Hubert von Goisern
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LINZ EUROPA HAFENFEST

"Wir waren die Welt"

Kronen Zeitung 27/09 | Text: Jürgen Zacharias | Fotos: Alex Schütz / lexnews.at

Zwei Jahre lang konzertierte Hubert von Goisern an Bord eines Schubschiffverbandes am Wasserweg vom Rhein bis zum Donaudelta. Jetzt endet die Reise mit einem Hafenfest in Linz. Im LiVE-Interview spricht er über die Schönrederei beim ORF und erklärt, warum er jedem seine Meinung sagt.

Hubert von Goisern und KarandilaDieser Tage geht Ihre Donaureise mit dem Linzer Hafenfest zu Ende. Wehmütig?

Natürlich kommt da etwas Wehmut auf, aber die steht in keiner Relation zur Freude, das ganze Projekt überhaupt gemacht zu haben. Die vergangenen beiden Sommer waren eine Ausnahmesituation im positiven Sinne. Es war eine ständige Herausforderung, das Schiff und das Projekt über Wasser zu halten. Aber es ist toll gewesen, an Bord gemeinsam durch die Landschaft zu gleiten und sich unmerklich, aber stetig fortzubewegen. Dabei ist der ganze Stress des Alltags abgefallen, wir hatten alles an Bord, was wir zum Leben brauchten - wir waren die Welt.

Was ist Ihnen von dieser Welt besonders in Erinnerung geblieben?

Die Konzerte. Vor allem das in Ismail in der Ukraine, wo es völlig überraschend hieß, der Auftritt könne nicht stattfinden. Der dortige Bürgermeister wollte plötzlich, dass unsere Gastbands - Zdob Si Zdub aus Moldawien und Haydamaky aus der Ukraine - russisch singen, von meinen Texten wollte er Übersetzungen. Die beiden Bands haben sich dann geweigert. Aber als alles nach einer Absage ausschaute, waren da plötzlich 10.000 Zuschauer und wir haben in unserer Landessprache gesungen. Das war schon ein beeindruckendes Erlebnis.

Ein wesentlicher Inhalt Ihrer Donaureise war ihr völkerverbindender Charakter - ist der dann auch richtig zur Geltung gekommen?

Schon. Wir waren so etwas wie "Bootschafter" - wirklich mit dem doppelten "o" geschrieben. Wir konnten viele Grenzen aufweichen und durchlässiger machen. Wir haben einen Einblick in das Leben der Menschen dort gewonnen und festgestellt, dass viele ihrer Probleme und Ängste unseren Problemen sehr ähnlich sind. Diese Menschen wohnen also nicht nur am selben Strom, sondern ticken auch noch genauso wie wir.

Ihre Reise wurde im Fernsehen dokumentiert. Sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis?

Ich bekomme immer wieder Feedback von Leuten, denen es gefallen hat, oder die die Berichte im Bayerischen Rundfunk gesehen haben, die eine wesentlich bessere Zuschauerquote als die ORF-Ausstrahlungen gehabt haben. Im ORF wurde der erste Teil der Reise in fünf Folgen zu je 30 Minuten verfilmt, aber auf einen dermaßen irrelevanten Sendeplatz gesetzt, dass man sich echt fragen muss, ob die das ernst meinen. Der ORF hat viel Geld investiert, mitproduziert und einen großen Aufwand betrieben, und dann senden sie das an Sonntagen im Sommer um halb zwei Uhr am Nachmittag auf ORF 2.

Hubert von Goisern und KarandilaDas wurmt Sie offenbar sehr.

Natürlich. Ich hab deswegen gerade einen ziemlichen Kelch mit dem ORF-Programmdirektor Wolfgang Lorenz, weil ich mir das nicht gefallen lasse. Dazu kommt dann auch noch diese Schönrederei der Herren dort. Das packe ich dann überhaupt nicht mehr. Da fände ich es ehrlicher, wenn man gleich sagt, dass das in Österreich niemanden interessiert. Mit so einer Aussage könnte ich wenigstens etwas anfangen.

Kommt Ihnen die Situation nicht bekannt vor? Sie genießen im Ausland hohes Ansehen, werden in Österreich aber meistens auf Ihr Einzelgängertum und Ihren Song Hiatamadl reduziert. Zählt der Prophet im eigenen Land nichts?

Das hängt sicher auch damit zusammen, dass ich nicht in Wien daheim bin. Wäre ich dort mit allen verhabert, wären gewisse Dinge um vieles einfacher. Aber das interessiert mich nicht. Ich bin keiner, der bei diesen Seitenblicke-Partys im Hinterzimmer mauschelt und über die Weltherrschaft diskutiert. Außerdem bin ich - und so ehrlich muss ich sein - nicht diplomatisch. Ich kann nicht jedem Trottel in den Hintern kriechen.

Schmerzt es manchmal, gerade dort, wo man herkommt, nicht den Stellenwert zu haben, den man Ihnen anderswo so freudig zugesteht?

Das ist einfach so. Obwohl ich auch in Österreich mein Publikum habe. Der Unterschied ist: In Bayern würde mich niemand ansprechen und mir sagen, dass es so schade ist, dass ich aufgehört habe. In Österreich passiert mir das andauernd. Zuletzt bin ich vor zwei Wochen in Salzburg gewesen, und da kam genau dieser Satz von einer Taxifahrerin. Was also in Österreich nicht auf Ö3 rennt, oder worüber die Kronen Zeitung nicht berichtet, das gibt es für viele Österreicher ganz einfach nicht.

Kommen wir zurück zum Hafenfest: Worauf freuen Sie sich dabei besonders?

Ich kann da nichts einzeln hervorheben. Viele Freunde haben mich gefragt, an welchem der drei Tage das beste Programm wäre. Und ich habe allen gesagt, dass alles spannend wird und es am besten wäre, an allen drei Tagen zu kommen. Insgesamt werden beim Hafenfest mehr als hundert Musiker dabei sein. Das ist eine tolle Voraussetzung dafür, dass etwas Außergewöhnliches passiert und das Ding ordentlich Feuer fängt.

