Hubert von Goisern
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TRAD II TOUR 2004

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Hubert von Goiserns weltumarmende Harmonie im CCW

Mainpost 3. Mai 2004 | Text: Wolfgang Jung

Die Leute sollen sich ihren eigenen Reim drauf machen

Würzburg. War das ein schöner Abend! Hubert von Goisern war im Würzburger Congress Centrum, vier exquisite Musiker mit ihm. Zu hören gab es, ungefähr wenigstens, steirische Volksmusik: Manchmal war's zum Sterben schön, ein seliges Geträume, ein Zauber von weltumarmender Harmonie. Gitarre, Percussion, Kontrabass, eine Geige, eine Ziehharmonika schwebten in zeitlosen Sphären, ein verträumter Jodler dazu - Mensch, müssen die Berge der Steiermark schön sein, dass da solche Musik wächst. Da ist kein Harm, da zwickt nichts, das ist reine Poesie. Nach einem dieser wunderbaren Stücke - gerade hat man entdeckt, dass man doch nur im CCW sitzt - erzählt Goisern, ein Zeremonienmeister, das eben Gehörte sei das Lieblingsstück vom Adi gewesen. Vom Adi? Von Adolf Hitler. Jede Rose hat Dornen, auch die aus der Steiermark, leider.

Hubert von Goisern hat traditionelle Texte und Melodien aus seiner steirischen Heimat zeitgenössisch aufbereitet. Er berichtet, den dortigen Anhängern der reinen Volksmusiklehre grause vor dem, was er treibt. Das kann man sich gut vorstellen. Bei ihm bleiben die strengen Formen auf der Strecke; seine Musik verlässt die Enge der Provinz. Bei ihm bekommt der alte Kram neue Kraft und Vitalität. Wenn er nicht in ganz sphärischen Gegenden unterwegs ist, lässt er die Lieder rocken. Der Mann ist viel gereist, das hört man. Mal erreicht ein Stück die Ekstase eines pakistanischen Sufi- Gesangs, mal hört man afrikanische, mal indische Einflüsse, besonders die Gitarren müssen eine weitläufige Verwandtschaft im Mississippi-Delta haben, aber immer bleiben die Wurzeln erkennbar, dieses alpenländisch Vertrackte mit wechselnden Rhythmen, komplexer Mehrstimmigkeit und Kehlkopf-Gesang. Die Melodien sind einfach und schön; in ihrer Schlichtheit berühren sich die fränkische und die steirische Kultur.

Aber sonst? Was da zu hören war, hätte auch aus einem vergessenen Winkel Afrikas kommen können, so fremd ist das. Und das nicht nur in der musikalischen Umsetzung: "Znagst (zunächst) han I die ganze Nacht Eiszapfen brennt / koan Mensch hats nit kennt, dass koane Wachskerzen send", singt er. Wie meinen? Hubert von Goisern hält für unwahrscheinlich, sagt er, dass das Publikum versteht, um was es geht. Die Leute sollen sich halt ihren eigenen Reim drauf machen. Wie bei diesem Stück, einem Lobpreis auf die Gemsen: "Die Gamserln schwarz und braun / die san so lieb zum schaun / und wenns das schießen willst / dann muaßt die aufi traun." Die letzte Strophe, huidiridulie: "Die Gamserln rosa-lilla / die tragn a Sonnenbrilla / san süß wia Marzipan / und schmecken nach Vanilla".

Die Bühne: mit wenig Aufwand, aber sehr effektvoll in warmes Licht getaucht; im Hintergrund zuweilen eine Projektion, eine gewaltige Berglandschaft zum Beispiel. Das in Alter und Aussehen bunt gemischte Publikum: schwer begeistert bis völlig aus dem Häuschen. Am Ende, nach gut drei Stunden: stehende Ovationen für Hubert von Goisern, Arnulf Lindner, Bernd Bechtloff, Max Lässer und die außerordentliche Multi-Instrumentalistin Monika Drasch.

Hubert von Goisern: Live in Würzburg - 1. Mai 2004

6. Mai 2004 | Fotos: © Elli Christl

"Versteht's des ois?" - "Holarei-dudi-dudi-dudirei-dudijo"

Schwäbische Zeitung Online 4. Mai 2004 | Foto: Donner

Hubert von GoisernEr ist wieder daheim. Nachdem er jahrelang die Welt musikalisch und auch so bereist hat, hat ihn wohl das Heimweh gepackt. Hubert von Goisern, musikalisch wieder bei seinen Wurzeln gelandet, ließ am Sonntag im ausverkauften Häfler Graf-Zeppelin-Haus seine Fans an seiner Wiedersehensfreude teilhaben.

