Land, das für seine Mystik bekannt ist, eine CD produziert, dann kommt man ziemlich auf den Boden runter. Im Grunde herrscht dort nur eine ganz spezifische Kultur des Aberglaubens, viel ist nur Folklore.

Warum singst Du immer noch ausschließlich im Dialekt, obwohl Du Dich so auf andere Kulturen einlässt?

Hochdeutsch halte ich für unsingbar. Es ist so viel Pathos in der deutschen Sprache durch die harten Konsonanten. Dürrenmatt sagte, das Hochdeutsch ist die Vatersprache und der Dialekt ist die Muttersprache. In erster Linie fühle ich mich als Musiker. Musik ohne Text geht einfach tiefer. Ich kann mir nicht vorstellen, Texte zu singen, die jemand anderer gemacht hat.

In der Filmwelt hast Du Dich nicht nur mit dem Soundtrack zu Schlafes Bruder etabliert, sondern auch als Schauspieler. Wirst Du weitere Rollen spielen?

Ich bin eigentlich kein Schauspieler, aber ich würde gerne wieder in einem Film mitspielen. Wenn ich in einer Rolle einbinden kann, was ich bin. Meine Rolle in der Hölleisengretl, wo ich einen durchtriebenen Knecht spielte, widersprach mir sehr.

"Endlich wieder auf Tour gehen"

Musik Extra 10. Oktober 2000 | Text: Frank Rauscher © teleschau - der mediendienst GmbH

Abenteuerlustiger Hubert von Goisern hat wieder Lust auf sein Publikum

(tsch) Das Hiatamadl ist Vergangenheit. Im November 1994 gab Hubert von Goisern, damals noch "Alpinrocker" genannt, sein Abschiedskonzert mit seiner Band Alpinkatzen. Zwei Jahre lang war der kernig gut aussehende Naturbursche aus Bad Goisern im Salzkammergut in den zumindest aus seiner Sicht zweifelhaften Genuss gekommen, ein Popstar zu sein.

Dann war's ihm genug. Hubert Achleitner, so heißt der Musiker mit bürgerlichem Namen, zog sich zurück, löste sich von Band und Business, um sich weiter zu entwickeln und etwas Neuem zu öffnen.

Und der hoch gewachsene, dunkelhaarige Österreicher war auf vielen Gebieten kreativ. Er spielte an der Seite von Martina Gedeck die Hauptrolle im Film Hölleisengretl, komponierte Filmmusiken, unter anderem für Josef Vilsmaiers Schlafes Bruder. Dann zog es ihn in die Welt hinaus. Die Verhaltens- und Schimpansenforscherin Jane Goodall lud ihn nach Afrika ein, an den Tanganjika-See. Es entstand ein Film, die Filmmusik und eine CD (Gombe). Ein zweites Projekt galt Tibet. Nach einer Tournee mit tibetanischen Musikern reiste er mit dem Rucksack nach Lhasa. Der Notwendigkeit einer Solidarität mit den Unterdrückten gab von Goisern Ausdruck mit der Einspielung einer weiteren CD (InExil). Werke, die von Kritikern durchaus beachtet wurden, vom Publikum dagegen kaum.

Nun ist Hubert von Goisern wieder zuhause angekommen - auch musikalisch. Fön heißt seine neue CD, die am 6. November auf den Markt kommt, im März 2001 folgt eine Tournee. Er hat zu einem alpenländischen Sound zurück gefunden: Volksmusik ohne Volkstümelei. Wenngleich die Musik kaum etwas mit den Veröffentlichungen der Alpinkatzen gemein hat, denn das poppig-rockige Element fehlt. Beim Interview nahm sich der Musiker viel Zeit, um über sich und seine Musik aufzuklären. Dabei strahlte er eine ungeheure Ruhe und eine innere Kraft aus, wie es nur einer tun kann, der mit sich selbst offensichtlich im Reinen ist.

