Hubert von Goisern
DE
EN
 

HvG

Hubert von Goisern: Kommentar - Tibet

24. März 2008 | Text: Hubert von Goisern
HvG - TIBET

Während 2008 für die Chinesen das Jahr der Ratte ist, spricht man in Tibet vom Jahr der Erdmaus.

Als ich vor einigen Jahren Tibet bereiste, las ich in der Lobby meines Hotels in Lhasa ein chinesisches Propaganda-Magazin in englischer Sprache. Darin fand ich, in einem Artikel über Lenin, dessen unglaubliche Aussage: "ein Volk, das nicht bereit ist mit Waffengewalt um seine Freiheit zu kämpfen, verdient die Sklaverei." Dieser Satz macht mir Lenin extrem unsympathisch. Ebenso wie die chinesische Nomenklatura, die offensichtlich aus der Friedfertigkeit der Tibeter, ganz im Sinne Lenins das Recht ableitet, diese zu unterdrücken und das Land auszubeuten. Aus der Geschichte lässt sich nämlich, trotz aller Behauptungen kein Anspruch Chinas auf Tibet ableiten.
Je nachdem auf welche Epoche man blickt, waren die Grenzen mal da und mal dort gezogen. Im 7. Jhdt. war z. B. so gut wie das gesamte heutige China ein Teil Tibets und aus dem Jahre 1794 gibt es einen in Stein gemeisselten Vertrag der in beiden Sprachen die Souveränität beider Länder klarstellte. Als 1949 Mao Tsetung an die Macht kam, war eine seiner ersten Untaten, in Tibet einzumarschieren und das Land zu annektieren; oder wie er es nannte - zu befreien. (Von den Tibetern?) Im Laufe seiner Herrschaft hat Mao vorsichtigen Schätzungen zu Folge 20 Millionen Menschen das Leben gekostet. Manche behaupten es waren doppelt so viele. Sowohl Lenin wie Mao sind noch immer nicht begraben, weder im übertragenen noch im wörtlichen Sinn. Beide sind einbalsamierte Pilgerstätten. Es ist höchste Zeit für sie, unter die Erde zu kommen.

Und es ist höchste Zeit die Tragödie in Tibet zur Kenntnis zu nehmen. Ich bin erschüttert aber nicht überrascht über die jüngsten Entwicklungen, denn es war vorhersehbar und kein Geheimnis, dass die olympischen Spiele für die Tibeter Anlass sein würden auf die Menschenrechtsverletzungen in ihrem Land hinzuweisen. Nach mehr als 50 Jahren Unterdrückung durch China, ist die Verzweiflung am Dach der Welt ebenso allgegenwärtig wie die Unfreiheit und Benachteiligung der einheimischen Bevölkerung. Dass also der eine oder andere seine Faust ballt und Steine zu werfen beginnt kann nicht verwundern. Gemessen an den tibetischen Opfern in der Vergangenheit (über 150.000 starben allein durch Hinrichtungen, an die 200.000 in Gefängnissen und Arbeitslagern) sind ein paar zerbrochene Fensterscheiben und in Brand gesteckte Autos eine Lappalie. Und selbst dies wäre wahrscheinlich nicht geschehen, wenn man jenen Menschen nicht penetrant desavouierte, der wie kaum ein anderer für Gewaltverzicht und Dialog steht.
Die Dämonisierung des Dalai Lama, vom offiziellen China als "Wolf im Schafspelz" bezeichnet, ist eine Unerträglichkeit sondergleichen. Unerträglich ist auch die Haltung der meisten österreichischen Politiker zu diesem Thema. Bis hinauf zum Bundespräsidenten gibt es nur ein entwürdigendes Buckeln vor der Wirtschaftsmacht China um nur ja den Handel nicht zu gefährden. Und bei jedem Staatsbesuch aus dem "Reich der Mitte" demonstriert man vorauseilenden Gehorsam indem das Innenministerium mit Polizeigewalt jegliche Kritik im Keim erstickt.

Dem olympischen Komitee wird der Vorwurf gemacht, bei der Vergabe der Spiele an Peking ausschließlich wirtschaftlich gedacht zu haben. Das mag so sein, aber seien wir mal ehrlich, wenn man nach den hehren Idealen des olympischen Gedanken handeln würde, wohin könnten die Spiele guten Gewissens vergeben werden? Jedenfalls keinem Land, das sich auch die Durchführung leisten könnte.
Peking hat sich die Spiele nicht weniger "verdient" als Berlin, Moskau, Los Angeles oder London. Einen Boykott halte ich aus diesem Grund für falsch.
Was ich mir aber sehr wünsche, sind Funktionäre und SportlerInnen mit dem Bewusstsein, dass olympische Spiele eine politische Dimension haben. Sie dienen seit der Antike auch als politisches Forum. Vielleicht finden einige die Courage die tibetische Fahne hochzuhalten.
Die Annexion Tibets ist nicht wegzuleugnen, wegzuschweigen und leider auch nicht wegzumeditieren. Tibet ist nicht China und die Tibeter sind keine Chinesen. Sie haben eine eigenen Sprache, eine eigene Schrift und eine eigene Lebensart. Möge es also nicht nur das Jahr der Ratte werden, sondern auch das der Erdmaus.

Können wir einzelnen Menschen zur Lösung des Konflikts beitragen? Ja. Schreiben Sie an ihre Regierungsvertreter, an die europäische Kommission, an das olympische Komitee..., dass man sich der Problematik annehmen möge und nicht mit dem Argument davonschleichen soll, das sei nicht die Aufgabe einer Sportveranstaltung.

Hubert von Goisern, Salzburg - Ostern 2008