Hubert von Goisern
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TRAD II TOUR 2004

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Hubert Von Goisern: Man muss dem Zufall Zeit und Raum geben...

Soundbase Online 2. Juni 2004 | Text: SB

Hubert von GoisernVielen Dank, dass du dir Zeit für's Interview nimmst - zumal du ja gleich noch einen Auftritt hast. Bist du noch nicht nervös?

Heute geht's. Anders ist es bei sogenannten Heimspielen. Unlängst haben wir in Salzburg gespielt. Gleich so ein wichtiges Konzert zuhause im Festspielhaus - und das nach einer zweiwöchigen Tourpause...Das hat mich schon ein paar Tage vorher ziemlich beschäftigt.

Kannst du dich nicht einfach zuhause fühlen und das Konzert entspannt angehen?

Zuhause ist es stressiger als woanders. Man hat das Gefühl, eigentlich alle zu kennen und dann kommt sicher der Wunsch dazu, dass man gerade zuhause einfach gut ankommen und etwas Gutes abliefern möchte.

Weil du dort einen Ruf zu verlieren hast?

Das weniger, aber es sind halt mehr Hemmnisse da. Wenn wir das TRAD II-Programm hier in Düsseldorf spielen, ist das eigentlich unbekanntes Repertoire, das wir zum Besten geben. Für die Leute in Salzburg oder im Salzkammergut sind es Lieder, mit denen sie aufgewachsen sind und nun hören sie diese plötzlich in einem ganz anderen Gewand. Das sind Faktoren, die den Stress erhöhen.

Ihr habt die TRAD II-CD auf dem 2100 Meter hohen Krippenstein in Österreich aufgenommen. Allein der Transport der Ausrüstung per Seilbahn war sehr aufwendig. Habt ihr das nur wegen der schönen Natur gemacht und der Möglichkeit zum Skifahren zwischendurch, oder steckte mehr dahinter - wolltet ihr in "Klausur" gehen?

Der wichtigste Gedanke war eigentlich, dass wir in einem Ambiente aufnehmen, das uns größte Konzentration ermöglicht, weil da eben keine Ablenkung ist und du ausgesetzt bist und noch viel stärker aufeinander geworfen als in einem Studio, wo die Leute kommen und gehen. Im Normalbetrieb kommen die Leute frühestens um 10 ins Studio und dann ist es irgendwann mal so um 12 so weit, dass man was Brauchbares musiziert, was auch aufgenommen werden kann. Dann gibt's eine Pause, man geht raus aus dem Studio und ist wieder in der mondänen Welt. Man muss sich dann erst wieder eingrooven, wenn man zurückkommt. Dann hat mir auch die Idee sehr gut gefallen, nicht in einem Studio aufzunehmen, weil das immer auch so a bissl einschüchternd ist. Man hat das Gefühl, alles ist sehr bedeutsam, was wir im Studio machen, weil alles verkabelt ist und diese ganze Infrastruktur macht sich so wichtig. Das fällt da oben auf dem Krippenstein alles weg. Es hat sich dann auch bewährt, wir haben da viel freier musizieren können.

Suchst du dir deshalb ab jetzt immer so besondere Plätze aus für CD-Produktionen?

Die Aufnahme auf dem Krippenstein hat sich so ergeben, weil das Hotel dort droben leer stand und ich erfahren habe, dass es zu einem erschwinglichen Preis mietbar war als Gesamtes. Wenn sich wieder mal so eine ähnliche Gelegenheit ergeben sollte und eine Produktion ansteht, würde ich sie wieder ergreifen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich eine Produktion so hoch am Berg wahrscheinlich nicht mehr machen werde, weil die dünne Luft eine sehr transparente Qualität hat. Für das, was wir gemacht haben, war es geeignet, aber wenn man z.B. was Rockiges oder Funkiges machen will, was nicht nur laut sondern auch druckvoll sein soll, würde ich lieber schauen, dass wir ins Tal kommen, weil der Sound dort oben nie so dicht und druckvoll daherkommt wie auf Meeresspiegel-Niveau. Und das hörst du auch.

Aber ich bin schon der Meinung, dass man Studios vermeiden sollte. Ich habe ja selber ein Studio und das ist e mehr wie ein Wohnzimmer, aber es ist einfach schön, wenn man in einer Landschaft ist, die inspiriert.

