Hubert von Goisern
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WESTAFRIKA 2002

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Fotos aus Burkina Faso

Hubert von Goisern in Burkina Faso

Jenseits von daheim

Salzburger Nachrichten 4. Mai 2002 | Text: Bernhard Flieher

Hubert von Goisern war drei Wochen lang mit seiner Band durch Westafrika unterwegs. Er stieß auf Kreuzungen, auf denen für kurze Momente trotz der Ungleichheit der Welten eine verbindende Emotion wachsen konnte.

Sand und Schweiß und Staub rinnen unter dem T- Shirt über den Rücken. Was gäbe ich jetzt für das Surren des Ventilators, das mich sonst seit Tagen ärgert, und was erst für das kühlende Rauschen des Meeres daheim?! Daheim bedeutet dieser Tage Hotelzimmer, in denen mein Rucksack steht. Oder dort, wo Botschafter Michael Brunner für Überraschung sorgt: Zipfer Bier aus der Dose. Lauwarm. Daheim zum Ausspucken. Hier, auf einem staubigen Platz mitten in Dakar löst das Öffnen der Dose ein eigenartig heimeliges Gefühl aus - und das inmitten großer Kinderaugen und bittender, schmutziger Hände. Wir stehen an einer jener gefährlichen Kreuzungen der aktuellen Popkultur, an denen sich gänzlich ge trennte Welten so scheinbar mühe los überschneiden können.

Nach dem dunstigen Staub des Tages umhüllt eine kühle Nacht den Drei-Millionen-Moloch Dakar. Für kurze Momente erlaubt das Geschehen der Nacht den Gedanken, dass sich alle Ungleichheit auf lösen könnte. Das Konzert auf der engen Straße mitten im Armen viertel der senegalesischen Haupt stadt endete vor einer halben Stun de. Die Neugier der Bewohner ging trotz ungewohnter Klänge und un verständlicher Worte in ausgelasse nen Rummel über.

Tanzen zwischen Wellblechhütten

Immer enger, heißer wurde es. Mit jedem Song drängten sich die Zuschauer zwischen den Wellblechhütten näher an die Musiker. Jodelnde afrikanische Teenager, ein Chor aus Kinderstimmen, breite Lächeln und einladend offene Augen, die auf Grund der räumlichen Situation erleichterte Aufhebung des ewigen Zwiespalts zwischen "denen oben" und "denen unten". All das lässt erschöpfte, aber frohe Gesichter zurück. Hubert von Goisern sang schon besser. Die Band spielte schon genauere Einsätze, kann vieles besser als hier gezeigt. Das ist egal in einem Moment, da kultureller Austausch gemeinsame Emotionen hervorruft und von den ökonomischen Götzenbildern der Globalisierung verstärkte Ungleichheit
auflöst.

An der Kreuzung im Armenviertel löst grenzüberschreitende Emotion jede intellektuelle Überlegung auf. Hier hört das Hirn zu arbeiten auf. Dafür herrscht für ein paar Minuten die Wahrheit des Herzens. Sogar We are the world, ziemlich schräg angestimmt von lokalen Musikern, die schon zuvor mitspielten, verliert seine Peinlichkeit und wird zum Statement für gleichberechtigten Austausch.

Hubert von Goisern und Band bringen auf einer dreiwöchigen Tour ihre Mischung aus Pop- und Volkskultur nach Westafrika. Im Gegenzug erhofft sich der weit gereiste Goiserer Inspiration und für die nächste CD verwertbares Ton material. Drei Wochen, die höchste Anforderungen an die innere Gelassenheit stellen. Abenteuer-Lager für musizierende Erwachsene mit den Anliegen, "Alpine Weltmusik" zu präsentieren, diese nicht nur durch musikalische Anregungen jenseits normaler Routine zu formen und festigen und - wie sich herausstellte, als schwere Übung - in neuer Besetzung zusammenzuwachsen für die Sommertournee durch vertrautes Gebiet.