Es ist wohl immer noch vielen Leuten unverständlich, weshalb Sie ausgerechnet in der erfolgreichsten Phase die Zusammenarbeit mit den Original Alpinkatzen beendet haben. Was waren die Beweggründe für den Ausstieg?

Den absoluten Hype hat es ja schon seit Ende 1992 gegeben. Das heißt: Zwei Jahre Gaspedal voll durchgedrückt, überall der rote Teppich, alle Wünsche in Erfüllung gegangen. Ich hatte schon das Gefühl, dass wir gerade in Deutschland vielleicht noch zwei Jahre hätten spielen können, größere Konzerte, womöglich in Stadien, hätten geben können und sehr viel Geld hätten verdienen können. Aber ich hatte schon sehr viel Geld verdient und sah daher keine Notwendigkeit dazu. Meine Musiker hätten freilich gerne noch weiter gemacht. Die waren mir auch stinkböse, als ich aufgehört habe. Aber ich hab's nicht mehr spannend gefunden. Jeder Monat länger wäre für mich uninteressant gewesen. Und nur weiter zu machen, weil es Erfolg hat und ich absahnen kann, ist mir zu wenig. Dazu bin ich zu abenteuerlustig.

Wieso war es denn nicht mehr spannend?

Das lag sicher am Programm. Das habe ich so oft gespielt, so lange. Ich wollte einfach etwas Neues machen. Und das wäre nicht möglich gewesen. Nicht in diesem Umfeld, mit diesen akuten Erwartungshaltungen des Publikums auf der einen Seite und mit der Dynamik der Band, der Plattenfirma und des Managements auf der anderen. Das wäre wirklich ein Gewaltakt gewesen. Ich hätte mich so gefühlt, als müsste ich allen den Arm auf den Rücken drehen, nur um für mich etwas Spannendes und Neues zu machen. So hab' ich mir gesagt: 'Es ist besser, Du hörst auf und ziehst Dich zurück. Und kommst dann aus dieser Stille heraus!' Da kann man etwas machen - unbeeinflusst.

Die Erwartungshaltungen des Publikums wurden mit den letzten beiden CDs nicht erfüllt ...

Ja. Aber Erwartungshaltungen haben mich eigentlich noch nie interessiert.

Sie stellen den eigenen Anspruch über alles andere?

Ich wäre todunglücklich, wenn's andersherum wäre. Du kannst mit Geld doch nichts kaufen - auch nicht mit Ansehen oder sonstigen Formen des Erfolges. Dazu ist das Leben einfach zu einzigartig, als dass man es für so etwas missbraucht.

Wird es jemals wieder einen Hit wie Hiatamadl geben?

Wahrscheinlich nicht. Ich schließe nicht aus, dass ich wieder mal etwas schreibe, das plötzlich "Rumms" macht. Hiatamadl hat es ja auch schon zwei Jahre gegeben, bis es ein Hit geworden ist. Aber noch ein Hiatamadl, nein, das brauch' ich kein zweites Mal machen.

Werden Sie auf Ihrer neuen Tournee überhaupt alte Sachen spielen?

Heast as nit wia die Zeit vergeht. Sonst nichts. Der Titel hat glaub ich etwas Treffendes. Außerdem ist es ein Lied, das man in vielerlei Besetzungen spielen kann, ohne einem alten Klangbild nachzutrauern. Bei Liedern wie Hiatamadl wäre das nur immer eine Kopie, wir wären nur die Zweiten, die es machen. Außerdem gibt es so viel neues Material, sogar einige Sachen, die auf Fön gar nicht mehr drauf gepasst haben. Und ich will Lieder von der Afrika-CD Gombe spielen. Das Programm wird also lang genug werden. Ich müsste etwas Neues rausschmeißen, nur um etwas Altes zu spielen. Das will ich nicht.

Und wie reagieren Sie, wenn das Publikum lautstark nach Hiatamadl verlangt?

