Hubert von Goisern
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LINZ EUROPA TOUR 2007 - 2009

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Hubert von Goisern: Live in Belgrad - 23. August 2007

www.nadlanu.com 26. August 2007 | Foto: © Telekom Srbija
Hubert von Goisern & Band

Goisernlog

Süddeutsche Zeitung 21. August 2007 | Text: Eveyn Roll

Als er am 5. Juni des Jahres 2007 das erste Mal mit seinem Schubverband MSS Josef Brandner in Budapest festmachen wollte, wurde Hubert von Goisern am verabredeten Anlegesteg Batthyány Tér von einem Einheimischen mit den Worten begrüßt: "Wenn ihr hier anlegt, schlage ich euch die Zähne ein."

Dabei war eigentlich alles organisiert und fest abgemacht. Also wurde die Wasserwacht um Hilfe gerufen. Die kam und klärte die Sache, indem sie den Musikern, die in der ungarischen Hauptstadt ein Gratiskonzert geben wollten, eine Anlegegebühr von 2800 Euro aufbrummte. Eine Pressekonferenz war nicht vorbereitet. Auch das war eigentlich ganz anders besprochen. Und weil, wie es hieß, Journalisten und Medienvertreter in Budapest auf überhaupt gar keinen Fall mehr nach 15 Uhr arbeiten, machte es auch keinen Sinn mehr, etwas zu improvisieren. Die Gastband Beshodrom hatte den Termin ohnehin komplett vergessen oder verdrängt oder was auch immer für ein lukratives Gastspiel im Ausland ...

"Das ist nicht das Europa, von dem ich träume", schreibt Hubert von Goisern am Abend in sein Logbuch. "Es ist vielleicht das Europa der Abzocker und Ausgrenzer, aber nicht meines."

Es ist schon ein paar Jahre her, als ich das Bordbuch des Christoph Kolumbus gelesen habe, und bald danach mit heißer Seele John Steinbecks The Log from the Sea of Cortez.

Seit diesem Sommer aber weiß ich erst wieder, warum dieses neudeutsche Wort Blog, die Abkürzung von Weblog, sich von Log(- buch) ableitet, dieser Erfindung der christlichen Seefahrer, ihre Navigationsdaten und Erlebnisse täglich in einem Buch aufzuzeichnen. Zu meinen langjährigen und immer sehr empfehlenswerten Lieblingsblogs (Bildblog.de, Perlentaucher.de und die Seiten der Else Buschheuer) gesellt sich deswegen in diesem Sommer das Goisern-Logbuch, der Bericht einer musikalischen Expedition ins unbekannte Europa.

Einmal die Donau hinunter von Linz bis ins Schwarze Meer und dann wieder zurück. Da erfüllt sich ein moderner Abenteurer, Phantast, freier Mensch, Träumer und Intensivmusiker mit großer Leidenschaft einen Lebenstraum: den Traum vom neuen, einigen Europa. Flussabwärts hat der Menschen- und Melodienfischer Goisern gesammelt: Musiker, Musiken, und vor allem Erfahrungen mit Behörden und Beamten. Jetzt fährt er seine erstaunliche Beute zurück in den Heimathafen Linz.

Und weil er sein Logbuch nicht nur schreibt, sondern gleich ins Internet stellt, lesen wir: die Geschichte von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen. Was sind Hitze, Unwetter und die naturgemäßen Widrigkeiten der christlichen Binnenschifffahrt gegen die europäischen Bürokraten, Bornierten, Uniformträger und Oligarchen. Die Donau mit Musikdampfer scheint heute ein größeres Abenteuer zu sein als jede Atlantiküberquerung.

Dienstagabend nun, im Organisationswindschatten des ungarischen Nationalfeiertags, dem Red Bull in diesem Jahr die Flügel einer bombastischen Fliegerschau verliehen hat, gab es tatsächlich ein Konzert in Budapest. Auch Beshodrom sind angetreten. Ein paar VIPs waren zufällig von der großen Flugschau übriggeblieben, ein paar zufällig dazugekommene Budapester waren da, und etwa hundert nachgereiste Goisern- Fans und Logbuch-Leser aus Österreich, Bayern und Recklinghausen. Ein großes und auch sehr lautes Konzert vor zauberhafter Kulisse.

Beinahe wäre es unter den Zuhörern trotz der gewaltigen indogermanischfinn-ugrischen Sprachbarriere zu europäischen Verbrüderungen und Adressenaustauschen gekommen. Dann sorgte ein gewaltiger Platzregen dafür, dass alle ernüchtert und erschrocken auseinander liefen, wohlgeordnet nach Nationalitäten, Landsmannschaften und Unterkunftskategorie.

Per Konzertschiff die Donau abwärts

Frankfurter Rundschau 14. August 2007 | Text: Elke Buhr

Wenn die Donau ihrem Delta zufließt, wird sie breit und träge. Auf den weiten Wiesen am Ufer grasen Kühe, hier und da hüpfen ein paar nackte Kinder ins Wasser. Nach und nach kommen Musiker und Schiffscrew aus ihren Kojen, setzen sich an den großen Tisch, essen, lesen, entspannen. Leise Klänge mischen sich in das Rauschen der Sonnensegel: Jemand spielt Bandura, eine Art Zither, wie sie die Kosaken in der Ukraine verwenden, ein anderer zupft ein paar Töne auf einer akustischen Gitarre.

