Hubert von Goisern
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IWASIG

IWASIG >> Interviews: 1 2

Tiefenrausch

www.westzeit.de 1. November 2002 | Text: Nora Gormanns

Iwasig heißt das neue Album des Österreichers, mit dem er seine funkig-soulige Seite präsentiert, nachdem er sich in den vergangenen Jahre vor allem auf globale Weltmusik und viele unabsehbare Dinge konzentrierte. Beim Promotiontermin, der für ihn eher zu den notwendigen Schritten seines Berufes gehört, plauderte er eben so locker wie sein Outfit an diesem Tage ausfiel über seine neue CD und was Musik für ihrn wirklich bedeutet.

Begonnen hat seine Leidenschaft für die Musik recht früh: "Mit 12 hab ich angefangen Trompete zu spielen, mein erster Berufswunsch war Dirigent. Selbst wenn meine Eltern dies nicht unterstützt haben, hab ich mich selber durchgekämpft bis ins Blasmusikorchester." Die gleiche Entschlossenheit zeigt sich heute noch, wenn man sich beispielsweise die Ausspracheerklärung des Albumtitels (iwasig = drüber, oberhalb), unübersehbar vermerkt auf der CD, ansieht. "Ich habe den Anspruch, dass es richtig ausgesprochen wird. Und die Leute haben somit auch das Recht zu wissen, was sie richtig aussprechen sollen." Sowohl die ruhigen als auch die schnellen Stücke sind jeweils als ein Block auf dem Album zu finden. Hat das Album denn ein Grundthema? "Nein, der einzige rote Faden bin ich in all meiner Pluralität. In meinen Kompositionen beschreibe ich einen Zustand, eine Utopie oder eine reale Situation. Der Text kommt meistens am Ende, da ich ihn von der Musik quasi vorgeschrieben bekomme. Eine wirklich gute Komposition ist wie ein Haus, ein Gebäude in das man als Zuhörer reingehen kann. Im Gegensatz dazu ist eine schlechte Komposition lediglich ein Denkmal. Egal wie kunstvoll es von außen verziert ist, man bekommt nicht die Möglichkeit selbst hinein zu gelangen."

Da sich der 50-Jährige in seinem bisherigen Leben bereits öfters "gehäutet" hat, ist ihm unklar, wie seine musikalische Zukunft aussieht. Doch seit je her gehören einige Dinge für ihn definitiv zu einem guten Konzert dazu: "Ich muss danach mit einem Weißbier und einem Joint in der Garderobe sitzen und einfach das Gefühl haben, dass ich wie bei einem Dialog alles gesagt, alles rausgespielt habe und nur noch wie ferngesteuert reagiere. Es darf nicht sein, dass etwas ungesagt bleibt. Denn Musizieren ist ein gesellschaftlicher Zustand, ein Rausch. Genau wie das Trinken oder Haschisch rauchen soll man es nicht alleine machen."

Nur was genau bedeutet das Musizieren für Hubert von Goisern, der bei seiner "Arbeit" eher das Gefühl hat, permanent Freizeit zu haben? "Durch's Musizieren komme ich in eine Gefühlswelt, eine Gefühlstiefe, die mir sonst verschlossen bleibt und sogar noch intensiver ist als jene, die mich umgibt, wenn ich alleine in den Bergen bin. Ich mag diesen kollektiven Rauschzustand! Zwar mache ich die Musik für mich selbst, doch sie ist zugleich eine Sprache, die man entwickelt. Versteht sie keiner, wirst du zum Autisten."

Probleme mit der Bezeichnung Künstler und der für ihn dahinterstehenden Erwartung, etwas Besonderes zu sein, hatte er lange, dennoch sieht der Österreicher sie als Passendste für sich, sogar noch vor dem Begriff Musiker. Hätte Iwasig bereits vor 10 Jahren passieren können? "Nicht ganz, aber fast. Im Grunde arbeitet man eh längere Zeit am selben Stück. Da gibt es so einen Kern, der eine Kontinuität darstellt, mit der ich lebe seit ich auf dieser Welt bin." Kann er diese Kreativität denn auch selbst gut konsumieren? "Bis eine CD fertig ist habe ich jedes Stück ich weiß nicht wie oft gehört. Irgendwann schließe ich diesen Prozess ab, dann kann und will ich einfach nicht mehr hören, denn sonst läuft zwangsläufig auch der Prozess des Arrangierens weiter. Stattdessen mach ich mich dann lieber frei, sage mir "fertig ist fertig" und bin froh, für etwas Neues Platz zu haben." Was das sein wird, ist zwar noch unklar, aber der Rausch wird bleiben. Garantiert.