Das kommt darauf an, wie ich gerade aufgelegt bin, und wie dieser Wunsch an mich herangetragen wird. Aber ich werde es nicht spielen. Ich werde guten Gewissens sagen: 'Wir können es gar nicht live spielen!' Ich erhoffe mir, ich erwarte sogar von unserem Publikum, dass es offen ist, für das Neue.

Das "Neue" ist eine sehr persönliche CD. Viele Lieder drehen sich beispielsweise um die Liebe. Aber auch ein politischer Song ist darauf. Ist Kalt ein Statement zu Jörg Haider, und weshalb sind im Booklet einige Textpassagen zu diesem Stück verschlüsselt?

Die Nummer ist in großen Teilen textlos. Es ist einfach Lautmalerei und sinnloses Zeug, was ich da singe. Weil es eben Menschen gibt, die im Grunde sinnloses Zeug von sich geben, substanzlose, inhaltslose Reden schwingen und mit diesen inhaltslosen Reden die Massen hypnotisieren. Das, was sie sagen, ist absolut austauschbar. Als ich das Booklet geschrieben habe, habe ich mich dann gefragt: 'Was schreib' ich jetzt dahin, an die Stelle, wo eigentlich gar nichts gesagt wird?' Ich hab' erst irgendwelche Zeichen reingehauen und mir dann gesagt: 'Mensch, das schaut aus wie ein Code.' Es hat mich die Spiel- und Programmierlust gepackt und ich habe dann versucht, auf meinem Laptop selbst Texte zu verschlüsseln. Das ist mir gelungen. Ich habe einfach Zitate von Jörg Haider genommen und codiert. Ich habe also eine spielerische Lösung gefunden. Ich wollte diesem Mann partout keine Plattform geben in meinem Booklet. Das vergönn' ich ihm nicht. Aber in dieser spielerischen Form fand ich es ganz lustig.

Da werden die Reaktionen nicht ausbleiben...

Ich hoffe. Bei allem, was ich mache, erhoffe ich mir eine Reaktion. Und eine Auseinandersetzung gerade mit Liedern wie diesem wäre mir schon wichtig.

Der Text könnte auch darauf hindeuten, dass Sie sich mit dem Gedanken tragen, auszuwandern. Wie steht es mit Ihrer Heimatliebe zu Österreich?

Nein, auswandern will ich nicht. Ich fühle mich mit dieser Kultur und diesem Land verbunden, ob ich das nun will oder nicht. Diese Verbundenheit ist für mich auch so etwas wie ein Freibrief, an dieser Gesellschaft eben auch Kritik üben zu dürfen.

Denken Sie über ein politisches Engagement nach?

Nein, das ist nicht mein Terrain.

Verstehen Sie die neue CD musikalisch als Bruch und Neuanfang oder als Weiterentwicklung?

Nach sechs Jahren kann man wohl von einem Bruch reden. Da ist schon eine tiefe Kluft. So fehlt zum Beispiel das Rockelement in der neuen Produktion. Sie ist viel subtiler gemacht - sowohl vom Text als auch vom Arrangement und der Melodieführung. Aber ich habe auch das Gefühl, dass die CD irgendwo anknüpft an dem was vorher war, nur dass ich eben ein paar Schritte weiter gekommen bin.

Glauben Sie, dass Fön ähnlich erfolgreich sein wird, wie die alten Sachen?

Es prophezeien mir eigentlich viele, dass es kein Erfolg werden wird. Aber das war in der Vergangenheit eigentlich immer so. Ich habe dieses Programm in erster Linie geschrieben, weil ich endlich wieder auf Tour gehen will. Ich freue mich auf den direkten Kontakt mit dem Publikum. Ich will sehen: 'Was löst das aus? Was passiert bei mir?' Ein Konzert ist ja immer auch eine Kommunikation mit dem Publikum.

Nach Hölleisengretl würdigten Sie die Kritiker als Idealbesetzung des anspruchsvolleren Heimatfilmgenres. Viele haben erwartet, Sie würden ins Schauspielerlager übersiedeln ...