Hubert Achleitner, als alpiner Weltmusiker bekannt unter dem Namen Hubert von Goisern, gönnt sich lachend eine Dusche aus dem Wasserschlauch. Die Sängerin Maria aus Wien rollt sich müde zwischen den Equipment-Kisten auf der Konzertbühne zusammen. Hier ist es am kühlsten.

Am Abend vorher hatte auf dieser Bühne noch die Euphorie pulsiert. Die moldawische Band Zdob Si Zdub hatte die Menge am Hafen der ukrainischen Stadt Ismajil längst zum Hüpfen gebracht, als Hubert von Goisern per Akkordeon seinen alten Hiatamadl-Hit ins Spiel brachte. Das Jodeln hüpfte auf den moldawischen Beat und wurde vom Zdob-Si-Zdub-Sänger Roman souverän mit einem Rap gekontert, dessen Inhalt den Besuchern aus dem Westen zwar schleierhaft bleiben musste - aber wie hatte man noch nachmittags bei der hochoffiziellen Pressekonferenz mit Bürgermeister und Dolmetscherin vor der ukrainischen Presse gesagt? Die Sprache der Musik ist universell.

Für genau solche Momente hat sich Hubert von Goisern auf seine lange Reise begeben. Anfang der neunziger Jahre wurde der Österreicher mit seinem gleichzeitig frechen und sehr ernst gemeinten Update der traditionellen Musik seiner Heimat bekannt, seitdem hat er sein Konzept von Weltmusik auch gemeinsam mit Musikern in Tibet oder Afrika ausprobiert. Und nun ist Osteuropa dran.

Ende Juni hat die Goisern-Band ihr schwimmendes Tour-Gefährt bestiegen, bestehend aus Wohnschiff und ausfahrbarer Bühne in Festival-Format mitsamt Lichtshow und Leinwänden für Filme und Visuals. Bis zum 1. September reisen sie damit die Donau ostwärts und zurück und geben unterwegs gut 20 Konzerte, zu denen sie lokale Musiker einladen. Im kommenden Sommer geht die Tour über den Rhein-Main-Donaukanal nach Westen bis Rotterdam, 2009 soll ein gemeinsames Festival aller beteiligten Bands in Linz den Abschluss machen.

Zwei Jahre lang hat Hubert von Goisern an der Realisierung dieses Traums von der völkerverbindenden Donau-Tour gearbeitet - die Idee ist ihm beim Fischen gekommen, so erzählt er, während sein Schiff wieder ostwärts tuckert. "Wenn man nichts fängt, dann kommt man so auf seine Gedanken." Er sei zwar nicht der erste gewesen mit dieser Idee, aber umgesetzt hat sie vor ihm keiner. Man braucht viel Geduld, um nicht an den störrischen Bürokratien der unterschiedlichen Donauländer zu scheitern. Und man muss Geld mitbringen, denn von den Menschen in Novi Sad oder im kleinen Ismajil in der Ukraine wird man für solch ein Konzert keinen Eintritt verlangen können.

Vier Millionen Euro kostet die Reise, die Hälfte bezahlt ein österreichischer Getränkehersteller, eine Million sollen die Konzerte in Westeuropa einspielen, und eine Million kommt aus dem Etat der Stadt Linz, die 2009 europäische Kulturhauptstadt wird und Hubert von Goisern mit dieser Ost-West-Tour vorab zu ihrem Botschafter gemacht hat.

So reist auch Martin Heller, Intendant des Kulturhauptstadtprogramms Linz, zum Termin mit den Journalisten auf Hubert von Goiserns Boot mit. Für ihn ist dessen Tour der ideale "Content", um die Stadt an der Donau als kulturelle Mitte zwischen Europas Osten und Europas Westen zu profilieren. Wenn das Kulturhauptstadtjahr losgeht, wird man eine Film-Dokumentation haben, man wird Hubert von Goiserns Logbuch haben, in dem er im Internet von seiner Reise berichtet, man wird ein Stück europäischer Wirklichkeit zum Anfassen und Anhören haben.

Und Hubert von Goisern würde einen Begriff wie "Content" zwar niemals gebrauchen, aber wenn sich seine Interessen mit denen der Kulturhauptstadt Linz decken, ist er dabei. Mit einer effektiven Mischung aus Spiritualität und Pragmatik hält er dieses Unternehmen, das man nicht anders als abenteuerlich nennen kann, zusammen. Das Schlimmste bislang sei die Hitze gewesen, die mehrere Wochen lang 40 Grad betrug - man könne der Natur eben nicht ausweichen, sagt Goisern ruhig. Das zu erfahren und dabei festzustellen, ja, man kann immer noch weiter und Konzerte geben und seine Sinne offen halten für alles, was passiert, das habe ihn und die Band stark gemacht.

