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Hubert von Goisern
 

TIBET

Hubert von Goisern
Tibet: 1 2 3 4 5 6 7 8

Hubert von Goisern und Tibet

HvGHubert von Goisern unterstützte und begleitete eine Konzertreise tibetischer Künstler und Musiker, des im nordindischen Dharamsala ansässigen Kulturinstituts der Exil Tibeter (TIPA). Fasziniert von der tibetischen Musik und interessiert an den Lebensumständen der Tibeter reist er 1995 mit Tseten Zöchbauer (Betreiberin des Tibetischen Kulturhauses Wien) nach Tibet. Hubert von Goisern nutzte seine Popularität und stellte diese in den Dienst der tibetischen Sache. Er verurteilt die militärische Besetzung Tibets und setzt sich nach wie vor, für die Befreiung des Landes ein. Nach mehreren Reisen nach Tibet und Nordindien entstand, unter Mitwirkung der vier TIPA-Musiker sowie österreichischen und südamerikanischen Freunden, das Album "Inexil".

Besuch des Dalai Lamas: EU-Delegation in Tibet gefordert

Vienna Online 15. Mai 2012 | Text: APA/Red. | Foto: © Vienna.at/ Alexander Blach

HvGAnlässlich des Besuches des Dalai Lamas fordern heimische Tibeter-Organisationen, sich zur "repressiven Politik in Tibet" zu äußern. So auch Unterstützer Hubert von Goisern. Zudem solle eine EU-Delegation nach Tibet reisen, um sich selbst ein Bild von der sich "drastisch verschlechternden Situation" zu machen, so der Tenor bei der Pressekonferenz am Dienstag in Wien.

Auch der langjährige Tibet-Unterstützer Hubert von Goisern zeigte sich "frustriert", dass bei der Selbstbestimmung der Tibeter sogar "Rückschritte" gemacht werden. Während seiner Schilderungen über eine kürzlich erfolgte Reise in die Region war der Alpenrocker den Tränen nahe: "Es ist sowas von absurd".

Er schäme sich außerdem "seit Jahrzehnten" für die heimischen Politikern und deren "Umgang mit dem Problem des Status Tibets".

Einen Seitenhieb gab es für Bundespräsident Heinz Fischer, der als "deklarierter Freund Chinas", wie ihn der Sänger nannte, ein Treffen mit dem Dalai Lama verweigere. Es wäre ihm lieber, wenn sich der "Bundespräsident einbringen würde", er sitze hier, weil es Fischer nicht tue, so von Goisern.

Tibet-Organisationen rufen zur Kundgebung am 26. Mai 2012 in Wien auf

15. Mai 2012 | Foto: Europe for Tibet
Hubert von Goisern und Tibet

Wien – Vertreter der Tibeter in Europa und Österreich riefen heute im Rahmen einer Pressekonferenz die Parteien und die Bevölkerung Österreichs auf, sich mit Tibet und seinen Menschen solidarisch zu zeigen und an der Kundgebung vom 26. Mai 2012 in Wien auf dem Heldenplatz teilzunehmen. An der Kundgebung werden der Dalai Lama wie auch der neugewählte Premier der tibetischen Exilregierung Dr. Lobsang Sangay sprechen. Hubert von Goisern, Amadeuspreisträger 2012, bekräftigte den Aufruf zur Solidarität mit Tibet bei der Pressekonferenz.

Anlass der Kundgebung ist der aktuelle Besuch des Dalai Lama in Österreich und die eskalierende Menschrechtssituation in Tibet, die sich in letzter Zeit massiv verschärft hat. Tibet-Gruppen aus ganz Europa wollen mit der Kundgebung ein geeintes und unüberhörbares Zeichen der Solidarität an die Tibeter in Tibet senden. An der Kundgebung werden diverse bekannte Persönlichkeiten aus der Politik sprechen. Auch Künstler aus ganz Europa unterstützen das Anliegen mit musikalischen Beiträgen. Die Teilnahme und Rede Seiner Heiligkeit dem 14. Dalai Lama wird den Höhepunkt der Kundgebung darstellen.

Hubert von Goisern, langjähriger Unterstützer der Menschen in Tibet erklärte: "Wir alle haben am 26. Mai eine Chance Tibet und dem Dalai Lama unsere Solidarität zu zeigen. Es ist eine Sache des Anstandes, angesichts der Menschenrechts-Verletzungen das Schweigen zu brechen! Die Tibeter in Tibet brauchen jetzt unser aller Unterstützung als Zeichen der Hoffnung und der Ermutigung!"

Hubert von Goisern: 10. März 2009

10. März 2009

HvG - TIBET

vor 50 jahren
auf den heutigen tag genau,
wurde ein gewaltloser tibetischer aufstand gegen die chinesische besatzungsmacht blutig niedergeschlagen.
eine nicht enden wollende blutspur markiert bis heute diese gewaltherrschaft.
wie soll man damit umgehen? ausser ohnmächtig zu verzweifeln!
der umgang mit dem dalai lama hat mich gelehrt gewaltfrei zu sein,
in gedanken, sprache und tat.
wenn diese haltung aber seit 50 jahren keine früchte trägt, und kein vorwärts-kommen in der sache bewirkt,
ist die frage berechtigt, ob es nicht der falsche weg ist?
allein ich weiss keinen anderen.

kann man trotzdem was tun?
können wir was tun?
ja!
wir können dafür sorgen, dass tibet nicht in vergessenheit gerät.
indem wir nicht aufhören darüber zu reden.
indem wir unsere politiker daran erinnern,
tibet, vor allem im umgang mit china zu thematisieren,
immer und immer wieder.

das kapitel tibet ist eine schande für china.

