Hubert von Goisern
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Alles wirkt nachts in den Bergen mystischer, größer

SZ-Magazin 2. Jänner 2004 | Text: Hubert von Goisern

Ich bin in Goisern aufgewachsen, im Salzkammergut. Ich war also von klein auf umgeben von den Trümmern des Dachsteinmassivs. Berge bedeuten Erinnerungen an meine Kindheit und Erinnerung bedeutet auch: Geborgenheit, Sicherheit. Im Flachland bist du allem viel stärker ausgesetzt, Berge bieten Schutz. So hab ich das immer schon empfunden.

Als ich zehn war, bin ich zum ersten Mal von Goisern aus eine halbe Stunde in den Bergwald raufgegangen, um da oben allein zu übernachten. Es war schon ein bisschen unheimlich, der Wind wehte, Äste und Bäume knacksten hier und da. Dennoch habe ich die Geräusche und die Dunkelheit nie als bedrohlich empfunden. In der Nacht rückt der Horizont weit weg, keine Kleinigkeiten lenken einen ab, alles wirkt schemenhaft, größer, mystischer, stiller, geheimnisvoller. Und als Kind mit lebhafter Fantasie hab ich mir gedacht: Wenn du jetzt einen Kobold triffst, dann war es höchste Zeit dafür.

Ich kann nicht sagen, ob ich mir Kraft hole, wenn ich heute allein auf einen Berg steige, meistens rund um den Dachstein, denn da kenne ich mich aus. Ganz sicher aber weiß ich, dass es eine reinigende Wirkung hat, sich auch nachts in dieser Umgebung aufzuhalten, die ewig ist. Da lösen sich die ganzen Knoten, die tagsüber unentwirrbar scheinen. Im Gebirge gelingt es mir häufig, Dinge plötzlich ganz anders zu sehen. Ich spüre, dass es einen Weg gibt aus den Gedanken, von denen ich zuvor dachte, ich könne sie nicht bewältigen. Es hat mir immer geholfen. Die große Natur, die Gesteinsmassen lassen jene Dinge zum Vorschein kommen, die zwar immer da, aber in einer lauten Welt viel schwieriger wahrzunehmen sind. In den Städten, auch schon im kleinen Salzburg, wo ich wohne, muss man den ganzen Lärm erst ausblenden, den akustischen wie den visuellen. Auf dem Berg aber flackern keine Neonlichter und es wuseln nicht überall Menschen herum. Man wird ganz auf sich zurückgeworfen, auf die eigenen Geister, die man mit sich herumträgt. Und man merkt, wie sich die Sinne beruhigen, das Auge, das Ohr.

Wenn man nachts allein in die Berge zieht, begegnet man mit großer Sicherheit niemandem. Und doch fühle ich da oben das Alleinsein nicht, dort kann ich über die Phantasie und die Träume zu allem und jedem Kontakt aufnehmen. Einsamkeit spüre ich in ganz anderen Augenblicken, interessanter weise immer nur, wenn ich unter Menschen bin: Wenn ich selbst unfähig bin, auf jemanden zuzugehen, und niemand auf mich zugeht.

Für mich ist die Menschenleere das Wesentliche an den Bergen. Deswegen kann man auch alles hineingeheimnissen, jede Romantik und jeden Horror. Vielleicht sind die Berge nichts anderes als große Spiegel, große Projektionsflächen unserer Seele. Genau wie die Wüste und das Meer. Berge, Wüste und Meer sind alles dasselbe. Ich brauche die Berge, weil ich mit ihnen aufgewachsen bin. Sie waren immer da, und wenn ich sie länger nicht sehen und spüren kann, nicht hineingehen kann in diese Landschaft, dann fehlt mir etwas.

Mein neues Album haben wir auf dem Gipfel des Krippensteins aufgenommen, in 2100 Meter Höhe in einem verlassenen Hotel. Erst waren einige Musiker skeptisch, aber als sie zum ersten Mal den Rundumblick auf das Dachsteingebirge genossen haben, waren alle Zweifel verflogen. Wir sind sogar mitten in der Nacht Ski gefahren, mit Stirnlampen. Kann es eine traumhaftere Umgebung geben, um zu arbeiten?

Hubert von Goisern