Hubert von Goisern
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TRAD II TOUR 2004

TRAD II TOUR 2004 >> Konzert-Reviews: 1 2 3 4 5 6 7 8 9

Mit flockigem Alpenrock gegen die Depression

Mittelbayerische Zeitung 3. April 2004 | Text: Ralf Strasser, MZ | Foto: © Kober, MZ

Hubert von Goisern mit seinem Traditionsprogramm II im Audimax: So schön jodelt keiner

Hubert von GoisernREGENSBURG. "Grias eich", sagt Hubert Achleitner alias Hubert von Goisern in die Dunkelheit des Regensburger Audimax und legt mit dem ersten textlosen "Hiatamadl-Jodler" den Grundstein für zweieinhalb Stunden Alpen-Rock-Volks-Gstanzl- Countrymusik. "Verstehts ihr wos i sog," fragt Hubert von Goisern nach dem fünften Lied zweideutig. "Aber es ist eh net wichtig - nur die Musi zählt," ergänzt er, greift wieder zu seiner "Quetschen" und gibt einen rockigen Landler zum Besten.

Hubert von Goisern ist wieder unterwegs. Mit der Trad II-CD im Gepäck, machte er auch in Regensburg Station. Nach seinen (nicht nur musikalischen) Ausflügen nach Asien und Afrika kehrt der Österreicher zurück zu seiner Art, traditionelle Volksmusik aufzubereiten: "Back to the roots" im typischen "Goisern-Sound". Und das Publikum in der ausverkauften Halle dankt es ihm. Spätestens nach dem zweiten Lied macht sich der Fuß selbstständig und wippt fröhlich mit - Wohlfühlstimmung macht sich schnell breit.

Ruhiger ist er geworden, der ehemalige "Alpenpunk", in sich gekehrt, erdig, bodenständig. Er lächelt milde, seine Gelassenheit ist beeindruckend. Viel sagt er nicht. Muss er auch nicht, Goisern lässt seine Musik und vor allem seine steirische Ziehharmonika sprechen. Seine eigenwilligen Versionen der alpenländischen Traditionsmusik spiegeln sich in der Wahl der Instrumente wieder: Mund- und Ziehharmonika in Kombination mit Geige, Dudelsack, Gitarren, Bass, Horn und Schlagzeug. Dazu Wildschützthemen - man wähnt sich auf den Gipfeln der Berge, während der Bass das Alphorn ersetzt und Schlagzeuger Bernd Bechtloff verblüffend echt die Kuhglocken läutet.

Die Band, die ihm auch zu den Aufnahmen seiner aktuellen CD in die Abgeschiedenheit des Dachsteingebirges folgte, ist auch bei der Trad II-Tournee mit dabei: Monika Drasch (rote Haare, grüne Violine, Dudelsack), einst Bayerisch-Diatonischer Jodelwahnsinn, ersetzt nicht nur äußerlich die alpine Sabine. Dazu Bernd Bechtloff, der aus allem akustische Geräusche herauszaubert und sei es die Keksdose aus dem Aldi-Regal. Max Lässer (lässig an den Gitarren) und Arnulf Lindner (hervorragend am Bass) ergänzen das Band-Quartett.

Die Zugaben spiegeln den Verlauf des Konzertes wieder: Erst lässt er es mit Koa Hiatamadl noch einmal richtig krachen, bevor er mit zwei lyrischen und ruhigen Stücken sein Publikum nach Hause entlässt. "Sche hams gsunga und gspült, die Buam und des Madl", sagt eine Besucherin auf dem Nachhauseweg. Keiner jodelt so schön wie Hubert von Goisern.

Hubert von Goisern: Live in Ingolstadt - 4. April 2004

11. April 2004 | Fotos: © Elli Christl

Hubert von Goisern in Wuppertal

Soundbase Online 8. April 2004 | Text: SB

Mit seiner neuen Trad II im Gepäck beehrt Hubert von Goisern am 11.03. das Rex in Wuppertal - ausverkauftes Haus. Gefühlte Stimmung im Saal: Gediegen-seriös. Schon der Rotwein in der Empfangshalle an dem allerorten genippt wird, ist ein Indiz für den eher vornehm-stilvollen Charakter des Auditoriums.

