Hubert von Goisern
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GRENZENLOS TOUR 2003

GRENZENLOS 2003 >> Konzert-Reviews: 1 2 3

Rasanter Afro-Rock mit Jodler

Südkurier 8. Juli 2003 | Text & Foto: Martin Raab

Konzert von Hubert von Goisern und Mohammed Mounir im Münchensteinpark

Hubert von Goisern & Mohamed MounirWaldshut-Tiengen. Was haben ein Alpenrocker aus Österreich und ein Popstar aus Ägypten gemein? Vielleicht, dass sie beide aus einer reichen musikalischen Kultur schöpfen. Dass sie gleichermaßen, jeder auf seine Art, kritische Geister sind. Und selbstredend eine unbändige Spielfreude mitbringen, auch wenn die sich ganz unterschiedlich äußert beim gemeinsamen Konzert von Hubert von Hubert von Goisern und Mohamed Mounir, mit dem das "Stimmen"-Festival vor rund 1200 Zuhörern im Münchensteiner Park im Grünen gastierte.

Eigentlich waren es zwei Konzerte, gekrönt von einem gemeinsamen Auftritt. Den ersten Teil bestritt der Ägypter. Der 49-Jährige, auch als Schauspieler erfolgreich, ist in seiner Heimat nicht nur wohlgelitten, streut er doch in seine Popsongs Kritik an Politik, Gesellschaft und auch Geistlichkeit ein. Schon wie Mohamed Mounir auf die Bühne tritt, in Sweatshirt und Jeans, ist ein Bruch mit der Tradition; seine Musik macht ihn überdeutlich hörbar: Eine brodelnde Mischung aus Pop, Rock und Jazz, in der die Töne der arabischen Flöte oder der traditionellen Trommeln oft wenig mehr sind als Einsprengsel über den westlichen Gitarrenriffs und Bassläufen. Dieses Gemisch feuert an, und die kleine, aber lautstarke Fangemeinde vor der Bühne brodelt bald.

Nach einer Stunde kommt Hubert von Goisern für ein kurzes Intermezzo zu Mohamed Mounir ans Mikrofon, dann treten die Ägypter ab und überlassen den zweiten Teil den Alpenrockern. Die stellen ihr letztes Album Iwasig vor, spielen sich während anderthalb Stunden aber auch quer durchs Repertoire. Volkstümliche Weisen gehen auf langen Instrumentalstrecken auf in Blues und Rock, Folk und Reggae. Das Akkordeon kreischt, die Jodler krachen - und dahinter bohrt immer wieder beißende Gesellschaftskritik.

So wie der 50-jährige Österreicher die eigene musikalische Tradition aufnimmt, zerlegt, neu zusammen fügt, greift er auch andere Einflüsse auf, nicht zuletzt von seinen Reisen, etwa nach Tibet oder Afrika. Dort kam, vermittelt durch das Goethe-Institut, letztlich auch die Begegnung mit Mohamed Mounir zustande.

Das gemeinsame "Stimmen"-Konzert führt am Ende beide Musiker wieder auf der Bühne zusammen. Hubert von Goiserns "Afrika" wird dabei zu einem besonderen politischen Manifest ("We can make a change, one by one, piece by piece"); Mohamed Mounirs Maddad ("Gib mir Kraft"), entstanden nach dem 11. September, als sich der weltliche Popstar für seine kritischen Gedanken in der Tradition geistlicher Musik bediente, erschließt sich erst im Duett in seiner ganzen Bedeutung. Hubert von Goisern ruft es gewohnt kernig ins Publikum: "So, wia mir zwoa doasteh'n, möcht' i die ganze Welt seh'n."

Danke Kirsten

Hubert von Goisern & Mohamed Mounir: Live in Münchenstein - 4. Juli 2003

Stimmen | Juli 2003
Hubert von Goisern & Mohamed Mounir

Im Takt der Weltmusik: Hubert von Goisern und Mohamed Mounir

Aachener Zeitung 25. Juni 2003 | Text: Hans-Peter Leisten | Foto: Kurt Bauer
Gerhard Überbacher, Hubert von Goisern und Marlene Schuen

Würselen. Der Goiserer hat Wort gehalten: "Das Platzl merk' I mir" hatte er bei seiner Premiere 2002 auf Burg Wilhelmstein versprochen.