Auf der TRAD I und II interpretierst du alte Volksweisen neu, die dich seit deiner Kindheit begeleitet haben. Würdest du die Musik als Cover-Musik bezeichnen oder hast du dafür zu viel eigenen Stil reingebracht?

Das eine schließt das andere ja nicht aus. Einen guten Cover zu machen, setzt eigentlich voraus, dass man einen eigenen neuen Zugang findet zu dem Stück, sonst ist es nicht notwendig und eigentlich Blödsinn, ein Cover zu machen. Es gibt auch Titel, die sind beim ersten mal einfach nicht gut aufgenommen worden, von wem auch immer. Es wurde der Kern der Sache nicht wirklich dargelegt. Da gibt's einige Bruce-Springsteen-Titel, die Manfred Mann aufgenommen hat - Blinded by the Light z.B. Bei Springsteen würde ich diese Titel als sehr beliebig bezeichnen. Manfred Mann hat dann das Potential dieser Titel besser ausgeschöpft. Oder auch die Springsteen-Nummer Fire...(singt munter drauf los)

Auf der Iwasig-Tour sagtest du, dass du auf der Bühne viel von deiner Persönlichkeit preisgibst, was dich vorm Auftritt manchmal ganz schön nervös macht. Ist es einfacher, vor Publikum die TRAD I und II zu präsentieren als die komplett eigenen Sachen von Fön und Iwasig oder fließt hier genauso viel von deiner persönlichen Stimmung hinein?

Es ist nicht so wie bei den Titeln, die ich selber schreibe. Aber ich würde gar nicht mal sagen, dass es weniger ist. Es sind einfach meine Wurzeln, meine Geschichte, meine Biographie... Es sind Lieder, mit denen ich aufgewachsen bin und dadurch kriegt man schon auch ein Bild von mir - auch durch die Auswahl dieser Stücke. Und bei den textlosen Liedern ist der Interpretationsspielraum sowieso sehr breit und sehr groß, deshalb habe ich auch das Gefühl, dass ich die Stücke auf eine Art und Weise singe und arrangiert habe, die sehr spezifisch meinem Lebensgefühl entspricht. Wenn ich natürlich selber einen Text schreibe, lässt der schon viel mehr rückschließen auf meine Befindlichkeit, als wenn ich nur interpretiere.
Da gibt's aber auch auf der TRAD II einige Textpassagen, die von mir sind, weil mir die Originalsachen nicht gefallen haben oder nur Fragmente davon, die ich dann mit eigenem Gedankengut gefüllt habe. Ich wollte diese Texte aber nicht dezidiert als meine eigenen deklarieren, weil ich die Lieder gerne als Volksgut weitergebe. Jeder kann die Stücke also singen, ohne mich fragen zu müssen, ob er das darf.

Was hat es mit der Kritik der 200-prozentigen Volksmusiker dir gegenüber auf sich? Man hört öfter, dass du mit diesen auf Kriegsfuss stehst. Gelesen habe ich bisher aber ausschließlich positive Kritiken zur TRAD. Tritt diese "MuPo" (Musikpolizei) direkt an dich heran und sucht Streit oder wie kann ich mir das vorstellen?

Da gibt's schon immer wieder Situationen, in denen es auf eine persönliche Konfrontation hinausläuft. Es ist aber schon so, dass der Respekt, den mir die Leute entgegenbringen - auch derjenigen, die das nicht gut finden - so groß ist, dass sie sich das selten zu sagen trauen. Ich kriege das hintenrum eher mit. Zum Beispiel erfahre ich, dass sich ganze Musikkapellen fürchterlich über mich aufregen.

Also geht es eher um Tratsch, den du von anderen Leuten hörst, aber keiner spricht dich direkt an?

Die wenigsten sprechen mich an. Diese Konfrontationen gab's Anfang der 90er Jahre viel öfter. Mittlerweile weht den Traditionalisten so ein strenger Wind entgegen, dass sie sich jetzt nicht mehr aus ihren Löchern heraustrauen. Nur mehr ganz wenige haben den Mut, das auch öffentlich zu konfrontieren. Aber ich glaube nicht, dass ich ein Problem habe mit diesen Leuten. Ich find das auch irgendwie ganz lustig und spannend. Sehr wohl haben wiederum diese Leute ein Problem mit mir.

