Hubert von Goisern
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"Du sitzt da und wartest"

Gmünder Tagespost 11. Oktober 2008 | Text: Wolfgang Nussbaumer

Hubert von Goisern macht in der Greuthalle in Aalen kommenden Mittwoch "S'Nix"

Im letzten Jahr stromerte er auf den Flüssen Europas 'rum. Legte mit seiner Crew mal hier, mal dort an mit seinem schwimmenden Musikdorf. Hubert von Goisern mit seiner Band auf Wasserwegen unterwegs. Wer den Mann der Berge dort im falschen Film wähnte, irrt. Der Jodelrocker aus dem Salzburger Land hat die ganze Welt bereist. Selbst in Benin waren sie ganz hin vom Lied der Berge. Warum nicht auch in Aalen. Dort konfrontiert der eigenwillige Barde sein Publikum am kommenden Mittwoch in der Greuthalle mit dem Nichts.

Ja muss man dann überhaupt hingehen? Wird sich der eine oder die andere fragen. Das kann ich doch auch zuhause haben. Nein, kann man nicht. Denn "S'Nix" ist ein österreichisches Nichts und deshalb eher "ebbes". Nach der Definition des Goiserers ein Zustand mentaler Schwerelosigkeit: "Du sitzt da und wartest und alles rund um dich erreicht dich nicht."

Worauf der Hubert wartet, das ist die Inspiration; der Zustand der Leere, die gefüllt werden will; das Vakuum, das den zündenden Einfall einsaugt. Gut, dass man ihn auf dem Schiff in die Leere hat versinken lassen. Denn dort, auf den Donau- und anderen Wellen haben sich die Einfälle hochgeschaukelt, sodass S'Nix alles andere als nichts ist. Wir haben mit Hubert von Goisern darüber gesprochen, wie die Schiffsreise war und wo er seine Musik verortet.

Schön war die Zeit auf dem Schiff. Das Team wuchs zusammen. Junges Blut darunter. Die Konzerte. "Ja, das war schon schwierig, sich von diesem schwimmenden Dorf abzunabeln". Man spürt förmlich, wie von Goisern diesen Prozess zu beschreiben sucht. Immerhin war das Schiff zwei Sommer lang sein Zuhause. Ein Zuhause, auf dem er unterwegs war. Kurz denkt er nach und fügt hinzu: "Kaum hat man etwas gemacht, beginnt eine andere Zeit."

Ortlosigkeit sei eine Quelle der neuen Songs gewesen, behauptet der Foldertext zur neuen CD. Also das Schiff, das stetig seine Position verändert hat. Klingt sehr philosophisch, geht aber am Kern des Pudels vorbei. Hubert von Goisern wurzelt unverrückbar am Rande Salzburgs. "Da habe ich die meisten Freunde." Dort bestimmen die Horizontlinien der Berge sein Koordinatensystem. Vielleicht kann er sich deshalb nicht vorstellen, englische Texte zu singen. Auf Hochdeutsch? Überlegt hat sich der Hubert das schon. "Aber dazu müsste ich eine Zeitlang in Deutschland leben." "Landesverrat", spötteln wir. Für den jodelnden Rocker kein Problem. "Tümelei geht mir auf den Geist", stellt er fest - und ergänzt: "Auch Traditionen können oft hinderlich sein."

Für Hubert von Goisern ist die Brücke zur Welt die Musik. "Diese Brücke hat funktioniert; überall wo wir hingekommen sind", unterstreicht er. Mit einer Einschränkung: "Diese Brücke funktioniert nur für Leute, die bereit sind, über den Tellerrand zu blicken." Solche Menschen gibt es auf der ganzen Welt, hat er erfahren. Die Brücke wurde in Schwarzafrika ebenso geschlagen wie "down under" oder in Amerika.

Dann macht er wohl Weltmusik? Seine Stimme rümpft die Nase. Weltmusik ist für ihn häufig eine Musik, "die keine Identität mehr hat". Er bekennt sich zur regional eingefärbten Popmusik. Am schönsten zu erkennen in der satte neun Minuten langen Ballade Siagst as, bei der ihm der Sohn Mannheims, Xavier Naidoo, stimmlich assistiert.