Der Eindruck war nachhaltig, denn sonst wäre der Musiker aus dem Salzkammergut wohl nicht auf die Idee gekommen, sich im Schatten der Burgruine einen lang gehegten Wunsch zu erfüllen: ein Konzert mit dem ägyptischen Starsänger Mohamed Mounir und dessen Musikern.

Hubert Achleitner alias von Goisern ist in der Tat so etwas wie ein Peter Gabriel des deutschsprachigen Raumes, er holt fremde Musikkulturen nach Europa, baut künstlerische Brücken zwischen Kontinenten.

Wie der Österreicher bewegt sich auch der Ägypter zwischen Tradition und Moderne, beide verbinden verschiedene Stile mit den eigenen musikalischen Wurzeln ohne diese zu verleugnen.

Typische Kennzeichen der Musik Mounirs und seiner elfköpfigen Band sind nicht die komplizierten Arrangements, der Zuhörer muss sich darauf einlassen, von gleichmäßigen Harmoniewellen davon getragen zu werden.

Insofern wirkte es fast wie eine Eruption, als Goisern und Band nach einer dreiviertel Stunde zu den Afrikanern hinzustießen, ein Stück gemeinsam spielten und dann fast zwei Stunden lang eine faszinierende Mischung aus traditioneller alpenländischer Volksmusik, Blues, Rock, Samba und auch Reggae boten.

Und diese Mischung hat der Sänger und Multiinstrumentalist zu einem ganz neuen, unverwechselbaren Stil verschmolzen. Musik, die ehrlich ist, mitreißt, zugleich melancholisch macht und in jeder Phase Seele zeigt.

Dies liegt nicht zuletzt an den Musikern, die den Goiserer schon länger begleiten: zum Beispiel die bezaubernde Geigerin und Sängerin Marlene Schuen genauso wie Percussionist Bernd Bechtloff. Ein Irrwisch zwischen tausend Rhythmus-Instrumenten, der Milchtrommeln genauso wie Eigenkonstruktionen und klassischen Percussions unglaubliche Rhythmen entlockt.

Von Goiserns Musik - jetzt auch auf DVD - ist bei aller Vielfalt einfach schön, der Jodler wird zum emotionalen Erlebnis, vor allem bei Klassikern wie Heast as nit, Spat oder Die Strass'n.

Nach über drei Stunden verabschiedeten sich alle Musiker dieses bemerkenswerten Abends in einer gemeinsamen Session. Und man kann sicher sein: das "Platzl" wird sich von Goisern auch weiter merken.

Hubert von Goisern und Mohamed Mounir

Soundbase 1. Juli 2003 | Text: SB

Burg Wilhelmstein, 24. Juni 2003

Ein heißer Sommertag im Juni. Ich stehe in der Warteschlange vorm Eingang zur Freilichtbühne Burg Wilhelmstein in Würselen. Heute ein Burgfrollein! Massig Menschen belagern die Festung. Aber - trockenes Zitat von Hubert später auf der Bühne: "Wozu sind Burgen da? Um belagert zu werden. Was sonst!" Mounirs Soundscheck schallt durch die bewaldete Umgebung und macht Lust auf mehr. Wenn ich ein Vöglein wär, würd" ich jetzt schon mal über die Mauern linsen. Im Moment riecht es eher nach Family - Event als nach einem "Welt-Pop-Konzert". Eltern und Kinder scharren mit den Füßen und drücken sich wie Eidechsen am Burggemäuer entlang, um sich in den spärlichen Schatten der übers Gemäuer ragenden Bäume zu verkrümeln. Jeder hat sein mit Proviant gefülltes Rucksäcklein geschnürt oder Picknick-Korb oder Kühlbox am Start. Ein freundlicher Herr offeriert mir Mini-Salami an Ketchup-Dip in Tupper-Dose. Das wird mich noch durstiger machen aber ich verfahre getreu nach dem Motto von Biene Majas Busenfreund Willi, als der einen gischtkranken Tausendfüßler zu einer Kneipp-Kur überreden will: "Nicht lang rumunken - reintunken!" Irgendwann werden die Tore geöffnet und die Schlange gerät ins Wanken und schlängelt sich wabernd und hitzeflimmernd durch den Eingang.