Sie feiern ihn mit stehenden Ovationen und werden mit zweieinhalb Stunden intensivem Konzert belohnt, das übers Ohr ins Herz, ins Blut und in die Beine geht. Am liebsten möchte manch einer zu den schnelleren Stücken tanzen, aber man begnügt sich mit mitsingen, mitjodeln und klatschen, bis die Finger wund sind.

Hubert jodelt wieder. Ein atemberaubendes Erlebnis für seine Fans, die ihn auch während seiner Ausflüge in ganz andere Musik- und Stilrichtungen begleiteten und nun begeistert sind über seine Rückkehr zu seinen Wurzeln. So haben sie ihn kennen und lieben gelernt. Sehr heimelig und schön klingt es denn auch, ihn alte G'stanzln singen zu hören.

Wo er das Liedgut zusammengesammelt hat, verrät er zwischendurch in witzigen Moderationen. In unschuldigem Weiß zelebriert er seine Musik, viel vom neuen Trad II-Album, wobei "Trad" für traditionell steht. Logisch. Was aber nicht heißt, dass er sich immer an die Tradition hält. Er singt und spielt, wie es ihm gefällt.

Entstanden ist Trad II auf dem 2100 Meter hohen Krippenstein im Dachstein-Massiv. Für dieses gelungene musikalische Experiment schleppten die Musiker ihr gesamtes Equipment gondelweise auf den Berg. Huberts erdiger, urwüchsiger Charme, seine Bewegungen zu den kräftigen Rhythmen der teils wehmütigen Volksweisen oder verrockten Schuhplattlern haben etwas laszives, das die Augen in Bann hält. "Versteht's des ois?", fragt er seine Fans. "Wahrscheinlich versteht's eh ois, aba es gibt koan Sinn. Des liegt dra, dass dia Texte so komisch sand. Des liegt net an meiner Aussproch!", lässt er wissen.

Er meint, die Texter damals müssen wohl "irgendwelche komischen Pilze" zu sich genommen haben, denn "Schnops alloans duats net, dasd auf so an Bleedsinn kimmst!" Sicher ist: Der "Bleedsinn" macht allen viel Spaß. Man hört, man sieht, und das ist vollkommen ausreichend.

Mal erotisch, mal komisch

Der Inhalt der Lieder ist einfach und unverblümt, mal verborgen erotisch, mal offen komisch. So verwandeln sich De Gamserln vom bekannten "schwarz und braun" ganz langsam in "rosa-lila", und mitten im Jodler setzen Trommeln ein, als wären sie schon immer da gewesen.

Weich und einschmeichelnd erklingt Abend spat oder der Schönberger. Die Musiker schließen die Augen, genießen, zelebrieren ihre ganz eigene Musik. Das Publikum träumt, genießt und zelebriert mit, lässt die Musik tief auf sich wirken.

Percussion-Künstler Bernd Bechtloff lässt derweil Kuhglocken und Grillen, Vögel und den Wind erklingen. Hubert von Goisern wechselt zwischen Akkordeon, Gitarre, Trompete, Flöte und Mundharmonika. Und wenn er sein Publikum mitjodeln lässt, spornt er an mit: "Egal wia's klingt, nur aussi lossn müsst ihrs!"

Als Zugabe verwöhnt er die restlos hingerissenen Zuhörer mit dem Hiata Madl. Nach nicht enden wollendem Applaus setzt er zu einem gefühlvollen Abschieds-Jodler an. Und mit einem weichen "Holarei-dudi-dudi-dudirei-dudijo" auf den Lippen und einem "Danke Hubert" im Herzen verlassen die Fans zufrieden das GZH.