Stellt man sich den Hubert von Goisern vor, sieht man einen drahtigen Typen mit einer Ziehharmonika vor dem Bauch. Ein Klischee, behauptet er. Nein, er habe kein Lieblingsinstrument. Für die wilden folkloristischen Ritte die Quetschkommode, die zwar viele Töne hat - aber nicht alle, die er braucht. Für die rhythmischen Stücke die Gitarre, "und für das Lyrische das Flügelhorn." Für jede Stimmungslage eben das passende Instrument.

S'Nix bietet viele Stimmungslagen. Wie sie eben auch Normalsterbliche überkommen, die nicht auf den musikalischen Einfall warten. Aber das ist ja Hubert von Goiserns Job. Er macht ihn gut. Nur einmal kommt er ins Straucheln. Auf die Frage, was er für Erinnerungen mit Schloss Kapfenburg verbinde. Dort ist er schon beim Festival aufgetreten. Umjubelt. Lange überlegt der Mann aus dem Salzburger Land. Nein, er hat keine Vorstellung. Er ist halt viel unterwegs. Macht "Nix".

"Deutsche Volksmusik? Kenn ich nicht"

Berliner Morgenpost 11. Oktober 2008 | Foto: Pop-Eye

Der Alpenrock ist untrennbar mit seinem Namen verbunden: Hubert von Goisern hat die traditionellen Lieder seiner österreichischen Heimat mit Blues und Rock vereint, paart Ländler mit Drumbeats, Weltmusik mit Polka.

Hubert von GoisernGerade hat der 55-Jährige seine Europa-Tour beendet, die ihn als Botschafter der Kulturhauptstadt Linz 2009 mit einem zur Bühne umgebauten Frachtschiff die Donau flussab- und -aufwärts führte: Samt seiner Band ist der Bergmensch, der eigentlich Hubert Achleitner heißt und aus Bad Goisern stammt, dabei zwei Sommer lang in 12 Ländern entlang der Donau aufgetreten. Nun geht er im Nightliner-Bus auf Deutschlands Straßen auf Tournee und tritt am Sonntag im Admiralspalast auf. Mit Hubert von Goisern sprach Christoph Forsthoff.

Sie haben mit Ihrer Linz-Europa-Tour eine ganz eigene Form der "kulturellen Ost-Erweiterung" verfolgt.

Die eigentliche Idee, mit einem zur Konzertbühne umgebauten Schiff durch die Länder zu fahren, war mir schon vor elf Jahren in Afrika gekommen, als ich am Tanganika-See war und dort den Gedanken hatte, ein Völkerverbindendes Festival mit Musikern aus all den Anrainerstaaten des Sees zu machen. Vor ein paar Jahren, als ich auf der Donau unterwegs war, kam es dann zu einer Übersetzung der Idee, da mir schien, dass es grad in Richtung Südosten und Schwarzes Meer noch einen Nachholbedarf des Einanderkennenlernens und des Abbaus von Ängsten und Ressentiments gibt.

Und ist diese "kulturelle Ost-Erweiterung" gelungen?

Das hat schon funktioniert. Allerdings bin ich nicht ausgezogen, um Gräben zu schließen oder Brüche abzuschleifen, sondern um die Unterschiede kennen zu lernen. Nicht der kleinste gemeinsame Nenner, sondern diese Vielfalt und Buntheit reizt mich - ohne dass ich das Gefühl hätte, all das in meinen eigenen Lebens- oder Musikstil integrieren zu müssen.

Nun haben Sie auf Ihrer Tour stets mit Künstlern aus den jeweiligen Ländern musiziert - das klingt nach purer Harmonie.

Natürlich ist es nicht ganz unanstrengend, denn jeder Künstler - auch ich - hat ein ziemlich starkes Ego, sonst würden wir nicht auf die Bühne gehen. Doch bei solch einem Joint Venture muss sich jeder zurücknehmen - und diesen Punkt zu finden, wo du sagst: Jetzt überlasse ich dem anderen das Feld. Das ist nicht leicht.

Hat es da auch schon mal geknallt?