machen wir uns nichts vor, china sitzt am längeren hebel, aber sie sind ein stolzes volk und da muss man ansetzen. das heutige china hat diese situation geerbt, von mao tse-tung.
als mao tse-tung 1949 an die macht kam, war eine seiner ersten untaten, in tibet einzumarschieren um das land, wie er es nannte - zu befreien. (von den tibetern?).
maos herrschaft über china hat vorsichtigen schätzungen zu folge 20 millionen menschen das leben gekostet. manche behaupten es waren doppelt so viele. egal - es sind unvorstellbar viele.

und noch unvorstellbarer, dass mao noch immer verehrt wird. weil in china keine aufarbeitung der geschicht stattfindet. gemessen an der zahl der opfer unter chinesen, lesen sich die der tibeter fast überschaubar: allein in tibet starben über 150.000 durch hinrichtungen und noch mal 200.000 in gefängnissen und arbeitslagern. 

die schande tibet ist nicht wegzuleugnen, nicht wegzuschweigen und,
leider auch nicht wegzumeditieren.
tibet ist nicht china und die tibeter sind keine chinesen.
tibeter haben eine eigenen sprache, eine eigene schrift und eine eigene lebensart.

eine politik, die aus ihrer militärischen und wirtschaftlichen stärke das recht ableitet,
ein friedfertiges volk wie das der tibeter zu unterdrücken, ist unmenschlich,
ist unzivilisiert.

hubert von goisern

Hubert von Goisern: Tibet-Tagebuch 1996

17. November 2008 | Text & Fotos: Hubert von Goisern
Hubert von Goisern in Tibet

Lhasa, 7. Mai 1996. Tseten und ich sind seit etwa zwei Stunden hier am Flughafen zusammen mit etwa 50 Touristen, die aus Europa und Amerika mit dem Flugzeug angereist sind. Die Paß- und Visakontrolle geht nur schleppend voran. Zwei uniformierte Chinesen arbeiten, weitere sechs stehen herum und observieren. Eine junge Frau, ebenfalls Soldatin, ist besonders eifrig und richtet alle fünf Minuten mit Akribie die Reihe der Wartenden aus. Auch die Gepäckstücke müssen in einer geraden Linie stehen.

Hubert von Goisern und Tseten Zöchbauer

Dicke Freunde in dünner Luft

Die Höhe von 3.800 Metern macht den meisten zu schaffen. Einige lehnen sich erschöpft an die Wand an. Eine ältere Frau, eine Kanadierin, fächelt sich mit dem Paß Luft zu. Die Chinesin wird handgreiflich und zerrt sie zurück in die Reihe. Eine Gruppe Tibeter, ebenfalls mit dem selben Flug angereist, wird in einem eigenen Zimmer kontrolliert - unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Ohne Bestechung ginge da gar nichts, teilten sie mir vorher schon mit. Man überläßt halt irgendwas vom Mitgebrachten.

Paßkontrolle. Ich habe keine Probleme. Tseten wird eingehender geprüft. Sie hat einen europäischen Paß. Ihr Aussehen ist aber tibetisch, ebenso ihr Name. Aber im Computer steht nichts Auffälliges über sie. Und bald stehen wir draußen und sind in Tibet. Für mich ist es ein Traum, der wahr geworden ist.

Und auch für Tseten. Sie war drei Jahre alt, als sie mit ihren Eltern und ihrer gesamten Familie ins Exil flüchtete. Seither, das war 1961, hat sie davon geträumt, irgendwann einmal zurückzukommen, aber diese Reise immer wieder aufgeschoben, weil sie Angst hatte. Die Angst ist berechtigt. Ihre Mutter ging 1987 auf einen Besuch zurück nach Tibet und wurde prompt festgenommen. Sie saß sechs Jahre im Gefängnis.

Ich habe Tseten durch Zufall vor einem halben Jahr kennengelernt und als sie mir die Geschichte ihres Lebens und die Leidensgeschichte ihres Volkes schilderte, hab' ich sie dazu überredet, diese Reise mit mir zu machen. Mit dem Argument: "Komm mit und schau'n wir's uns selber an. So schlimm, wie du das schilderst, kann es doch nicht sein."

Ich kannte die Situation aus ihren Schilderungen, aus Büchern und wußte, daß Tibet seit fast 50 Jahren ein von China besetztes Land war, in dem sich die Menschenrechtsverletzungen eigentlich am laufenden Band abgespielt haben, seit die Chinesen dort sind. Aber all diese Geschichten von Folterungen und Greueltaten und Bespitzelungen schienen mir übertrieben. Ich sollte eines Besseren belehrt werden.

Ein Bus bringt uns vom Flughafen ins Zentrum der Stadt. Bei mir löst der Sauerstoffmangel abwechselnd Euphorie aus - oder Depressionen, wenn etwas auftaucht, das nich in das schöne Bild paßt: zum Beispiel das riesige Areal von Betonbauten auf der Busfahrt in die Stadt: "Entwicklungs- und Forschungszentrum" hat man auf Englisch auf ein Schild geschrieben. Drinnen freilich sitzen Soldaten - eine Spezialeinheit, die ausrückt, wenn es in Lhasa Probleme gibt, wie uns die Tibeter später aufklären.

Wir beziehen Unterkunft in einem Hotel in der Nähe des Barkhor, jenes Viertels, in dem die Tibeter leben, in dem sie noch so leben dürfen, wie sie gern leben wollen. Das tibetische Ghetto macht etwa fünf Prozent der Fläche Lhasas aus. Die restlichen 95 Prozent der tibetischen Gebäude wurden von den Chinesen niedergewalzt und an ihrer Statt kommunistische Zweckbauten errichtet - mit der Ästhetik von Schuhschachteln.

Obwohl wir müde sind und mit Atemnot kämpfen, hält uns nichts im Hotel. Wir machen uns zu Fuß auf den Weg, die Stadt zu erkunden und tauchen ein in das bunte Gewühl des Marktes. Bald nimmt uns der Strom der Pilger auf, der sich im Uhrzeigersinn durch die Gassen rund um den Jokhang-Tempel bewegt.

