Hubert von Goisern
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TRAD II TOUR 2004

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Zeitgeister: Hubert von Goisern "Mein Credo lautet Offenheit, du musst für alles offen sein"

Neue Kärntner Tageszeitung Juli 2004 | Text: Christina Webernig

Was verbinden Sie mit Kärnten?

Ich komme sehr gerne nach Kärnten, besonders zum Schifahren. Das Salzkammergut, wo ich herkomme, ist von der Landschaft und vom Lebensgefühl her sehr ähnlich.

Wie sehen Sie sich selber?

Das kommt immer auf die Stimmungslage an. Einmal empfinde ich mich als angenehmen, dann wieder als anstrengenden Zeitgenossen. Ein gutes Bild abzugeben, gelingt leider nicht immer.

Sehen Sie sich selber als "Zeitgeist"?

Zeitgeister sind wir alle. Menschen sind geistige Wesen, die durch die Zeit treiben. Die einen sind altvatrischer, andere avantgardistscher und wieder andere sind Vorseher, die mit der Zeit, in der sie leben, nicht auskommen.

Was bedeutet der Titel Ihres aktuellen Albums Trad II?

Trad steht für das englische "traditional", also Volksweise. Volksweisen sind Werke, deren Urheber unbekannt sind. In Trad II werden mündliche Überlieferungen verarbeitet, das sind "Hits" von vorgestern. Jedes Lied geht seinen Weg, es nimmt andere Formen an und unterliegt einem ständigen Wandel.

Welche Themen werden in Trad II verarbeitet?

Das kann ich eigentlich auf keinen Nenner bringen. Jeder soll sich das Album selber anhören. Ich kann das nicht einengen, von mir gibt es keine Höranleitung.

Wo finden Sie die Anregungen für Ihre Lieder?

Zum einen höre ich viel Musik. Wenn mir etwas gut gefällt, bleibt es in meiner Erinnerung und kommt irgendwann wieder hoch. Dann kann es sein, dass ich es in ein neues Stück miteinfließen lasse. Andere Ideen kommen ganz von selbst daher. Das Wichtigste ist, ein aufmerksamer und geduldiger Zuhörer zu sein.

Wie lautet die Botschaft Ihrer Texte?

Auf eine Botschaft erhebe ich keinen Anspruch. Jeder soll mitnehmen, was für ihn wichtig ist.

Fühlen Sie sich dem "Austropop" zugehörig?

Ja, irgendwie schon, weil ich aus Österreich komme. Meine musikalische - die alpine - Tradition ist so etwas wie moderne Volksmusik. Und das kommt schon nahe an Popmusik heran.

Wie stehen Sie zur Kurzlebigkeit der Popsongs?

Wir alle sind vergänglich. Etwas Ewiges gestalten zu wollen, wäre vermessen. Selbst von den alten Ägyptern sind heute nur noch "tote Stoanahaufn" übrig.

In Ihrer Musik verbinden Sie Exotisches mit Heimischem...

Durch meine Reisen bin ich von ethnischen Volksmusiken beeinflusst. Das ist einfach ein Musizier- und Lebensgefühl. Mein Credo lautet: Offenheit. Du musst für alles offen sein, was kommt. Ich war zweieinhalb Jahre in Nordamerika. Dort gibt es keinen Traditionszwang in dem uns bekannten Sinn außer bei den Indianern. Die Leute sind offen für alles. Dieses Lebensgefühl hat mir sehr getaugt. Und die Menschen haben wenig Berührungsängste, das finde ich sehr gut.

Sie sind ein Weltenbummler...

Ich reise für mein Leben gern. Neue Situationen schärfen die Sinne. Unbekanntes fordert zu neuen Standortbestimmungen auf.

Was bedeutet für Sie der Begriff "Heimat"?

Da hab ich zwei Definitionen: Zum einen heißt es Erinnerung. Das muss nicht unbedingt positiv sein. Ein Mensch kann durch Krieg oder Gewalt schlechte Erinnerungen an seine Kindheit haben. Trotzdem sind diese Erinnerungen irgendwie ein Stück Heimat. Zum anderen wird jener Ort zur Heimat, an dem man sich miteinbringt. Sobald man die Passivität ("Des geht mi nix on") hinter sich lässt, wird das zur Heimat.

