Hubert von Goisern
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LINZ EUROPA TOUR 2007 - 2009

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Wie man mit dem Flugzeug in See sticht

Stuttgarter Zeitung 12. Juni 2007 | Text: Michael Werner

Der Liedermacher Hubert von Goisern startet Ende Juni zu einer Donautournee durch die Länder Osteuropas

Wäre es friedlich an den Ufern des Kongo, dann würde all dies nie passieren. Nicht hier, nicht in Europa. Aber in dieser Welt reisen Gedanken schnell von dort nach hier: Hubert von Goisern hat vor ein paar Jahren in Afrika ein potenzielles Paradies entdeckt und sich ausgemalt, wie es wäre, den Kongo entlangzuschippern und vom Schiff aus Konzerte zu geben. Doch bald ist ihm aufgegangen, dass es länger dauern könnte, bis der Frieden an den Kongo kommt. Aber die Donau ist ja auch ein Fluss, der verbindet. Und damit man ihm auf dem Fluss zuhört, steigt der Musiker zunächst in ein Flugzeug.

In den Mahagonivertäfelungen und den Lederverkleidungen der DC-6B, die um sieben Uhr in der Früh von Salzburg über die Berge Richtung Kiew fliegt, manifestiert sich Globalisierung. Ende der fünfziger Jahre kaufte sich Jugoslawiens Staatschef Marschall Tito das Luxusflugzeug, Mitte der Siebziger verkaufte er es dann an den Präsidenten von Sambia, Kenneth Kaunda. Am Flughafen von Lusaka gammelte die Maschine schließlich vor sich hin, bis sie vor ein paar Jahren ein Österreicher erwarb und restaurieren ließ, der seinen Reichtum einem Energiedrink nach thailändischer Rezeptur verdankt. Und nun stellt Dietrich Mateschitz das schönste Flugzeug seiner Flotte eine Woche lang dem Musiker zur Verfügung, dessen Name und dessen schlapphütiges, dreitagebärtiges Konterfei vorübergehend den Rumpf der DC-6 zieren.

Genau so sieht Hubert von Goisern morgens am Firmenhangar sieben des Salzburger Flughafens aus, bloß, dass er statt Schlapphut eine Ledermütze trägt, die er dreieinhalb Stunden später bei der Landung in Kiew verlieren, wieder finden und fortan nicht mehr abnehmen wird. Hubert von Goisern, der in Afrika mit Afrikanern musiziert hat, der einst tibetische Klänge sammelte und zuletzt die Volkslieder des Salzkammerguts, seiner Heimat, wiederentdeckte und grandios in Szene setzte, hat seine eigene Vorstellung von Globalisierung. Ein Fluss, sagt er, verbinde. Länder, Menschen, Feinde auch.

Drum fährt er vom 22. Juni an von Wien aus auf seiner Linz Europa Tour die Donau flussabwärts bis zum Schwarzen Meer. Er wird mit seiner Band auf dem Wohnschiff schlafen, er wird vom Konzertschiff aus seine Lieder singen und Ziehharmonika spielen in der Slowakei, in Ungarn, in Kroatien, Serbien, Bulgarien, Rumänien, in der Ukraine. Den ganzen Sommer lang. Er wird zuweilen gegen den Strom fahren und gleich zu Beginn im niederösterreichischen Melk, in Regensburg und in Passau musizieren. Anfang August spielt Hubert von Goisern in Rumänien, dort, wo die Donau ins Meer fließt, anschließend wird er flussaufwärts zum Konzert nach Budapest zurückfahren, um von dort aus wieder östlich Richtung Serbien zu schippern. Überall wird er lokale Künstler einladen, mit ihm zu spielen.

Damit später genug Zuschauer am Donauufer stehen, fliegt Hubert von Goisern vorab in die Hauptstädte seiner Tourneeländer. Im VIP-Bereich des Flughafens von Kiew verläuft die Passkontrolle schleppend, aber das ist alles relativ. Neulich bei seiner Recherchereise, sagt der Musiker, habe er an der bulgarisch-rumänischen Grenze zwei Stunden lang gewartet, weil ihm der Zöllner nicht glauben wollte, dass ihm sein Auto auch wirklich gehört. Als er die Grenze endlich passieren durfte, bedankte sich der Sänger. Der Beamte habe entgegnet: "Nein, nicht Danke - gib mir etwas, das mich daran erinnert, dass ich gut zu dir war." Hubert von Goisern gab ihm eine CD.

Im Konferenzraum am Flughafen von Kiew, vor ukrainischen Journalisten, führt von Goisern einen Film vor, der ihn mit viel Donauwasser zeigt - und viel gutem Willen. In der Ukraine wird er Ende Juli in Ismajil und in Vylkowo auftreten, mit der ukrainischen Band Haydamaky und mit Zdob Si Zdub aus Moldawien. "Ich brauche keine Partner, die sich hinter ihren Traditionen wie hinter einem Schild verstecken, sondern solche, die von ihren Traditionen angefeuert werden", sagt der Österreicher. Und dass die Europäische Union Angst vor ihren Nachbarn im Osten habe. Dann sagt er: "Ich mag keine Grenzen, ich mag es nicht, meinen Pass vorzuzeigen und dumme Fragen zu beantworten." Darauf sagt Martin Heller, der Intendant der Kulturhauptstadt Linz 2009: "Hubert ist eine Art Botschafter für die Kulturhauptstadt Linz." All das wird vom Englischen ins Ukrainische übersetzt, nicht alles wird verstanden.