Ich ist ein Wanderer

Süddeutsche Zeitung 26. October 2002 | Text: Karl Forster

Vor zehn Jahren begann die Karriere des Hubert von Goisern als musikalischer Veredelungskünstler alpiner Volksmusik. Mit seinen Alpinkatzen und Hits wie Hiatamadl oder Heast as ned füllte er die Säle des gesamten deutschsprachigen Raums und wurde sogar in New Yorker Clubs gefeiert. Nach sechs Jahren löste Hubert von Goisern seine Erfolgsband auf, zog sich für gut sechs Jahre zurück, um dann mit Fön ein Album mit vollkommen neuem Sound vorzulegen. Dem folgte nun Iwasig, eine CD, die zum einen stark an die Alpinkatzen-Zeit erinnert, zum anderen viele neue Soundelemente bietet. Und mit Iwasig fiel auch das Geheimnis um den Namen Hubert von Goisern. Ein Gespräch über Musikstile und Identitäten.

In der letzten Zeit wurde das sorgsam gehütete Geheimnis des wahren Namens von Hubert von Goisern gelüftet. Was ist der Unterschied zwischen Hubert Achleitner und Hubert von Goisern?

Ich habe schon das Gefühl: Der Hubert Achleitner, das bin ich. Und der Hubert von Goisern ist eine Kunstfigur. Es ist eigentlich ganz angenehm, dass ich das so trennen kann. Wenn ich in der Öffentlichkeit bin, bin ich Hubert von Goisern. Aber es gibt eben einen Teil von mir, der mit der Öffentlichkeit nichts zu tun hat. Den ich auch raushalte aus der Öffentlichkeit. Meine Familie, und mein so genannt Privatleben. Hubert Achleitner ist auch der Hubert von Goisern, aber Hubert von Goisern ist nicht auch der Hubert Achleitner.

Wie kamen Sie auf den Namen?

Das war so zu den Anfangszeiten um 1987: Ich habe in der Kärntnerstraße in Wien Ziehharmonika gespielt. Da kommt so ein Typ auf mich zu im Trenchcoat und drückt mir seine Visitenkarte in die Hand, da stand drauf: CBS Schallplatten, Willi Schlager. Und er sagt, er möchte gerne mit mir eine Platte machen. Ich hatte damals gerade den Wolfgang Staribacher kennen gelernt (den Miterfinder der Alpinkatzen und jetzigen Chef der hochgelobten Mozartband, d. Red.) und ihn nun gefragt: Machen wir was? Er war dabei. Also hab ich angefangen, Lieder zu schreiben. Ab und zu haben wir die Sachen im "Roten Engel" ausprobiert. Da habe ich uns immer vorgestellt mit dem Satz: "Oiso, des is da Wolfgang aus Wien, und I bin da Hubert von Goisern." Ein Freund meinte: Du, das ist ja fantastisch. Ein Super-Künstlername. Was? Na, der Hubert von Goisern halt.

Wenn Sie zuhause musizieren, spielen Sie dann als Hubert Achleitner oder als Hubert von Goisern?

Da spiel' ich überhaupt nicht. Ich spiel' das nicht so, wie es alle spielen. Und ich mag mich da auch nicht verteidigen. Ich bin halt in der Öffentlichkeit der Hubert von Goisern und nicht der Hubert Achleitner, der irgendwo hin gehen kann und sagt, gib mir doch mal die Ziehharmonika. Aber ich gehe gerne hin, wenn Volksmusik gespielt wird. Nur so als Mäuschen. Denn wenn die anderen hören, dass der Hubert von Goisern da ist, werden die auch gehemmt. Dabei spielen die eh alle besser als ich.