In diesen vertrauten Gebieten zwischen Domplatz und Allzweck halle stellt das Funktionieren der Band eine besondere Zivilisations stufe dar. Hierarchie, Ordnung und Organisation erst ermöglichen freie Entfaltung, erlauben jenes Fallen lassen, das an dem Abend im Armenviertel erreicht wird. Hier gelingt für einige Augenblicke die Aufhebung einer Weltordnung.

Im Gegensatz zu Reglementie rungen und rationalem Verhalten steht, was in der Fremde reisend erlebt werden kann. "Nomaden sind unzivilisiert, und alle Wörter, die traditionell auf sie angewendet werden, sind mit den Vorurteilen der zivilisierten Welt belastet", schreibt Zivilisations-Kritiker Bruce Chatwin und verweist auf Wörter wie "Landstreicher" oder "Vagabund", die aber gerade in der modernen Musikgeschichte eine le gendäre Bedeutung bekamen.

Nur die Auflösung zivilisatorischen Regelwerks, das Aufgehen in nomadischen Tugenden öffnen Herz und Hirn für Entdeckung, Überraschung und Erstaunen - machen bereit, die Kreuzungen zu erahnen, an denen sich stehen zu bleiben und zu lernen und zu musizieren lohnt.

Drei Wochen Afrika, drei Länder, fünf fixierte und ein paar vergeblich erhoffte Konzerte, zerrissen zwischen Erforschung des Unbekannten, offiziellen Einladungen und den verschiedenen Ansprüchen innerhalb einer jenseits der Bühne vor allem in Hinsicht auf den "Sinn des Reisens" wenig homogenen Musikgruppe. Da wird Zeit ein extrem kostbares Gut, Schlaf eine Nebenerscheinung und die innere Mitte ein wankelmütiges Irgend was. "Der Unterschied zwischen Reisendem und Urlauber liegt in der Zeit", schreibt Paul Bowles in "Himmel über der Wüste". Der reisende Hubert Achleitner dämmert im Bus vor sich hin und nickt. Er darf sich erlauben, sich in diesem Zwiespalt mehr zu verlieren als sein musizierendes Alter Ego Hubert von Goisern.

Letzterer muss ja doch immer danach trachten, dass an verschiedensten, auch bandinternen Kreuzungen eine klare Richtung gefunden wird und so alles im Plan und bei Laune bleibt.

Vier Stunden noch bis Ouagadougou - ungefähr. Was bedeutet: Noch etwa sechs Stunden bis zum Beginn des letzten Konzertes der Tour im Französischen Kulturinstitut. Burkina Faso ist flach und heiß und freundlich. Der Bus ist langsam. Alle sind geschlaucht. Die Grenzen geistiger und körperlicher Aufnahmefähigkeit sind ausgereizt. Vor drei Tagen sind wir - völlig übermüdet wegen einer mehrstündigen Verspätung unseres Fluges aus Dakar - diese Straße schon in die andere Richtung nach Bobo-Dioulasso gefahren. Das Konzert im dortigen Kulturinstitut ließ die Füße einschlafen. In Ouaga funktioniert alles bestens.

Alle Straßen führen fort und wieder heim

Müdigkeit, überfrachtung mit neuen Eindrücken und wohl auch der bevorstehende Heimflug mobilisieren alle Kräfte. Ein musikalisch hervorragendes Konzert, aber halt ein ganz normales mit Bühne und Licht und geduschten Besuchern.

An dieser letzten Kreuzung der Reise führt keine Straße in ein Neuland, sondern bleibt brav in der ausgetretenen Spur westlicher Kulturindustrie. Hier auf der Amphitheater-Bühne passiert schön Unterhaltsames, Stimmungsvolles und Bejubeltes, aber nichts Außergewöhnliches. Hier muss sich in einer Welt der globalen Popisierung von Dialekten und Tradition kein kultureller Zwiespalt auflösen. Ein Besucher schreit, dass er Hiatamadl hören möchte. Er studierte zu Beginn der 90er Jahre in Trier und lebt nun wieder daheim in Ouaga. "... es san dieselben Straß'n, die di hoamführ'n oda fort", heißt ein Goiserer-Text.