Kühe grasen im Takt

RZ-Online 29. April 2004 | Text: Timo Müller | Foto: Thomas Frey

Als der Schattenmann hinter dem Vorhang auftaucht, kommt Leben in die Rhein-Mosel-Halle - Jodler in neuem Gewand. Rock und Pop alpin: Hubert von Goiserns Konzert

Hubert von GoisernKOBLENZ. "Kein Winterdienst": So steht es auf einem Schild rechts. Auf der linken Seite das Hinweisschild "Zum Hirzkarsee". Die Band ist schon auf der Bühne und untermalt die Szene mit sphärischen Klängen: Der Vorhang öffnet sich einen Spalt. Auf eine weiße Leinwand fällt ein unverkennbarer Schatten: Schwer atmet das Akkordeon in den Händen des Schattenmannes. Und plötzlich lebt die Halle. "Hubert"-Rufe werden laut. Hubert von Goisern betritt im Wiegeschritt die Bühne der Rhein-Mosel-Halle. Die Show beginnt.

"Grias euch" - wie unter Freunden. Dann gibt's die Musik vom neuen Album Trad II - traditionelle Alpenjodler in neuem Gewand. Nur von einer kleinen Lampe von unten angestrahlt trägt Goisern seine Versionen der Volkslieder vor. Sogar eine alte Küchenlampe schwebt für einige Lieder von der Decke herab und schafft Hütten-Atmo. Begleitet wird der exzentrische Österreicher von erstklassigen Multi-Instrumentalisten - Geige, Klarinette, Mundorgel, Dudelsack, Akkordeon, Schlagzeug, natürlich fehlen die obligatorischen Kuhglocken nicht.

In ruhigeren Passagen möchte man meinen, in der Ferne grasen tatsächlich ein paar Nutztiere im Sonnenlicht auf grünen Alpenwiesen. Mit dem Bottleneck am Ringfinger und der E-Gitarre in der Hand verziert Gitarrist Max Lässer die Lieder mit Slide-Soli und sorgt hier und da für einen Hauch Country-Musik. Oft streicht der Bassist nur sanft mit dem Bogen über die Saiten und erzeugt einen tiefen mollig-warmen Klang, der die Gesangsharmonien wunderbar unterstreicht.

Das musikalische Repertoire erstreckt sich von Reggae über Blues bis hin zu A-cappella-Jodler-Einlagen. Und immer wieder erstaunt, wie gut diese verschiedenen Stile zu Dialekt und traditionellem Liedgut passen. Die meisten Lieder an diesem Abend werden sehr soft und weitgehend akustisch vorgetragen. Leider kommen dabei die typischen Alpenrock-Songs etwas zu kurz. Nach kurzweiligen zweieinhalb Stunden gibt Goisern dann aber doch mit seinem größten Hit Koa Hiatamadl nochmal richtig Gas. Zugaben folgen, dann verabschiedet sich Goisern: "Schei woas." Drei Stunden Alpen-Feeling pur. Mitten in Koblenz.

Seele und Erotik des Jodlers

Traunsteiner Tagblatt 29. April 2004 | Text & Foto: Wolfgang Schweiger

Hubert von Goisern gastierte im Salzburger Festspielhaus

Hubert von GoisernIn früheren Jahren gefragt, was für Musik ich so höre, habe ich immer geantwortet: eigentlich alles außer Volksmusik. Für mich war Volksmusik einfach keine Unterhaltung, nichts, mit dem ich mich identifizieren konnte. Ein Fremdkörper in nächster Nähe, wenn man so will. Ja, manchmal sogar ein Feindbild. Die Musik selbst mochte ja gar nicht schlecht sein, aber irgendwie war sie in den falschen Händen, kam nichts rüber, was mich berührt oder gar mitgerissen hätte. Erstarrtes Material, interpretiert, verwaltet und konserviert von Leuten, die einfach nicht mein Fall waren. Von den Witzfiguren im Fernsehen, die - auf jeden Fall bei mir - nur noch Aggressionen auslösten, ganz zu schweigen.

Bis ein kleines Wunder geschah. Plötzlich war da jemand, der diese verkrusteten Strukturen aufbrach, altehrwürdige Traditionen ignorierte und neuen Wein in die alten Schläuche goss. Und diese damit prompt zum Explodieren brachte. Aber siehe da, plötzlich hatten wir alle etwas zu trinken, auch die bisherigen Abstinenzler und Gegner, die Auswärtigen und die Unkundigen. Haben wir endlich klar gesehen und erkannt, was für ein Potenzial, was für Schätze da vor uns verborgen lagen. Gründlich entstaubt, phantasievoll bearbeitet und zeitgemäß elektrifiziert, war Volksmusik endlich zu wirklich populärer Musik mutiert. Zu Popmusik eben. Und mit Hubert Achleitner alias Hubert von Goisern war zugleich ihr erster Star geboren.