Sie waren bisher immer auf der Suche nach dem richtigen Sound. Es ist auf Ihren CDs alles vertreten, was die Pop- und Rockmusik in den letzten 40 Jahren hervorgebracht hat. Honkytonk, Blues, Balladen, auch ein bisschen Jazz, neuerdings sogar Ethno, der an "Graceland" erinnert. Suchen Sie immer noch nach der Identität der eigenen Musik?

Das täuscht vielleicht. Es gibt halt noch unentdeckte Seiten von Musik in mir. Ich bin nicht unzufrieden mit dem, was ich habe. Aber ich habe das Gefühl: Es geht noch weiter.

Aber Sie haben sehr viele Stile ausprobiert. Gerade bei Fön, dann die Nepal- und Afrikaausflüge. Wenn einer soviel Neues versucht, kann man annehmen, dass er nie zufrieden ist.

Zum einen ist es schön, zu experimentieren. Zum anderen ergibt sich eben viel aus den Lebensumständen. Zum Beispiel in Tibet. Da hab ich gesehen: Es muss eine zeitgenössische tibetische Musik geben. Die haben sonst nur ihre traditionelle tibetische Musik, die mit dem, wie sie leben, überhaupt nichts zu tun hat. Da haben wir eben zusammen versucht, so eine Musik zu schaffen. Und es hat funktioniert.

Eine Parallele zu Ihren Ambitionen mit der alpinen Musik.

Das stimmt. Auch hier gibt es Traditionen unter einer Glasglocke. Und wehe, du veränderst was. Da gibt es keinen Bezug mehr zum Hier und Jetzt.

Das Brechen dieser Traditionen aber wurde zu Ihrem Markenzeichen, zumindest zur Alpinkatzen-Zeit. Dann kam Fön, und Hubert von Goisern zeigte sich in vollkommen neuem musikalischem Gewand.

Fön ist sechseinhalb Jahre nach meinem letzten Alpinkatzen-Konzert herausgekommen. Die Lieder hab' ich aus der Stille heraus geschrieben. So ist das eine sehr introvertierte Platte geworden. Und deswegen eben mehr Jazz als Rock.

Auf der neuen Platte Iwasig haben Sie wieder einen neuen Sound ins Repertoire aufgenommen: Calypso und afrikanische Ethno- Elemente.

Nun, als ich mit dem Fön-Programm auf Tour gegangen bin, habe ich gemerkt, dass für die Live-Auftritte was fehlt, was zum "Andruckn", zum Gasgeben. Deswegen habe ich dann das neue Programm geschrieben, das nun etwas extrovertiert ist.

Auf Fön spielen Sie auch das Flügelhorn selbst. Welches Instrument ist für Sie typisch?

Es gibt Sachen, die kommen auf der Gitarre gut. Andere sind für die diatonische Ziehharmonika ideal. Und manchmal setze ich mich hin und fühle mich mit dem Es-Horn oder mit dem Flügelhorn sauwohl.

Mit welchem Instrument haben Sie angefangen?

Mit Trompete. Wobei ich da nie gut gewesen bin. Ich hab überhaupt nicht die Lippen für Trompete. Ich hab dann erst lernen müssen, dass der Sound des Flügelhorns für mich ideal ist.

Bei der Hölleisengretl von Jo Baier sind Sie als Schauspieler dabei gewesen. Könnte die Lust am Rollenspiel damit zu tun haben, dass Hubert Achleitner immer noch auf der Suche nach sich selbst ist?

Da zieht's mich total hin. Ich hab das ja nie gelernt. Da kam dann das Angebot von Jo Baier. Eine Rolle, die diametral das Gegenteil von mir ist, der böse Mann in der Hölleisengretl. Ich hab mir gedacht, wenn ich den spielen kann, dann kann ich's wirklich.

Vor zehn Jahren stand in dieser Zeitung die erste Rezension eines Hubert-von-Goisern-Konzertes. Wenn wir uns nun in zehn Jahren wieder treffen, wo sehen Sie sich dann? In der Musik? Beim Theater? Oder ganz woanders?

Ich weiß es nicht. Wenn ich's wüsste, wär's fad. Ich habe mich schon so oft gehäutet, dass ich es wirklich nicht sagen kann. Diese Diskontinuität ist fast schon ein Zeichen meiner Kontinuität.