Natürlich weiß Hubert von Goisern auch, dass nicht alle auf ihn gewartet haben hier im Osten. Wann immer das Schiff vor Anker geht, warten neue Überraschungen: Mal ist das Konzert von den lokalen Autoritäten gegen aller Absprachen nicht angekündigt, wie in Kroatien, und es kommen nur einige hundert Menschen; mal ist der ursprünglich ausgesuchte Ankerplatz längst verbaut. In der bulgarischen Kleinstadt Silistra wollte man Goisern vor der Privatterrasse eines Hotels mit wenigen eingeladenen Gästen auftreten lassen - er ließ kurzerhand die Anker lichten und spielte ein paar hundert Meter weiter für die Menge am Strand.

Auch die Begegnungen mit den fremden Musikern sind nicht immer so locker wie die mit den Moldawiern Zdob Si Zdub. Manche haben gar keine Lust auf gemeinsame Proben und Verbrüderungen am Wasser. Und je kleiner der Ort ist, in dem sie auftreten, desto bizarrer kann der Besuch dieses High-Tech-Konzertschiffes wirken. Es hilft, dass Goisern bescheiden auftritt, den Gastmusikern bei den Konzerten stets den Vortritt lässt, geduldig den lokalen Journalisten und dem Publikum sein Projekt erklärt - und die Haltung, mit der er seltsam bemalte Vasen als Gastgeschenke annimmt, kann nicht anders als professionell bezeichnet werden.

Die Vase aus Ismajil zumindest hat einen Ehrenplatz auf dem Buffet bekommen, als es weiter geht in Richtung Schwarzes Meer. Die Band Haydamaky aus Kiew ist zugestiegen, sie reisen bis zum nächsten gemeinsamen Konzert mit und fühlen sich sichtlich wohl auf dem sonnenbeschienenen Schiff.

"Ich bin noch zu Sowjet-Zeiten aufgewachsen, mit Led-Zeppelin-Platten, die wir von irgendwoher bekommen haben, und einem rumänischen Sender, der Volksmusik spielte - der einzige, der keine Propaganda machte", erzählt Sascha, der glatzköpfige Haydamaky-Sänger.

Ergebnis dieser musikalischen Sozialisation ist ein mitreißender Karpaten-Ska, den die Band neuerdings auch auf dem Berliner Label EastBlock veröffentlicht; deutlich intelligenter als die wodkaselige Techno-Polka, die hierzulande gelegentlich unter dem Label Russendisko verkauft wird. Als er nach Huberts Jodeln gefragt wird, muss Sascha erst einmal lachen: "Ach, ich mag Gipsy-Musik lieber - aber es ist ein authentischer Ausdruck von Huberts Kultur, das ist schon okay."

Abends in dem Städtchen Vilkovo findet man das offensichtlich auch - selbst wenn den Menschen das Staunen ins Gesicht geschrieben steht, als sie das Konzertschiff sehen, das einige Meter vom Ufer entfernt seine Lichtershow auf sie abfeuert.

8000 Menschen wohnen hier, das Plastik-Spielzeug auf dem kleinen Markt kommt aus China, und die silberne Lenin-Statue in der Stadtmitte sieht aus wie frisch gestrichen. Die Donau flutet regelmäßig in die Stadt und steigt an den Häusern hoch, das sind die Menschen gewohnt. Aber solch ein Sound wie an diesem Abend ist wohl noch nie vom Wasser herüber gekommen. Mütter sind mit ihren halbwüchsigen Töchtern am Arm gekommen, in Blumenkleidern und mit der schönsten Haarspange im Haar. Kleine Kinder kuscheln sich an ihre Großväter, Paare halten sich im Arm, hier und da fängt eine Gruppe lachend an zu tanzen. Vielleicht werden sie sich den Namen des verrückten Österreichers, der sie da besucht hat, nicht gemerkt haben. Aber vergessen werden sie diese Nacht trotzdem nicht.

Ein Ufo ist gelandet

Focus Online 31. Juli 2007 | Text: Sandra Zistl

22 Donau-Häfen, weitere an Rhein und Main, rund vierzig Konzerte und unzählige Begegnungen - der österreichische Weltmusiker Hubert von Goisern ist per Schiff auf "Linz Europa Tour". In einem einzigartigen, dreijährigen Projekt will er die vielen Stimmen Europas gemeinsam zum Klingen bringen.

Marlene Schuen und Maria Moling

Am Anfang steht eine Explosion. Mit 280 000 Watt wummern Akkordeon, Schlagzeug und E-Gitarre über die glatte Wasserfläche. Von der auf der Donau schwimmenden Konzertbühne schwappt eine optisch-akustische Flutwelle über die Köpfe der 2000 Menschen am Kai von Vylkove. "A Griasknedl und a Leberknedel ham si gor ned vertrong", singt Hubert von Goisern.

Wer ist dieser "Chubert"?

Ein Ufo ist gelandet. An Bord Musiker aus Österreich und der Ukraine, die mit E-Gitarre, Bass, Schlagzeug, Akkordeon, Keyboard, Geige, Hackbrett, Flöte, Percussion und Gesang zeigen, dass Europa zumindest musikalisch eine gemeinsame Sprache sprechen kann. "Wer ist dieser Chubert", fragt der 26-jährige Dmitrij und seine Augen blicken, als wollten sie sagen: "Wer macht so was Verrücktes?" Dmitrij hievt seit zehn Jahren mit einem Kran tonnenweise Krabben aus dem Schwarzen Meer. Er kann kein Deutsch und kaum Englisch, hört gerne Rammstein und hat noch nie erlebt, dass in seiner Heimatstadt ein Konzert stattfindet.