Es gibt sicher auch eine Szene, bei der es mir lieber ist, wenn sich die dazugehörigen Personen als Feinde deklarieren anstatt als Freunde, weil sie für etwas stehen, was ich als kleinkariertes Denken mit Anspruch auf Exklusivität bezeichne. Da ist es mir lieber, von diesen Leuten nicht umarmt zu werden, sonst müsste ich mich abgrenzen.

Das würden offensichtlich die wenigsten tun, sich als Feind deklarieren...

Nur wenn sie unter sich sind, dann kommt das schon raus. Da geht´s sicher auch viel um Opportunismus. Die Menschen sind nun einmal nicht die Mutigsten. In der Gruppe ist man stark und alleine hält man lieber den Mund, als sich einer heftigen Gegenwehr auszusetzen.

Du sagst, dass du in deiner Musik Ironie vermeidest, weil dir dafür die Sache zu ernst und zu wichtig ist. In dem Stück Gamserln gibt es eigene Textpassagen, die ich als sehr ironisch bezeichnen würde - auch von der Art her, wie sie gesungen sind. Ist das als Provokation zu werten?

In dem Lied geht's um die Jagd und ich hab ein Problem mit der Jagd. Es ist nicht so, dass ich das Töten von Tieren generell ablehne. Ich bin Fleischesser, keiner der das jeden Tag braucht, aber es ist amal so. Trotzdem hab ich wirklich ein Problem mit der Jägerschaft, weil dort oft ein Anspruchsdenken vorherrscht - der Wald und die Tiere gehören den Jägern und außer ihnen darf dort auch niemand herumlatschen und das Bild stören. Das geht mir total gegen den Strich! Aber das Lied ist super und ich wollte mir keinen ganz anderen Text überlegen, sondern schon beim Kern der Sache bleiben. Ich hab dann einfach diese skurrile Ebene in die letzten Strophen hineingebracht.

Du arbeitest gerne mit den unterschiedlichsten Musikern zusammen. Hattest du immer den richtigen Riecher, wenn du dich für jemanden entschieden hast oder kam's auch schon mal vor, dass du dich auf jemanden eingelassen hast und dann erst später gemerkt hast - es passt einfach nicht?

Ja das ist auch vorgekommen. Es ist natürlich schon so, dass ich mir das vorher gut überlege. Ich würde mich auch eher als eine treue Seele bezeichnen, die dann nicht gleich, wenn sich herausstellt, dass es nicht so funktioniert, die Konsequenzen daraus zieht, sondern ich gebe den Leuten eigentlich wirklich Zeit, sich zu integrieren und ihren Platz zu finden.

Bei der ersten Fön-Tour hatte ich einen Gitarristen engagiert, der auch im Studio eingespielt hat und dann stellte sich heraus, dass er für einen Tourbetrieb eigentlich nicht geeignet ist, weil ihn das viel zu sehr stresst. Er braucht dieses Zigeunerleben nicht und kann damit nix anfangen. Es gab auch immer mal wieder Musiker, bei denen ich mir dachte, na ja ich hab ein halbes Jahr lang gesucht, also spiel ich diese Tour mit ihnen auch zuende, denn die Qualitäten, die sie haben und die ich bei ihnen erkannt habe, waren ja nach wie vor da.

Wie sich eine Persönlichkeit in einer Gruppe entwickelt, das ist nicht vorhersehbar und es dauert seine Zeit, sich aufeinander einzuspielen. Das ist halt auch die Chemie innerhalb einer Gruppe, du tauschst jemanden aus und schon verändert sich eigentlich die ganze Chemie und ich denke mal es gibt auch was her, wenn da Spannungen sind. Wenn man nunmehr die perfekte Familie hat, kriegt das auch a bissl was Fades. Ich suche nicht die tägliche Auseinandersetzung, aber ich möchte schon, dass es da auch Spannungsverhältnisse gibt und nicht nur Harmonieverhältnisse.

Du hast den Anspruch, dass die einzelnen Musiker, mit denen du zusammenarbeitest, ihren eigenen Stil und Charakter mit einbringen. Wie funktioniert das? Wie kann ich mir z.B. eine Probe vorstellen? Ist das mehr eine Jamsession, in der was Neues entsteht, weil jeder improvisiert oder probt ihr eher nach Vorgabe?