Danke Mary

"Iwasig" oder ganz obenauf

Aktiv 20. September 2002

Hubert von Goisern - iwasigNach achtjähriger Pause betrat Hubert von Goisern im März 2001 mit einem eigenen Konzertprogramm wieder die Bühne. Seitdem ist eine neue Goisern-Manie ausgebrochen. Das Publikum kommt in Massen. Standing Ovations, ausverkaufte Hallen, hunderte Konzerte. Hubert von Goisern, der nach Fön" und der Volksliedersammlung Trad mit Iwasig nun sein drittes Album im Zeitraum von zwei Jahren vorlegt, knüpft nahtlos an "alte Zeiten" an. Im Gespräch mit aktiv-Mitarbeiter Helmut Blecher äußert sich Hubert von Goisern über seine aktuelle musikalische Ausrichtung und seine Befindlichkeit im Besonderen.

In den letzten beiden Jahren hast du relativ viel erlebt, viel neue Erfahrungen gesammelt. Irgendwie ist zu dem nachdenklichen Hubert von Goisern jetzt auch ein eher fröhlicher und enstpannter HvG hinzugekommen?

Ja, schon! Das mit der Entspanntheit kann ich aber jetzt nicht so bestätigen. Mir kommt es subjektiv schon so vor, dass jetzt mehr Spannung bei mir drin ist. Irgendwie bin schon extroverierter als früher.

Beim Publikum stößt du damit auf eine große Resonanz. Die Sommer-Tournee mit deiner Band glich einem Triumphzug.

Das kann ich nicht beurteilen. Aber ich habe schon das Gefühl, das ich jetzt direkter auf mein Publikum zugehen kann, während ich früher doch viel zurückhaltender und wohl auch geheimnisvoller auf die Leute gewirkt habe.

Welche Erkenntnisse hast du von deiner Tour durch Afrika mitgebracht, die eine Art musikalischer Austausch zwischen den Kontinenten war?

Diese Reise hat zunächst einmal mein Verständnis für meine eigene Tradition gefestigt, nachdem ich die musikalischen Besonderheiten und Identitäten an verschiedenen Orten in Afrika kennen gelernt habe. Dadurch habe ich mehr Zugang zu meiner eigenen Reflektion gefunden, mit der ich jetzt meinen Frieden schließen kann.

Insbesondere die Spontaneität, die mir in Afrika begegnete, war für mich schon sehr überraschend. Schließlich sind wir (Europäer) gewohnt alles zu organiserien und nichts dem Zufall zu überlassen. Mittendrin habe ich mir oft gedacht, ob ich auch alles richtig gemacht habe. Die Tour war sehr intensiv, anstrengend und auch schwierig, denn jeden Tag tauchten immer wieder neue Probleme auf, die überwunden werden mussten. Das hat einem an Geduld und Toleranz schon sehr viel abverlangt, weil es da Sachen gibt, mit denen wir bei uns gar nicht mehr konfrontiert werden.

Aber letzlich hat sich doch wohl in punkto Duldsamkeit einiges für dich verändert?

Natürlich! Als ich zurückkam, habe ich an mir festgestellt wie langsam ich mich nun bewegte, ganz im Gegensatz zu meinen mitteleuropäischen Artgenossen. In Afrika steht die Zeit auf eine gewisse Art und Weise still, wie es bei uns eigentlich nur während der Schlafenszeit passiert. In Afrika gibt es keine Zeit, wenn nichts passiert. Wenn man hier zwei Stunden auf den Bus wartet, passiert nichts, und folglich ist auch keine Zeit vergangen. Mich wieder auf das europäische Zeitgefühl umzustellen, das war für mich kein Problem, höchstens die anderen hatten ein Problem mit mir.

Dein Publikum hat mit dir jedenfalls kein Problem. Bei deinen Konzerten kann ihnen die Zeit gar nicht lang genug werden.

Ich denke, ich habe mir die Art, wie ich jetzt auftrete, hart erarbeitet. Sie ist mir nicht so einfach in den Schoß gefallen. Auf jeden Fall schätze ich es sehr, dass mir die Leute so viel Vertrauen entgegenbringen, zu dem was und wie ich es mache. Es ist ein tolles Gefühl wenn man Neugier wecken kann und gleichzeitig Zustimmung erfährt.