Zumindest geraucht hat's, bis wir das hingekriegt haben. Aber das war auch das Spannende, denn erst in der Zusammenarbeit lernst du wirklich etwas kennen und merkst, wie der andere mit deiner Musik umgeht. Dann hörst du oft deine eigene Musik ganz anders wie etwa bei dem Titel Siagst as mit Xavier Naidoo: Ein guter Künstler hat einfach solch eine Magie, dass er etwas nimmt und es zu seinem macht.

Das neue Album S'Nix ist stark vom Rock geprägt - dabei hatten Sie sich schon vor langer Zeit von dieser Musik verabschiedet: Rock, sagten Sie damals, sei weiße Musik und so weiß möchten Sie gar nicht sein...

Vielleicht habe ich mich inzwischen mit meiner weißen Haut versöhnt (lacht). Man verändert sich ja ständig: Wenn ich mich eine Zeit lang nicht verändere, kommt mir das schon sehr verdächtig vor. Früher dachte ich, ich müsste mich nach der Decke strecken - doch seit ein paar Jahren habe ich das Gefühl: Wie sehr ich mich auch strecke, ich werde sie nie erreichen, denn es gibt keine Decke. Ich bin entspannter geworden. Ich habe mich frei gespielt von dem Anspruch, dass meine Regionalität in der Musik spürbar sein müsse - und von dem Anspruch, allen gerecht zu werden.

Eine Regionalität, die indes charakteristisch ist für Ihre Musik und von Ihrem Publikum auch geschätzt wird. Warum tun die Deutschen sich mit Volksmusik so schwer?

Vielleicht, weil sie gar keine haben - ich kenne Volksmusik hier jedenfalls nur aus dem bayerischen Raum. Denn was unter volkstümlicher Musik in diversen Schlagersendungen läuft, kann ich beim besten Willen nicht als Volksmusik bezeichnen: Ein Lied wie Hoch auf dem gelben Wagen verkörpert doch keine musikalische Tradition.

Folglich würde es sich für Sie auch nicht lohnen, hierzulande nach volksmusikalischen Wurzeln graben?

Nein, ich habe keine Lust, ein Jahr herumzuschnüffeln und dann nichts zu finden - ich kann's mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es hier irgendetwas gibt. Wenn ich nach Lappland fahre, um mir die Samen anzuhören, dann weiß ich ja bereits, dass dort eine ganz eigene Musik der Samen existiert. Doch ich bin kein Archäologe, der einfach jeden Hügel umgräbt in der Hoffnung, vielleicht irgendetwas zu finden: Da habe ich Besseres zu tun.

"Musik lässt Raum für Fantasien"

Nordbayerische Kurier 8. Oktober 2008

BAYREUTH. Nach zwei Sommern auf einem Boot hat sich der österreichische Musiker Hubert von Goisern wieder an Land begeben. Während er seine Linz-Europa-Tour unterbricht, kommt der im November 1952 als Hubert Achleitner geborene Künstler im Rahmen der S'Nix-Tour am Freitag, 17. Oktober, um 20 Uhr in die Oberfrankenhalle nach Bayreuth. KURIER-Volontärin Susanne Lindner hat sich vorab mit ihm unterhalten.

Im Rahmen Ihrer Linz-Europa-Tour lebten Sie lange Zeit auf einem Schiff auf den Flüssen Europas. Was war das für eine Erfahrung?

Es war super. Ich könnte so lange Zeit nicht auf einem Ozean verbringen, wo man lange Zeit kein Land und nur ab und zu mal einen Hafen sieht. Aber wenn ständig die Landschaft vorbeizieht, es etwas zu sehen gibt und man jederzeit anlegen und von Bord gehen kann, ist es ein anderes Fahrgefühl. Es ist Wasser, es ist toll und es hat etwas Entschleunigendes. Außerdem hat man keine Staus wie auf der Autobahn. Das Schiff war sehr groß und es gab alles, was man braucht. Wie ein schwimmendes Dorf. Es wurde dann irgendwann zur Heimat.

An Bord lebten Sie mit vielen verschiedenen Künstlern. Wie muss man sich das Zusammenleben vorstellen? Gab es da auch Konflikte?