Linz Europa Hafenfest: Das Finale

6. Juli 2009 | Fotos: © Sarah Marchant

Am letzten Tag des Linz Europa Hafenfests traten Hubert von Goisern und seine Band zusammen mit Stelzhamma, Konstantin Wecker, Zdob și Zdub, Willi Resetarits, Wolfgang Niedecken und Überraschungsgast Xavier Naidoo auf! [Mehr Fotos]

Linz Europa Hafenfest: Tag 2

5. Juli 2009 | Fotos: © Sarah Marchant

Am 4. Juli konnte Hubert von Goisern noch mehr Künstler der Linz Europa Tour begrüßen: Loredana Groza, Haydamaky, Haindling und BAP. [Mehr Fotos]

Das Linz Europa Hafenfest beginnt ....

4. Juli 2009 | Fotos: © Sarah Marchant

Am 3. Juli spielten Hubert von Goisern und seine Band zusammen mit Philipp Poisel, Claudia Koreck, Karandila und Klaus Doldinger. [Mehr Fotos]

Straßenmusik in Gmunden und Hallstatt

3. Juli 2009 | Fotos: © Sarah Marchant

Hubert von Goisern und seine Band, Karandila, Claudia Koreck, Zdob și Zdub, Haydamaky und Klaus Doldinger spielten als Straßenmusiker in Gmunden und Hallstatt. Zusammen machten sie am 2. Juli eine super Stimmung vor begeisterten und neugierigen Passanten in den beiden Städten. Ab 3. Juli geht's los mit dem Linz Europa Hafenfest im Linzer Hafen! [Mehr Fotos]

Das Ende eines großen Abenteuers

OÖN 1. Juli 2009 | Text: Bernhard Lichtenberger

Auf dem 70 Jahre alten Raddampfer "MS Stadt Wien" stimmt sich Hubert von Goisern seit gestern auf der Linzer Donau auf das dreitägige Hafenfest ein, mit dem sein 2007 begonnenes Kulturhauptstadt-Projekt Linz Europa Tour abgeschlossen wird.

Wie ist die Gefühlslage, da nach zwei Sommern das musikalische Vagabundieren auf dem Wasser mit dem Hafenfest zu Ende geht?

Ziemlich angespannt, weil eine dichte Wolke vorbeiziehen muss, die den Regen ablädt, und wir hoffentlich in den kommenden Tagen schönes Wetter haben. Das Gelände ist ein Wahnsinn, und wenn ich ein Publikumsmitglied wäre, tät ich am Freitag hierherfahren und mir ein Zelt aufschlagen und nicht mehr weggehen, bis es vorbei ist. Es ist ein Traumplatz, ich hoffe, es finden ihn alle. Der erste Taxler, mit dem ich hierhergefahren bin, hat sich geschämt, weil ihm seit 20 Jahren nicht passiert ist, dass ihm einer sagt, fahr hin zum Modellflughafen, und er findet ihn nicht.

Hubert von Goisern und Karandila

Keine Wehmut?

Ich empfinde eine große Freude, dass ich die Leute wieder treffe, mit denen ich eine so intensive Zeit erlebt habe. Ich habe keine Ahnung, wie es mir geht, wenn das Ganze vorbei ist. Es ist mit einem großen Risiko verbunden, denn hundert Musiker lassen sich eine Woche lang, so gut es geht, aufeinander ein, und dabei soll etwas Klasses, Geiles, vorher noch nie Dagewesenes herauskommen, das nur entstehen kann, wenn so viele kreative Menschen beisammen sind. Ich glaube, dass der Blues nicht so groß ist, wenn das Projekt vorbei ist, da die Freundschaft weiter bestehen bleibt und es Pläne gibt, mit vielen dieser Musiker gemeinsame Sachen zu machen.

Eine Leere zeichnet sich noch nicht ab?

Das wäre jetzt wirklich ein Blödsinn, wenn man die letzten 200 bis 300 Höhenmeter vor dem Gipfel daran denkt, wie es ist, wenn man wieder unten ist im Tal.

Was sollen die Menschen von den drei Tagen mitnehmen?

Alle werden nicht darum herumkommen, diese Buntheit und Vielfalt zu erleben, die Europa hat.

Hat man als Botschafter der Kulturhauptstadt Zeit gehabt, das andere Linz09 zu sehen?

So gut wie überhaupt nicht, leider. Ich war die ganze Zeit unterwegs, und nach dem Hafenfest touren wir noch bis Mitte August. Ab September habe ich vor, alles, was es hier von Linz09 noch gibt, mir zu Gemüte zu führen.

Hubert von Goisern wirft den Anker

Die Presse 1. Juli 2009 | Text: gem

Das Linz Europa Hafenfest, von 3. bis 5. Juli in Linz, ist der Höhepunkt und das Finale einer langen Reise: "Ein Ausnahmezustand, kein Festival", sagt Hauptzelebrant Hubert von Goisern dazu. Der Begründer des "Alpenrock" war mit Band und Musikern aus den bereisten Ländern zwei Jahre lang auf einem zum Konzertschiff umgebauten Flussfrachter zwischen Schwarzmeerdelta und Rotterdam unterwegs. Nun hat er - schweren Herzens - wieder Anker in Linz geworfen und präsentiert das Ergebnis des musikalischen Austauschs im Heimathafen der Kulturhauptstadt 2009.

"Es war ein einmaliges Erlebnis, ich kriege jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke", sagt der 56-jährige während der Vorbereitungen zum Fest über seine Zeit am Schiff. Mit dem "Flussorchester" sei Musik entstanden, die es vorher nicht gegeben habe und nachher nicht mehr geben werde.