Hubert von GoisernDer 8000-Einwohner-Ort Vylkove ist die östlichste ukrainische Siedlung im Donau-Delta, in dem 280 Vogel- und 100 Fischarten leben. Rundherum erstreckt sich außer Wasser bis zum Horizont nur Marschland, das sich nicht für Landwirtschaft eignet. Die klein gewachsenen Menschen leben von und mit dem Fluss. Mitten im Ort steht nach wie vor eine Lenin-Statue. Und nun dieser Sound. Wer ist dieser "Chubert"?

Alpine Weltmusik auf Europa-Tour

Der 54-jährige Hubert Achleitner, der Ende der Achtziger der Volksmusik die E-Gitarre umhängte und unter dem Label "alpine Weltmusik" Jodeln, Mundharmonika und Akkordeon mit Rock und Pop versöhnte, hat sich in den Kopf gesetzt, auf einer dreijährigen Konzerttournee Europas Osten und Westen einander näher zu bringen. Wo EU-Politik mehr Hürden schafft, als Animositäten aufzulösen, hat er sich für die Sprache der Musik entschieden: ohne Grenzen, Vorurteile, Hinhaltetaktik. Es passiert heute und hier.

Hubert von GoisernDiesen Sommer geht die Schiffsreise von Linz aus nach Osten und zurück, nächstes Jahr über den Rhein-Main-Donaukanal gen Westen bis Rotterdam. Unterwegs treffen von Goisern und seine Band auf etwa 40 lokale Gruppen, mit denen sie Konzerte geben und an gemeinsamen Stücken arbeiten. Alle Veranstaltungen im Osten Europas sind gratis. Krönender Abschluss soll im Sommer 2009 ein mehrtägiges Festival in Linz sein, das mit dem litauischen Vilnius Europäische Kulturhauptstadt sein wird.

Klotzen für den Titel der Kulturhauptstadt

Ihr Intendant Martin Heller unterstützt das Projekt ideell und finanziell. Er will "nicht nur ein Riesenfeuerwerk abschießen", sondern schon vorab "etwas machen, was diesen Gedanken - Linz liegt in Europa, wir sind mittendrin und haben eine Aufgabe - ausdrückt". Die oberösterreichische Landeshauptstadt ist somit Nabel der Tour und Heimathafen des 100 Meter langen und 16 Meter breiten Schiffsverbands. Linz bewirbt sich mit diesem Projekt für den Titel der Kulturhauptstadt 2009.

Alpinrock auf der Donau

Hubert von GoisernAuf einer zum Konzertschiff ausgebauten Barge, die einst Sand und Schotter transportierte, ruht die 119 Quadratmeter große Festivalbühne mit Ziehharmonika-Prinzip: Das Dach steht auf hydraulischen Beinen. Während der Reise eingefahren, erreicht sie ausgefahren eine lichte Höhe von sechs Metern. An und unter Deck lebt eine 25-köpfige Crew - darunter die acht Bandmitglieder - in einer Art Großraum-WG zusammen, die wächst, wenn lokale Gruppen an Bord kommen.

Underdogs unter sich

"Subjektivität, nicht Objektivität", sucht Gallionsfigur Hubert von Goisern, der Länder besucht, in denen vor Kurzem noch Krieg herrschte, und Staaten, an deren Flanke plötzlich eine EU-Außengrenze andockt, die sie ausschließt. Er will zeigen, dass das alles trotzdem zusammenhängt und ein Kulturraum ist; dass sein Jodler sich beispielsweise wunderbar mit dem energiegeladenen Ethno-Rock-Punk der moldawischen Gruppe Zdob și Zdub oder dem Karpaten-Ska von Haydamaky aus Kiew vereinen lässt (s. Interview). Auf dem lokalen Markt sind sie Konkurrenten, nach dem Konzert jammen sie gemeinsam auf dem Schiff. Haydamaky-Sänger Oleksandr Yarmola vergleicht die EU-Regeln mit Steinen. Seine Band wurde 2001 von EMI entdeckt, bringt im Herbst ihre neue CD beim Berliner Label Eastblock heraus, hat aber nach wie vor Probleme, EU-Visa zu bekommen. "Wir, das Projekt, sind Wassertropfen, die weitere Tropfen anziehen und den Stein eines Tages ausgehöhlt haben werden." Mit ihrer Mischung aus ukrainischer Volksmusik, Ska, Punk und Reggae passen Haydamaki genauso wenig in Genre-Schubladen und kommerziellen Rundfunk wie die alpine Weltmusik des Hubert von Goisern. Umso besser passen sie zusammen.

Klang-Botschafter aus dem Salzkammergut

Maria Moling und Hubert von GoisernEs ist die Vision eines Weitgereisten, der dem Fremden mit offenem Herzen begegnet. Wenn er einmal von einer Sache überzeugt ist, startet er voll durch. Hindernisse sind dann dazu da, genommen werden. Ein Zurück duldet der starke Charakter nicht. Als Goisern vor Jahren nach einer Tibet-Reise die musikalischen Eindrücke auf seine Weise interpretieren und einspielen wollte, sagte man ihm, die Genehmigung dazu müsse das religiöse und politische Oberhaupt erteilen. Also organisierte er sich eine Audienz beim Dalai Lama. Der weise, alte Mann war von der ehrlichen Absicht, dem klaren Willen des Klang-Botschafters aus dem Salzkammergut überzeugt und stimmte zu.