Hubert von Goisern in Westafrika

Fotos: © Fritz Kalteis

Ein Goiserer in Afrika

OÖN 27. April 2002 | text & Fotos: Fritz Kalteis

Hubert von Goisern flog nach Afrika, einem Traum hinterher. Er erreichte ihn nicht. Aber es war ein Scheitern mit reinem Herzen. Bericht von einer dreiwöchigen Suche nach der musikalischen Begegnung. Oder: vom Groove der Frösche

Hubert auf der BühneNur noch wenige Stunden lang werden wir afrikanische Luft atmen, bevor uns das Flugzeug ebenso schnell wieder aus der drückenden Hitze von Burkina Faso reißen wird, wie es uns hier ausgespuckt hat. Ein niedriger Tisch im Hof des französischen Kulturinstitutes in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso. Hinter den Musikern liegt der Soundcheck für das gleich folgende letzte Konzert, vor ihnen liegt die Ausgabe eines deutschen Magazins. Burkhard Frauenlob, Keyborder in der Band von Hubert von Goisern, überfliegt die Seiten: "Gott hat es gewollt", steht da. "Das passt irgendwie", sagt Burkhard, und reißt die fetten Lettern aus dem Heft. Als wäre ein Damm gebrochen, beteiligen sich die anderen am fröhlichen Schlagzeilensuchen. Schlagzeuger Bernhard Wimmer reißt "In der Falle der Verzweiflung" aus den Seiten, "Das Prinzip Hoffnung" schnappt sich Percussionist Bernd Bechtloff, und "Entschlossen ins Verderben" geht an Geiger und Gitarristen Gerhard Überbacher. Hubert von Goisern und Bassist Antonio Porto teilen sich "Es ist vorbei". Drei Wochen Afrika, zusammengefasst in fünf Sätzen.

Es war eine große Idee, die Hubert von Goisern im Gepäck hatte, als er in den Süden aufgebrochen war: drei Wochen Sessions und Konzerte mit einheimischen Musikern in Kap Verde, Senegal und Burkina Faso. "Damit habe ich mir einen jahrelangen Traum erfüllt", sagt HvG und in seinem Kopf tanzen die Bilder vom Senegal, dem Epizentrum der westafrikanischen Musikszene und Dakar, dem Schmelztiegel von Trommelrhythmen, Popkultur und HipHop. Youssou N'Dour, Baaba Maal und Falou Dieng - Namen, die bis nach Österreich klingen.

Dass alpenländische Musik sich mit Klängen aus Afrika oder etwa Tibet gut verträgt, hat Hubert von Goisern mit seinen Alben Gombe und Inexil bewiesen. Fragt man, was er sich von dieser Reise erhofft, so spricht er von musikalischer Begegnung, die irgendwann Früchte tragen wird. Er spricht in der Einzahl: "Die wirkliche Begegnung passiert immer zwischen zwei Leuten. Sechs Leute mit sechs Leuten ist ganz anders. Es kommt auf das Persönliche an, wo sich zwei Menschen treffen und verstehen."

Und so kann der Wunsch nach tiefgehenden musikalischen Begegnungen nicht in Erfüllung gehen. Hin- und hergerissen zwischen Projektbesuchen, langen Bustransfers, Hotels, Flügen, Soundchecks, Interviewterminen, offiziellen Anlässen, dem Wunsch nach Ruhe und den verschiedenen Interessen von sechs Musikern, zwei Kameraleuten und drei Journalisten navigiert der Tross durch Westafrika. Die Muße, das Wesen der verschiedenen Länder und ihrer Musik aufzunehmen, stellt sich kaum ein. Dennoch: es gibt sie, die Sternstunden.

Himmel und Hölle ist manchmal eine Frage der Definition. Graf Steven Töteberg, Studiobesitzer in Dakar, malt die Hölle in düsteren Farben. Demnach würden wir uns mittendrin befinden. Die Hölle heißt Quartier Rail und ist ein Armenviertel in Dakar. Dicht an dicht stehen hier die Verschläge, in denen die Chancenlosen unter den Einwohnern der 3-Millionen-Stadt schlafen, kochen, überleben. Wellblech, Pappe und wackelige Holzstelzen bilden ein Patchwork, das den Sinn hat, Schutz vor Sonne und Regen zu bieten. Kein Strom, kein Wasser, keine Hoffnung. Gerade hier hat es sich Hubert von Goisern in den Kopf gesetzt, ein Konzert zu geben.