Trotz Abschiedsschmerzes gebe es auch eine gute Nachricht: für sich, die Kölner Band BAP, die Mundart-Bluesmusikerin Claudia Koreck, den Bayern Haindling, die Ukrainer Haydamaky mit ihrem Karpaten-Ska, die bulgarische Gipsy-Brass-Band Karandila, Saxophonist Klaus Doldinger, Konstantin Wecker, Stelzhamma, Willi Resetarits und andere, die am kommenden Wochenende auf der Bühne im Linzer Hafen stehen werden: "Es soll diese Woche kein Gewitter mehr geben", so von Goiserns Hoffnung. Vielleicht wird das Hafenfest mit "Hubert von Goisern und Freunden" (Karten: Tel. 01/96096) dann ja doch kein Abschied unter Tränen, sondern einer unter der Sonne.

Hubert von Goisern lud zur Jam-Session auf ein Schiff in Linz

Rundschau 30. Juni 2009 | Foto: Cornelia Emperger

Der musikalische Botschafter von Linz09 improvisierte unter anderem mit der BAP-Legende Wolfgang Niedecken.
Das Hafenfestival findet von 3. bis 5. Juli statt.

Linz - Hubert von Goisern lud am Montag zur Jam-Session in intimen Rahmen auf das Backstage Schiff am Linzer Hafengelände. Derzeit laufen dort die Aufbauarbeiten für das dreitägige Hafenfest auf Hochtouren.

Zur romantischen Sonnenuntergangs-Stimmung auf der Donau improvisierte Hubert von Goisern mit dem Gypsy Brass Ensemble Karandila aus Bulgarien, der BAP-Legende Wolfgang Niedecken und der deutschen Singer-Songwriterin Claudia Koreck.

Von Goisern bereiste als musikalischer Botschafter für Linz09 Europa: 2007 ging seine völkerverbindende Musikexpedition in den Osten, donauabwärts bis zum Schwarzen Meer. 2008 startete Hubert von Goisern seine zweite Reise westwärts über den Rhein-Main-Donau-Kanal bis hinauf nach Rotterdam.

Das dreitägige Hafenfestival von 3. bis 5. Juli wird der abschließende Höhepunkt der Linz Europa Tour sein. Dort spielt von Goisern mit seiner Band sowie zahleichen musikalische Weggefährten, die die Tour mitgeprägt haben, auf.

Hubert von Goisern & Wolfgang Niedecken

Der Fluss des Lebens

Kleine Zeitung 28. Juni 2009 | Text: Gerhard Nöhrer, Bernd Melichar | Foto: Albin Janoska

Hubert von Goisern war zwei Jahre lang als Botschafter von Linz '09 auf der Donau unterwegs.

Hubert von Goisern

Sie waren zwei Jahre lang auf der Donau unterwegs. Zuerst ostwärts, bis ans Schwarze Meer. Dann rauf zur Nordsee. Wie würde Ihr zusammenfassender Logbucheintrag lauten?

Es war eine Ausnahmesituation in allen Belangen. Was Stress anbelangt genauso wie die Schönheit der Begegnungen mit anderen Menschen. Und das Naturerlebnis! Das ist wie bei den Alpen. Da kann man schon ein wenig hineinbauen, aber es wird immer Natur bleiben. Und so ein großer Strom wie die Donau vermittelt das auch. Mit vielen, vielen Kilometern, wo links und rechts außer Natur nichts ist, nichts sein darf, weil die Donau viel zu gefährlich ist, wenn sie aus den Ufern tritt. Dass es so etwas noch gibt in Europa, wo alles betoniert und eingezäunt ist, das ist faszinierend.

Sie waren vor dem EU-Beitritt von Bulgarien und Rumänien in diesen Ländern - und jetzt, mit dem Schiff, nachher. Wie haben Sie die Veränderungen erlebt?

Das Überraschende für mich war, dass die Menschen dort vor uns genauso Angst haben, wie wir vor ihnen. Angst vor dem, dass da plötzlich welche daherkommen, die ihnen die Sachen wegkaufen, die sie sich selbst nicht leisten können. Und bei uns herrscht die Panik, dass die jetzt alle raufkommen und uns die Jobs wegnehmen. Außerdem: Natürlich haben diese Länder mafiöse Strukturen. Und die Menschen fürchten jetzt, dass zu ihrer eigenen Mafia noch die, wie sie sagen, EU-Mafia dazukommt.

Wie hat die Donau-Tour Sie persönlich verändert?

Ich habe gesehen: So einfach ist es nicht, ein Wir-Gefühl zu entwickeln, aber es ist eine spannende Aufgabe. Und es ist nicht nur schwierig unten in Bulgarien und Rumänien, sondern auch oben in Holland, von Frankreich gar nicht zu reden. Die haben alle ihren eigenen Film laufen. Da wird einem oft vermittelt: Wir brauchen euch nicht, was wollt ihr hier? In Frankreich, in Straßburg, durften wir gar nicht spielen. Das muss man sich einmal vorstellen: In der Stadt, in der das europäische Parlament sitzt, verhindern französische Kommunalpolitiker das Anlegen eines Konzertschiffes der europäischen Kulturhauptstadt 2009.

Offenbar schwingt da noch immer die Angst mit, dass man sein Ich verliert, sobald man ein Wir- Gefühl entwickelt.

Das Ich ist so eine Konstruktion, die man immer wieder hinterfragen sollte. Was ist das Ich? Was macht mich aus? Sind das meine Eltern, ist das mein Umfeld? Habe ich viele andere Ichs übernommen? Oder ist das wirklich etwas, das nur ich habe und kein anderer. Das Ich ist meistens hinderlich. Das Wir hingegen - und vor allem das Du -, das ist wirklich spannend. Bei einem offenen Austausch ist es immer so, dass ich etwas bekomme. Das ist, als würde dir jemand seine Augen, seine Ohren, seine Sinne leihen, auch seine Gedanken; so, dass du selbst größer wirst. Dann hat man vier Augen, vier Ohren und zwei Hirne.