Seit Aschermittwoch ist von Goisern nun wieder auf Tournee, mit neuer Band und unter neuem Vorzeichen. Vor allem sein Trad II-Album steht auf dem Programm, statt Eigenkompositionen also wieder traditionelles Liedgut, das ihn sein Leben lang begleitet hat, wie er betont. Liebevoll restauriert und eigenwillig umgesetzt, aber vielleicht nicht ganz so zugkräftig, wie manche meinen. Doch alle Sorgen sind unbegründet, das Publikum im ausverkauften Salzburger Festspielhaus ist sofort auf seiner Seite und wird nicht enttäuscht.

Fern aller Starallüren und energisch wie immer legt er los, und schafft umgehend eine Atmosphäre gespannter Erwartung. Und zeigt uns in den folgenden zwei Stunden, wie dynamisch und abwechslungreich, wie frisch und strahlend diese diversen Landler, Gstanzl und Jodler sein können, vorausgesetzt, die Arrangements sind entsprechend komplex und mit Rock-Elementen angereichert, getragen von einer schier unendlichen Anzahl von Instrumenten und zusammengehalten von einer Stimme, die Sex, Wärme und Lebensfreude verströmt. Da werden dann selbst Alpenglühn- und Wildschützen-Kitsch zu Kunst, ergeben Bergromantik und Heimweh neuen Sinn, finden Seele und Erotik des Jodlers endlich zusammen.

Beispielhaft dabei die Unterstützung, die von Goisern von seiner Band erhält. Vier junge Musiker aus vier verschiedenen Ländern, darunter Monika Drasch (Violine, Dudelsack) aus Niederbayern, die einen fliegenden, ebenso kompakten wie transparanten Klangteppich ausbreiten, dass die Jodeltöne nur so darauf reiten können. Mal stürmisch und mit Volldampf voraus, dann wieder verhalten akustisch und intensiv leise, aber immer präzise, spannend und mit ganzem Herzen dabei. Gelebte Musik, nicht nur vorgeführte Technik.

Auch sonst klappt die Kommunikation bestens, erzählt von Goisern zwischendurch, was manche Stücke oder Ausdrücke bedeuten, wo sie herkommen, wen sie alles schon begeistert haben. Dass eines der aufgenommen Lieder zufällig Hitlers Lieblinglied war, hat er zum Beispiel erst im Nachhinein erfahren. Und es dann sofort in einer Weise neu arrangiert, die dem Gröfaz bestimmt nicht zugesagt hätte.

Drei Zugaben sind notwendig, darunter sogar Koa Hiatamadl, bis von Goisern vom Publikum schließlich entlassen wird, widerwillig und in der Hoffnung, ihn baldigst wiederzusehen. Ein Wahnsinns-Abend, ein geniales Konzert.

Danke Marietta

Hubert von Goisern: Live in Memmingen - 24. April 2004

28. April 2004 | Fotos: © Elli Christl

Gefühle statt Design

Allgäuer Zeitung 26. April 2004 | Text: Markus Noichl

Hubert von Goisern nimmt das alpenländische Erbgut ernst

Memmingen. Jodeln, erzählt Hubert von Goisern, jodeln habe er mit 37 gelernt. Nachdem er die Kasetten-Aufnahme eines zwölfjährigen Mädchens hörte, habe es ihn plötzlich überfallen. Auf eine Autobahnbrücke bei Regensburg habe er sich gestellt und stundenlang gejodelt. "Es ist wichtig, anfangs dort zu jodeln, wo dich niemand hört, weil am Anfang klingt's
fürchterlich."

Inzwischen, mit Anfang 50, klingt es so, als habe er sein ganzes Leben lang nichts anderes gemacht. Dass sich auch aus den knorrigen, im Alpenraum gewachsenen Wurzeln etwas ganz Persönliches, Kreatives schnitzen lässt, bewies Hubert von Goisern mit seiner Trad II-Tour in der Memminger Stadthalle. Er könne ja nicht die Tradition in Westafrika oder Tibet toll finden und das vor der Haustür Gewachsene ignorieren, begründet Goisern folgerichtig.