Immer wieder werden wir, bzw. Tseten, von Tibetern angesprochen, die sie als eine der ihren, die aber doch aus dem Westen kommt, erkennen. Wir werden in dunkle Winkel gezogen und darauf aufmerksam gemacht, daß man hier nicht auf der Straße frei miteinander reden könne.

Dann sehe ich sie auch, die Überwachungskameras. Wenn jemand so unvorsichtig ist, daß er auf offener Straße oder Gasse längere Zeit ein Gespräch führt, so dauert es nicht lange und es steht wie zufällig ein Polizist daneben und hört mit. Wer glaubt, daß die Tibeter, die das Gespräch immer wieder gesucht haben, sich über die Situation beklagen, über ihr Schicksal jammern, der liegt falsch. Sie sind neugierig. Sie wollen wissen, ob wir etwas vom Dalai Lama gehört haben und ob er bald zurückkäme. Sie glauben an das baldige Ende der chinesischen Herrschaft: "So kann es nicht weitergehen!"

The Potala

Er wartet auf die Rückkehr des Dalai Lama: der Potala

Die Armut der Tibeter in Lhasa ist nicht zu übersehen. Bauern müssen betteln, weil sie mit den Sommereinkünften nicht über den Winter kommen. In den Hinterhöfen der Restaurants wartet man auf Essenreste. Wir treffen auf einen Vater mit seinem Sohn. Der etwa sechs Jahre alte Bub hat eine schwere Augenentzündung. Als Tseten den Alten fragt, warum er nicht mit seinem Kind zum Arzt ginge oder ins Spital, meinte er nur, das könne er sich nicht leisten. Ob es denn nicht irgendeine soziale Einrichtung gäbe, die sich um Kranke kümmert? Doch, es gäbe einen Arzt, der würde das machen. Der sei so überlaufen von Leuten, die wirklich krank sind.

Ein Jugendlicher, der gebrochenes Englisch spricht, bietet mir seinen Dienst als Führer an. Ich lehne ab, aber wir kommen ins Gespräch und ich frage ihn, ob er in der Schule Englisch gelernt hätte. Er lacht und meint, in Tibet könne er nie zur Schule gehen. Er hätte dieses Englisch in einer tibetischen Schule in Dharamsala gelernt, der nordindischen Stadt, in der die tibetische Exilregierung ihren Sitz hat. Die meisten seiner Freunde seien nicht in die Schule gegangen.

Er selber sei vor zwei Jahren zusammen mit etwa 40 Schulkollegen nach Tibet zurückgekehrt, weil ihre Familie von den Chinesen dazu aufgefordert worden waren. Die Eltern hätten anderenfalls ihre Anstellung in der Verwaltung verloren. Es wurde ihnen zugesagt, alle Kinder bekämen einen adäquaten Ausbildungsplatz in Tibet. Tatsächlich bekam kein einziges Kind den versprochenen Schulplatz. Statt dessen landeten die acht- bis sechzehnjährigen Kinder zwischen drei und zwölf Wochen in einem Gefängnis, wo sie beschimpft, gedemütigt und umerzogen wurden.

Tibetische Kinder, erklärt der junge Mann, hätten kaum Zutritt zu Schulen. Als sich ein Polizist nähert, holt er auffällig einen Türkis aus seiner Hosentasche und bietet ihn mir lachend zum Kauf an. Noch bevor ich irgendeine Antwort geben kann, entfernt er sich. Der Polizist schlendert vorbei und wieder zurück auf seinen Beobachtungsposten.

Ich bin müde, fühle mich erschöpft. Auch Tseten ist wie erschlagen. Wir gehen ins Hotel zurück. Dort setze ich mich in den Empfangsraum und beobachte eine Zeitlang die reisenden Touristen. Die wenigsten, die hier ein und aus gehen, bekommen etwas von der wirklichen Situation mit, habe ich das Gefühl. Für die meisten ist es ein Abenteuer, ein exotischer Stempel im Paß.

Ich beneide sie um ihre naive Unbefangenheit. Auf einem Tisch liegen einige Magazine, darunter ein kommunistisches Pamphlet in englischer Sprache. Ich blätterte darin herum und fand ein Zitat Lenins. "Ein Volk, welches den Gebrauch der Waffe ablehnt, verdient es, als Sklaven behandelt zu werden." Wenn das ihre Richtlinien sind, so ist es kein Wunder, daß die Chinesen vor den friedvollen Tibetern keinen Respekt haben.

Nein, ich bin kein Buddhist, aber ich mag diese Menschen hier am Dach der Welt. Ich mag die Art der Tibeter. Ich mag es, wie sie lachen - trotz allem. Und da liegt auch einer der Unterschiede zu den Chinesen. Sie lachen nicht. Sie lächeln nur. Höchstens. Denn selbst das ist ihnen in Tibet abhanden gekommen.

Ich habe auf dieser vier Wochen dauernden Reise durch Tibet hunderte, ja tausende, lachende Tibeter gesehen und insgesamt drei lachende Chinesen. Zwei davon waren stark besoffen.

Am nächsten Morgen besuchen wir den Potala und am Nachmittag Norbulingka, die Sommerresidenz des Dalai Lama. Die ehemalige. Tseten und ich sprechen immer weniger über das, was wir sehen und hören. Wir ziehen uns zurück und versuchen, jeder für sich, die Dinge zu verarbeiten. Aber es gelingt nicht.

Meine tibetische Begleiterin hat am nächsten Tag einen Nervenzusammenbruch. Wir bleiben den ganzen Tag im Hotelzimmer, trinken Tee und versuchen, über das zu reden, was in uns vorgeht.