Wo würden Sie im Moment die europäischen Grenzen sehen?

Ich kann mir zum Beispiel ein Europa ohne Serbien und Kroatien nicht vorstellen. Albanien gehört auch dazu. Was die Türkei betrifft: Das Hinterland ist schon sehr weit von dem entfernt, was wir ziviles Recht nennen. Da sag' ich mir: Ja, okay, das ist halt wie Borneo. Kopfjagd, Blutrache. Und man denkt: Ja, eh arg, aber das ist so weit weg, und die wollen das halt so haben. Aber im Fall der Türkei, da frag ich mich: Muss das sein? Da messe ich in meinem Kopf auch schon mit zweierlei Maß. Aber egal wo die Grenzen sind: Sie sollten nicht wie eine Mauer sein, sondern durchlässig.

Die neue österreichische Bundesregierung ist ein Jahr im Amt. Mit Alfred Gusenbauer haben Sie nicht so wirklich gekonnt, wie geht es Ihnen mit Werner Faymann?

Ich bin nicht unzufrieden mit Faymann. Außerdem bin ich ganz auf der Seite vom Voves. Ich finde es unglaublich, dass es keine Erbschaftssteuer gibt. Ich finde es unglaublich, dass man nicht darüber reden kann, die Reichen zu besteuern. Ich zähle mich selbst auch zu den reichen Leuten, und ich fände es völlig okay, mehr Steuern zu zahlen, als ich ohnehin schon zahle.

Wie geht es einem österreichischen Musiker in Österreich?

Ich war jahrelang dagegen, mich bei der Forderung nach einer Quote einspannen zu lassen. Jetzt bin ich auch soweit, dass ich sag: Quote, Quote, Quote. Der ORF selbst denkt ja auch nur noch in Quoten. Der Anteil österreichischer Musik auf allen Sendern, auch in den Regionalprogrammen, ist unter jeder Sau. Und wenn du die Sendeverantwortlichen drauf ansprichst, finden sie das durch die Bank selbst Scheiße und berufen sich auf Statistiken und den Zwang der Werbefritzen. Da muss endlich jemand den Mut haben und sagen: Quote! Sonst rührt sich nichts.

Wie gerne kommen Sie nach so langen Auslands-Touren wieder zurück nach Hause?

Wenn man so lange weg ist, kommt halt vieles zu kurz. Freundschaften, Landschaften, auch das Stillsitzen.

Gibt es einen Ort, wo Sie gerne für immer still sitzen würden?

Nein, aber das Land von Salzburg bis Aussee, das ist schon irgendwie meins. Wenn man es weiter fasst, dann sind die ganzen Alpen meine Heimat. Fast. Mit Nordtirol tu ich mir schwer. Tirol wollte ich unbedingt gern haben. Wie eine Frau, die man unbedingt heiraten möchte. Aber nach dem fünften zurückgewiesenen Heiratsantrag fragt man sich: Warum tu ich mir das an?

Wohin zieht es Sie in Zukunft?

Ich hab in Afrika noch etwas zu erledigen. Aber das ist noch alles in der Planungsphase, und ich rede nicht gern über ungelegte Eier.

Alte Klischees und neue Wirklichkeiten

Der Standard 25. Juni 2009 | Text: Karl Fluch | Foto: Hannelore Mollnhuber

Mit dem Hafenfest schließt das erste Halbjahr: Auf Einladung von Hubert von Goisern gibt es
bekannte und unbekannte Live-Musik aus Mittel- und Osteuropa

KarandilaDas Karandila Gypsy Brass Orchestra besteht aus gut zehn Männern. Und einer Frau. Irgendwer muss ja singen auch. Und das geht nicht gut, wenn mann zugleich ins Horn stoßen muss. Diese Dimensionierung hat verschiedene Gründe. Einmal erhöht es die Überzeugungskraft eines Ensembles, wenn fast ein Dutzend Mannsbilder gleichzeitig durch ihre Instrumente atmen. Dann begründet es sich in der Ökonomie. Wenn man etwa Hochzeiten bespielt, kann es schon einmal acht oder zehn Stunden dauern, bis endlich alle so müde und betrunken sind, dass die Tanzerei endlich aufhört. Man kann die Kondition des Orchesters also besser verteilen. Und schließlich erzeugt ein musikalisches Kampfkommando dieser Stärke mit all seinen Unschärfen eine Dynamik, wie sie kein verzwölffachter Synthesizer je generieren könnte.

Das Karandila Gypsy Brass Orchestra wurde 1994 in Bulgarien gegründet und wird bei seinem Auftritt im Rahmen des dreitägigen Hafenfests bei Linz 09 (3. bis 5. Juli) auf Einladung Hubert von Goiserns auftreten. Goisern hat 2007 begonnen, mit einem zur schwimmenden Bühne umgebauten Schiff die Donau abzufahren. Als Botschafter einer damals noch künftigen Kulturhauptstadt Europas hat er nicht nur Werbung für Linz 09 gemacht, dem europäischen Gedanken verpflichtet, hat er sich dabei auch für die Musik in den von ihm bereisten Ländern interessiert.

Klischee und Gegenklischee

Goisern spielte bei unseren unmittelbaren und weiter entfernten Nachbarn nicht nur selbst auf, er hat mit regionalen Künstlern zusammengearbeitet, mit ihnen musiziert und sie zum Linzer Hafenfest eingeladen. Gerade das Karandila Gypsy Brass Orchestra ist Klischee und Gegenklischee in einem. Seit dem Fall des Eisernen Vorhanges boomt osteuropäische Folklore. Doch was zuerst vor allem den Reiz des Exotischen verströmte, ist mittlerweile nicht nur hinlänglich bekannt. Die osteuropäischen Musiker veränderten sich durch die neuen Umstände, die ihnen plötzlich erlaubten, zu reisen und zu touren natürlich ebenfalls.