Heller steckt eine Million von seinem 64-Millionen-Euro-Kulturhauptstadt-Budget in die Europatour des Weltmusikers. Im Jahr 2008 führt diese Tournee den Rhein entlang bis zur Nordsee, 2009 mündet sie in ein mehrtägiges Festival in Linz. Deshalb fliegt Heller nach Kiew mit und von dort nach Belgrad, Sofia, Bukarest und Zagreb, eine Woche lang. Der Sponsor zahlt ungefähr doppelt so viel wie die Kulturhauptstadt und spendiert dazu noch die Getränkedosen, die im Konferenzraum konsumiert werden. Rund eine Million soll der Sänger selbst einspielen.

Zunächst aber lädt von Goisern die ukrainischen Journalisten zum Rundflug mit der DC-6 über Kiew ein. "Das ist Wahnsinn - dein Gesicht schmückt ein Flugzeug", sagt der Manager der ukrainischen Band Haydamaky zu dem Österreicher auf dem Rollfeld, "Ich wünschte, mein Gesicht würde ein Flugzeug zieren." Die ukrainischen Fotografen lichten derweil Olexander Yarmola, den Haydamaky-Sänger vor dem Flugzeug ab. Denn Hubert von Goisern kennt hier niemand. Diejenigen Journalisten, denen nicht schlecht wird, sind jedoch vom Rundflug begeistert und applaudieren bei der Landung.

Hinterher analysiert Hubert von Goisern sein kyrillisches Namensschild, das ihn zum Gubert macht. "Das ist Politik", sagt er, "das ist eingerussischt." Er hätte sich lieber als Chubert gelesen, so wie neulich in Bulgarien. Hubert von Goisern, dessen letztes Studioalbum schon ein paar Jahre zurückliegt, hat sich mit der Materie beschäftigt. Eineinhalb Jahre arbeitet er jetzt für seine Schiffstournee, kennt sich mit Schleusen und Häfen aus, hat seinen Manager überzeugt. Jemand bringt Käsebrote und Schokolade, und dann ist Abflug nach Belgrad, und hinten im Flugzeug steht ein Sofa, auf dem man die Füße ausstrecken kann.

"Mich interessieren Projekte, die von Menschen handeln, die miteinander nicht können", sagt der Sänger aus Bad Goisern, der an den Passkontrollen Osteuropas immer noch Hubert Achleitner heißt. Als nach dem 11. September 2001 im Westen die Angst vor dem Islam aufbrandete, lud er den ägyptischen Sänger Mohamed Mounir zu einer gemeinsamen Tournee ein. Jetzt begibt er sich mitten auf den Strom, der Serben und Kroaten verbindet, Ungarn und Rumänen. Den Leuten, die glauben, dass eine Konzerttournee per Schiff etwas von einer Saharadurchquerung im Handstand habe, antwortet er: "Es ist absurd zu glauben, man suche sich absichtlich Hindernisse, nur weil man eine natürliche Wasserstraße verwendet." Im Gegensatz zum Surfen im Internet sei das Sich-treiben-Lassen auf einer Wasserstraße nämlich was ganz Natürliches.

Er wird ein Greatest-Hits-Programm spielen, zum ersten Mal in seiner Karriere. Er wird Lieder schreiben auf dem Schiff und im bordeigenen Tonstudio ausprobieren, was möglich ist in dem "akustischen Biotop", von dem er träumt. Nach dem Osteuropaabschnitt der Tour will er vielleicht ein Album aufnehmen, mit Musikern, die sich kennen, auch weil sie dann monatelang in schwankenden Zweimannkabinen geschlafen haben.

Im Hyatt Regency Hotel in Belgrad hat während des Werbeflugs für die Tournee jeder ein Zimmer für sich. Am nächsten Tag ist Pressekonferenz am Flughafen von Belgrad, danach wieder Rundflug. Aber jetzt ist Nacht, der Sänger ist seit zwanzig Stunden auf den Beinen, und es dauert nicht mehr lange bis zum Tourneestart. "Die Panik kommt schubartig", sagt Hubert von Goisern, ihr letzter Besuch liege allerdings schon ein paar Wochen zurück. Jetzt überwiegt die Freude auf das, was endlich beginnen soll. "Was ich mir momentan überhaupt nicht vorstellen kann, ist mein Leben danach."

Die Tournee beginnt am 22. Juni in Wien, am 29. Juni legt Hubert von Goisern mit seinem Schiff in Regensburg, am 30. Juni in Passau an.

Respekt statt Misstrauen

Rundschau Online 27. Mai 2007

Hubert von GoisernEin halbes Jahr auf einem Schiff leben. Darauf freut sich der oberösterreichische Musiker Hubert von Goisern. Auf seiner Linz-Europa Tour 2007-2009 wird er die Landeshauptstadt an den Ufern von Donau, Main und Rhein bekannt machen. Ruth Stiebitzhofer sprach mit ihm über seine vorübergehende Heimat - das Boot.