Für die nächsten Tage mieten wir einen Jeep mit Fahrer und Guide, um nach Norden zu fahren. Zum Nam Tso, dem zweitgrößten See Tibets.

Yaks in Tibet

Yaks im Neuschnee auf Sanddünen

Wir schreiben den 10. Mai 1996. Irgendwo draußen am Land. Ich bin total überwältigt von der Landschaft. Schnee und Gletscher bedecken die Berge überall. Dazwischen unendlich weite Täler, tausende halbwilde Yaks sind wie schwarze Punkte über die unendlichen Ebenen und Hügel verteilt, ebenso Schafe und zottelige Ziegen.

Dazwischen hie und da Zelte von Nomaden. Manchmal sieht man sie unweit von der Straße an einem kleinen Feuer sitzen. Mit einer Kanne, in der sie Wasser für ihren Tee kochen. Die Zeit spielt hier keine Rolle mehr. Alles ist Natur. Große gewaltige Natur.

Ein ekstatisches Gefühl überkommt mich. Doch dann schieben sich plötzlich wieder Bilder von Lhasa dazwischen und dieses schöne Gefühl bricht in sich zusammen. Ich werde depressiv, bin meinen Gefühlen total ausgeliefert. Sie kommen wie in Wellen. Wie die Landschaft, durch die wir fahren.

Wir erreichen einen Paß. Auf 5.200 Metern steigen wir aus, binden Gebetsfahnen an einen Mast und rufen: "Lakije Lho" - Die Götter werden siegen. Hoffentlich, denke ich mir insgeheim.

Vor uns liegt, umrahmt von 7.000 Meter hohen Schneebergen, der riesige Nam Tso. An seinen Ufern Yakherden und Nomaden. Die nächsten beiden Nächte verbringen wir am Ufer des Sees in einem Zelt.

Obwohl die Sonne senkrecht über uns steht, ist es bitter kalt und ich bin froh, meine dicke Daunenjacke mitzuhaben. Ein starker, unaufhörlicher Wind rüttelt an unseren Kleidern und auch am Zelt bis tief in die Nacht hinein. Irgendwann hört der Wind auf und statt dessen beginnt es zu schneien.

Als ich am nächsten Morgen aus dem Zelt steige, sind die Berge ringsum weiß und auf unserem Zelt liegt eine dicke Schicht Reif. Zum Frühstück gibt es das erste Mal die traditionelle Nomadennahrung: Tsampa, geröstetes Gerstenmehl vermischt mit Butter und salzigen Buttertee.

Mir hat Tsampa immer sehr gut geschmeckt, auch noch am letzten Tag, wo ich mich wehmütig von dieser sehr gesunden Speise verabschiedet habe. Anders ging es mir mit dem tibetischen Tee. Dieser hat mir am Anfang sehr gut geschmeckt und ich konnte gar nicht genug davon bekommen. Aber irgendwann nach zwei Wochen hatte ich wohl zuviel davon getrunken und sehnte mich nach einem warmen gezuckerten Getränk. Für mich war der tibetische Tee eher mehr eine Suppe.

Nach dem Frühstück machen wir eine Wanderung. Unweit des Zeltplatzes liegt eingebettet in die Höhlen der Klippen ein Kloster, bewohnt von ein paar Nonnen. Wir besuchen den Tempel. Ich kaufe mir eine von den Nonnen geflochtene Steinschleuder und übe mich darin, Steine auf den See hinauszuschießen. Tseten redet mit einer Nonne und erfährt, daß sie ins Kloster gegangen ist, als sie mit 18 Jahren zwangssterilisiert wurde.

Dann besteigen wir den Berg hinter dem Kloster. Es ist sehr anstrengend, da wir noch nicht gut akklimatisiert sind. Aber als wir auf dem Gipfel stehen, den See zu Füßen mit unserem winzigen Zelt am Ufer und dem tiefblauen Himmel mit seinen leuchtend weißen, sich ständig verändernden Wolkengebilden über uns, kommen wir zur Ruhe. Die Stille, die uns umgibt, tritt auch in unsere Herzen ein. Und für eine halbe Stunde vergessen wir alles Leid und sind einfach nur glücklich.

Golden calves

Symbolträchtiges Geschenk der Chinesen an die Tibeter: "Goldene Kälber"

Am darauffolgenden Tag geht es wieder zurück nach Lhasa. Wir müssen dort noch zwei Tage verbringen, um uns die notwendigen Permits für unsere Reise in den Westen zu besorgen. Auf der Straße nach Lhasa treffen wir auf Kolonnen von Militärtransportwagen. Lastwagen mit Soldaten und Material. Nachdem bereits unendlich viele Armeefahrzeuge an mir vorbeigefahren sind, entschließe ich mich, mit dem Zählen der Fahrzeuge zu beginnen. Ich zähle knapp zweihundert. Mit denen, die vorher schon vorbeigefahren waren, schätze ich auf etwa 300 Militärfahrzeuge, die Richtung Lhasa unterwegs sind. Unser Führer ist sichtlich nervös geworden und meint, da müsse irgend etwas passiert sein. Als wir nach Lhasa kommen, gibt es überall zusätzliche Straßensperren und Kontrollen, in der Stadt angekommen, erfahren wir auch den Grund der Aufregung.

In Ganden, einem der drei größten Klöster Tibets, unweit von Lhasa, sei es zu einer Schießerei gekommen. Eine Militärpatroullie ist ins Kloster marschiert und hat die Mönche aufgefordert, alle Bilder S. H. des 14. Dalai Lama herauszurücken, wozu diese nicht bereit waren. Nachdem die Mönche sich geweigert hatten, diese Bilder herauszurücken, war es zu Handgreiflichkeiten und zu einer Schießerei gekommen, bei der vier Mönche schwer verletzt wurden. Einer ist gestorben.