Es gibt die Lieder, um die´s geht und die spiele ich vor. Ich nehme eine Gitarre oder meine Ziehharmonika und singe das Lied dazu. Ich kann mich selber begleiten oder setze mich ans Klavier und singe das vor auf eine Art und Weise, dass es einfach spürbar ist, wie das Lied ist. Ein gutes Lied kann man auch mit nur einem Instrument darstellen oder sogar nur mit einer Stimme. Das singst du raus, und wenn die Leute aufmerksam zuhören, dann hören sie, was da noch mitschwingt. Das Empfinden ist natürlich bei jedem Musiker anders und ich spiel eigentlich nur mit Leuten, die Phantasie haben. Leute, denen man genau sagen muss, was zu tun ist, sind bei mir fehl am Platz. Es gibt Ausnahmen. Es gibt Sachen, die ich rausschreibe z.B. für Streicher, weil ich haben will, dass es so klingt. Dann kommen die Leute ins Studio und kriegen die Noten. Aber in den meisten Fällen ist es so, dass die Leute es sich erst mal anhören und beim zweiten mal fangen sie an mitzuspielen. Es gibt vielleicht kurze Aufzeichnungen, ein Lead Sheet, worauf die formale Struktur ausnotiert ist und die Harmonie-Changes. Und dann gibt´s auch Sessions über Teile, die irgendwie noch nicht grooven, das greift noch nicht ineinander und dann spielt man diese acht Takte im Loop, schaut was draus wird und wenn's feststeckt, dann muss man halt das Ganze mal ruhen lassen oder ich zieh' mich zurück und überlege mir einen Ansatz, wie man eine Pattstellung brechen kann und das ganze aufreißt.

Was passiert auf der Tour noch an musikalischer Entwicklung?

Am Anfang wird noch viel geprobt, denn wenn man die Lieder vor Publikum spielt, merkt man auch, wenn irgendwo zu wenig Spannung ist oder es eine Zäsur braucht im Arrangement, weil es nicht mehr nachvollziehbar oder die Information zu dicht ist.

Dann probieren wir schon bei den Sound-Checks - du spielst mal das und du mal nix oder nur Bass und Schlagzeug...So arbeiten wir immer wieder an irgendwelchen Details. Je länger aber die Tour dauert, desto kleiner werden die Korrekturen, die man vornimmt.

Kriegst du viel Feedback aus dem Publikum? Auf dieser Tour gebt ihr ja nur Sitzkonzerte. Kommt hier was rüber vom Publikum, wenn die Leute eigentlich mehr lauschen als sich zu bewegen - was ja kein Nachteil sein muss. Gibt's große Unterschiede von Konzert zu Konzert?

Ja riesige! Diesen Tourblock haben wir in Salzburg begonnen im großen Festspielhaus. Das war eine unglaubliche Stimmung dort! Ich war wirklich sehr nervös und hab gedacht, gerade in Salzburg sind viele von diesen Bewahrern und Traditionalisten. Es ist eine Hochburg der Volksmusik. Umso überraschter war ich und hab ich mich wirklich total gefreut, dass die Leute so mitgegangen sind. Sie haben uns da durchgetragen, haben mitgesungen auf eine Art und Weise, die wirklich berührend war und ich habe einfach gemerkt, es bedeutet ihnen etwas. Am nächsten Tag waren wir in Memmingen. Meistens haben wir im Allgäu auf der Burghalde in Kempten gespielt und dort immer super Stimmung gehabt, aber Memmingen - das war so was von öde, es war unglaublich! Es ist nicht so, dass das eine homogene öde Situation war, sondern da gab´s 10 % der Leute, die waren gut drauf und 90 % waren Stimmungsbremser und reserviert bis zum Gehtnichtmehr.

Es gab offensichtlich auch einige Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Fraktionen. Einige, die unauffällig gelauscht haben, ärgerten sie über einzelne, die mal lauter waren oder am Rand getanzt haben.

Ist für dich unauffälliges Lauschen denn schon gleich Reserviertheit?

Es gibt verschiedene Arten von Lauschen. Wenn ich nicht spüre, dass sich jemand versenkt in die Musik, dann ist´s irgendwie öd. Im Grunde genommen ist es uns egal, wir brauchen das Publikum nur in sofern, als es uns eine Legitimation gibt, auf Tour zu sein und viele Konzerte miteinander zu spielen. Aber wenn das Publikum mitmacht, dann entsteht schon etwas Größeres. Wie der Abend als Ganzes verläuft, da hat das Publikum zu mindestens 50 % Anteil dran.

