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Hubert von Goisern
 

TIBET

Hubert von Goisern
Tibet: 1 2 3 4 5 6 7 8

Ich bin gespannt, wie's weitergeht

Ursache Wirkung Nr. 30, 4/99

Hubert von Goisern und Peter Riedl im Gespräch

Hubert von Goisern

Hubert von Goisern, wie sich der Musiker und Komponist Hubert Achleitner nach seinem Heimatort nennt, wird häufig als der "Begründer des Alpenrocks" bezeichnet. Spätestens seit dem großen Erfolg, den das Lied Hiatamadl aus Aufgeigen statt niederschießen 1992 im ganzen deutschen Sprachraum fand, ist seine Kombination von traditioneller Volksmusik mit modernen Ausdrucksmitteln weithin bekannt. Als Filmkomponist schuf er die Musik für Schlafes Bruder. Inspiriert von Gesprächen mit der Gorillaforscherin Jane Goodall 1994 reiste er nach Afrika und gewann Eindrücke für sein Werk, die sich in den Titeln der CD Gombe niederschlagen. Die Produktion Inexil zeugt vom Interesse für die Kultur der Tibeter, für die sich Hubert von Goisern auch humanitär engagierte. Der Musiker aus den Bergen und U&W-Herausgeber Peter Riedl trafen einander kürzlich zu einem Gespräch über Musik, Spiritualität, Religion, Tibet und den Weg des Suchenden.

Peter Riedl: Du kommst aus den Bergen. Spielt das eine Rolle bei deiner Liebe zu Tibet?

Hubert von Goisern: Sicher. Der Ursprung des Interesses war, dass ich mich immer dafür interessiert habe, wo es noch Berge gibt. Auf der Landkarte zieht es jemanden, der in den Bergen aufgewachsen ist, zu diesen dunkelbraunen Flecken. Das erste Mal bin ich dann im Winter 82/83 in Asien gewesen und zwei Monate im Himalaya gewandert.

Haben die Bergvölker irgend etwas gemeinsam?

Ich glaube schon. Aber vielleicht bilde ich mir das nur ein, weil ich Dinge erkenne, die ich aus meiner Umwelt kenne. Ich möchte nicht behaupten, dass es so ist, aber ich empfinde es so. Die Härte, die einem das Leben in den Bergen abverlangt, diese Kargheit, prägt die Menschen. Dort, wo die Sachen einfach vom Baum herunterfallen und man ohne große Anstrengung lebt, sind die Menschen einfach anders, vielleicht weniger sorgsam mit ihren Ressourcen, nicht nur mit den Nahrungsressourcen, sondern überhaupt, dafür sind die Menschen in den Bergen weniger gelassen.

Du kommst richtig aus den Bergen?

Ich komme aus Goisern, aus dem Salzkammergut, aber nicht aus einem landwirtschaftlichen Milieu, sondern aus einer Arbeiterfamilie. Mein Vater hat sich selber ein Einfamilienhaus gebaut, in dem bin ich aufgewachsen: Zehn Meter neben dem Wald, und nach 100 Metern geht es hinauf.

Viele fragen sich, wie jemand aus einer ländlichen Gegend in Österreich dazu kommt, sich mit Buddhismus oder Tibet zu beschäftigen? Einerseits ist es modern, aber trotz allem steckt häufig mehr als Mode dahinter.

Mir reichte es irgendwann nicht mehr, was die Heimat bot. Etwa was sich musikalisch bei uns abspielt, war zu wenig. Dann kommen über das Radio wie Rock- oder Popmusik, was meinem Lebensgefühl mehr entsprach als Volksmusik. So ging es auch mit der Religion. In der katholischen Kirche aufgewachsen, habe ich mich mit meinen spirituellen Bedürfnissen dort nicht mehr zu Hause gefühlt.

Hast du dich ab einem bestimmten Punkt bewusst auf die spirituelle Suche begeben?

Die Frage nach dem Sinn des Lebens tauchte mit 16 oder 17 Jahren auf. Ich hab überall hingeschaut, versucht, die Dinge einzuordnen, verstehen zu lernen, ob das die Arbeit oder die Schule war. Wozu lernen, wozu arbeiten? Nur um ein von irgend jemandem aufgestelltes Plansoll zu erfüllen? Dann haben mich die künstlerischen Berufe und die Religion interessiert. Meine Eltern gingen nur zu Hochzeiten und haben mir nicht mitgegeben, dass man in die Kirche zu gehen hat. Mich hat das einfach interessiert. Wie sind die drauf, was passiert da drinnen? Ist da irgend etwas, was man spüren kann? Oder gehen die alle nur aus reiner Tradition? Ich hab dann einfach für mich gelernt, in ein Gotteshaus zu gehen, wenn keine Messe war, um diese Atmosphäre zu spüren, diese Stille. Dann habe ich angefangen, die Gebete hinterzufragen. Irgend etwas in mir hat sich gesträubt, ein Vaterunser zu beten, zu einem maskulinen Gott zu beten. Weil ich mir einfach denk, Gott kann kein Geschlecht haben, und dann kann ich nicht beten zum Vater im Himmel.

Gibt es einen Gott? Und wenn er nich maskulin ist, kann er neutral oder feminin sein?

Das ist diese unbeantwortbare Frage, weil es ein Gefühl ist, von dem ich weiß, dass es durch das bestimmt ist, was ich gehört und gelesen habe. Vielleicht ist es einfach nur ein Konzept, das die Dinge erträglicher macht. Aber ich fühle mich aufgehoben und geborgen in diesem Konzept oder in Gott.