"Beifall, Beifall, Beifall"

Der Graf ist mit den Nerven am Ende, denn mit Einbruch der Dunkelheit würde uns die Meute gewiss meucheln und auch das letzte Kabel stehlen. Falsch gedacht - die Menschen überschütten die Band mit Liebe und Anerkennung. "Beifall, Beifall" skandiert der Moderator des Abends das einzige deutsche Wort, das er kennt. Mit großen Augen dirigiert er die pulsierende Menge von lachenden Kindern, tanzenden Frauen und klatschenden Männern, die immer dichter an die Musiker herandrängt. Immer wieder entern Einheimische die Mikrofone und entpuppen sich als begnadete Musikanten. Ein kleiner Mann schleppt sich auf Krücken auf die nichtvorhandene Bühne. Er singt, als würde ihm Bob Marley persönlich einflüstern, den ganzen Körper wiegend, im Gesicht einen Panoramagrinser. "Für mich ist Musik eine Sprache, die durch das Herz geht. Musiker reden mit ihren Instrumenten und Stimmen miteinander. Und wenn das passiert, dann ist das ein Gefühl der Weltharmonie, dann wird die Welt kleiner und größer gleichzeitig." So hat Hubert von Goisern am Anfang der Reise den Zauber des gemeinsamen Musizierens beschrieben. Jetzt werden die Worte zur Tat: We Are The World, gesungen von Dutzenden verschiedenen Stimmen. Ein kitschig-schöner Höhepunkt eines unglaublichen Abends. Übrigens: Kein einziges Kabel ist abhanden gekommen.

Publikum - WestafrikaNur 24 Stunden später ist Hubert von Goisern in eine Hölle von rotem Samt geworfen. Soeben ist das Konzert im Theater Serano in Dakar zu Ende gegangen. Ein Reinfall, darin sind sich alle einig. Die Band musste sich mit einer infernalisch schlechten Anlage abkämpfen. Hubert ist sauer: "Es geht nicht darum, sich irgendwo in der Mitte zu treffen und schlechten Sound zu akzeptieren. In gewissen Dingen muss man sich einfach durchsetzen." Und: "Wenn man an die Grenzen der eigenen Toleranz stößt, wird es richtig spannend. Nur in dem Moment, wo man das macht, findet man das oft nicht sehr lustig." Also sieht ein blasiertes, desinteressiertes Publikum von 200 Leuten aus der High Society Dakars eine lustlose, deprimierte Band. Die normalen Menschen bleiben vor der Tür: 4000 Kolonialfrancs Eintritt (bei einem Durchschnittslohn von 40.000 CFA) und der exklusive Rahmen schrecken ab.