Grund sich auf dem bisher Erreichten auszuruhen hast du aber nicht?

Ich war eigentlich immer einer der sich im Leben schwer getan hat. "Ich war ein fürchterlichser Schwör". Ich hab' die Schule nicht verstanden weil ich ich nicht eingesehen habe, dass man überhaupt etwas lernen soll, wo es doch eigentlich nur darum geht zu leben. Heute bin ich mir der Wichtigkeit des Lernens bewusst. Eigentlich ist das Leben ein ständiger Lernprozess, zumal wenn man gegen den Strom schwimmt. Seinen eigenen Standpunkt einnehmend, sich selber kennen lernen, mit all seinen Stärken und Schwächen, darum geht es mir. Ich möchte mich nicht durch selbstgezogene Grenzen in einschränken, sondern die Freiheit haben einfach grenzenlos agieren zu können.

Iwasig reflektiert deine neue Grenzenlosigkeit in Sachen Pop, Rock und Weltmusik.

In gewisser Hinsicht ist in den meisten Songs mehr Rock als Pop drin. Aber ich denke es ist nicht so wichtig, wie man die Musik bezeichnet, sondern wie man sie wahrnimmt. In einem kreativen Prozess braucht man in erster Linie Quellen aus denen man schöpfen kann. Schließlich erfinde ich ja den Plattenteller nicht neu. Meine Quellen sind Traditionen, die man hat oder die man sich aneignet. Dass ich meinen Alpentraditionen sehr verbunden bin, muss allerdings nicht unbedingt bedeuten, sie auch kritiklos zu lieben. Auch im Hass kann man mit etwas sehr intensiv verbunden sein. Das mag zwar ein Zwiespalt sein, aber ich schöpf' daraus meine Kreativität, die sich nicht in starren Formen erschöpft. Was ich schon vor zehn Jahren mit den Alpinkatzen eher wütend heraus gelassen habe, gehe ich heute mit viel größerer Gelassenheit an.

Du hast eine Single (Poika) produziert und dennoch wurde sie nicht im Radio gespielt. Irgendwie scheint dieses Medium dich nicht so richtig wahrzunehmen?

Ich kann es mir nicht wirklich vorstellen, im Radio gespielt zu werden. Wenn du ein Album veröffentlichst spielen sie es nicht, weil sie keine Zeit haben einen Song herauszusuchen, der in ihr Programm passt. Jetzt habe ich ihnen eine Single geschickt und es ist dennoch nichts passiert. Dafür war die Tournee einfach traumhaft gelaufen. Das hat keiner von uns erwartet. Es war erstaunlich, dass wir selbst an für uns so entfernten Orten wie Idstein oder Hanau so viele Leute angezogen haben. Ich bin dankbar, dass wir ein Publikum haben, das uns zuhört, auch wenn wir Dinge vortragen, die nicht nur von einer gewissen Dauerfröhlichkeit bestimmt sind.

"Ein Lied ist wie ein Haus"

www.stimme.de 21. Oktober 2002 | Text: © teleschau - der mediendienst GmbH | Foto: © Lawine

Hubert von Goisern über sein neues Lebensgefühl

Hubert von Goisern - iwasigDie Themen auf dem neue Album scheinen von einer gereifteren Persönlichkeit zu kommen. Abgeklärte Weisheiten...

Es ist aber schwer, einen Interpretationshilfe zu geben. Das widerstrebt mir ganz außerordentlich.

Welche Impulse beeinflussen Sie bei der Wahl der Themen?

Fön kommt mir persönlich viel ernsthafter vor. Iwasig ist durch mehr Leichtigkeit im Umgang mit den Themen geprägt. Seitdem ich musiziere, schreibe ich immer an denselben Sachen herum, an denselben Liedern. Aber mit der Zeit bekomme ich einfach eine andere Sicht der Dinge.

Es gab also keine Leitidee oder einen Rahmen für das neue Album?