Dazu muß man vorausschicken, daß Bilder dieses von den Tibetern noch immer anerkannten geistlichen und auch politischen Führers lange Zeit verboten waren. Bis irgendwann die Bestimmungen gelockert wurden und seine Photographien verkauft und auf den Altären stehen durften.

Interessanterweise waren diese Bilder nur bei chinesischen Händlern erhältlich. Nur diese wurden beliefert. Die Chinesen haben also ein gutes Geschäft damit gemacht. Vielleicht war es, weil der Markt gesättigt war, vielleicht auch eine willkürliche Marotte eines Generals oder Bürgermeisters, daß man beschloß, diese Bilder müßten alle wieder eingesammelt werden.

Einen Tag später kommt es in einer der Straßen zu einer großen Menschenansammlung. Wir erfahren, daß die chinesischen Militärs auf einem Lastwagen an die 20 Mönche in Ketten gelegt durch die Straßen fahren. Einerseits um sie zu demütigen, andererseits um der Bevölkerung klarzumachen, was passiert, wenn man sich nicht unterordnet.

Es drängt mich, dorthin zu gehen und Bilder zu machen. Tseten jedoch verfällt in Panik und bittet mich, hierzubleiben. Sie würde es nicht verkraften, so etwas zu sehen. Ich will alleine gehen, doch auch das läßt sie nicht zu, weil sie Angst hat, ich könnte festgenommen werden.

Um meine eigene Person habe ich keine Angst. Daß man mich am nächsten Tag in ein Flugzeug setzt und des Landes verweist, ist das Schlimmste, was mir passieren könnte, denk' ich mir. Aus Rücksicht auf Tseten bleibe ich bei ihr.

17. Mai 1996: Gyantse. Ich bin krank, sehr krank. Auch Tseten ist krank. Wir dürften etwas Schlechtes gegessen haben, in der Nacht bin ich mit Brechdurchfall aufgewacht. Mein Herz rast, mir ist schwindelig. Ich bin apathisch. Wir sind gestern von Lhasa hierher gefahren. Es hatte den ganzen Tag geregnet. Wir kamen sehr spät in dieser wunderschönen Stadt an. Gerade als sich die Wolken lichteten und die Sonne durchkam.

Bis in die fünfziger Jahre war Gyantse Zentrum für Wollwaren und Webarbeiten. Fast alle Einwohner lebten davon. Bis die Grenze zu Nepal geschlossen worden war.

Tseten in our tent

Tseten in unserem Zelt

Wir machen uns noch am Abend nach unserer Ankunft auf, um das berühmte Kloster zu besichtigen. Die Sonne steht tief über dem Horizont und taucht den Klosterbezirk in ein warmes weiches Licht. Von den einst 16 Gebäuden haben nur vier die Kulturrevolution überstanden.

Unmittelbar im Empfangsbereich befindet sich eine häßliche große Steininschrift, auf der geschrieben steht, daß es die Chinesen waren, die dieses Kulturdenkmal für schützenswert und erhaltenswert erklärt und so für die Welt gerettet haben.

Ich denke mir, die haben wirklich keinen Genierer. Wahr ist, daß es die Mönche sind, die an der Restaurierung arbeiteten. Sie erhalten von der Regierung keine Unterstützung und werden in vielen Fällen sogar daran gehindert, daß die Gebäude wieder in ihrem alten Glanz aufgebaut werden. Trotzdem ist es ein Ort, der spüren und ahnen läßt, welche tiefe geistige und spirituelle Konzentration hier über Jahrhunderte praktiziert wurde.

Die Besinnlichkeit wird aber bald durch einen gräßlichen Lärm gestört, der plötzlich über die Stadt hereinbricht. Es sind chinesische Marschmusikklänge, nicht unähnlich unserer Marschmusik, wie sie bei uns überall bekannt ist. Dazu plärrt eine weibliche Stimme Parolen in chinesischer Sprache. Ich erfahre, daß dieses Hörspiel jeden Abend vollzogen wird. Als ich mich umblicke, sehe ich auf einem Hügel mitten in der Stadt eine Säule mit Lautsprechern. Das Ganze dauert etwa zwei Stunden und ist von einer derartigen Lautstärke und Impertinenz, daß wir es auch noch auf unserem Zimmer hören können, nachdem wir ins Gästehaus zurückgekehrt sind.

Am nächsten Tag in der Früh beginnt der Tag wieder mit Blasmusik und der schrillen Frauenstimme, die für alle verkündet, daß wieder ein wunderbarer Morgen angebrochen sei und es ein glückliches Leben wäre, daß wir in einer sehr glücklichen Zeit in einer wunderschönen Welt lebten, und daß die Arbeit auf uns warte, diese wunderschöne Welt noch wunderschöner zu gestalten.

Es sollte nicht das letzte Mal sein, daß wir dieser Propagandamaschine, dieser Lärmbelästigung, diesem akustischem Müll auf unserer Reise durch Tibet begegnen. George Orwell drängt sich auf.

Trotz meines schlechten Befindens fahren wir gegen Mittag weiter. Nur vage nehme ich die Landschaft wahr, die an mir vorbeizieht. Ich wende all meine Instinkte auf, irgendwo ans Ziel zu kommen. Als wir am späten Nachmittag Shigatse erreichen, geht es mir schon etwas besser. Ich habe von Shigatse nicht viel gesehen, denn in Shigatse gibt es nicht viel zu sehen.

Die Stadt ist eine Ausgeburt der Häßlichkeit. Außer einem Klosterbezirk, und selbst dieser ist nur Fassade, steht kein einziges tibetisches Gebäude mehr. Es ist eine Stadt, die irgendwo und nirgendwo sein könnte. Ich bleibe am Zimmer im Hotel und schalte den Fernseher ein.