Wohin kein Kabel reicht

Die normalen Menschen wohnen dort, wo die Asphaltstraßen längst aufgehört haben und Stromkabel nicht hinfinden. Zwischen ausladenden Schirm- akazien und den dickstämmigen Affenbrotbäumen wächst ein kleiner Haufen strohgedeckter Hütten aus der Erde - Ndioukhane. Ein Dorf wie viele in Afrika: Kinder, die vom Brunnen Wasser heranschleppen, Frauen an den Töpfen, die Männer vor den allgegenwärtigen Moscheen. Und doch ist Ndioukhane anders. Die Österreichische EZA hat dort ein Frauenprojekt gestartet. Was bedeutet, dass die Frauen des Dorfes mit kleinen Krediten Stoffe kaufen, färben, mit wunderschönen Batikmustern verzieren und verkaufen. Geld für die Familien, mit dem sie Medikamente kaufen können und der tägliche Kampf ums Überleben ein wenig leichter wird. Denn in den ärmsten Ländern der Welt, zu denen Kap Verde, Senegal und Burkina Faso allesamt zählen, bleibt zwischen Wasserholen, Feuermachen, Hirsedreschen, Kochen und Kinderstillen wenig Zeit für große Zukunftspläne. Hilfe dieser Art macht Sinn. Egal, ob eine Schule auf Kap Verde, eine Handwerker-Initiative im Senegal oder eine für Mangoverarbeitung in Burkina Faso - überall steht vor dem Geld die Initiative. "Mir taugt das sehr, was da passiert. Das sind gute Leute mit einer guten Einstellung ... ich habe keinen Zyniker getroffen. Es sind Leute, die sicher auch Sachen falsch machen, aber das ist kein Grund, etwas nicht zu machen." Die Besuche bei den einzelnen Projekten mögen für Hubert von Goisern anstrengend gewesen sein. Aber sie haben sich gelohnt. Gut möglich, dass der Gri, der singende Geschichtenerzähler von Ndioukhane, künftig von jenem Tag berichten wird, an dem die jodelnden Weißen kamen.

Ein Landler ist und bleibt für einen Senegalesen Musik aus einer fernen Welt und mit Jodeln haben Hubert und Co. noch bei jedem Auftritt große Lacherfolge erzielt. Menschen, die sich nie vorher gesehen haben, die sich nicht verständigen können, singen einander Gstanzeln. Das ganze Dorf feiert und tanzt, die einen besser, die anderen schlechter. In Europa hat man das verlernt, klagt Hubert: "Bei uns tanzt ja nur mehr einer, der das als Beruf hat, es wird fast nur mehr musiziert, wenn ein Publikum dafür da ist. Dieses Selbstverständliche, das Musik und Tanz hier haben, ist wunderschön."

Froschpalaver

Dakar im Frühling sind nur wenige Augenblicke vergönnt, an denen der Nordwestpassat nicht zornig an Strohdächern rüttelt und an Frisuren zaust. Just in so einem Moment schlendern HvG, sein Tontechniker mit Aufnahmegerät an einer finsteren Gstetten voller Bananenstauden und Sträuchern vorbei, die bisher kaum aufgefallen war. Aus dem Wiesenfleck quillt Musik wie aus einer anderen Welt. Tausende Frösche haben sich zu einem Palaver versammelt. Krooaaak, quak - potenziert zu einer tierischen Kakophonie, ungeordnet, ohne Harmonie. Doch mit jedem Augenblick scheinen sich die Töne ein wenig mehr zu überlappen , als würden sich die Klänge zentrieren. Plötzlich war der Rhythmus geboren: Die Frösche hatten sich eingegroovt.

Auch Musiker müssen sich eingrooven. Gelungen ist das dem Goisern-Kollektiv erst am letzten Tag der Reise, beim allerletzten Konzert in Ouagadougou. Hubert steht mit dem lokalen Reggae-Helden Bill Aka Kora auf der Bühne. Gemeinsam improvisiert man. Und plötzlich ist der Funke da. Herzblut, Begeisterung, Freude, alles, was bisher gefehlt hat. Die Jodler echoen aus dem Publikum hundertfach zurück. Bassist Antonio geigt, Geiger Gerhard fiedelt, Trommler Bernhard werkt, Keyboarder Burkhart zaubert, Percussionist Bernd springt, und alle lachen sie über das ganze Gesicht - endlich. Und zum ersten Mal, zum allerersten Mal in Afrika, tönt es aus dem Publikum - "Zugabe!"

Inseln ohne Gleichklang

Salzburger Nachrichten 2. April 2002 | Text: Bernhard Flieher

Hubert von Goisern schärft, gegenwärtig reisend, seine Sinne

RCT-FM rumpelt auf der gepflasterten Straße durch Praia aus den Boxen. Hochzeiten, Todesfälle und auch die Namen jener, die ihre Rechnungen nicht bezahlt haben, stehen auf dem Programm. Mehrmals täglich läuft ein Spot, der für den Auftritt der "grupo austriaco" wirbt. Plakate hängen nirgends. 30 Prozent der Bevölkerung der Kapverden, rund 500 Kilometer westlich von Afrika, sind Analphabeten. Das Radio spielt eine immense kulturelle Rolle. Kein Vergleich mit der formatierten Belanglosigkeit daheim.