Nein, das gab es eigentlich noch nie. Außer bei dem Tibet-Album (Inexil, 1998), bei dem es klar war, dass ich mich mit einem abgegrenzten Terrain - mit der tibetanischen Musik - auseinander gesetzt habe. Ich will mich eben nicht einengen, auf etwas spezialisieren oder mir ein Thema vorgeben. Sicher, Fön erscheint mir rückblickend eher introvertiert. Es entstand aus der Stille heraus, da ich sechseinhalb Jahre nicht auf der Bühne gewesen war und wenig Kontakt mit der Öffentlichkeit hatte. Im vergangenen Jahr war ich jedoch auf Tour, habe 100 Konzerte gespielt, und so veränderte sich meine Stimmung, mein Lebenstempo. Ich wurde wieder lauter, schneller.

Sie wurden in Ihrer Arbeit also direkt vom Publikum beeinflusst?

Ja. Durch den Kontakt mit der Öffentlichkeit wurde ich extrovertierter. Davor war ich sehr in mich gekehrt. Mein Bewusstsein ist ein anderes geworden. Es ist jetzt ein lustvoller Umgang, ein Spiel. Früher war die Lust da, einfach Konzerte zu spielen, und dazu schrieb ich ein Programm. Und doch war ich sehr in meinem Kokon gefangen. Ich stellte mich auf die Bühne und blendete das Publikum mehr oder weniger aus.

Und das hat sich nun geändert ...

Jetzt habe ich aus meinem Lebensgefühl heraus geschrieben. Es ist extrovertierter geworden. Sicher gab es einen unerfüllten Teil von mir und übrigens auch von der Band. Aber ich wollte nicht, dass unsere älteren Lieder umgekrempelt werden - nur damit wir unserem Lebensgefühl gerecht werden. Lieber wollte ich Stücke schreiben, die zum jetzigen Zeitpunkt besser zu uns passen.

Gab es für dieses neue Lebensgefühl ein Schlüsselerlebnis?

Nein, eigentlich nicht. Wenngleich, wenn man nach sechseinhalb Jahren wieder rausgeht, Interviews gibt, die Öffentlichkeit an sich heranlässt, dann ist das ein Schlüsselerlebnis. Alles in allem war es so, als müsste ich nach einem langen Winter in den Frühling hinaus, aber trage noch den dicken Winteranorak. Das introvertierte Album Fön war ein Schutz. Aber mit der zurückgewonnenen Selbstsicherheit läuft man schon mal in der Badehose herum.

Wie entstehen Ihre Lieder?

Zuerst ist die Musik da, der Text kommt ganz zum Schluss. Ich habe schnell ein Gefühl dafür, worum es mir in dieser Musik geht. Ich erzähle immer eine Geschichte, obwohl ich zunächst keine Worte dafür brauche. Für mich ist ein Lied wie ein Haus, in das der Zuhörer hineingehen kann. In dem er Räume findet, in denen er selbst etwas entdecken kann. Ich mag keine Kompositionen, die kompakt wie ein Denkmal sind. Es muss noch der Platz bleiben für das Subjektive.

Sie wünschen sich also Zuhörer, die die Geschichte zu den einzelnen Titeln selbst für sich zu Ende schreiben?

So ist es.

Spüren Sie schon bei der Arbeit, wie ein Lied ankommen wird?

Als Metapher kann ich vielleicht antworten: Lieder sind wie Kinder, und ich bin von den eigenen Kindern grundsätzlich begeistert. Jedes soll seinen Weg beschreiten, wenn es in die raue Wirklichkeit hinausgeht.

Sehen Sie Ihren "Platz" eher bei Menschen, die sich für neue Volksmusik interessieren, oder ist es mehr die Popmusik?

Da gibt es keine Zielgruppe. Es ist mir fremd, mir den Zuhörer oder die Zuhörerin vorzustellen. Sie alle sind für mich anonym.

Gibt es einen Traum, den Sie noch unbedingt in Ihrem Leben realisieren wollen?

Ich weiß es nicht. Es gibt noch vieles, was ich noch ausprobieren möchte. Schon um zu wissen, dass ich es nicht kann. Mein Leben war bisher sehr vom Zufall abhängig. Manchmal hat es mich irgendwohin gespült. Ich weiß nicht, was es noch für mich bereithält.