Gibt es heute eine spirituelle Heimat, der du dich zugehörig fühlst?

Nein, das bedaure ich zutiefst, das geht mir ab. Das mache ich der katholischen Kirche, die meine Heimat war, zum Vorwurf: dass sie mir das nicht mehr bietet.

Was kann die Kirche dafür?

Ja eh. Ich kann damit umgehen, aber ich sehe es an unserer Gesellschaft, dass die Kirche ihre Aufgabe nicht erfüllt. Ich glaube, dass die Gesellschaft einer moralischen Instanz bedarf, und die war früher die Kirche, aber die akzeptieren die meisten Menschen zu Recht nicht mehr. Die letzten Gottesdienste, die ich genossen hab, waren in den Achtzigerjahren lateinische Messen in der Augustinerkirche bei Pater Gottfried. Mit den lateinischen Gebeten habe ich überhaupt kein Problem, weil da kommt die unmittelbare Bedeutung nicht so deutlich heraus. Ich weiß, dass Pater Noster auch Vaterunser heißt. Aber durch das Lateinische wird es einfach mystifiziert.

Dir fehlt die Mystik in der Kirche?

Ja, mir fehlt das Ritual. Es gibt kein spirituelles Ritual mehr für mich. Da kann ich auch mit buddhistischen Ritualen nix anfangen. Ich hab das einfach gemocht, also da gehst du hinein in die Augustinerkirche und da läuft ein Ritual ab, mit dessen Hilfe komme ich in eine Transzendenz. Allein ist das ist viel schwerer, es gelingt schon, aber es ist viel, viel schwerer!

Was meinst du mit Transzendenz?

Einfach diese vordergründigen Gedanken und Sorgen, diese weltlichen Dinge zu transzendieren, da durchzukommen in dieses Gefühl, mit allem verbunden zu sein.

Hast du dich jemals in einer bestimmten spirituellen Methode geübt?

Vor längerer Zeit war Ken Wilber für mich sehr maßgeblich und aufbauend. Nach seinem Wege zum Selbst und anderen Büchern habe ich mir mein eigenes Programm zusammengestellt. Ich habe Kassetten mit Musik und Texten aufgenommen, damit sich die Übung nicht verselbstständigt. Sonst konnte es passieren, dass ich sitze und zehn Minuten an etwas ganz anderes denken, ohne es zu merken. Jetzt hab ich das alles hinter mir gelassen, hab kein Programm mehr. Ich setzt mich ab und zu einfach hin und versuche, meine Achtsamkeit auf das Atmen zu lenken. Und dann probiere ich, diese Gefühl von Losgelöstsein einfach so lang wie möglich zu halten und in die Handlungen und den Umgang mit anderen Leuten einfließen zu lassen.

Hast du Visionen?

Ja (sehr bestimmt). Persönliche Visionen über das, was ich erreichen möchte, wo ich hinfahren möchte, Menschen, denen ich begegnen möchte, Situationen, die ich erfahren möchte. Oft, wenn ich etwas erlebe, erinnere ich mich dran, dass es da eine Visionen gab.

Ist die Musik ein Mittel zu tieferer Konzentration oder Bewusstheit?

Musik ist für mich ein Mittel, glücklich zu werden. Musik hat eine sehr reinigende Wirkung, vor allen Dingen das Singen. Musik verschafft mir einfach einen Zugang zu Ebenen, wo ich mir sonst sehr schwer tu.

Hast du jemals spirituelle Musik gemacht?

Mein Ansatz des Musizierens ist ein stark spiritueller. Für mich ist Musik etwas Heiliges. Ich bring es nicht zusammen, einfach zu sagen, ich mach das jetzt, weil ich damit Geld verdienen oder Berühmtheit erlangen kann.

Das muss ja die Heiligkeit nicht ausschließen.

Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll. Musik ist mir so wichtig, dass ich nicht vertrage, wenn ich in ein Kaufhaus gehe und beiläufige Musik hör. Das tut mir weh. Weil ich mir denk, da verschenkt man einfach was. Man stumpft die Ohren ab, indem man es so x-beliebig einsetzt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich irgend etwas mache, von dem ich nicht hundertprozentig überzeugt bin.

Ist die Musik für dich heiliger als andere Sachen?

Nein, für mich ist sie etwas, was mir in die Wiege gelegt wurde. Über die Musik habe ich einen Zugang, den ich zum Beispiel übers Schifahren nicht ganz so habe, obwohl ich das auch gerne tue. Im Tiefschnee allein über die Berge wandern und dann durch den Pulverschnee zu schwingen. Oder ein Puppenhaus für meine Tochter in der Werkstatt zu basteln, das macht mir auch Spaß. Aber da komme ich nicht so leicht in dieses allumarmende Gefühl rein, das mir die Musik gibt.

Du hast jetzt Musik für mich fast ausgedrückt wie eine sexuelle Vereinigung.

Ja, aber Sexualität spielt sich in der Regel zwischen zwei Partnern ab, während bei einem Konzert 2.000, 10.000 oder mehr Menschen sind, die sich alle auf die Musik konzentrieren. Da mag schon das Auge wandern, aber die Ohren sind alle eingetuned. Das hat mich bei den Messen in der Augustinerkirche fasziniert: 2.500 Leute jeden Sonntag bei derselben Sache. Da entsteht etwas ganz Wunderliches. Ich mag Massendinge eigentlich nicht, trotzdem faszinieren sie mich. Ich bin, als der Papst in Salzburg war, extra hingegangen. Obwohl ich aus der Kirche ausgetreten bin, wollte ich das erleben. 15.000 Leute am Domplatz, doch es war eigentlich nix. Einmal ist ein Gefühl aufgetaucht, wie sie das Heilig, heilig von Schubert gesungen haben. Dann waren wirklich alle einmal beieinander. Aber die Figur des Papstes war nicht stark genug, um das so zu fokussieren, dass es da zu einem Einschwingen auf einen Punkt gekommen wäre.