Aber gerade darum geht's ja auf der Erkundungstour. Aufbrechen. Erahnen. Erkennen. Aufsaugen. Sich einlassen. Wie schon in Tibet, Indien oder Ostafrika geht Hubert von Goisern langsam durch die neue Welt. Noch bis Mitte April werden, nach Cabo Verde, der Senegal und Burkina Faso Stationen sein. Die Musik begleitet ihn dabei ständig, übt aber keinerlei Zwang aus. Was ist, ist, auch wenn das in dieser Region nicht immer sicher ist. Einmal eine Session da, dann ein Jodler in einer Schule oder ein spontaner Auftritt bei befreundeten Musikern. Nomadentum in emotionalen Klängen.

"Ich will auf Reisen meine Sinne schärfen", sagt Goisern über seinen Drang zur Bewegung. Musikalischer Austausch, intensive Kontakte und Gespräche ergeben sich so von selbst. "Außerdem wollen wir zeigen, was wir daheim für Musik haben." Der Austausch verläuft mit jedem neuen Weltmusik-Boom sonst eher einseitig in umgekehrter Richtung. Also wird sehr viel eigenes Geld investiert und auch damit gelebt, dass von offizieller Seite in Östereich finanziell kaum Unterstützung kam. Umso unverständlicher, da auf Cabo Verde, laut einem Papier des Außenministeriums, die kulturelle Zusammenarbeit "noch zu entwickeln" sei.

Ko-Produzent und technischer Leiter Wolfgang Spannberger, Goiserns langjähriger Begleiter, ergänzt die Reisegründe um die musikalische Komponente: "Sicherlich geht's auch darum, den eigenen Stellenwert besser einzuschätzen. Daheim kochen wir immer im eigenen Saft. Hier gibt es ständig Herausforderungen." Nicht aber im Sinn eines Wer-ist-besser-Leistungsgedankens will er das verstanden wissen, sondern als Auftrag, sich zu öffnen, Neues zuzulassen.

Der Musik des Goiserers liegt das Nomadentum zu Grunde. Streifzüge durch diverse Regionen absolviert er, lässt sie immer wieder einfließen, ohne die eigene Herkunft je wegzulassen. Problem dabei ist, dass jede Zivilisation auf Reglementierung fußt. "Es geht auch darum, Automatismen abzulegen", sagt Goisern. Schemata von westlichem Tour- und Studioalltag würden hier nicht nur scheitern, sie würden in eine organisatorische Katastrophe führen.

Vor allem aber geht es um "eine Vermeidung jeder Gleichförmigkeit". Statt ein angeblich besseres "Weltbild" zu oktroyieren, gilt es, die Unterschiede zu betonen, ein Bekenntnis abzulegen, dass nicht stört, was anders ist.

Nach Sonnenuntergang zeigen am Freitagabend die Radiospots und der in der ganzen Stadt zu hörende Soundcheck - Wirkung. Der Platz vor dem Fußballstadion beginnt sich langsam zu füllen. Über der Bühne ragen vier Lichttraversen auf. Wie weit entfernt liegende Wolkenkratzer, in denen spätnachts noch gearbeitet wird, wirken sie. Darunter beginnt die Party. Reserviert noch zu Beginn, als die Hochtraxlecker Sprungschanzenmusi aufgeigt. Dann Simentera. Die Truppe um Mario Lucio ist auch international bekannt, um sie und ihren eigenen Musikklub dreht sich in Parai musikalisch so gut wie alles. Sie feiert mit dem Open-Air ihr zehnjähriges Bestehen.