Sie sind Botschafter für Linz 09 ...

... können Sie bitte "Bootschafter" schreiben?

Gut - Bootschafter - für Linz 09 und machen gemeinsam mit Musikern eine Bootstour auf der Donau. Können Sie kurz beschreiben, was auf dieser Tour passiert?

Wir fahren mit einem umgebauten Schiffsverband bis ans Schwarze Meer und wieder zurück, nächstes Jahr den Main und Rhein hinauf und spielen jeweils ungefähr 25 Konzerte. Die Konzerte finden vom Boot aus statt und das Publikum ist an Land. Es gibt Anlegestellen, die wir bereits sondiert haben und als gut für das Projekt befunden haben, wo jetzt vor Ort geworben wird, damit die Menschen die dort leben, wissen, was auf sie zukommt.

Nach welchen Kriterien sind die Anlegestellen ausgewählt worden?

Zuerst einmal danach, dass dort Leute wohnen. Wir spielen viele Konzerte in sogenannten strukturschwachen Gebieten, wo nicht unbedingt Menschen zu Hause sind, die viel Geld haben und ein kulturelles Angebot gewohnt sind, wo das eher die Ausnahme ist, dass etwas in dieser Größenordnung passiert. Wir sind an Bord vollkommen autark. Wir haben Generatoren, Licht- und Tonanlage, Trinkwassertanks, wir haben eine eigene Küche und einen Koch an Bord, und natürlich Nautiker. Und Musiker.

Wer sind die Musiker?

Meine Band besteht aus acht Leuten - mit mir - davon sind drei Frauen. Die kommen aus Ladinien, das ist ein Teil von Südtirol. Die Ladiner haben eine eigene Sprache wie das rätoromanische in der Schweiz.

Wie lautet die Botschaft, die Sie auf der Tour durch die fremden Länder vermitteln wollen?

Billy Wilder hat einmal gesagt, wenn einer eine Botschaft hat, soll er ein Telegramm schicken. So seh ich das auch. Mir gehts darum, dass ich Menschen treffe und kennen lerne, wenn's geht auch Freundschaften schließe. Dass aus diesen Freundschaften so etwas wie ein Beitrag zur Verständigung und zum Verstehen des Gegenüber wird. Wir sind in einer Situation, wo sich Europa und die EU erweitert haben bis nach Bulgarien und Rumänien. Es herrscht aber ein unglaubliches gegenseitiges Misstrauen. Die Bevölkerung hier ist misstrauisch gegenüber den Südosteuropäern, aber auch bei den Menschen in den neuen EU-Staaten herrscht Misstrauen und Angst vor der EU. Die Bootstour sehe ich als meinen persönlichen Beitrag, dieses Misstrauen in Respekt zu verwandeln.

Wie haben Sie sich auf das Matrosenleben bei der Tour vorbereitet? Das ist ja nicht so leicht, so lange Zeit mit so vielen Menschen auf so engem Raum zu leben?

Die Enge des Lebens auf dem Schiff schreckt mich überhaupt nicht. Ich bin es gewohnt, auf noch viel engerem Raum auf Tour zu sein. Bei den normalen Touren haben wir einen Bus, wo jeder eine Koje hat, wo man nicht einmal aufrecht sitzen kann, wo ein Mensch, der so groß ist wie ich nicht einmal ausgestreckt schlafen kann, wenn ich mich umdreh, hau ich mir die Knie an. Das Boot ist also eigentlich ein Luxus. Außerdem gibt es auf dem Fluss keinen Stau, höchstens vielleicht bei den Schleusen.

Was hat Linz als Kulturhauptstadt zu bieten?

Ich glaube, dass jede größere Stadt in Europa geeignet ist, Kulturhauptstadt zu sein. Es ist der eigene Anspruch, den man an sich selbst stellt, der das definiert. Es nützt nichts, wenn jemand zu Ihnen sagt, Sie sind schön, wenn Sie nicht selber das Gefühl haben, dass Sie schön sind. Dann kann man das nicht ausstrahlen. So ist es mit einer Kulturhauptstadt auch. Man muss einfach den Anspruch an sich selbst haben und versuchen, dem gerecht zu werden. Das ist nicht etwas, was einem in den Schoß fällt, da muss man was dafür tun.

Macht Linz es richtig?

Ich glaube schon. Das Team, das Linz 09 hat, mit dem Intendanten Martin Heller, hat bis jetzt alle Weichen gestellt, dass es nicht so ist, dass man 2009 viele Feuerwerke abschießt und die Menschen staunen und wenn's vorbei ist, ist es vorbei. Ich glaube, dass das Team an einem Stadtbild und an einem Stadtbewusstsein arbeitet, das die Nachhaltigkeit mit drin hat und dass jetzt etwas passiert, was der Anfang ist und sicher 2009 seinen Höhepunkt erreicht, aber kein Ende mit dem Ende von 2009 hat. Es wird etwas gemacht, das Linz ab jetzt prägen wird. Das wird nach 2009 Bestand haben.

Sie haben in Kanada und Afrika gelebt und haben den Dalai Lama kennen gelernt. Wo fühlen Sie sich zu Hause?