Das Mammut-Projekt Linz Europa Tour bereitete der Wahl-Salzburger zwei Jahre lang vor, holte Genehmigungen ein, suchte und fand Spielorte und Bands, mit denen er seine Vision umsetzen will. Die Idee eines völkerverbindenden schwimmenden Festivals hatte er vor zehn Jahren am Tanganika-See in Zaire, wo er ein Porträt über die Primaten-Forscherin Jane Goodall drehte. Er organisierte ein Unplugged-Konzert mit Musikern der ethnischen Gruppen, die sich bekriegten. Vor zwei Jahren stand der Hobbyfischer dann auf einem Schiff des Reeders Franz Brandner auf der Donau: "Wir haben den ganzen Tag nichts gefangen. Wenn's so fad ist, hast du Zeit zum Nachdenken."

Die Vision wird wahr

SchubschiffGar nicht lange überlegen musste der Erfinder eines enorm erfolgreichen österreichischen Energy-Drinks, als er von dem Projekt hörte. Er steuert zwei von vier Millionen bei, eine weitere lässt "Linz 09"-Intendant Heller springen. Da haben sich welche gefunden, denen - wie von Goiserns langjähriger Manager Hage Hein glücklich erzählt - "die einmalige Idee wichtiger ist als Vertragsklauseln". Die Vision wird wahr.

Solo für Mond

Gerade ist Goisern am östlichsten Punkt der Reise, im ukrainischen Donaudelta angekommen. Der Strom, der Länder trennt und verbindet, passiert zehn Staaten und wird, bevor er sich nach fast 3000 Kilometern dem Delta nähert, immer breiter, seichter und ruhiger. Im Gespräch strahlt Goisern eine Gelassenheit aus, die der des Stromes ähnelt.

"Ich blase ihnen die Hütte weg"

WohnschiffIn den osteuropäischen Ländern galt es, im Vorfeld die Bürgermeister zu überzeugen. "Begeistert waren sie alle", erinnert sich der Pionier. Sie drückten ihm die Hand, klopften auf seine Schulter, wünschten viel Glück. "Aber dass einer wirklich mal was getan hätte, diese Leute kann ein Tischler an einer Hand abzählen." Der Groll schwingt noch in seiner Stimme mit. Waren die Stadtchefs überzeugt, stellten sich Polizei oder Lokal-Oligarchen quer - und tun es noch heute. Der Kampf geht fast täglich weiter, aber gezwungenermaßen nehmen damit die Siege zu. "Ich find das super", sagt Goisern triumphierend, "jetzt stehe ich da und blase ihnen die Hütte weg."

Im wahrsten Sinne des Wortes, optisch und akustisch. Wolfgang Spannberger entwickelte eigens für das Projekt eine Tonanlage, Konzertmitschnitte von zwei Live-Kameras werden auf zwei 5,8 mal 2,9 Meter große LED-Leinwände neben der Bühne projiziert und mit Visuals zu einem optischen Gesamtkunstwerk komponiert.

Jodel-Punk im Polka-Takt

BühneVom Vylkover Nachthimmel über dem Schiffsverband scheint ein schüchterner Mond herunter, der mit seiner Spiegelung im ruhigen Donauwasser gewohnt ist, der alleinige Star des Abends zu sein. Das mehrstimmige Jodeln auf der Bühne stiehlt ihm jetzt die Show. Die Einwohner haben sich für das einzigartige Ereignis fein gemacht. Alte Männer tragen das steif gebügelte Hemd in der Hose, ihre Frauen bunte, mit großen Blumen bedruckte Kostüme, Teenager und junge Frauen führen stolz seidig schimmernde Kleider oder figurbetonende kurze Röcke und Tops aus. Ein kleines Mädchen schlägt vergnügt mit einer leeren Wasserflasche den Polka-Takt mit, beim Jodel-Punk kann selbst so manche Großmutter nicht stillhalten.

Weil der Fluss so seicht ist, liegt die schwimmende Bühne trotz ihrer geringen Schubtiefe von 1,40 Metern etwa 20 Meter vor dem Kai vor Anker. Das ist schade, löst sich doch der Eindruck des Ufos so nicht auf. Die Interpreten sind weit weg vom Publikum, Kommunikation findet kaum statt.

WohnschiffEin Vylkover hält es nicht mehr aus. Er hatte die erste Hälfte des Konzerts begeistert tanzend und springend in seinem am Kai vertäuten Kahn verbracht, der abenteuerlich schaukelte. Jetzt springt er mit einem Satz ins Wasser, läuft und schwimmt direkt vor die Bühne, wo ihm das Wasser bis zur Brust reicht. Dort reißt er die Arme in die Höhe und schreit. Er hat sich selbst zum Botschafter seiner Stadt ernannt. Mit seiner Begeisterung zeigt er Haydamaki und der Hubert-von-Goisern-Band, dass sich die Strapazen lohnen. So etwas gab es noch nie in Vylkove.