Und dann der Goiserer und seine Band. Es geht auf Mitternacht zu und alle Horizonte werden aufgelöst. Die Band (Bernd Bechtloff, Burkhard Frauenlob, Toniho Porto, Bernhard Wimmer und Gerhard Überbacher) lassen sich nicht anmerken, dass sie das Programm erst zum zweiten Mal spielen. Erstmals will Goisern ein Album erst nach einer Tournee aufnehmen. Alles ergibt sich. Alles kommt einfach daher. Viele der Songs sind neu und werden heuer noch veröffentlicht. Hier aber kennt ohnehin niemand einen einzigen davon. Ausgelassen wird vor allem bei den rhythmischen Songs getanzt und gefeiert. Die Wärme des Abends mischt sich mit musikalischer Nähe. Kurz nach dem Konzert klingt immer noch "Fia di" im Ohr:"... und wann i mei Liadl sing, tragt's da Wind vielleicht bis zu dir hin, über die Berg und übers Wasser, ganz egal, wo i jetzt bin ..."

Hubert von Goisern in Sorano: Ein heißer Abend mit Rhythmus

www.allafrica.com 8. April 2002

Es war wirklich eine angenehme Überraschung, Hubert von Goisern kennen zu lernen. Gemäß dem Image von Joe Zawinul liefert er eine gute kulturelle Vorstellung, rhythmisch und manchmal flirtend, und damit, was die westliche Welt world-music nennt. Und der mit Fallou Dieng und den anderen erfolgreich gewesene Austausch endete damit, diesen guten Eindruck zu bestätigen.

Wenn man etwas vom Auftritt des Österreichers Hubert von Goisern im Senegal in Erinnerung behalten sollte, ist es in diesem Abend zu suchen, den er mit einigen senegalesischen Künstlern belebt hat. So seltsam es ist, aber sie spiegelt die gute Stimmung wider, die während des ganzen Auftritts vorgeherrscht hat. Bei der Leistung von Fallou Dieng, Gallo Thiello und hervorragenden Tänzern mit einer vollkommenen Choreographie ist es gelungen, den ganzen Sall von Sorano tanzen zu lassen. Der Minister für Kultur und der österreichische Botschafter befanden sich in der ersten Reihe der Gäste und mit dem besten Blick auf die Tänzer.

Mit etwas Verspätung begann der übergreifende Abend mit Hubert von Goisern und den senegalesischen Künstlern Fallou Dieng mit seiner Gruppe, Mbaye Dièye Faye und Sing Sing Rythme und Magou als Überraschung dieses hervorragenden Abends zur Freude des Publikums. Und die Überraschung für die senegalesische Bevölkerung, die zum größten Teil zum ersten Mal den österreichischen Künstler hörten, war die Wärme, die die Musik von Hubert von Goisern ausstrahlte. Sein Stil ist nicht in die Kategorie der klassischen Musik einzuordnen. Die Musik von Hubert von Goisern ist sicherlich viel rhythmischer mit einer von Salsa bis Reggae variierenten Klangfülle. Das Publikum in Sorano glaubte bisweilen sogar Töne zu hören, die an den Mbala-Rhythmus erinnern.

Wenn einige geglaubt hatten, in den Kompositionen von Mbaye Dièye Faye Ähnlichkeiten zu der letzten Produktion von Youssou Ndour zu sehen, mussten sie schnell zurückstecken. Denn mit Sing Sing Tythme hat sich Mbaye Dièye Faye für eine begrenzte Perkussion entschlossen. Es ist die reine traditionelle Form aller Arten von Perkussionen, die dargeboten werden. Angereichert mit großen Trommeln und Tumbas. Wenn man Mbaye Dièye Faye und seine Brüder sieht, wie sie sich in Sorano in Szene gesetzt haben, begreift man besser den Erfolg dieser Art von Kunst auf internationaler Ebene. Mbaye Dièye, der er sich zeitweise sogar erlaubte, die Vorstellung mit dem "Rücken seiner Finger" zu schlagen, war ganz einfach beeindruckend. Und wenn das Publikum die Unterschiede zwischen den Perkussionen vergleicht, was schon alles andere als eine Offensichtlichkeit für einen Amateur ist, wie viel schwerer muß das für einen Neuling sein.