Ja, das hätte ich mir auch gedacht. Ich hätte Hölleisengretl auch nicht gemacht, wenn ich keine weiteren Ambitionen gehabt hätte. Aber es gab danach keine Rollenangebote, die auch nur zu diskutieren gewesen wären. Und sowas wie Bergdoktor? Nein! Ich bin allerdings hoffnungsvoll, dass es irgendwann wieder einmal klappt und arbeite auch darauf hin. Nur bin ich halt von Anfragen abhängig.

Goisern, der ewige Folklore-Rebell

Action Februar 2001 | Text: Lisa Ulrich | Fotos: Action

Hubert von Goisern"Für viele ist Volksmusik noch immer tabu. Aber für einen Künstler gibt es nix Fescheres als Tabus!"

Sechs Jahre lang hat er gut durchgelüftet, nun haucht er heimischen Konzertsälen wieder seinen ureigenen folkloristischen Odem ein. Hubert von Goisern ist wieder da. Der Mann, der 1988 erstmals auch Hitparadenkonsumenten Appetit auf Volksmusik machte, stillte diesen Hunger mit seinem aktuellen Werk Fön einmal mehr auf Haubenniveau. Die nur drei Monate nach der Albumveröffentlichung abgesetzteb 25.000 CDs zeugen von der ungebrochenen Lust auf Goiserns Folklore: Auf Fön erweckt er steirische Weisen mit Latino-Einflüssen, Reggae, Jazz, Rock und Klassik zu neuem Leben, das ab März auch österreichweit in Konzertsälen pulsieren soll.

Keine leichte Übung für einen, der sechs Jahre Bühnenabstinenz pflegte: Nachdem Goisern mit seinen Alpinkatzen 1994 den letzten Juchizer tat, begab er sich nach Tibet und Tansania, wo er die legendäre Schimpansenforscherin Jane Goodall besuchte. Beide Reisen brachten außergewöhnlichen Alben hervor (Inexil und Gombe), doch keine Tour. Nun plagt ihn "Schiss vor dem Bühnen-Comeback", wie er im Action-Interview gesteht.

Hubert von Goisern

Kaum zurück, ehrt man Sie schon mit einer Goldauszeichnung. Ein Erfolg, den Sie erwartet haben?

Ich sage ungern, dass ich es erwartet habe, weil es überheblich klingt. Aber aufgrund des Erfolgs der Vergangenheit wäre alles andere ein Wunder gewesen. Die Goldverleihung ist mir aber eher unangenehm: Getue um etwas, das eh selbstverständlich ist.

Dennoch ist es ein schönes Vorzeichen für die anstehende Tour ...

Im Moment ist es mir im Weg, weil mich die Tour nervös macht. Was für mich wirklich zählt, ist, wie die Konzerte funktionieren.

Nervosität nach all den Jahren?

Ich war immer schon ein Nervöser. Am Anfang hab ich mich vor jedem Auftritt angespieben und geglaubt, ich schaff's nicht auf die Bühne. Sobald du draußen stehst, ist das vorbei, wie beim Klettern: Am Anfang der Wand geht dir die Muffn, und drinnen weißt du: Jetzt ist kein Platz mehr für Angst. Nach sechs Jahren Abstinenz, mit einer neuen Band und meinen hohen Ansprüchen steh ich nun wieder am Anfang.

Warum hat es so lange gedauert?

Eigentlich sollten es nur zwei Jahre werden. Dann hab ich tibetische Musiker kennen gelernt, und die Begegnung mit Jane Goodall hat mich nach Afrika gezogen. Da bin ich einfach reingerutscht. Und plötzlich, nach den beiden Projekten, kam mir wieder das Bedürfnis, Nummern zu schreiben, die nur mit mir zu tun haben, wo ich keinen fragen muss, ob das okay ist.

HvGEin Steirer, der tibetische und afrikanische Musik verarbeitet; ist das so kontroversiell, wie es oberflächlich gesehen wirkt?