Solo für Mond

Nach dem letzten Ton ziehen fast alle Gäste glücklich nach Hause. Nur eine Gruppe Frauen Ende 50, die während des Konzerts ausgelassen tanzte, hat noch nicht genug. "Hu-bert, Hu-bert", skandieren sie hüpfend. Dann setzen sie sich, wie junge Mädchen lachend, auf die Kaimauer. Was bleibt, ist der Mond, der jetzt zur After-Show-Party doch noch seinen Auftritt hat.

"Zwischen Panik und explodieren"

FOCUS Online 31. Juli 2007 | Text: Sandra Zistl

Hubert von Goisern im Interview

Hubert von GoisernSeit gut einem Monat ist Hubert Achleitner, besser bekannt als Hubert von Goisern, mit Band und Crew als europäischer Klang-Botschafter auf der Donau Richtung Osten unterwegs. FOCUS Online traf ihn im ukrainischen Flussdelta, kurz bevor sich der europäische Strom ins Schwarze Meer ergießt.

Tiefbraun gebrannt sitzt er mit einer dunklen Sonnenbrille an Deck der "MSS Josef Wallner". Die Nacht war kurz, am Anfang spricht Achleitner sehr leise. Im Lauf des Gesprächs kommt jedoch zunehmend Leben in ihn. Es sind die ausladenden Gesten eines Menschen, der viel auf der Bühne steht. Schon ist sie zu spüren, die Energie, die den Musiker aus dem österreichischen Salzkammergut in den vergangenen Jahren um die halbe Welt trieb.

Sie sind in den vergangenen Jahren sehr viel und weit gereist, nach Asien und Afrika. Erst jetzt entdecken Sie eine Region, die geografisch näher liegt. Muss man erst weggehen, um zurückkommen zu können?

Als junger Mann hab ich mir gedacht: Alles, was in der Nähe ist, kannst du später machen. Ich ging so weit weg wie möglich. Das Leben ist eine Spirale: Man kommt dem, was man sucht, immer näher.

Was suchen Sie auf dieser Reise, mit der Sie Bewusstsein schaffen wollen für Einheit und Vielfalt der europäischen Kultur?

Ich suche das Abenteuer. Nicht als Voyeur, sondern bei mir selbst. Ansonsten finde ich lieber. Ich mag nicht gern auf Wegen gehen, schon gar nicht immer auf denselben. Und ich mag Situationen, wo ich gezwungen bin, all meine Sinne ganz wach zu halten. Bei so vielen neuen Eindrücken ist das der Fall.

Dennoch sehen Sie sich das Neue immer mit der Volksmusik des Alpenraums im Gepäck an. Was bedeutet Tradition für Sie?

Sie ist wie ein Rucksack, den wir durchs Leben tragen. Bei manchen ist er sehr schwer, und sie kommen deshalb nicht vorwärts. Ich hab als Jugendlicher auch gemerkt, dass ich da ganz schön was umgehängt bekommen hab und begann irgendwann auszupacken und zu entrümpeln. Wenn der Rucksack ganz voll ist, passt nichts mehr rein.

Wie gehen die Musiker, die Sie bei der "Linz Europa Tour" treffen, mit Tradition um?

Ich habe Brüder und Schwestern im Geiste gefunden - eine wunderbare Bestätigung. Man bildet sich oft ein, ganz allein den Stein des Weisen entdeckt zu haben und die anderen nicht. Dann stellt man verblüfft fest: Die anderen haben auch Steine. Das gefällt mir.

Sie musizieren in diesen drei Monaten mit mehr als 100 Kollegen, haben wenig Zeit zum Proben. Mit welchem Gefühl stehen Sie auf der Bühne?

Es ist alles zwischen Panik und explodieren. Manchmal hab ich das Gefühl, mich in meine Atome aufzulösen. Ich versuche, alles mitzubekommen und gleichzeitig loszulassen. Man muss das passieren lassen, was passiert.

Hätten Sie gedacht, dass Ihr Jodeln und der Karpaten-Ska ukrainischer Bands sich so gut ergänzen?

Ja, zumindest bei allen Polka-Sachen. Aber es gibt natürlich keine Gewissheit, dass es immer so gut passt.

Bei den Konzerten gewinnt man den Eindruck, dass der Balkan besonders energiegeladen ist. Nur ein Klischee?

Nein, das hat Tradition hier. Dieses Cha-Cha-Cha-Cha (er ballt die Faust, unterstreicht den Rhythmus mit dem Unterarm), ich mag es, wenn das voll auf den Off-Beat drauf geht: Mta-mta-mta! Bei uns ist alles direkt auf dem Beat drauf, Bum-bum-bum, damit die Leute mitklatschen können und sich auskennen: Dei-didi-dadam … (er singt, klatscht, lacht, wiegt den Oberkörper dazu)

Hubert von GoisernWas ist passiert in diesem Monat, den Musiker und Crew jetzt schon an Bord verbringen?

Wir haben Selbstsicherheit und Vertrauen gewonnen, dass das, was passiert, schon seine Gültigkeit und Richtigkeit hat. Die Erfahrung, die Donau hinabzugleiten, ist unglaublich. Der Fluss übt einen sanften Zwang aus, dem man sich nicht entziehen kann. Dieses Projekt ist natürlich anstrengend in vielerlei Hinsicht. Aber wir werden immer stärker, und durch die Stärke entsteht Gelassenheit.