Ich werde mich sicher auf dem Boot zu Hause fühlen, wo ich insgesamt sechs Monate verbringen werde. Es gibt sicher einen Abschiedsschmerz, wenn ich das Boot wieder verlasse. Heimat und Zu-Hause-Fühlen - dafür gibt es verschiedene Ansätze. Auf der einen Seite ist es da, wo die Familie ist. Da wo Freunde sind. Inzwischen habe ich auf fast allen Kontinenten Freunde. Dort, wo es Erinnerungen gibt, ist es immer auch ein Zurückkommen, zum Beispiel Dharamsala in Indien, wo die Exiltibeter leben. Wenn ich dorthin komme, ist es auch wie ein Heimkommen, dort habe ich viele Freunde, dort ist mir die Umgebung vertraut. Aber natürlich ist es im Inneren Salzkammergut, wo ich mich am vertrautesten fühle. Inzwischen lebe ich schon 16 Jahre in Salzburg, das ist mir auch sehr vertraut. Aber wenn ich nach Bad Goisern komme, wo mir der Klang der Sprache, der Dialekt, die Silhouette der Berge, die Akustik, die dort herrscht, so vertraut sind, das ist meine Ur-Heimat.

"Freiheit ist nicht jedermanns Sache"

Kurier 26. Mai 2007 | Text: Guido Tartarotti | Foto: Martin Gnedt

Goisern, Botschafter der Kulturhauptstadt Linz, will mit der Schiffsreise "Linz-Europa 2009", die am 20. Juni startet, einen Beitrag zum Abbau von Vorurteilen leisten.

Hubert von GoisernWas kann die Reise konkret bewirken?

Wir wollen, dass die Menschen einander kennenlernen und zu meiner Musik ein gutes Gefühl aufbauen können. Dieser Prozess ist für alle Beteiligten ganz wertvoll. Niemand von uns wird derselbe sein, wenn wir wieder vom Schiff gehen. Und auch Europa wird um eine wichtige Erfahrung reicher sein.

Warum ist diese Reise überhaupt notwendig?

Es gibt große Ängste. Und zwar nicht nur von West nach Ost, sondern auch in der Gegenrichtung. Wenn es uns gelingt, diese Ängste abzubauen, die von Demagogen geschürt werden, dann haben wir Erfolg.

Woher kommen diese Ängste? Der Donauraum ist doch geografisch wie geschichtlich ein zusammenhängendes Gebiet?

Die Menschen dort waren der kommunistischen Propaganda ausgeliefert. Und wir hatten unsere Propaganda über den Balkan, wonach dort alles mafiös abläuft. Die Geschichte des Donauraumes ist auch seit Jahrhunderten eine gewalttätige. Die Menschen dort haben viel mitgemacht, und alles Neue löst eine Abwehrreaktion aus. Jeder möchte gerne Sicherheit haben - und genau das verbindet uns alle!

Wie stehen Sie zur "Idee Europa"? Einerseits werden interne Grenzen abgebaut, andererseits die Grenzen nach außen noch dichter.

Ich glaube nicht, dass man - nur weil es unangenehme Erscheinungen gibt - Abstand nehmen darf von diesem großen europäischen Gedanken. Mein Traum wäre, dass es ein Miteinander gibt, aber nicht so ein ausschließliches.

Sie persönlich haben als Künstler Grenzen nie akzeptiert. Wieso mögen viele Menschen Grenzen so gern?

Weil das Sicherheit vermittelt. Auch die Wände dieses Raumes hier sind Grenzen, und sie geben Schutz. Freiheit ist nicht jedermanns und jeder Frau Sache.

Sie haben sich mit Musiktraditionen befasst, von Afrika bis Tibet. Warum kommen Sie eigentlich erst jetzt auf das Naheliegende - die Musik unserer Nachbarn?

Das lag vielleicht daran, dass aus einer jugendlichen Energie heraus jede Bewegung so ungestüm wird, dass man erst weit weg zum Stillstand kommt. Es gibt ja auch Sachen, die noch näher liegen als der Südosten Europas, etwa die Schweiz. Seit Jahren träume ich davon, die Musik und die Jodler der Innerschweiz kennenzulernen. Kommt noch.

Ist die Musik des Balkans der unseren verwandt oder ganz anders?

Ich empfinde sie als sehr anders, sehr fremd. Unglaublich komplex, die Rhythmik ist ganz, ganz schwer. Bei uns ist das Komplexe in der Harmonik. Ich empfinde unsere Rhythmik oft als ein bissl patschert, etwa verglichen mit Afrikanern, karibischen Sachen, den Indern sowieso, aber auch dem Balkan.

Rechnen Sie auf Ihrer Reise mit einem musikalischen Zusammenprall oder einem Miteinander?

Ich glaube, dass alles kompatibel ist. Aber wenn es nicht zwei sind, die Interesse haben, kann sich der eine noch so bemühen, es wird kein Miteinander geben. Künstler haben grundsätzlich mehr Offenheit. Aber das Miteinander funktioniert auch in Sport und Wirtschaft. Die haarige Ebene ist die politische. Da gibt es eben Leute, die aus machtpolitischen Überlegungen sagen, wir sind gegen jede Veränderung.

Wie stehen Sie zum Begriff Patriotismus?