Es gibt schon eine Verbindung: Ich habe mich immer mit regionalen Problemen und Kulturen beschäftigt, dem Gegenteil von Popmusik, die ja überall und nirgends zuhause ist. Gerade bei den Tibetern, deren Kultur vom Aussterben bedroht ist, hatte ich das Gefühl, helfen zu können. Helfen, ihre Tradition nicht nur museal zu betrachten. Denn eine Kultur kann nur überleben, wenn sie einen Bezug zum Hier und Jetzt schaffen kann.

Hat sich seit Ihrer Protagonistenrolle als Befreier heimischer Volksmusik in Österreich diesbezüglich etwas geändert?

Eigentlich nicht: Es ist bei vielen Menschen noch immer ein Tabu: Aber für einen Künstler gibt's eigentlich nichts Fescheres, als ein Tabu zu entdecken. Mit taugt die Kontroverse und den Fritzen zu zeigen, worum's wirklich geht: um die Regionalität, die nicht zugunsten von Umsatz verloren gehen darf, ob in Salzburg, am Tanganjikasee oder im Tibet.

GoiserersWorin orten Sie den Grund für die Tabuisierung von Volksmusik?

Der Grund, warum man sich für das Eigene schämt, ist derselbe wie vor 30 Jahren: die Vergangenheit, in der sich der Nationalsozialismus Volksmusik auf die Fahnen geheftet hat. Danach war's aus, weil die meisten umgebracht wurden oder im Exil waren. Die Ersten, die sich wieder angenähert haben, waren Phänomene wie der "Musikantenstadl". Dass sich Menschen mit Geschmack davon distanzieren, versteh ich.

Nun wagte auch Ihre Ex-Bandkollegin Zabine den Schritt zur Solokarriere. Ihr Urteil?

Es gefällt mir, weil es seit langem das Kreativste ist, was am Sektor österreichischer Popmusik mit Identität passiert. Count Basic oder C-Bra sind auch nicht schlecht, aber ohne Identität. Was sie macht, ist innovativ. Ich hoffe, dass sie den Atem hat, es auf den Punkt zu bringen, wo es hinkommen könnte.

Toll? Ich bin der Hubert...

Focus 4/2001 | Fotos: Focus

... von Goisern. Wie der Trachtenrocker nach langer Jodelpause neuer und alter Konkurrenz den Kampf ansagt

Hubert von GoisernDen Rauswurf erledigte der Herr Kapellmeister höchstpersönlich. Das vorlaute Bürschchen mit den langen Zotteln brauche sich gar nicht mehr blicken zu lassen, raunzte der Chef der Blaskapelle im österreichischen Bad Goisern: Runter mit der Tracht! Schluss mit Jodelei und Humtata!

"Ich habe geheult, als ich die Trompete abgeben musste", erinnert sich Hubert von Goisern nocht heute, fast 30 Jahre später. Damals hieß er noch Achleitner. Wie aus Rache legte er sich später das Pseudonym, "von Goisern" zu und rockte nieder, was den Kollegen Blasmusikern heilig war. Mit Quetsche und E-Gitarre wilderte er in deren traditionellem Liedgut - und verdiente prächtig dabei.

Über 1,5 Millionen CDs hat der 48-Jährige insgesamt verkauft, und dabei ein halbes Dutzend goldene CDs eingesackt - die letzte vorigen Montag in seinem Studio in Salzburg.

Fön heißt das prämierte Werk, mit dem ihm nach sechs Jahren Pause das "Comeback des Jahres 2000" (AZ) gelang. Die im März anlaufende Tour ist jetzt schon vielerorts ausverkauft. Pünktlich zum Start wirft er gleich noch eine neue CD auf dem Markt: Trad. Darauf sind seine Neuaufnahmen traditioneller Melodien, die sonst nur noch Hochbetagte mit Hackbrett und Zither vortragen. "Das Beste aus 150 Jahren alpiner Volksmusik", wie Hubert von Goisern seine Auswahl unbescheiden erläutert.