In den alten Kulturen konnten die Dorfgemeinschaften das noch bei gemeinsamen Festen erleben. Heute kommen Menschen in dieses Einheitsgefühl vielleicht nur noch bei Rockkonzerten, aber unbewusst, sie wissen gar nicht, wie sie es tun, in Drogenerlebnissen, und bei der Sexualität. Alle anderen Dinge sind in der westlichen Gesellschaft weitgehend verloren gegangen.

Hast du so ein Einheitserleben in Tibet oder bei buddhistischen Ritualen erfahren?

Nein, also ich habe da keinen großen Feierlichkeiten beigewohnt. Die Chinesen erlauben die auch gar nicht mehr. Mein Engagement für Tibet ist in erster Linie ein soziales. Was die spirituelle Dimension betrifft, da muss ich ehrlich sagen, dass es dem tibetischen Buddhismus nicht geschadet hat, in die Diaspora zu gehen. Er hat die westliche Welt befruchtet, während er dem Volk, der Kultur geschadet hat. Ich habe schon seit einiger Zeit ein großes Problem mit diesen exil-tibetischen Schwingungen.

Inwiefern?

Da muss ich weiter ausholen. Seit die Leute 1958/1959 auswanderten, wurde bereits die zweite Generation geboren, die Tibet noch nie sah. Bis auf ein paar Alte müssen hier Leute eine Tradition bewahren, die sie selber nie erlebten. Ich sage bewusst "müssen". Der Druck der eigenen Gemeinschafte ist sehr groß. Sie sind in Indien geboren und aufgewachsen, haben in Indien schon Kinder, die der indischen, europäischen und amerikanischen Kultur wesentlich näher als der tibetischen sind. Ein großes Problem ist, dass sie professionelle Almosenempfänger wurden. Sie haben nie gelernt, für ihr eigenes Leben sorgen zu müssen.

Meinst du die Mönche?

Nicht nur die Mönche, die ganze Kommune! Es wird ihnen noch immer viel Geld gegeben. Sie brauchen nicht so zu leben, zu arbeiten und zu denken, wie es notwendig wäre, weil sie eh erhalten werden. Sie werden abgestumpft dadurch. Sie sind in einer Abhängigkeit, und sie empfinden es als selbstverständlich, dass ihnen geholfen wird, dass bei ihnen ein anderes Maß angelegt wird, weil sie vertrieben wurden. Und damit habe ich inzwischen Schwierigkeiten. Dazu kommt – und das sind Dinge, über die kann man fast nicht redden -, dass sie noch immer in sehr feudalen Strukturen zuhause sind, obwohl sie jetzt schon lange weg sind und ihr Land nie gesehen haben. Man darf deshalb nicht darüber redden, weil man sofort als pro-chinesisch und anti-tibetisch gilt. Das ist das Problem.

Bist du pro-chinesisch?

Überhaupt nicht.

Dann kannst du darüber reden!

Aber es ist ein Problem. Ich habe mich gefreut, als ich hörte, dass dieses kritische Buch von den Trimondis herauskam (Anm. d. Red.: Der Schatten des Dalai Lama von Victor und Victoria Trimondi). Ich wurde zu einer Fernsehdiskussion darüber eingeladen und dachte, endlich wird kritisch diskutiert. Dann sah ich das Buch und dachte, mich trifft der Schlag! Die haben ja einen Vogel! Das ist dasselbe wie beim Haider (Obmann der Österreichischen Freiheitlichen Partei, Anm. d. Red.) Das führt aber dann dahin, dass man Kritik auch unterdrückt, wo sie angebracht wäre. Nur aus Angst, von solchen Menschen vereinnahmt zu werden.

Das ist das Schwierige an differenzierten Betrachtungsweisen: Sie werden sehr häufig missverstanden und vereinnahmt.

Das sehe ich auch. Soweit ich das beurteilen kann, ist der Dalai Lama einer der wenigen, der diese Differenziertheit auch lebt. Er ist ganz integer. Er ist nicht einer, der über Kritik erhaben ist. Ich habe ihn so erlebt, dass man mit ihm eigentlich über alles reden kann. Und er geht auch kritisch mit diesen Dingen um. Aber viele in der nächsten Riege drunter machen das nicht mehr mit. Ich habe ihn drei Mal getroffen, habe eine Privataudienz gehabt und war in Bad Ischl den ganzen Tag mit ihm unterwegs. Aber ich könnte nicht sagen, dass ich ihn wirklich kenne. Der Mann hat eine unglaubliche Ausstrahlung und Energie. Das ist fast nicht zum Aushalten. Fahrt eini wie eine Droge. Da ist etwas, was er durch seine jahrelangen Übungen realisiert hat. Da ist etwas passiert. Der ist nicht so wie alle anderen.

Du hast vorhin von deiner spirituellen Suche erzählt. Du hast dich für die Kirche interessiert, du hast dich mit dem Buddhismus auseinandergesetzt, fühlst du dich aber heute trotzdem nirgends zuhause. Woher kommt das?