Wie der Name schon sagt: Das ist etwas sehr Väterliches, Maskulines. Da geht mir die weibliche Seite schon im Wort ab. Heimat ist für mich positiv belegt, Patriotismus weniger, das ist politisch belegt.

Was bedeutet Heimat für Sie? Die Musik?

Die Musik sicher. Heimat ist für mich auch das innere Salzkammergut, die Sprachmelodie, der Dialekt, der Geborgenheit auslöst.

Sie haben gerade im Salzkammergut viele Kämpfe mit Traditionalisten ausgetragen. Gehört das für Sie auch zur Heimat - das Reiben?

Das lebe ich aber überall. Für mich ist Heimat jedenfalls nicht gleichbedeutend mit: Da stimmt alles.

Das klingt anstrengend.

Ist es auch. Ich habe es lieber konfliktlos, aber es macht mich auch nicht glücklich, wenn man den Konflikten aus dem Weg geht, um das Wohlgefühl aufrecht zu erhalten.

Da stehen Sie im Gegensatz zur österreichischen Konsens-Kultur.

Um diesen Konsens leben zu können, brauchst du ja zuerst einen Konflikt!

Sie hatten einen Konflikt mit der FPÖ, weil die Ihre Musik im Wahlkampf verwendete. Hätten Sie es nicht einfach verbieten können?

Ich will meine Musik niemandem verbieten! Ich habe die FPÖ gebeten, davon Abstand zu nehmen, und ein Statement abgegeben. Aber ich bin froh, wenn meine Musik gehört wird, von wem auch immer. Wichtig ist nur, dass die, welche sie hören, wissen, wofür meine Musik steht. Denn ich glaube an die Kraft der Musik, dass die Gedanken der Musizierenden etwas bewirken.

Haben Sie "Dancing Stars" mit Ihrer früheren musikalischen Partnerin Zabine verfolgt?

Ich habe mir die erste Sendung angeschaut und gehofft, dass sie weit kommt. Alle, die zu "Dancing Stars" gehen, sind ja starke Persönlichkeiten. Und jetzt sollen da starke Frauen sich führen lassen, sich ritualisiert unterwerfen - das ist für sie sehr schwer! Und Klaus Eberhartinger ist ja der österreichische Fred Astaire inzwischen.

Hubert von Goisern plant eine "kulturelle Osterweiterung"

DPA 24. Mai 2007

Hubert von GoisernRegensburg/Passau - Für Abenteuer und Kulturaustausch in fernen Ländern war der österreichische Alpenrocker Hubert von Goisern alias Hubert Achleitner schon immer zu haben. Als 20-Jähriger wanderte er vorübergehend nach Südafrika aus, dann ließ er sich auf den Philippinen das Spielen der Nasenflöte beibringen, nahm mit tibetischen Künstlern Lieder in Indien auf und tourte durch Westafrika und Ägypten.

Doch sein neues Projekt soll das alles in den Schatten stellen: Der Weltmusiker plant das ehrgeizige Projekt einer "kulturellen Osterweiterung" über die Sprache der Musik.

Bis zum Jahr 2009 will er als Botschafter für die künftige europäische Kulturhauptstadt Linz jeweils monatelang auf europäischen Flüssen touren und von seinem Schiff aus Konzerte geben. Insgesamt drei Schiffe braucht Goisern für die völkerverbindende Mammut-Tour. Ein Schubverband bewegt das Wohnschiff für die rund 20 Mitglieder der Band und Crew und ein zweites Schiff mit einer riesigen ausfahrbaren Bühne, Scheinwerfern, Licht- und Tontechnik von Hafen zu Hafen. An jedem Ort will von Goisern gemeinsam mit lokalen Bands auf der schwimmenden Bühne spielen.

"Das hat eine Dimension, die mich manchmal erschreckt", sagte von Goisern bei der Vorstellung seines Vorhabens in Regensburg. Die Domstadt (29. Juni) und Passau (30. Juni und 1. Juli) sind im ersten Jahr die beiden einzigen Ankerplätze in Deutschland. Dabei wird der Regensburger Osthafen die erste Station nach der Premiere in Wien (22. Juni) sein. In Regensburg kommt Hans-Jürgen Buchner mit seiner Gruppe "Haindling" zum österreichisch-deutschen Doppelkonzert, in Passau spielen die Weltenbummler mit der Claudia-Koreck-Band.

Danach will von Goisern via Donau Südosteuropa erkunden. Über Slowenien, Serbien, Kroatien, Ungarn, Bulgarien und Rumänien geht es bis in die Ukraine. Geplant sind insgesamt mindestens 23 Konzerte, im Osten sind sie gratis. "Wir haben auch Puffertage dazwischen. Da können wir irgendwo anlegen und ein Spontankonzert machen", sagt von Goisern. Der 54-jährige Familienvater hofft auf viele interessante Begegnungen an Bord und auf dem Land.

Seit zwei Jahren beschäftigt sich von Goisern mit der Flusstour und ist dabei auf allerlei Unwägbarkeiten gestoßen: Hoch- oder Niedrigwasser oder Probleme mit Behörden könnten die Tour vermiesen. Je weniger Wasser im Fluss, desto weiter weg vom Publikum am Ufer muss die Bühne ankern. Ein ukrainischer Bürgermeister will die Texte der Lieder überprüfen und den Auftritt von der Regierung genehmigen lassen. "Es ist hoch spannend. Bei manchen Sachen bin ich wirklich neugierig, wie's ausgeht", sagt von Goisern, der im Zweifelsfall "Charme und Kreativität" spielen lassen will.