Sind Sie zufrieden mit der Resonanz?

Es wird immer besser. Kroatien war unser erster Ost-Stopp. Ich war geschockt über das mangelnde Interesse, vor allem seitens jener, die die lokale Infra-Struktur stellen sollten. Ich interpretiere es mit dem Kriegstrauma. Man hat nicht den Mut, sich aufzurichten, weil vor Kurzem noch geschossen wurde. Es war eins der berührendsten Konzerte, das wir dort vor etwa 350 Leuten spielten, zwischen zerschossenen Ruinen und verkohlten Baumstümpfen.

Sie sagten einmal: "Das Hiatamadl spiel ich nicht mehr." Jetzt doch?

Ich sagte, ich wüsste nicht, wann ich es wieder spielen würde. Ich hab das und andere Lieder so oft gespielt und mag nicht, wenn es mechanisch wird. Um etwas Neues entstehen zu lassen, brauche ich Abstand. Der ist jetzt da.

Zum ersten Mal bieten Sie eine Art "Best of". Warum?

Die Leute hier kennen mich nicht, und ich möchte mich vorstellen. Wir haben ein dreistündiges Programm, spielen davon etwa eineinhalb Stunden. Ich kann also relativ spontan entscheiden, was gerade zum Ambiente passt. Gestern (Konzert mit Haydamaki und Zdob și Zdub) wären mehr Balladen fehl am Platz gewesen. Die Leute waren elektrisiert.

Sind Sie noch nervös, wenn Sie nach dem Act der Lokamatadore auf die Bühne treten?

Es ist jedes Mal ein Sprung vom 10-Meter-Brett in der Nacht ins Wasser, wenn du einen Jodler anfängst. Du weißt nicht, wie du aufkommst. Bisher hat es aber immer hingehauen.

"Koa Hiatamadl" auf kalifornisch

Salzburger Nachrichten 31. Juli 2007 | Text: Bernhard Flieher | Fotos: SN / Zeitenspiegel

Im ärmlichen Hinterland des Donaudeltas angekommen sind Hubert von Goisern und Band:
Reportage vom fast letzten Winkel, den die "LinzEuropaTour" erreicht.

Hubert von Goisern und Zdob și Zdub

In der Nacht, wenn musiziert wird, funkelt das Bühnenschiff und rundherum das Donauwasser. Licht und Leinwände, mit denen sich jedes Stadion beschallen ließe, strahlen über der Südukraine.

Technischer Aufwand und logistische Anstrengung treffen auf das Hinterland einer Nation, die 16 Jahre nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion unter Schmerzen versucht, sich zu finden. Nach Russland ist die Ukraine flächenmäßig größtes Land Europas. Dementsprechend schwierig verteilen sich wirtschaftliche Kräfte. In Kiew ereignen sich Revolutionen, qualmt der Wohlstand aus Schloten, führen internationale Bankkonzerne das Geschäft. Im südlichen Eck des Oblast (Verwaltungsbezirk) Odessa aber steht die Zeit still, auch wenn es nicht ruhig ist. Aufgemotzte Westautos röhren. Coca-Cola, Handy, billige Discomusik und Sat-TV haben schon gewonnen. Sonst aber trifft man kaum Sieger.

Das Venedig der Ukraine, ein Weltende-Dorf

"Die Krim, die Hauptstadt, darum kümmern sich unsere Politiker", sagt Iwanka, die im 8000-Seelen-Dorf Vilkovo, wegen seiner (Hoch-) Wasserkanäle "Venedig der Ukraine" genannt, einen Lebensmittelladen führt. Ihr Mann pendelt zur Arbeit gut 1000 Kilometer nach Donezk - ein Mal im Monat sieht sie ihn. In fünf Jahren wird die Ukraine mit Polen die Fußball-EM ausrichten. Donezk wird Spielort. Hier in Vilkovo wird man davon so viel mitbekommen wie in Bad Goisern: Man wird das TV-Gerät einschalten. Nur ist hier nicht immer sicher, ob es Strom gibt.

Der Mond ist da wie dort der gleiche. In diesen wolkenlosen Tagen begleitet er die Goisern-Tour als Beobachter. Mühelos und kitschig schön dient er als Symbol grenzenloser Verbindung, ja Zusammengehörigkeit. Auf dem Schiff muss diese Verbindung zwischen Musikstilen und Lebensarten härter erarbeitet werden.

Er suche Musiker, die das Gleiche suchten wie er, erläutert Hubert von Goisern auf einer Pressekonferenz in Ismajil das künstlerische und menschliche Anliegen der Tour. Es ist später Nachmittag. Am Abend werden rund 6000 der 79.000 Bewohner der Stadt am Hafen das Konzert anschauen.