Seine neue Band hat das altbackene Zeug "entschlackt". "Das klingt jetzt völlig lässig, ist aber derselbe Stoff." Der sei so stark, dass er hofft, damit mehr Spuren zu hinterlassen, "als mit allem, was ich vorher gemacht habe".

Fön - Gold DiscZehn Jahre ist es her, dass der "yodelling punk from Austria", wie ihn die US-Kritik nannte, zum ersten Mal jenseits der Alpen auftauchte. "Die Volksmusik lebt!", verkündete der Bergfex damals und rechnete auf der Bühne mit deren "Verhunzern" - gemeint waren Interpreten, wie sie im Musikantenstadl auftreten - ab. Erst spielte er vor einem Häufchen Großtadt-Ökos. Dann, nachdem sein Hit Koa Hiatamadl aus den Radios dröhnte, in den größten Hallen der Republik.

So rasant, wie er aufgestiegen war, so überraschend kam 94 das Aus. Das Projekt sei ausgereizt, befand der Sänger auf dem Gipfel seines Erfolges und löste seine Original Alpinkatzen auf. Er schrieb noch die Musik für den Volsmaier-Film Schlafes Bruder, hatte ein, zwei Einsätze in Spielfilmen und in den Klatschspalten mit angeblichen Affären. Die dementierte der Frauenschwarm heftig, dann war wieder Ruhe in Bad Goisern.

Affen-Musik. Der nach Jörg Haider berühmteste Bürger des Kurortes tat, was er schon vor seinem Ruhm am liebsten gemacht hatte: Er stieg auf Berge und zog um die Welt. Auf seinen Reisen lauschte er dem Gesang tibetanischer Mönche und afrikanischer Affen. Daraus werden zwei CDs - hundertprozentig politisch korrekt und absolut unverkäuflich, sollte man meinen. Immerhin 100 000 ausgehungerte Fans griffen trotzdem zu, und der zweifache Vater hat seither die Gewissheit, dass "es immer genügend Leute gibt, die meine Musik kaufen".

Seine Plattenfirma war dennoch ausgesprochen erleichert, als er vorigen Herbst mit dem neuen Material anrückte. "Hubert jodelt wieder massenverträglich", frohlockten die Manager. Nix Esoterisches für die spirituelle Randgruppe, sondern ausgeruhrter, zeitloser Pop. Als "weniger krachig" beschreibt der Musiker selbst den Unterschied zu den früheren Alben. "Nicht mehr so vom Rock dominiert, mehr Funk und Soul."

Mit krachigen Gitarren ist freilich ja auch niemand mehr zu schocken. Nicht mal von Goiserns Lieblingsfeind Karl Moik. Selbst durch dessen Musikantenstadl marschieren heute wild gewordenen Trachten-Combos, "Seit Huberts Erfolg gibt es keine Kapelle mehr, bei der nicht E-Gitarre gewürgt wird", lästert sein Manager, der Münchner Hage Hein. "Ich krieg den Vogel bei diesem Rocker-Gepose."

Egal, ob Kastelruther-Spatzen oder Alpenrebellen, Kloster- Ziller- oder sonstige Taler - alle mühen sich nach Kräften, so verwegen wie möglich daherzukommen. Ein Masche, die über Jahre vorzüglich funktionierte und höchste Chartnotierungen garantierte, sich aber zu Tode reitet, wie Branchenkenner berichten. Außer für die absoluten Stars laufe das Plattenbusness zäh und zäher. Allenfalls mit der Ulknummer des Anton aus Tirol eines DJ Ötzi ließ sich Kasse machen.

Allein das Live-Geschäft brummt noch. Auch im Fernsehen wird weiter abendfüllend und herzzerreißend gejodelt. "Eine absolute Zumutung", findet Goisern. "Immer derselbe Schmarrn." Soll nur kein Plattenboss auf die Idee kommen, ihn zu PR-Zwecken in eine der "unsäglichen Shows" zu schicken. Da wird der Musiker zum Trachtenrebellen aus alten Blasmusik-Tagen. "Zum Karl Moik geh ich nie! Niemals!"