Hubert von Goisern und Mohamed MounirAuf dieses Doppel-Konzert bin ich sehr gespannt: Hubert von Goisern hat den ägyptischen Popstar Mohamed Mounir eingeladen und tingelt mit ihm zwecks Europatournee durch die Lande. Eine Antwort und Fortsetzung auf das gelungene Konzert der beiden im oberägyptischen Assiut von 2002. Das Goethe-Institut hatte die beiden Künstler damals verkuppelt mit dem Hintergedanken einer kulturellen internationalen Begegnung musikalischer Art. Aus diesem spannenden Projekt, was ein voller Erfolg war, ist inzwischen eine Freundschaft zwischen H.v.G. und Mounir entstanden. Was die beiden verbindet ist neben der Liebe zur Musik in traditioneller sowie moderner Form auch der Wunsch, Grenzen zu überschreiten, und Menschen samt ihren unterschiedlichen Kulturen und Religionen einander näher zu bringen. Beide singen über Heimat und auch Fremde.

Ich bin zum ersten mal auf der Burg Wilhelmstein, fühle mich aber sofort wohl und sichere mir einen Platz in der ersten Reihe, um meine kleine Olympus, die über keinen Zoom verfügt, mir aber schon oft treue Dienste geleistet hat, zu entlasten, und um direkt an der Quelle zu sitzen. Hubert betritt die Holzbühne, wird vom Publikum gebührend und herzlich empfangen, und überlässt nach kurzer Begrüßung und Ankündigung von Mohamed Mounir genau diesem und seiner Band das Feld. Mohamed strahlt übers ganze Gesicht und nimmt allein durch seine charismatische Ausstrahlung das Publikum für sich ein. Nubische Percussion-Rhythmen erfüllen die Würselner Umgebung, untermalt mit Klängen einer afghanischen Flöte und Jazz-Trompete. Energische Beats und Mohameds aufmunterndes rhythmisches Klatschen animieren das Publikum flugs zum Mitklatschen. Seine Stimme klingt pur und leidenschaftlich und seine mal ruhigen und nachdenklichen, mal beschwörend-eindringlichen Gesänge bilden das Pendant zu den scheinbar gegensätzlichen Inhalten seiner Lieder, die z.B. in einem Atemzug vom Koran und der Jungfrau Maria handeln und meist provokativ und politisch (gegen religiösen Fundamentalismus und Intoleranz) geprägt sind. Auch wenn ich die Sprache nicht verstehe, seine Gestik und Mimik sprechen Bände. So stell ich mir Selim in Nadolny's Die Gabe der Rede vor.

Das Publikum ist jetzt gut in Fahrt - soweit man von "In-Fahrt-Sein" sprechen kann bei einem "Sitzkonzert". Die Ränge reichen nämlich gnadenlos bis an den Bühnenrand und rauben jeglichen Raum für Stehplätze, die in dieser von Mounir herbeigezauberten, impulsiven Stimmung sofort zum Hüpfen und Tanzen einladen würden. Man fühlt sich wie mi'm Arsch festgetackert auf den Stühlen und neben Platzmangel hindert einen auch noch die verflixte "gute Kinderstube" dran, einfach aufzuspringen und die Wutz abgehen zu lassen. Was sollen denn da die Leute denken! In Ougadougou wäre das pup-egal, aber hier...Mutti, ich hab Hummeln im Hintern!

Auch ungewohnt, wie Hubert selber anspricht, ist das alles entlarvende, ungenierte Tageslicht, welches sich mitten im Juni am frühen Abend auf einer Freilichtbühne nun mal nicht vermeiden lässt. Da kriegt man doch glatt ein schlechtes Gewissen, wenn man am helllichten Tage faul auf seinen vier Buchstaben in der Sonne sitzt und sich n Bierchen zoscht, während Hubert und Mohamed sich so ins Zeug legen mit ihren Bands.

Das begeisterte Publikum steigert den Stimmungs-Pegel noch um einiges, als Hubert die Bühne betritt und mit seiner Steirischen loslegt. Die Alpinkatzen-Fankurve dürfte entzückt sein über den lange Zeit verstummten Wildschütz-Räp. Auch Iawaramoi und Heast as Net und Schleiniger lassen nostalgische Wehmut und Wiederhörensfreude aufkommen. Hubert hatte wohl n Clown gefrühstückt! Er ist richtig aufgedreht und macht Spökes mit seiner Band. Dem armen Rowdy trötet er schelmisch mit seinem Wildschütz-Räp-Kuh-Horn direkt in die Ohrmuschel, der hängt vor Schreck da wie'n Schluck Wasser in der Kurve!