Und so werden die von Jodlern eingerahmten Strophen über Gemsen und Wilderer und Sennerinnen behutsam in die musikalischen Zusammenhänge der Gegenwart hinübergerückt und -gelockt. So wie man eine störrische Kuh
ein steiles Wegstück hinübertreibt. Country und Karibik sowie hie und da eine blue note sorgen dafür, dass die Sache ins grooven kommt. Keine Frage: Diese Band lässt den Stücken ihre Würde. Keine hirnlos-brutale Genmanipulation wie in der volkstümlichen Branche. Hier wird das Erbgut ernst genommen und liebevoll-schlitzohrig gekreuzt, verkuppelt, durchexperimentiert.

Heimat? Das ist da, wo ich mich einbringe, sagt Hubert von Goisern. Da, wo ich mich raushalte, nicht. Sie haben sich drei Stunden lang eingebracht: Max Lässer mit den Gitarren, Arnulf Lindner am Bass, Bernd Bechtloff mit dem Schlagwerk. Und Monika Drasch, der Pumuckl vom Bayerisch-Diatonischen Jodelwahnsinn, mit ihrer giftgrünen Geige, die mit ihren Jodel-Künsten dem Hubert in nichts nachsteht und geschmeidig zwischendurch einsetzt.

Zwischen all den Retorten-Superstars und virtuellen Kunstprodukten der Unterhaltungs-Industrie ist Hubert von Goisern ein Hoffnungsträger. Echte Gefühle und Sehnsüchte statt Designerware. Dankeschön.

Hubert von Goisern: Live in Salzburg - 23. April 2004

26. April 2004 | Fotos : © Elli Christl

Kunst von den Bergen singen

Salzburger Nachrichten 26. April 2004 | Text: Bernhard Flieher | Fotos: © Martin Schalk | Wild und Team

Standing Ovations für die Quintessenz einer langen Reise: Hubert von Goisern gastierte auf seiner Trad-Tournee am Freitag im ausverkauften Festspielhaus

Salzburg (SN). Es frage bitte keiner, ob er das darf! Sich da hinstellen ins Festspielhaus und sogar Hitlers Lieblingsvolkslied spielen. Was kann das Lied dafür? Hubert von Goisern darf nicht nur - er muss. Wer, wenn nicht ein solch Unangepasster, sollte es tun? Ist ja vom ersten Takt an klar, dass er jede Volkslied-Dümmelei austreibt, obwohl er sich so nahe wie nie zuvor in seiner Karriere am Original bewegt.

Weil Wahrhaftigkeit und Würde herrschen, bergen die bekannten Weisen heimeliges Wohlfühlen genauso wie subversive Kräfte. Goisern liebt das Tal, in dem er geboren ist, brach aber auf und wurde "draußen" ein weitsichtiger Intellektueller. Es muss diese Kombination aus Herz und Hirn sein, die das traditionelle Potenzial dermaßen überzeugend wiederentdeckt, hinterfragt, beschützt, erneuert und rettet - und zwar als lebendigen Bestandteil der Gegenwart.

Dafür nahm der Goiserer einen weiten Weg. Dem Vorwurf der Plünderung und oberflächlichen Verwertung lokaler Musikszenen der Welt sah er sich bei der musikalischen Umsetzung seiner Reisen bisweilen ausgesetzt. Kein Wunder, in einer neoliberalen Welt, in der längst auch Kunst als internationale Warenzirkulation verstanden wird. Wie falsch eine solche Einschätzung in Bezug auf den Goiserer war, deutete sich imposant auf den Alben Trad und Trad II an. Die laufenden Live-Tournee - rund 80 Konzerte werden heuer gespielt - gibt Gewissheit. Jetzt ist klar, wohin die Reisen des Multi-Instrumentalisten geführt haben. Auf der Trad-Tour ist er Zuhause angekommen.

Links auf der Bühne geht's zur Mittelstation. Rechts zeigt das Schild zum Hirzkarsee. Dazwischen lässt der Goiserer seine Ziehharmonika tief Luft holen, um durch die Essenz aller musikalischer Welten, die er durchstreift hat, wegzublasen, was diese Lieder, die "ihn ein Leben lang begleiten", an Staub angelegt haben. Er war zu weit draußen, um nur an einen einigen, engen Talklang zu glauben. Er glaubt auch nicht nur an eine einzige Spielweise von Musik. Er glaubt an die Musik als Teil des Lebens, egal ob sie aus Tibet oder Afrika, aus Goisern oder Aussee stammt.