Rebell der Volksmusik

TR7 Oktober 2002 | Text: Simone Matthieu

Der eigenwillige Österreicher legt mit Iwasig sein zweites Soloalbum mit Eigenkompositionen vor. TR7 sprach mit dem Musiker über das Überschreiten von inneren und äusseren Grenzen.

Erst mit 27 Jahren entschied sich Hubert von Goisern, seinem Herzen zu folgen und sein Leben der Musik zu widmen. Die Alpinkatzen - die Band, die er 1987 gründete und 1994 wieder auflöste - sind ebenso legendär wie sein eigenwilliges Aufmischen alpiner Volksmusik mit Rock und Pop. Daneben experimentierte er immer wieder mit Musik aus anderen Kulturen und arbeitete mit Künstlern aus anderen Ländern. Iwasig (darüber, oberhalb) ist sein zweites Soloalbum mit Eigenkompositionen.

Warum haben Sie die Alpinkatzen damals aufgelöst?

Der Erfolg brachte die Erwartung mit sich, dass wir den bisherigen Stil beibehalten. Aber ich wollte Neues ausprobieren, frei sein. Ausserdem brauchte ich Zeit für meine Familie. Meine Mitmusiker machten mir Vorwürfe, doch ich konnte nicht mehr nur für die anderen weitermachen - auch wenn es eine schöne Zeit war.

Zwei ehemalige Alpinkatzen spielen auf Ihrem neuen Album mit. Haben sich die Wogen geglättet?

Der Kontakt ist nie ganz abgebrochen. Wir sprachen über das, was passiert ist, und haben wieder einen guten Draht zueinander gefunden.

Vor der Produktion des neuen Albums waren Sie auf Afrikatour. Der Austausch zwischen österreichischer und afrikanischer Musik stand im Zentrum. Dennoch finden sich auf Iwasig kaum afrikanische Einflüsse.

Die Lieder standen schon vorher. Beim Komponieren lasse ich Erfahrungen nicht bewusst einfliessen. Ich muss die Dinge erst verdauen, dann kommen sie irgendwann wieder hoch. Die Afrikareise ist noch zu nah dafür.

Ihre Lieder sind sehr eigenwillig. Sie machen mal Volksmusik, mal Weltmusik und immer wieder etwas dazwischen. Wie würden Sie sich selber definieren?

Solche Definitionen finde ich schwierig. Weshalb nennt man einen Afrikaner, der traditionelle Musik und Pop mischt, einen Weltmusiker? Aber jemanden, der dasselbe mit alpiner Musik macht, einen Volksmusiker? Für mich bedeutet Weltmusik, die Tradition im Kern zu bewahren, ohne sie wie derzukäuen und ihre Asche anzubeten. Der rote Faden meiner Musik bin ich selber. Ich schöpfe aus allen Traditionen, die ich kenne, darunter auch aus der Volksmusik des Salzkammerguts, wie es vor mir schon Mozart, Schubert oder Mahler taten. Durch meine Reisen kamen neue Traditionen - Jazz, Rock und Blues - dazu. All das setzt sich im kreativen Prozess zusammen, und etwas Eigenes entsteht.

Grenzen überschreiten scheint das zentrale Thema Ihres Lebens zu sein.

Das stimmt. Ich setze mich auch immer wieder Situationen aus, die mir Grenzen aufzeigen. Ich habe aber nicht den Anspruch, dass mir andere darin folgen.

Dann sind Sie wohl auch für die EU?

Ja, unbedingt. Die Welt wird immer mehr zu einem Dorf; dieser Wandel ist nicht aufzuhalten. Eine Igelposition, wie die Schweiz sie einnimmt, finde ich nicht gut. Aber es ist eine verständliche Haltung, die man auch in Österreich findet. Was mich stört an der EU ist das Bild einer europäischen Festung. Dennoch ist sie ein erster Schritt zu einem grösseren Ganzen. Alle auf der Welt sind eine grosse Familie.

**** Wenn die Handorgel von Gitarrenriffs und Jodel abgelöst wird, dann ist das von Goisern in Bestform. Die Texte in österreichischem Dialekt sind geistreich, philosophisch und von befreiender Leichtigkeit.

Danke Ed