Ich traue meinen Augen nicht. In den chinesischen Nachrichten erscheint der österreichische Bundeskanzler Franz Vranitzky. Offensichtlich war man sich über etwas einig geworden, denn es sind nur strahlende Gesichter zu sehen. Leider verstehe ich den Sprecher nicht.

Hubert von Goisern in Tibet

Kurze Pause für den Fahrer, den Guide und das vielgeprüfte Auto

Am nächsten Tag geht es weiter zum Kloster Rongbuk am Fuße des Mount Everest bzw. Chomolongma, wie ihn die Tibeter nennen. Das Kloster liegt auf 5.000 Meter in einer Landschaft, wie sie eindrucksvoller nicht sein könnte für jemanden wie mich, der Berge mag.

Wir übernachten in einem Raum, den uns Mönche zur Verfügung stellen, kochen uns eine Suppe und lassen die Stille und Erhabenheit der Berge auf uns wirken. Am nächsten Tag stehe ich um fünf Uhr auf und wandere auf einen kleinen Hügel hinter dem Kloster, bei uns würde man sagen, auf einen Berg. Ich setze mich auf einen Stein und beobachte das Erwachen der Natur.

Ein Mönch, in Decken gehüllt, schlägt einen Gong und langsam lösen sich aus den Häusern und Unterkünften des Klosters Mönche und Nonnen. Sie sind vermummt, um sich vor der Kälte zu schützen und strömen dem Tempel zu.

Die Sonne färbt mit ihren Strahlen die eisigen Schneefelder golden und der bläuliche Dunst in den tiefen Tälern weicht langsam dem Licht. An einem Platz wie diesem, denke ich mir, ist es vielleicht schwer zu leben, aber leicht zu beten. Und ich bedaure, schon bald wieder weiter zu müssen und fühle den Wunsch, eines Tages noch einmal hierher zurückzukehren.

22. Mai. Das Auto ist kaputt - wieder einmal. Der erste Schaden war eine kaputte Zylinderkopfdichtung. Dann gab's irgendeinen Getriebedefekt. Jetzt ist es etwas am Kreuzgelenk. Der Fahrer repariert alles selber. Wir sind irgendwo in einer chinesischen Satellitensiedlung, wo wir ein wichtiges Ersatzteil aufgetrieben haben.

Letzte Nacht konnte ich wieder lange nicht einschlafen. Um die Flut meiner Gedanken einzudämmen, dachte ich an Grün. Zuerst nur an die Farbe Grün, dann an Urwald, an Wärme, an den Regen, den tropischen Regen, an die tropische Sonne. An Afrika dachte ich und an den Kailash.

Wir sind den ganzen Tag über gefahren. Der Wind rüttelt an meinen Nerven. Es gibt kein Entkommen. Das Land, weit, mit riesengroßen flachen Hügeln, hinter denen sich der Himalaya auf der einen und der Transhimalaya auf der anderen Seite auftürmen, bietet keinerlei Schutz. Wir haben das Lager in einem alten verlassenen Schafstall aufgeschlagen.

Es gibt kein Dach. Aber wir sind hier etwas geschützter. Doch immer wieder wird das Zelt von einer Böe erfaßt und Scheiße fliegt durch die Luft, bröselige Schafscheiße.

Ein paar Stunden später: Die Scheiße wurde uns zuviel. Wir bauten das ganze Klump wieder ab, packten alles ins Auto und fuhren weiter.

Prayer flags

Gebetsfahnen am Döhma La. Der Pilgerweg um den Kailash führt auf 5700m

Bis zu einem schmutzigen Gästehaus zwischen Manasarovasee und Mount Kailash. Ich bin müde. Es ist aber nicht nur die Höhe, die mir zusetzt. Es ist die ganze Reise, vor allem der Schmutz, die Armut, die Weltabgeschiedenheit, die Entfernung von zuhause, von den Kindern und den Freunden. Wie sehr ich doch schon an meine Welt gewohnt bin. Seit meiner Abreise gibt es kein Wasser, das man trinken könnte, ohne es vorher gekocht zu haben. Immer nur Tee oder Suppe, wenn man Durst hat. Ich bin sehnsüchtig nach meinem Wasser, meiner Quelle, nach meinem Haus. Ich könnte in dieser vegetationslosen Welt auf die Dauer nicht leben.

Die Landschaft ist eindrucksvoll, die Menschen sind lieb und freundlich, dennoch fühle ich mich einsam und nicht mehr lebensfroh.

23. Mai, am Fuße des Kailash: Die Vorbereitungen zur Umwanderung des Berges, die drei Tage dauern wird, sind abgeschlossen. Tseten und ich spazieren ums Lager, eine bunte tibetische Zeltstadt mit Händlern und Mönchen, Kindern und Alten.

Der Tag hat mir gefallen. Ich bin wieder versöhnt mit dem Land. Und mit mir. Die Leute, alle aus religiösen Motiven hergekommen, strömen Kraft und Glaube aus. Viele, die meisten, haben alles geopfert, um hierher zu kommen. Gestern ist ein alter Inder an den Strapazen gestorben. Und zwei Pilger aus Singapur mußten vom Paß heruntergetragen werden. Ich habe Respekt vor dem Unternehmen und bete, daß alles gutgehen wird.

Jedenfalls freue ich mich auf die Bewegung, auf das Gehen, die Tage ohne Auto in der Natur. Acht Stunden Gehen liegen hinter uns. Vor unserem Zelt die Nordwand des heiligsten Berges der Welt. Tseten hat Angst, daß es in der Nacht sehr kalt werden könnte. Ich versichere ihr, daß wir es gut überstehen werden.

Ein bißchen Ausgesetztheit kann nicht schaden. Wir hatten zwar schon viel davon, aber ich bin der Meinung, daß die Kailashumwanderung der Höhepunkt unserer Reise sein sollte. Daher auch der Höhepunkt an Anstrengung und Entbehrung. Aber auch der Höhepunkt an Verbundenheit mit Himmel und Erde.