Eine idyllische Natur-Kulisse verkörpert das Bühnenbild, das mit friedlichem Vogelgezwitsch' untermalt wird.

Hubert von GoisernDer Goiserer stapft im Holzfällerhemd auf die Bühne "Grüaßt aich" - und legt los mit einem im höchst positiven Sinne mark- und beinerschütterndem zünftigen Jodler. Ganz entzückt lausche ich dann meiner geliebten Stadl-Tür, diesmal verfremdet dargestellt, was wieder ein Beweis für die Vielseitigkeit des Musikers ist - und nuckl zufrieden an meinem braunen Bierchen, innerlich hüpfend und tanzend, äußerlich ruhiggestellt vom guten Hopfen-Tropfen und von der Besinnung im voraus darauf, dass dies ein ruhiges Sitzkonzert sein wird. So hatte ich schon im Vorfeld wohlweislich die Tanz- gegen die Hüttenschuhe eingetauscht - denn heute ist Hütten-Feeling angesagt - und lehne nun gemütlich und gottergeben in meinem Sitz wie kurz vorm Flugzeugstart.

Zartbittere Melancholie beherrscht oft die Atmosphäre, die neben der obligatorischen Quetsch'n nicht minder durch Max Lässers Einsatz vielfältigster Saiteninstrumente dominiert wird, die einzigartige Klanginseln (unter anderem hawaiianischer Art) mitten in der Gebirgs-Imagination schaffen. So mancher Mupo (Musikpolizist) würde diese Art von Crossover wohl als "Fluch der Karibik" beschimpfen, was dem schlitzohrigen Musikpiraten HvG jedoch knapp die Hälfte ausmacht, denn er hat den Anspruch, das morbide Wrack der traditionellen Volksweisen seiner Heimat zu entern, dort mit unkonventionellen Instrumenten wie Maultrommel, Dudelsack oder Mandoline frischen Wind reinzubringen und ihm ist durchaus klar, dass er dadurch ne Menge Staub aufwirbelt, den es für die 200-prozentigen Volksmusiker gnadenlos zu schlucken gilt.

Goisern fordert die Tradition der schlichten Liadln schamlos auf, sich nackig zu machen und in ein neues schräges Gewand hüllen zu lassen. Ein Mix-Gebräu aus Trad I und II sowie Stücke aus Alpinkatzenzeiten wird geboten und HvG macht keinen Hehl daraus, dass den Liedern zuweilen ein recht hohes Depressions-Potential anhaftet, jedoch in Form einer angenehm ertragbaren Melancholie, gegen die man sich ab und zu nicht zu sträuben braucht angesichts der Irrungen und Wirrungen unserer bunten lauten Spaß-Welt, die einen manchmal zum Luftholen und tief Durchatmen zwingt. So lässt man sich gerne von der raffiniert platzierten wah-wah-Trompete bezirzen und mental in eine verrauchte alte Jazzkneipe entführen.

Auch Monika Drasch's Gesangs- und Instrumenten-Einlagen verleihen den Liedern eine ganz spezielle Note. Der Rotschopf mit meist quietschgrüner Geige könnte der wunderbare Prototyp einer kessen Playmobil-Frau sein - plakatives Thema: "rothaarige Geigerin mit grüner Fidel". Sie überzeugt mit einer lupenreinen Jodelstimme die bestimmt über drei Oktaven reicht und setzt diverse Instrumente, wie Dudelsack und Klarinette gekonnt spielerisch ein. Zur Krönung gehört ein spannendes abgefahrenes Jodel-Duell zwischen Hubert und Monika, was das gesamte Stimmpotential der beiden eindrucksvoll in Szene setzt.

