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HUBERTS SCHREIBTISCH

In memoriam: Jane Goodall

7. Oktober 2025 | Text: Hubert von Goisern | Foto: © Michael Neugebauer

"There is no sharp line between humans and the rest of the animal kingdom."
Jane Goodall

Hubert von Goisern und Jane GoodallUnvergessen meine erste Begegnung mit Jane Goodall. Es war zu später Stunde, kurz vor Weihnachten 1994. Wir saßen, tief eingeschneit, in meinem kleinen Holzhäuschen oberhalb von Goisern und lauschten den Klängen einer zu Ende gegangenen Lebensphase. Gut ein Monat zuvor hatte ich das Kapitel Alpinkatzen beendet und nun arbeitete ich an der Fertigstellung des Livealbums Wia die Zeit vergeht. Wir, das waren mein Tontechniker Wolfgang Spannberger und ich – als das Telefon läutete.

Am Apparat war Michael Neugebauer, ein Jugendfreund. Ob es passen würde, wenn er auf einen Sprung vorbeikäme, fragte er. Er wolle mir gerne jemand vorstellen. Ich sagte, wir seien kurz davor den Juchitzer fertigzumischen und ich wolle jetzt nicht unterbrechen. Er möge doch morgen kommen? "Das ist aber schade", war seine Antwort, er hätte mir gerne Jane Goodall vorgestellt. Sie sei gerade bei ihm zu Besuch, müsse jedoch tags darauf schon früh abreisen.

Ich glaubte ihm kein Wort, dennoch sagte ich: "Wenn das wahr ist, kannst du natürlich kommen."

Eine halbe Stunde später klopfte es und draußen, zwischen meterhohen Schneewänden, standen Michael und neben ihm, eingehüllt in einen ausgeliehenen, viel zu großen grauen Wollmantel und in überdimensionalen Moon Boots, Jane Goodall. Es war so unglaublich, dass ich sie eine ganze Weile nur anstarren konnte. Bis sie höflich fragte, ob ich sie nicht hereinbitten wolle.

Es brauchte kein Kennenlernen. Wir verstanden uns vom ersten Augenblick an. Eher fühlte es sich an wie ein Wiedersehen. Wir saßen bis tief in die Nacht hinein, tranken Tee, erzählten einander Geschichten und entwarfen hoffnungsvolle Visionen, wie die Welt noch zu retten sein könnte. Ich hing an ihren Lippen. Vor allem, wenn Jane von Gombe sprach, jenem Habitat am Tanganjikasee, in das der Paläoanthropologe Louis Leakey sie geschickt hatte, um dort Schimpansen in freier Wildbahn zu studieren. Das war im Jahre 1961. Damals war sie sechsundzwanzig und aus den geplanten drei Monaten wurden drei Jahrzehnte. Ich hatte Anfang der Siebziger ihr erstes Buch gelesen, Wilde Schimpansen: 10 Jahre Verhaltensforschung am Gombe-Strom (Originaltitel: In The Shadow of Man). Ich entsann mich, das Buch im Regal meines Schlafzimmers im ersten Stock stehen zu haben, und holte den schon etwas zerfledderten Band von dort, damit Jane ihn signieren könne. Sie nahm ihr Werk in die Hand, sah mich vorwurfsvoll an und meinte, das Buch würde mir wohl nicht allzu viel bedeuten. Es wäre ja eiskalt und offensichtlich im Schuppen gelegen. "Nein!", widersprach ich, ich schliefe nur das ganze Jahr, also auch im Winter, bei offenem Fenster, und bot an es ihr zu zeigen. Lachend lehnte sie ab. Es schicke sich nicht, beim ersten Kennenlernen gleich im Schlafzimmer zu landen. Sie glaube mir auch so.

Zum Abschluss tranken wir noch ein Glas Whiskey, und als sie sich verabschiedete, lud sie mich ein, nach Gombe zu kommen. Im Februar wäre sie wieder dort. Ich versprach zu kommen.

Doch mein Bedürfnis nach Ruhe war größer als jenes nach Abenteuer. Der Februar kam und verging. Bald stand das nächste Weihnachten vor der Tür, als es erneut klopfte. Da stand sie abermals und fragte vorwurfsvoll lächelnd: "Why didn't you come?"