Konflikte hatten wir so gut wie nie. Vor den Konzerten, wenn mal nicht alles geklappt hat, gab es schon Spannungen. Vor allem die Anlegemanöver waren Spannungsmomente. Das Schwere war, dass man sich bei Meinungsverschiedenheiten nicht aus dem Weg gehen konnte. Man musste denjenigen konfrontieren und wurde selbst auch konfrontiert. Ich habe mir die Leute aber nach ihrer sozialen Kompatibilität und Reife ausgesucht. Es gab Musiker, die ich gerne dabeigehabt hätte, aber wusste, dass derjenige nach zwei Wochen durchdreht.

Was haben Sie persönlich aus der Zeit mitgenommen?

Es war schon sehr spannend, Künstlern wie Xavier Naidoo zuzusehen, wie sie auf der Bühne stehen und die Leute mit ihrer Musik packen und ihre Magie ausbreiten. So nah ist man ja nie dran. Entweder bin ich selber auf der Bühne oder ich bin im Zuschauerraum. Aber mit den Künstlern auf der Bühne stehen zu dürfen ist selten. Das, was ich mitgenommen habe, waren eher die atmosphärischen Sachen. Ich kann mir auch vorstellen, dass die Erlebnisse unbewusst aufgenommen wurden und mit in meine Konzerte einfließen. Aber da bin ich jetzt noch zu nahe dran.

Beim Lesen Ihrer Biografie fällt auf, dass Sie schon an unglaublich vielen Orten auf der Welt gelebt und musiziert haben. Gibt es da ein Land, das Sie als Musiker unbedingt noch bereisen möchten?

Zurzeit nicht. Ich spiele wahnsinnig gerne vor allen Menschen, egal, wo sie zu Hause sind. Aber gerade in den vergangenen Jahren war ich so viel außerhalb des deutschen Sprachraumes unterwegs, dass ich mir gedacht habe, jetzt ist es mal genug. Wenn ich eine Einladung bekomme, dann fahre ich da gerne hin, aber von mir aus werde ich solche Projekte nicht mehr vorantreiben. Im Moment habe ich das Gefühl, dass ich in den nächsten Jahren ausschließlich im deutschsprachigen Raum unterwegs sein will. Ich habe mir meine Reiselust nicht abgewöhnt, aber irgendwie abgearbeitet.

Sie lebten eine Zeit lang bei Kopfjägern auf den Philippinen. Was haben Sie aus dieser Zeit gelernt?

Ich habe gelernt, dass das auch ganz normale Menschen sind wie Sie und ich. Nur, dass es dort die Tradition der Blutrache gibt. Im Grunde genommen ist das dort eine Form der sozialen Organisation. Es gab einfach keine Polizei oder jemanden, der nach dem Rechten sah. Wenn ein Unrecht begangen wurde, musste es gesühnt werden. Ich sehe da keinen großen Unterschied zu Staaten wie den USA, wo man Menschen auch bestraft, indem man ihnen das Leben nimmt, weil sie anderen das Leben genommen haben. Es ist natürlich ein bisschen archaisch und direkt und es passieren genauso wie in unserem Rechtssystem Fehler. Aber es ist natürlich auch eine große Abschreckung gegenüber Unrecht.

Wie lange haben Sie dort gelebt und wie kam es dazu?

Auf den Philippinen habe ich insgesamt vier Monate gelebt. Ich habe gehört, dass es dort eine Gegend gibt, in der es noch eine sehr ursprüngliche, archaische Musik gibt und wo Instrumente gespielt werden, die mich interessiert haben. Da wollte ich dann unbedingt hin und es hat mich nicht abgeschreckt, dass es dort noch die Kopfjagd gab. Ich wundere mich ab und zu, was ich alles gemacht habe. Das würde ich jetzt vielleicht nicht mehr machen. Im Nachhinein bin ich zwar froh, dort wieder heil herausgekommen zu sein, es erscheint mir aber auch nicht gefährlicher als mit dem Auto von München nach Salzburg zu fahren. Da fürchte ich mich mehr.