Der Abend verdankt seine Kurzweile der wohl dosierten Mischung aus den verschiedensten im fliegenden Wechsel eingesetzten Instrumenten wie Ziehharmonika, Blues-Harp, Pfeifen, Kontrabass, Steel-Guitar und einem unerschöpflichen bzw. -definierbaren Fundus an Schlag-, Krach- und Schepper-Instrumenten. Garniert werden die Stücke mit unterhaltsamen Anekdötchen und ironischen Kommentaren des wahren Phrasenschmieds Goisern, wie z.B. über das leicht spöttelnd jedoch durchaus nicht unfreundlich beschriebene Brauchtum bei einem heimischen Schützenfest, wo der Schiri keck sein blankes Hinterteil in die elustre Runde streckt und mit seiner heruntergelassene Hose dem Schützen eine hohe Auszeichnung der Güte seines vorangegangenen Armbrust-Schusses amtlich bescheinigt.

Zum Glück hat HvG erst nach der Plattenproduktion erfahren, dass Abends Spat zu den Lieblingsliedern des Führers gezählt haben soll, sonst wäre es uns womöglich auf der Trad II verwehrt geblieben, was speziell hinsichtlich der Live-Version eine herbe Entbehrung bedeutet hätte. Diese Interpretation ist für mich eines der Highlights des Abends - wer zum Teufel von euch ist schonmal je in den Genuss einer gejodelten blue note-Abfolge gekommen, ich fass es nicht - wenn das der Führer wüsste...

Im Vergleich zur CD ist die Live-Musik gewohnt unschlagbar. Souverän und routiniert wird zünftig aufgespielt,
man möchte zwischendrin wohlig grunzen und fühlt sich fast eingelullt, kämen nicht hier und da so Reißer wie Halt oder und Iawaramoi. Per Leinwand wird plötzlich die Krippenstein-Kulisse in den Hintergrund gezaubert und man kann seinen eigenen Film fahren, zur einzigartig interpretierten Volksmusik mit Abstechern ins Jazz-, Swing-, Blues oder Rock-Genre. Prädikat: Absolut sehens- und hörenswert!

Danke Sandra

Alpenglühen im Konzertsaal

Nürnberger Nachrichten 6. April 2004 | Text: radl | Foto: Wilhelm Bauer

Monika Drasch und Hubert von Goisern"Volksmusik Im- und Export": Hubert von Goisern gastierte in der Nürnberger Meistersingerhalle

Mal reist er durch Afrika und spielt dort auf der Ziehharmonika alpine Landler und Jodler, mal zieht er sich in die Alpen zurück und zehrt von seinen Weltmusikreisen: Hubert von Goisern geht unbeirrbar seinen eigenen Weg und stößt damit überall auf offene Ohren. "Volksmusik Im- und Export" wäre kein schlechter Firmenname für Hubert von Goiserns Unternehmen. In der ausverkauften Nürnberger Meistersingerhalle stellt der Sound-Sammler die Ergebnisse seiner Spurensuche vor: Zurück zu den Wurzeln heißt die Devise der aktuelle CD Trad II.

Entstanden ist das Album in der Abgeschiedenheit des Dachstein-Gebirges. Die traditionelle Alpenmusik klingt bei Hubert von Goisern weltoffen, aber nicht krampfhaft trendig. Spannend wirken die Dialektlieder und Almdudler, weil die Musiker keine Museumswärter sind: Da paart sich die Ziehharmonika mit der Slide-Gitarre, die Geige mit Kontrabass und indischer Percussion. Das Ergebnis ist eine kuriose Volxmusik, die mehr mit Blues-Feeling als mit Traditionspflege zu tun hat. Der Alpen-Blues bleibt schwerblütig, auch wenn ab und zu ein Jodeljauchzer herausbricht.

Die Volkslieder erzählen meist von Maderln, vom Mähen und Melken und enthalten garantiert keine versteckte Zeit- oder Gesellschaftskritik. Hubert von Goisern ist sich durchaus bewusst, dass Tradition zweischneidig sein kann. Aber ist eine Volksweise schon deswegen verdächtig, weil Adolf Hitler sie angeblich geliebt hat? Man darf die Tradition nicht den Ewiggestrigen überlassen, meint Hubert von Goisern und zaubert ein musikalisches Alpenglühen in den Konzertsaal, das sich gewaschen hat.

"Spui die Liader!"

