Hubert von Goisern
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IWASIG TOUR 2003

IWASIG 2003 >> Interviews

Neue Weltmusik ganz ohne Grenzen

www.siwikultur.de 5. Juni 2003 | Text: Helmut Blecher

Hubert von Goisern auf dem Giller

Siegen. (wp) Nahtlos schließt Hubert von Goisern an "alte Alpinkatzenzeiten" an. Das Publikum kommt in Massen, um seiner neuen, grenzenlosen Weltmusik zu lauschen. Unterstützt von seiner exzellenten Begleitband wird er am Pfingstmontag das Zelttheater auf dem Giller in einen Hexenkessel verwandeln.

Du schwimmst zurzeit auf einer Woge des Erfolgs. Liegt das daran, dass ein ausgelassener Hubert von Goisern jetzt mehr zum Tragen kommt?

Ja schon! Ich denke meine Musik besitzt jetzt viel mehr Spannung, ist weniger geheimnisvoll als früher. Das wirkt sich auch positiv bei meinen Live Shows auf, wo ich viel direkter auf die Leute zugehe.

Längst hast Du dich vom Volks- zum Weltmusiker entwickelt. Dennoch bleibst Du deinen eigenen musikalischen Wurzeln treu.

Insbesondere durch meine Afrikareise sie hat sich das Verständnis für meine eigenen Traditionen gefestigt, nachdem ich festgestellt habe mit welcher Freude die Menschen in Burkina Faso oder in Ägypten ihre musikalische Identität ausleben, und das ohne jegliche Hektik. In Afrika steht die Zeit sowieso auf eine gewisse Art und Weise still. Als ich nach Hause zurückkam, habe ich festgestellt wie langsam ich mich auf einmal bewegte, ganz im Gegensatz zu meinen mitteleuropäischen Artgenossen.

Obwohl Du nur selten im Radio gespielt wirst, bist Du populärer denn je. Woran liegt das?

Ich finde, das Publikum ist schlauer, als manche Macher in der Musikbranche glauben. Ich denke, dass mein Erfolg eine Mischung aus harter Arbeit und viel Glück ist. Auf jeden Fall schätze ich es sehr, dass mir das Publikum einen großen Vertrauensvorschuss gewährt. Es geht einfach toll mit und ist neugierig auf das, was bei uns musikalisch gerade passiert. Wenn man gegen den Strom schwimmt, bekommt man Muskeln. Und Muskeln braucht man, wenn man sich mit seinen eigenen Vorstellung vom Leben und der Lebensgestaltung behaupten will.

Dennoch beziehst Du dich auf bewährte Traditionen. Nur hat das wenig mit der sattsam bekannten Volksmusik-Tradition zu tun.

In einem kreativen Prozess braucht man immer Quellen, aus denen man schöpft. Die Tatsache, dass ich der musikalischen Tradition der Alpenregionen sehr verbunden bin, muss allerdings nicht bedeuten, dass daraus unbedingt Liebe wird. Auch im Hass kann man einer Sache sehr intensiv verbunden sein. Klar könnte es reizvoll sein, die aktuelle Schlager-Volksmusikszene aufzumischen, doch in die diesen eng abgesteckten Zirkeln hat man keinerlei Bewegungsspielraum. Berührungsängste zu dieser Szene habe ich keineswegs, nur zu der Art der Präsentation, die mit Dauerfröhlichkeit nur eine heile Welt vorgaukelt.  Ich lache auch lieber und mag keine Schauergeschichten erzählen, aber die Welt ist nun mal nicht nur schön.  Ich denke dennoch, dass die Leute bei meinen Konzerten dennoch Spaß haben werden.

Weltmusik aus Österreich

Keyboards 07/03 | Text & Fotos: Markus Erdmann

Hubert von Goisern & Burkhard Frauenlob

Burkhard FrauenlobHört man die Worte Österreich und Musik, ist man schnell an bierselige Genossen im lederne Beinkleid erinnert, die tanzend und auf die Oberschenkel schlagend durch kitschige Fernsehkulissen geistern. Dass diese beiden Begriffe auch anders besetzt sein können, zeigt Hubert
von Goisern schon seit Jahren.

Der viel gereiste Musiker verbindet die eigentlich unvereinbaren Elemente Volksmusik (und nicht Volkstümliche Musik, was uns Caroline Reiber und Herr Moik immer als ebendiese Volksmusik verkaufen wollen) und Rock und Pop zu einer gelungenen Mischung, die an Eigenheit und Eingängigkeit nur schwer zu überbieten ist.

Nachdem der charismatische Musiker auf dem Höhepunkt seines Erfolgs 1994 die musikalische Laufbahn unterbrach, schauspielerte, Filmmusiken schrieb und zwei CDs mit afrikanischen und tibetanischen Musikern produzierte, ist er jetzt wieder in europäischen Gefilden angekommen.
Drei CDs hat er innerhalb von anderthalb Jahren herausgebracht, die vor Lebendigkeit und Spielfreude strotzen. Alpine Jodler über karibischen Beats, Polka und Punk, Goisern ist heute spannender denn je.

Vor dem Konzert in Köln standen Keyboarder Burkhard Frauenlob und Hubert von Goisern Rede und Antwort.

Wie war dein musikalischer Werdegang?