Im Mittelpunkt des Auftritts stehen die Aufnahmen der CD Trad II. Aufgenommen hat er diese alten Volkslieder in der Verlassenheit des Berghotels auf dem Krippenstein. Deswegen, und weil der Goiserer einen unerbittlichen Kampf gegen das Einsperren und Schubladisieren führt, atmen diese Lieder gleich zwei Freiheiten: Eine musikalische und eine historische. Goisern gibt ihnen ihren Platz zurück. Mitten unter die Leute gehören sie. Gesungen zum Mitsingen. Mit höchst subjektivem Zugang dargeboten, der bedeutet: Ihr müsst nicht jedes Wort dieser Landler, Gstanzl und Jodler verstehen, aber erfindet euch halt eine eigene Geschichte dazu.

Wilderer und Jäger, Sennerinnen, die Gamserl schwarz und braun, das Heiligtun und das Scheinheiligsein - sie bevölkern diese Lieder aus einer Zeit lange vor unserer Welt. Sie verfügen über ein paar wenige Harmonien und selten variierende Taktschemen. Das ist nicht viel, womöglich für einen Abend lang auch viel zu fad, hätte der Goiserer nicht eine präzise Vorstellung, wie sich der Kitsch des Alpenglühens, die Lied gewordenen Klischees der Bergwelt jeder Verklärung entreißen ließen. Das wäre auch nicht viel, läge ihm nicht daran, das in regional verbohrtem Wahnsinn in Blut getauchte und in den Boden getretene Volksliedgut in eine Gegenwart zu heben, in der Heimat bedeutend, aber nicht mehr von ideologischen Grenzziehungen definiert werden muss. Brüche und Anregungen aus fernen Ländern, überraschende Stilwechsel, manchmal nur kurz angedeutet - so bekommt das Althergebrachte neue Wichtigkeit. Für die raffinierten Arrangements reisen Begleiter mit ihm, die seine Ideen teilen. Sie spielen nicht, sie leben mit dem Goiserer auf der Bühne und teilen sein Ideal, dass sich die Welt mit Musik wenn schon nicht beschreiben, so zumindest erfühlen lässt.

Monika Drasch (Violine, Dudelsack), Bernd Bechtloff (Schlagwerker, auf allem, was Geräusche macht), Bassist Arnulf Lindner und Max Lässer an allen möglichen Gitarren musizieren so, dass nachvollziehbar bleibt, was diese kräftige Hausmannskost würzt: delikate internationale Zutaten. In allen Details erkennbar wird das, weil Tonmeister Wolfgang Spannberger einen Sound von höchster Transparenz in den Saal legt. Jeder Einfluss - vom arabischen Gebetsgesang über buddhistische Mantras und afrikanische Rhythmen bis zur Slidegitarre aus dem Mississippi-Delta - bleibt hörbar und dient doch dem Ganzen: Dem Entwurf einer zutiefst persönlichen Lesart von alpiner Volksmusik, die - weil Goisern in Haltung und Auftritt einem Popstar mehr entspricht als einem klassischen Volksmusikanten - die Anforderungen der Moderne erfüllt und so in der Gegenwart bestehen kann, sich aber nie modernistisch anbiedert.

Alpine Volksmusik für das Weltdorf

In zig Farben, in Gerüchen von einer Rauchkuchl bis zum orientalischen Basar klingt die Quintessenz des Goisernschen Schaffens. Das gilt für jeden Song, aber auch für die Dramaturgie des gesamten Abends. An den richtigen Stellen wird der Drive erhöht. Zum rechten Moment schleift sich das Tempo ein. Über gut zweieinhalb Stunden bleiben gespannte Konzentration und mitgesungene Bewunderung in idealem Verhältnis (und münden in langen Standing Ovations). Gerade so wie beim Bergsteigen: Die Erfahrung über das richtige Tempo, die Einteilung der Kräfte entscheidet über das Vergnügen, am Ende einen endlos offenen Blick in die Welt genießen zu können. Im Booklet von Trad II schrieb Hubert von Goisern in Richtung Volksgutbewahrer und Traditionseinsperrer: "Das Einzige, was man falsch machen kann, ist zu sagen: So ist es richtig." Da muss heftig widersprochen werden: Im Festspielhaus war alles richtig, war alles Kunst, wie sie lebendiger und nicht näher an der Wirklichkeit sein könnte, in einer Welt, die ein Dorf geworden ist.