Was waren es für Instrumente, die sie so angezogen haben?

Das waren eine Art Bambusgitarre und verschiedene Maultrommel- und Flötenarten. Also alles Instrumente, die man aus Bambus anfertigen kann. Ich habe sie auch alle spielen gelernt.

Während einer anderen Reise waren Sie beim Dalai Lama und baten ihn darum, alte tibetanische Volkslieder bearbeiten zu dürfen...

Bevor ich den Dalai Lama traf, hatte ich schon Kontakt zu Musikern einer tibetischen Kommune. Wir haben dann den Wunsch formuliert, dass wir traditionelle Melodien und Lieder auf eine zeitgenössische Art und Weise umarbeiten wollen. Unter anderem gab es da eben Texte des sechsten Dalai Lama, die sehr poetisch klingen, und die wir vertonen wollten. Wenn man tibetisch denkt, dann sind die Texte des sechsten Dalai Lama aufgrund der Reinkarnation geistiges Eigentum des jetzigen Dalai Lama. Deshalb hatten die tibetischen Kollegen Angst davor, sich mit dem Material kreativ auseinanderzusetzen. Dann habe ich um eine Audienz angefragt, dem Dalai Lama erzählt, was wir machen wollen, und ihn um seinen Segen gebeten. Diesen hat er uns dann auch ausgesprochen. Als ich ihm die Sachen ein Jahr später vorgespielt habe, war ihm eine Strophe etwas peinlich. Es war zwar nichts Schlüpfriges dabei, es gab aber eine gewisse Erotik, die man durchgespürt hat. Ein Sehnen nach einer Frau. Das hat mir natürlich gefallen, aber er konnte sich damit weniger identifizieren.

Welche Rolle spielt die österreichische Sprache in Ihrer Musik?

Die Musik ist für mich das wichtigere Transportmittel. Die Musik ist eine Sprache für sich und lässt größeren Raum für Fantasien. Der Zuhörer kann seine eigenen Geschichten in die Musik hineinweben. Mir geht es oft so, wenn ich mir eine italienische Oper anschaue. Ich weiß natürlich den Handlungsstrang, aber die einzelnen Passagen verstehe ich nicht. Ich gebe mich lieber der Musik hin. Dann tauchen in mir viele Bilder und Geschichten auf. Das finde ich besser als einen Text, der meine Fantasie einschränkt und vorgibt, was ich zu denken und zu fühlen habe.

"Wenn ich die Bühne betrete, brennt ein Feuer in mir"

Bayreuther Sonntag 5. Oktober 2008 | Text: gmu

Es dröhnt harter Rock. Es perlt Pop. Es jodelt inneralpin. Niemals zerfällt die Üppigkeit in ihre Einzelheiten. Dazu beeindruckt Hubert von Goisern mit einer Stimme, die bisher ungeahnte Vielseitigkeit demonstriert. Sie rockt sich durch apokalyptische Abgründe, ebenso wie sie melancholisch die Hoffnung beschwört. Gleichermaßen überzeugend formuliert Hubert von Goisern auf S'Nix Gelassenheit und Ungeduld. S'Nix heißt die neue CD des Künstlers. Wir sprechen mit Hubert von Goisern, über seine Musik, Pläne und die neue Tour.

Bei ihrer letzten Tour sind sie mit dem Boot durch Europa geschippert und haben das Schiff sozusagen zur Bühne umgebaut. Geben Sie uns doch ein paar Eindrücke von dieser Sommertour?

Besonders beeindruckend ist gewesen, dass wir ja auch auf dem Schiff gelebt haben. Wir hatten Platz für Gäste, die uns oft einige Tage lang begleitet haben. Wir waren wie in unserer eigenen Welt, ein schwimmendes Dorf. Wir hatten so viel Platz, dass wir sogar aufnehmen und produzieren konnten. Alles in allem war es natürlich eine kostspielige Angelegenheit. Als besonders angenehm empfand ich das Schiff als Fortbewegungsmittel. Kein Stress, keine Staus auf der Autobahn. In einigen Jahren könnte ich mir vorstellen ein ähnliches Projekt in Afrika durchzuführen. Ein richtiges Festival zusammen mit afrikanischen Künstlern.