Eßlinger Zeitung 6. April 2004 | Text: Inge Bäuerle

Hubert von Goisern gastiert in der Liederhalle

Stuttgart - Es zieht Nebel auf. "Zur Mittelstation Schönbergalpe" geht es nach links, das Schild am rechten Bühnenrand weist "Zum Hirzkaarsee". Und in der Mitte wandert, in Jeans und T-Shirt, Hubert von Goisern auf dem schmalen Grat zwischen Volkskunst und volkstümlichem Kitsch. Unter ihm: der ausverkaufte Hegelsaal der Stuttgarter Liederhalle. "Trad" steht bei Volksliednoten da, wo sonst Komponist oder Texter stehen. Trad I und Trad II hat der Oberösterreicher aus Bad Goisern, der im normalen Leben Hubert Achleitner heißt, nicht nur zwei seiner Alben getauft, Trad ist Tour-Programm. Das ist immer noch eigenartig, verkündete doch der Komponist, Sänger und Multiinstrumentalist Mitte der 90er Jahre mit der Trennung von seiner Band Alpinkatzen das Ende der "dicken Wadeln" und der bissig-schönen Alpenrockepoche. Er bereiste Afrika und Tibet, wurde zum Wanderer zwischen den Musikwelten, der sich jedoch angesichts Haiderscher Politikerfolge mit einem bösen Tonträger-Kommentar zurückmeldete und fortfuhr, im Dialekt Musik zu machen. Nun also reines Volksgut von Goisern. Ländler, Gstanzl und Jodler aus seiner Heimat hat der musikalische Wurzelsucher ausgegraben und neu interpretiert. Die Texte verstehen jenseits des Weißwurscht-Meridians wohl nur "zugroaste" Bajuwaren und Austriaken, aber die Musik kommt an. Beim frechen Halt oder i schiaß di zamm, genauso wie beim Nonsenslied von den Eiszapfen.

Weideglocken und Dudelsack

Alle Musiker spielen mehrere Instrumente: Goisern selbst singt, spielt Gitarre, Trompete, Mundharmonika und mehrere Akkordeons. Monika Drasch singt mit und tauscht ihre grasgrüne Geige auch gegen einen Dudelsack. Bernd Bechtloff, Percussionist und Schlagzeuger, lässt Weideglocken bimmeln und Bäche plätschern. Arnulf Lindner pendelt zwischen E- und Kontrabass (den er oft streicht), während Max Lässer ein ganzes Arsenal von Saiteninstrumenten bedient und zur Lap-Steel-Gitarre oder Mandoline greift. Den begeisterten Applaus kommentiert Goisern mit: "Geht scho wieda, so guat ham ma net gspuit." Doch, doch, denn sie hüten sich vor seichten Humtata-Schunkelgewässern und lassen dafür vorsichtig Country-, Blues- und orientalische Elemente einfließen. Da sind die einfachen Volksweisen auf einmal überall zuhause. Goisern behandelt das Brauchtum oft rau. So rappt und jodelt er sich dadaistisch anmutend am Klischee vorbei. Manchmal vertrüge die wohltemperierte Archäologie allerdings mehr Grantigkeit, wie damals zur Alpinkatzenzeit, als die "Alpine Lawine" auf die Fans niederging. Man nimmt es ihm ab, wenn er seine Probleme mit der Volksmusikszene überwunden hat: "Mei, des san so lässige Liader", habe er sich gesagt, "scheiß auf die Szene, spui die Liader!"