Hubert von Goisern und Band

Daddy of the Alpenrock

Fritz Dezember 2000 | Text: Thomas Williams | Fotos: Till Benzin

Hubert von GoisernHubert von Goisern ist wieder da und hat sich ein schönes Bild zurechtgelegt, um seine Abkehr von der Schlagerwelt zu illustrieren. "Als ich angefangen hab", sagt er, "war ich der Hecht im Karpfenteich. Am Schluss hatte ich Angst, dass ich schon ein Karpfen bin. Daher machte ich mit den Alpinkatzen Schluss. Ich musste Platz schaffen, um etwas zu erleben zu können."

HvG1988 hat sich Hubert Achleitner alias Hubert von Goisern den Namen seines Geburtortes zu eigen gemacht, um die Welt mit einer alpinen Lawine zu überraschen. Er paarte rockigen Rythmen mit volkstümlichen Melodieelementen und bewies dadurch, dass es in Österreich nicht nur Kaiserschmarrn, Jause und den Prater, sondern eine überaus lebhafte Musikszene gibt, die sich weder schämt noch scheut, die beiden ungleichen Geschwister Tradition und Moderne Hand in Hand laufen zu lassen. Mit seinen Original Alpinkatzen feierte er bis zum Jahre '94 weltweit (selbst in den USA) frenetische Erfolge. Nach dem endgültigen Ende der Alpinkatzen widmete er sich eine Zeit lang der Filmmusik. Sein bekanntestes Opus ist wohl die Titelmusik des Joseph-Vilsmaiers-Films Schlafes Bruder. Mehrere Lebens-Bekanntschaften - unter anderem did Begegnung mit Jane Goodall, der berühmten Gorillaforscherin, bewog ihn, sich vom Alpenrocker zum Wletmusiker zu entwickeln. Es folgten längere Aufenthalte im Tibet und in Afrika. Das Ergebnis sind die beiden Alben Gombe und Inexil. Erst im Sommer 1999 erwachte in von Goisern erneut der Wunsch "etwas zu komponieren" und im Herbst 2000 veröffentlichte er sein viertes Studioalbum Fön.

FRITZ - Das Magazin sprach mit dem rastlosen Abenteurer über die Alpinkatzen, Jane Goodall und über das Leben in Tibet.

HvGMit den Alpinkatzen befandest du sich auf dem musikalischen Zenit. Ihr wart unter anderem in den USA, Japan und England unterwegs. Alle haben eure Musik geliebt. Warum hast du gerade dieses Projekt so abrupt beendet?

Ich habe damit alles erreicht, was zu erreichen war. Mehr war nicht drin, außer das Projekt zu wiederholen und immer wieder zu wiederholen, um mehr und mehr Geld zu verdienen. Das war überhaupt nicht in meinem Sinne. Ich bin ein Mensch, der das Abenteur sucht. Darum habe ich mir diese Zäsur auferlegt.

Hubert von GoisernHast du wirklich geplant, ganze sechs Jahre zu pausieren?

Nein. Geplant war, dass ich mich zwei Jahre zurückziehe um mich Projekten zu widmen, für die ich vorher keine Zeit hatte. Daraus sind dann sechs Jahre geworden. Nicht weil mir so lange nichts eingefallen ist, sondern weil es so viel Spannendes gab, was sich ereignet hat, so viele Begegnungen. Immerhin sind in dieser Zeit insgesamt vier CDs entstanden.

Was hat dich dazu bewogen, im letzten Jahr eine weitere CD aufzunehmen?

Bei mir war der Leidensdruck einfach zu groß. Vor zweieinhalb Jahren habe ich mir nach Abschluss der Tibet-CD under Afrika-CD gesagt: "Das nächste was ich mache, ich schreibe ein Programm, mit dem ich mich wieder auf die Bühne sehen lassen kann." Das war mir ein wahres Anliegen.