Ein großes Fragezeichen steht auch noch hinter der Reaktion des Publikums. "Wir spielen zum Teil an Orten, wo es noch nie ein Konzert gegeben hat, bei dem Eintritt verlangt worden", sagt von Goisern. In vielen Ländern Südosteuropas gebe es außerhalb der Hauptstädte keine Konzertkultur. "Unser Projekt könnte eventuell ein Startschuss dafür sein."

Im nächsten Jahr soll die völkerverbindende Fluss-Tour weitergehen. Dann will von Goisern die Ufer von Rhein, Ruhr, Neckar, Mosel und Main beschallen, bevor er im Sommer 2009 wieder in Linz eintrifft. In der Stadt, die dann EU-Kulturhauptstadt ist und von Goiserns musikalisches Europa-Projekt finanziell unterstützt, ist ein großes Abschlusskonzert mit allen beteiligten Künstlern geplant.

Hubert von Goisern über die Festwochen

www.oe24.at 11. Mai 2007 | Text: Alexandra Zawia

Anlässlich der Wiener Festwochen-Eröffnung, bei der Hubert von Goisern nicht nur musizieren, sondern auch moderieren wird, sprach der Künstler mit ÖSTERREICH über Jodeln mit Bobby McFerrin, seine Bühnenschiff-Tour, die Möglichkeiten der Integration - und die Lust am Böse-Sein.

Was sind die aktuellen Projekte, an denen Sie arbeiten?

Ich bereite seit eineinhalb Jahren die aktuelle Tournee vor, die am 22. Juni in Wien starten wird. Dafür bauen wir ein Schiff um, das dann als Bühnenschiff den ganzen Sommer lang die Donau auf und ab fährt, bis ans Schwarze Meer, dann zurück. Und nächstes Jahr geht's die Donau aufwärts, den Main-Donau-Kanal, und dann in den Rhein, bis rauf nach Basel und runter Rotterdam und vielleicht sogar Brüssel. Das ist das, was mich gefangen nimmt, wo ich meine ganze Energie reinstecke. Und das wird erst 2009 im Rahmen der Kulturhauptstadt Linz 2009 seinen Abschluss finden. Auf dieser Schiffstour spiele ich Konzerte in all diesen Ländern entlang der Route liegen, mit Künstlern aus den jeweiligen Ländern. Die Künstler lade ich auch auf das Schiff ein. Ich kann 12 Gäste unterbringen, so dass wir ein Stück gemeinsam fahren können, währenddessen proben und dann spielen.

Wie kam diese Idee?

Das liegt zehn Jahre zurück, als ich in Afrika ein Porträt über Jane Goodall gedreht habe, und dort am Tanganika-See viele Flüchtlinge in Lagern getroffen habe, die aus Burundi, Ruanda, Zaire, dem Kongo vor dem Krieg und dem Gemetzel geflohen sind. Ich hab mir gedacht, unter diesen Menschen gibt's sicher viele Musiker. Also hab ich dort ein kleines Festival veranstaltet, bei dem Menschen aus all diesen Nationen und Ethnien gesungen, getanzt und musiziert haben und ein schönes Gefühl übrig geblieben ist, aber in einem sehr kleinen Rahmen, sehr improvisiert. Da kam der Gedanke, das auch größer zu machen und mit einem Schiff auf dem Tanganika-See auf und ab zu fahren und an den Häfen anzulegen und mit den Menschen dort Musik zu machen. Aber leider konnte ich das bis jetzt nicht realisieren, weil das westliche Ufer immer noch sehr von Gewalt geprägt ist und es einfach unverantwortlich wäre, dort Festivals zu veranstalten. Da wären Eskalationen vorprogrammiert. Und dann kam vor 2 Jahren beim Fischen auf der Donau die Idee, das auf der Donau umzusetzen. Weil es ja auch hier einen Bedarf gibt, dass die Menschen einander kennenlernen und Ängste voreinander abbauen.

Das fängt ja schon am Gartenzaun an.

Ja, genau (lacht).

So passen Sie ja auch perfekt zum ideellen Hintergrund der diesjährigen Festwochen, die Integration und kulturelle Vielfalt zum Schwerpunkt haben. Wie kann Ihrer Meinung nach Integration wirklich funktionieren, hier bei uns an der Donau?

Man muss den Mut und den Willen haben, den anderen kennen zu lernen. Aber man muss auch respektieren, dass es Leute gibt, die ihr Auslangen haben mit einem kleinen Freundeskreis und die keine anderen Leute kennen lernen wollen. Wir leben in einer Zeit, in der sich alles sehr schnell verändert, das macht die Leute unrund und sie bekommen das Gefühl von Unsicherheit. Das kommt aber auch davon, weil wir einander nicht kennen. Ich hab im letzten Jahr zweimal Südosteuropa bereist, also vor dem EU-Beitritt, und hab die Leute z. B. in Bulgarien, Rumänien gefragt, ob sie sich auf den Beitritt freuen. Mit wenigen Ausnahmen waren alle sehr skeptisch und haben sich vor der EU gefürchtet. Ich bin ein überzeugter Europäer. Ich freue mich über jede Grenze, die fällt, wo ich nicht meinen Pass - oder meinen Kofferraum - herzeigen muss und nicht stundenlang am Grenzübergang warten muss, bis alles erledigt ist. Ich glaube, dass der EU-Gedanke schon dazu beiträgt, dass es mehr Miteinander gibt, und sich nicht alle gegenseitig so argwöhnisch belauern.