Ich fürchte oder hoffe vielleicht auch, dass die Zeit der Religionen für mich vorbei ist. Es wird keine neue Religionen geben, die Leute wie mich auffängt und etwas neues Gemeinsames enstehen lässt. Auch der tibetische Buddhismus ist eine sehr folkloristische Angelegenheit, genauso wie unsere katholischen Prozessionen. Ich finde das nett und gehe mit meinen Kindern zur Palmweihe oder Fronleichnamsprozession am See, weil es einfach schön ist, wie ein inspirierter Umzug. So hat der tibetische Buddhismus seine Berechtigung, als Folklore, als einfach eine Kultur.

Begleiten dich Menschen, gibt es spirituelle Freunde?

Ja, im weitesten Sinne, Menschen die eine ähnliche Spiritualität wie meine leben, ohne Zugehörigkeit. Es ist schwierig. Zum Beispiel in der Musik, da kannst du nicht einfach sagen, machen wir Musik, sondern du nimmst eine Struktur, innerhalb der man die Dinge aufbaut. Da kann ich jede nehmen, aber selbst im Freejazz gibt's Sachen, an die man sich halt. Das reine Zufallsprinzip ist mir zu wenig, zu zerfahren und zu abgehoben. Dazu bin ich noch zu sehr Mensch, hab einen Körper und eben damit meine Grenzen.

Strebst du so etwas wie Erleuchtung an?

Ich habe das jahrelang angestrebt, inzwischen finde ich es total vermessen, dass ich mir einmal eingebildet habe, ich könnte das wirklich erreichen. Nicht dass ich verzweifelt wäre. Ich hab immer gedacht, es gibt diesen Moment, und ab da bist du erleuchtet. Inzwischen glaube ich, dass ich schon ein paar Momente und Augenblicke hatte, wo ich erleuchtet war. Die sind aber nicht zu halten. Und in diesem Zustand lässt es sich nicht Leben verstehen, hat damit wenig, vielleicht gar nichts zu tun. Um zu leben, bedarf es eigentlich der Nicht-Erleuchtung. So kommt es mir vor. Im erleuchteten Zustand brauche ich keinen guten Rotwein trinke, da brauch ich auch keine Musik mehr.

Also du willst gar nicht erleuchtet sein, weil der Rotwein und Musik für dich so wichtig sind?

Und die Sexualität!

Könnte es so sein, dass diese Erleuchtungserlebnisse letztlich gar nicht die Erleuchtung sind, sondern die nächste Superillusion, die wieder zur nächsten Superenttäuschung führt? Das ist die Falle: Jetzt bin ich erleuchtet.

Ich habe ja ziemlich spat die Musik zu meinem Beruf gemacht. (Im Hintergrund läuten die Goiserer Kirchenglocken). Mit 30 Jahren habe ich angefangen, Musiker zu sein, mit 40 habe ich den großen Erfolg gehabt. Ich habe zuvor an die sieben Jahre viel meditiert, jeden Tag allein, mich viel mit spirituellen Dingen beschäftigt. Irgendwann hab ich mir gedacht, "Hubert, hör auf, denk nicht über diese Dinge nach." Weil für mich war es irgendwie eine Form von Nachdenken, auch wenn man versucht, die Gedanken zu transzendieren. "Setz dich nimmer hin, tu, beweg dich, weil das Sitzen ist es nicht." Und indem Moment, wo ich aufgehört hab zu meditieren, ist es auf einmal "wusch" gegangen. Als ich viele und moralische Grundsätze gelassen habe – alles weg -, dann hatte ich plötzlich Erfolg, es ist einfach passiert. Und das ist für mich schon eines der zentralen Probleme, dass dieser Erfolg eng damit verbunden war, dass ich keine moralischen Grundsätze mehr gehalten habe. Auch nicht mehr meditiert habe!

Für mich ist das wirklich folgerichtig.

Warum?

Vorher war alles noch in alten Bedingtheiten. Dann ist eine ganz ein wesentliches Sache weggefallen, dieser Zwang: "Auch ich muss diesen Weg gehen, meditieren lernen und erleuchtert sein." Damit erreicht man eine nächste Plattform. Das Problem ist nur: Durch diese Lösung des Wegwerfens von all dem bin ich wieder auf einer Ruheplattform. Die nächste Falle ist zu glauben, dort sei es aus. Doch es geht noch weiter. Irgendwann muss man sich weiter auf den Weg machen. Es geht dann nicht mehr so über Meditieren. Dieses Ziel ist dann erreicht. Man kann's ganz gut im Alltag selbst prüfen: Leide ich, bin ich ärgerlich, sind da negative Emotionen? Lebe ich wirklich 24 Stunden, ohne dass ich mir was vormache, in einer Bewusstheit – gelassen, friedfertig, mitfühlend? Also wenn das nicht der Fall ist, dann geht es schon noch weiter.

Ich bezweifle nicht, dass es weitergeht. Also ich hab nicht die Illusion, dass ich am Ende angelangt bin. Aber ich bin gespannt, wie's weitergeht.

Bin ich auch.

Gefährlicher Wendepunkt?

www.oeko-net.de 1999 | Text: Helmut Forster-Latsch

Die Tibet-Frage und die chinesische Politik

[...] Eine Reise ganz besonderer Art hat der Rockmusiker Hubert von Goisern auf seiner CD Tibet INEXIL unternommen. 1996 hat er seinen Rucksack gepackt und sich auf den Weg nach Lhasa gemacht, weil ihn das "Fremdartige, ja Unzugängliche" der tibetischen Kultur wie auch die "unglaublich klingenden Geschichten über die chinesische Besatzungsmacht" reizten. "Was ich vorfand, übertraf alles Gehörte und Gelesene. Die Willkür des Terrors war leider ebenso allgegenwärtig wie die tiefe Spiritualität und die daraus resultierende Friedfertigkeit des tibetischen Volkes." Seine CD, "dringlicher Notwendigkeit einer Solidarität mit den Unterdrückten" folgend, ist eine musikalische Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Kulturen.