Du sagst selber, dass den TRAD-Liedern ein gewisses Depressionspotential anhaftet. Hattet ihr während dieser Tour schon mal einen kleinen Durchhänger?

Im zweiten Block hatten wir so einen leichten Tour-Koller. Aufgrund des Schlafmangels, der sich nicht vermeiden lässt bist du manchmal am körperlichen und auch am psychischen Limit. 14 Leute auf engstem Raum, die 24 Stunden lang miteinander auskommen müssen...Da gab's dann zwei Tage lang so richtige dunkle Wolken, aber das hat dem Musizieren nicht geschadet. Das hat der Spielfreude vielleicht schon a bissl was weggenommen, aber dafür ist was anderes dazu gekommen, es ist dann auch eine Kompromisslosigkeit bei vielen Passagen zutage gekommen und auch eine besondere Spannung. Was ich nicht leiden kann, ist Zynismus. Den habe ich aber bisher auf noch keinem Konzert erlebt. Jeder kann einen Durchhänger haben oder einen Frust, aber soviel Respekt musst du einfach auch vorm Leben haben, vor jedem Tag und jeder Minute, dass du alles gibst, was du zu geben hast und das ist manchmal nicht so viel wie an anderen Tagen, aber das was geht, das möchte ich von mir haben und erwarte ich auch von den anderen Leuten. Da streite ich auch gern dafür.

Warum spielst du Koa Hiatamadl wieder, nachdem du es jahrelang nicht spielen wolltest?

Ich hab's ca. 500 mal gespielt Anfang der 90er. Irgendwann wollte ich es einfach nicht mehr spielen. Nur weil die Leute das verlangt haben - das ist für mich zu wenig. Es muss mir ein Bedürfnis sein, etwas zu singen und zu spielen. Wir ham's in den 90ern so perfekt gespielt und gesungen, dass du da nix mehr draufsetzen konntest und ich hab mich dagegen gewehrt, es einfach zu kopieren, mich selber zu kopieren. Jetzt mit dieser anderen Besetzung gab's die Möglichkeit, das Lied wieder neu zu sehen, ohne dass man es total dekonstruieren muss, um krampfhaft was Neues zu machen. Das ergibt sich aus den Instrumenten. Mit Kontrabass und Mandoline, akustischen Gitarren, eigentlich unplugged und mit Dudelsack ist es auch wieder neu zu sehen und zu hören. Außerdem gehört es zu meinen Lieblingsvolksliedern, diesen Status hat das Hiatamadl ja nie verloren. In das TRAD-Programm, das ja ausschließlich aus Volksliedern besteht, passt's auch einfach wieder so richtig rein. Als wir es im Dezember zum erste mal gespielt haben, hab ich mir im ersten Moment gedacht, schade, dass ich das jetzt so lange nicht gespielt habe. Es ist mir irgendwie schon abgegangen, aber genau auf diesen Moment warte ich eigentlich immer, dass es zu einem wirklichen inneren Bedürfnis kommt, irgendwas zu machen.

Welche CD hast du zuletzt gehört oder dir gekauft?

Die Stevie Wonder Collection mit dem Lied Superstition drauf, weil ich das nächste Woche mit einer jungen Funk-Band in Salzburg aufführen möchte. Jetzt muss ich mir das Original anhören.

Wie ist es zu dem Kontakt gekommen? Bist du einfach gefragt worden?

Da bin ich gefragt worden. Das ist so eine Art Tag der offenen Tür für das Musikschulwerk. Meine Tochter geht dort auch zum Geigenunterricht und dadurch hat man mich gefragt, ob ich nicht irgendwas machen könnte zusammen mit den jungen Musikern. Ich wollte aber nichts mit meiner Tochter zusammen machen, weil ich möchte, dass sie ihr eigenes Ding macht.

Siehst du das generell so, oder kannst du dir vorstellen, später vielleicht doch mal Musik mit ihr zusammen zu machen?