Sie sprechen aus Erfahrung?

Ja, es war ja immer so: Wenn ich z. B. am Grenzübergang Walserberg Richtung Deutschland aufgehalten werde, und der Grenzer sieht die Instrumente im Auto, und ich schau ein bissl unrasiert aus, hab lange Haare, dann bin ich ein Feind. Und wenn ich dann dort kontrolliert werde und alles ausladen muss, beweisen muss, dass ich spielen kann usw., dann denk ich mir doch "Scheiß Deutschen", und nicht "Scheiß Grenzer", das färbt also unfairer weise auf das ganze Land ab. Wenn's also allein die Grenzen nicht mehr gibt, fällt zumindest das weg. Aber natürlich bieten Grenzen auch einen Schutz.

Probleme gibt's ja, wenn Leute die Grenze um sich zu eng ziehen und gleichzeitig ihre Identität vor allem über die Nation definieren.

Gerade diese Identitäts-Definition ist ja das Spannende an dieser Europäischen Union. Weil die Leute haben zwar ein National-Bewusstsein, aber auch die "Europäische Identität". Nur ist die von innen nicht so wahrnehmbar. Aber von außerhalb, z. B. für jemanden aus Afrika gibt's sehr wohl die Europäische Identität, so wie es für uns die Afrikanische Identität gibt, obwohl dort zwischen West und Ost, Obervolta und Untervolta Welten liegen.

Reisen auf Rezept wäre also nicht schlecht.

Das wäre definitiv ein gute Idee. Aber ich kann mir vorstellen, dass das durchaus eine Perspektive ist, so was auch als Arbeitsmarktmodell umzusetzen - und auch mal zu sagen, nach fünf Jahren kann jeder ein Jahr frei nehmen, die Maschinen werden ja eh immer effizienter (lacht).

Apropos effizient: Kommt nach der Tour dann auch eine CD raus?

Für die erste Tour nicht, aber nächstes Jahr um diese Zeit, bevor die zweite Etappe startet, werde ich über den Winter eine CD produzieren.

Und eine Live-DVD über die erste Tour?

Da ist ein ambitioniertes Dokumentarfilm-Projekt in Planung, aber da sind noch nicht alle Schäfchen im Trockenen.

Wer will das machen?

Der ORF will das sozusagen co-produzieren, die Geyrhalterlfilm hab ich als Produzenten gewinnen können. Also wir haben eigentlich gute Voraussetzungen, aber die Finanzierungen ist noch nicht im Trockenen. Es sind ja viele Drehtage, 90 Tage am Schiff, vorher muss auch gedreht werden. Für ein ganzes Team kostet das eine Stange Geld. Der ORF möchte schon, aber für das Geld, das er ausgeben möchte, kann man eigentlich nur die Hälfte realisieren. Und die Frage ist dann, wo sollen wir die andere Hälfte herkriegen. Manchmal fällt es ja leichter, Sachen ganz allein zu machen, als im Verbund. Andererseits ist das ja auch das Spannende, dass man in der Zusammenarbeit einen Konsens finden muss. Aber bevor man einen Konsens finden kann, muss es zuerst einen Konflikt geben.

[Lesen Sie den "Wiener Festwochen"-Auszug des Interviews]

Vom Zug zum Schiff

Tele 19/2007 | Text: Werner Rass | Fotos: Peter Burgstaller

Abfahren auf Wien. Mit Goisern zwischen Salzburg und München.
Was ihn (weg)bewegt: Seine Musik, seine Abenteuer.

Hubert von Goisern

Neuer Tag. Salzburg, Hauptbahnhof, Uhrzeit: 11.03. Hubert von Goisern steigt ein, in den EC 68, Richtung München. Es ist nach Jahren der inneren Ruhe ein Aufbruch. Der Volx-Musiker, der sich längst vom "Hiatamadl"-Image entfernt hat, wird 2007 und 2008 als Botschafter der Kulturhauptstadt Linz mit drei Schiffen im Konvoi die Donau bereisen. Und von der leicht schwankenden Bühne aus - ab 22. Juni dieses Jahres - Konzerte spielen. Der Höhepunkt: 2009 in Linz, wo die klangliche Ladung bei einem Megafestival gelöscht wird. Dazwischen: 14 Länder - über 100 Künstler - über 12.000 Stromkilometer - mehr als 300.000 Zuschauer live!

Aufgeigen und ... Doch vorher wurde Goisern gebeten, an der Seite von Joe Zawinul und Bobby McFerrin, am Freitag, 11. Mai, die Wiener Festwochen (ORF 2, 21.15) zu eröffnen. "Ich soll mit Bobby ein Duett singen, ich weiß zwar noch nicht welches, wir sprechen das kurzerhand ab, ich glaube, der kann das", schmunzelt Hubert im Speisewagen.