Die Leute am Abend kommen nicht nur wegen des Goiserers. Sie kommen wegen Zdob și Zdub und Haydamaky. Die beiden Bands haben mit ihrem Mix aus Ethno und Rock in der Region Heldentum erworben. Besonders gefeiert werden die Moldawier Zdob și Zdub, angeführt vom charismatischen Roman Iagupov, der in seinem Vermögen, das Publikum einzunehmen, einem Bruder von Bono von U2 oder von Anthony Kiedis von den Red Hot Chili Peppers gleicht. Mit dem Stil der kalifornischen Rockstars, deren dynamischen, einmal hämmernden, dann wieder balladesken Sounds, lässt sich auch die partytaugliche Musik der "Zdobsis" vergleichen. 2005 nahmen sie beim Songcontest teil. Heuer gab es Pläne, das wieder zu tun - und zwar mit Hubert von Goisern. Daraus wurde nichts. Was blieb, ist eine gemeinsame Version von Koa Hiatamadl, die intensiver rockt als je zuvor. Das liegt auch an der Freude, die die Musiker aneinander haben. Hier wird der Sinn der Unternehmung "LinzDonauTour" augenscheinlich: Musik als verbindendes Element, als Annäherung von Welten. Auch mit Haydamaky funktioniert diese Kontaktaufnahme ideal. Ins Schwärmen kommt Hubert von Goisern, wenn er von der Zeit mit der Roma-Blaskapelle Karandila erzählt, die wenige Tage zuvor an Bord war.

Und doch ist der Zugang zur Volksmusik hier ganz anders. Der Goiserer musste sie daheim aus den Händen der Bewahrer neu erkämpfen. In Moldawien oder der Ukraine schuf traditionelle Musik zu Sowjetzeiten regionale Identität jenseits des Einheitsstaates. "Folk war für unsere Väter ein Akt des Widerstandes", sagt Haydamaky-Sänger Sascha. Die Anreicherungen mit Pop-Elementen diene nun einerseits der Popularisierung der Tradition und gleichzeitig einer Gegenbewegung zur Vereinnahmung des Volksgutes durch wachsende nationalistische Tendenzen.

In Vilkovo spielt solch politischer Hintergrund kaum eine Rolle. Rund ein Viertel aller Bewohner ist auf den Beinen. Auf dem Markt habe es seit Tagen kein anderes Thema gegeben als die Ankunft des Schiffes, sagt Ivanka. Am Ende des Abends wird sie mit einem der vier zur Bewachung abgestellten Polizisten tanzen. Im Gegensatz zu Ismajil ist kaltes Bier vorbereitet. Es gibt auch keinen von der örtlichen Nomenklatura errichteten VIP-Bereich. Wenn hier schon einmal was passiert, müssen alle hin.

Tagsüber kehrt Ruhe ein auf dem Schiffsverband - und nach fast 40 Tagen an Bord auch Routine. Auf dem Weg von Ismajil nach Vilkovo wird sie unterbrochen. An Bord kommen 25 Journalisten, eingeflogen von Sponsor Red Bull. Diese Annäherung folgt den Gesetzen der Branche. Schnell hin. Aufnahmegeräte und Kamera zücken. Weg. Und dabei auch noch das Glück haben, ein Stück des Weges mitzubekommen, an dem sich die politische Idee der Tour ebenso erkennen lässt wie die musikalische. Hier im Hinterland wird die Botschaft des Flusses als einende Kraft, als "Symbol der Freiheit", wie "Zdobsi"-Sänger Iagupov erklärt, wohl verstanden. Und hier werden - wenn auch mehr zu den bekannten Sounds der lokalen Bands als zu den fremden, alpinen Klängen der Goiserer-Truppe - Partys gefeiert. Für stille Reflexion bleibt an beiden Tagen wenig Zeit.

Die Schönheit des nächsten Flusskilometers Das Schiff bietet wenig Rückzugsraum, der sich mit den emotionalen Ladungen von Eindrücken füllen ließe, die sich aufstauen bei einer langen Reise. Sammeln, das gehe, auch wenn er sich "bisweilen fühlt wie ein Fass ohne Boden", sagt Hubert von Goisern. Und bewerten? Ordnen? Ablegen? Jede Aussage könne nur eine Momentaufnahme aus frischen, unsortierten Gefühlen sein, sagt der Goiserer, ein Schnappschuss, der morgen durch die nächste Band, den nächsten Flusskilometer, die Schönheit oder die bürokratischen Hürden des nächsten Ortes abgelöst werde. 18 Kilometer noch bis zum Schwarzen Meer, wo der Donauarm aufhört, in dem die "Wallsee" vor Vilkovo ankert und der den nördlichen Rand des Deltas bildet - und so eine seit Rumäniens EU-Beitritt für Ukrainer (auf offiziellem Weg) kaum überwindbare Barriere.

Euphorisch schaut Kapitän Peter Werner der Tour zu. "Wer uns entgegenkommt, funkt uns an", sagt er. Es gibt Glückwünsche für die Idee, diesen Irrsinn durchzuziehen. Und manche fragen nach, ob das stimme, was sie gehört hätten, dass da ein Schiffsverband unterwegs sei, um Konzerte zu spielen an Orten, die weder an der Touristenstrecke lägen noch Handelsstützpunkte seien.

Vilkovo symbolisiert dieses Betreten von Niemandsland. Wer mit dem Schiff so weit vordringt, steuert gleich Sulina an. Dort steht der Leuchtturm, an dem die Donau anfängt. Als einziger Fluss wird sie stromaufwärts in Kilometer geteilt. Dort spielt die Musik in zwei Tagen.

Konzertschiff