Lügen, foltern, morden

Kleine Zeitung 28. Juni 1998

Hubert von Goiserns Herz schlägt seit langem für Tibet. Seit er dort war, weiß er um die Grausamkeit der Besatzer und die Ignoranz des Westens. "Ich komm' selbst aus dem Bergland, aber Tibet hat mich schon als Kind fasziniert", sagt Hubert von Goisern in einem Interview mit Lutz Maurer, das Sie heute abend sehen können. Der Megastar des österreichischen Ethno-Rock ist im Mai nur mit einigen Begleitern durch das Land gereist.

Mit ihm fuhr Tseten Zöchbauer, gebürtige Tibeterin und Organisatorin jener vielbeachteten Tournee, die vor einigen Monaten in Österreich zu sehen war. Goisern hatte die Tibeter damals durch sein Beisein unterstützt. Und seine Sehnsucht nach dem Land selbst ist dabei übermächtig geworden.

Fürchterlich sei sie Situation: "Freude, Ekstase und Tränen liegen so nahe beieinander", sagt der Musiker. Da gibt es ein Besatzungsregime, das "lügt, betrügt, foltert und mordet, und der Westen tut so, als ob da nix wär."

Der weitgehend gewaltfreie Kampf der Tibeter gegen die Chinesen nötigt Hubert von Goisern "enormen Respekt" ab, Aber ohne die Assistenz von außen sei er wohl aussichtslos: "Es ist fürchterlich zu sehen, wie sie dabei leiden müssen." Er wolle das, was in Tibet geschehe, nicht für alle Chinesen verallgemeinern aber dort seien sie brutal.

Auch die österreichische Delegation, die kürzlich China bereiste, habe kläglich versagt: Sie war gebeten worden, nach dem Schicksal des Pantschen Lama, eines sechsjährigen Kindes, das die Chinesen verhaftet haben, zu fragen: "Die haben gesagt: Red ma s' besser gar nicht an auf dieses Thema, wir wollen ja einen Dialog. Ja was ist denn das für ein Dialog, wenn wir uns alle Themen aufzwingen lassen?!"

Tibet-Gesänge, samtig sanft

Kurier 14. Juni 1998

HvG und der Dalai Lama"Regen bringt Glück sagt der Dalai Lama." Hubert von Goisern wiederholte es, als er Freitag nacht in Hallstatt vom Wind verblasen wurde. Hallmania mit Wasser-, Licht- und Lasershow war zu den Kulturerbe-Festen angesagt Doch erst fiel die Technik aus, dann trug's die Planen für die Bildprojektionen davon.

Regen bringt Glück. Kläglicher Trost für jene tausend Verehrer, die des Goiserers Rückkehr auf die Bühne mit Pracht & Herrlichkeit zelebrieren wollten. "Wia die Zeit vergeht", hat sie Hubert dann doch begrüßt. Nur zur Erinnerung. Sonst ist alles neu: Die tibetische Tracht, das fast schulterlange Haar. Und statt Alpinkatze Sabine steht Tibetstimme Pasang Lhamo vom Dach der Welt neben ihm am Mikrofon. Eine von vier Künstler/ Innen, die er im Tibetischen Institute of Performing Arts im nordindischen Dharamsala vorfand, wo viele vor der chinesischen Besatzung geflüchtete Tibeter ihre Kultur zu bewahren suchen.

Letzten Herbst lud er sie nach Salzburg in sein Tonstudio ein: Opernsänger Sonam, seinen Kollegen Jamjang und die Mädchen Shareb & Pasang. Sechs Wochen lang nahmen sie zwölf Lieder auf: Die vom "jüngsten Gefangenen Tibets" erzählen, dem sechsjährigen Panchen Lama, der zum nächsten "Oberhaupt" bestimmt ist, aber von den Chinesen an einen unbestimmten Ort entführt wurde. Von Wolken-Perlen und Adlern, den Juwelen des Himmels. Oder vom 6. Dalai Lama, der im 17. Jahrhundert lieber Schenken und Frauen in der Stadt frequentierte als den Heiligen Palast. Mit sanften hellen Stimmen, die nicht versuchen, westlich zu singen.

Der Goiserer hat das Rohmaterial bearbeitet. Um "einzigartige und unverwechselbare Weltmusik" herzustellen. Unter dem Titel Inexil brachte BMG jetzt die ersten CDs auf den Markt. Fein abgestimmt auf den Besuch des Dalai Lama in Ischl. Bei der Eröffnung der Ausstellung "Faszination Tibet" war Hubert von Goisern ebenso dabei wie Kulturerbe-Retterin Francesca Habeburg. Strahlkraft der subtileren PR-Art für eine Musikproduktion, die nun "unter die Leut' kommen soll".

Zugleich mit Goiserns afrikanischem Album Gombe. Der Krönung seine Begegnung mit Afrikaforscherin Jane Goodall, zwei Reisen in den schwarzen Kontinent und dem Land der Berge-Film mit Lutz Maurer: "Klänge, die vielleicht den Zauber und die Wildheit des Paradieses am Tanganjikasee weitergeben können", hofft Hubert.