Deshalb ist das Karandila Gypsy Brass Orchestra keine reine Folkore-Combo, sie hat ihre "Gypsy Music" längst mit anderen Stilen kurzgeschlossen. Afro-Beat wird hier ebenso gestreift wie elektronische Musik. Ja, sogar mit Shaun Ryder, bekannt und berüchtigt von der britischen Rave-Band Happy Mondays (Kinky Afro!) hat man zusammen aufgenommen.

Auch ein anderer von Goiserns Gästen gratwandelt souverän zwischen Tradition und Moderne, zwischen alten Klischees und neuen Wirklichkeiten: Antonije Pusic, besser bekannt als Rambo Amadeus kreuzt traditionelle Musik, die Andrew Sisters, Soul, Funk und Pop.
Anhand des aus Montenegro stammenden Musikers mit seinem oft knieweichen, humortriefenden Songs lassen sich bestehende Vorurteile bezüglich Popmusik aus dem Osten perfekt ad absurdum führen. Dieser Sound, diese Songs, sie könnten aus Rio de Janeiro ebenso kommen wie aus New York, New Delhi, London - oder eben Belgrad.

Ebenso global orientiert geben sich die aus Moldawien stammenden Zdob și Zdub. Sie bezeichnen ihre Musik selbst als Alternative oder Folk-Punk - und das stimmt auch. Eine Metal-Gitarre wird hier aufgefahren, Dancefloor-Beats, DJs und Rap-Gesang oder die alte Holzflöte vom Opa. Das ergibt eine zeitgenössische Popmusik, die aus dem Spannungsfeld von Alt und Neu Dynamik bezieht und das auch in Videos wie dem zu Everybody In The Casa Mare thematisiert wird. Zudem ist Zdob și Zdub die wohl einzige Band des Planeten, die sowohl mit Rage Against The Machine und Biohazard gespielt hat als auch beim Song Contest aufgetreten ist.

Aber nicht nur in Osteuropa wurde Goisern fündig, auch alte und neue Bekannte aus Deutschland werden beim Hafenfest zu erleben sein. Etablierte Namen wie Konstantin Wecker, der kauzige Bayer Haindling und seine Band oder Willi Resetarits & Stubnblues werden (auch im Verbund mit Hubert von Goisern) auf der Bühne stehen.

Oder Klaus Doldingers Passport. Oder die Deutschrocker BAP, die einst mit ihren im Kölner Dialekt vorgetragenen Songs so etwas wie Volkshelden in Deutschland wurden.

Apropos Volksheld. Einem anderen bekannten deutschen Musiker verdankt die Welt den ebenfalls auftretenden Philipp Poisel: Herbert Grönemeyer hat den aus Stuttgart kommenden Songwriter entdeckt und ihn auf seinem Label Grönland veröffentlicht.

Neuer Sensibler

Poisel ist ein neuer Sensibler, der seine deutschsprachigen Songs meist mit akustischen Instrumenten interpretiert, Streicher einsetzt und vor keinem Seelenstriptease zurückschreckt.

Gut 15 Bands werden in drei Tagen im Linzer Hafen auftreten, der Gastgeber ist selbst an allen drei Abenden zu sehen. Möge es der Wettergott gut meinen!

Fürs Hafenfest braucht's einen Hafen

Linz 09 / APA 8. Juni 2009

Das Linz Europa Hafenfest von 3. bis 5. Juli 2009 ist der abschließende Höhepunkt der Linz Europa Tour 2007 - 2009 mit Hubert von Goisern. Zahlreiche der musikalischen Gäste, die die Tour mitprägten, stehen beim Hafenfest wieder gemeinsam auf der Bühne.

Hubert von Goisern

Hubert von Goisern und Martin Heller in Linz

Das Linz Europa Hafenfest ist fürwahr ein einmaliges Event, wird der Hafen von Linz doch zum ersten Mal Schauplatz eines Festes. Das Gelände wird generell als Modellflugplatz genutzt und ist infrastrukturell nicht erschlossen; die Anbindung an Strom, Wasser und Kanalisation war daher eine enorme Herausforderung, der sich das Linz09-Produktionsteam zu stellen hatte. Die Stromversorgung wird nun mit Notstromaggregaten gewährleistet, für Wasser und Kanalisation werden lange Leitungsführungen verlegt bzw. Behälter montiert. Die Gelände- und Zugangsbeleuchtung wird auf bestehenden Masten und Zäunen befestigt. Ein Team von ca. 70 MitarbeiterInnen ist für den Aufbau verantwortlich, während des Hafenfestes werden sich ca. 100 HelferInnen um den reibungslosen Ablauf kümmern.

Für KünstlerInnen und MitarbeiterInnen wird es als Referenz auf die Linz Europa Tour 2007 - 2009 auch beim Linz Europa Hafenfest mit der MS Wien ein Schiff geben, das als Backstage-Bereich und provisorische Schlafgelegenheit dienen wird. So finden dort u. a. die Küchen und Speisesäle des Künstlercaterings, das Produktionsbüro und die Einsatzzentrale der Blaulichtorganisationen neben vier Luxuskabinen, zwölf kleineren Kabinen und einem Sonnendeck Platz.

In genau dieser idyllischen Atmosphäre wird es heiß her gehen beim Linz Europa Hafenfest. Dieses dreitägige Konzert aus Ost und West greift auf, was sich auf der Linz Europa Tour 2007 - 2009 entwickelt hat und lässt Neues daraus entstehen. Harter Rock, perlender Pop und wilde Balkanbeats verschmelzen zu einem einzigartigen, grenzüberschreitenden Musikerlebnis. Das Line-Up verspricht ein energiegeladenes Konzerterlebnis. Stars wie Zdob și Zdub aus Moldawien mit ihrer Hiatamadl-Version, der Querdenker Rambo Amadeus aus Montenegro oder die "rumänische Madonna" Loredana Groza - um nur einige zu nennen - rücken den Osten Europas in greifbare Nähe. Der bekanntere und nicht minder vielfältige Westen wird durch die großartigen Schiffsgäste der West Tour vertreten, darunter BAP, Klaus Doldinger, Willi Resetarits und Konstantin Wecker. Beste Voraussetzungen also für ein Fest, bei dem das musikalische Miteinander Programm ist: Die Bands werden sowohl eigene Sets spielen, als auch gemeinsam jammen. Immer wieder wird auch Hubert von Goisern mit auf der Bühne sein, der mit seiner Band an jedem Tag auch ein eigenes Set spielen wird. Der ORF wird die Highlights des Konzerts aufzeichnen.