Wie kam es zu deiner Zusammenarbeit mit tibetischen Musikern?

Ich war insgesamt fünf Wochen im Tibet, obwohl ich nicht dorthin gereist bin, um tibetische Musiker kennen zu lernen oder um mir gezielt Inspiration zu holen. Ich bin in das Projekt eigentlich hineingehoben worden. Ich wurde gebeten tibetische Musiker und Tänzer auf ihrer Österreich-Tournee zu begleiten und die Show zu moderieren, weil man sich davon versprochen hat, dass mehr Leute kommen, wenn mein Name als Moderator dasteht. Und das habe ich dann gemacht. Unentgeltlich versteht sich.

Wie waren deine Erfahrungen mit dieser doch recht eigenartig-mythischen Musik?

Interessiert und faszinierend zugleich, auch wenn ich erkannt habe, dass ich wenig bis gar nichts verstehe von dem was da musikalisch abläuft. Natürlich gibt es da so etwas wie ein nonverbales Verstehen, aber das war für mich schon sehr mystisch, was da abgelaufen ist und ich wollte das einfach mehr verstehen.

HvGWie wichtig ist den Tibetern deiner Meinung nach ihre traditionelle Musik?

Mir ist aufgefallen, dass die tibetische Musik eine rein museale ist. Es ist nichts, was es in der Gegenwart gibt. Das hat mich sehr daran erinnert, wie es mit der österreichischen traditionellen Musik gewesen ist, bevor ich an den Start gegangen bin und sie ins Hier und Jetzt bezogen habe. Mir scheint, als hören sie tagsüber Hindi-Pop oder anglo-amerikanische Pop-Musik wenn sie zu Hause sind und tragen Jeans und T-Shirts, aber am Abend ziehen sie sich die tibetischen Klamotten an und machen auf eine Kultur, die sie eigentlich gar nicht kennen, weil die meisten im Exil geboren sind und persönlich ein völlig anderes Leben leben als das, worüber sie dann singen. Ich habe ihnen damals geraten, einen zeitgenössischen Bezug zu schaffen. Diese Idee fanden sie reizvoll und so kam es, dass wir uns gemeinsam ins Studio begaben, um die Tibet-CD aufzunehmen.

Erzähle uns doch ein bisschen etwas über deine Begegnung mit Jane Goodall. Wie habt Ihr Euch kennengelernt?

Ja, das ist eine außergewöhnliche Geschichte. Jane kam damals zu mir nach Bad Goisern. Im tiefsten Winter ist sie wie aus dem nichts bei mir hineingeschneit, weil ein Freund sie mir vorstellen wollte, der sie kannte. Wir haben nächtenlang geredet und massiven Gedankenaustausch betrieben. So ist eine tiefe Freundschaft entstanden. Sie lud mich mehrmals nach Südafrika ein und irgendwann hatte ich das unstillbare Bedürfnis, diese Frau zu porträtieren, einen Film über sie zu machen über ihr Leben und ihre Leben und ihre Philosophie. Die Arbeit mit "ihren" Gorillas und Schimpansen mit denen sie über Jahre hinweg auf engsten Konakt lebte, ihr Engagement für den Weltfrieden und vor allem ihr unbeugsamer Wille, die Welt nicht so zu ertragen wie sie ist. Jane Goodall ist eine einzigartige Frau und es war mir eine Ehre einen Dokumentarfilm über sie zu drehen. Ich werde noch ein bisschen Zeit brauchen, um ihn fertigzustellen. Ich möchte da sehr präzise vorgehen, denn sie war es, die mir riet, wieder auf die Bühne zu gehen, als sie sagte: "ich sehe dir an, wie es dich umtreibt. Nur Mut und wenn du dann wieder auf der Bühne stehst, wird es so sein, wie in der Geschichte, wo der Vater nach einer sehr langen Reise nach Hause zurückkehrt."