Doppeltes Ergebnis seines Rückzugs vor vier Jahren, als der sensible, intelligente Unruh-Geist die Spiele einer markt- und gewinnorientierten Musikindustrie nicht mehr spielen wollte. Die gehen jetzt wieder von vorne los. Trotzdem ist alles ein wenig anders: Hubert Achleitner hat inzwischen auf seinen Reisen die Willkür des Terrors gegen die Tibeter erlebt, aber auch die unerschütterliche Fröhlichkeit des Dalai Lama und die samtige Sanftheit der Musiker vom Dach der Welt. Sie nennen sich "weiße Krähen" - weil "weiße Krähen anders sind als der Schwarm." Und mit dem Schwarm ist auch der Goiserer noch nie geflogen.

Jodeln ist die geilste Sprache der Musik

Zentralnerv.de | Text & Foto: Bernd Schweinar

Hubert von Goisern kehrt nach vier Jahren klangmalerisch zurück

Hubert von GoisernIllegal nach Tibet gereist überwog in Afrika das Gefühl, waren es in Tibet eher die Emotionen. "Passiert" sei ihm Tibet, "weil es eine Anfrage und ein politisches Problem gab". Trotzdem sei er auch hier "über die Musik in dieses Thema reingekommen". Musik, die für ihn "nur spürbar - nicht nachvollziehbar" war! Eine in österreich lebende Exil-Tibeterin hatte ihn gebeten eine Tournee tibetischer Musiker und Tänzerinnen zu unterstützen. Um das Bewußtsein der österreichischen Bevölkerung darauf hinzuweisen, daß es ein Tibet gibt und dieses Tibet ein besetztes Land sei, habe er sich engagiert und war "ganz fasziniert von dieser Kultur".

"Danach habe ich noch zwei Wochen gebraucht und zu der Exil-Tibeterin gesagt: Komm' wir fahren jetzt nach Tibet". Die Reise erfolgte "auf sehr abenteuerlichen Wegen", Kanäle, über die er "aus Sicherheitsgründen für andere Exil-Tibeter" nichts sagen könne. Mit Freunden hatte er vereinbart, daß er sich einmal wöchentlich telefonisch melden würde. Sollte der Anruf ausbleiben, hätten diese die öffentlichkeit alarmiert. Schwierig sie die Reiseentscheidung erst recht für die Exil-Tibeterin gewesen, die seit ihrem zweiten Lebensjahr nicht mehr in ihrer Heimat war, aufgrund ihres Schweizer Passes, dann aber doch alle Bedenken abstreifte.

Hubert von Goisern: "Ich war überzeugt, daß es sich bei den Geschichten die ich vorher hörte zu einem beträchtlichen Teil auch um Propaganda handelt, genauso wie es massive pro-chinesische Propaganda gibt". Er fand "nicht nur alles Negative bestätigt", es sei vielmehr "alles noch viel schlimmer" gewesen. "Ich habe das erste Mal in meinem Leben erfahren, was Freiheit bedeutet, weil ich Unfreiheit bis dahin nicht erlebt hatte", schildert er voller Emotionen. In Tibet gebe es "ein Netz von Spitzeln und eine Willkür der Macht", der man "immer und jederzeit ausgesetzt" sei. Es müsse nichts passieren, aber es könne jederzeit etwas passieren: "Dieses Bewußtsein reibt dich auf". Ein noch immer aufgewühlter Hubert von Goisern: "Du weißt nie, ob du jetzt einem Freund oder einem Feind gegenüber stehst. Diese Unsicherheit und dieses Mißtrauen prägen dort alles! - es ist fürchterlich".

Aufgeladen und "mit viel Mitteilungsbedürfnis" sei er damals aus Tibet zurückgekehrt. Er hat Reiseberichte verfaßt, Pressekonferenzen gegeben und merkte: "Ich drohe zu einem Journalisten zu werden, der über politische Verhältnisse berichtet". Hingegen sei er noch immer am verständlichsten und wahrhaftigsten", wenn er das was er spürt mit Musik ausdrucke. Er nahm dann mit dem "Tibetan Institute Of Performing Arts" im nordindischen Dharamsala und den Künstlern, die er noch von deren österreichtournee kannte, Kontakt auf und lud diese zu Aufnahmen nach österreich ein.

Bei der CD In Exil / Tibet sah er sich eher in der Produzentenrolle. "Ich sagte zu den Tibetern: Laßt uns doch das was euch bewegt, eure derzeitigen Träume und Leiden mit euren musikalischen Traditionen ausdrücken - aber eben auch mit dem, was im Grunde genommen zu einem Teil eurer Tradition geworden ist". Aber damit war er mitten in einer elementaren Konfliktsituation. Nur zwei der Musiker seien je selbst in Tibet gewesen, der Rest wurde im Exil geboren. In Indien wurden sie tagsüber geprägt von Hindi-Pop und westlicher Musik. Was diese jungen Musiker abends auf der Bühne präsentieren, sei in seinen Augen "Traditionsbewahrung, vergleichbar mit einer Vitrine in einem Museum". Dieser Generationskonflikt unterscheide sich aber in nichts von Kulturen irgendwo anders auf der Welt: "Mich hat vieles daran erinnert, wie es vor 15 Jahren mit unserer Volksmusik war - eine reine Traditionspflege, die mit dem hier und jetzt auch nichts zu tun hatte".