Ich spiele gerne mit ihr. Wir sind auch schon gemeinsam aufgetreten im Altersheim zu Weihnachten oder in ihrer Schule auf einem Schulfest, da habe ich keine Berührungsängste. Aber hier möchte ich mich nicht in einen Betrieb integrieren, wie´s eben an einer Musikschule ist. Ich möchte was Besonderes machen. Dann kam der Vorschlag, mit dieser Funk-Band etwas zu machen. Die Bandleute sind alle so 17 oder 18 Jahre alt, machen gerade ihre Abitur und grooven wirklich sehr gut. Wir spielen ein Lied von mir und eben dieses Superstition. Da freu ich mich schon sehr drauf.

Ja und gehört hab ich zuletzt eine Schweizer-Jodel-CD, die mir jemand zugesteckt hat in Stuttgart, das ist ganz spannend. Irgendwie vertraut, aber doch ganz fremd und sehr kunstvolle mehrstimmige chorische Jodler. Dann hab ich unlängst meinen Plattenspieler wieder repariert und mir ein paar Vinyls angehört, z.B. Whammer Jammer von der J. Geils Band, mit einem Wahnsinns-Mundharmonika-Teil. Aber ich höre eigentlich querbeet...

Was magst du gar nicht?

Dixieland mag ich nicht so, das ist mir zu faschingshaft. Mit Musicals tu ich mich auch schwer, vor allem mit diesen neueren Andrew-Lloyd-Webber-Geschichten kann ich überhaupt nichts anfangen. Das ist für mich auch nicht mehr weit weg vom Musikantenstadl, während Musicals von Cole Porter oder Gershwin - das ist eine andere Liga, da gibt's sehr gute Musik. Oder Leonard Bernsteins West Side Story. Ich möchte Musical nicht von Grund auf verdammen. Bei Operette ist es so, dass ich da meine Probleme hab, aber immer wieder Sachen entdecke, die mich sehr berühren. Obwohl sie sehr kitschig sind, gibt es unglaublich romantische klangmalerische Werke, von Lehár z.B. oder auch Der Zigeunerbaron und Die Fledermaus von Strauss - wunderbare Musik!

Die Fledermaus musste ich mit 8 Jahren in Rumänien anschauen mit meiner Oma. Ich fand's furchtbar, wahrscheinlich weil ich zu klein und gelangweilt war.

Ja, Operetten haben Längen...Als Kind ist das sicher fad, aber das haben Bühnen- und Opernwerke überhaupt an sich. Ich mag z.B. Wagner sehr, aber der hat einfach Längen - also das ist schon schwer zumutbar! Ich verstehe nicht, wie man sich Die Meistersinger von Nürnberg antun kann. Ich hab's mir einmal angetan und das reicht schon. Aber eine Wagner-Oper kann man nur durch-"stehen" sag ich immer. Wenn du dich hinsetzt, knackst du beim zweiten Akt weg.

Du machst jetzt zwei Jahre Pause nach der Tour. Hast du konkrete Pläne oder lässt du dich wieder mal vom Zufall inspirieren?

Ja, das Letztere. Ich finde das jetzt wieder mal notwenig, keinen Plan zu haben - zumindest für ein, zwei Jahre. Ich möchte komponieren, ich möchte reisen und einfach Zeit haben für den Zufall. Dem Zufall muss man auch Zeit und Raum geben, damit man ihm nachgehen kann. Wenn einem etwas zufällt und man nimmt sich nicht die Zeit, das genauer anzuschauen, sich zu bücken und es aufzuheben - dann nützen die schönsten Zufälle nichts.

Danke Sandra

Bierzelt? Nein danke!

Berliner Morgenpost 25. April 2004 | Text: Peter E. Müller

Pop-Rebell aus den Alpen: Hubert von Goisern macht das Jodeln zum globalen Ereignis - und gibt der Volksmusik ihre Würde zurück

Er nimmt seine Sache ernst. Er achtet die traditionellen Lieder, Jodler und Landler seiner österreichischen Heimat - so wie er jeder Folklore dieser Welt mit Neugier und Respekt begegnet. Er wird nur zu oft falsch verstanden. Auf dem Höhepunkt des Erfolges mit seiner Band Die Alpinkatzen hat es Hubert von Goisern am meisten gewurmt, dass sein deftig-rockiges Lied vom Hiatamadl ausgerechnet zum Dauerbrenner auf der Oktoberfest-Wiesn avancierte. Bierzelte, nein, die sind nicht seine Welt. Er sucht die Nähe zu Musikern, egal ob aus Tibet, aus Tansania, aus Ägypten - oder aus dem Salzkammergut.