An guten Zeitpunkten dieses Abends tritt der Jugendliche Magou auf. Mit einer prächtigen "kavernösen" Stimme beabsichtigt dieser Junge, seinen Platz im Folkstil zu finden. Er hat dazu die Möglichkeiten, allerdings nur, wenn er, was die musikalische Übereinstimmung und die Texte betrifft, mehr Strenge und Professionalismus zeigt.

Was Fallou Dieng betrifft, der die Ehre hatte, diesen Traumabend für jeden Amateur, der entdeckt werden will, zu schließen, ist er sich treu geblieben. Die Umgebung kennt er. Selbst wenn er wegen der späten Stunde nicht viel Zeit hatte. Aber das wenige, das er zeigte, genügte weitgehend, seinen Ruf zu ehren. Und während des Auftritts von Hubert von Goisern und seiner Band hatte er die Gelegenheit, den Zuschauern zu beweisen, dass er der Profi ist, der sich in verschiedenen Stilrichtungen bewegen kann.

Hubert von Goisern weiß, was er sagt und er betont, dass dieser Abend von Dakar in seinem Gedächtnis als einer der Höhepunkte seiner Karriere bleiben werde. Der, der die Ehre hatte, den Abend zu beginnen, hat auch das Miteinander bis zum Ende gewährleistet. Der Komiker Koutia ließ dem gut besuchten Saal keine Pause. Und seine sonderbaren Geschichten und genauen Imitationen bezauberten einen bunt gemischten Saal.

Danke Mary

Ein Musikalischer Austausch bei Sorano: Rhythmus aus Österreich und Senegal

www.allafrica.com 5. April 2002

Das Théâtre nationales Daniel Sorano wird an diesem Freitag ein sehr reiches Schauspiel bieten. Reich im kulturellen Wert des Ereignisses und auch im Rhythmus, der im Herzen der Aufführung sein wird. Der Musiker und an der österreichischen Kultur beteiligte Hubert von Goisern wird anlässlich seiner Tournee in Westafrika diesen Abend am Daniel Sorano auftreten. Und um diesem Auftritt eine gewisse Popularität zu verleihen, werden auch senegalesische Künstler, wie Fallou Dieng und seine Gruppe, Mbaye Dièye Faye und Sing-Sing Rythm, der humoristische Koutia und das junge Talent Magou daran teilnehmen.

In der Pressekonferenz am Mittwoch in den Räumen der österreichischen Botschaft betonte Hubert von Goisern, dass er selbst seine Tournee in Westafrika geplant hat, aber zusätzlich hierzu erfolgte eine großzügige Finanzierung dieser Tournee in Höhe dreißig Millionen CFA-Francs.

Bezüglich des Senegal ist der österreichische Künstler überzeugt, dass Dakar beginnt, die Hauptstadt der afrikanischen Musik zu sein. Und aus diesem Hauptgrund konnte die Etappe von Dakar nicht in ihrem Programm fehlen. Nach den Kapverdischen Inseln wird also Senegal diesen österreichischen Künstler empfangen, einen Anhänger der übergreifenden kulturellen Erfahrungen. Dieses, bevor das Burkina Faso ab nächstem Mittwoch auf dem Programm steht.

Mit der Unterstützung der österreichischen Botschaft und der österreichischen Zusammenarbeit für die Entwicklung hat er somit heute die Möglichkeit, hier zu sein und aus der Quelle des Rhythmus zu schöpfen. Denn, dies gesteht er selbst, er betet den Rhythmus an, und dieser liegt der afrikanischen Musik zugrunde. Mit seinen CD's konnte er aber sich und andere zufrieden stellen.

Was die Auswahl der senegalesischen Künstler betrifft, war eine erste Liste ausgearbeitet worden, auf der auch, außer denen, die auftreten werden, unter anderem Ndongo Lô und Salam Diallo standen. Aber nach mehreren Diskussionssitzungen wurden bei der Endwahl die genannten senegalesischen Künstler bestimmt. Und der auf der Pressekonferenz anwesende Fallou Dieng versprach, an diesem Abend das Beste zu geben, denn "es wird ein wichtiger Austausch für die Erfahrung unserer Gruppe sein".

Danke Mary