Stadl-Stimmung

Aber wenn in gebirgiger Umgebung einer am Abend seine Zither zur Hand nimmt, ist das womöglich ureigenster Ausdruck. Auch, wenn einer, wie Goisern für sein jüngstes Album, seine Musiker mitnimmt, ins verlassene Krippenstein-Hotel am Dachstein, um in 2100 Meter Höhe an einer Platte zu feilen, mag authentische Musik entstehen. Aber auf einer Bühne? Da leidet das Leise und geht am Publikum vorbei. So kommt Musikantenstadel-Stimmung auf, weil einer wie "Hias" über die Bühne hupft und die Leute zum "He!"-Schreien animiert. Ins Liedchen vom Zank zwischen Grieß- und Leberknödel wird fröhlich eingestimmt, der beißenden Spott, den es transportiert, wird wie die Kritik in Iwaramoi überhört, weil da alle schon aufs Mitsingen bei Koa Hiatamadl warten. Doch zum Glück gibt es fein ziselierte Klangcollagen, die Zeilen begleiten, wie "dahoam is koa Bleim nit für mi" (Wiederum dahin), und die einen immer wieder zurückführen in die Musik der Welt. Das Fremde schärft den Blick aufs eigene, heißt es. Für Hubert von Goisern gilt das. Aber seine Töne erreichen mittlerweile auch jene, die im Moikschen Stadelbarock ihre geistige Heimat suchen. Manchmal kommt man da an, wo man nie hinwollte. Raus in die Welt, schnell wieder heim. Oder man landet im Nebel.

Hubert von Goisern: Live in Nürnberg - 2. April 2004

7. April 2004 | Fotos: © Elli Christl

Stippvisite zum Himalaja

Stuttgarter Nachrichten 5. April 2004 | Text: Michael Riediger

Hubert von Goisern war auf "Trad"-Tour in der Liederhalle zu Gast

Ein Dia im Bühnenhintergrund zeigt das Alpenpanorama des Krippensteins in der Steiermark, wo Hubert von Goisern jüngst sein Album Trad 2 einspielte, eine Sammlung alpiner Volkslieder.

Vor dem touristischen Werbefoto indes unternimmt die Band des Alpin-Rockers, der am Freitag beim Konzert im ausverkauften Hegelsaal in der Liederhalle komplett zum Volksmusiker mutiert, eine musikalische Stippvisite zum Himalaja.

Trommler Bernd Bechtloff klopft melodiös hallende Töne auf einer Metall-Tabla, von Goisern bläst elegische Melodien auf der Trompete, die nur entfernt alpine Züge tragen, Gitarrist Max Lässers Lapsteel ruft Hawaii in Erinnerung, Bassist Arnulf Lindner wirkt mit seinem E-Bass wie ein Alternativ-Rocker, und auch Monika Drasch, Freak-Frau mit roten Haaren und giftgrüner Geige, lässt rein äußerlich jeden Bergler-Stil weit hinter sich.

Das Stück zum Foto, eine Ballade reinsten Weltmusik-Zuschnitts, klingt im Arrangement der Goisern-Band ohnehin weit weniger nach Steiermark als jedes andere im Programm. Seine Melodie sei die von Hitlers Lieblingslied, verrät von Goisern. Als er dies erfuhr, habe er den Song schon "total lässig" gefunden und längst für sein Album mit traditionellen Weisen seiner Heimat aufgenommen.

Und mancher fragt sich: Darf der das? Ein Mann, der in Österreich öffentlich mit den Grünen sympathisiert, seine Ehrenbürgerschaft in Bad Goisern von der Haider-Partei strittig gemacht bekam - und nun des Führers Volksmusik-Favoriten anstimmt?

Wir finden: Gerade der darf das - oder besser: nur der. Ein Mann, der nicht Ab- und Ausgrenzung repräsentiert, sondern Weltoffenheit und Toleranz. Der von Reisen durch Asien und Afrika Spielweisen und Melodien mitbrachte und sie in sein für alles offenes Konzept integrierte. Ein Konzept, das sich nur durch eine Vorliebe für Zwei- oder Dreivierteltakte, Jodler in allen Schattierungen, Texte im tiefsten Alpen-Dialekt sowie sein Hauptinstrument, das Akkordeon, ans Alpenländische anlehnt, sonst indes dem Instrumentarium und der Ideologie des Rock weit näher scheint als jeder Lederhosen-Romantik.