Wo ist Ihre Heimat?

Momentan in Salzburg. In der Stadt leben meine Frau und meine Kinder und "Nachhausekommen" ist wirklich eines der schönsten Gefühle, die ich kenne.

Musik verbindet die Menschen auf der ganzen Welt

Passauer Neue Presse 29. Juli 2004 | Foto: Ausserer

Ein Interview mit dem österreichischen Musiker Hubert von Goisern
- Zwei Openair-Konzerte auf dem Passauer Domplatz am 1. und 2. August

Hubert von Goisern

Der österreichische Musiker und Weltenbummler Hubert von Goisern sorgt dafür, dass der traditionellen Volksmusik ihre Würde zurückgegeben wird. Bloßes Bewahren der alten Weisen genügt ihm nicht - der Weltmusiker erfindet traditionelle Musik immer wieder neu, damit sie überleben kann. Nach vielen Reisen durch Afrika und Tibet ist er auf seiner neuesten CD Trad II musikalisch wieder in seiner österreichischen Heimat angekommen. Am 1. und 2. August tritt er auf dem Passauer Domplatz auf. Im Interview mit Anna Ausserer spricht er über Tradition, Heimat und darüber, wie Musik die Seele berühren kann.

Ihr habt die Trad II-CD auf dem 2100 Meter hohen Krippenstein in Österreich aufgenommen. Allein der Transport der Ausrüstung per Seilbahn war sehr aufwändig. Warum all der Aufwand?

Wir wollten das Album in einem Ambiente aufnehmen, das uns größte Konzentration ermöglicht, weil da eben keine Ablenkung ist wo man ausgesetzt ist und noch viel stärker aufeinander angewiesen ist als in einem Studio, wo die Leute kommen und gehen. Dann hat mir auch die Idee sehr gut gefallen, nicht in einem Studio aufzunehmen, weil das immer auch so a bissl einschüchternd ist. Da oben in der Bergkulisse war alles viel freier und ich glaube, es war den Aufwand wert.

Wie unterscheiden sich die Zuhörer in Österreich von jenen in Deutschland und der Schweiz? Wer ist enthusiastischer?

Ich spiele gerne außerhalb von Österreich. Je weiter man weg ist von Österreich, desto größer werden die Offenheit und der Interpretationsspielraum dessen, was wir machen. Die Menschen zu Hause kennen meine Lieder teilweise und verbinden oft eine persönliche Geschichte damit. Sie kennen die alten Volkslieder von früher und verstehen oft nicht, warum ich sie so oder so spiele, warum ich einen Takt auslasse oder ihnen ein gänzlich neues Gesicht gebe. Da gibt es schnell Vergleichsparameter und die Maßstäbe sind strenger, je näher man dem Epizentrum kommt. Im Ausland geht man unvoreingenommener an die Musik heran, weil sie eh total exotisch ist.

Wie sieht es aus mit Sprachbarrieren?

Trotz der exotischen Aussprache ist es ja immer noch die deutsche Sprache. Ich denke, dass die meisten Menschen meinen Dialekt immer noch besser verstehen als viele englische Texte.

Die neue CD trägt den Namen Trad II, was ja fürs englische "traditional", also Volksweise, steht. Was bedeutet für Sie Tradition?

Tradition ist das, was wir von unseren Vorfahren mitbekommen haben, und das bezieht sich auf alles, was wir tun. Wir bewegen uns so wie es uns unsere Urahnen vorgemacht haben. Oft sind wir auch gefangen in unseren Denktraditionen und kommen oft drauf, dass es eigentlich Vorurteile sind. In der Musik ist es ähnlich. Es muss nicht immer volksmusikalische Tradition sein. Bei mir gab es auch große Einflüsse aus dem Radio. Die Beatles, The Who, Santana. Auch mit dem Blues kam ich sehr früh in Berührung. Durch den Blues hab ich vielleicht diesen Zugang zur Freiheit in der Musik bekommen. Dieses Gefühl, dass die Musiker nicht nach Noten spielen, sondern, dass da die Seele hineingelegt wird.

Hubert von Goisern ist ja auch immer ein wenig der Weltenbummler. Woher kommt dieses Gefühl, immer wieder hinaus in die Welt zu müssen?