Die Arbeit mit den Tibetern erforderte Geduld. "Ich sagte, wenn ihr ein Lied singt, mit einem textlichen Inhalt und auch einer Melodie, die etwas bestimmtes transportiert, dann möchte ich, daß ihr das lebt!" Das sei für die "etwas ganz Neues" gewesen. Sherap habe gesagt: "Ich singe die Worte, aber ich fühle nichts, das ist nichts anderes, als wenn ich esse". Hubert von Goisern widersprach: "Das geht aber nicht! Man muß zu dieser Figur werden! Schauspieler machen es nicht anders und schlüpfen in eine Rolle hinein. Diesen Mut muß auch ein Musiker haben".

So, wie Pasang sich mit dem gemeinsamen Song Kham-Lu bei einer Aufzeichnung des Bayerischen Fernsehens (Songs an einem Sommerabend, Sendetermin: 4. September, 19.45 Uhr) auf Kloster Banz in Oberfranken präsentierte und den 4.000 Besuchern ins Gefühlsleben drang, hat Huberts Arbeit dennoch Früchte getragen. "Die Pasang hat eine Magic, die unter die Haut geht" und Huberts eigene Begeisterung ist in seinen Worten spürbar. Sein Beitrag für Tibet könne insgesamt nur ein rein solidarischer sein. Mit Veröffentlichung der CD sei diese Phase für ihn zunächst einmal abgeschlossen. Er habe zwar Visionen und Ideen, wie es weitergehen könnte, aber ob die Tibeter wieder zu einer gemeinsamen Tournee nach Europa kämen oder eventuell bei seiner Tournee einen Block erhalten, das könne er nicht beeinflussen. Hubert: "Es muß ein Interesse der Tibeter kommen, damit diese Zusammenarbeit weitergeht".

Zielpunkt: eigenes Album mit Tournee 1999

Noch habe er keine neuen Songs im Kopf, aber er spüre "ein immenses Musiziergefühl". Es gebe vieles was aus ihm heraus möchte. "Ich habe ein fast körperliche spürbares Gefühl von dem, was ich umsetzen möchte", gestikuliert Hubert von Goisern mit den Händen. Ab September müsse er "das identifizieren und hörbar machen", damit daraus konkrete Nummern würden. Im Winter möchte er soweit sei, die neue CD einzuspielen, damit er im Frühjahr 1999 die Zeit der Bühnenabstinenz mit einer Tournee beenden könne.

Seine Beiträge zu Gombe und In Exil zeigen, daß der Tendenzpegel lautmalerischer ausschlagen könnte. Hubert von Goisern: "In mir ist ein gewisses Bedürfnis, die Musik internationaler zu machen. Wenn ich Dialekt singe, ist es sehr regional. Wenn ich dagegen jodle, die Stimme als Instrument einsetze, dann kann ich das in Afrika oder Tibet genauso machen, wie in Amerika." Grundsätzlich würde das aber nicht heißen, daß er sich von textlichen Inhalten verabschiede. Das sei eher eine Dimension, die er mal etwas zur Seite gelegt habe, weil er in erster Linie musizieren möchte: "Musik ist für mich die geilste Sprache - in dem Moment, wo Worte hinzu kommen, engt man seinen Interpretationsspielraum sehr ein, weil man den Leuten vorgibt, sie hätten jetzt etwas ganz Bestimmtes zu empfinden, weil das die Geschichte von was auch immer sei". Musik als solche sehe er viel freier und er wolle da auch noch viel tiefer eintauchen.

Er will seine "alpine musikalische Tradition" auch weiterhin in die Musik einfließen lassen, artikuliert, daß er "nie tibetische Lieder selber singen" werde. Andererseits sieht er es als Glück an, durch Zufall nach Afrika und Tibet gelangt zu sein. Dadurch habe sich für ihn "jetzt alles wieder geöffnet": "Ich mußte meine tradierten Denk- und Handlungsweisen vollkommen vergessen, mußte sie zerschlagen, um in die anderen Traditionen eindringen zu können", reflektiert er und fährt mit innerer Zufriedenheit fort: "Ich fühle, daß ich mein Terrain wieder völlig zerpflückt habe, kein Stein mehr auf dem anderen ist und ich wieder bei Null anfangen kann. Ich werde neue Dinge anpflanzen und zusehen, was davon aufgeht".

Drei Jahre hat er seine Ziehharmonika überhaupt nicht mehr in die Hand genommen: "Ich wollte nicht mechanisch in das hinein kippen, was sich für mich toll bewährt hat". Er sei ziemlich tolpatschig auf der Ziehharmonika geworden, aber "das tut mir unheimlich gut". Jetzt müsse er sich wieder einen ganz neuen Zugang zu diesen Klängen verschaffen. Außer seinem früheren Keyboarder wird von den Alpinkatzen aber niemand mehr dabei sein: "Ich muß mir jene Leute holen, die vom Grundtypus zu meiner neuen Musik passen und nicht erst eine Reinkarnation durchzumachen haben". Reinhard Stranzinger sei ein exzellenter Blues- und Rockmusiker, aber den könne er nicht in seine neue Musik zwängen, "ebensowenig, wie der österreichische Nationaltrainer Prohaska den genialen Mittelfeldspieler Andreas Herzog bei der WM nicht erfolgreich in die einsame Sturmspitze hat drängen können".