Die Nordwand des Kailash thront in all ihrer Herrlichkeit und Ebenmäßigkeit vor uns. Ab und zu holt der Wind eine Gischt Schnee vom Gipfel und trägt sie hinein ins abendliche Blau. Das Wetter ist herrlich, aber windig mit starken, fast zornigen Böen. Während unseres Anmarsches hatten wir auch Schneesturm und Regen. Wir haben das Zelt im Schutz eines alten verfallenen Klosters aufgebaut. Neben uns hat eine Pilgerfamilie ihr Lager aufgeschlagen. Wir trinken gemeinsam Tee. Ich fühle mich wohl.

Nächster Abend. Der Paß ist geschafft. Es war eine gewaltige Anstrengung. Oft hatte ich das Gefühl, ohnmächtig zu werden. Besonders auf den letzten 200 Höhenmetern. Um so schöner war das Gefühl, als wir oben waren. Wir verbrachten wohl eine Stunde dort. Ich konnte mich gar nicht satt sehen an den vielen Pilgern. Manche mochten acht oder zehn Jahre alt sein. Andere waren uralt. An den Trachten, die sie trugen, konnte man erkennen, daß sie von überall herkamen. Aus Kham, aus Arndo, aus Kyrong, aus Phurang, aus Lhasa. Da waren Mütter, die zweijährige Kinder am Rücken trugen. Die meisten von ihnen hatten nur Leinenturnschuhe an und es waren einige darunter, die den über 50 Kilometer langen Weg mit ihrem Körper ausmaßen.

Tibet

Irgendwo im Westen Tibets

Und alle lachten sie und riefen Gebete gegen den Himmel und gegen den Berg, auf daß er sie erhöre, ihrem Dalai Lama ein langes Leben beschere und Tibet befreie. Wir verbrachten wohl eine Stunde dort, dann ging es hinunter. Zuerst mit dem schönen Gefühl im Rücken, das Schwierigste geschafft zu haben, eine wunderschöne Landschaft vor Augen und dann mit Fortdauer immer mehr wie in Trance, einen Fuß vor den anderen setzend, über Steine springend, Flüsse überquerend, bis wir um sechs Uhr abends todmüde beim Milarepakloster ankamen.

25. Mai. Wir sind wieder in Darchen, dem Ausgangspunkt unserer Umrundung angekommen. Ein paar Lastwagen und Jeeps stehen herum. Die Mittagssonne reicht nicht aus, mich zu wärmen. Obwohl kaum ein Wind geht, sitze ich hier mit der Daunenjacke und mit der Haube. Ab und zu hinkt einer über den Hof. Opfer der Umrundung des Kailash.

Nächster Tag, 8 Uhr morgens am Manasarovarsee. Wir haben unser Zelt unweit von heißen Quellen aufgeschlagen. Und heute morgen will ich ein Bad nehmen. Das Wasser dampft vor sich hin, es riecht nach Schwefel. Es riecht wie im Kurhotel zuhause in Goisern.

Ein zotteliger schwarzer Esel lehnt faul an einer Wand und genießt die Morgensonne. Die Spitze des Kailash ragt hinter einem braunen, langgestreckten Hügel hervor und aus der Ofenröhre des Lehmbaues hinter uns quillt Rauch von getrocknetem Dung, dem üblichen tibetischen Heizmaterial. Meine Finger sind klamm, bis ich sie in das heiße Wasser tauche.

Irgendwo im Westen auf der Rückfahrt. Ich krieche aus dem Schlafsack und öffne das Zelt. Vor mir liegt eine phantastische Landschaft aus Grassteppe, dunkelblauen kleinen Seen und riesigen Sanddünen, hinter denen sich die Schneeberge des Himalaya erheben.

2. Juni, im Grenzort Zhangmu. Zum Frühstück gibt es noch ein letztes Mal Tsampa. Ich habe ein gespaltenes Gefühl in meiner Brust. Einerseits spüre ich Erleichterung und Freude, die Anstrengungen und Entbehrungen hinter mir zu haben. Andererseits bin ich traurig, dieses Land hinter mir zu lassen. Nicht zuletzt, weil es sehr ungewiß ist, ob ich jemals wieder hierher zurückkehren werde. Hubert von Goisern - Tibet Diary

Hubert von Goisern: Kommentar

24. März 2008

Während 2008 für die Chinesen das Jahr der Ratte ist, spricht man in Tibet vom Jahr der Erdmaus.

Als ich vor einigen Jahren Tibet bereiste, las ich in der Lobby meines Hotels in Lhasa ein chinesisches Propaganda-Magazin in englischer Sprache. Darin fand ich, in einem Artikel über Lenin, dessen unglaubliche Aussage: "ein Volk, das nicht bereit ist mit Waffengewalt um seine Freiheit zu kämpfen, verdient die Sklaverei." Dieser Satz macht mir Lenin extrem unsympathisch. Ebenso wie die chinesische Nomenklatura, die offensichtlich aus der Friedfertigkeit der Tibeter, ganz im Sinne Lenins das Recht ableitet, diese zu unterdrücken und das Land auszubeuten. Aus der Geschichte lässt sich nämlich, trotz aller Behauptungen kein Anspruch Chinas auf Tibet ableiten.
Je nachdem auf welche Epoche man blickt, waren die Grenzen mal da und mal dort gezogen. Im 7. Jhdt. war z. B. so gut wie das gesamte heutige China ein Teil Tibets und aus dem Jahre 1794 gibt es einen in Stein gemeisselten Vertrag der in beiden Sprachen die Souveränität beider Länder klarstellte. Als 1949 Mao Tsetung an die Macht kam, war eine seiner ersten Untaten, in Tibet einzumarschieren und das Land zu annektieren; oder wie er es nannte - zu befreien. (Von den Tibetern?) Im Laufe seiner Herrschaft hat Mao vorsichtigen Schätzungen zu Folge 20 Millionen Menschen das Leben gekostet. Manche behaupten es waren doppelt so viele. Sowohl Lenin wie Mao sind noch immer nicht begraben, weder im übertragenen noch im wörtlichen Sinn. Beide sind einbalsamierte Pilgerstätten. Es ist höchste Zeit für sie, unter die Erde zu kommen.