Zurück zu den Wurzeln: Hubert von Goisern im Salzburger Festspielhaus

Tiroler Tageszeitung 24. April 2004

Trad II ist authentische und zugleich zeitgemäße Volksmusik - Professionelle Lockerheit mit Top-Band

Salzburg (APA) - Die Volksmusik hat ihn wieder, und das Publikum ist glücklich. Hubert von Goisern hat eine neue Band zusammengestellt und die CD Trad II aufgenommen. Gestern, Freitag, Abend konzertierte er im aus allen Nähten platzenden Salzburger Festspielhaus. Österreichs erfolgreichster Vertreter der neuen Volksmusik kehrte mit diesen traditionellen, aber druckvoll und fetzig interpretierten Liedern zu seinem ursprünglichen Musikstil zurück, ohne sich selbst zu reproduzieren.

Jodler mit musikantischer Improvisation vermischt, Volksmusik mit Elektroband, die "Groove" hat, charmante, professionelle und zugleich gelassen-entspannte Geschichten im Dialekt, das scheint die Quintessenz dieses Musikers. Nach dem Hit Koa Hiatamadl und dem damit verbundenen Star-Status nicht nur südlich des Weißwurst-Äquators hat Hubert von Goisern eine Reihe von Experimenten durchgezogen, die in Musikerkreisen zwar Respekt, beim breiten Publikum aber bei weitem nicht den erhofften Erfolg einbrachten. Doch mit Trad II hat sich der Goiserer auf seine Kernkompetenz zurückgezogen und offensichtlich ins Schwarze getroffen.

Natürlich, die schlichten Lieder grenzen trotz der zum Teil durchaus raffinierten Arrangements gelegentlich an alpine Gefühlsduselei. Die musikalische Bergromantik im Dreiviertel-Takt ist oft nicht weit von älplerischem Schunkeln für Aufgeklärte entfernt. Aber Hubert von Goiserns Idylle hat selbst in seinen kitschigsten Momenten mit der vermeintlich heilen Bierseligkeit volkstümlichem Musizierens nichts zu tun. Auch, oder gerade weil er sich nicht scheut, mit Im Abend z'spat eines von Hitlers Lieblingsliedern zum Besten zu geben.

"Andreas-Vollenweider-Gitarrist" Max Lässer, Bernd Bechtloff, der Schlagzeuger mit dem "Rock-Puntch", und der kluge Arnulf Lindner am Bass "trugen" den Goiserer durch die Arrangements, in denen am Anfang dieser Tour mit ihren mehr als 50 Stationen in ganz Deutschland und Österreich sowie der Schweiz noch nicht alles reibungslos klappte. Lediglich Monika Drasch an der Geige scheint ihren Platz in der Band noch nicht gefunden zu haben, außer in einem Gesangsduo mit Hubert von Goisern, in dem die beiden den Echoeffekt einer Schlucht grandios arrangiert haben.

Am Ende stand das Hiatamadl, aber selbst das klang behäbiger und volkmusikantischer als in der Hitversion des Jahres 1992, nicht nur, weil das verzerrte E-Gitarrensolo durch Mandoline und die Keyboards durch Kontrabass und Dudelsack ersetzt wurden. Weltmusikalische Ethno-Elemente fügen sich nahtlos in den "Alpin-Sound" und bereichern eine Runde Sache. Hubert von Goisern dürfte heute besser geerdet und zugleich überall zu Hause sein.

Von Goisern brachte Stadthalle zum Toben

idowa.de 29. März 2004 | Text: Andrea Lindner

Publikum "durfte" sogar mitjodeln - Volksmusik auf ganz eigene Weise interpretiert

Deggendorf. Am Freitag besuchte der österreichische Vollblutmusiker Hubert von Goisern die Stadthalle Deggendorf. In einer seit Wochen ausverkauften Halle gab er seine Songs zum Besten und riss dabei das zahlreiche Publikum zu Begeisterungsstürmen hin.

In der heutigen Zeit ist es sicherlich schwer, mit Volksmusik Schlagzeilen zu machen. Punk, Techno, Rock und Metal sind die Musik von Heute. Doch Hubert von Goisern hat am Freitagabend in der Stadthalle bewiesen, dass die Volksmusik noch lange nicht ausgestorben ist.

In seinem Booklet zu seiner CD Trad schreibt er, "Volkslieder sind Allgemeingut und überleben nur, wenn sie jedes Mal wieder neu "erfunden" werden". So interpretiert er auf seine Weise Volkslieder aus Österreich. Mit Gesang und Jodeln, sich selbst begleitend auf der Gitarre, Ziehharmonika oder Maultrommel. Unterstützt wird er stimmlich und instrumental von vier Musikern. Die Lieder haben wirklich unverbrauchten Charakter. Was sicherlich die Resonanz der Besucher erklärt.