Eigentlich hatten Sie ja überhaupt keine Ruhepause, denn nun sind sie auf Herbsttour mit dem Unterschied, dass die Bühne in festen Konzertsälen ist. Was ändert sich noch?

Nach dieser langen Zeit, in der wir nur Open Air-Konzerte gegeben haben, freuen wir uns endlich auch mal wieder auf ein festes Haus. Das heißt, wir müssen nicht mehr sorgenvoll den Himmel beobachten und um trockenes Wetter bangen. In einem Konzertsaal hat man natürlich auch die Möglichkeit zu mehr Intimität. Die Atmosphäre zwischen Künstler und Publikum ist intensiver, ein engerer Kontakt ist möglich. Jede Konzertform hat ihren besonderen Reiz.

Harter Rock oder ruhige Nummern, wo findet der Zuhörer den wahren Hubert von Goisern?

Die meisten Menschen haben ein Profil, das nicht nur aus einer Linie besteht, man trägt viele verschiedene Dinge in sich. Man reagiert ja auch nicht immer in jeder Situation gleich. Manchmal ist der Mensch eher gelassen oder zornig oder von einer Sache begeistert. Wenn ich die Bühne betrete, brennt immer ein Feuer in mir. Und das ist gut so. Privat mit Freunden verhalte ich mich ganz anders. Die Lebenslust ist ebenso ein ganz wichtiger Teil von mir wie die Nachdenklichkeit und das Verzweifelt sein. Aber ich denke, das ist bei allen kreativen Menschen so.

Die österreichische Fußballgeschichte verarbeiten Sie humorvoll in dem Titel Rotz & Wasser. Ein Wort zum österreichischen Fußball? Sind Sie Fußballfan?

Ich bin natürlich Fußballfan und da ich nicht nur Österreicher, sondern auch noch Salzburger bin, ist meine Leidensfähigkeit besonders hoch. Wir haben ein hoch bezahltes Team und tümpeln nur so im Mittelfeld herum. Wo man hinkommt, wird man nur noch verspottet.

Sie kennen Bayreuth von früheren Konzerten?

Ich bin schon in Bayreuth aufgetreten, das ist aber schon länger her. Da ich die romantische klassische Musik liebe, höre ich gerne Stücke von Richard Wagner. Ich bin aber noch nie im Festspielhaus gewesen. Da ich gehört habe, dass man jahrelang auf die Karten warten muss, habe ich es auch gar nicht versucht. Die Gegend ist mir aber durchaus bekannt, da ich gute Freunde in Bamberg habe. Es ist mir schon klar, dass das Bier hier gut schmeckt und auch die Würste durchaus zu empfehlen sind. Ich kann mich auch an das eine oder andere Café erinnern. Doch normalerweise kommt man wirklich nur kurz in die Stadt: Soundcheck und dann der Auftritt. Nach dem Konzert treffe ich nicht gerne fremde Leute, da fühle ich mich zu verwundbar und bin eigentlich nur noch mit meiner Band und der Crew zusammen.

"Ich kann nicht üben"

HNA Online 2. Oktober 2008 | Text: Matthias Lohr

Alpenrocker Hubert von Goisern über Heimat und Disziplin

Um Werbung für Linz als Europas Kulturhauptstadt 2009 zu machen, hat Hubert von Goisern den Kontinent vom Schiff aus kennengelernt: Zwei Sommer lang tourte der österreichische Alpenrocker mit großer Band auf der Donau erst bis zum Schwarzen Mehr, in diesem Jahr ging es über den Rhein bis an die Nordsee. Seine Hallentour führt den 55-Jährigen am 8. Oktober auch nach Kassel.

Am Ende Ihrer Schiffstour schrieben Sie in Ihrem Logbuch, dass Sie nicht mehr wüssten, was Heimat ist. Wo fühlen Sie sich zuhause?

Im Moment sind es die österreichischen Berge. Ich lebe in Salzburg am Rande der Stadt. Das Salzkammergut und die nördliche Steiermark - das empfinde ich als vertraut. Wenn man aber zwei Sommer auf einem Schiff verbringt, dann wird das auch zu einer Heimat, in der man zugleich unterwegs ist.