Und es ist höchste Zeit die Tragödie in Tibet zur Kenntnis zu nehmen. Ich bin erschüttert aber nicht überrascht über die jüngsten Entwicklungen, denn es war vorhersehbar und kein Geheimnis, dass die olympischen Spiele für die Tibeter Anlass sein würden auf die Menschenrechtsverletzungen in ihrem Land hinzuweisen. Nach mehr als 50 Jahren Unterdrückung durch China, ist die Verzweiflung am Dach der Welt ebenso allgegenwärtig wie die Unfreiheit und Benachteiligung der einheimischen Bevölkerung. Dass also der eine oder andere seine Faust ballt und Steine zu werfen beginnt kann nicht verwundern. Gemessen an den tibetischen Opfern in der Vergangenheit (über 150.000 starben allein durch Hinrichtungen, an die 200.000 in Gefängnissen und Arbeitslagern) sind ein paar zerbrochene Fensterscheiben und in Brand gesteckte Autos eine Lappalie. Und selbst dies wäre wahrscheinlich nicht geschehen, wenn man jenen Menschen nicht penetrant desavouierte, der wie kaum ein anderer für Gewaltverzicht und Dialog steht.
Die Dämonisierung des Dalai Lama, vom offiziellen China als "Wolf im Schafspelz" bezeichnet, ist eine Unerträglichkeit sondergleichen. Unerträglich ist auch die Haltung der meisten österreichischen Politiker zu diesem Thema. Bis hinauf zum Bundespräsidenten gibt es nur ein entwürdigendes Buckeln vor der Wirtschaftsmacht China um nur ja den Handel nicht zu gefährden. Und bei jedem Staatsbesuch aus dem "Reich der Mitte" demonstriert man vorauseilenden Gehorsam indem das Innenministerium mit Polizeigewalt jegliche Kritik im Keim erstickt.

Dem olympischen Komitee wird der Vorwurf gemacht, bei der Vergabe der Spiele an Peking ausschließlich wirtschaftlich gedacht zu haben. Das mag so sein, aber seien wir mal ehrlich, wenn man nach den hehren Idealen des olympischen Gedanken handeln würde, wohin könnten die Spiele guten Gewissens vergeben werden? Jedenfalls keinem Land, das sich auch die Durchführung leisten könnte.
Peking hat sich die Spiele nicht weniger "verdient" als Berlin, Moskau, Los Angeles oder London. Einen Boykott halte ich aus diesem Grund für falsch.
Was ich mir aber sehr wünsche, sind Funktionäre und SportlerInnen mit dem Bewusstsein, dass olympische Spiele eine politische Dimension haben. Sie dienen seit der Antike auch als politisches Forum. Vielleicht finden einige die Courage die tibetische Fahne hochzuhalten.
Die Annexion Tibets ist nicht wegzuleugnen, wegzuschweigen und leider auch nicht wegzumeditieren. Tibet ist nicht China und die Tibeter sind keine Chinesen. Sie haben eine eigenen Sprache, eine eigene Schrift und eine eigene Lebensart. Möge es also nicht nur das Jahr der Ratte werden, sondern auch das der Erdmaus.

Können wir einzelnen Menschen zur Lösung des Konflikts beitragen? Ja. Schreiben Sie an ihre Regierungsvertreter, an die europäische Kommission, an das olympische Komitee..., dass man sich der Problematik annehmen möge und nicht mit dem Argument davonschleichen soll, das sei nicht die Aufgabe einer Sportveranstaltung.

Hubert von Goisern, Salzburg - Ostern 2008

LOSAR 2007 - Hubert von Goiserns Neujahrswunsch für Tibet

19. Februar 2007 | Fotos: © Hannes Heide
Losar 2007

Tseten Zöchbauer, Schauspieler Ralf Bauer, Prof. Heinz Nussbaumer (Journalist und Redakteur der "Furche"), Madeleine Petrovic (Die Grünen) und Hubert von Goisern

Mit tibetischen Essensständen, Filmen und Volkstänzen wurde das tibetische Neujahr am 17. Februar 2007 in Wien gefeiert. Die Feierlichkeiten wurden durch Gebete der tibetischen Mönche eingeleitet und Prominenten wie Hubert von Goisern und Ralph Bauer machten ihre Neujahrswünsche für Tibet bekannt.

"Alles was man über Tibet sagen kann ist schon gesagt worden, wieder und wieder...
Und trotzdem muss es immer wieder gesagt werden:

TIBET IST EIN BESETZTES LAND
DIE TIBETER WERDEN UNTERDRÜCKT
SCHANDE DEN EINDRINGLINGEN

Die Situation in TIBET ist das Erbe eines Mannes der viel Schmerz, Ungerechtigkeit und Tod über China selbst gebracht hat: Mao Tsetung.

Das Kapitel TIBET gereicht China nicht zur Ehre, und die Dämonisierung des Dalai Lama, der wie kaum ein Anderer für Gewaltfreiheit, Toleranz und Dialog steht, ist die Herabwürdigung eben jener Tugenden selbst.

LANG LEBE TIBET
LANG LEBE TENSIN GYATSO
der 14. Dalai Lama, Wiedergeburt von CHENRESIG, dem Buddha des Mitgefühls.

TASHI DELEK, Glück und Segen - Allen und Allem - für das Jahr 2134, im Zeichen des Gold-Feuerschweins."

Hubert von Goisern

Losar Fest