Nicht nur musikalisch, sondern auch kulinarisch werden während dieser drei Tage die Grenzen verschwimmen, denn im Gastrobereich gibt es Gerichte aus den Herkunftsländern der MusikerInnen, die aus Bulgarien, Deutschland, Moldawien, Montenegro, Österreich, Rumänien und der Ukraine stammen.

Ein Großteil der Künstler soll bereits einige Tage vor Festivalbeginn anreisen. Das Konzept sieht vor, dass sie sich kennenlernen, miteinander spielen und proben. Sie werden auch schon vorab in Linz und in der Region unterwegs sein, um für das Konzert-Highlight mit improvisierter Straßenmusik und anderen spontanen Aktionen kräftig Stimmung zu machen. Welche Konstellationen sich daraus ergeben, lässt Goisern noch offen. Fix ist, dass viele ohne Band kommen und mit seinen Musikern auftreten werden: "Ich habe noch keinen Künstler, der mit meiner Band gespielt hat, mit seiner eigenen Band so gut erlebt“, ist er stolz auf seine "Mörder-Truppe".

Hubert von Goiserns Projekte: "Unglaublicher Kraftakt"

Kleine Zeitung 13. Mai 2009

Inaktivität kann man Hubert von Goisern nicht eben vorwerfen

Hubert von GoisernDie laufende S'Nix-Tour umfasst Termine bis Mitte August, von 3. bis 5. Juli findet seine große Linz Europa Tour (die dreiteilige TV-Doku Goisern goes West wird im Sommer ausgestrahlt), bei der er im Auftrag der Kulturhauptstadt Europas donauauf- und abwärts geschippert ist, ihren Abschluss bei einem Hafenfestival in Linz. Und jetzt gibt es auch noch ein Buch über "Die Welt des Hubert von Goisern".

Keine Biografie. "Das Buch ist ohne mein Zutun passiert", versichert der Musiker im Interview mit der APA, "es ist keine Biografie, sondern Bernhard Fliehers Sicht der Dinge, die ich nicht unspannend finde." Der Kulturredakteur der "Salzburger Nachrichten" ist dem Weg des 1952 in Bad Goisern geborenen Musikers über viele Stationen gefolgt, von seinen heimatlichen Anfängen "weit, weit weg" (wie der Titel des Buches lautet) bis nach Timbuktu und Dakar. "Ich habe es noch gar nicht gelesen, das hebe ich mir für lange Herbstabende auf. Außerdem schreibe ich gerade selbst ein Buch. Ich bin schon fast fertig."

Rückblicke. Hubert von Goisern schreibt über die vergangenen Jahre, über seine Konzert-Reisen auf der Donau. Anders als die TV-Dokumentationen (Goisern goes East wurde bereits ausgestrahlt), die Bestandteil seines Linz-Engagements waren, unternimmt er das Buchprojekt in Eigenregie und hat auch noch keinen Verlag dafür. Die Zeit als Botschafter der Kulturhauptstadt ("Mir gefällt allerdings 'Bootschafter' mit Doppel-O viel besser") war "ein unglaublicher Kraftakt", der im Hafenfestival - mit BAP, Willi Resetarits, Karandila, Konstantin Wecker u.v.a. - seinen programmierten Höhepunkt und Abschluss finden soll. "Ich hoffe, es wird ein großartiges letztes Zusammenkommen, aber es gibt so viele Kontakte, die geknüpft wurden, dass es auch viele gemeinsame Pläne für die Zukunft gibt. Da ist es etwas passiert, das gar nicht rückgängig zu machen ist."

"Schaurausch". Vom Kulturhauptstadtprogramm hat er "noch gar nicht viel mitbekommen", lediglich den "Schaurausch" etwa, oder die Ausstellung "Kulturhauptstadt des Führers". Das neue Ars Electronica Center sei allerdings "ein Wahnsinn: Alleine dafür muss man Linz gratulieren." Kritische Stimmen zum Programm findet der Musiker normal ("In Österreich haben wir sowieso eine Tendenz, alles Scheiße zu finden"), wobei er lieber der Angegriffene ist, als selbst anzugreifen ("Jeder Angriff ist auch eine Energiespritze"), und vor der Arbeit des Linz09-Intendanten Martin Heller hat er "größten Respekt".

Programm. Das ambitionierte "Hörstadt Linz"-Programm des Linz09-Musikverantwortlichen Peter Androsch findet Hubert von Goisern "vom Konzept her super, wie weit es auch für die, die das Vorwort nicht gelesen haben, nachvollziehbar ist, weiß ich allerdings nicht". Androschs Befund, es gebe zu viel Lärm in der Welt und man müsse sich auf die Stille rückbesinnen, teilt er, "solange es nicht doktrinär ist und einem die Stille aufgezwungen wird". Auch er selbst werde nach dem ganzen Trubel wieder die Stille suchen, erklärt der Musiker: "Nächstes Jahr gebe ich keine Konzerte, da möchte ich komponieren und Neues in Angriff nehmen. Ich möchte endlich wieder soviel unverplante Zeit haben, dass aus der Stille etwas Neues entstehen kann."