Sie waren viel unterwegs und schon früh auf einer siebenjährigen Weltreise. Jetzt schipperten Sie durch Europa. Muss man erst die Ferne gesehen haben, um das Nahe zu schätzen?

Nein. Ich wäre damals auch gern nach Deutschland gegangen - nur um nicht in Österreich bleiben zu müssen. Aber damals gab es das Europa ohne Grenzen noch nicht. Nach Deutschland überzusiedeln, war mindestens so kompliziert wie nach Südamerika zu gehen. Das ist heute anders. Und auch meine Motive für das Reisen sind andere. Damals war es ein Wegwollen, jetzt ist ein Wohingehen. Ich möchte Menschen begegnen.

Aus Bad Goisern stammen zwei Persönlichkeiten: Sie und der Rechtspopulist Jörg Haider. Sie waren in der Schule nur zwei Jahre auseinander, und trotzdem sind Sie sich nie begegnet?

Nein. Zwei Jahre sind in der Schule ein Riesenunterschied. Man verkehrt nur mit Gleichaltrigen. Ich war 16, als er Abitur gemacht hat. Danach ist er sofort weggegangen. Und auch später haben wir uns Gott sei Dank nie getroffen.

Dafür kannten sich Ihr Großvater und Haiders Vater.

Ja, mein Großvater war ein guter Freund seines Vaters. Man kann sagen, dass beide Nazis waren. Sie haben sich oft getroffen und über die alten Zeiten gesprochen.

Wundert es Sie, dass Ihre Auffassungen von Tradition und Heimat auch bei Rechtskonservativen Anklang finden?

Nein, Tradition und Konservatismus sind fast dasselbe. Aber ich sage nicht, dass Tradition per se etwas Gutes ist. Ich schaue, was brauchbar und was unbrauchbar ist. Ende der 90er kam ein nicht unerheblicher Teil meines Konzertpublikums aus der rechten Ecke. Ich habe denen zu Beginn gesagt, dass es hier nicht so abläuft, wie sie es sich vorstellen. Einige sind gegangen. Andere sind anders herausgegangen, als sie hereingekommen sind.

Stimmt es, dass Sie nie geübt haben?

Zumindest nicht bewusst. Ich kann und will nicht üben. Nach zwei Minuten fange ich an zu spielen. Ich weiß, dass ich üben sollte und dass es mir gut täte, dieselben fünf Töne zu spielen. Aber ich brauche den Kick des Spiels.

Aber das Jodeln üben sie schon, oder?

Nein, ich war auch schon Ende 30, als ich es ausprobiert habe. Am Anfang wollte ich es gar nicht hören, was aus meinem Mund kommt. Deshalb habe ich mich an eine Autobahnbrücke in Regensburg gestellt. Da hört man nur den Lärm, aber man spürt sehr genau, was da im Kehlkopf passiert. Das ist wie Trance.

Ich bin ich

Nordhessennews 25. September 2008 | Text: Rainer Sander

Kassel. Am 8. Oktober gastiert Hubert von Goisern mit seiner 7 köpfigen Band in der Kasseler Stadthalle. Nach dem Ende seiner Tournee mit einem Schiff auf der Donau und anderen Wasserstraßen, hat "Hubert" wieder festen Boden unter den Füßen. In Kassel erwartet die Zuhörer ein rockiges Konzert von 3 Stunden Länge. Im Nordhessennews Telefoninterview verrät "Hubert", wie er genannt werden will, Nordhessennews Redakteur Rainer Sander, dass er noch abwägt eine Pause einzulegen. In jedem Fall empfiehlt er eine Wurstsemmel mitzubringen.