Das Besondere und auch das besonders Schöne an von Goiserns aktuellem Programm dürfte freilich gerade die Abkehr vom Rock bewirkt haben. Zwar schleicht Hubert Achleitner, der Hubert aus Goisern, immer noch gekrümmten Knies in Chuck Berrys Entengang über die Bühne, wenn er seiner Quetschkommode Akkorde abgewinnt, die wie Rock-Riffs eher den Rhythmus als das Melodiespiel stärken. Und auch Drummer Bechtloff begradigt bisweilen den Walzer- oder Polkatakt mit stramm gehackten Vierteln, die jeden Hard-Rock-Song dynamisieren könnten, während Bassist und Gitarrist mehr visuell denn musikalisch an Rock erinnern.

Hubert von Goisern: Live in Regensburg - 1. April 2004

6. April 2004 | Fotos: © Elli Christl

Dem Holzknecht seiner

Nürnberger Zeitung 5. April 2004 | Text: Clemens Helldörfer | Foto: Sippel

Musik-Nomade Hubert von Goisern jodelte in Nürnberg

Hubert von GoisernAm Anfang ist nichts zu hören außer schweren Atemzügen, es ist nichts zu sehen außer dem Schattenriss eines Musikers mit einer Ziehharmonika. Dann geht es los, und es wird gejodelt, eine Slideguitar erklingt, eine giftgrüne Geige kommt ins Spiel, Mundharmonika, Dudelsack und Maultrommel mischen sich im Laufe des Abends mit ein. Wo sind wir da hingeraten? Zu einem Volksmusik-, einem Weltmusik- oder zu einem Popmusikkonzert? Bei Hubert von Goisern weiß man das nie so ganz genau, schließlich war der Österreicher schon immer ein ausgemachter Musik-Nomade.

Nonkonform

Auch das Publikum lässt keine klare Linie erkennen: Natürlich ist es kein Teenie-, aber beileibe auch kein Seniorenabend, und so etwas wie einen Dresscode gibt es sowieso nicht. Hubert von Goisern und Band - das ist ohnehin die personifizierte Nonkonformität. Schrille Bühnenklamotten, eine aufwendige Lightshow oder nervende Mitklatsch-Rituale fehlen bei seinem Auftritt in der vollen Meistersingerhalle.

Hubert von Goisern macht statt dessen Volksmusik, und zwar so, wie er sie im Sinne seiner Trad-CDs versteht: Gejodelt wird, was das Zeug hält, Texte und Melodien sind altüberliefert, der Zeitgeist hat Pause. Um die Aura der traditionellen Volksweisen einfangen zu können, hat sich Hubert von Goisern zur Aufnahme seiner letzten CD sogar in ein leer stehendes Hotel auf den 2100 Meter hohen Krippenstein zurückgezogen. Keinen Gedanken braucht man an die volkstümelnde Schenkelklopf-Fröhlichkeit Marke Musikantenstadel zu verschwenden: Der "Goiserer" und seine Band schaffen es, die traditionellen Weisen so wiederzugeben, dass man in erster Linie die gelungene Performance genießt und sich überhaupt nicht fragen muss, in welche Schublade dieser Auftritt denn bittschön hineinpassen soll.

Vor allem durch die Lapsteel-Einlagen von Max Lässer trifft hier die alpenländische Volksmusik auf Gitarren-Feeling à la Ry Cooder. Der ehemalige Chef der Alpinkatzen hat zwischen den Stücken ausreichend Gelegenheit, dem Publikum seine besondere Art der Volkskunde nahe zu bringen. So erfährt man, dass eine Schwoagrin so etwas ähnliches und genau genommen doch wieder etwas anderes als eine Sennerin ist, welches Volksmusikstück angeblich Hitlers Lieblingslied war, und was es mit der Bezeichnung verschiedener Jodler auf sich hat. Da gab es früher eben nur den Oan, oder den Woassd scho eh. Und weil sich nun ein hochmusikalischer Holzknecht namens Kohler immer wieder den Woassd scho eh gewünscht habe, heiße dieser eben nun Dem Kohler seiner. Wem das zu viel der Theorie war, der darf unter Anleitung des Meisters auch noch die Anfangsübungen zum eigenen Jodel-Diplom absolvieren.