"So viel Kohle ausgegeben für diese Schnapsideen"

Abendzeitung 7. Mai 2009 | Text: Andreas Radlmaier | Foto: Berny Meyer

Hubert von Goisern, im Sommer in Franken, redet in Nürnberg über seine Reiseabenteuer

Hubert von Goisern und Bernhard Flieher

NÜRNBERG - Haindling und BAP, Konstantin Wecker und Haydamaky, Klaus Doldinger und Willi Resetarits werden dabei sein, beim Linz Europa Hafenfest vom 3. bis 5. Juli. Mit dem "Flussorchester", das "hart am Wasser", auf einem Modellflugplatz, ein Highlight im Kulturstadt-Programm bildet, "werden Sachen entstehen, die es vorher und nachher nicht mehr geben wird", ist sich Hubert von Goisern sicher. Das "Miteinander" ist auch Finale seines musikalischen Schiffsabenteuers, das den Österreicher vom Schwarzen Meer - über Nürnberg - an die Nordsee brachte. "Die Welt ist für mich nicht mehr dieselbe wie vor zwei Jahren", sagte Achleitner, genannt von Goisern, als er im Nürnberger Thalia Buchhaus Campe Ergebnisse seiner Reiselust vorstellte.

Als Begleiter für Bernhard Flieher, einen Salzburger Journalisten und Autor des Buches Weit, weit weg (Info). Einer Goisern-Spurensuche, die mehr Musikreisereportage denn Biographie eines sturen Alpen-Stoikers ist. Der Herausforderungen zwischen Texas und Timbuktu suchte. Und Enttäuschung positiv nimmt: Die Täuschung wird überwunden. Für den Klangsucher, für den die "Volksmusik-Geschichte gegessen ist" und der jetzt wieder laut und ungemütlich klingen will, ist "die Vorfreude oft die einzige Freude. Warum soll ich dann darauf verzichten?" Also reisen. Vom Wüstenfestival in Mali liest Flieher und ergänzt: "Die Mitgliedschaft beim Club ist anstrengender als eine Reise in die Wüste." Er muss es wissen: Er ist lange Mitglied beim FCN.

Bilder und Klänge von der Donau-Reise, über die BAPs Wolfgang Niedecken sagt, die Idee hätte von ihm sein können, flimmern vorbei. Hubert von Goisern fährt das sofort in Bein und Hirn. Er rühmt den einmaligen Verbotswahn in Bayern, der Moldawien spielend übertraf, und redet über "diese Schnapsideen", für die er so "viel Kohle ausgegeben" hat: "Ich habe mir vorgenommen, nur mehr im deutschsprachigen Raum aufzutreten," sagt er. Seine Sommertour startet er am 17. Juni auf Burg Abenberg (Bamberg und Wunsiedel folgen). Die Öffentlichkeit will er dann meiden, keine Interviews mehr geben, kein Risiko mehr organisieren, nur noch komponieren und spielen. Aber wenn man ihn nach Moskau und Costa Rica einlädt - warum ned?! Weit weg ist immer noch nah.

Am Ende der Reise - ein Fest

Der Standard 30. April 2009 | Text: Karl Fluch | Foto: Petra Hinterberger

Die Reise als Konzert: Hubert von Goiserns Flussfahrt zeitigt bei Linz 09 ein dreitägiges Musikfestival

Karandila am SchiffDer österreichische Musikus Hubert von Goisern ist die Donau abgefahren. Und zwar ordentlich. Für Linz 09. Bis ans Schwarze Meer hinunter, als Botschafter der Kulturhauptstadt Linz. In den letzten beiden Jahren. Wo die blaue Donau nicht hinkam, wurden auch andere Wasser akzeptiert. Irgendwie muss man ja auf so einer Linz Europa Tour die Kunde der angehenden Kulturhauptstadt auch bis nach Amsterdam tragen.

2007 hat Goisern auf einer zum Konzertschiff umgebauten Barge begonnen, europäische Länder zu besuchen und sie musikalisch zu beglücken. Wichtig dabei war nicht nur zu zeigen, was für suprige und klasse Musik die Oberösterreicher zusammenbringen: Hubert von Goisern war natürlich auch an den Musiken der von ihm bereisten Destinationen interessiert.

Modernes Flussabenteuer

Also wurde die Donau entlang nicht nur gastiert und geworben, es wurden vor Ort auch Einladungen zum Mitmusizieren ausgesprochen. In Bulgarien etwa an die Gypsy-Brassband Karandila - oder an die aus Moldau stammenden Zdob și Zdub, die in der Ukraine oder in Russland als Stars gelten - dem Eurovision Song Contest von 2005 sei's gedankt.

Insgesamt vier Millionen Euro kostete dieses moderne, klingende Flussabenteuer, ein Drittel davon steuerte die Stadt Linz bei, für ein Drittel lupfte Hauptsponsor Red Bull ein Flügerl, den Rest bestritt Goisern selbst. Nun ist nicht nur die Flussfahrt längst vorbei, zur Halbzeit von Linz 09 wird vom 3. bis 5. Juli mit einem dreitägigen Hafenfest die feuchte Reise Goiserns mit Freunden musikalisch zelebriert.

Martin Heller, Intendant von Linz 09, meint dazu: "Das Hafenfest ist so etwas wie ein europäisches Gipfeltreffen populärer Musik. Hier kommen Ost und West zusammen, auf der Bühne, aber auch auf dem Festivalgelände - eine europäische Erfahrung, die in die Ohren und unter die Haut gehen wird."

Viele der von Goisern besuchten osteuropäischen Bands und Kapellen haben die Einladung nach Linz angenommen: Erwähnte Karandila und Zdob și Zdub ebenso wie der Montenegriner Antonije Pusic, der als Rambo Amadeus einen Bastard spielt, den er selbst Turbo-Folk nennt.

Neben vielen osteuropäischen Musikern, die mit etwas folkloristischem Beigeschmack gerade im Westen immer besser reüssieren, als wenn sie westliche Musik einfach nachstellen, sind aus der westlichen Hemisphäre Willi Resetarits und Bands wie die kölschen Mundart-Rocker BAP eingeladen.