Hubert von Goisern hat seinen Namen nach dem Geburtsort in Österreich gewählt. Bürgerlich heißt er Achleitner. Darauf angesprochen, fühlt er sich mit der Heimat noch immer stark verbunden. Seine musikalische Heimat ist schwerer auszumachen. Journalisten erfinden Begriffe wie "Neue Volksmusik" oder "Alpenrock". Wie er selbst das bezeichnen würde, will Nordhessennews gerne wissen. "Gar nicht!" So die einfach Antwort des Künstlers. Musik ist einfach. Auch bei anderen Musikern, wie Mozart, seien die Erklärungen erst über die Epoche geschehen. Wer diese Epoche jetzt am meisten bestimmt, dass werden wir vielleicht in 50 oder 100 Jahren bezeichnen.

Blasmusik, Affinitäten zu klassischen Instrumenten, Rockmusik und zwischendurch sogar Flamenco. So vielfältig sind die musikalischen Einflüsse von Goiserns. Südafrika, Tibet, Kanada, Philippinen tauchen in den Stationen seines Lebens auf. Ob Ganzheitlichkeit eine zulässige Beschreibung wäre? Das scheint das Wirken und das Lebensgefühl des Musikers am ehesten zu beschreiben. Und er erklärt auch, was Ganzheitlichkeit für ihn ist. Er will auch den Motor seines Motorrades verstehen und sich immer auf das konzentrieren, was er gerade tut und dennoch die Zusammenhänge erkennen, in denen alles passiert.

Ganzheitliches Leben - ganzheitliche Musik

Aus den Antworten wird deutlich, dass Hubert von Goisern nichts dem Zufall überlässt, dass er aber auch immer das tut, was ihm wichtig ist. So verrät er, dass die diesjährige Tour auf einem zur Wohnstatt und gleichzeitig Bühne umgebauten Lastkahn, eigentlich nur die "Übung" für eine Tour auf einem See in Tansania war. "Da kann man nur am Ufer Konzerte vom Schiff herunter geben". Und in Afrika ist ihm diese Idee gekommen. Sein Engagement ist auch gleichzeitig seine politische Botschaft.

Was die Fans in Kassel zu erwartet

Hubert von Goisern hat eine sehr zuverlässige Fangemeinde, die Ihren "Hubert" kennt. Alle, die sich für ihn jetzt erst begeistern, sei gesagt, dass sie ein sehr rockiges aber gleichzeitig vielseitiges Programm erwartet. Dass er nicht so genau weiß, wo Nordhessen liegt, sei ihm verziehen. Die Antwort "in der Mitte Europas" hätte ihm dabei auch nicht geholfen. Aber er war schon in Kassel und schließlich liegt mit dem Konzertbüro Emmert sein Tourmanagement im nordhessischen Schwalmstadt.

3 Stunden, so verrät Hubert, will er in der Stadthalle spielen. Pause oder nicht, es wird ein langer Abend. Über seine Band gerät er ist Schwärmen und wenn jemand - wie Hubert - selbst begeistert ist, verspricht es einen unvergesslichen Konzertabend. Der Ex-Wahl Kasseler Eishockey-Trainer Hans Zach wurde immer als Alpenvulkan bezeichnet. Auf Hubert von Goisern träfe das schon wegen seiner Leidenschaft auf der Bühne noch viel eher zu.

Hubert von Goisern vermisst Fußball im Radio

Dolomiten 15. Juni 2008

Der österreichische Alpenrocker Hubert von Goisern (55) gibt bei Fußballübertragungen deutschen Fernsehsendern den Vorzug. "Es gab eine Zeit, da waren die österreichischen Kommentatoren besser, aber im Moment höre ich mir lieber die Deutschen an", sagte von Goisern der Deutschen Presse-Agentur dpa in Frankfurt am Main.

Der Musiker vermisst Fußballreportagen im Radio: "Leider werden Fußballspiele bei uns in Österreich gar nicht mehr im Radio übertragen. Das tut mir sehr leid, weil ich viel Zeit im Auto verbringe."

Die mitfiebernde Radioreportage der österreichischen Reporterlegende Heribert Meisel vom dramatischen 7:5-Viertelfinalsieg Österreichs gegen die Schweiz bei der WM 1954 hat von Goisern zu einem Song verarbeitet. "Mit der Idee, aus diesem Word-Rap, dieser ungebremsten Emotion und diesem Sprachwitz ein musikalisches Werk zu machen, ging ich schon seit Jahren schwanger", berichtete der Musiker.