Goisern sagte so schön: "Ihr versteht sicherlich kein Wort meiner Texte, aber ihr glaubt nur dass ihr sie nicht versteht, denn in Wirklichkeit versteht ihr sie!" Dieser Satz erklärt alles, was in seinen Liedern gesungen wird, denn meistens ergibt der Text nicht annähernd einen Sinn.

Die Stimmung war sehr gut, den Altersdurchschnitt des Publikums konnte man nicht bestimmen, denn ob Jung oder Alt, alle kamen, um ihn singen zu hören.

Witzige Einlagen

Mit witzigen Einlagen und Worterklärungen füllte er die Zeit zwischen seinen Liedern. Wer weiß schon, was eine "Schwoagarin" ist? In Bayern würde es jeder als "Schwägerin" deuten, doch in Goisern ist die "Schwoagarin" eine Almsennerin, die unter anderem das Vieh auf die Weide treibt.

Beim Spottjodler forderte Goisern das Publikum sogar auf mitzujodeln, immerhin musste es ja wie er sagt "nicht schön sein", sonst würde er nicht auffordern mitzujodeln. Schämen müsse sich auch niemand, denn immerhin sitzt das Publikum im Dunkeln, niemand würde hören woher die schiefen Töne kommen. Sogar für ein echtes bayerisches Publikum war es schwer, seine Texte zu verstehen.

Seine Art der Volksmusik ist geprägt von seinen Auslandsreisen. So kommt es auch vor, dass ein Cello, eine Maultrommel, eine Geige oder ein Dudelsack zum Einsatz kamen, was sich sehr positiv auf die Melodien auswirkte. Da könnte sich der ein oder andere "Teenystar" eine Scheibe abschneiden. Denn Hubert von Goisern hat es auch ohne Deutschland sucht den Superstar oder ähnlichem geschafft. Und ist immer noch bekannt wie ein bunter Hund im Musikbusiness.

Angekommen: Hubert von Goisern im Hegelsaal

Stuttgarter Zeitung 5. April 2004 | Text: Michael Werner | Foto: © Heiss

Hubert von Goisern"Dahoam is koa Bleibn nit für mi", singt Hubert von Goisern. Wiederum dahin heißt das alte Volkslied aus dem Salzkammergut, das vom Aufbruch zur Alm handelt, und das Hubert von Goisern gemeinsam mit 13 weiteren alten Volksliedern auf 2100 Höhenmetern im stillgelegten Berghotel Krippenstein aufgenommen hat. Trad II heißt das Album aus der Höhe, und als es der Sänger mit seinen Musikanten hinunter ins Tal bringt, hinein in den ausverkauften Hegelsaal, da merkt man gleich, dass gute Volksmusik und exzellente Musikanten zu einer tiefen Wahrheit verschmelzen, die selten im Tal ist.

Hubert Achleitner, der sich als Musiker nach seinem Heimatort Bad Goisern nennt, ist geblieben, obwohl für ihn kein Bleiben war. Also zog er um die Welt mit seiner Ziehharmonika, zuletzt durch Afrika. Mit seiner aktuellen Tournee, die weitestgehend auf eigenes Liedgut verzichtet und stattdessen den Melodien seiner Heimat huldigt, kommt er jodelnd, singend, regungslos tanzend und bewegend aufspielend zu Hause an. Noch nie hat Volksmusik derart hinreißend gegroovt.

Max Lässer (Gitarren), Monika Drasch (Geige), Arnulf Lindner (Bässe), Bernd Bechtloff (Schlagwerk) und Hubert von Goisern (Ziehharmonika und mehr) entfesseln hingebungsvoll eine Orgie der Virtuosität. Klänge haken sich beieinander unter, reizen und kosen sich, katapultieren die alten Lieder lustvoll ins Epizentrum grandiose zeitloser Popmusik. Er habe mit Volksmusik Probleme gehabt, sagt Hubert von Goisern, bis er für sich beschloss: "Scheiß auf die Szene - spü die Lieder!" Und so entreißt er den Jodler In Kohler seiner der volkstümelnden Fernsehfeistheit und gibt ihn dem Holzknecht zurück. Ein seltener Genuss!

Danke Mauritius