Ich bin abenteuerlustig, risikofreudig und von Grund auf neugierig, was sich hinter der nächsten Ecke versteckt. Ich setze mich gerne Situationen aus, die ganz unvertraut für mich sind und all meine Sinne fordern. Situationen, in denen ich all meine Denkmuster über Bord werfen muss. Zu Hause gewöhnen wir uns gerne eine Routine an. Wir wissen, wo wir unsere Semmeln kaufen gehen oder wo wir ein Bett zum Schlafen finden. Wenn man in der Ferne ist, wird dies plötzlich unvertraut und das macht mich lebendig, es gibt mir die Chance, einen Blick von außen auf mich selbst zu werfen, ich kann lernen, wieder über mich zu lachen, mich selber in Frage stellen.

Wohin reisen Sie besonders gerne?

Ich bin gerne in Landschaften, die einem Achtsamkeit abfordern, wo der Mensch in den Hintergrund tritt. Ob Wüste, Ozean oder Berge - dort fühle ich mich geerdet.

Und dennoch sind Sie ein sehr heimatverbundener Mensch. Was heißt Heimat für Sie?

Heimat ist immer Erinnerung

Zum einen ist Heimat da, wo ich mich einbringe. In dem Moment wo ich mich in einer fremden Kultur, in einem fremden Land einbringe, mache ich es mir zur Heimat. Wenn wir uns nicht einbringen, sind wir nirgends zu Hause, sind immer nur Gast, ob das in der Ferne ist oder in unserem eigenen Heimatland. Zum anderen ist Heimat immer Erinnerung. Und je nachdem, ob wir in unserer persönlichen Biografie positive oder negative Erinnerungen haben, ist Heimat für uns schön oder nicht schön. Der Begriff Heimat ist nicht wertend zu sehen und man sollte ihn nicht verklären. Der Heimatbegriff bekommt schnell so den Beigeschmack des Paradiesischen. Es gibt viele Menschen, die in Kriegsgebieten aufwachsen, für die ist der Begriff Heimat alles andere als positiv.


Sie waren viel unterwegs und hatten Kontakt zu Volksmusik aus vielen fernen Ländern. Gibt es einen gemeinsamen Nenner zwischen all diesen verschiedenen Arten von Volksmusik?

Das Gemeinsame ist das Gemeinsame! Eine musikalische Tradition muss, um als Volksmusik bezeichnet werden zu können, eben dieses Kollektive haben. Es geht nicht darum, dass einer vorträgt und die anderen zuhören. Ein Merkmal der Volksmusik ist, dass alle einstimmen, alle gemeinsam zelebrieren. Das Gegenteil davon wäre das Konzertante, wo einer auf der Bühne steht und die anderen ihn musizieren lassen. Die Gemeinsamkeit sehe ich weniger in einzelnen Elementen der Musik wie Rhythmik oder Melodik als eher in der Tatsache, dass Musik Menschen verbindet, auf der ganzen Welt. Je mehr Musik zu einer Kunstform wird, umso weniger tut sie dies eigentlich.

Welche Art von Musik berührt Sie besonders?

Das kann alles sein, solange es mit Seele musiziert ist. Am ehesten vielleicht orchestrale Musik, die sehr vielschichtig ist, oder Oper. Jedenfalls Musik, die dauert und in die man sich ganz hineinfallen lassen kann. Romantische Musik. Mahler und Mozart natürlich. Nachdem ich selbst Musikant bin, brauch ich schon anspruchsvolle Musik, damit ich aufhören kann, einzelnen Instrumenten zuzuhören, und mich vergessen kann als Zuhörer. Dies funktioniert am besten mit Musik, die ich selber nicht mache.

"Bin das schwarze Schaf"

Vorarlberger Nachrichten 29. Mai 2004 | Text: Christa Dietrich | Foto: APA

Hubert von Goisern ist mit zeitgemäßer Volksmusik am 9. Juni in Vorarlberg

Bregenz (VN) Man hört ihn jodeln, vernimmt Volkslieder, wunderbar arrangiert, klar interpretiert. Mit Trad II ist Hubert von Goisern, Österreichs bekanntester, sanfter und unverwechselbarer Alpinrocker wieder da, demnächst auch in Bregenz.