Angenehmer Kontrast auf diesem Freundschaftskonzert: Einerseits die ernsthafte und wichtige Friedensbotschaft, andererseits die offensichtliche und mitreißende Spielfreude aller Beteiligten und Huberts trockener Witz in den Kommentaren zwischen den Liedern. Irgendjemand kräht provokativ "Haider!!!" in die Runde, als Hubert über Menschen in hohen Ämtern sinniert, die beschissene Arbeit leisten. Hubert verweist daraufhin gelangweilt auf ne Artikelüberschrift einer renommierten österreichischen Zeitung: "Hört auf über Haider zu berichten!" Punkt und Schnitt. Eine ausgiebige leidenschaftlich vorgetragene Jodel-Hymne gehört natürlich zum guten Ton beim Goiserer und wirkt am besten bei geschlossenen Augen, damit jeder seinen eigenen Film dazu fahren kann.

Insgesamt gibt's einen bunten Mix aus Alpinkatzen-Klassikern, Fön, Trad und Iwasig - also: Jazz, Funk, Rock, Pop, Trad - heimatliche unverstaubte Klänge, Volksmusi ohne Volkstümelei. Hubert und Band zeigen gewohnte musikalische Höchstform, sind ja auch schon ein eingespieltes Team - was man von Hubert und Mohamed aus rein zeitlicher Sicht nicht behaupten kann: die beiden hatten vor der Tour läppische 2 Tage zum Einstudieren und Proben gemeinsamer Stücke. Um so beeindruckender ist der Teil des Abends, den beide Künstler gemeinsam mit ihren Bands gestalteten. Die Bühne ist nun von 20 Musikern bevölkert und man könnte die Holzpanelen sicher ächzen und knarzen hören, wenn der mitreißende Sound nicht alles übertönen würde. Es klingt so unerhört harmonisch und das Miteinander wirkt freundschaftlich und vertraut, als würde man seit ewigen Zeiten zusammen jammen.

Zu den Höhepunkten gehört das witzig-fröhliche Akipenda - an dieser Stelle reißt es auch den zivilisiertesten Zeitgenossen aus dem Sitz und die Contenance ist hin. Ich wisch mir vor Erleichterung ne Schweißperle von der Stirn, weil das Intro "und an am warmen Bier do is noch koaner g'storbn" mich in meiner Hoffnung bestärkt, dass der Genuss des inzwischen zu einem lau-schalem Pfützchen verblassten Bitburger-Rests in meiner Flasche heute nicht mein letztes Stündlein wird schlagen lassen.

Als krönenden Abschluss zelebriert die komplette Besetzung Afrika und die Friedenshymne Madad (Gib mir Kraft), Mohameds musikalische Reaktion auf den 11. September. Da braucht es keine Worte mehr, weil, das ist Multi-Kulti-Session und pure Lebenslust, der sich in diesem Moment, wie ich wette, auch der engstirnigste verbohrteste verbittertste Mensch auf Erden nicht würde entziehen können. Musik verbindet, ist international und sprengt alle Grenzen. So einfach ist das!

Zusätzliche Infos zu M. Mounir:
Der ägyptische Popstar Mounir, der sich selbst als Sprachrohr der kulturellen und religiösen Gemeinsamkeiten von Orient und Okzident sieht, könnte uns sicher ein Liedchen singen von Wut und Vertreibung, denn er gehört zu den nubischen Zuwanderern, die in den 70ern zwangsumgesiedelt wurden durch den Bau des Assuanstaudamms zu Beginn der 60er Jahre. Aber der "arabische Ägypter" ist kritisch eingestellt gegenüber der nubischen Volksbewegung, die sich für die Rückkehr ins Heimatland einsetzt. Er zieht Völkerverständigung dem nubischen Nationalismus vor und singt über Lösungen und Probleme der arabischen Welt. In fast all seinen Stücken greift er auf die arabische Moll-Pentatonik zurück, was der Art von Liedern entspricht, die auf nubischen und arabischen Hochzeiten gespielt werden. Das exotische für europäische Lauscher: die ägyptischen Tonarten unterteilen sich in 24 Vierteltöne, nicht in 12 Halbtöne, wie wir's in der westlichen Musik gewöhnt sind. Auch hier also: Zeit zum Umdenken, sich Öffnen und Grenzen überschreiten.