Hubert von Goisern
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Ohne Anstand gibt es kein Zusammenleben

24. März 2013 | Text: Hubert von Goisern

So unterschiedlich die Interpretationen von Anstand sein mögen, Anstand bezieht sich immer auf ein Gegenüber. Es ist eine Grundbedingung des Zusammenlebens und Miteinanderauskommens. Zu dieser Erkenntnis kamen schon unsere Urahnen. Die meisten der Zehn Gebote im Alten Testament sind Anstandsregeln, die das Leben in einer Gemeinschaft reglementieren: Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, du sollst nicht töten, ehebrechen, lügen und auch nicht die Frau deines Nächsten oder dessen Hab und Gut begehren. (Interessant eigentlich, dass es kein Verbot für Frauen gibt, den Mann ihrer Nächsten zu begehren.) Ein Großteil dieser Ge- und Verbote findet sich übrigens beinahe wortgleich schon 1500 v. Chr. im ägyptischen Totenbuch.

Guter und schlechter Anstand? Werfen wir einen Blick auf die Herkunft des Wortes Anstand: Im deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm steht, die ursprüngliche Bedeutung oder Verwendung des Wortes gehe zurück in die frühe Neuzeit. Im 16. Jahrhundert bezeichnete das "Anstehen des Krieges" einen Waffenstillstand. "Dass die Kriegshändel zu Frieden oder zum wenigsten in Anstand bracht werden mögen." Und weiter unten lesen wir: "... erst seit dem 18 Jh. hat man Anstand für das Schickliche in dem äußeren Betragen verwandt, von einem guten oder schlechten Anstande gesprochen."

Aber was genau ist guter Anstand? Aufrichtigkeit? Ja. Respekt? Nicht immer. Loyalität? Kommt darauf an. Eine verschleierte Frau? Nicht für jeden. Und wer oder was bestimmt, was unanständig ist? Wir sind von Geburt an mit sozialen Instinkten ausgestattet. Es muss uns nicht erst jemand sagen, dass unser persönliches Wohlergehen und das einer Gemeinschaft zusammenhängen. Wir werden mit Beschützerinstinkt und einem Gerechtigkeitsempfinden geboren und müssen lernen, wann und wie wir es einsetzen können. Durch schlechte Erfahrung und Mangel an gesellschaftlicher Zustimmung kann diese Empfindung verloren gehen. Aber der Sinn für Gerechtigkeit ist eine angeborene menschliche Tugend, keine Störung im evolutionären System.

Unsere DNA kennt den Egoismus, aber auch die Geselligkeit. Wir sind gern wo dabei, gehören gerne zu einem Team, einer Verbindung, einer Zunft oder einem Orden – und die, die nirgendwo dazugehören, fühlen sich zumindest in der Verschwörung verbunden. Wir brauchen einander. Aber kann die Zugehörigkeit zu einer Gruppe nicht auch bewirken, dass ich meinen Grad an Anstand − gemeinsam mit der Gruppe, im Gruppenzwang − reduziere? Gut möglich. Aber so eine Gruppe wird nicht lange Erfolg haben. Denn Erfolg hängt vom Grad der Fähigkeit zur Zusammenarbeit ab.

Anstandsfreie Zone? Besessenheit von Gerechtigkeit führt zu Selbstgerechtigkeit. Und wer sich zu eng an ein einziges Wertesystem, eine einzige Moral bindet, erblindet. Bewegt sich in Teil der Gesellschaft nicht längst im anstandsfreien, steuerungs- und steuerfreien Raum? Die Politik herrscht um jeden Preis, die Wirtschaft expandiert um jeden Preis, die Medien jagen Quoten um jeden Preis, im Sport wird gesiegt um jeden Preis, die Kirchen klammern sich an ihre Wahrheiten um jeden Preis, in der Kunst zählt der Erfolg um jeden Preis. Ist der Anstand gefährdet? Oder ist es nur die Transparenz unserer Zeit, die unser Gespür dafür schärft? Ich glaube, wir leben in einer guten Zeit – und sicher nicht in einer ungerechteren im Vergleich zu früheren Zeiten. Doch der Status quo ist nicht sakrosankt.

Deshalb darf Kunst provozieren, darf die Forschung unsere Grenzen neu ausloten, dürfen wir gesellschaftliche Vereinbarungen infrage stellen. Das Einbunkern im Istzustand bringt auf Dauer nichts – außer, dass die Luft schlechter wird. Wir tun gut daran, immer wieder unsere Fenster und Türen zu öffnen, um neue Zusammenhänge herstellen, Unerhörtes hereinzulassen und von Zeit zu Zeit neu auszuhandeln, was Anstand für uns heißt.

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