Als er zuletzt in Berlin gastierte, demonstrierte Hubert von Goisern mit seiner Band, wie hochmodern, wie zeitgemäß, wie engagiert sich in seinen Songs die Volksmusik der Berge mit Blues, mit Rock, mit Weltmusik, mit karibischen Elementen verträgt. Wenn er nun heute zurückkehrt nach Berlin, wird er fast ausnahmslos traditionelle Musik präsentieren, die Lieder und Jodler seiner beiden CDs Trad und Trad II. Volksmusik bekommt bei Hubert von Goisern die Würde zurück, die ihr von unzähligen volkstümlichen Schlagermusikanten so unentwegt weggeklatscht wird.

Er sei keiner, der akribisch auf Feldforschung geht in Bergen und Tälern, und guckt, was sich da alles an tradiertem Volksgut ausgraben lässt. "Es ist eher der Zufall, der mich mit diesen Liedern konfrontiert", sagt Hubert von Goisern. "Es sind Melodien, die mich verfolgen. Und irgendwann setze ich mich damit auseinander." Man spürt: Dieser Mann drückt sich vornehmlich durch seine Musik aus. Er redet mit Bedacht. Er überlegt lange. Er sucht nach den richtigen Worten, um die Schönheit und Faszination an schlichtem Volksgut wie Dirndl woaßt nu den bam oder Über d'Alma begreiflich zu machen.

Ja, er nimmt diese Lieder ernst. "Ich kann mit Ironisierung von Material nichts anfangen", sagt er. "Ich mag auch Kabarett nicht. Wenn ich musiziere, dann lösen die Töne, die Tonfolgen, die Harmonien etwas aus, und wenn ich spüre, dass ich eine Gänsehaut kriege oder dass ich auf einmal ganz weit weg bin, dann verselbstständigt sich das Musizieren."

Für die Aufnahmen von Trad II zog er mit seinen Musikern und dem kompletten Studio in 2100 Meter Höhe auf den Krippenstein am Dachstein-Massiv. Fern aller Weihen der Zivilisation, in Klausur nur für die Musik. "Wenn man da oben aufm Berg ist, kommt man schon in so eine erhabene Position" sagt er. "Da ist es einem wurscht, was da unten im Tal passiert." Und außerdem, so von Goisern, konnten er und seine Musiker in den Aufnahmepausen ungestört Ski fahren.

Nun ist es freilich nicht so, dass der Mann, der eigentlich Hubert Achleitner heißt und aus Bad Goisern stammt, die alten Lieder notengetreu nachspielt. Er peppt sie behutsam auf, er macht sie sich zu Eigen. Da klingt mal ein Mundharmonika-Blues durch, und auch eine Steel-Guitar verträgt sich bestens mit dem klassischen Rohmaterial. " Mein persönlicher Zugang schließt Zither und Hackbrett und solche Sachen eigentlich aus. Wenn ich diese Lieder singen und spielen möchte, dann muss es was sein, was mir gefällt." Schon Mitte der Achtziger spielte er mit einem Slide-Gitarristen zusammen. "Die amerikanische Folk- und Countrymusik hat ja sehr viel Verwandtschaft mit unserer Tradition. Es waren die Auswanderer, die diese Tradition mit nach Amerika nahmen. Dazu kam das, was die Schwarzen aus Afrika mitbrachten. Dadurch hat das Ganze eine Tiefe und eine Weite bekommen, die es bei uns so nicht gibt."

Hubert von Goisern achtet Traditionen, ist aber keiner, der Überliefertes blind übernehmen würde. Das lässt ihn oft bei professionellen Brauchtumspflegern anecken. "Tradition ist bei uns immer etwas Ausschließliches. Insofern trage ich schon einen Geist der Provokation mit hinein. Manchmal auch einen Geist der Zerstörung." In der Volksmusik geht es für Goisern vor allem um den Ausdruck einer Lebensbefindlichkeit, um die Geschichte, die man erlebt hat. Nur die Sprachen seien es, die trennen anstatt zu verbinden. "Ich kann nur Englisch und Deutsch", sagt er. "Wenn ich einen Italiener treffe, der nur Italienisch kann, bin ich schon aufgeschmissen. Aber wenn er singt oder ein Instrument spielt, dann bilde ich mir schon ein, dass ich weiß, was er sagen will."