Er hofft, daß ein Teil seines früheren Publikums neugierig genug sei, zu erfahren, was ihn im Moment beschäftigt, um dann "mit offenen Ohren unvoreingenommen zuzuhören". Vieles sei exotischer geworden und er spüre die Gefahr, daß die Fans denken könnten: "Jaaaa! Interessant! Aber wie weiter?". Diese Gefahr sei vorhanden, aber wenn er - anders als bei der 15minütigen BR-Aufzeichnung, die er eher als zweifelhaften Ausschnitt einschätzt - sein volles Programm spielen könne, habe er auch wieder die Chance, seine Musik dem Publikum zu vermitteln.

Songs an einem Sommerabend, 1998

www.allmusic.de 2. Oktober 2002 | Fotos: © Bernd Schweinar

Diese Fotos wurden 1998 aufgenommen, als Hubert von Goisern mit einer neuen Band einige Lieder von Inexil vorstellte. Diese Band bestand aus Pasang Lhamo (TIPA), Stefan Engel (Alpinkatzen) und Roland Meyer sowie Burkhard Frauenlob, der bei Hubert 2000 - 2003 mitspielte.

Der Goiserer und vier weiße Krähen

Salzburger Nachrichten 8. November 1997 | Text: Martin Stricker

Hubert von Goisern produziert Tibetisches

"Ich möchte den jungen Menschen die Volksmusik zurückgeben. Diejenigen, die sie hören wollen, werden immer weniger. Und wir, wir bewahren nur unsere Tradition - anstatt der jungen Generation zu folgen." Als Sonam Phuntsok das sagte, standen er und seine Freunde am Beginn eines kühnen Projektes.

Sonam ist Opernsänger, einer der besten in seinem Ensemble. Ausgebildet wurde er in einer strengen Tradition, in einer, die seit Jahrhunderten unverändert blieb. Sonam ist mittlerweile selbst Lehrer. Und gibt weiter, was seine Lehrer ihm weitergegeben haben: Die Kunst der tibetischen Oper.

Diese Kunst wird an einem einzigen Ort der Welt gepflegt. In Dharamsala, Nordindien, fanden sich vor der chinesischen Besatzung geflüchtete Tibeter zusammen, um ihre Kultur zu bewahren.

In Salzburg haben es vier von ihnen gewagt, was noch niemand zuvor sich getraute: Die alte Musik ins 20. Jahrhundert zu führen. Ins alpine 20. Jahrhundert, um genau zu sein. Denn Produzent, Führer und Ideenlieferant ist Hubert von Goisern.

Sechs Wochen lang lebten Sonam, sein Kollege Jamyang Choeden sowie die Sängerinnen und Tänzerinnen Shareb Wangmo und Passang Lhamo mit dem Goiserer unter einem Dach. Ort des Geschehens: das Haus Huberts in der Stadt Salzburg, bestückt mit einem bestens ausgerüsteten Aufnahmestudio. "Was wir jetzt an Material haben, ist der Traum eines jeden Musikers", beschreibt Hubert das Ergebnis wochenlanger Arbeit. "Es ist das erste Mal, daß so etwas geschieht. Wir werden sehen, wie die Menschen reagieren", kommentiert Sonam das musikalische Gipfeltreffen. Aufgenommen wurden ein gutes Dutzend Lieder.

Sie handeln vom Panschen Lama, dem "jüngsten Gefangenen Tibets", einem fünfjährigen Buben, der zum nächsten Dalai Lama bestimmt ist und der von den Chinesen an einem unbekannten Ort festgehalten wird. Sie handeln vom 6. Dalai Lama, der im 17. Jahrhundert die Nächte lieber unten in der Stadt in den Schenken und bei den Frauen verbrachte als oben im heiligen Palast. Sie handeln von den Adlern, die die Juwelen des Himmels und den Wolken, die die Perlen sind. Und sie klingen märchenhaft fremd - wenn auch zumindest teilweise in gewohnten Rhythmen. "Wir haben nicht versucht, westlich zu singen und zu spielen", beschreibt Jamyang Choeden die Methode. "Wir haben unsere Musik mit der Euren harmonisiert." Und versucht, eine Sprache zu finden, ohne die traditionellen Muster zu verraten.

"Erst die Hälfte der Arbeit ist geschafft", sagt Sonam. Die weitere Bearbeitung des Rohmaterials übernimmt der Goiserer. Bis Weihnachten soll alles abgemischt sein, im Frühjahr kommt die CD auf den Markt. Produzent Hubert von Goisern wird ebenfalls zu hören sein, mit Gesang und auch mit Instrumenten. "Die Herausforderung ist, daß es Weltmusik wird, aber keine Allerweltsmusik." Unverwechselbar soll es werden und einzigartig. "Ich kann mir nur noch selbst im Weg stehen, aber das glaub' ich nicht".

Und doch: Es gab Tage, an denen "ich total verzweifelt war", erzählt der Goiserer. Zwei Wochen dauerte die Annäherung zwischen Tibet und Österreich, die Einigung auf gemeinsame mentale Spielregeln. Das war nicht zuletzt deswegen so schwierig, weil die Musiker vom Dach der Welt zwar sanft wie Samt sind, aber still wie ein Bergsee. "Wir haben viele Sachen ausprobiert, die wir dann wieder verschrottet haben. Aber plötzlich ist's dann gelaufen."

Hubert von Goisern jedenfalls ist überzeugt und begeistert von dem, was entstanden ist. Seine Hoffnung für die Premiere als Produzent: "Daß es zu den Leuten kommt."

Die vier Tibeter sind wieder zu Hause angekommen. "Da werden wir dann weiße Krähen sein", sagten sie einmal. "Weil weiße Krähen anders sind und nie mehr ganz dazugehören werden." "White Crows" - weiße Krähen - das wird der Name der Musikergruppe sein.