Ein bisserl mitspielen

Zu weiteren Gästen zählen der bayrische Kauz Haindling, der Liedermacher Konstantin Wecker oder der deutsche Jazzer Klaus Doldinger. Goisern wird an allen drei Abenden ebenfalls auf der Bühne stehen - und sich von diversen Gästen verführen lassen, mit ihnen mitzuspielen.

"Im Westen ist nicht alles Gold, was glänzt"

Oberösterreichische Rundschau 8. März 2009 | Text: Isabella Minniberger

Hubert von Goisern kennt keine Grenzen. Mit seiner schwimmenden Bühne hat er Europa erobert.

Sie waren zwei Sommer lang mit dem Schiff auf einer musikalischen Europatour unterwegs. Können Sie Schiffe überhaupt noch sehen?

Ehrlich gesagt sehne ich mich wieder nach einem Schiff. Das ist eine unglaubliche Ruhe, die das Wasser ausstrahlt. Ich mag das unhektische Vorankommen. Das war ein großartiges Erlebnis und ich würd´s gern wieder machen. Allerdings war das eine einmalige Sache. Schon allein vom Aufwand her, war es eh ein Wunder, dass wir das geschafft haben.

Mit welchen Erwartungen sind Sie vor zwei Jahren in Linz aufgebrochen?

Ich bin mit Neugier aufgebrochen und hatte keine Vorstellungen. Die Erfahrungen, die ich in Serbien und in der Ukraine gemacht habe, waren ein Augenöffner. Ich dachte, ich bin ein unvoreingenommener Mensch. Aber als mich im Osten die Leute so offen, gastfreundlich und kontaktfreudig überrascht haben, wurde mir bewusst, dass ich doch auch Vorurteile hatte. Einerseits verstehe ich, warum Serbien und Kroatien noch nicht der EU angehören. Andererseits hoffe ich, dass sie das bald tun. Momentan sind sie eher wie die Verstoßenen einer Familie.

Hat sich Ihr Bild über Europa geändert und was nehmen Sie von der Reise mit?

Mein Bild hat sich sicher geändert. Ich sehe Europa als einen wirklich spannenden und teilweise noch unerforschten Kontinent, auf dem wir leben. Und einmal mehr habe ich die Erfahrung gemacht, dass hier im Westen nicht alles Gold ist, was glänzt. Wie etwa die Bürokratie im Westen und die Hürden der Behörden speziell in Bayern, Amsterdam und Rotterdam.

Gibt es einen Unterschied, wie das Publikum im Osten, im Gegensatz zu uns Österreichern Ihre Musik aufnimmt?

Im Osten ist die Musik viel mehr ein Gebrauchsgegenstand, was ich sehr positiv finde. Hier wird Musik zu Festen und Anlässen gespielt. Da gibt es weniger konzertante Aufführungen, wie bei uns. Und das Publikum im Osten ist wesentlich mehr involviert. Bei uns herrscht oft mehr Distanz. Da wird eher andächtiger zugehört. Es liegt aber an uns Musikern, diese Distanz zu durchbrechen.

War Ihre Europa-Tour ein Erfolg auch im Hinblick auf die Kulturhauptstadt Linz 09?

Ganz sicher. Wir haben zwei Jahre lang die Idee der Europäischen Kulturhauptstadt den Menschen näher gebracht. Beim Hafenfestival wird aber unsere Schiffsladung in Linz gelöscht - dann ist unsere Tournee endgültig Geschichte.

Und wie wird diese Schiffsladung im Linzer Hafen aussehen?

Ich bringe das Europa, so wie ich es erlebt habe, in die Stadt. Wir werden auch spontan das eine oder andere Straßenkonzert ohne Ankündigung in der Stadt spielen. Vielleicht nehme ich alle Musiker mit in meine Heimat ins Salzkammergut. Und dort werden wir dann die Gämsen unsicher machen.

Künstler aus ganz Europa beim Hafenfestival

APA 5. März 2009 | Photo: © Linz09

Heller, Goisern, HeinWilli Resetarits, Konstantin Wecker, BAP, die bayerische Durchstarterin Claudia Koreck, Klaus Doldinger, Haindling sowie zahlreiche Künstler aus Osteuropa werden von 3. bis 5. Juli gemeinsam mit Hubert von Goisern beim Linz09-Hafenfestival in Linz auf der Bühne stehen.

Die Konzerte bilden den dritten und letzten Teil der Linz-Europa-Tour Hubert von Goiserns, der zwei Sommer lang als Botschafter der Kulturhauptstadt mit einer schwimmenden Bühne die Flüsse des Kontinents entlanggeschippert ist. Auf seinem umgebauten Lastenschiff legte er in vielen Städten Europas an und spielte gemeinsam mit lokalen Musikern auf. Fast alle werden im Sommer - diesmal im Linzer Hafen - wieder mit dabei sein.

Noch nicht ganz sicher ist das Kommen von Xavier Naidoo, der im Vorjahr bei einem Konzert in Mainz für den erkrankten Österreicher eingesprungen war. Innerhalb von zwei Tagen stellte er mit Goiserns Band ein Programm zusammen und "vertrat" ihn vor dem Publikum, das er großteils auf seine Seite ziehen konnte. "Es war etwas ganz Besonderes", beschrieb Goisern den auf Video festgehaltenen Abend.

Beim Hafenfestival wird Hubert von Goisern jeden Abend mit anderen Gästen auf der Bühne - "an Land, aber nächst dem Wasser" - stehen und jeden Abend ein anderes Programm spielen. Er hoffe, dass sich in der Vorbereitung noch Synergien ergeben werden. Man werde erst bei den Proben sehen, "wer mit wem was machen kann oder will", lässt er vieles noch offen. Der Vorverkauf für das Hafenfestival startet am kommenden Montag, Drei-Tages-Pässe sind bereits jetzt erhältlich.