Hubert von GoisernDamals. Die Idee mit Musik auf die Menschen zuzugehen, Brücken zu schlagen und Barrieren abzubauen, kam ihm vor zehn Jahren in Afrika. Aber irgendwie fühlte Hubert Achleitner, so sein bürgerlicher Name, "dass das nicht mein ureigenstes Terrain ist, da braucht es eine Galionsfigur, die von dort ist, wie den Nelson Mandela". Beim Fischen auf der Donau mit dem Reeder Franz Brandner wurde dann die Idee geboren, das Projekt an die Donau zu verlegen.

Omunduntn. Sein Abenteuer, den Strom und die Menschen, die an und mit ihm leben, besonders die neuen EU-Länder zu erkunden, beschäftigen den Vater zweier Kinder mittlerweile zwei ganze Jahre. Oben, das ist die Reise von Rotterdam, den Rhein-Main-Donau-Kanal runter bis Passau, die passiert im nächsten Jahr. Unten: die Schifffahrt von Regensburg via Melk, Wien zum Donaudelta am Schwarzen Meer und wieder retour. "Unten fangen wir an. Ich habe Tausende Kilometer per Auto und per Schiff zurückgelegt, habe mir angeschaut, auf was ich mich hier einlasse - es wird eine Reise, auf der ich daheim sein werde, nur die Gegend ändert sich." Fast neunzig Tage auf dem Schiff zu sein, es nicht zu verlassen, Gäste wie Haindling, Willi Resetarits und viele andere einzuladen, zu musizieren, die Menschen an ihren Örtlichkeiten kennen zu lernen, zu verstehen, das ist es, was ihn bewegt.

Hubert von Goisern

Heast as nit. "Wir fahren runter, wir spielen und schauen - für mich eine Prüfung des Glaubens." Drei Stunden Repertoire wurden für 90 Minuten auf der Bühne zurechtgelegt. Im "Osten" lautet das Motto: Eintritt frei. "Die Leute brauchen nix latzen, denen tun fünf Euro einfach weh und uns bringt's nicht wirklich was. Wir spielen an die 20 Konzerte, 20 Mal völlig autarke Baustellen." Und das Geld? Ein Drittel zahlt "Linz '09", ein Drittel will der Musiker selbst erwirtschaften, und für das restliche Drittel hat Dietrich Mateschitz die Ausfallshaftung übernommen. "Er hat zu mir gesagt: 'Plane es so, wie du glaubst, dass es richtig ist.' Er stellt mir auch seine Infrastruktur zur Verfügung."

Hubert von GoisernWeit, weit weg. Reiselustig war der einstige Mitbegründer der Alpinkatzen, der nach allerlei Anläufen mit 27 entschied, Musiker zu werden, schon immer. Raus aus der Bergen, rein in die Welt. Gründe dafür gab es für den heute 54-Jährigen viele. "Für mich war immer die persönliche Erfahrung wichtig. Da geht es um Vorstellungskraft und um den Erlebnishorizont. Reisen ist ein Verifizieren. Ich wollte mir anschauen, ob tatsächlich alles so kaputt ist, wie wir es aus den Medien erfahren."

Schad. Das vieles fünf nach zwölf ist, erfuhr Goisern auch in Tibet, wo er nicht nur musizierte, sondern (in dessen Exil in Nordindien) auch mit dem Dalai-Lama mehrmals in Kontakt trat. "Bei ihm gibt es keinen Small Talk, nur 'Big Talk'. Er ist ganz grad, und er hat eine super Bodenhaftung. Bei ihm sieht man, was Meditation und Versenkung hervorbringen kann. Dass der trotz so viel Verantwortung in so einer aussichtslosen Situation nicht zum Grantler wird, das heiligt ihn."

Goisern. Erfahrungen, die auch ihn prägten. Für sein positives Lebensgefühl, seinen Zugang zur Musik. "Wenn ich singe, geht es mir gut. Musik, das ist eine Droge, da lass' ich mich voll darauf ein, mit allen Konsequenzen. Dann mache ich eine Entziehungskur und werfe mich anschließend wieder voll rein. Die Kur beginnt, wenn sich alles nur mehr ums Gleiche dreht. Wenn's anfängt, eine große Blase zu werden, aus der man nicht herauskommt. Wenn du das Gefühl hast, dass du das Leben als Geschenk in seiner gesamten Schönheit nicht mehr erfassen kannst." Dann ist es Zeit, aufzuhören, neu zu beginnen.

Besser werden. Eine Angst vorm Stehenbleiben gibt es nicht. "Es sind selten singuläre Situationen, die Veränderung hervorrufen. Es beginnt mit dem Gedanken: Es läuft in die Richtung, die mir nicht taugt. Es wird an der Zeit, etwas zu ändern. Und dann sage ich mir, entweder nach links oder nach rechts. Oder erst recht geradeaus." Und beim Geradeaus, da kann er innehalten. Da macht es die Musik möglich, das Materielle zu verlassen, in die seelische Welt einzutauchen, die Verbundenheit mit den Bäumen oder den Ukrainern zu spüren. Schon bald wird es der Hubert von Goisern wissen ...

Danke Stefan