Zwei Monate später war es dann so weit. Zusammen mit meinem Freund Michael Neugebauer stieg ich in Kigoma aus dem Flugzeug. Zu unserer beiden Verblüffung begrüßte uns eine große Menschenmenge. Es stellte sich heraus, dass Jane uns angekündigt hatte. Michael würde kommen und ein berühmter Sänger. Just in dieser Zeit hätte Michael Jackson in Daressalam ein Konzert geben sollen. Und durch stille Post wurde aus ‚Michael und der Sänger' ‚Michael der Sänger', und das konnte nur einer sein. Noch nie zuvor hatten sich Menschen so enttäuscht von mir abgewandt.

Die zwei Wochen in Gombe vergingen viel zu rasch. An Janes Seite durch den Urwald zu pirschen, ihren Erzählungen zu lauschen, die Geschichten der verschiedenen Schimpansen zu erfahren, denen sie entgegen wissenschaftlichem Usus allen Namen gegeben hatte. Von den Eroberungen der Alphapositionen und den damit verbundenen Kampfritualen. Nicht immer hatte sich der Stärkste durchgesetzt. Da gab es Mike, er verdankte seine Position dem Umstand, dass er sich leere Blechkanister angeeignet hatte und damit derartigen Lärm zu erzeugen wusste, dass man ihm die Führung überließ. Oder Faben, er infizierte sich mit dem Poliovirus und hatte demzufolge einen lahmen Arm. Das zwang ihn bei Streitereien eine aufrechte Haltung einzunehmen und so wurde er Alpha. Es gab auch einen, ich habe seinen Namen vergessen, der es mit Freundlichkeit schaffte. Er pflegte allen extensiv das Fell und verhalf sich so zu einer großen Gefolgschaft.

Als es an der Zeit war, die Rückreise anzutreten und sich zu verabschieden, versprach ich wiederzukommen. Ich wollte das, was ich erlebt hatte, mit der Welt teilen und die Botschaften dieser außergewöhnlichen, charismatischen Frau hinaustragen helfen. Was niemand für möglich hielt, gelang. Innerhalb eines Jahres war ich zurück und der Film Von Goisern nach Gombe wurde Wirklichkeit.

In den darauffolgenden Jahren nahm ich mir manchmal Zeit, Jane auf ihren Vortragsreisen zu begleiten. Ich erlebte sie in Taiwan, in Kalifornien, in Österreich ... Dann nützte sie stets meine Anwesenheit, um die Kommunikation der Schimpansen zu demonstrieren, indem wir uns gegenseitig Chimp-Laute über den Saal hinweg zuriefen.

Auf den langen Reisen hatten wir viel Gelegenheit zu reden. Ihre Sorge um den Planeten war am Ende des Tages das, was sie am meisten beschäftigte. "There's a lot of crazy people out there. Some are good crazy and some are bad crazy. The bad ones are spawning faster."

Und doch verlor sie weder Hoffnung noch Glauben an die Kreativität und die menschlichen Ressourcen, die Dinge zum Besseren wenden zu können. Unermüdlich reiste sie bis zuletzt um die ganze Welt, hielt Vorträge, sammelte Geld für ihre Projekte, traf sich mit Jugendlichen und begeisterte alle, die sie erleben durften. Mit Geschichten von Hoffnung, von Trost und Freude, mit Beispielen des Beikommens von Widrigkeiten, von Genesung und der Fragilität, aber vor allem auch vom Wunder der Schöpfung.

Ich erinnere mich noch an einen Zuhörer, der sich nach ihrem Vortrag in Bad Ischl dafür bedankte, dass sie dort aufgetreten war. "Ich kann kein Wort Englisch, bin mir aber sicher, alles verstanden zu haben, worum es im Leben geht."

Dame Jane Goodall, du hattest eine wunderbare Aura. Deine anmutige Form ist von uns gegangen. Dein Geist ist geblieben. Danke, dass ich dich ein Stück des Weges begleiten habe dürfen.

Hubert von Goisern
Salzburg, im Oktober 2025