Hubert von GoisernDie neue Produktion Trad II beinhaltet wieder mehr österreichische Volksmusik. Es heißt, Sie haben zum ursprünglichen Musikstil zurückgefunden. Können Sie dem überhaupt zustimmen?

So kann man es nicht sagen. Es ist das erste Mal, dass ich so etwas mache, schon deshalb kann es nicht das Ursprüngliche sein. Es geht aber auch um den Grundstock meiner Musik. Ich habe mich auf einen Stil beschränkt, obwohl es Leute gibt, die das Gegenteil behaupten. Es sind Volkslieder aus der eigenen Heimat, die wir spielen, so, wie ich sie mag.

Wo sind ihre musikalischen Wurzeln angesiedelt?

Die Volksmusik ist ein Teil, der Blues ist ein anderer wichtiger Teil, dann kommen noch Jazz, Funk und Soul. Die haben mich in meiner Entwicklungsphase stark beeinflusst. Volksmusik würde ich im weitesten Sinne dazurechen, weil ich damit aufgewachsen bin. So richtig wahrgenommen habe ich sie erst, nachdem ich lange Zeit im Ausland war.

Reisen nach Tibet und Afrika haben Sie inspiriert. Wie wichtig war das bzw., was bleibt davon nach einigen davon inspirierten Produktionen weiterhin bestehen?

Nach diesen beiden Produktionen hatte ich schon das Gefühl, dass das etwas war, womit ich mich eben beschäftigt habe, dass es vorbei ist. Ich glaube aber, dass aus dem Unterbewusstsein immer Sachen hervorkommen. Das Komponieren ist mitunter ein sehr unbewusster Vorgang.

Ich habe kürzlich mit dem Schriftsteller Michael Köhlmeier gesprochen. Er hört ihre Lieder gerne, ist jemand, der es bedauert, dass deutsche Lieder, bedingt durch den Missbrauch durch die Politik, leider oft einen Nachgeschmack haben, dass er selbst daher mit englischen Liedern aufgewachsen ist. Wie sehen Sie das?

Das sehe ich auch so. Für mich waren Ambros und Heller ganz wichtige Leute. Junge Leute müssen heute Umwege gehen, um zum deutschen Liedgut zu kommen. Es ist in den Medien nicht vertreten. Das einzige Deutsche, das man hört, ist der volkstümliche deutsche Schlager. Sogar die Bayern haben da weniger Berührungsängste als die Österreicher. Es ist eine traurige Sache mit dem österreichischen Rundfunk.

Apropos Köhlmeier, könnte es eine Zusammenarbeit mit ihm geben?

Wir haben uns kennen gelernt, weil es da ein Projekt gibt, ich mag ihn sehr. Ich kann es mir vorstellen.

Haben Sie das Jodeln richtig lernen müssen oder etwa schon als Kind gekonnt?

Ja, ich musste es lernen. Ich bin das schwarze Schaf in der Familie, dass ich Musik machen und davon leben wollte, war ein Horror für die Familie.

Hat Sie eine Person musikalisch beeinflusst?

Da gibt es sehr viele. Miles Davis etwa, den ich wirklich bewundere. Es sind nicht nur die Kompositionen, sondern auch die Persönlichkeit, die diese Töne so magisch gemacht haben. Dann natürlich viele E-Musiker. Ich bin ein Verehrer von Mozart, das ist die höchste Stufe des Komponierens. Es ist nicht so schlimm, nicht so gut zu sein, denn es gibt sowieso keinen zweiten. Ich mag auch Mahler, bin ein Verdi- und Puccini-Fan, höre auch gerne Wagner ...

Leben Sie gerne in Österreich, was lieben Sie, was gefällt ihnen?

Ich mag die Berge, das ist noch ein Stück unberührte Natur, sonst ist alles verbaut. In den Bergen kann man noch sagen, dieser Stein gehört niemanden, also mir. Ich übernachte auch manchmal gerne allein im Schlafsack irgendwo da oben.

Ich gehe davon aus, dass Sie die Menschen nicht wirklich meiden. Wie ist das Gefühl, wenn Sie da vor Tausenden stehen?