Am Ende des Konzerts spielt die Band doch noch Hits wie das Hiatamadl, und Hubert von Goisern freut sich über das Publikum, das es trotz der seiner Ansicht nach etwas "Furcht einflößenden" Halle nicht mehr auf den Sitzen hält.

Hubert von Goisern: Live in Ulm - 31. März 2004

5. April 2004 | Fotos: © Elli Christl

"Ich musiziere wie es mir gefällt"

Oberpfalznetz 3. April 2004 | Text & Foto: Stefan Voit

Volksmusik der Besonderen Art: Standing Ovations für Hubert von Goisern

Hubert von GoisernRegensburg. Um bestimmte Begriff zu klären, ist es manchmal angebracht das Lexikon zu Rate zu ziehen. Zum Begriff Volksmusik schreibt der "Brockhaus" "Die Gesamtheit, der im Unterscheid zur schriftlich überlieferten Kunstmusik, gedächtnismäßig weitergegebenen musikalischen Tradition eines Volkes oder Landes". Eigentlich eine klare Sache. Doch an keinem musikalischen Begriff scheiden sich so die Geister wie hier.

Keine Probleme damit hat Hubert von Goisern, der spätestens seit seinem Album Trad (2001) die Volksmusik für sich wieder entdeckt hat. Dabei steht "Trad" nicht für ein im Dialekt ausgesprochenes dünnes Metall, sondern eben für jene musikalische Tradition. Wie sehr er darin verwurzelt ist, bewies er einmal mehr bei seinem ausverkauften Konzert am Donnerstag im Regensburger Audimax. Die Bühne hatte Studioatmosphäre: wenig technisches Equipement, wenig Beleuchtung. Mit im Gepäck hatte von Goisern die Fortsetzung von Trad. Beim zweiten Teil handelt es sich aber keineswegs um einen billigen Aufguss, sondern um einen noch tieferen Griff in die Schatzkiste.

Ihm geht es dabei, wie er im Konzert sagte, "um die Musik. Bei den Texten ist keine Botschaft drin. Oder sie ist derart verschlüsselt, dass es für jeden einen anderen Sinn ergibt". Überhaupt spürt man, dass Hubert von Goisern mit dieser Musik reifer und ausgeglichener geworden ist. Natürlich sind noch rockige Elemente vorhanden, doch es geht ihm mehr um den Sound, das Gefühl, dieser alten Lieder.

Mit der Hilfe seiner ausgezeichneten Band - Max Lässer (Gitarren), Arnulf Lindner (Bässe), Bernd Bechtloff (Schlagwerk/Geräusche) - setzt er seine Vorstellung dieser Tradition konsequent auch auf der Bühne um - ja, die Lieder wirken sogar noch intensiver, gehaltvoller, sind stimmiger. Nicht zu vergessen natürlich Monika Drasch (Ex-Bairisch Diatonischer Jodelwahnsinn), die mit ihrer grünen Geige, dem lila Dudelsack und mit ihrer facettenreichen Stimme ein eindrucksvolles Gleichgewicht zu Hubert von Goisern darstellt.

Seinen Kritikern hält er im Booklet seiner CD entgegen: "Ich singe und musiziere einfach so wie es mir gefällt". Und das ist gut so. De Gamselrn, Abend Spat oder Eiszapfen zeugen von der Einfachheit der Menschen, die sie geschrieben haben - Hubert von Goisern interpretiert sie so, wie er sie empfindet. Mit viel Gefühl, Spielfreude und Sensibilität erzählt er seine kleine Geschichten, führt wohlbehalten durch den Abend - bei ihm fühlt man sich sicher, geborgen.

Es wurde beinahe ein intimer Abend, den Hubert von Goisern den begeisterten Besuchern bot - mit fast allen Liedern von Trad II, wobei die instrumentellen Lieder oft im Vordergrund standen, die Jodler mit beachtlicher Stimmbeherrschung vorgetragen wurden und selbst das Hiatamadl, das er lange nicht mehr spielte, keineswegs als störend empfunden wurde. Für die Standing Ovations bedankte er sich mit drei Zugaben!

Hubert von Goisern: Live in Deggendorf - 26. März 2004

31. März 2004 | Fotos: © Elli Christl