Frauenlob: Ich bin Österreicher und somit immer mit Volksmusik konfrontiert. Nach Ziehharmonika, Kirchenorgel und vielen unterschiedlichen Bands habe ich in Graz Jazz studiert. Sehr kopflastig und theoretisch. Du spielst nicht mehr, und plötzlich gibt es falsche Töne und richtige. Vorher hast du einfach gespielt, ohne Regeln und nach Geschmack und Gehör. Was du da überhaupt nicht lernst, ist der Umgang mit Keyboard-Sounds. Welcher auf der Bühne funktioniert und welcher nicht. Es vergeht doch oft ein halbes Jahr, bevor du ein neues Gerät wirklich einsetzen kannst.

Welches Equipment spielst du Live?

Hauptsächlich eine Korg Triton, ein Doepfer Masterkeyboard und ein Kurzweil Micro Piano. Das Doepfer hat für mich den angenehmsten Anschlag. Für Effekte habe ich noch ein WahWah und ein Ringmodulator-Pedal. Ist mein kleines Besteck, weil es einfach praktischer ist, als einen echten Flügel, eine B3 und ein Rhodes mitzuschleppen, obwohl ich glaube, dass der Wiedererkennungsfaktor fürs Publikum größer wäre. Wenn du eine Orgel hörst und da steht dann eine B3, ist das einfach glaubhafter.

Machst du deine Sounds selber?

Ich benutze meistens Presets, die ich aber bearbeite. Hall weg und im Master-EQ die Bässe etwas raus. Dann schraube ich an den Klangparametern. Es kommen aber auch komplett eigene Sounds zum Einsatz und Kombis und Splitt-Sounds habe ich mir ebenfalls zurecht gelegt.

Kannst du dich mit Huberts Musik identifizieren oder fühlst du dich in die Volksmusik-Ecke abgedrängt?

Ich fühle mich gar nicht gedrängt. Eigentlich ist es doch ein Vorteil, die Musik seiner Heimat zu spielen. Damit bist du aufgewachsen und kennst dich darin aus. Das prägt. Außerdem ist es etwas anderes, Volksmusik mit verschiedenen anderen Elementen zu spielen als das, was man heute mit Volksmusik gleichsetzt. Das ist nämlich volkstümliche Musik und Schlager und das ist eine kommerzielle Verhunzung. Da muss ich kotzen. Volksmusik ist für mich eine wunderbare Form, die großen und kleinen Probleme des Alltags zu erzählen. Frei von Quoten und 3-Minuten-Grenzen. Das ist eine sehr ehrliche Musik. Bei Hubert kommt ja noch diese Vermischung der Kulturen dazu, die eine ganz neue Dimension erschließt.

Wie ist die Arbeit mit ihm?

Es ist eine ständige Suche wie bei einer Amateur-Band. Das gefällt mir sehr, denn bei Profi-Bands hast du oft einen Arrangeur, der alles vorgibt. Da bleiben für dich keine Freiräume.

Hubert von GoisernHubert, wie war dein Werdegang?

HvG: Nach Trompetenspiel in Bad Goisern und der Schule habe ich 7 Jahre die Welt bereist und viel geübt. Mit 30 Jahren bin ich nach Wien und habe nur noch Musik gemacht, alle Türen hinter mir geschlossen und alle Jobs beendet. Ich wollte es nur mit Musik schaffen. Ich hatte mir eine Deadline bis 40 gesetzt. Die ersten drei Jahre waren hart, aber dann ist es gegangen. Das waren die schönsten Jahre - ich war frei.

Auch schon mit der Musik, die du heute spielst?

Nein, gar nicht. Ich habe ein Streichquartett komponiert und elektronische und experimentelle Musik gemacht. Volksmusik habe ich zutiefst abgelehnt.

Wie bist du dann auf die Volksmusik gekommen?

Ich war zu Hause und mein Großvater schenkte mir seine Ziehharmonika. Ich wollte sie gar nicht haben, aber irgend hat mich das Instrument in einem Vollrausch gereizt. Ich wollte es kaputt machen, und dann hat mich der Klang gefangen. Hey, dachte ich, damit kannst du ja Rock'n'Roll machen. In den Clubs, in denen ich damals gespielt habe, war dieses Instrument ein Affront. Dort war Volksmusik ein Tabu, und es gibt für einen Künstler eigentlich nichts Spannenderes, als sich mit Tabus zu beschäftigen.

Dennoch gab es immer wieder musikalische Sprünge in deiner Laufbahn?

Ich glaube, dass ich einfach so gestrickt bin. Ich suche immer wieder nach neuen Wegen und Ausdrucksmöglichkeiten. So verhinderst du Routine.

Was ist für dich der Unterschied zwischen afrikanischer, tibetanischer und europäischer Musik?

In Afrika ist Musik ein Bestandteil des Lebens. Es gibt wahnsinnig viele Anlässe, zu denen man Musik macht, und man steht als Musiker nicht oben auf einer Bühne, sondern im Publikum. Die Leute sind viel extrovertierter und freuen sich viel mehr. Bei uns ist es doch eher steif und man meint, dass Zuhörer und Musiker sich ihrer Emotionen schämen. In Afrika ist die Musik ehrlicher. Die Tibeter sind anders in der Musik. Da geht es viel um Religion und Meditation. Deren Musik leitet dich in eine Traumwelt.

Wie entsteht bei dir die Musik?

Es sind Stimmungen, Gefühle, die mich überkommen und ohne dass es mir oft bewusst ist, gehe ich dann an ein Instrument und spiele diese Stimmung. Dabei drücke ich dann irgendwann den Rec-Knopf und halte es fest. Dabei entstehen oft magische Momente, an denen ich dran bleibe, und meistens wird dann auch was daraus.