Ich mag das gerne, freilich bin ich auch gerne unter Leuten. Ich bin aber kein Party- oder Wirtshausgeher, am liebste koche ich mir selbst etwas. Worauf ich aber auch stehe, ist dieses Kollektiv, das gemeinsame Erleben, das kann ich auch haben, wenn ich unten stehe, ich gehe selbst gerne in Konzerte oder Opernaufführungen, man kann das aber nicht planen, was da entsteht. Auf dieses Kollektiv stehe ich total, dass das spürbar wird, auch bei aller Individualität.

Sie kündigten an, dass der Ausflug ins Traditionelle ein begrenzter sei. Was kommt dann?

Ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass ich am 12. September das letzte Konzert spiele, dann mache ich zwei Jahre Bühnenpause, um einige Ideen reifen zu lassen. Gut, vielleicht hänge ich nach dem 12. September noch eines in Bad Ischl an, dort habe ich die Tour begonnen.

Vielen Dank für das Gespräch und eine schöne Zeit.

"Heimat ist, wo man sich einbringt"

Kurier 6. Juni 2004 | Text: Michaela Mottinger

Seit dieser Woche ist Hubert von Goisern auf Österreich-Tournee. Ein Gespräch über ferne Länder, andere Sitten und ein Fahrzeug, mit dem man sich auf Gott zu bewegt

Sie touren derzeit mit dem Programm Trad II durch Österreich. Im Entstehungsprozess der CD haben Sie drei Mal den Krippenstein bestiegen. Woran denken Sie, wenn Sie auf den Berg gehen?

Dass ich nicht runterfalle. (Er lacht.) Ich bin gerne in Landschaften, die einem Achtsamkeit abfordern, wo der Mensch in den Hintergrund tritt. Ob Wüste, Ozean oder Berge - dort fühle ich mich geerdet.

Ist die Trad II wieder "echte", kernige Heimatmusik?

Glaube ich nicht. Mit der Slide-Guitar haben wir ein paar Country-Klänge reingebracht. Und die echten Volksmusikfans sehen meine Art, Stücke zu interpretieren, sowieso als Sakrileg. Die echauffieren sich schon über den Gebrauch von Percussion-Instrumenten.

Haben Sie sich mit der amerikanischen Volksmusik beschäftigt?

Mit den Eskimogesängen. Country Music ist ein undefinierbarer Begriff und natürlich gibt's auch eine Art Musikantenstadl auf Amerikanisch. Die echte Volksmusik dieses Kontinents wären die Gesänge und Tänze der Indianer - und davon gibt es das Wenigste zu erfahren.

Man hat aber trotzdem das Gefühl, überall wo Sie hinreisen, nehmen Sie sich musikalisch etwas mit.

Nicht unbedingt. Ich war gerade eine Woche mit Beduinen unterwegs und wir haben nie gesungen. Erst am letzten Tag haben wir über Musik geredet, dann aber ausgemacht, ich komme in einem halben Jahr wieder. Und dann geben wir uns die Sessions in der Wüste.

Worauf reagieren die Leute auf Ihren Reisen am meisten? Aufs Jodeln?

Gesang ist persönlicher als jedes Instrument und verschiedene Formen des Jodelns gibt's überall auf der Welt. Die Kinder lachen meistens, wenn sie einen Jodler hören. In Afrika muss man Musik machen, die groovt, sonst finden die Leute keinen Zugang. In Tibet mögen die Menschen lang gezogene Musikbögen mit intensiver Stimme. Es kommt also auch drauf an, wo man ist.

Dann wird's wohl spannend, wenn Ihre Tour Sie nach Skandinavien führt.

In Lappland sicher. Es gibt im Frühjahr ein Festival samischer Sängerinnen und Sänger. Da möchte ich hin.

Wie wär's mit der Gründung eines Hubert-von-Goisern-Archivs für Volksmusik aus aller Welt?

Das können meine Nachfahren machen. Ich bin ein Gegner des Archivierens. Die Welt sammelt viel zu sehr und dabei geht ihr der Blick auf die Gegenwart verloren.

Zurück nach Hause und in die Vergangenheit: Ein Kritiker der FAZ hat geschrieben, auf der Trad II wäre Hitlers Lieblingslied drauf. Haben Sie damit kein Problem?

Ach so, der meinte abend spat. Nein, ich habe kein Problem. Das ist Teil unserer Heimat, Teil unserer Tradition. Leider! Man kann doch nicht, weil eine finstere Gestalt etwas belegt, sagen, das greifen wir nicht mehr an. Denn das führt dazu, dass man solchen Leuten das Terrain räumt. Man muss im Gegenteil diesem Gedankenumfeld die Dinge wieder entreißen. abend spat ist ein wunderschönes Lied.

Heimat ist ein oftmals missbrauchter Begriff. Haben Sie eine Definition?

Nicht nur eine. Heimat ist dort, wo man sich einbringt. Wenn man wo zu Gast ist, denkt man sich, man mischt sich nicht ein, es geht einen nichts an. Wenn ich mich aber einmische, mache ich die Angelegenheit zu einem Stück Heimat.

Ist dann Tibet Heimat? Dort haben Sie sich ja ziemlich eingemischt.

Ja, natürlich. Ich habe aber noch eine andere Definition: Heimat ist Erinnerung. Wobei Erinnerung nichts Positives sein muss. Es gibt Menschen mit schlimmen Erinnerungen an die Vergangenheit. Trotzdem wird sie immer ein Teil von ihnen sein.

Heimat und Tradition haben auch mit Religion zu tun. Sie sind bei der katholischen Kirche aus-, aber nicht zum Buddhismus übergetreten. Wo trennen Sie Religion und Glauben?

Für mich ist Religion wie ein Fahrzeug, mit dessen Hilfe man sich auf Gott zubewegt. Wenn man beginnt, das Fahrzeug anzubeten, dann stimmt's nicht mehr. Das ist es, was mich an der katholischen Kirche stört, die als Institution angebetet werden will. An einen ungegenständlichen Gott zu glauben, ist eine große Herausforderung - und genau die will ich. Ich will mir kein Bild machen.

Sondern?

Ich sehe Religion als ein Gedankengut, das uns hilft, miteinander auszukommen. Man kann nicht alles mit Gesetzen steuern, deshalb ist es wichtig, moralische Werte und Richtlinien zu haben. Für mich wäre aber aus der katholischen Kirche auszutreten und Buddhist zu werden, wie vom Regen in die Traufe zu kommen. Ich mag zu keiner Partei gehören, ich mag keine Grenzen haben, ich will nicht einmal, dass es Nationen gibt.

Aber Sie machen mit Ihrer Musik doch etwas regional sehr Spezifisches. Wo ist da die Grenzenlosigkeit?

Ich habe schon das Gefühl, dass meine Produktionen grenzenlos sind. Sonst hätte ich meine Lieder mit Hackbrett und Zither und drei Mäderln als Dreigesang eingesungen. Man kann andererseits auch nicht sagen, Tradition ist grundsätzlich schlecht, und ich erfinde jeden Tag das Rad oder den tiefen Teller neu. Jeder Mensch braucht eine Brücke zurück und eine Projektion nach vorne.

Außer für Musik interessieren Sie sich für das Medium Film. Ich habe gelesen, Sie möchten den Roman Stiller von Max Frisch verfilmen.

Ich möchte gerne wieder einmal vor der Kamera stehen. Und der Stiller ist ein Thema für mich. Diese Identitätsgeschichte, dass jemand nicht mehr der zu sein scheint, der er einmal war, gefällt mir. So geht's doch jedem: Du stehst in der Früh auf, und es nützt dir gar nichts, wer du gestern warst und was du getan hast. Dann triffst du die ersten Leute und die fangen an, dich zu schubladisieren. So lange, bis die Erwartungen, die man von außen an dich hat, deine eigenen werden. Drum ist Reisen für mich so wichtig. Das gibt mir die Gelegenheit, aus der Distanz einen Blick auf mich zu werfen.

Wenn Sie nicht reisen, leben Sie mit Ihrer Frau Hildegard und Ihren Kindern Niko (16) und Laura (10) in Salzburg. Sind die an der Musik des Vaters interessiert?

Die kommen eh nicht aus. Meine Tochter fährt in den Ferien mit auf Tour, die liebt das lässige Leben im Tourbus. Mein Sohn findet mein Leben eher anstrengend.

Es gibt eine Hubert-von-Goisern-Briefmarke im Wert von 55 Cent. Gefällt sie Ihnen?

Ich find's ganz lustig, das passt schon.